11 – So weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz-haarig wie Ebenholz

Eine junge Frau, mit schulterlangem blondgelocktem Haar, hastete durch das Unterholz eines Waldes. Insgesamt machte sie einen ziemlich heruntergekommenen Eindruck. Das dunkle Kleid, das sie trug, war fleckig. Ein langer Schnitt im rechten Ärmel, ließ den Stoff herabhängen.

„Au!" stieß sie kurz und, da sie außer Atmen war, nicht besonders laut aus. Sie griff sich an ihrem linken Fuß und hüpfte zwei Schritte auf dem Rechten. Die Füße waren zerkratzt und blutig.

Ihr Gesicht war voller Panik, Angst und Schmerz. Zum wiederholten Male drehte sie sich ängstlich um.

Hinter ihr krachte es gewaltig im Unterholz. Ein erneuter Panikschub erfasste sie. Instinktiv versuchte sie ihre Flucht noch weiter zu beschleunigen. Dabei übersah sie in dem dunklen Dämmerlicht einen dicken Ast, der sie kraftvoll an der rechten Schläfe traf.

Erschreckt blieb sie stehen. Schwer atmend versuchte sie das Geschehene zu verstehen. Ihre rechte Hand fuhr hoch ans Gesicht, wo sich ein pulsierender Schmerz erhob.

Sie zuckte zusammen und fühlte die Flüssigkeit zwischen ihren Fingern. ‚Blut!' Schoss es ihr durch den Kopf. ‚Weiter!'

Die paar Sekunden hatten ihren Verfolger näher gebracht. Aber noch nicht nah genug. Sämtliche Schmerzen waren vergessen. Jetzt zählte nur noch das Leben!

Schritte näherten sich. Ihr schwindelte leicht. Dann war er hinter ihr.

‚Nur nicht umdrehen! Lauf einfach weiter!' Schoss es ihr durch den Kopf.

Ein dumpfer Schlag und tiefe Schwärze legte sich wie Watte um sie.

Die gleiche junge Frau saß mit panischem Blick auf einem Stuhl in Mitten eines mit spärlichem Licht ausgefüllten Raumes. Ihre Hände schienen hinter dem Stuhl gefesselt und weitere Seile lagen um ihren Oberkörper und ihre Arme.

„Nein,… Bitte nicht!" Flehte sie mit leiser Stimme, als sich ihr ein Schatten aus der Dunkelheit näherte. „Ich tue auch alles was du willst!"

„Du hattest deine Chance!" Eine bestimmte, ruhige, leicht raue Stimme erklang aus der Dunkelheit.

„Hey Leute!" Morgan betrat das Großraumbüro. Seine Gesichtszüge waren entspannt. „Ein frohes neues Jahr wünsche ich euch allen!"

„Und nicht ganz so viele Verrückte dieses Jahr?!" Vollendete Prentiss lachend.

„Das auch." Morgan grinste zurück. „Obwohl ich mich schon auf die Arbeit freue." Er umarmte seine Kollegin zur Begrüßung, drückte Reid herzlich die Hand und stellte sich dann hinter Frank. Diese saß an ihrem Schreibtisch und hatte dem Geplänkel der Kollegen lächelnd gelauscht. Schwer legte er ihr seine Hand auf die Schulter: „Und du? Hast du nach deinem ganzen Sightseeing nun einen Kulturschock davongetragen?"

Lachend umschlang er ihren Hals und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

Erschrocken hielt Frank inne. Ob Hotch wohl hinter seinem Bürofenstern die ganzen Szenarien seiner Kollegen beobachtete?

Sie musste sich zurück in das hier und jetzt kämpfen.

Tief einatmend drehte sie sich auf ihrem Stuhl zu Morgan um. Selbst erstaunt über ihre feste Stimme, glitzerte es spitzbübisch in ihren Augen: „Du wirst es nicht glauben, aber ich habe die freien Tage so richtig genossen. Viel gesehen!"

„Ja, ich habe ihr das Weiße Haus und das Kapitol gezeigt. Das Washington Monument und das Lincoln Memorial." Zählte Prentiss auf.

„Du hast dich aber auch gut erholt." Stellte Frank neckend feste. „Hast dich richtig verwöhnen lassen, was?" Dabei schlug sie Morgan leicht auf den angefutterten Bauch.

„Ach, das ist schnell wieder weg." Morgan grinste Frank fröhlich an. „Meine Mum meint immer, ich würde zu wenig essen. So gut, wie es auch schmeckt, aber ich war richtig froh, als ich gestern im Flieger nach Hause saß."

Sein Gesicht sprach Bände und alle lachten über seine Vorstellung.

„Oh, da kommt Dave mit JJ." Prentiss hatte die Kollegen als erste vor der Glastür entdeckt. Ihr Satz ließ die Köpfe der restlichen Agents sich ebenfalls zum Eingang drehen.

„Ein gutes Neues Jahr wünsche ich uns allen!" Schmunzelnd und anscheinend bestens gelaunt kam der Altermittler zusammen mit Jareau auf die Gruppe zu.

„Auch dir ein gutes Neues Jahr!", „Frohes Neues!" Erklang es mehrstimmig.

„Dave, wo warst du denn? Die braune Farbe hast du dir nicht zu Hause im Garten geholt." Prentiss schien wirklich beeindruckt von der dunklen Hautfarbe ihres Kollegen.

„Ich bin spontan in die Sonne geflogen. Der viele Schnee war dabei mich einzutrüben, da habe ich meine Sachen gepackt und weg." Beeindruckt nickten die jungen Agents, während Rossi über das ganze Gesicht strahlte.

Menschenstimmen erschollen. Reges Treiben beherrschte die Umgebung. Viele Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht standen herum. Die Einsatzkräfte wieselten bunt durcheinander. Die Einen waren mit der Absperrung der Umgebung beschäftigt. Andere versuchten die neugierigen Bewohner, die ihre Neugier aus der Stadt getrieben hatte, auf Abstand zu halten.

Etwas weiter entfernt umstand eine Traube von Menschen einen Gegenstand zu ihren Füßen. Beim näheren Betrachten ließ sich eine Gestalt in einem weißen sauberen Kleid und ebensolch makellosen Ballerina erkennen.

Hotchner war das Eintreffen seiner Kollegen nicht verborgen geblieben. Als er sich gerade erhob und sich zu den Teammitgliedern gesellen wollte, klingelte sein Telefon.

Er spürte eine leichte Enttäuschung in sich aufsteigen, nahm aber pflichtbewusst den Hörer von der Gabel.

„Hotchner." Meldete er sich, während sein Blick auf die Kollegen unten im Großraumbüro gerichtet war.

Rossi hob grüßend die Hand und Hotchner grüßte zurück.

„Der arme Kerl." Rossi deutete mit seinem Kinn zu Hotchner hinauf, als er sich der fragenden Gesichter um sich herum gewahr wurde: „Immer fleißig. Ich hoffe nur, er hat sich selber auch an die Urlaubstage gehalten."

‚Ja, hat er. ' Frank hatte schon Luft geholt, um den Altermittler zu beruhigen. Doch Gott sei Dank sprach Rossi bereits weiter, ehe Frank auch nur eine Silbe herausgebracht hatte. Sie spürte nur, wie ihr die Wärme in den Kopf stieg.

„Ich denke, ein kleines Gespräch wäre jetzt angebracht." Damit machte sich Rossi auf den Weg hoch in Hotchners Büro. –

Dieser hatte seine volle Konzentration mittlerweile auf das Telefonat gerichtet und sich wieder an seinem Schreibtisch niedergelassen.

Rossi klopfte zaghaft an und öffnete die Tür.

Der Teamchef schaute auf und winkte seinen alten Freund herein.

„Sie sagen, Sie wären gerade vor Ort?" Fragte Hotchner in den Hörer. „Gut, können Sie mir ein Foto zuschicken?"

Rossi setzte sich leise vor Hotchners Schreibtisch und lauschte gespannt, wie sein Kollege dem Telefonpartner seine Kontaktdaten durchgab.

„Das ist momentan aber das Erste Opfer, was sie haben?" Fragte Hotchner noch immer auf seinen Gesprächspartner fixiert.

Überrascht schaute er zu Rossi hinüber.

Das Gesagte schien ihn zu beunruhigen. Rossi beobachtete wie sein Gegenüber seine dunklen Augenbrauen zusammenzog.

„Agent Brown, sie sagten vor circa fünfundzwanzig Jahren? Das würde bedeuten zwischen 1985 und 1990… 1987?! ... Okay. Ich werde mir die Unterlagen besorgen und ihr Anliegen mit unserem Team besprechen… Ist schon gut. Dafür sind wir da. Ich melde mich dann."

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, legte Hotchner den Hörer auf und sah lächelnd zu seinem Kollegen hinüber.

„Ein neuer Fall?" Rossi deutete auf das Telefon. Die Bemerkung war eigentlich unnötig. Aber es war ein guter Grund das Gespräch in Gang zu bringen.

„Es sieht ganz danach aus." Hotchner hatte sich entspannt zurückgelehnt. Normalerweise wäre er jetzt voll in seinem Element und würde seine Kollegen zusammenrufen.

„Du hast dich gut erholt?!" Stellte Rossi leicht fragend fest.

„Ja, ich bin voller Tatendrang." Hotchner lächelte. Es war wunderbar ein Geheimnis vor den Kollegen zu haben. Ein schönes noch dazu.

Das größte Problem würde es werden, das Team nicht zu neugierig zu machen. Sie würden ansonsten so lange suchen, bis sie den Grund gefunden hätten. Also Vorsicht!

„Ich habe sehr viel Zeit mit Jack verbracht."

Rossi schien das Thema nicht weiter zu interessieren. „1987? Das war zu Beginn der BAU."

Hotchner nickte und wandte sich seinem Computer zu. Er gab die Schlagwörter ‚Santa Fe' und ‚1987' in das interne Suchprogramm des FBI ein.

„Zwei Leichen wurden damals wohl im Nationalpark bei Santa Fe gefunden."

„Ja, ich entsinne mich… Doch als wir vor Ort waren, gab es keinerlei Aktivität mehr vom Täter. Entweder war er weitergezogen oder irgendetwas anderes hielt ihn ab."

Hotchner drehte den Bildschirm auf seinem Schreibtisch so, dass Rossi das Ergebnis verfolgen konnte.

„Hier kommt das Foto der aktuellen Leiche." Hotchner hatte die Mail geöffnet. Ein leises Signal erklang. Der Computer gab sein Suchergebnis bekannt.

Der Teamchef suchte in der ausgegebenen Akte nach Fotos der damaligen Leichenfunde. Erkennend lehnte er sich in seinem Stuhl zurück. „Was sagst du dazu?"

Rossi strich sich über seinen graumelierten Bart: „Ihre Angst scheint berechtigt. Sie benötigen Hilfe!" Entschieden nickte er zu seinen Worten.

„Sehe ich auch so." Hotchner setzte sich wieder auf. „Sagst du dem Team bitte Bescheid. In einer Stunde fliegen wir. Inzwischen werde ich die Originalakten heraussuchen lassen."

„Dann wollen wir mal in das neue Jahr starten." Mit einem Lächeln auf den Lippen erhob sich Rossi und wandte sich zur Tür.

„Ach, Dave! Bevor ich es vergesse." Erhob Hotchner noch einmal seine Stimme. „Ich habe von Agent Brown den Rat bekommen, dass wir dicke Sachen mitnehmen sollten. New Mexico ist ebenfalls von dem extremen Kälteeinfall betroffen. Dazu liegt Santa Fe hoch in den Bergen."

„Geht klar." Damit verließ Rossi das Büro seines Kollegens.

„Habt ihr alles fotografiert, Paul?"

„Ja, Doktor Sloane." Ein Uniformierter mit einer Kamera in der Hand nickte zu einem Mann im dicken Mantel mit Pelzkragen hinüber.

„Okay. Sam, dann packen wir sie ein und bringen sie in die Gerichtsmedizin." Damit wandte er sich an seinen Assistenten, der schon mit einem Leichensack auf seinen Einsatz wartete.

Ein weiterer Herr in Jeans und Fliegerjacke trat näher. „Nun, Thomas, was kannst du mir schon sagen?"

„Das es hier verdammt kalt ist!" Doktor Sloane zog den Kragen seines Mantels enger um seinen Hals.

„Mehr nicht?" Schmunzelnd sah Agent Brown, der Mann mit der Fliegerjacke, den Gerichtsmediziner an. „Du bist doch eigentlich Kälte gewöhnt!"

„Dafür gibt es Assistenten." Indem er sich wieder der Leiche zuwandte sprach Doktor Sloane weiter: „Es scheint momentan keine sichtbaren Verletzungen an der Leiche zu geben.

Und sie ist definitiv bereits seit längerem Tod. Ein oder zwei Wochen würde ich schätzen. Einen genaueren Zeitpunkt kann ich erst nach der Untersuchung angeben."

„Das reicht mir ja schon." Grinste der Mann in der Fliegerjacke. „Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wer sie ist und wer sie als letztes gesehen hat. Komischerweise gibt es keinerlei Vermisstenanzeigen, die auf sie passen könnten."

„Du kannst aber davon ausgehen Colin, dass sie noch nicht lange hier liegt." Fuhr Doktor Sloane in seinen ersten vagen Vermutungen fort. „Ansonsten wäre sie schon von den wilden Tieren zerfleischt worden… Seltsam, dass sie keinerlei Spuren aufweist." Seine Stimme wurde leiser und überlegend.

Agent Hotchner befand sich bereits im Flugzeug, als die Mitglieder seines Teams eintraten.

„Guten Morgen!" Grüßte Hotchner entspannt. „Ich hoffe, ihr seid gut in das Neue Jahr gekommen und konntet euch während der freien Tage ausreichend erholen?!"

Ein allgemeines Zustimmen und Bejahen erhob sich kurz, während die Agents ihre Sachen verstauten.

„Sollen wir starten?" JJ wollte schon das Signal zum Starten geben, als Hotchner sie bremste.

„Noch nicht JJ. Ich warte noch auf Akten."

„Akten?" Verwundert ließ sich Morgan auf einem Platz am Tisch nieder. –

Sie warteten schon mindestens zehn Minuten, als endlich Schritte auf der Treppe des Flugzeuges erklangen.

„Na endlich." Hotchner erhob sich von seinem Sitz und verschwand hinter dem schweren Vorhang zum Eingang.

„Möchtest du auch einen Kaffee?" Jennifer Jareau stand vor der Bordküche und schenkte sich gerade einen Becher ein.

„Nein, danke JJ. Momentan nicht." Lächelnd ging er weiter.

Währenddessen betrat Jareau den Fluggastraum und ließ sich zu Prentiss und Frank auf der langen Bank nieder.

„Hast du dich in der letzten Zeit nochmal mit diesem schrägen Typen getroffen?" Fragte JJ ihre Kollegin interessiert.

„Nein. Aber er war schon hartnäckig. Er hat des Öfteren angerufen und sogar einen altmodischen Brief geschickt." Erklärte Prentiss beeindruckt.

