13 – Das Paradies
Einen Tag zuvor
Ein dunkler Lieferwagen hielt an der Bürgersteigkante. Vor ihm stand ein Auto, dessen Kühlerhaube geöffnet war. Eine junge, blonde Frau stand daneben und hatte den Fahrer des Lieferwagens winkend um Hilfe gebeten.
Als der Wagen stand, erstarb sein Motor und ein Mann in Blue Jeans und braunen ungepflegten Lederschuhen stieg langsam aus.
„Haben Sie eine Panne?" Ruhig ging er auf die junge, blonde Frau zu. In seiner Hand hinter dem Rücken hielt er eine Stabtaschenlampe verborgen.
„Ja, der Motor begann plötzlich zu bocken und ging aus. Nun lässt er sich nicht mehr starten." Die junge Frau schien nervös. Daher achtete sie auch nicht auf dem Mann, der seinen Blick interessiert über die Umgebung schweifen ließ. ‚Ein wunderbarer Platz!'
„Haben Sie denn Ahnung von Autos?"
„Ich denke, für Ihren Fall wird es reichen." Wich er aus. Der Mann nutzte den Moment, und zog der Frau mit der Taschenlampe von hinten über den Kopf.
Glücklicherweise kam kein Laut über ihre Lippen.
Geschwind hob er die Frau auf seine Arme. Sie schien ihm leicht wie eine Feder. Da hatte er in der letzten Zeit größere Gewichte bewegt.
Das war geschafft. Der Mann prüfte nochmals die Fesseln an Hand- und Fußgelenken seines Opfers, bevor er sich zu voller Größe erhob.
Die junge Frau saß noch mit nach vorne geneigten Kopf auf einen Stuhl, der im Halbdunkeln einer Scheune stand.
„Und ihr, Freunde?!" Er sah zu seiner Linken. Dort standen zwei weitere Stühle. Beide mit zwei Männern besetzt, die ebenfalls gefesselt und geknebelt waren. Ein älterer weißer Mann sah ihn abwartend an, während ein jugendlicher Afroamerikaner unruhig an seinen Fesseln zerrte.
„Nur ruhig, mein Junge." Der Mann legte beruhigend eine Hand auf die Schulter des Jungspundes. Vorsichtshalber überprüfte er auch die Fesseln der beiden Männer. „Keine Sorge. Man wird euch schon früh genug finden."
Der heutige Tag
„Sheriff! Es ist gerade die dritte Vermisstenanzeige gestellt worden." Ein Polizist betrat nach kurzem Klopfen das Büro seines Vorgesetzten.
„Das ist wirklich merkwürdig. Zeig mal her Pat." Forderte der Sheriff den Deputy auf. Dieser reichte ihm die Papiere über den Tisch.
„Wann wurde die erste Anzeige gemacht?"
„Gestern Vormittag." Beantwortete der Deputy beflissentlich.
„Könnten sie weggelaufen sein?"
„Es sieht nicht danach aus… Die Kollegen haben schon die Angehörigen befragt."
„Hier steht, dass Miss Lawton auf den Weg hierher war. Sie wollte Verwandte besuchen. Hat man schon ihren Wagen gefunden?"
„Noch nicht… Aber sie ist definitiv losgefahren. Ihre Mitbewohnerin in Chicago hat sie gestern Nachmittag verabschiedet.
Dazu haben wir schon sämtliche Krankenhäuser und Polizeistationen kontaktiert. Nirgends gibt es eine Spur von ihr."
„Gut." Der Sheriff reichte die Unterlagen zurück an seinen Deputy. „Haltet mich bitte auf den Laufenden."
„Sicher Sheriff."
Im hier und jetzt
„Rate was ich gehört habe!" Susanne hatte sich an Hotchs Schulter angelehnt. Seine Nachttischlampe warf dezente Schatten in den Raum.
„Was meinst du?" Hotch blies ihr leicht durch das Haar. Die Frau in seinen Armen schien sich heute nicht entspannen zu können. Lange sprachen sie kein weiteres Wort.
„Das Team ist am rätseln…"
„Am rätseln? Worüber?"
„Mmh…", Susanne strich leicht über seine warme Haut, „warum du dich so verändert hast."
Doch gegen ihre Erwartung blieb Hotch ruhig und begann zärtlich mit der Hand über ihren Rücken zu fahren.
„Weil ich das Glück hatte und du mir über den Weg gelaufen bist. Von alleine hätte ich dich nicht gefunden."
„Weil du nicht nach mir gesucht hast."
„Richtig. Jack und die Arbeit haben mich schon genug ausgefüllt." Erneut legte sich Stille über den Raum.
Bis Susanne sich bewegte. Sie erhob ihren Kopf und sah Hotch ernst in die Augen.
„Bin ich zu viel? Fühlst du dich mit mir überlastet?" Sie schluckte schwer.
„Nein…", entsetzt richtete sich Hotch auf und legte seine Hände auf ihre Wangen.
„Sei bitte ehrlich!"
„Wie kommst du auf diesen Gedanken… Ich liebe dich… Du bereicherst mein Leben und ich möchte dich nie wieder missen…" Zärtlich strichen seine Lippen über ihren Mund.
Es war Nacht und doch wurde die Straße von den blinkenden Lichtern mehrere Einsatzfahrzeuge bunt erhellt. Ein weiterer Wagen kam zum Stillstand, aus dem ein Uniformierter stieg.
Er trat zu einem am Wegrand abgestellten Wagen, dessen Motorhaube noch geöffnet war. „Wer hat den Wagen entdeckt?"
„Eine Streife. Dieser Weg ist nicht sehr befahren." Erklärte ein Deputy, der die Beweise katalogisierte.
Sheriff Marc Bennet aus Green Bay / Wisconsin warf einen Blick ins Wageninnere und wollte seinen Augen nicht trauen. „Wir brauchen Hilfe", stellte er bestimmt fest. Der Wagen gehörte Ava Lawton, der dritten vermissten Person des gestrigen Tages. „Das wird der BAU bestimmt nicht gefallen!"
Einen Blick auf seine Uhr zeigte ihm die fortgeschrittene Stunde. Er hatte aber keine Wahl. Er musste Alarm schlagen und um Hilfe ersuchen.
Stunden waren vergangen, als sich plötzlich Hotchs Handy auf dem Nachttisch bemerkbar machte.
Susanne fuhr aus dem Schlaf hoch, während Hotch bereits nach dem nächtlichen Störer griff.
„Bennet?" Verwundert versuchte Hotch sich an den Ermittler zu erinnern. Er nahm den Anruf entgegen: „Hotchner."
„Agent Hotchner", am anderen Ende meldete sich ein äußerst nervöser Sheriff. „Tut mir leid, dass ich so früh schon störe… Sie müssen unbedingt sofort kommen. Es passiert hier etwas Fürchterliches."
„Nun mal ganz langsam Sheriff… Was ist passiert?" Hotch hatte sich im Bett aufgesetzt und lauscht ungläubig den Worten des Anrufers. Sein Blick fiel auf die Uhr auf dem Nachttisch. Es war kurz vor fünf Uhr.
„Das ist wirklich merkwürdig." Bestätigte er schließlich. „Und Rice befindet sich noch im Gefängnis?... Schicken Sie mir Fotos. Ich rufe das Team zusammen. In zwei Stunden sind wir in der Luft." Hotch beendete das Gespräch und schaute verwundert zu Susanne hinunter.
„Erinnerst du dich noch an Sheriff Bennet?"
„Ja… war das nicht der Fall mit dem jungen Bobby Rice?"
Hotchner nickte. „Wir müssen unbedingt nach Green Bay. Ich gebe den anderen Bescheid." –
Sheriff Bennet atmete erleichtert auf, als er die Verbindung nach Quantico unterbrach.