Hotchner war unterdessen mit einer Mappe in der Hand zurückgekehrt und nahm auf einem Sessel Platz. Ein Ruck ging durch das Flugzeug und es setzte sich geschmeidig in Bewegung.

„Stalkt er dich?" Fragte Frank ernst.

„Nein. Ich fühle mich nicht beobachtet. Und seit fast zwei Wochen hat er sich auch schon nicht mehr gemeldet. Ich denke, er hat verstanden, dass ich nichts von ihm will."

„Dann ist gut." Jareau schien wirklich erleichtert.

Henri Matisse (französischer Maler):

Für einen Maler gibt es nichts Schwierigeres, als eine Rose zu malen, denn dazu muss er zuerst alle Rosen vergessen, die jemals gemalt worden sind.

Schon bald hatten sie die Flughöhe erreicht. Sie stellten eine Verbindung mit Garcia in Quantico her.

„Hallo Leute", Garcia erschien mit knallroten Haaren auf dem Bildschirm. „Ihr seid heute ja schon früh unterwegs. Ich konnte euch gar kein gutes Neues Jahr wünschen!"

„Hey Süße, du warst heute einfach zu spät dran!" Morgan hielt lächelnd seinen Kopf direkt vor die Kamera. „Schöne neue Haar…farbe."

„Ja, nicht?! Mir war danach."

„Okay, lasst uns loslegen." Unterbrach Hotchner entspannt das Geplänkel zwischen den Kollegen. Mit der Fernbedienung ließ er ein Bild einer schwarzhaarigen Frauenleiche auf dem Bildschirm erscheinen.

„Die Leiche dieser noch unbekannten jungen Frau wurde gestern im National Forest von Santa Fe, New Mexico gefunden. Sie ist bisher die Einzige die dort gefunden wurde."

„Sie wurde positioniert." Erläuterte Prentiss ihre ersten Erkenntnisse. „Ein blitzsauberes weißes Kleid. Sie sieht aus, als würde sie weißen Puder im Gesicht tragen. Dazu dunkelrote Lippen… Wie lange liegt sie schon so da?"

„Das steht noch nicht ganz fest. Aber wir können wohl davon ausgehen, dass sie schon einige Tage tot ist." Übernahm Rossi die weitere Erklärung.

„Dann müsste man eindeutige Totenflecke erkennen können." Reid schien wenig überzeugt aufgrund seines Wissens.

„Nicht, wenn ihr ganzer Körper voller Puder ist." Wandte Prentiss ein.

„Mich würde als erstes interessieren, warum man uns schon zur Hilfe ruft. Normalerweise fahnden die örtlichen Stellen bei einem einfachen Mord doch selber." Morgan lehnte sich interessiert vor und legte seine Unterarme auf die Tischplatte.

„Richtig." Hotchner trat an den Tisch und öffnete eine in die Jahre gekommene Aktenmappe. Es war doch immer wieder erfreulich zu sehen, wie dieses Team zusammenarbeitet.

„Es gab bereits 1987 zwei Morde, die diesem sehr ähneln." Dabei zog er zwei Fotos aus den Papieren hervor und legte sie für alle sichtbar in die Mitte des Tisches.

„Ähneln würde ich das nicht nennen." Erhob Frank ihre Stimme. „Das ist eine Kopie oder Nachstellung."

Die anderen Agents am Tisch nickten zustimmend. Auf den Fotos waren je eine Frau in weißem Kleid zu sehen. Sie lagen, wie das heutige Opfer auf dem Rücken, die Händen sittsam über den Bauch aufeinandergelegt. Der einzige sichtbare Unterschied bestand aus der in die Jahre gekommenen Fotoqualität und dem Kleidungsstil.

„Dann stellt sich nur die Frage, wieso er so lange stillgehalten hat." Überlegte Reid. „Das sind sechsundzwanzig Jahre in denen er nicht gemordet hat."

„Was wir nicht genau wissen." Wandte Jareau ein. „Er könnte die ganze Zeit auch woanders sein Unwesen getreiben haben."

„Du meinst es zieht ihn zu seinen Anfängen zurück?" Prentiss lehnte sich leicht auf ihrem Sitz vor und zog sich eines der Fotos näher heran.

„Oder er war im Gefängnis." Warf Morgan eine weitere Möglichkeit in die Runde.

„Ich glaube nicht, dass er zwischenzeitlich gemordet hat." Übernahm Hotchner wieder das Wort. „Sein Stil ist sehr auffällig. Man hätte uns ähnliche Morde bestimmt gemeldet."

„Und doch sollten wir die Datenbanken nach ähnlichen Mordfällen durchsuchen." Rossi wandte sich, während er sprach, an die technische Analystin.

„Sicher." Garcia machte sich Stichpunkte auf ihren Block. „Soll ich nur in New Mexico und die umliegenden Staaten suchen oder in den ganzen Vereinigten Staaten?"

„Die Umliegenden sollten fürs Erste ausreichen." Bestimmte Rossi.

„Gibt es in den Unterlagen Hinweise auf Vergewaltigungen?" Morgan sah seinen Teamchef voller Tatendrang an.

„Ich habe noch keine Ahnung. Ich habe die Mappe auch erst eben bekommen. Auf dem ersten Blick habe ich noch keinen Hinweis gefunden." Erklärte dieser seinen momentanen Wissensstand. An alle gewandt fuhr er fort: „Da es heute schnell dunkel wird, fahren Morgan und Frank direkt vom Flughafen hinaus zum Tatort. Er liegt etwas in den Bergen."

Morgan sah lächelnd zu Frank hinüber. „Das wird interessant."

„Aber sicher." Entgegnete Frank. Sie wusste zwar noch nicht was. Aber das würde sich zeigen.

„Wir anderen fahren geschlossen zum Polizeirevier. Agent Brown vom FBI aus Albuquerque ist bereits von Ort.

Dave, JJ und Prentiss, ihr schaut euch die alten Akten an. Eventuell bekommen wir auch schon weitere Hinweise über das neue Opfer.

Reid, wir gehen in die Pathologie. Ich würde mir gerne selber ein Bild des Opfers machen."

‚Tagebuch'

Ein in blaues Leder eingefasstes Buch lag mittig auf einen Holztisch, der mit bunten Farbtupfen übersät war.

Vorsichtig, fast zärtlich, wurde es von zwei Männerhänden aufgenommen und geöffnet:

06.März 1987

Tag 126: Mein Werk ist fast vollbracht. Bald gehört ihr Antlitz nur noch mir. Keiner kann sie mir mehr nehmen!

Sie ist so schön!

Ich vermisse ihre Stimme. Sie hat schon seit Tagen kein Wort mehr gesagt. Sie fragt auch nicht mehr nach dem Werk. Sie will es nicht mehr sehen. Dabei ist sie wunderschön!

Sie wird immer bei mir bleiben.

Vorsichtig legten die Hände das Buch, weiterhin aufgeschlagen, zurück auf den Tisch. Die linke Hand griff zu einem Bleistift und strich die Zahl 126 durch. Stattdessen ergänzte er die Ziffern 3 und 2.

Der Mann atmete tief durch. Irgendetwas schien er falsch gemacht zu haben.

Die beiden schwarzen SUV mit den Agents der Verhaltensanalyseeinheit fuhren hintereinanderher durch die Stadt.

„Schaut mal, diese Gebäude!" Bemerkte Frank fasziniert.

Morgan, der den Wagen steuerte sah auch wirklich beeindruckt aus. Nur Reid schien diesen Baustil für diese Gegend erwartet zu haben: „Das ist der sogenannte Pueblo-Baustil. Sie bestehen aus Lehmziegel oder aus Stein, wobei der Mörtel dann aus einer Mischung aus Sand, Lehm und Wasser hergestellt wird. Der Putz wird ebenfalls aus hellem Lehm gewonnen.

Der alte Baustil ist geschützt und darf nicht verändert werden. Selbst Neubauten dürfen nur auf diese Weise errichtet werden."

„Sieh an." Witzelte Morgan zu Reids Ausführungen.

„Was weißt du noch über die Stadt?" Fragte Frank interessiert ihren Kollegen, der hinter Morgan im Heck saß.

„Hier ist die grüßte Kunstszene Amerikas zu Hause. Es hat sie noch niemand gezählt, aber es wird vermutet, dass es hier um die zweihundert Galerien gibt."

„Das nenne ich viel!" Stimmte Morgan zu. Hier könnte es dann sicherlich auch etwas für seinen Geschmack geben.

Der SUV, dem sie durch die Straßen gefolgt waren, hielt vor einem prachtvollen Gebäude. Laut der Jahreszahl über dem Eingang schien es aus dem Jahre 1810 zu stammen.

Morgan stoppte hinter dem SUV und ließe Reid aussteigen. Frank beobachtete die Kollegen, wie sie den anderen SUV entstiegen.

„Dann wollen wir mal." Morgan legte den Gang wieder ein und ließ den Wagen anrollen.

Frank konnte Hotchner ausmachen. Er schaute zu ihnen hinüber und schließlich hob er kurz grüßend die Hand. Dann konnte sie ihn nicht mehr sehen.

Lange fuhren sie schweigend dahin, verließen die Stadt in Richtung Nationalwald. Die Umgebung änderte sich. Die Bebauung wurde weniger. Stattdessen ragten hohe Bäumen gen Himmel.

„Wenn man dich so betrachtet, hast du dich in den letzten zwei Wochen richtig gut erholt!" Stellte Morgan feste.

Überrascht fuhr Frank aus ihren Gedanken hoch und schaute zu ihrem Kollegen hinüber. „Ja, ich fühle mich auch richtig gut!"

„Du bist doch noch ganz heimlich nach Hause geflogen! Gib's zu!" Morgan ließ seinen interessierten Blick einen kurzen Moment von der Straße zu seiner Kollegin schweifen.

„Nein, bin ich nicht!" Entgegnete Frank leicht amüsiert. „Ich habe wirklich Tourist gespielt." Und ganz viel Zeit mit Hotch und seiner Familie verbracht, fügte sie in Gedanken noch hinzu. Gut, dass Jessica versprochen hatte, Derek nichts von der Verbindung seiner Kollegen zu erzählen. Wenn das Team es herausbekommen würde, wäre augenblicklich Schluss mit ihrem Praktikum. Es würde für sie keine Möglichkeit mehr geben zu bleiben.

Frank versuchte sich nicht von ihren trüben Gedanken die gute Laune verderben zu lassen. Doch innerlich wusste sie schon länger, dass sie es nicht für immer würden verschweigen können.

„Du wirst doch auch alle alten Plätze aus deiner Jugend aufgesucht haben." Versuchte Frank das Gespräch in eine etwas andere Richtung zu lenken.

Das Team hatte unterdessen das Polizeirevier in Santa Fe betreten. Interessiert ließen sie ihre Blicke durch das Innere des Gebäudes schweifen, als ihnen auch schon ein Mann in dunkler Jeans und buntem Hemd entgegen trat und Hotchner seine Hand hinstreckte.

„Agent Brown?!" Hotchner ergriff die dargebotene Hand. „Ich bin SSA Aaron Hotchner." Er wandte sich leicht zu seinen Kollegen um. „Die Agents Rossi, Jareau und Prentiss und Doktor Reid."

„Schön, dass sie so schnell kommen konnten."

Er führte sie weiter ins Büro hinein.

„Wir konnten mittlerweile den Namen der Toten ermitteln. Sie heißt Josie Clars und war an der Universität in Albuquerque eingeschrieben."

„Gut." Hotchner wandte sich augenblicklich an seine Kollegen. „Wir werden Garcia auf sie ansetzten. Mal sehen, was sie alles zu der jungen Frau finden kann."

„Das ist unser Pathologe Doktor Thomas Sloane." Übernahm Agent Brown die Begrüßung mit dem Mann am Seziertisch. „Thomas, ich möchte dir gerne Agent Hotchner und Doktor Reid vorstellen."

„Die Leute von der Verhaltensanalyseeinheit nehme ich an." Er nickte den beiden Agents zur Begrüßung zu. „Sorry", entschuldigend hob der Pathologe seine behandschuhten Hände.

„Schon gut." Übernahm Hotchner das Wort. „Es freut uns Sie kennenzulernen, Doktor Sloane." Ohne weitere Umschweife wandte er sich der Leiche auf dem Tisch zu. „Können Sie uns schon ihre bisherigen Erkenntnisse mitteilen?"

„Nun, es gibt so einiges, was ich gefunden habe." Doktor Sloane legte seine Hände vor seinem Bauch ineinander. Eine Geste, die er sich aufgrund seines Berufes wohl angewöhnt hatte, vermutete Hotchner.

„Nun, es gibt keinerlei Einstiche oder sonstige äußere Hinweise wie sie gestorben ist. Die Leiche hat blutunterlaufende Stellen an Handgelenken, Armen, Füßen und Beinen." Begann Doktor Sloane seine Ausführungen.

„Das sind Fesselspuren. Somit ist sie eine längere Zeit festgehalten worden. Auf den Fotos, welche wir bisher gesehen haben, waren diese nicht zu erkennen." Reid sah den Mann im weißen Kittel wissbegierig an. „Und was ist mit diesen Striemen an Hals und Oberkörper?"

„Nun, junger Mann, wenn Sie bis zum Ende meines Berichts warten würden, wären schon einige Ihrer Fragen beantwortet." Der Gerichtsmediziner schien wirklich ärgerlich über den fremden Besuch. Entschlossen fuhr er fort seine Ergebnisse zusammen zufassen: „Auch diese Striemen sind Fesselspuren. Sie wurde weder erwürgt noch erhängt. Wenn Sie darauf hinaus wollen."

Während Doktor Sloane seine Ergebnisse weiter präsentierte, wechselten die beiden Agents einen Blick, indem Hotchner seinem Kollegen etwas mehr Zurückhaltung signalisierte.

„Ich habe Proben ihres Blutes und ihrer Magenreste sowie eine Gewebeprobe ins Labor zur Analyse geschickt."

„Sie vermuten, dass sie vergiftet wurde?!" Hotchner hatte interessiert den Worten gelauscht.

„Eher nicht. Ich vermute, dass sie verdurstet ist. Die letzte Essensaufnahme war mindestens fünf Tage vor ihrem Tod. Es fanden sich kaum noch verwertbare Reste."

Reid hatte sich interessiert über die Leiche gebeugt und besah sich mit geübtem Auge das Opfer.

„Sie starb bereits vor sieben bis neun Tagen. Ich habe aber keine Anzeichen von Wildtierbissen gefunden." Ergänzte Dr. Sloane seinen Bericht, während er Reid nicht aus den Augen ließ.

„Das bedeutet, dass er sein Opfer erst kürzlich dort abgelegt hat." Mischte sich nun auch Agent Brown aktiv in das Gespräch ein.

„Davon ist wohl auszugehen." Stimmte der Pathologe zu.

„Dann haben wir ja schon ein paar Anhaltspunkte. Danke Thomas, dass hilft uns doch schon etwas weiter. Wenn du noch etwas findest, weißt du ja, wo du mich findest." Brachte Agent Brown das Gespräch zu einem Ende.