Er sah zu seinen Kollegen hinüber, die noch Spuren an dem Wagen sicherten. Es schien, als wenn Miss Lawton eine Panne gehabt hätte. Nun fehlte jegliche Spur von ihr.
Langsam überquerte er die Straße und trat an die Kollegen heran: „Pat, wenn ihr soweit fertig seid, dann sichert den Tatort bitte ab. Die BAU möchte bestimmt einen Blick auf ihn werfen."
„Sicher Sheriff."
Frank verstaute zwei Stunden später ihre Tasche im Flugzeug. Noch war es ruhig, da die Kollegen noch nicht eingetroffen waren. Sie wurde sich aber des Blickes ihres Teamchefs bewusst und sah zu ihm hinüber. Lächelnd trat sie auf ihn zu. Ihre gemeinsame Zeit war mal wieder vorüber. Jetzt hieß es wieder vorsichtig sein.
Hotchner empfand es wohl ebenso. Leicht spielten seine Finger mit ihrer Hand. Schon diese kleine Berührung war unendlich kostbar und für die nächste Zeit tabu.
Erschrocken kämpften sie sich in die Wirklichkeit zurück, als sie Schritte auf der Gangway des Flugzeuges vernahmen. Frank löste ihre Hand und ließ sich auf einem Fensterplatz am Tisch nieder. Tief durchatmend versuchte sie ihren Puls zu beruhigen.
„Was ist so früh passiert?" Reid und Rossi betraten als Erste den Fluggastraum.
„Ich erkläre es euch, wenn alle da sind." Begann Hotchner zu erklären. „Es geht wieder nach Green Bay. Sheriff Bennet hat sich mit erschreckenden Nachrichten gemeldet."
„Green Bay?" Morgan trat ein, gefolgt von Jareau. „Ist Rice etwa ausgebrochen?" Fragte Morgan belustigt.
„Nein, ist er nicht. Das hat Bennet schon überprüft!" Erklärte Hotchner ernst.
Verwundert tauschten Morgan, Reid und Rossi fragende Blicke aus. Konnte es wirklich mit Rice zu tun haben?
„Wo bleibt Emily?" Unruhig schaute Hotchner aus dem Fenster. Während sich die Kollegen zum Abflug bereit machten, trat er in den Vorraum und schaute durch die Flugzeugtür in Richtung Parkplatz. In der aufkommenden Dämmerung konnte er keine Person ausmachen. Das war ja so gar nicht Prentiss Art. Entschieden nahm er sein Handy zur Hand und wählte die Kollegin an.
Doch das Handy war abgeschaltet. Es meldete sich nur die Mailbox: „Emily? Wo bleibst du? Ich versuche es jetzt noch bei dir zu Hause. Bitte melde dich, sobald du diese Nachricht abhörst."
Entschieden wählte er ihre Wohnung an. Das Freizeichen erklang, es wurde aber nicht abgehoben. Ob sie auf dem Weg zum Flughafen war?
„Na, hast du sie erreicht?" Morgan war zu seinem Teamchef getreten.
Hotchner schüttelte mit ernstem Gesicht nur leicht den Kopf. „Ihr Handy ist aus. Zu Hause nimmt sie nicht ab.
Sie würde sich doch melden, wenn sie sich verspätet."
Morgan nickte zustimmend. Langsam machte er sich auch Sorgen. Das passte so gar nicht zu ihr.
„Soll ich nach ihr sehen?" Schlug Morgan vor. „Wir könnten dann nachkommen."
„Wenn du das machen würdest", stimmte Hotchner nach kurzem Überlegen zu. „Wir müssen los." Morgan nickte verstehend. Das war schließlich ihr Job.
„Halte mich auf dem Laufenden."
„Keine Sorge." Morgan stand schon in dem Durchgang zum Fahrgastraum. „Es wird ihr nichts passiert sein."
Kurze Zeit später hatte er seine Sachen zusammengesucht und verließ das Flugzeug. Er ging einige Schritte, bevor er sich umdrehte und dem Flugzeug, mit seinen Kollegen am Bord, nachsah.
Buddhistische Weisheit:
Wer die Wahrheit sucht, darf nicht erschrecken, wenn er sie findet.
„Garcia, bist du soweit?" Hotchner setzte sich zu den restlichen Kollegen an den Tisch im Flugzeug.
„Ja, Chef." Garcia erschien auf dem Bildschirm im Flugzeug. „Derek ist auch mit euch verbunden."
„Gut." Hotchner öffnete die Mappe vor sich. „Allzu viel weiß ich auch noch nicht.
Sheriff Bennet rief heute früh an. In Green Bay sind innerhalb von einem Tag drei Menschen als Vermisst gemeldet worden."
„Was ist das Problem?" Jareau sah ihren Teamleiter noch verwirrt an.
„Als erstes verschwand Vorgestern Morgen Luke Armstead. Er ist neunzehn und ist nicht zur Arbeit erschienen." Hotchner ließ sich von dem kleinen Einwurf der Kollegin nicht aus der Ruhe bringen. „Mittags wurde er von seiner Mutter als Vermisst gemeldet. Die Polizisten konnten seinen Weg rekonstruieren. Er wurde in einem Kaffeeshop das letzte Mal gesehen. Keine fünfzig Meter entfernt fanden sie eine Armbanduhr am Straßenrand, die seine Mutter eindeutig als Familienerbstück identifizieren konnte."
„Vielleicht hat er Geld gebraucht und hat die Uhr versetzt." Wandte Rossi ein.
„Mrs. Armstead ist sich ganz sicher, dass er die Uhr morgens noch getragen hat."
„Als zweites verschwand Robert Sampson. Siebzig. Er bessert seine Rente auf, indem er Zeitungen verteilt. Es gab Anrufe beim Verteilerservice, da Zeitungen nicht angekommen waren. Mr. Sampson gilt als sehr zuverlässig. Er war früher Postbote.
Man fand seinen Handwagen in einer Nebenstraße." Hotchner machte eine kleine Pause und zog ein Foto hervor, welches er mittig auf dem Tisch platzierte.
„Man fand in seinem Wagen dieses Paar Schuhe."
„Mit Schnallen!" Reid sah sofort, was dieses Paar Schuhe so besonders machte.
„Jetzt verstehe ich!" Erklang Morgans Stimme aus dem Lautsprecher des Laptops. „Rice ist aber noch im Gefängnis, hast du eben gesagt, Hotch?!"
„Richtig." Bestätigte Hotchner noch einmal für alle. „Sheriff Bennet hat besonders nach dem dritten Fall, als erstes an Rice gedacht. Er hat aber ein sehr gutes Alibi."
Frank musste sich ein kleines Lächeln verkneifen. Sie hatte Hotchner die ganze Zeit beobachtet. Die Kollegen hatten wirklich recht. Er hatte sich verändert…
„Was ist mit der dritten Person?" Brachte Rossi sie wieder zurück zu den Entführten.
„Ava Lawton. Eine junge Frau. Sie war auf dem Weg zu ihren Eltern in Green Bay. Kam dort aber nie an.
Ihren Wagen haben sie vor fünf Stunden auf einer abgelegenen Nebenstraße gefunden. Die Untersuchungen laufen noch, aber anscheinend hatte sie eine Panne.
Marc Bennet fand auf dem Beifahrersitz Haarspangen."
Die Kollegen nickten verstehend.
„Nach den ersten Erkenntnissen, haben die drei Opfer keinen gemeinsamen Berührungspunkt. Lösegeldforderungen sind bisher auch nicht eingegangen."
„Es hört sich eher so an, als wäre Miss Lawton ein Zufallsopfer." Begann Frank die Diskussion zu eröffnen.
„Und da es Rice nicht gewesen sein kann, haben wir einen Nachahmungstäter." Bestimmte Morgan.
„Aber die genauen Gegenstände wurden in den Zeitungen nicht beschrieben." Übernahm Reid. „Irgendwoher muss er sich Insiderinformationen besorgt haben."
„Richtig", übernahm Hotchner wieder, „daher werden wir als Erstes Sheriff Bennet darüber informieren müssen."
„Wir brauchen sämtliche Akten seiner Kollegen und alle, die mit dem Fall direkten oder indirekten Kontakt hatten." Bestimmte Reid.
„Bennet könnte es auch gewesen sein." Wandte Jareau ein.
„Das glaube ich nicht." Entgegnete der Altermittler. „So wie wir ihn kennengelernt haben, wäre er nicht der Typ für so eine Tat."
„Ich stimme Dave zu." Schloss sich Hotchner an.
„Aber vielleicht hat es ihm gefallen, dass er damals Aufmerksamkeit bekam." Vertrat Jareau weiterhin ihre Meinung.
„Gut, wir werden auch ihn kontrollieren." Entschied Hotchner schließlich. Dann wandte er sich an Frank: „Was meinst du dazu?"
„Ich denke, er hat nichts damit zu tun. Aber, dass wird er uns bei einem klärenden Gespräch bestimmt bestätigen… Wie sieht es mit einem Zellengenossen von Rice aus?"
Hotchner nickte zustimmend. „Garcia, schau bitte nach, ob Rice Besuch hatte und ob in der Zwischenzeit ein Mithäftling entlassen wurde."
„Sicher, Chef." Damit verschwand Garcia vom Bildschirm.
Auf dem Weg durch die langsam erwachende Stadt zu Prentiss Wohnung, versuchte Morgan seine Kollegin immer wieder zu erreichen. Aber kein Lebenszeichen war von ihr zu bekommen.
Energisch stieg er vor ihrem Wohnblock in die Bremsen und sprang aus dem Wagen. Eilig lief er auf die Haustür zu.
Er war lange nicht mehr hier gewesen, stellte Morgan feste, als er endlich vor der Wohnungstür von Prentiss angekommen war. Seine Zeit mit Jess war zu kostbar. Obwohl er sich langsam nicht mehr so sicher ob seiner Gefühle für Hotchners Schwägerin war. Das Verhältnis zwischen ihnen hatte sich in den letzten Wochen schleichend verändert.
Aber jetzt ging es um Emily. Morgan klopfte energisch gegen die weiße Tür. Während er auf eine Reaktion in der Wohnung wartete, erfasste sein Auge eine Bewegung am Ende des Flures. Der Hausmeister der Wohnanlage stand auf einer Leiter und wechselte Glühbirnen aus.
Erneut klopfte er an. „Emily!" Noch immer war keine Regung hinter der Tür zu vernehmen.
„Entschuldigen Sie bitte." Der Hausmeister trat auf ihn zu. „Kann ich Ihnen weiterhelfen? Wir dulden hier keine Randale."
Morgan drehte sich dem Näherkommenden zu. Noch immer gab es Menschen, die die Welt in zwei Klassen teilten. Er schüttelte für sich leicht den Kopf. Normalerweise wäre er auf das Spiel des Mannes eingegangen und hätte ihn jetzt nur verächtlich angelächelt. Aber ihm war im Moment nicht nach spaßen.
Morgan zog ernst seinen Dienstausweis und hielt ihn dem Hausmeister entgegen. „FBI!"
Erkennend fuhr der Mann zurück. „Kann ich Ihnen helfen?"
„Ich suche meine Kollegin. Emily Prentiss."
„Oh Miss Prentiss… Eine sehr nette junge Frau."
„Ja, das finde ich auch." Versuchte Morgan den Mann wieder in die Spur zurückzuführen. Er brauchte jetzt Informationen. „Haben Sie sie seit gestern Abend gesehen?"
Der Mann überlegte kurz. „Nein. Sie ist ja auch oft unterwegs. Soweit ich weiß, stand sie gestern Abend noch auf abwesend, als ich Feierabend gemacht habe."
„Hätten Sie einen Schlüssel?" Morgan deutete auf die verschlossene Wohnungstür.
„Ich weiß nicht…" Der Hausmeister schien sich nicht sicher zu sein, ob er einfach einen fremden Mann in die Wohnung lassen sollte.
„Keine Sorge… Ich will nur kurz nachsehen, ob ihr etwas passiert ist. Sie ist nicht zum Dienst erschienen."
Der Hausmeister nickte, nach weiteren endlosen Sekunden, endlich zustimmend. Er zog ein Schlüsselbund aus seiner Kitteltasche hervor und suchte zwischen den vielen Schlüsseln den richtigen aus. „Das ist ein Generalschlüssel. Extra für solche Momente."
Morgan wartete geduldig, bis der Mann endlich den Schlüssel im Schloss umdrehte. „Ich muss aber nicht mit hineingehen?!"
„Nein", Morgan hatte sich neben den Mann hergeschoben und drückte die Wohnungstür auf. „Bleiben Sie bitte hier."
Prentiss schlug die Augen auf. Im ersten Moment war alles um sie herum dunkel. Doch innerlich fühlte sie, dass sie nicht in ihrem Bett in ihrer Wohnung lag. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Umgebung. Auf ihrer linken Seite schimmerte es rot. Sie griff danach. Stoff! Vorhangstoff!
Die kleine Bewegung und die Bemühungen das Gehirn wieder in Gang zu werfen, strengten sie ungewöhnlich an. Was war geschähen? Wo war sie?
Es schien heller Tag zu sein und doch konnte sie sich nur an den Abend mit den Kollegen erinnern. Sie sah sich in Gedanken den dunklen Parkplatz entlanggehen und vernahm die Stimmen der sich entfernenden Kollegen.
Sie hatte sich beobachtet gefühlt und dann war da dieser Mann gewesen… Mit dem Chloroform!
Das erklärte ihre Mattigkeit!
Doch wo befand sie sich? Sie nahm eine schaukelnde Bewegung war. Ein Boot?!
„Gut, dass Sie endlich da sind." Sheriff Bennet kam auf die Agents zugeeilt, als diese das Polizeirevier betraten.
„Sheriff", Hotchner ergriff die dargebotene Hand, „gibt es schon Neuigkeiten?"
„Nein, keine Spur. Der Täter hat sich auch noch nicht gemeldet. Ich habe bei allen Angehörigen Beamte im Einsatz." Erklärte der örtliche Gesetzeshüter sein bisheriges Vorgehen und führte die Agents wieder in den Besprechungsraum vom letzten Mal.
„Sheriff Bennet", begann Rossi, „wir müssen im Moment davon ausgehen, dass unser Täter Insiderinformationen hat. Es gab in der Öffentlichkeit keine genaue Beschreibung der damals gefundenen Gegenstände."
„Das bedeutet, Sie möchten die Akten aller Kollegen einsehen!" Bennet nickte verstehend. „Ich lasse sie Ihnen sofort holen. Selbstverständlich bekommen Sie auch meine Akte!"
Rossi und Hotchner wechselten einen zufriedenen Blick. Sie hatten sich nicht in den Ordnungshüter geirrt.
„Wir gehen nicht davon aus, dass Sie etwas damit zu tun haben", begann Hotchner beschwichtigend, „es ist reine Routine."
„Gut, dann fahren JJ und ich los und schauen uns die Tatorte an." Rossi forderte seine Kollegin zum Aufbruch auf.
Hotchner nickte. „Reid, du beginnst damit die Akten zu sichten."
„Ich könnte auch eine Karte der Stadt gebrauchen, dann schau ich mal, ob geographisch ein Muster zu erkennen ist."
„Derweil fahren Frank und ich zu den Angehörigen der Vermissten." Erklärte Hotchner weiter. „Bennet, es wäre gut, wenn Sie uns begleiten würden."
Der Sheriff nickte zustimmend.
„Und Reid", schloss Hotchner, „Garcia soll sich mit den Vermissten beschäftigen. Vielleicht gibt es ja doch irgendwo eine Verbindung."