„Ich bin mir sicher, dass Doktor Sloane noch mehr zu berichten hat." Hotchner hatte sich mit vor der Brust verschränkten Armen nicht von der Stelle gerührt und wartete darauf, dass der verwunderte Pathologe erneut die Stimme erhob.

Dieser nickte leicht und räusperte sich vernehmlich: „Richtig.

Und zwar konnten Sie die Striemen auf dem Foto nicht sehen, weil der ganze Körper voller weißem Puder war."

Er ging zu seinem Schreibtisch hinüber und nahm eine Schale zur Hand. „Außerdem war das Opfer nicht schwarzhaarig, sondern blond. Ihr wurden die Haare gefärbt."

Jetzt war es an Hotchner verwundert die Augenbrauen anzuheben. Er hatte doch gleich gespürt, dass dieser Mann ihnen einige interessante Informationen liefern würde. Aber mit diesen hatte er nicht gerechnet. Das bedeutete, dass das Team seine ganzen bisherigen Ergebnisse nochmals überdenken mussten.

„Was Sie nicht mehr sehen können, ist das Make-up, das er dem Opfer aufgetragen hatte. Ich habe hier Fotos gemacht, bevor ich es entfernen musste." Hotchner nahm die Fotos entgegen, die das Gesicht der Toten von Nahen zeigten. Durch den weißen Puder sah sie sehr blass aus. Was die Wirkung der dunkel hervorgehobenen Augen und die knallroten Lippen noch verstärkte.

„Kann ich ein Foto davon schon mit zu unseren Unterlagen nehmen?" Hotchner versuchte die neuen Informationen in seinen Gedanken zu sortieren.

„Sicher. Suchen Sie sich das schönste aus." Der Pathologe gab sich nun sehr großzügig. „Noch eins: Die Lippen wurden mit Blut gefärbt. Nach der Blutgruppe könnte es ihr eigenes Blut sein. Auch diese Probe ist auf dem Weg nach Albuquerque ins Labor. Im Laufe des morgigen Tages sollten wohl die ersten Ergebnisse verfügbar sein.

Ansonsten habe ich keine Spuren oder Fingerabdrücke feststellen können."

„Vielen Dank, Doktor Sloane. Ihre Funde sagen uns schon einiges über den Täter aus." Hotchner bedankte sich mit einem leichten neigen des Kopfes beim Pathologen. „Dann wollen wir zusehen, dass wir den UnSub möglichst schnell finden."

„Sie sind damals wie heute auf die gleiche Art und Weise herausgeputzt worden." Begann Jareau das Gespräch im Polizeirevier von Santa Fe.

„Die Frauen damals waren schwarzhaarig." Übernahm Prentiss. „Sie waren etwa im gleichen Alter. Er hat sie in ein reines weißes Kleid gesteckt, bepudert und Lippenstift aufgetragen."

Rossi reichte Jareau ein Foto aus der alten Akte, damit sie diese an die Wand heften konnte. „Eliza Anderson wurde am 01. November 1986 entführt. Gefunden wurde sie erst am 10. März 1987. Sie war da nach damaliger Schätzung ungefähr fünf Tage tot."

Jareau hatte das alte Foto mit dem passenden Namen und die Daten versehen. „Das bedeutet rund … 125 Tage war Eliza in seiner Gewalt."

„Mary-Ann Brooks schnappte er sich dann am 15. März 1987." Prentiss hielt ihrer Kollegin das nächste Foto aus der Akte hin.

„Sie überstand etwa 100 Tage in seiner Obhut."

„Das heutige Opfer: Josie Clars." Jareau heftete das dritte Foto an die Wand. „Rund 30 Tage!"

Frank und Morgan stiegen aus dem SUV und gingen auf einen uniformierten Mann, der den abgesperrten Bereich bewachte, zu.

„Meinst du, wir werden hier noch viel entdecken?" Morgan sah die Skepsis in den Augen seiner Kollegin. Neugierig ließ sie ihren Blick über die Umgebung schweifen.

„Du wirst dich wundern." Mittlerweile waren sie bei dem Uniformierten angekommen und Morgan zog seinen Ausweis. Der Mann nickte verstehend und hob für die beiden Agents das gelbe Absperrband hoch. Leicht gebeugt betraten sie den Tatort.

„Deine Sinne nehmen mehr auf, als du vermutest. Lass deine Phantasie einfach damit spielen." Fuhr Morgan unbeirrt in ihrem Gespräch fort.

Vor ihnen waren die Markierungen des Leichenfundes zu erkennen.

„Hier lag Josie Clars." Frank hatte die Tatortfotos mit den Markierungen und der Örtlichkeit verglichen.

„Was sagt dir die Leichenplatzierung?" Forderte Morgan seine Kollegin zu weiteren Äußerungen auf.

„Nun…" Franks Blick wechselte von den Fotos in ihrer Hand zu der kalten braunen Erde vor ihr. „Sie wurde nicht in eine bestimmte Richtung ausgerichtet. Die Darstellung des Leichnams würde ich als ein sittsames Mädchen bezeichnen. Die Hände artig übereinander gelegt."

„Gut." Morgan schien sichtlich erfreut über Franks Ausführungen.

„Was haben sie noch vermutete, wann sie gestorben ist und wie lange sie hier gelegen hat?" Murmelte Frank vor sich hin und blätterte in den Unterlagen.

„Sie lag erst wenige Tage hier draußen. Gestorben ist sie aber bereits vor ungefähr sieben Tagen." Rezitierte Morgan. Verwundert stellte er für sich feste, dass er diesmal den Part seines Kollegens Reid unbewusst übernommen hatte.

„Er hat sie hergerichtet. Ein neues, sauberes Kleid, neue Schuhe…" Frank hielt einen Moment inne. „Sie fanden keine Biss- oder Nagespuren von Tieren an der Leiche."

„Bisher noch nicht!" Bremste Morgan ab.

„Richtig… Aber du hast gesagt, ich soll meiner Phantasie freien Lauf lassen." Frank ließ sich nicht beirren.

Während sie noch überlegte biss sie sich selber leicht auf die Unterlippe: „Aber meinst du nicht auch, dass der Geruch der Leiche die wilden Tiere angelockt hätte? Ich finde es liegt jetzt noch ein leichter Verwesungsgeruch in der Luft!"

Morgan ging in die Hocke und zog die Luft tief in seine Lungen ein.

Er sah den Körper der Leiche vor sich auf dem Boden liegen. Der strenge Geruch wurde stärker. „Ich muss sie beschützen", gab Morgan im Flüsterton von sich, als er sich wieder erhob. Langsam begann er den Leichenfundort zu umrunden.

Frank folgte ihm mit ihrem Blick und beobachtete ihn fasziniert.

Morgan hatte mittlerweile den Ort einmal umrundet. Er zögerte einen kurzen, kaum merklichen Moment, ehe er sich geradewegs dem Gestrüpp auf seiner rechten Seite näherte. Vorsichtig setzte er einen Schritt vor dem anderen und schien den Boden vor sich nach Spuren zu untersuchen.

Frank wäre ihm gerne gefolgt, aber sie wusste genau, wie schnell man wichtige Spuren zerstören konnte.

„Habe ich doch richtig gelegen." Morgan schaute zu seiner Kollegin zurück und winkte sie heran.

Als Frank neben ihn getreten war, drückte er den Busch vor sich leicht auseinander.

Als die drei Agents die Pathologie verlassen hatten, wandte sich Hotchner an Brown: „Er wäre wohl lieber woanders, oder?!"

Überrascht schaute Brown den Teamleiter der BAU an. Wie schnell er sich ein Bild von ihrem Doktor gemacht hatte. Beeindruckend!

„Ja, aber soweit ich weiß wollen seine Frau und die Kinder hier nicht weg… Wo die Liebe halt hinfällt." Die Agents wechselten lächelnd einen verstehenden Blick. Nur Reid stand mit fragendem Gesicht da.

„Für uns hier ist es aber angenehm."

„Wie füttern Sie Ihn mit Arbeit?" Führte Hotchner interessiert das Gespräch weiter.

„Wir holen Ihn des Öfteren nach Albuquerque." Verschwörerisch zwinkerte Agent Brown ein Auge zu.

„Josie Clars war zwanzig Jahre alt. Wie ihr schon wisst, war sie auf der Universität in Albuquerque eingeschrieben. Sie wollte Lehrerin werden für Englisch und Geschichte. Dazu hatte sie noch als Nebenfach Kunst und Kunstgeschichte belegt."

Garcia teilte den versammelten Teammitgliedern auf dem Revier ihre Ergebnisse mit.

„Liegt eine Vermisstenanzeige für Miss Clars vor?" Rossi hatte sich entspannte auf seinem Stuhl zurückgelehnt und interessiert den Ausführungen gelauscht.

„Nein, hier steht nichts." Gab Garcia nach einem kurzen Moment der Stille, in der ihre Finger über die Tastatur flitzten, Auskunft.

„Sie schien kaum Kontakt zu ihren Kommilitonen zu pflegen." Wandte Jareau ein, als die Tür aufging und Frank und Morgan fröstelnd den Raum betraten.

„Hey", Hotchner stand auf und kam ihnen entgegen.

„Ganz schön kalt da draußen." Morgan rieb seine Hände aneinander.

„Ich besorge ihnen heißen Kaffee." Agent Brown stand sofort auf. „Oder lieber etwas anderes?"

„Kaffee wäre gut." Antwortete Morgan und schaute fragend seine Kollegin an.

Frank nickte nur. Ihr war egal was, nur schön warm.

„Setzt euch." Frank konnte die leichte Besorgnis in Hotchners Stimme hören. Einerseits wollte sie ihm gerne zeigen, dass es ihr gut ging. Doch wenn sie ihm jetzt in die Augen sah, hätten sie sich vor den anderen bestimmt verraten.

Dankend nahmen sie den warmen Kaffee entgegen und versuchten als erstes ihre Hände an den Tassen zu wärmen.

„Gut, machen wir weiter." Hotchner und Brown hatten wieder ihre Plätze eingenommen und versuchten sich erneut auf den Fall zu konzentrieren.

„Wie sieht es mit ihrer Familie aus?" Fragte Rossi. „Haben die sie denn nicht vermisst?"

„Familie…" Garcia tippte. „Geboren in Texas, kam sie für das Studium nach Albuquerque.

Oh, … ihre Eltern hatten von einem Jahr einen schweren Autounfall. Ihre Mutter verstarb noch am Unfallort. Mr. Clars liegt seitdem im Koma. Es ist wohl fraglich, ob er überhaupt wieder aufwacht."

„Das ist hart." Brachte sich Frank in die Unterhaltung ein. „Wie hat sie ihr Studium finanziert?"

„Sie hat seit letztem Jahr ein Stipendium." Erklang Garcias Stimme aus dem Laptop.

„So kommen wir nicht weiter. Ich denke, wir sollten uns Morgen auf dem Kampus umhören." Schlug Rossi mit seiner Erfahrung vor.

Der Teamleiter nickte und lehnte sich auf seinen Stuhl vor. „Wir müssten herausfinden, ob sie eine Verbindung nach Santa Fe hatte? Oder ob hier nur der Ablageort war."

Damit schaute er zu Morgan und Frank hinüber und forderte sie auf ihre Ermittlungsergebnisse zu präsentieren.

Morgan zog eine SD-Karte aus seiner Tasche und steckte sie in den Laptop. Während Reid die Datei öffnete, begann Morgan bereits über ihren Fund am Tatort zu berichten.

„Wir haben herausgefunden, dass unser UnSub sein Opfer noch über längere Zeit beobachtet oder beschützt hat."

Reid klickte das erste Foto an.

„Er hat in einem Gebüsch gesessen. Es sind eindeutige Spuren zu erkennen."

„Was uns zu dem Schluss gebracht hat, dass er viel Zeit haben muss." Übernahm Frank. „Er scheint stundenlang, wenn nicht sogar tagelang dort Wache gehalten zu haben."

„Und das bei der Kälte dort draußen." Wandte Prentiss ein. „Er muss es kennen draußen zu sein."

„Auch des Nachts, denn die wilden Tiere werden es gerade dann versuchen haben an die Beute zu kommen." Übernahm Morgan wieder.

„Oder er empfindet seine Umgebung nicht real." Wandte Hotchner ein.

„Sie meinen, er lebt in einer anderen Welt?" Brown hatte erstaunt die Überlegungen der Agents aus Quantico verfolgt.

„Das wäre eine Möglichkeit." Bestätigte Rossi.

Susanne warf sich nun schon wieder auf die andere Seite. Obwohl sich die Anstrengungen des Tages und die Zeitumstellung bei ihr bemerkbar machten und sie gähnend ins Bett gefallen war, fand sie keine Ruhe. Ihre Gedanken kreisten um Hotch und die letzten gemeinsamen Tage.

Sie legte sich auf den Rücken, verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte die Zimmerdecke an. Sie ahnte, warum der Schlaf nicht kam. Es waren die ersten Stunden, die sie seit den Weihnachtsferien alleine verbrachte. Immer hatte sie etwas zu tun gehabt und sich keine Gedanken um die neue Situation in ihrem Leben gemacht.

Als Emily sich nach den Weihnachtsfeiertagen aus New Orleans zurückgemeldet hatte, waren sie einige Male zusammen unterwegs gewesen. Dazu hatte sie ihre Wohnung auf Hochglanz gebracht, sie hatte es dringend nötig gehabt. Und in den Stunden dazwischen war sie von Hotch, Jack oder Jessica umgeben. Oder gleich von allen Drei. Hotch hatte es verstanden immer genau zur richtigen Zeit aufzutauchen.

Gestern Abend waren sie sich schnell einig gewesen, dass sie ihr Verhältnis fürs Erste für sich behalten mussten. Doch es auszusprechen war sehr viel einfacher, als sich auch wirklich daran zu halten. Wie oft hatte sie sich heute über Tage zurückhalten müssen, um Hotch nicht dauernd, wie zufällig zu berühren. Unzählige Male!

Schon beim bloßen Gedanken kribbelten ihre Handflächen.

„Wir sind jetzt in der Wirklichkeit zurück!" Sprach sie sich selber leise Mut zu. Susanne schloss ihre Augen und ließ den Satz in ihrem Inneren nachhallen.

Das leise Summen ihres Handys auf dem Nachttisch holte Susanne in ihr Zimmer zurück. Sie öffnete überrascht die Augen und nahm es in ihre Hand. ‚Hotch ruft an'. Ihr Herz machte einen kleinen Freudensprung. Nach kurzem Zögern nahm sie das Gespräch an: „Hey."

„Hallo." Hotch schien ruhelos. „Habe ich dich geweckt?"

„Nein… ich konnte noch nicht schlafen." Susanne hörte ihre eigene nervöse Stimme.

„Du fehlst mir."

„Und jetzt möchtest du am liebsten herüber kommen, was?" Susanne lachte leise ins Handy.

„Das wäre schön."