Morgan stand mit dem Handy am Ohr in Prentiss Wohnzimmer, nachdem er diese gründlich untersucht hatte.
„Hast du Emily gefunden?" Kam es sofort durch die Leitung, als die technische Analystin das Gespräch angenommen hatte.
„Pen", begann er seine Kollegin zu beschwichtigen. „Hier ist keine Spur von Em. Sie scheint gestern Abend hier nicht angekommen zu sein. Ihr Bett ist unberührt."
„Oder sie ist sehr früh aufgestanden!" Wandte Garcia ein.
„Nicht, wenn sie ausschlafen könnte." Entgegnete der Agent. „Versuchst du bitte ihr Handy zu orten."
Deputy Pat Shaw brachte die Agents Rossi und Jareau zu dem Ort, an dem das Wägelchen von Robert Sampson verlassen vorgefunden worden war.
Ein reines Wohngebiet, nicht weit von der Innenstadt entfernt, stellte Rossi für sich fest, als er sich die nähere Umgebung besah.
„Der Wagen stand hier." Deputy Pat Shaw trat auf eine mit Kreide markierte Stelle auf dem Gehweg zu. Er hatte Fotos mitgebracht und reichte sie an die Agents weiter.
„Kennen Sie Mr. Sampson?" Fragte Jareau ihren einheimischen Begleiter.
„Ja." Bestätigte der Deputy. „Er hat damals in meinem Viertel die Post ausgetragen."
„Und wie würden Sie ihn beschreiben, Shaw?"
„Als sehr zuverlässig!" Der Deputy hatte sich Rossi zugewandt. „Ich habe nicht einen Tag erlebt, an dem unsere Post zu spät kam. Außer es war ein Vertreter unterwegs.
Er war beliebt, war freundlich und hatte für jeden ein gutes oder auch tröstendes Wort."
Rossi nickte verstehend und besah sich nochmals die Fotos in seiner Hand. „Hatte er immer Spielzeug in seiner Tasche?"
„Spielzeug?!" Verwundert sah Shaw über Rossis Schulter auf die Fotos. In der Tasche konnte er neben den Tagezeitungen die Schuhe mit den Schnallen erkennen. Dann sah er die kleinen Tierfiguren. Rehe, Hirsche, ein Wildschwein mit Nachwuchs…
„Die habe ich noch nie bei ihm gesehen." In der Stimme des Deputys schwang Verwunderung mit.
„Nun", übernahm Jareau, indem ihr Blick über die Umgebung schweifte, „nach Zeugen werden wir uns hier wahrscheinlich nicht umzusehen brauchen. Mr. Sampson war zu früh unterwegs."
„Fahren wir weiter." Stimmte ihr Rossi zu.
„Mrs. Armstead", Hotchner hatte sich neben Bennet auf der Couch im Wohnzimmer niedergelassen. Nun sah er die Frau im mittleren Alter, die ihm gegenüber saß, beruhigend an. „War gestern Morgen irgendetwas anders an Luke?"
„Nein." Sprach die Frau leise. „Er kam wie jeden Morgen nicht aus dem Bett. Daher ging es ziemlich hektisch zu."
„Hat er in den letzten Tagen etwas Außergewöhnliches erlebt?" Frank saß neben Mrs. Armstead, die sie mit ängstlichen Augen ansah. „Er hat nichts erzählt. Er war wie immer, lustig und hilfsbereit. Er hat mir Streiche gespielt. Das macht er gerne."
„Und bei der Uhr sind sie sich ganz sicher, dass es sich um Lukes handelt?" Sprach Hotchner das nächste Thema an.
„Ja, wegen der Gravur auf der Rückseite." Hotchner nahm ein Foto zur Hand, auf der die Rückseite der Uhr zu sehen war.
„Wir, mein verstorbener Mann und ich, wir wollten, dass Luke ein Andenken an seinen Vater hat. Es war schon während meiner Schwangerschaft klar, dass Sam seinen Sohn nicht mehr lebend auf der Welt begrüßen konnte.
Er hatte eine sehr aggressive Form von Leukämie."
Noch nach fast zwanzig Jahren kamen Mrs. Armstead die Tränen über diese Ungerechtigkeit und die Angst um ihren Sohn. „Ist Luke Tod?"
„Keine Sorge, Mrs. Armstead. Wir werden alles versuchen, um Luke zurückzubringen." Versprach der Teamchef beherzt. „Wir sind sehr zeitig gerufen worden. Unsere Chancen ihn noch lebend zu finden sind sehr hoch."
Mrs. Armstead verzog den Mund zu einem kurzen Lächeln. Sie verstand die aufmunternden Worte des Agents. Er konnte ihr nicht mehr versprechen.
Derek Morgan befand sich zusammen mit dem Hausmeister in der Tiefgarage der Wohnanlage. Prentiss dunkelblauer Chevrolet Camaro stand nicht auf seinem Platz.
„Gibt es eine Überwachungskamera?" Wandte sich der Agent an den Hausmeister, als er alle Möglichkeiten durchdacht hatte. Entweder war seine Kollegin gestern Abend nicht hier angekommen oder ihr war etwas auf dem Weg zum Flugplatz passiert.
„Ja, dazu müssten wir aber in den Empfangsbereich. Dort können wir uns die Bilder ansehen."
Nur wenige Straßen weiter, erreichten Rossi, Jareau und Shaw den Ort, an dem der junge Luke Armstead verschwand. Noch während der Fahrt ließen die beiden Agents ihre aufmerksamen Augen über die Straße schweifen, die jetzt zur Mittagszeit äußerst belebt war.
Deputy Shaw stoppte seinen Polizeiwagen am Straßenrand vor einem Coffee-Shop. Sie stiegen aus.
„Gegen wie viel Uhr hatte man Luke Armstead zuletzt gesehen?" Rossi konnte sich bei dem jetzigen Betrieb nicht vorstellen, wie niemand etwas von dem Verschwinden des Jungen mitbekommen haben sollte."
„Gegen fünf." Erklärte Shaw und deutete auf den Laden im Hintergrund. „Er kommt jeden Morgen in den Coffee-Shop."
„Das erklärt, warum sich die Bediensteten so gut an ihn erinnern konnten." Sprach Jareau ihren ersten Gedanken laut aus.
Der Deputy leitete die Agents zu dem vermeintlichen Tatort. Jareau nahm ein Foto entgegen, welches die örtlichen Ermittler vorsorglich geschossen hatten. Darauf waren ein Kaffeebecher mit dem Logo des Shops zu sehen und bräunliche Flüssigkeit, die den Gehweg bedeckte. Dazu war eine erhebliche Menge an Stroh über die Situation verteilt. Dicht neben dem Becher gab es auf dem Foto eine kleine Lichtspiegelung. Das Foto war wohl mit Blitzlicht gemacht worden. Jareau deutete auf den Lichtpunkt: „Was war das?"
„Die Armbanduhr." Shaw reichte ihr ein weiteres Foto. Eine Nahaufnahme des Bechers aus einem anderen Winkel. Daneben lag die Uhr.
„Unser UnSub muss ihm die Uhr abgenommen haben. Er hat sie nicht im Kampf verloren. Weder das Armband ist gerissen, noch hat das Glas einen Kratzer abbekommen." Stellte Rossi seine Erkenntnisse zusammen.
„Woher kommt das Stroh?" Wandte sich Jareau an den Deputy.
Dieser hob entschuldigend die Schultern. „Wir haben keine Ahnung. Es gab keinen Transport in dieser Straße."
„Wir sollten mit der Bedienung von gestern Morgen reden." Jareau deutet auf die großen Glasscheiben, die einen weiten Blick in den Shop ermöglichten.
Kurz darauf war die Bedienung, Mrs. Brown, ausfindig gemacht. Sie war gerade im Begriff Feierabend zu machen und trat müde zu den Ermittlern auf den Gehweg.
„Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um mit uns zu sprechen." Begann Jareau das Gespräch und lächelte die ältere Frau gewinnend an.
„Luke kam jeden Morgen." Jareau nickte verstehend zu den Worten der Frau. Ihre Stimme ließ ihre Fassungslosigkeit deutlich erkennen.
„War gestern Morgen irgendetwas anders als gewöhnlich?" Begann Rossi sich in das Gespräch einzubringen.
„Nein. Luke bestellte wie immer einen Karamell-Macchiato…" Die beiden Agents spürten, wie die Frau stockte und warteten geduldig bis sie weitersprach.
„Etwas ist mir merkwürdig vorgekommen." Mrs. Brown wurde nervös. Wahrscheinlich war ihr ihre Beobachtung erst jetzt wieder eingefallen. „Ich habe Luke hinterher geschaut. Dann kam ein neuer Kunde… Aber ich sah einen blauen Lieferwagen. Er fuhr ziemlich langsam und nahe am Bordstein."
„Es war 5 a.m., da war es draußen noch dunkel." Vorsichtig sprach Rossi die Worte aus, „Sind Sie sicher, dass er blau war?"
„Ja, ich sah ihn im Licht der Straßenlaterne." Dabei deutete sie auf eine Laterne neben dem Coffee-Shop.
„Konnten Sie eine Aufschrift auf dem Lieferwagen erkennen? Oder ist ihnen sonst noch etwas aufgefallen?" Jareau spürte, hier waren möglicherweise weitere Informationen zu holen.
Die Bedienung schüttelte leicht den Kopf. „Da war nichts drauf…"
„Aber er stand nicht die ganze Zeit hier?" Fragte Rossi interessiert weiter.
„Nein… So gut zehn Minuten später, es können auch fünfzehn gewesen sein, stand er dort." Mrs. Brown deutete auf eine Stelle, gute zwanzig Meter weiter die Straße hinunter.
„Woher wissen Sie, dass es sich um den selben Wagen handelte?" Rossi war verwundert. Mit diesem Wissen: Könnten sie hier eine mögliche Mittäterin vor sich haben?
„Ich erinnere mich nur, dass das Licht seltsam auf dem Wagen schien. Beim zweiten Mal… als er dort stand… da konnte ich eine Beule in der Schiebetür erkennen." Mrs. Brown deutete wieder auf die gleiche Stelle.
„Gut", Jareau lächelte die Frau dankend an. „Vielen Dank Mrs. Brown, dass Sie sich noch die Zeit genommen haben. Das sind wichtige Informationen für uns."
Sie verabschiedeten die Frau und schlenderten dann auf die Stelle zu, die Mrs. Brown ihnen als Standpunkt des Lieferwagens angegeben hatte.
„JJ, schau!" Rossi hatte sich an den Bordstein gekniet und angelte etwas aus dem Rinnstein.
Als Jareau einen Blick auf die Hand von Rossi werfen konnte verstand sie sofort: Strohhalme.
Rossi erhob sich und ließ sich von Shaw eine Plastiktüte geben. Während sie die Halme verpackten, stellte Rossi entschieden feste: „Die Halme hat unser UnSub mit voller Absicht verstreut. Es fragt sich nur warum!?"
Morgan stand hinter dem Empfangschef, der ihm die Aufnahmen der Sicherheitskameras der Tiefgarageneinfahrt auf dem Überwachungsmonitor abspielen ließ.
„Es gibt keine Eintragung von gestern, dass Miss Prentiss nach Hause gekommen ist." Wandte der Portier etwas mürrisch ein. Morgan war sich bewusst, dass diese Menschen ihren Job sehr ernst nahmen. Aber er brauchte Gewissheit. Prentiss Kommen und Gehen hätte ja auch übersehen werden können. Zumindest konnte Morgan den abzusuchenden Zeitraum zeitlich ziemlich genau begrenzen.
„Das verstehe ich. Aber ich brauche Gewissheit, bevor ich weitere Schritte einleiten kann."
Das Klingeln eines Telefons durchdrang den Raum.
„Hey meine Zuckerschnute! Hast du etwas für mich?" Morgan hatte nach einem kurzen Blick auf das Display seines Handys das Gespräch angenommen.
„Emilys Handy ist aus." Begann Garcia hektisch. „Ich habe nach ihren letzten Aktivitäten gesucht. Das war gestern gegen 10 p.m. in der Gegend wo wir noch was trinken waren."
„Dann ist es direkt passiert, nachdem wir uns gestern voneinander verabschiedeten…" Morgan war entsetzt. Er hatte Prentiss noch angeboten gehabt, sie zum Wagen zu begleiten. Doch lächelnd hatte sie nur abgelehnt. Wieso war er nicht hartnäckiger geblieben!
„Ich fahre hin… Dazu muss ich quer durch die Stadt!" Morgan hatte es jetzt eilig. Er hatte die Verbindung zu Garcia gekappt und sich kurz bei den Angestellten der Wohnanlage für ihre Hilfe bedankt, als er sich schon in Wagen wiederfand.
Hotchner stoppte den SUV am Straßenrand vor einem Mehrfamilienhaus. Zusammen mit Frank und Bennet machte er sich auf den Weg zu den Eltern von Ava Lawton. Ihm fiel sofort der ältere Mann auf, der eilig auf den Balkon im zweiten Obergeschoß getreten war. Er machte sich Sorgen um seine Tochter. Jeder ungewöhnliche Laut auf der Straße ließ ihn wohl Ausschau halten.
Der Agent konnte die Gefühle des Mannes sehr gut nachvollziehen. Das Gefühl nicht zu wissen, ob und wie man sein Kind wiedersehen würde… Er dachte einen kurzen Moment lang an Jack.
Der Mann auf dem Balkon verschwand aus seinem Blickfeld, denn sie waren vor der Haustür angekommen und betraten den Flur.
Sie stiegen die Stufen in die zweite Etage hinauf. An der Wohnungstür empfing sie schon der Mann vom Balkon.
„Sheriff", sprach er Bennet auch augenblicklich an. „Haben Sie Ava gefunden?"
„Noch nicht." Begann Marc Bennet den Mann zu beruhigen. „Dies sind die Agents Hotchner und Frank von der Verhaltensanalyseeinheit des FBIs."
„Guten Tag Mr. Lawton. Wir würden uns gerne einen Moment mit Ihnen und Ihrer Frau unterhalten." Übernahm Hotchner.
„Ja, sicher. Kommen Sie doch herein." –
Eine halbe Stunde später waren die Ermittler auf dem Weg zurück zu ihrem Wagen.
„Die Armen." Unterbrach Bennet die Stille, die zwischen ihnen herrschte. „Sie werden daran kaputt gehen, wenn wir ihnen nicht ihre Tochter wiederbringen."
Frank nickte zustimmend, während sie ihren Blick nochmals zurück auf die Fenster der Wohnung warf. Die beiden Menschen dort oben waren sehr mitgenommen.
„Du hast ihnen aber wieder Mut gemacht, Susanne. Das waren genau die richtigen Worte, die sie jetzt hören mussten." Hotchner lächelte seine Kollegin an.
Frank sah zu ihm hinüber und konnte seine tiefen Gefühle in seinen Augen lesen. Seinen Stolz. Gerne hätte sie einfach seine Hand ergriffen, aber der Gedanke an Bennet hielt sie davon ab.
„Ansonsten gab es keine wirklichen Neuigkeiten." Sprach Hotchner ein anderes Thema an. „Nur Bestätigungen unserer Vermutungen."
„Sollen wir uns noch die Wohnung von Mr. Sampson ansehen?" Schlug Bennet vor.
„Das würde nichts bringen." Wiegelte Frank ab.
Hotchner nickte zustimmend. „Lasst uns zurück ins Revier fahren. Mal sehen, was die Anderen so herausgefunden haben.