„Wenn da nicht unsere Zimmernachbarn wären!" Es quietschte leicht durch die Leitung. Hotch schien sich im Bett bewegt zu haben.

„Ich habe dich heute auch schrecklich vermisst." Entspannter kuschelte sich Susanne unter ihre Decke.

Sie sprachen noch bis tief in die Nacht hinein.

Die Agents betraten am folgenden Morgen den Campus der Universität von Albuquerque. Da Agent Brown die Universität über ihr kommen informiert hatte, konnten sie sich augenblicklich über das Gelände verteilen.

Während Morgan und Frank die rechte Seite übernahmen, verließen Rossi und Prentiss die Gruppe nach links. Reid und Hotchner gingen zusammen mit Agent Brown auf den großen Haupteingang zu.

Draußen vor den Gebäuden waren kaum Studenten zu finden. Nur Einzelne eilten mit schnellen Schritten auf die Gebäude zu. Frank war auch sofort klar, warum – fröstelnd zog sie den Kragen ihrer dicken Jacke höher.

„Lass uns hinein gehen. Hier draußen werden wir keine Antworten bekommen." Morgan deutete auf die erst beste Tür. Eilig stiegen sie die Stufen zu dem alten Sandsteinbau hinauf. Als sie die dicke Holztür öffneten, schlug ihnen wohlige Wärme entgegen.

„Schön, dass dich Hotch jetzt auch mal öfter uns anderen zuteilt." Morgan öffnete bereits den Reisverschluss an seiner Jacke, während Frank noch damit beschäftigt war, ihre verfrorenen Hände zu reiben. Erstaunt hielt sie einen kurzen Augenblick inne.

„Seine Vorgehensweise war aber nicht verkehrt." Entgegnete Frank und hoffte inständig, dass ihr Kollege die aufkommenden Gefühle in ihrem Innern nicht erkannt.

Doch Morgan schaute sich nur interessiert um. Sie befanden sich in einem Windfang, der durch eine zweiflügelige Schwingtür vom eigentlichen Gebäude abgetrennt war. Das Stimmengewirr auf der anderen Seite ließ Morgan auf eine größere Anzahl von Menschen schließen.

Nach den Angaben der Universität gab es zu der jetzigen Uhrzeit eine größere Pause, die die Studenten auf Grund der unangenehmen Kälte, im Inneren des Gebäudes verbrachten.

Gespannt auf das Bild, welches sich ihnen nun bieten würde, öffneten sie die Flügeltüren. Das Stimmengewirr wurde stärker und erfüllte die warme Luft.

Ohne große Umschweife gingen die beiden Agents auf die ersten Studenten zu.

„Hallo", grüßte Morgan mit einem gewinnenden Lächeln in die Runde. Als er ihre volle Aufmerksamkeit hatte, zeigte er das Foto von Josie Clars herum. „Kennt ihr sie?"

„Ja, irgendwie schon." – „Klar." Erklang es verhalten von mehreren Studenten in der Runde.

„Ist das nicht Josie." Brachte eine entsetzte weibliche Stimme hervor. „Josie Clars!"

„Aber die war nicht schwarzhaarig, eher dunkelblond." Entgegnete einer ihrer Begleiter.

Die junge Frau nickte entsetzt und wandte sich dann an die Agents: „Was ist mit ihr passiert?"

Frank bemerkte, dass viele der Umstehenden ihre Blicke von dem Foto abwendeten. Verständnisvoll nahm sie das Foto runter und hielt es wie beifällig an ihrer Körperseite.

„Sie ist tot." Versuchte Morgan vorsichtig zu erklären.

„Und wir würden gerne wissen, wann sie Josie zum letzten Mal gesehen haben." Ergänzte Frank.

Die junge Frau schien zu überlegen. „Das war glaube ich auf einer unser Adventspartys… Seitdem nicht mehr."

„Hatten Sie sonst noch mit ihr zu tun? Hatten Sie gleiche Fächer belegt?""

„Nein." –

Rossi und Prentiss waren mittlerweile auch auf Studenten gestoßen, die Josie kannten.

„Josie war bei mir im Literaturkurs. Sie mochte Sprachen und Geschichte." Erzählte ihm gerade ein großer Student, dem man eher eine Sportlerkarriere zugetraut hätte. –

Reid, Brown und Hotchner hatten sich auf ihrem Flur voneinander getrennt und befragten Studenten. Doch überall wurde nur bedauernd der Kopf geschüttelt.

Brown fühlte sich mehr und mehr genervt. Sie konnten doch nicht jeden einzelnen Studenten hier an der Universität befragen. Das würde Tage in Anspruch nehmen. Er sah von Hotchner zu Reid hinüber, die sich beide noch eingehend mit den Studenten befassten und von einer Gruppe zur nächsten weitergingen. Sie gingen mit einer Ruhe vor, die er nur bewundern konnte. Wahrscheinlich jahrelange Erfahrung.

Er ging weiter, doch auch der Professor, den er ansprach, konnte ihm nicht weiterhelfen.

Sie würden keine Spur finden. Das alles brachte doch keine Ergebnisse!

Agent Brown sah auf und konnte erkennen, wie sich Ried und Hotchner über die Entfernung mit einfachen Zeichen, die negativen Ergebnisse übermittelten. Mechanisch schüttelte er den Kopf, als sich die Augenpaare der beiden Agents der BAU ihm zuwandten. –

„Ich weiß nur, dass Josie gerne gemalt hat. Sie sprach mal davon, dass sie ihre Nachmittage oft hier im Atelier verbringt."

Morgan und Frank lauschten den Neuigkeiten, die ihnen eine junge Frau mitteilte.

„Können Sie uns sagen, wo wir das Atelier finden?" Frank spürte, dass sie endlich eine kleine Spur gefunden hatten.

„Es ist eine Gruppe von fünf, vielleicht acht Studenten, die von einem Professor unterstützt werden. Sie haben sich oben, unterm Dach einige Räume hergerichtet. Hier im Ostflügel." Dabei deutete die Studentin auf die nahe Treppe.

„Vielen Dank!" Morgan schenkte ihr ein freundliches Lächeln und zusammen mit Frank machte er sich hinauf in die höheren Stockwerke. –

Hotchner ging weiter zu einer nächsten Gruppe, die gerade im Begriff war einen Vorlesungsraum zu betreten.

„Entschuldigung. Kennt von Ihnen eventuell jemand diese junge Frau?"

„Warum möchten Sie das wissen?" Fragte ein junger Mann zurück, nachdem er einen flüchtigen Blick auf das Foto geworfen hatte.

Hotchner heftete seine Aufmerksamkeit auf den jungen, dunkelblonden Mann. Sekundenlang blieb es still, dann zog er seine Marke: „Agent Hotchner vom FBI." Er sah sofort die Veränderung in der Gesichtsmimik ihm gegenüber. Kein überhebliches Gesicht, keine Maske. Das sah er sofort.

Der Jüngling hatte sich wohl nur vor seinen Kommilitonen aufspielen wollen und schien es jetzt zu bereuen.

„Also, kannten Sie Josie Clars oder nicht?" Mit Absicht ließ Hotchner in seiner Stimme etwas mehr Autorität mitklingen.

„Nicht wirklich…" Der junge Mann druckste herum. Er schien etwas zu wissen, was er vor seinen Freunden nicht unbedingt erzählen wollte.

„Kommen Sie." Hotchner forderte ihn mit einer Handbewegung auf, sich etwas von der Gruppe zu trennen. Als sie einige Meter Abstand hatten, eröffnete er erneut das Gespräch: „Was können Sie mir über Josie erzählen?"

„Josie war schön… Im ersten Jahr habe ich sie gefragt, ob sie mal mit mir ausgeht, aber sie hat mir einen Korb gegeben."

Okay, er wollte vor seinen Freunden nur nicht diese Abfuhr zugeben. Hotchner hatte seine Beweggründe sofort durchschaut. Gespannt wartete er, ob noch mehr kam. Er hatte so ein Gefühl, dass dies noch nicht alles war… Susanne fiel ihm ein. Sie achtete sehr auf ihr inneres Gefühl!

Tatsächlich sprach der Student auch kurz darauf entnervt weiter, weil Hotchner keine Anzeichen gemacht hatte, auf seine Offenbarung zu reagieren.

„Sie war bereits ein Jahr weiter… Aber der Grund war nicht das Alter, sondern sie sagte, sie hätte keine Zeit für einen Freund. Sie musste neben dem Studium noch Geld verdienen."

„Also hatte sie eine feste Arbeit?", fragte Hotchner interessiert.

„Ich weiß es nicht. Jemand hat mal erzählt, dass sie viel nach Santa Fe hoch fährt." Abwehrend hob er seine Hände vor die Brust. „Was sie dort gemacht hat, weiß ich nicht."

„Das ist ja auch nicht schlimm." Hotchner lächelte ihn beruhigend an. „Aber sie haben uns schon etwas weitergeholfen. Danke."

Frank und Morgan klopften an eine Tür, an der in bunten Lettern Atelier stand. Überrascht antwortete ihnen von innen eine tiefe männliche Stimme.

Sie betraten den Raum und sahen sich einem älteren Mann gegenüber.

„Guten Morgen." Überrascht sah er von seinem Schreibtisch an der hinteren Ecke zu ihnen auf. „Ich habe eigentlich mit meinen Studenten gerechnet."

„Entschuldigen Sie." Frank ging mit einem Lächeln auf ihn zu. „Agent Susanne Frank und mein Kollege Derek Morgan. Wir sind vom FBI."

„Ach, von Ihnen habe ich schon gehört. Der Dekan hat sie angekündigt. Stimmt es, dass Josie… ich meine Miss Clars tot aufgefunden wurde?"

„Leider ja." Mischte sich Morgan ein und hielt dem Mann das Foto mit dem Gesicht der Leiche hin. „Ist das Josie Clars?"

Wirkliches Entsetzen zeichnete das Gesicht des Professors. „Ja… ja, das ist sie… Oh mein Gott!"

Frank ließ ihm einen Moment Zeit, bevor sie ihn nach seinem Namen fragte.

„Ethan Fraser."

„Sie sind hier als Dozent an der Uni?" Morgan begann neugierig das Atelier zu durchwandern.

„Richtig. Ich unterrichte Geschichte und Kunstgeschichte. Da ergab sich dieses kleine Hobby hier von selbst."

„Das Malen wird somit nicht als Fach angeboten?" Hakte Frank nach.

„Nein, es ist ein Workshop. Hier haben sich verwandte Seelen gefunden." Der Professor schien in eine andere Welt abzutauchen.

„Professor Fraser", Morgan war mittlerweile am anderen Ende des Raumes angelangt. „Welche Bilder stammen von Miss Clars?"

„Moment", der Professor erhob sich. Er ging durch den lichtdurchfluteten Raum und deutete auf verschiedene Bilder an den Wänden. Frank folgte ihm langsam und machte schnell Fotos von den angegebenen Leinwänden.

„An diesem hat sie zuletzt gearbeitet." Vor einer Staffelei blieb er stehen und betrachtete die Kunst mit wissendem Blick.

Morgan konnte nur verschiedene geometrische Figuren erkennen, die bunt die Leinwand füllten.

„Sehr schön." Frank musste sich das Lachen verkneifen, als sie Morgans erstauntes Gesicht sah und zwinkerte ihm kaum merklich mit dem Auge zu.

„Nachdem, was wir von ihren Kommilitonen erfahren haben, ist Miss Clars schon länger verschwunden." Begann Frank die Befragung fortzusetzen.

„Josie kam fast täglich. Sie musste ihre Gedanken in Bilder fassen." Der Professor hatte seinen Blick noch immer auf das angefangen Bild geheftet.

Dann waren ihre Gedanken aber ziemlich verstörend, befand Morgan für sich. Schluckte eine derartige Äußerung aber hinunter.

Der Professor fuhr fort: „Plötzlich kam sie nicht mehr. Und keiner wusste, wo sie war."

„Und da haben Sie nicht daran gedacht, der Polizei Bescheid zu geben?" Fragte Morgan in seine Gedanken hinein.

Bedrückt senkte Professor Fraser den Kopf. „Die Studenten vertrauen mir. Sie sagen mir normalerweise Bescheid, wenn sie nicht mehr kommen. Aber ich vergesse gerne solche ‚Unwichtigkeiten'…

Ich konnte mich nicht mehr erinnern, ob Josie mir etwas Derartiges gesagt hatte. Und da sich niemand sonst Gedanken machte, habe ich es verdrängt.

Jetzt fühle ich mich schlecht. Ich hätte ihr helfen können! Vielleicht war ich ihre einzige Rettung!" Er sprach sich in Rage.

„Herr Professor, beruhigen Sie sich." Frank legte ihm leicht ihre Hand auf den Arm. Sie konnte seine innere Erregung spüren.

Er atmete tief durch und wurde wieder ruhiger.

„Sie hätten ihr wahrscheinlich auch nicht helfen können." Versuchte Frank ihn zu beschwichtigen.

„Wissen Sie, was Miss Clars sonst noch in ihrer Freizeit gemacht hat?" Morgan wollte in ihren Ermittlungen endlich erfolge sehen. „Ich meine, wenn sie nicht hier oben war und gemalt hat. Hatte sie einen Job?"

„Nicht, dass ich wüsste." Der Professor sprach wieder mit ruhiger Stimme. „Ich habe mich nach dem Umfall ihrer Eltern für sie eingesetzt. Sie bekam ein Stipendium. Daher bräuchte sie eigentlich nicht arbeiten." Er stockte einen Moment. „Aber sie hat mir mal erzählt, dass sie einen Job nicht aufgeben wollte.

Sie ist alle zwei Wochen nach Sante Fe gefahren. Dort hat sie in einer Kunstklasse Modell gesessen. Sie liebte das Malen, es war ihr Leben und sie wollte helfen, andere dafür zu begeistern."

„Wo oder bei wem das war, wissen sie aber nicht?" Frank und Morgan wechselten einen Blick. Endlich gab es eine Verbindung zwischen Josie Clars und Santa Fe.

Ein etwas anderes Bild des Opfers. Sie schien lebendig zu sein und doch war sie auf einer Leinwand gefangen.

In einem altertümlichen Kleid stand sie da. Stolz, mit geradem Rücken und herausgestrecktem Dekolleté.

Daneben erschien ein weiteres Bild von ihr. Diesmal eine Nahaufnahme. Ein Portrait. Die Haare schwarz, die verführerisch lächelnden Lippen blutrot.

Eine Hand mit einem Pinsel erschien und brachte noch etwas mehr Farbe auf den Hintergrund des Portraits.

Die Hand verschwand. Ein tiefer Seufzer erklang. Dann erschien die Hand wieder. Diesmal strich sie zärtlich mit dem Handrücken über die linke Wange des gemalten Kopfes.

Morgan hatte die Kollegen oben ins Atelier zusammengerufen. Schnell wurden die einzelnen Ermittlungsergebnisse ausgetauscht.

„Ich würde mir gerne die Werke von Miss Clars ansehen." Erhob Reid seine Stimme, als eine kurze Pause eingetreten war.

„Genau deshalb haben wir euch auch hochgerufen." Wandte Morgan ein. „Susanne meinte, du könntest ihren Stil erkennen."

Ein breites Grinsen legte sich über das Gesicht des jungen Agents, als er Frank zuzwinkerte.

„Ich möchte sie auch gerne sehen." Rossi schloss sich Reid und dem Professor an, der sie zu den einzelnen Bildern an der Wand führte.

Hotchner zog unterdessen sein Handy hervor und wählte Garcia in Quantico an.

„Hey Chef." Meldete sich die Technische Analystin auch kurz darauf.

„Hallo Garcia. Du bist auf Laut gestellt." Hotchner hielt das Handy mittlerweile vor sich in den Raum, so dass alle Umstehenden das Gespräch verfolgen konnten.

„Wir haben eine Spur nach Santa Fe gefunden." Erläuterte ihr Morgan. „Sie hat dort für eine Kunstklasse Modell gesessen. Das heißt, es könnte wirklich eine Schule oder Universität sein. Aber auch nachmittägliche oder abendliche Kurse.

Kannst du deine Maschinen danach mal durchsuchen?"

„Klar."

Das Klingeln eines Handys erklang im Raum. Agent Brown zog seines entschuldigend aus der Tasche und trat etwas von der Gruppe weg.

„Hast du etwas bei ihren Kontobewegungen gefunden?" Fragte Frank in Richtung Telefon. –

„Gut, dass du nachfragst Susanne." Garcias Finger waren bereits über die Tastatur geflitzt. Jetzt hielt sie aber inne und holte sich eine Datei auf den Bildschirm: „Ich kann euch ihr ungefähres Entführungsdatum nennen. Und zwar hat sie ihre Karte fast täglich für allerlei Kleinigkeiten benutzt." Garcia holte tief Luft. „Am 16. Dezember wurde sie das letzte Mal benutzt. Und zwar gegen 22 Uhr in Santa Fe in der Bar ‚Maria's'." –

„Die kenne ich", Agent Brown war während Garcias Ausführungen wieder zum Team gestoßen. „Dort werden gerne kleine Feiern abgehalten. Adventsfeiern zum Jahresabschluss."

„Das würde auch erklären, warum niemand Josie vermisst hat. Während der Weihnachtsfeiertage sind viele Studenten nach Hause gefahren." Sprach Hotchner seine Gedanken aus. –

„Ansonsten ist mir an den Kontobewegungen nichts Besonderes aufgefallen." Ergänzte Garcia noch im Bezug auf Franks Frage.

„Der Professor sagte, dass sie regelmäßig, alle vierzehntage nach Santa Fe zu diesen Sitzungen gefahren wäre." Erklärte Frank.

„Das müsste ja schnell zu entdecken sein." Garcia ließ ihren Blick über die Abrechnungen auf ihrem Bildschirm schweifen. „Nein, hier ist nichts verzeichnet." Teilte sie schließlich ihr Ergebnis mit. „Hier ist nur eine Tankstellenabrechnung vom aus Santa Fe."

„Was war das für ein Wochentag?" Hakte Prentiss nach.

Hotchner hob seinen Blick auf Reid und Rossi, die mittlerweile mit dem Professor über die Bilder des Opfers diskutierten.

„Ein Montag …" Angespannt Ruhe legte sich über die Ermittler, während sie auf Garcias erlösende Stimme warteten. „Genauso wie der 16. Dezember."

„Was bedeutet, dass Josie immer montags nach Santa Fe gefahren ist." Stellte Jareau entschieden fest.

„Davon sollte wir wohl ausgehen." Nickte Morgan zustimmend. „Und das sie bar für ihre Sitzungen bezahlt wurde."

„Gut", übernahm Hotchner wieder das Gespräch. „Garcia, schau dich in der Kunstszene um. Besonders Schulen und Workshops. Wir fahren inzwischen zurück nach Santa Fe und melden uns dann wieder."

„Ist gut. Garcia Ende!" Damit war die Leitung unterbrochen.

Hotchner steckte sein Handy wieder ein und schaute sich nach Rossi und Reid um. Sie waren mit Professor Fraser noch immer über die Gemälde am diskutieren.

„Agents", übernahm Brown das Wort, er hob leicht das Handy in seinen Händen. „Das war eben Thomas Sloane. Er hat die Ergebnisse für unseren Fall zusammen. Ich habe ihn zu 16 Uhr ins Präsidium bestellt."

„Dann sollten wir uns langsam auf den Weg machen." Hotchner hatte einen Blick auf seine Armbanduhr geworfen und forderte sein Team damit zum Aufbruch auf.

Ein Mann in Jeans und mit Farbkleksen übersätes Hemd stand vor einer Werkbank und sortierte die Farben. Er spürte, dass er eine neue Muse benötigte. Sein Verlangen nach dem einzigartigen Gesicht ließ ihn nicht mehr los. Doch wo fand er das eine Gesicht, das nur ihm gehörte!?

Überlegend drehte er seinen Kopf zurück in den hellerleuchteten Raum, in dem verteilt mehrere Stative standen. Hinter ihnen saßen ihre Künstler, die versuchten, ihre Sicht des Motives auf die Leinwand zu projizieren.

Das Motiv: Eine junge, brünette Frau. Sie saß kerzengerade auf einem Stuhl und lächelte entspannt. Ihren Blick hatte sie aus dem Fenster gerichtet.

Dem Mann lief es heiß und kalt über den Rücken. Wieso war sie ihm nicht sofort aufgefallen? War es eher ihr Profil, was ihn anzog?

„Ben, kannst du bitte mal schauen? Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Proportionen richtig getroffen habe." Eine Frau mittleren Alters holte ihn aus seinen überwältigenden Gedanken in die Wirklichkeit zurück.

Lächelnd ging er zu seiner Schülerin hinüber. Zusammen diskutierten sie das Problem. Am Ende sah der Mann fasziniert das Model an. Er musste sie einfach haben! –

Zwei Stunden später saß die gleiche junge Frau mit auf dem Rücken gefesselten Händen auf einem anderen Stuhl. Ihr Kopf hing schlaff nach vorne.

Der Raum hatte sich verändert, er war dunkel, kalt und kahl.

Eine leise Bewegung und ein tiefes, erleichtertes Ausatmen war das Einzige, das den Raum leben ließ.

„Doktor Sloane", Hotchner hielt dem Pathologen die Hand hin. Hier konnte er ihm diese Begrüßung nicht verweigern. Er tat es auch nicht und ergriff entspannt lächelnd die Hand.

„Das ist also ihr gesamtes Team Agent Hotchner. Ziemlich viele, finden Sie nicht?"

Hotchner konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen. „Nein, finde ich nicht. Jeder hat seine Spezialgebiete und man weiß ja nie, welche wir gerade gebrauchen.

Wenn Sie soweit sind, können Sie gerne beginnen."

Der Teamchef gesellte sich zu seinen Kollegen, die sich um den Tisch in der Raummitte verteilt niedergelassen hatten.

Der Pathologe räusperte sich leicht. Er schien es zu genießen seine Ergebnisse vor so vielen Menschen zu präsentieren: „Nun, meinen Damen und Herren, als Erstes kann ich Ihnen mitteilen, dass ich keinerlei sexuelle Übergriffe an dem Körper des Opfers feststellen konnte.

Das Puder, mit dem er den ganzen Körper überzogen hat, ist Calcit."

„Kreide?" Rossi war doch erstaunt. „Rein?"

„Man hat Spuren von Karolin und einem Harz entdeckt."

„Pastellkreide." Erklärte Rossi. „Meine zweite Frau hat gerne mit ihr gemalt."

„Und ist somit überall erhältlich." Warf Morgan ernüchtert ein.

„Richtig." Stimmte Sloane zu. „Darf ich jetzt fortfahren? …

Die Haare. Sie wurden erst nach ihrem Tod gefärbt. Ihre ganze Kopfhaut ist noch schwarz und es finden sich keine Stoffe des Färbemittels im Blut."

Reid hielt ein Foto des Opfers in Händen und nickte zustimmend. „Tiefschwarz. Dunkler ging es nicht."

Sloane räusperte sich leicht, bevor er fortfuhr: „Mit der gleichen Farbe wurden auch ihre Augenhaare gefärbt. Brauen wie Wimpern.

Ich hatte ja schon erwähnt, dass ihre Lippen mit Blut rot gefärbt wurden. Es ist nicht ihr Blut …", der Pathologe machte eine kurze Kunstpause, „aber es ist menschliches Blut."

„Warum sollte er uns seine DNA auf einem Silbertablett überreichen?" Jareaus Gesicht war ernst. Das warf ein gänzlich anderes Bild auf den Verdächtigen, als sie bisher hatten!

„Vielleicht war ihm das nicht bewusst." Mischte sich Frank ein.

„Lassen wir Doktor Sloane erst enden. Die Ergebnisse können wir dann im Anschluss analysieren." Hotchner wusste, dass der Pathologe diese Störungen in seinen Ausführungen nicht gerade begrüßte.

Gespannt richteten sich die Gesichter der Ermittler wieder auf den Mediziner. Scheinbar genervt erhob er erneut seine Stimme: „Nun gut … Als Letztes muss ich eingestehen, dass Miss Clars nicht, wie erst von mir vermutet, verhungert ist.

Sie ist am akuten Leberversagen gestorben.

Dazu wurden eine große Menge Benzodiazepine und Paracetamol in ihrem Blut gefunden."

„Benzodiazepine ist ein Beruhigungsmittel. Es wird häufig in Schlaftabletten verwandt." Rezitierte Reid sein Wissen hinunter. „Das Mittel macht schnell abhängig."

„Und kann Kopfschmerzen verursachen." Ergänzte Sloane.

„Was wiederum mit Paracetamol unterdrückt werden kann." Spielte Reid den Ball weiter.

„Und in großen Mengen zum Leberversagen und Tod führt."

Reid nickte zustimmend zu den Worten des Doktors.

„Also hat er Josie ruhiggestellt." Fasste Rossi das Wortgefecht zusammen. „Die Frage ist nur, was hat er in den ganzen Wochen mit ihr gemacht?"

Es klopfte leicht an der Tür und ein uniformierte Polizist trat herein.

„Paul", Agent Brown stand überrascht auf und trat eilig auf den Mann zu. „Was gibt es?"

Leise flüsterte der Uniformierte mit Agent Brown, deren Gesichtszüge mit jedem Satz starrer wurde.

Rossis Augen verengten sich. Da schien etwas passiert zu sein.

„Danke." Brown nahm Papiere entgegen und entließ den Polizisten. Er straffte seine Schultern und wandte sich erneut dem Ermittlerteam zu.

„Es gibt möglicherweise eine weitere Entführung.

Es wurde gerade eine Vermisstenanzeige aufgegeben." Agent Brown legte ein Foto auf den Tisch. „Es handelt sich um die einundzwanzigjährige Melinda Davids. Sie scheint schon seit vorgestern verschwunden zu sein. Man hat sie gestern und heute früh bei den Vorlesungen vermisst, daher haben einige Kommilitonen versucht sie im Wohnheim zu finden. Aber es gibt keine Spur von ihr."

Reid zog sich das Foto heran und nahm eines der Fotos der ermordeten Josie Clars zur Hand. „Hat mal einer einen Stift?"

Rossi griff automatisch in die Innentasche seines Jacketts und zog einen Kugelschreiber hervor. Interessiert reichte er ihn über den Tisch.

Reid begann augenblicklich die Haare auf dem Foto der Vermissten zu ändern. Abschätzend betrachtete er sein Werk: „Ja, sie könnte sein Typ sein… Ein paar minimale Differenzen gibt es schon!"

Eine große in hellem Stein erbaute Villa. Große Bäume umstanden das Areal, dass still und scheinbar abwartend dalag.

Der Mann in Jeans und fleckigen Hemd trat aus dem seitlichen Kellereingang. Mit einem leichten Quietschen fiel die schwere Holztür ins Schloss und er drehte den Schlüssel um.

Leise vor sich hin pfeifend stieg er die Außentreppe hinauf. Er trat um das Gebäude herum, bis er zum Haupteingang kam. Die Fronttreppe nahm er schwungvoll, immer zwei Stufen auf einmal und betrat das Haus. Zuerst empfing ihn tiefe Dunkelheit, dann konnte er aber endlich was erkennen. Entschlossen legte er seinen Weg fort.

Dabei kam er an zwei Portrait vorbei, die je ein junges Mädchen mit weißer Haut, schwarzen Haaren und roten Lippen darstellte.

Ein Lächeln legte sich über sein Gesicht, als sein Blick über die beiden Bilder fiel.

„Hey, mein Held." Grüßte Garcia lächelnd aus dem Bildschirm, als sie Morgan auf der anderen Seite erkannte. „Seid ihr wieder gut in Santa Fe angekommen? Was für ein Name…Santa Fe." Garcia schien richtig für die Stadt zu schwärmen, dann wurde ihre Stimme aber wieder fest. „Da sollte man nicht meinen, dass sie da jemanden haben, der arme junge Frauen ermordet."

Morgan grinste nur zu dem verbalen Ausbruch.

„Konntest du schon Kurse finden?"

„Mehrere", Garcia hatte sich wieder ihrem Bildschirm zugewandt. „Insgesamt habe ich hier rund 150 Kurse an Schulen, Privatschulen und Organisationen allein in Santa Fe."

„Das ist eine Menge." Rossi saß entspannt auf seinem Stuhl und hatte das kleine Geplänkel lächelnd verfolgt. „Von wie vielen Schülern sprechen wir da?"

„Von mehr als 1000!" Verkündete Garcia.

Hotchner hatte sich bei Doktor Sloane für seine Hilfe bedankt und war zusammen mit Agent Brown wieder zum Team zurückgekehrt. Während sie sich wieder an den Tisch setzten, verfolgten sie die letzten Sätze. „Gut, dann müssen wir die Personen weiter einschränken.

Wir schicken dir eine DNA-Spur. Vergleiche sie bitte mit der Datenbank. Obwohl ich da nicht sehr zuversichtlich bin."

„Das wäre wie ein Zwölfer im Lotto." Murmelte Rossi laut vor sich hin. „Niemand wäre so dumm."

Hotchner hob verstehend seine Augenbrauen, aber sie mussten jedem Hinweis nachgehen.

„Zuvor müsstest du uns aber alles zu einer Melinda Davids heraussuchen. Es scheint so, als hätte er sich schon sein nächstes Opfer gesucht." Forderte Prentiss ihre Kollegin in Quantico auf.

„Melinda Davids", murmelte Garcia vor sich hin, während sie den Namen in ihren Computer eingab. „Schauen wir doch mal… Einundzwanzig, in Santa Fe an der Schauspielschule eingeschrieben. Ledig, das jüngste von drei Kindern.

Ansonsten ist sie noch nicht auffällig geworden… Anscheinend wird sie monatlich von ihren Eltern mit einem kleinen Betrag unterstützt."

„So, dass sie etwas dazuverdienen muss." Übersetzte Jareau das Gehörte.