Besonders wundert es mich, dass wir noch nichts von Morgan gehört haben."
Prentiss schrak hoch. Sie schien wieder eingeschlafen zu sein. Immerhin fühlte sie sich besser. Diese totale Trägheit hatte sich verflüchtigt.
Überrascht stellte die Agentin fest, dass sie weder an Händen noch Füßen gefesselt war. Wozu also dieser ganze Aufwand?!
Wie lange hatte sie wohl geschlafen? Vorsichtig öffnete sie etwas den Vorhang zu ihrer Koje. Mit geübtem Blick suchte sie die kleine Kajüte ab. Sie schien alleine zu sein. Dann waren sie wohl auf hoher See.
Sie ließ ihre Beine über der Bettkante baumeln. Wenigstens konnte sie sich verteidigen. Ein grober Fehler, sie so zu unterschätzen.
Prentiss hielt den Atem an, als sie schwere Schritte über sich gewahr nahm. Wie viele waren wohl an Bord?
Sie lauschte intensiv weiter. Doch mehr als eine Person konnte sie nicht erlauschen. Eine einzelne Person konnte man leicht überwältigen.
Nach längerer Fahrt, in der sie die Stadt hinter sich gelassen hatten, erreichten Rossi, Jareau und Shaw den Wagen von Ava Lawton, der noch unverändert am Straßenrand stand.
„Hier wird es auch keine Zeugen geben." Rossi war ausgestiegen und sah zu seiner Kollegin über das Dach des Wagens hinüber.
„Dazu müssten wir die Medien einschalten. Aber das wird selbst hier draußen nichts bringen." Stimmte Jareau zu.
Während sie sich dem Wagen näherten, erhob Shaw seine Stimme: „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Miss Lawton ein Zufallsopfer sein muss. Es sieht nicht danach aus, als hätte sie während ihrer Fahrt irgendwo angehalten. Und auf dem ersten Blick scheint ihr Wagen wirklich defekt zu sein."
„Die Spangen lagen auf dem Beifahrersitz?"
„Richtig", nickte der Deputy. „Wir haben sie zur Untersuchung mitgenommen." Er hatte aber auch über diesen Fund ein Foto dabei.
„Die sehen den Spangen von damals sehr ähnlich." Bemerkte Jareau.
„Ansonsten sehe ich hier aber nichts was er noch hinterlassen haben könnte. Alles hier könnte auch Ava Lawton gehören." Rossi hatte sich im Wagen umgesehen. Nun trat er an den Kofferraum.
Interessiert trat Shaw neben den Altermittler. Konnte es möglich sein, dass sie auch hier etwas übersehen hatten? Aber vielleicht waren die zusätzlichen Funde ja doch nicht von dem Täter!
Die Hecktür schwang auf und der Deputy hielt den Atem an. Doch es war nichts zu sehen. Sie nahmen den Raum akribisch unter die Lupe. Aber nichts war zu finden.
Währenddessen suchte Jareau die Umgebung ab.
„Hier ist nichts!" Schloss Rossi die Untersuchung des Kofferraums ab.
„Ich finde auch nichts. Hier ist nichts, als Bäume und Sträucher."
Morgan lenkte seinen SUV auf den Parkplatz, den Prentiss am Abend zuvor benutzt hatte. Langsam rollte er die Reihen entlang und hielt nach dem dunkelblauen Wagen von Prentiss Ausschau.
Am Ende der zweiten Reihe wurde er schließlich pfündig. Warum hatte Prentiss ihren Wagen zurückgelassen? Sie hatte extra keinen Alkohol getrunken, da sie noch fahren musste.
Verwirrt über seine eigenen Gedanken, schüttelte Morgan seinen Kopf, als er ausstieg. Er trat auf die Fahrerseite und warf vorsichtig einen Blick ins Innere. Einerseits erleichtert musste er feststellen, dass es auch hier keine Spur von seiner Kollegin gab.
Morgan griff instinktiv zum Türgriff. Verwundert öffnete er die unverschlossene Tür. Vorsichtig, um keine möglichen Spuren zu gefährden, schweifte sein Blick durch das Innere des Wagens. Blutspuren waren nicht zu sehen. Dafür blitzte etwas unter dem Fahrersitz auf. Ein Handy! Prentiss'.
Hier stimmte etwas nicht. Morgan war sich sicher, dass seiner Kollegin etwas passiert war. Nur was?
Und das Team saß in Green Bay fest!
Hotch musste entscheiden…
Doch was war das?
Prentiss hatte die Für und Wider abgewogen und sich dafür entschieden, ihren Entführer kennenzulernen.
Sie stand auf und war erstaunt, dass ihr Kreislauf sie nicht im Stich ließ. Trotzdem machte sie erst einige vorsichtige Schritte. Doch alles schien wieder in Ordnung zu sein.
Langsam ging sie zur Kajütentür und schob sie auf. Frischer Seewind schlug ihr entgegen.
„Na endlich. Da bist du ja wieder. Ich habe mir schon Sorgen gemacht." Diese Stimme kannte Prentiss. Das konnte nicht wahr sein.
„Du?" Brachte sie leise heraus.
„Da staunst du, was?" Sprach der Mann stolz. „Wenn du dir keine Erkältung holen willst, solltest du dir deine Jacke überziehen."
Prentiss warf einen Blick zurück in die Kajüte und sah eine dicke, wetterfeste Jacke an einem Haken an der Wand hängen.
„Habt ihr noch etwas vor Ort gefunden?" Reid hatte sich als letzter an dem Tisch in der Mitte des Raumes niedergelassen und sah seine Kollegen interessiert an.
„Nicht wirklich viel." Begann Rossi mit seiner rauen Stimme. „Wir können wohl davon ausgehen, dass alle drei Zufallsopfer waren."
„Obwohl wir davon ausgehen können, dass er Mr. Sampson und Mr. Armstead kannte." Übernahm Jareau. „Zumindest kannte er ihre Gewohnheiten. Was uns daraus schließen lässt, dass er ein Einheimischer ist. Oder zumindest seit längerem hier lebt."
„In den Akten zu ihren Mitarbeitern habe ich auch nichts Gravierendes gefunden, Sheriff." Reid sah dabei zu dem Mann in Uniform hinüber, der versuchte den Fakten der Ermittler zu folgen. „Es gab Kleinigkeiten in ferner Vergangenheit. Die können wir als Jugendstreiche ansehen."
„Und gerade diese Kollegen haben sich in ihrer bisherigen Dienstzeit als äußerst zuverlässig erwiesen." Sprach Bennet mit bestimmter Stimme.
Das zeigte Hotchner, dass der Sheriff über seine Leute Bescheid wusste. Er würde für jeden von ihnen seine Hand ins Feuer legen.
„Wir haben aber noch etwas an den Entführungsorten gefunden." Brachte Jareau die Kollegen wieder zurück zum Anfang. „Er hat nicht nur die Hinweise auf Rice zurückgelassen… Wir haben Stroh vor dem Café gefunden, in der Tasche von Mr. Sampson befanden sich Tierfiguren. Ein Reh, Wildschweine…"
„Nur Waldtiere?" Unterbrach Frank interessiert ihre Kollegin.
„Ja", nickte diese zustimmend.
„Hingegen haben wir im Auto nichts gefunden." Wandte Rossi mit Zweifel in der Stimme ein.
„Du meinst, das hat keine Bedeutung?" Hakte Hotchner auch sogleich nach.
Rossi schaute ihn mit leicht schräg gestelltem Kopf zweifelnd an.
Morgan stieg als erstes der noch leichte Geruch in die Nase, als er einen faustgroßen Wattebausch im Gebüsch fand.
Wie sollte hier Watte ins dichte Gebüsch geraten?!
Der Agent war sich sofort sicher, dass sein Fund etwas mit dem Verschwinden seiner Kollegin zu tun hatte.
Entschieden zog er einen Handschuh aus seiner Jackentasche und hob den verschmutzten und durch die Nässe zusammengefallenen Klumpen auf.
Chloroform! Jetzt, da er die noch einigermaßen intakte untere Seite wieder der Luft zugeführt hatte, konnte er den Geruch eindeutig erkennen. Angewidert von dem Geruch, hielt er den Bausch mit gestrecktem Arm von sich. Eilig fischte er aus Prentiss Handschuhfach eine Plastiktüte hervor und ließ den Übeltäter hineinfallen.
Nachdem Morgan den Beutel verschlossen hatte, hielt er ihn sich vor die Augen. Er war sich sicher, dass das Labor eindeutig nachweisen konnte, dass dieser Fund dazu beigetragen hatte Emily zu entführen!
Nur wer kam dafür in Frage?
Frank spürte, dass sie momentan mit ihren Gedanken festgefahren waren. Denn alle ihre Kollegen saßen oder standen mittlerweile schweigend im Raum verteilt und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Es gab einfach keinen eindeutigen Hinweis, wo sich die drei entführten Personen befanden oder wer hinter den Entführungen stecken könnte.
Ihr kam Prentiss in den Sinn. Ob Derek sie wohl schon gefunden hatte? ... Aber dann hätte er sich bereits gemeldet!
Währenddessen legte sich ihr Blick auf Marc Bennet, der sich vor die Wand mit der Umgebungskarte gestellt hatte. Ob er wusste, dass sein Bruder Emily den Hof gemacht hatte? Um ihrem Gehirn Erleichterung zu verschaffen, stand sie auf und trat zu ihm.
„Wie geht es ihrem Bruder, Sheriff?" Begann sie ein unverfängliches Gespräch.
„Jeff?!" Verwundert schaute Bennet die FBI-Agentin, ob diesem unwichtigen Thema, an. „Ich denke gut. Ich habe schon seit Wochen nichts mehr von ihm gehört."
„Oh, dann wissen Sie gar nicht, dass er bei uns in D.C. war?"
„Nein", Bennet blinzelte mehrmals, so als könnte er dadurch die Informationen besser in sein Gehirn aufnehmen. „Als ich ihn zuletzt getroffen habe, war er sehr in Eile. Er wollte einige Sachen holen. Dabei hat er mir nebenbei erzählt, dass er sich verliebt hätte. Aber es wäre noch alles zu frisch, als dass er mir mehr erzählten wollte."
„War das schon immer seine Art, so mit seinen Freundschaften umzugehen?"
„Nein", Bennet starrte einen Moment in die Ferne und sah seinen strahlenden Bruder, wie er schon als Teenager seine erste Freundin mit nach Hause gebracht hatte. „Er ist mit seinen Beziehungen und Gefühlen sonst immer sehr offen gewesen.
Nur, wenn er gerade einen Auftrag als Privatdetektiv bekommen hat, dann ist er sehr verschwiegen. Deshalb dachte ich, er wäre hinter irgendeiner Spur her, als er plötzlich verschwunden war."
„Und dann sind Sie sich hier zufällig über den Weg gelaufen?" Als Bennet nickte, fragte Frank weiter: „Wann war das?"
„Mmh,…" Bennet schien zu überlegen, „so vor drei Wochen?!
Aber wieso interessieren Sie sich so für meinen Bruder? Hat er Ihnen Schwierigkeiten gemacht?"
„Nein", Frank lächelte ihn beruhigend an. „Er scheint sich in unsere Kollegin Emily Prentiss verliebt zu haben. Sie waren miteinander aus. Aber Emily hat ihm dann zu verstehen gegeben, dass er nicht ihr Typ ist."
Bennet schwieg. Frank konnte aber sehen, wie die Gedanken in seinem Kopf arbeiteten.
„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Sheriff, aber danach schien es, als würde er unsere Kollegin beobachten. Da scheinen wir uns aber wohl doch getäuscht zu haben. Denn seit drei Wochen hat sie Jeff nicht mehr gesehen."
„Apropos… Wo ist Ihre Kollegin? Und auch Agent Morgan fehlt!" Bennet hatte das Fehlen der Ermittler wohl bemerkt, sich aber nichts dabei gedacht.
„Emily ist heute nicht zum Dienst erschienen. Morgan sucht sie!"
Erklärte Frank mit ruhiger Stimme.
„Hey Penelope." Morgan trat mit ernstem Gesicht in das Büro der technischen Analystin.
Diese drehte sich überraschte auf ihrem Stuhl zu ihm um: „Hast du Emily gefunden?"
Morgan schüttelte leicht den Kopf. „Nein."
„Wo kann sie nur sein. Sie hätte doch irgendjemanden von uns Bescheid gegeben, wenn sie urplötzlich woanders hinmusste."
„Kannst du uns eine Verbindung nach Green Bay machen? Emily wurde entführt."
„Was?" Garcia war starr vor Schreck. Nervös blinzelte sie mit ihren Augen.
„Ruf Hotch an. Dann erzähle ich euch alles."
Endlich kam wieder Energie in Garcia und schwungvoll drehte sie sich wieder ihrem Computer zu. Sekunden nachdem sie ihren Chef angewählt hatte, nahm dieser auch schon ab:
„Garcia, hast du Neuigkeiten?"
„Aaron, stell das Handy auf laut. Dann brauche ich es nur einmal zu erzählen."
„Derek." Hotchner war erstaunt die Stimme seines Kollegen unter dieser Nummer zu hören. Dann schien er sich aber wieder gefangen zu haben, denn er rief die Kollegen herbei.
Kurz darauf konnten sie in Quantico die Agents auf der anderen Seite hören.
„Okay Derek, schieß los." Wurde er auch kurz darauf von Hotchner aufgefordert.
„Emily muss entführt worden sein." Morgan machte eine kleine Kunstpause, um den anderen die Möglichkeit zum Verstehen zu lassen. „Ich habe einen Wattebausch mit Chloroform in der Nähe ihres Autos gefunden, dass noch auf dem Parkplatz stand, wo wir uns gestern getrennt haben."
„Dann war sie die ganze Nacht nicht zu Hause?" Fragte Jareau dazwischen und sah bestürzt zu Frank hinüber.
„Nein, es gibt keine Anzeichen dafür. Das habe ich alles gecheckt." Morgan atmete tief durch.
„Die KTU?" Hakte Hotchner nach. Er wusste, dass Morgan den Wattebausch zur Untersuchung gebracht hatte.
„Sie untersuchen bereits die Watte. Bis es Ergebnisse gibt, wird es allerdings noch etwas dauern. Sie meinten in den frühen Morgen Stunden."
Es klopfte an Jareaus Hotelzimmertür. Überrascht trat sie heran und öffnete die Tür einen kleinen Spalt. „Susanne", überrascht öffnete sie die Tür weiter. „Komm rein."
„Ich wollte dich nicht lange stören." Begann Frank auch sogleich, als ihre Kollegin die Tür geschlossen hatte. Sie setzten sich an den Tisch, der vorm Fenster stand.
„Mir geht ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf.
Ich habe heute mit Marc über Jeff gesprochen. Er hat Jeff hier vor drei Wochen getroffen. Jeff hat ihm erzählt, dass er sich verliebt hätte und schien auch nur auf dem Sprung zu sein."
„Du meinst, er hat nicht aufgehört Emily nachzustellen?!"
„Wäre doch möglich." Versuchte Frank wage ihre Vermutung zu stützen.
„Aber warum hat sie uns das nicht erzählt?" Jareau stand auf und ging nervös durchs Zimmer. „Wir sollten Hotch davon erzählen."
„Sofort?" Frank schien zu zweifeln. „Vielleicht sollten wir bis morgen warten. Vielleicht wurde Emily ja doch nicht entführt. Und wir würden Jeff ohne wirkliche Beweise belasten."