„Ein Schauspielerin?..." Hotchner schien über den Beruf des Opfers etwas verwundert. „Welche Fächer hat sie belegt?"

„Hauptsächlich alles, was mit malen zu tun hat. Sie hatte bisher jedes Jahr Bühnengestaltung ausgewählt."

„Das passt besser zu ihr." Nickte Hotchner zu dem neuen Ergebnis.

Frank hatte sich das Foto des ersten Opfers Josie Clars, das noch vor Reid lag, zur Hand genommen. Spontan murmelte sie vor sich hin: „So weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz…"

„Du rezitierst aus ‚Schneewittchen'?" Reid war schon bei ihren ersten Worten aufmerksam geworden.

Frank spürte die Blicke ihrer Kollegen auf sich. Sie versuchte sich aber auf Reid zu konzentrieren und sah zu ihm quer über den Tisch. Leicht hob sie ihre rechte Schulter. „Sie liegt genau so da, wie es bei uns im Märchen beschrieben steht. Nur, dass der gläserne Sarg fehlt. Aber sie wurde auch aufgebahrt."

„Aber was will er uns damit sagen?" Prentiss sprach ihre Gedanken laut aus. „Das sie die Schönste für ihn ist?"

„Wofür stehen dann aber die beiden ersten Toten von vor sechsundzwanzig Jahren?" Brachte Morgan zu bedenken ein.

„Was wäre, wenn es nicht seine Schönste, sondern einfach nur ‚schön' bedeutet. Einzigartigkeit." Rossis raue Stimme erklang.

„Da beide Frauen mit Kunst zu tun haben oder hatten," übernahm Frank das Wort, „könnte es sein, dass er ebenfalls Künstler ist. Sie könnten seine Muse sein."

„Das würde bedeuten, dass es nicht nur die Schüler sein könnten, sondern besonders auch die Lehrer. Sie sehen ihre Umwelt meistens mit ganz anderen Augen." Ergänzte Hotchner.

„Und da sie ihn kennen, vertrauen sie ihm und er kann sie leichter von ihrer gewohnten Umgebung trennen." Frank sah die Bilder seines Vorgehens vor ihrem inneren Auge.

„Garcia", wandte sich Frank an die technische Analystin, „als erstes müsstest du die Lehrer mit zu den Verdächtigen packen."

„Gut… Nur etwa hundert mehr."

„Sie werden mehrere Kurse geben." Warf Jareau ein.

„Der UnSub wird männlich sein." Übernahm Prentiss. „Er hat sie bis weit in die Wildnis transportiert, nicht einfach am Wegesrand entsorgt."

„552… Nah, das geht doch."

„Es ist aber immer noch eine große Anzahl, die wir nicht in kürzester Zeit überprüfen können." Erklärte Rossi ihre schlechte Ausgangssituation.

„Wir dürfen den Suchradius auch nicht nur auf Santa Fe begrenzen. Josie Clars ist auch die hundert Kilometer aus Albuquerque hergefahren." Hotchner wusste, dass er damit das bisherige Ergebnis wieder verschlechterte, aber sie durften nichts aus den Augen verlieren.

„Wir sollten mit den Freunden von Melinda Davids reden und uns ihr Zimmer im Wohnheim anschauen. Vielleicht bekommen wir einen Hinweis mit welchen Kursen sie Kontakt hatte." Schlug Rossi vor.

„Dafür ist es heute bereits zu spät."Hotchner hatte einen Blick auf seine Uhr geworfen. Wir machen Morgen früh weiter. Morgan und Frank sprechen mit Miss Davids Freunden. Prentiss und Dave ihr schaut euch in ihrem Zimmer im Wohnheim um."

11.März 1987

Es gibt so viele schöne Gesichter. Doch die Meisten sind schon eingefangen.

Heute habe ich ein frisches gefunden. Dieses gehört allein mir!

Morgen, wenn doch nur schon Morgen wäre. Ich sehe das Bild schon vor mir… Das Gefühl, wenn ich es vollenden und zu den anderen hängen werde…

Der Mann erhob sich von dem buntgeflecktem Tisch und sah zu der blonden Frau, die mittlerweile aufgewacht war und ihn mit finsterem Blick nicht aus den Augen ließ.

Sie hatte schon mehrmals versucht sich der engen Fesseln zu entledigen, aber das einzige Ergebnis war, dass ihre Handgelenke wundgescheuert waren und bluteten.

„Hör auf dich zu wehren. Dann kann ich irgendwann die Fesseln etwas lockern... Aber glaube mir, ich lerne dazu."

Der Mann war zu ihr getreten und schaute sie böse an. Doch sie verstand seine Andeutung nicht.

Wie sollte sie auch. Sie wollte doch einfach nur hier heraus. –

Lächelnd setzte er sich wieder an den Tisch. Er hatte die Staffelei aufgestellt, es war alles startklar.

Nur eins musste er noch erledigen. Er nahm einen alten Füllfederhalter zur Hand, tauchte ihn in ein Tintenfass und begann im Tagebuch zu schreiben:

2013

„Gut, fangen wir an." Hotchner setzte sich am nächsten Morgen zu Reid, Jareau und Brown an den Tisch im Polizeirevier. „Garcia, bei wie vielen Verdächtige sind wir gestern stehengeblieben?"

Garcia lächelte durch den Laptop in die Runde. „Durch die Erweiterung des Radius, sind es aktuell wieder 892."

„Hast du schon ein Ergebnis von dem DNA-Vergleich?" Fragte Reid interessiert.

„Ja," Garica machte eine kleine Kunstpause, „sie ist nicht gespeichert."

„Ist der heutige Täter dann etwa pervers? Wer benutzt schon Blut?" Brown hatte leicht angewidert sein Gesicht verzogen.

„Das glaube ich weniger." Übernahm Reid eilig das Wort, stand auf und trat an die aufgestellte Wand mit den vier Fotos der Opfer. „Wenn man die heutige Dauer der Entführungsphase mit der von damals vergleicht, ist sie um fast dreiviertel kürzer."

„Er hatte keine Zeit sich Lippenstift zu besorgen. Ihm ist die Zeit davongelaufen." Erkannte Jareau vorauf ihr Kollege hinauswollte.

„Was bedeutet, er hat keine Ahnung, wie groß die Dosis sein darf, die er seinem Opfer gibt." Hotchner spürte einen Moment Panik in ihm aufsteigen. Aber das kannte er schon. Er schob sie wieder zurück in die Tiefe. „Das bedeutet, uns läuft die Zeit davon!"

Frank und Morgan betraten die Schauspielschule, nachdem sie herausgefunden hatten, dass die Freunde, die Melinda als vermisst gemeldet hatten, ebenfalls hier Studenten waren.

Sie gingen zum Schulbüro und ließen Alexis Wilson und Sean Maxwell ausrufen.

Kurze Zeit später betraten zwei junge Menschen das Büro.

„Guten Morgen", begrüßte Frank die beiden Schüler mit einem freundlichen Lächeln. „Ich bin Agent Susanne Frank. Mein Kollege Derek Morgan. Wir sind vom FBI und möchten Ihnen gerne einige Fragen zu Melinda Davids stellen."

„Klar", stimmte der Junge nickend zu. „Was möchten Sie wissen?"

„Ihr habt sie als vermisst gemeldet?" Begann Morgan die erste Frage zu stellen.

„Ja. Wir hatten uns mit einigen Kommilitonen am Montagvormittag getroffen." Begann Maxwell zu erzählen.

„Da erst am Dienstag wieder die Vorlesungen begannen." Ergänzte die junge Frau.

„Waren Sie den ganzen Tag zusammen?" Franks fragender Blick wanderte von Einem zum Anderen.

„Nein… Einige." Maxwell schien wirklich nervös. „Ich meine, Melinda hatte abends noch einen Termin. Sie wollte Model sitzen."

„Wissen Sie zufällig wo?" Hakte Morgan interessiert nach.

„Nein. Diese Jobs werden zu Hauf angeboten und von allen Studenten gerne genommen. Man bekommt für zwei Stunden still sitzen gutes Geld." Erklärte Alexis Wilson das Leben eines Studenten in Santa Fe.

„Und seit diesem Treffen am Montag, haben Sie Miss Davids nicht mehr gesehen?" Versuchte Frank die Geschichte voranzubringen.

„Genau." Stimmte Wilson zu. „Sie ist nicht zu den Vorlesungen gekommen. Ihr Handy ist aus und ihr Zimmer sieht aus wie immer. Sie hätte Bescheid gesagt, wenn sie nach Hause gefahren wäre."

„Okay." Morgan lächelte einnehmend. „Dann wollen wir schauen, ob wir ihre Freundin wiederfinden."

„Meinen Sie, sie ist diesem Mörder in die Hände gefallen?" Stieß Maxwell angewidert aus.

Frank tauschte einen Blick mit Morgan. Am liebsten hätten sie ihm diese Frage nicht beantwortet.

„Wir müssen im Moment davon ausgehen."

Die beiden Agents verabschiedeten sich und machten sich auf den Weg ins Revier.

„Jetzt halt endlich still!" Der Mann hinter der Staffelei warf ein wütenden Blick auf sein Model. „Du willst doch nicht, dass ich dir wieder die ganzen Fesseln anlegen muss, oder?"

Melinda Davids schüttelte leicht ihren Kopf. Krampfhaft versuchte sie ihre Körperteile ruhig zu halten, doch die Muskeln ließen sich nicht bändigen.

Ein Japsen entfuhr ihrem Mund, als sie versuchte die Tränen zu unterdrücken.

Prentiss und Rossi hatten mittlerweile Zugang zu Melinda Davids Zimmer im Wohnheim.

Interessiert schauten sie sich um. Mittig im Raum stand ein großer Tisch, der mit allerlei Mal- und Bastelutensilien übersät war.

„Hier entstehen wohl ihre Entwürfe für die Bühnenbilder." Schloss Rossi aus dem Durcheinander. Typisch Künstler! Er grinste leicht vor sich hin. So musste sein Schreibtisch zu Hause für andere wohl auch aussehen, wenn er mal wieder für eins seiner Bücher recherchierte.

Unterm Fenster stand ein Schreibtisch, der voller Büchern und Aufzeichnungen war. Prentiss hob einige an, überflog die Titel und legte sie wieder zurück.

„Meinst du, sie ist noch so altmodisch, dass sie einen Papierkalender benutzte? Heute geht doch alles elektronisch." Prentiss hatte sich ihrem Kollegen zugewandt.

„Ja, es scheint wohl so." Rossi deutete auf einen Laptop, der unter einigen Papieren auf dem Schreibtisch stand. „Vielleicht solltest du den starten und Garcia mal einen Blick hineinwerfen lassen."

„892…" Hotchner hatte sich leicht vorgesetzt auf seinen Stuhl und überlegte die nächsten Schritte.

„Ein Nachahmungstäter, der keine Erfahrung hat…" Führte Prentiss die Ausführungen weiter. „Garcia, schließ alle aus, die jünger als siebzehn und älter als fünfundzwanzig sind."

„Oh, das reduziert gewaltig… 29."

„Garcia, kannst du mal die Zeitungsberichte von damals heraussuchen." Hotchner schien eine Idee zu haben.

„Sicher, aber das wird einen Moment dauern. Ich melde mich gleich wieder." Garcias Kopf verschwand auf dem Bildschirm.

„Worauf wollen Sie hinaus?" Agent Brown hatte bisher schweigend das Gespräch verfolgt.

„Wir müssen herausfinden, woher der Täter sein detailliertes Wissen über die Vorgehensweise, den Ablageort und die Darstellung der Opfer hat.

Damals wurde in den Zeitungen noch nicht alles veröffentlicht. Wenn er seine Informationen nicht aus den Medien hat, dann kennt oder kannte er den damaligen Täter."

Noch während Hotchner ihre Vorgehensweise erklärte betraten Frank und Morgan zusammen mit Professor Fraser den Raum.

Überrascht zog Hotchner einen Moment lang seine Augenbrauen zusammen, bevor er sich erhob und zu den Neuankömmlingen gesellte.

„Professor Fraser," er hielt ihm die Hand hin, während er ihn genau beobachtete. „Wie können wir Ihnen helfen?"

„Ich bin hier, um Josie Clars zu identifizieren.

Die Uni bekam einen Anruf und da sich keiner der Studenten dazu in der Lage sah, hat man mich gebeten herzukommen."

Der Mann schien wirklich betroffen über den Mord an seiner Schülerin.

„Und da habe ich mir gedacht… Ich wollte mal fragen, ob sie schon eine Spur haben."

„Noch keine bestimmte." Blockte Hotchner höflich ab. „Aber wollen Sie sich nicht einen Moment zu uns setzen? Vielleicht können Sie uns behilflich sein."

Morgan warf seinem Chef einen verwunderten Blick zu, den auch Prentiss und Jareau wechselten. –

Als sich alle am Tisch niedergelassen hatten, berichtete Morgan, dass sie nicht wirklich etwas Neues erfahren hatten.

„Gibt es jemand in ihren Kursen oder in der hiesigen Kunstszene, dem Sie eine solche Tat zutrauen würden?" Begann Hotchner die Befragung.

„So was schreckliches? Nein, das kann ich mir einfach nicht vorstellen."

„Seit wann sind sie an der Universität, Professor?" Hotchner wusste sofort, worauf Frank hinaus wollte. In die Richtung hatte er selber auch schon gedacht.

„Och, fast seit immer." Der Professor grinste. „Meine Studenten sagen immer, ich würde schon zum Inventar gehören.

Ich war bis 1974 selber Student an der Uni. 1976 habe ich dann die Professur angenommen."

Frank nickte verstehend. „Dann waren sie damals bei den ersten beiden Morden auch schon dort." Stellte sie zusammenfassend fest. „Was wissen Sie über die beiden Morde an Eliza Anderson und Mary-Ann Brooks?"

„Nichts. Nur, dass sie oben im National Forest gefunden wurden.

Sie waren beide Studentinnen an unserer Uni. Aber keine war in einen meiner Kurse."

Draußen wurde es unruhig. Kurz darauf wurde die Tür schwungvoll geöffnet und Rossi und Prentiss eilten herein.

„Wir haben eine Spur." Verkündete der Altermittler.

„Das stimmt." Garcia erschien wieder auf dem Bildschirm.

„Es gibt einen Eintrag in ihrem Kalender für einen Malkurs. Garcia konnte unsere Namensliste auf zwei Personen minimieren." Erklärte Prentiss weiter.

„Und zwar haben wir noch Timothy King und Benjamin Donnell. Schüler und Lehrer." Vervollständigte Garcia aus dem Laptop.

Hotchner hatte das Gesicht des Professors beobachtet und das erschrockene Zusammenzucken bei Donnell bemerkt. Dierkt sprach er ihn darauf an: „Sie kenne Benjamin Donnell, Professor Fraser?"

„Ja," der Professor schluckte schwer. „Ben kann es nicht sein!"

„Woher kennen sie ihn?" Rossi versucht den älteren Mann gedanklich von den Morden zu entfernen.

„Er hat bei mir studiert… Vor einem Jahr hat er seinen Abschluss gemacht."

„Was hast du über den zweiten Verdächtigen, Garcia?" Frank wollte den anderen Mann nicht vergessen.

„Timothy King arbeitet in einer Autowerkstatt als Mechaniker. Er ist bisher zwei Mal wegen zu schnellem Fahren aufgefallen, ansonsten keine Einträge.

Das ist scheinbar sein erster Kurs."

„Dann können wir ihn wohl nicht als Künstler bezeichnen." Stellte Reid entschieden fest und bekam allgemeine Zustimmung.

„Hotch, ich habe noch einige Zeitungsberichte von damals gefunden." Garcia machte eine kunstvolle Pause in der sie tief Luft holte. „Es wurde der Park erwähnt, dass sie geschminkt und in einem ordentlichen Kleid niedergelegt wurden. Vergewaltigung konnten sie damals ausschließen und haben es wohl als Beruhigung der Bewohner in den Artikeln erwähnt."

„Somit muss er die genauen Details vom damaligen Täter bekommen haben." Schloss Rossi aus den neusten Informationen. „Wie sieht es mit den Familien der beiden aus? Gab es früher schon jemand, der sich hier künstlerisch Verwirklicht hat?"

„Bei Mr. King nicht. Er ist bei seiner Mutter aufgewachsen… und es scheint keine nähere Verwandtschaft zu geben. Beide hatten zuvor anscheinend keine wirkliche Verbindung zur Kunst."

„Ben schon!" Der Professor schluckte schwer. „Sein Onkel Eric hat damals mit mir zusammen studiert. Wir waren Freunde.

Seine Bilder waren eine Augenweide. Daher war ich auch über Bens Fortschritte so begeistert."

„Wo ist Eric Donnell heute?" Mit der Erwähnung des neuen Namens fühlte sich Morgen ihrem Ziel einen gewaltigen Schritt näher.

„Eric ist tot." Der Professor schien das Schicksal seines alten Freundes noch nicht verarbeitet zu haben. Es fiel ihm sichtlich schwer weiter zu sprechen.

„Oh," Garcia, die inzwischen nach dem Onkel im Netz gesucht hatte, übernahm: „Er hatte 1987 einen Autounfall!"

„87?!" Wiederholte Prentiss erstaunt. „Das bedeutet wohl, wir haben unseren Täter von damals!"

„Aber wie konnte Ben von den Vorgehensweisen seines Onkels erfahren? Er ist erst 1988 geboren." Fragend sah Garcia ihre Kollegen aus dem Bildschirm an.

„Das werden wir erfahren, wenn wir ihn haben." Hotchner erhob sich vom Tisch. „Hast du eine Adresse für uns?"

„Ist schon auf euren Handys." Erklang Garcias Stimme.

„Dann los." Gab Hotchner das Startzeichen.

„Ich würde gerne mitkommen." Verwundert drehten sich die Agents dem Professor nochmal zu. „Ich kenne Ben."

Hotchner wechselte einen Blick mit Rossi und Morgan. „Ich denke, das wäre nicht gut. Wir schaffen das schon. Aber sie können gerne hier warten."

Das Bild auf der Staffelei entstand. Es zeigte Melinda Davids, wie sie in einem wunderschönen hellblauen Abendkleid dastand.

Hinter der Staffelei stand die Entführte in einem alten, heruntergekommenen Kleid an einen Holzpfahl gefesselt. Seile hielten ihren Körper gerade. Selbst der Kopf war mit einem Seil über der Stirn am Pfahl fixiert. Die Augen waren geschlossen. Es schien, als ob sie schlief.

Zwei große Leuchter strahlten das Motiv an und erhellten den ansonsten dunklen Raum.

Langsam rollten die beiden SUV eine halbe Stunde später vor der etwas abseitsgelegenen Villa aus. Augenblicklich sprangen die Agents, allesamt in schusssicheren Westen gekleidet, aus den Wagen und zogen ihre Waffen.

„Morgan, Reid, Frank nach hinten." Gab Hotchner kurz Anweisung.

Während sich die drei Agents von der Gruppe trennten, drangen die restlichen auf die Eingangstür der Villa zu. Leise schlichen sie die Treppe hinauf und hielten abwartend vor der Tür.

„Sind auf Position." Erklang Morgans Stimme kurze Zeit später über Funk.

„Dann los." Gab Hotchner den Marschbefehl. Sekunden später nickte er Rossi zu, der den Türgriff in Händen hielt und nun die Tür aufdrückte.

Hotchner drang in die Villa vor, gefolgt von Rossi, Prentiss, Brown und Jareau.

„FBI!" Erscholl es im ganzen Haus. –

Die drei Kollegen auf der Rückseite betraten zeitgleich die Küche. Während Reid eine Tür an der linken Seite öffnete, strebten Morgan und Frank weiter ins Haus vor. –

Rossi, Brown und Hotchner stiegen die Treppe in den ersten Stock hinauf, als ein Poltern erklang. Sie wechselten einen alarmierten Blick. Vorsichtig schoben sie sich mit dem Rücken an der Wand die letzten Stufen hinauf. Rossi spähte vorsichtig um die Ecke.

Das Poltern war aus einem der beiden hinteren Zimmern gekommen. Sie eilten auf leisen Sohlen den Flur entlang. Mit Zeichensprache verständigten sie sich, zuerst den linken Raum zu kontrollieren.

Brown zählte stumm bis drei, dann öffnete er die Tür. Hotchner drang vor, gefolgt von den beiden Kollegen. Doch das Zimmer war vollständig leer.

Leise gingen sie zurück auf ihre Ausgangspositionen. Auf drei öffnete diesmal Rossi die Tür.

Noch bevor sie einen Schritt ins Zimmer setzten konnten, sprang ihnen eine fauchende Katze entgegen. Erschrocken hielten die drei Agents einen Moment die Luft an. Rossi und Hotchner fassten sich aber schnell wieder und betraten den Raum.

Brown folgte der Katze mit den Augen, die eilig an der Wand entlang und die Treppe hinunter lief.

„Sauber."

Die restlichen Agents hatten sich unten in der Halle zusammengefunden und warteten gespannt. Leise flüsterten sie miteinander.

Jareau hatte dem Gespräch gelauscht, bis sich ihre Aufmerksamkeit auf zwei Bilder an der Wand hefteten.

„Ah, da kommen sie ja." Flüsterte Prentiss in der Gruppe, als Rossi, Brown und Hotchner die Treppe herunterkamen.

Verwundert blieb Hotchner auf halber Treppe stehen. „JJ? Was ist mit dir?"

Jareaus Blick wanderte zu ihm. Dann deutete sie auf die beiden unteren Portraits in der Galerie. „Die sehe aus, wie Eliza und Mary-Ann."

Alle Agents wandten ihre Blicke auf die Bilder an der Wand.

„Die Bilder sind nicht schlecht." Reid stieg die ersten Stufen hinauf, um sie aus der Nähe zu betrachten. „Der Maler hat die Gesichtszüge gut getroffen."

„Es scheint das Haus von seinem Onkel Eric zu sein."

„Richtig," stimmte Rossi Prentiss zu. „Hat jemand irgendwo Malutensilien gefunden?"

„Nein." Allgemein gab es eine negative Antwort.

„Ich habe eben den Zugang zum Keller gesehen." Erklärt Morgan. „Ansonsten gibt es kein sichtbares Gebäude auf dem Gelände."

„Das habe ich noch nie gehört, dass sich jemand in den Keller verkriecht, um zu malen." Wunderte sich Prentiss. „Die brauchen doch immer viel Licht!"

„Heute kannst du dir in fast jeden Raum natürliches Tageslicht bringen." Widersprach Jareau.

Hotchner nickte. „Dann los."

Geschlossen verließen sie die Villa in die abendliche Dämmerung und eilten entlang der Außenwand bis zum Kellereingang.

Sie nahmen ihre Waffen wieder zur Hand und Morgan und Brown nahmen beidseitig der doppeltürigen Öffnung Aufstellung.

Auf Rossis Zeichen hin öffneten sie die beiden Holztüren. Schwärze kam ihnen entgegen. Kein hell erleuchteter Raum, wie zuerst vermutet. Sie zogen ihre Taschenlampen hervor und drangen in die Dunkelheit ein.

Es eröffnete sich ihnen ein großer Raum. In einem Regal an der Wand fanden sie schnell Malutensilien. Sie waren auf dem richtigen Weg. Nur wo befand sich Benjamin Donnell?

„Hotch," erklang Prenitss Stimme in der Dunkelheit leise. Sie stand an der Hinterseite des Raumes und deutete auf eine weitere Holztür.

Eilig stellten sich die Agents wieder auf und Hotchner öffnete vorsichtig die Tür.

Ein Raum fast taghell. Leise Musik erfüllte den Raum. In ihrer Mitte stand eine Staffelei, vor dem Donnell in sein Werk versunken saß. Ein Tisch zu seiner Rechten.

Die Agents traten mit gezogenen Waffen einige Schritte in den Raum. Doch Donnell schien sie nicht zu bemerken.

Morgan, der ganz links stand, heftete seinen Blick auf etwas, dass sich hinter der Staffelei befand. Er legte seine Hand auf den Arm seines Chefs. Als dieser sich ihm fragend zuwandte, deutete er mit der anderen Hand hinter die Staffelei.

Jetzt sah auch Hotchner, was Morgan so verstörte. Donnell hatte sein Opfer an einen Pfahl drapiert. Das gemalte Bild auf der Leinwand dagegen sah anders aus. Nicht die Stellung seines Motives, sondern Kleidung und Gesichtszüge waren auf dem Gemälde strahlend und sauber. In was für einer Phantasie musste dieser Mann leben?

Hotchner hob seinen Zeigefinger an die Lippen. Sie sollten alle leise sein. Keiner konnte voraussagen, wie Donnell auf sie reagieren würde.

„Wir brauchen eine Ablenkung." Raunte Morgan Hotchner ins Ohr. „Sie muss hier raus." Dabei deutete er auf Melinda Davids.

Hotchner verstand. Er überlegte angestrengt, doch es kam ihm nur eine Möglichkeit in den Sinn. Eine, die ihm nicht gefiel. Er sah zu Frank hinüber.

Sie sah in seine Augen und nickte zustimmend. Vorsichtig steckte sie ihre Waffe in den Holster zurück und kam auf ihn zu.

„Du musst ihn ablenken, so dass wir an ihm vorbeikommen." Hotchner flüsterte in das Ohr seiner Kollegin. Dabei zog er tief ihren Duft in seine Lungen ein. ‚Nein, das ist falsch!' Er stieß Susanne geradezu in die Gefahr!

Susanne spürte seine Nähe ebenfalls und seinen schneller werdenden Atmen. Wie natürlich ließ sie ihre Wange kurz seine berühren. Ein kleiner Trost.

Sie nickte abermals verstehend und ging dann ruhig auf den Maler zu.

Auf Hotchner Zeichen hin, folgten ihr Rossi und Prentiss mit etwas Abstand.

„Benjamin." Frank war leise neben den Maler getreten und sprach ihn ebenso dezent an. „Ben?!"

Verwundert schaute er zu ihr hinüber. Ein Lächeln überzog sein Gesicht, als er Frank gewahr wurde. „Du bist wunderschön!" Vorsichtig hob er seine Hand und strich der FBI-Agentin leicht über die Wange.

„Danke," Frank lächelte ihn an und deutete dann auf das Gemälde, welches vor ihm auf der Staffelei stand. „Sie gefällt mir."

„Ja, mir auch." Seufzte Ben Donnell.

Hotchner und Morgan hatten sich unterdessen in einiger Entfernung vorsichtig an Donnell vorbei bewegt und befreiten mit geschickten Händen Melinda Davids von ihren Fesseln.

„Sie lebt." Gab Hotchner über Funk an die Kollegen weiter. „Wir brauchen aber einen Krankenwagen. Sie ist bewusstlos."

„Ich nehme sie." Morgan hob die Studentin auf seine Arme.

„Hey, was machen Sie da?" Plötzlich schien Donnell wieder in der Wirklichkeit zu sein. Er wollte auf die Zerstörer seines Modells losstürmen, doch Rossi konnte ihn mit Hilfe von Prentiss überwältigen. Sie ließen Handschellen um seine Handgelenke einrasten und führten ihn hinaus.

Jareau, Brown und Reid folgten den Kollegen hinaus, um ihnen mit Opfer und Täter zu helfen. Hotchner trat zu Frank hinter die Staffelei.

„Er ist wirklich begabt!" Frank begutachtete noch immer das angefangene Bild.

„Und du bist wunderschön!" Raunte ihr Hotchner lächelnd ins Ohr. „Er hat ein gutes Auge."

Entsetzt schweifte Franks Blick durch den Kellerraum. Doch sie waren allein. Während sie versuchte ihren Puls zu beruhigen, sah sie Hotchner in die glitzernden Augen. Dadurch ließ sich ihr Puls aber nicht beruhigen.

„Wir sollten das Bild mitnehmen." Frank versuchte wieder professionell zu denken. „Es ist ein Beweis."

Rossi betrat das Vernehmungszimmer im Revier und setzte sich Benjamin Donnell gegenüber. Noch bevor er ein Ton sagte, legte er ein blau eingefasstes Buch vor sich auf den Tisch.

„Das ist meins!" Donnell hatte seine Fesseln vergessen und versuchte nach dem Buch zu greifen.

„Wo haben Sie das Buch her Benjamin?"

„Es gehört mir!"

„Nein," widersprach Rossi, „die Eintragungen sind von 1987. Sie sind erst 1988 geboren."

Rossi wartete und eine tiefe Ruhe legte sich über den Raum. „Wir wissen, dass es das Tagebuch ihres Onkels Eric ist. Er beschreibt darin seine Tage mit seinen Opfern Eliza Anderson und Mary-Ann Brooks."

„Es gehört mir!" Sprach der Gefangene bestimmt. „Die Kiste gehört mir!"

„Kiste?" Fragte Rossi interessiert. „Welche Kiste?"

Doch Donnell antwortete nicht. –

Hotchner hatte zusammen mit Morgan und Prentiss das Verhör des Täters hinter der Glasscheibe verfolgt. Einer inneren Eingebung folgend, verließ er ohne ein Wort den Raum.

„Wo will Hotch hin?" Wunderte sich Prentiss über das einfache Verschwinden ihres Teamleiters.

Morgan hob nur seine Schulter und verfolgte weiter das Gespräch hinter der Scheibe. –

„Diese Eintragungen in Bleistift sind von Ihnen Benjamin, nicht wahr?" Bohrte der Altermittler weiter. „Wollten Sie das Erbe Ihres Onkels fortsetzen?"

„Professor Fraser?" Hotchner stand in der Tür zum Besprechungsraum und fand den Gesuchten im Gespräch mit Jareau, Frank und Reid vor. „Gut das Sie noch hier sind."

„Wie geht es Ben?" Fragte der ältere Mann sofort besorgt.

„Er macht auf mich einen sehr verstörten Eindruck." Hotchner setzte sich neben seinen Gesprächspartner. „Vielleicht können Sie uns weiterhelfen.

Wir haben bei Benjamin ein Tagebuch gefunden, was eindeutig von seinem Onkel ist. Außerdem spricht er von einer Kiste, die ihm gehören soll. Wissen Sie etwas darüber?"

Professor Fraser starrte schweigend vor sich hin.

„Wir werden Benjamin überführen. Er hat seine DNA an Josie Clars hinterlassen. Sobald das Ergebnis da ist, kann ihm nichts mehr helfen. Erzählen Sie uns, was Sie wissen."

Hotchner beobachtete den Mann an seiner Seite. Er schien seine Gedanken zu sortieren. Tief atmete er ein, als er seinen Blick hob.

„Eric… Er war damals versessen darauf, das einzigartigste Bild der Welt zu erstellen."

„So wie die Mona Lias?" Fragte Reid interessiert.

„Sie war sein Vorbild. Nur sollte es noch bedeutender werden. Nach den ganzen Jahren war er wie im Rausch."

„Hat er Drogen genommen?" Unterbrach Jareau die Erzählung.

„Nein… Das braucht es bei unserer Arbeit nicht. Das Malen kann uns in einen rauschähnlichen Zustand führen."

„Professor Fraser, haben Sie gewusst, dass Ihr Freund Eric junge Frauen entführt hatte?"

„Was?... Nein!" Er schien wirklich entsetzt. „Ich habe nichts davon gewusst. Ich habe noch nicht einmal derartiges geahnt!

Eric hat sich oft tagelang eingeschlossen… Dann kam eines Tages die Polizei in der Universität vorbei und überbrachte mir die Nachricht von seinem Tod."

„Aber Eric Donnell hatte doch Familie. Wieso kam die Polizei zu Ihnen?" Hakte Frank interessiert nach.

„Weil Erik mit seiner Familie gebrochen hatte. Sie verstanden ihn und sein Streben nicht."

Frank nickte verstehend. So etwas erlebten die Agents öfters in ihrem Beruf.

„Der Unfall ist auf der Straße zu seiner Villa passiert. Er war zu schnell… man sagte mir später, dass er völlig übermüdet gewesen sein musste." Der Professor schien wirklich betrübt. Noch heute nach den ganzen Jahrzehnten.

„Was hat es mit dieser Kiste auf sich?" Hotchner verstand noch nicht, warum der Professor die ganze Geschichte von damals erzählte.

„Die Kiste. Es ist eine alte Holzkiste, in der hat Eric seine wichtigsten Malutensilien aufbewahrt.

Als seine Familie die Villa aufräumte, haben sie mir die Kiste gegeben. Sie meinten wohl, dass ich mich über die Farben und Pinsel freuen würde."

„Sie haben die Kiste aber nie geöffnet?!" Stellte Frank ruhig fest.

Der Professor schüttelte leicht seinen Kopf. „Nie… Als Ben dann an der Universität anfing und ich sein Talent gesehen hatte, musste ich ihm einfach helfen, zu dem zu werden, was sein Onkel war."

„Wann gaben Sie Benjamin die Kiste?"

Der Dozent sah Hotchner direkt an: „Als er sein Diplom bekommen hat. Er wusste immer, dass es die Kiste seines Onkels war, die bei mir im Büro stand."

„Dann war das Tagebuch darin versteckt!" Hotchner sah den Professor mitleidig an. „Benjamin wird sich für seine Taten verantworten müssen. Es wird mit Sicherheit ein psychologisches Gutachten über ihn erstellt werden. Vielleicht tun sie sich selbst und Ben den Gefallen, und helfen ihm alles durchzustehen."

„Danke… Ich werde ihn nicht im Stich lassen." Der Professor schien die Folgen für die Taten von Benjamin Donnell erst langsam zu erfassen. „Kann ich zu ihm?"

„Ja, kommen Sie." Hotchner stand auf und half dem sichtlich erschöpften Mann hoch.

Kurze Zeit später öffnete Hotchner die Tür zum Vernehmungsraum. Überrascht schaute Rossi hoch. Hotchner nickte ihm entspannt zu. Der Fall schien für ihn gelöst.

Hotchner trat zur Seite und Professor Fraser erschien im Türrahmen. Rossi verstand und erhob sich vom Tisch.

Auch Benjamin Donnell waren die eintretenden Menschen nicht entgangen. „Professor!"

„Ben…" Fraser trat auf den jungen Mann zu. „Was hast du getan?"

In sekundenbruchteilen standen die Augen des jungen Mannes unter Tränen. „Sie waren so schön!"

Fraser ergriff zärtlich den Kopf seines ehemaligen Schülers und zog ihn an sich.

Fernando Botero (kolumbianischer Maler und Bildhauer):

Nicht die Abbildung der Wirklichkeit ist das Ziel der Kunst, sondern die Erschaffung einer eigenen Welt.

„Das wird für beide nicht einfach!" Unterbrach Rossi die Stille, die sich über den Raum hinter der Glasscheibe gelegt hatte. Das gesamte BAU-Team sowie Agent Brown standen zusammen.

„Es wird interessant seine Aussage zu analysieren. Seine Beweggründe." Sprach Reid seine Gedanken aus. „Wie konnte er in die Welt seines Onkels geraten? Nur über die Worte aus dem Tagebuch?"

Brown sah verwundert den jungen Kollegen an.

„Keine Sorge." Hotchner schmunzelte leicht. „Das ist nun einmal unser Job."

„Man wird über ihn ein psychologisches Gutachten anfertigen. Das wird zeigen, wie es in seinem Kopf aussieht." Ergänzte Prentiss. Ihr Blick war weiterhin auf die beiden Männer hinter der Glasscheibe geheftet.

Hotchner warf einen Blick zu Frank hinüber. Es wurde Zeit…

„Dann sind wir hier wohl fertig. Lasst uns aufbrechen." Forderte er seine Kollegen zum Rückflug auf.

„Habt ihr noch Lust etwas trinken zu gehen?" Prentiss sah Morgan, Reid und Frank auffordernd an.

„Ja, sicher." Reid war dabei und auch Morgan nickte zustimmend.

„Ich gehe zu JJ und Garcia und gebe ihnen Bescheid." Morgan verschwand und Prentiss wandte sich an Frank.

„Sorry, aber mir ist nach einer warmen Dusche und einen Abend gemütlich auf der Couch." Franks Blick fiel wie zufällig auf Hotchner, der die Stufen von der Empore zu seinem Büro herunter kam. Sie wusste, dass er ihre Antwort gehört hatte.

Prentiss sah ihn ebenfalls und lud auch ihn ein, sie zu begleiten.

„Das nächste Mal gerne", antwortete Hotchner lächelnd, „aber Jack wartet schon auf mich. Jessica hat eine Verabredung."

„Na gut." Prentiss wandte sich wieder an ihre Freundin. „Aber du kommst mit. Auf die Couch kannst du dich auch Morgenabend noch setzen."

„Woher willst du wissen, dass wir nicht Morgen schon wieder auf Reisen sind?" Frank bot alles auf. „Außerdem erwartet man in Deutschland mal wieder einen längeren Anruf von mir. Ich habe mich in den letzten Tagen richtig rar gemacht."

„Also schön…" Gab Prentiss klein bei. „Du bist auch befreit… Aber beim nächsten Mal, versprochen?"

„Versprochen, das nächste Mal bin ich wieder dabei." Erleichtert atmete Frank aus. „Wir sehen uns dann Morgen. Habt viel Spaß!" Damit hob sie eilig ihre Taschen vom Schreibtisch und verschwand aus dem Blickfeld der restlichen Teamkollegen.

Die Dunkelheit der kommenden Nacht hatte sich über Washington D.C. gelegt. Hier und da glitzerten noch hell die letzten Schneehaufen, die sich vor der Wärme der letzten Tage gerettet hatten. Und die erneut aufkommende Kältewelle würde ihnen erneut eine Chance geben zu überleben.

Prentiss lenkte ihren Wagen in eine Parklücke und der Motorenlärm um sie erstarb. Sie nahm ihre Sachen vom Beifahrersitz und stieg aus. Gewohnheitsmäßig ließ sie ihren Blick über die Umgebung schweifen, bevor sie die Tür zuschlug und verschloss.

Abrupt drehte sie sich um. Ein seltsames Gefühl ließ sie in die Dunkelheit des nahen Parks starren. Sie blinzelte und suchte intensiv die Umgebung ab. Aber da war nichts. Ein Knacken, das aus dem Park zu ihr herüber klang, ließ sie zusammenfahren.

Sie spürte den galoppierenden Puls in ihrer Halsschlagader. Doch die Dunkelheit des Parks gab seinen Inhalt nicht preis.

„Emily", JJs Stimme erklang nur wenige Meter hinter ihr. „Wir sind hier!"

Tief durchatmend kam Prentiss in die Wirklichkeit zurück. „Ich komme."

Da erschien ein kleines Wesen in ihrem Blickfeld. Es huschte durch das Dämmerlicht der Straßenlaternen, quer über die Straße. Ein Frettchen. Prentiss fiel ein Stein vom Herzen.

Das Gespräch mit JJ und Susanne hatte sich wohl bei ihr im Kopf festgesetzt. Sie hatte sich noch nie so bedroht gefühlt.

Endlich konnte sie sich wieder bewegen und gesellte sich kurz darauf zu ihren Kollegen.

Susanne und Hotch hatten es sich in ihrer Wohnung auf der Couch bequem gemacht. Es war kein Mucks zu hören, nur die Stereoanlage spielt dezente Töne im Hintergrund.

Hotch lag mit geschlossenen Augen in den Armen seiner Kollegin, eine wärmende Decke über sie ausgebreitet.

„Ein flackerndes, wärmendes Kaminfeuer wäre jetzt schön." Susanne zog nachdenklich die Ärmel ihres Pullovers länger. Leicht fuhr sie mit ihrem Zeigefinger spielerisch über Hotchs vollen dunklen Augenbrauen.

„Dann hätten wir uns doch bei mir treffen sollen."

Susanne schmunzelte leicht vor sich hin, während sie seinen Nasenrücken entlangfuhr. Sie dachte gerade an die Momente zwischen den Feiertagen, wo sie es sich zusammen mit Jessica und Jack vor dem Kamin gemütlich gemacht hatten.

„Die letzten Tage waren nicht einfach…" Erhob Susanne erneut ihre Stimme. „Dich so nahe zu wissen und nicht berühren zu dürfen!"

„Und es wird in der nächsten Zeit nicht einfacher." Prophezeite Hotch tief ausatmend die Zukunft.

Spielerisch zog sie seine Lippenbögen nach. So entspannt hatte sie ihn zuvor noch nie erlebt.

Überrascht fuhr Susanne zusammen. Hotch hatte ihren Finger mit dem Mund gefangen. Lachend versuchte sie ihn wieder zu befreien, doch Hotch packte mit seinen Zähnen zu und hielt ihn feste.

„Autsch!" Susanne lachte noch immer aus vollem Herzen. Als sie spürte, dass ihr Finger wieder frei war, zog sie ihn heraus.

„Ich liebe dich!" Überrascht verstummte Susanne augenblicklich. „Nach dieser kurzen Zeit kann ich mir schon nicht mehr vorstellen, wie es ohne dich war."

Susanne war tief gerührt ob seiner Worte und drückte ihm zärtlich einen Kuss auf die Haare. Seine Worte waren so voller Gefühl und mit so einer Ernsthaftigkeit. Sie ließen Susanne die Kälte vergessen und eine wohlige Wärme ihren Körper durchströmen.

„Wo warst du nur die ganzen Jahre?"

„In Deutschland!" Susanne lachte leise auf und auch über Hotch Gesicht legte sich ein Lächeln.

„Bisher habe ich noch niemanden gefunden, mit dem ich so reden kann, wie mit dir. Ich habe das Gefühl, ich könnte mein ganzes Leben vor dir offen ausbreiten."

„Auch nicht mit Haley?"

„Ja, doch… - Nein." Er überlegte einen Moment und ließ die Zeit mit Jacks Mutter vor seinem inneren Auge ablaufen. „Ich habe ihr alles erzählt. Aber wenn es um die Arbeit ging, hat sie mich oft nicht verstanden. Sie konnte einfach nicht nachvollziehen, wie wichtig mir meine Arbeit ist…"

„Sie hatte Angst dich zu verlieren." Flüsterte Susanne leise. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, wie sich Haley gefühlt haben musste. Die bloße Vorstellung zerriss ihr schon das Herz. Instinktiv legte sie dem Mann in ihren Armen die flache Hand auf den Brustkorb. Sie musste ihn jetzt einfach spüren.

„Ja, es hat sie fertig gemacht… Dazu stand sie mit Jack von Anfang an allein da." Langsam schob er seine Hand über Susannes.

„Und sie hat wirklich die Scheidung durchgedrückt?"

Hotch nickte. „Heute kann ich sie verstehen… Den Schmerz des Verlustes habe ich bereits während der Scheidungsphase gespürt. Dann ihr Tod… Es tat so weh!" Hotch nahm Susannes Hand und drückte einen leichten Kuss in die Handinnenfläche. „Ich möchte diesen Schmerz nie wieder spüren!"

Der Griff seiner Hand wurde stärker. Susanne verstand, dass er sie nicht so einfach wieder gehen lassen würde. Um ihn zu trösten, bewegte sie ihren Daumen über den festen Griff seiner Finger.

Erschrocken fuhren beide hoch, als Hotchs Handy sich auf dem Tisch vor ihnen bemerkbar machte.

„Nicht schon wieder ein neuer Fall!" Bat Susanne leise.

„Nein, das ist keiner." Hotch setzte sich auf und drehte sich zu Susanne um. „Ich habe den Wecker gestellt. Wenn ich jetzt nicht fahre, kann ich Jack nicht mehr sehen.

Sei mir bitte nicht böse!"

„Kann ich doch nie." Flüsterte Susanne zurück. Jack, der kleine Jack. Konnte man auf ihn eifersüchtig sein? Nein, sie konnte es nicht.

Hotch hatte sich inzwischen seine Schuhe angezogen und stand nun vor der Couch.

„Morgen ist Samstag. Habt ihr da schon etwas geplant?" Susanne versuchte unverfänglich zu klingen. „Ansonsten könnten wir ja zusammen was unternehmen."

„Das klingt gut." Er beugte sich zu Susanne hinunter und drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Lippen. „Schlaf gut! Bis Morgen!" Hotch ging zur Garderobe und holte seine Jacke.

„Aaron!"

„Ja?" Er erschien wieder im Wohnzimmer und trat an die Couch.

„Ich habe eine kleine Bitte." Susanne wusste nicht wieso, aber sie spürte, dass es sein musste. „Würdest du mich irgendwann mal mitnehmen, wenn du Haley besuchen fährst?" Es entstand eine kurze Pause, bevor Susanne erklärte: „Ich würde sie so gerne kennenlernen."

Hotch sah sie verwundert an. Ein leichtes Lächeln legte sich über sein Gesicht und er versprach: „Mach ich."