„Nun, heute könnten wir sowieso nichts mehr unternehmen." Jareau nickte zustimmend. „Warten wir Morgen die Ergebnisse ab."
Die Agents hatten sich im Verhandlungsraum der Polizeistation in Green Bay versammelt. Alle schienen eine lange Nacht verbracht zu haben. Frank sah in den ernsten Gesichtern, wie alle sich Gedanken über das Verschwinden von Prentiss machten.
Leise tauschten sie ihre Gedanken miteinander aus, bis Hotchners Handy einen einkommenden Anruf mitteilte.
Eilig versammelten sie sich um ihren Teamchef.
„Guten Morgen ihr Lieben. Wie sieht es bei euch da draußen aus?" Erscholl Garcias Stimme durchs Handy.
„Morgen." Erwiderten einige leise.
„Habt ihr schon Ergebnisse von der KTU?" Rossi stellte die Frage, die alle heiß beschäftigte.
„Ja." Morgans Stimme erklang ernst. Er machte eine kleine Kunstpause. „Es ist eindeutig Emilys DNA vorhanden. Ansonsten hat der Täter Handschuhe benutzt."
„Hotch", begann Jareau und tauschte einen fragenden Blick mit Frank bevor sie fortfuhr, „es gäb da eventuell Jemanden, der etwas von Emily wollte."
„Wer?" Hotchner hatte sich schon überlegt, wie er hier Kollegen abziehen konnte, um Morgans Suche nach Prentiss zu unterstützen. Verwundert wechselte sein Blick zwischen Jareau und Frank.
„Jeff Bennet." Jareau schaute entschuldigend zum Sheriff hinüber.
„Sie meinen, mein Bruder könnte mit dem Verschwinden ihrer Kollegin etwas zu tun haben?" Geradezu entsetzt erwiderte er den Blick der FBI-Agentin.
„Um es kurz zu machen: Emily hat ihn abblitzen lassen. Und dann hatte sie das Gefühl, als würde sie beobachtet." Versuchte Frank Jareau's Vermutung zu stützen.
„Warum habt ihr nicht schon eher davon erzählt?" Erklang Morgans fragende Stimme durchs Handy.
„Weil Emily es nicht wollte." Erklärte Jareau. „Es war ihr peinlich."
„Und vor drei Wochen meinte sie, dass der Stalker aufgehört hätte. Sie fühlte sich wieder sicher." Frank sah zu Bennet. „Da haben Sie Ihren Bruder hier getroffen."
„Was ist, wenn er dann wieder zurück nach D.C. ist?" Schlug Garcia vor.
„Und Emily uns nicht unnötig mit ihren Sorgen belasten wollte?" Ergänzte Morgan. Seiner Stimme nach zu urteilen, machte er sich wirklich Sorgen.
„Reden Sie mit Jeff über Ihre Fälle?" Hotchner hatte sich gerader aufgesetzt und sah nun quer über den Tisch den Sheriff neugierig an.
„Sicher. Er ist Privatdetektiv. Für ihn sind solche Details auch interessant." Versuchte Bennet seine Taten zu rechtfertigen.
„Es macht Ihnen niemand Vorwürfe, Marc." Sprach Rossi mit ruhiger Stimme.
„Und wenn das alles hier nur eine Ablenkung für uns war?", Frank schien leicht nervös. „Wenn Jeff uns ganz eindeutige Hinweise geliefert hätte, die wir nur richtig erkennen müssen?" Sie schob ruckartig ihren Stuhl zurück, stand auf und trat an die Wand mit den Fotos der Tatorte.
„Lass uns an deinen Gedanken teilhaben Susanne, dann können wir helfen." Rossi lächelte leicht vor sich hin. Seine Kollegin schien einen Gedanken im Sinn zu haben, den sie nun akribisch verfolgt. „Hah…Garcia, … kannst du nachschauen, ob es in dem Gebiet, wo der Wagen von Miss Lawton gefunden wurde, eine Waldhütte oder Futterstelle für Wildtiere gibt?!"
„Sicher…" Garcia ließ ihre Finger über die Tastatur fliegen. „Es scheint zwei Futterstellen zu geben. Sie sind tief im Wald."
„Sie mal hier Pen." Morgan deutete auf einen Schatten auf einem Luftbild der Umgebung.
„Das scheint eine Holzhütte zu sein." Stimmte Garcia zu.
„Und der Weg führt zu beiden Futterstellen." Morgan hatte den dunklen Weg mit dem Finger auf dem Bildschirm verfolgt. „Kommst du eventuell an aktuellere Aufnahmen heran?"
„Sicher." Garcia tippte schon wieder auf der Tastatur herum, während sie erklärte: „Die habe ich in Null-Komma-Nichts. Die aktuellsten Satellitenbilder, … bitte sehr!"
Das Bild baute sich auf. „Dort, schau!"
„Was habt ihr?" Still hatten die Kollegen die Suche von Garcia und Morgan verfolgt. Jetzt brachte Rossi sie bei den beiden Agenten in Quantico wieder in Erinnerung.
„Es sieht so aus, als wenn ein blauer Wagen vor der Hütte stehen würde." Erklärte Morgan ihre Entdeckung.
„Das ist doch alles viel zu einfach!" Wandte Rossi ein.
„Lasst uns erst einmal nachschauen, ob sich die Entführungsopfer wirklich in der Hütte befinden." Entschied Hotchner. „Schickt ihr uns die Adresse?"
„Das ist Sampsons-Jagdhütte. Jeff war dort früher oft, wenn sie auf Jagd gingen. Der jüngste Sohn war sein bester Freund."
„Robert Sampson?" Hakte Rossi interessiert nach.
„Ja, die Hütte gehört seiner Familie. Ich glaube sie gehört heute seinem Bruder George."
Kurz darauf hielten zwei Polizeiautos und ein schwarzer SUV vor der Hütte im Wald. Die Ermittler sprangen in schusssicheren Westen heraus und zogen augenblicklich ihre Waffen.
Vorsichtig untersuchten sie als erstes den blauen Lieferwagen. Hotchner schob sich am Wagen entlang zur Fahrerkabine. Ruckartig drehte er sich, mit der Waffe im Anschlag, ins Innere. Doch keine Spur war zu sehen. Er nickte nach hinten, wo Rossi und Reid vor der geschlossenen Hecktür standen. Jareau und Frank standen vor der Schiebetür an der Seite und sicherten einen möglichen Fluchtweg.
Rossi zählte leise bis drei. Dann riss Reid die Tür auf und gespannt starrten ihre Blicke in das halbdunkel des Wagens.
„Sauber." Gab Rossi Sekunden später Entwarnung.
Schnell versammelten sich die Ermittler hinter dem Wagen, um eine direkte Sicht von der Hütte auf sie zu unterbinden.
„Gut, gehen wir hinein." Entschied Hotchner. „Sheriff, Sie kommen mit mir. Frank." Er nickte seiner Kollegin zu. „Dave, ihr geht nach hinten. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass diese Hütte einen Hinterausgang hat. Aber man kann nie wissen…"
Hotchner und sein Team warteten, bis sich die restlichen Kollegen um die Hütte verteilt hatten, dann schlichen sie sich zur Tür. Sie schien Hotchner ziemlich einfach und das Schloss recht ausgeschlagen. Er überließ es Frank, die Türmechanik zu betätigen und drang konzentriert in die Hütte vor.
Diese bestand nur aus einem einzigen Raum. Ein Tisch stand an der Seite, die Stühle fehlten. Diese standen um den kalten Kamin verteilt mit den Lehnen zur Tür.
Ein erstickter Laut kam von diesen Stühlen. Es schien auch, als würde einer von ihnen leicht wanken.
Nachdem sich ihre Augen endgültig an die leichte Dämmerung gewöhnt hatten, gingen sie neugierig geworden auf die Stühle zu. Hotchner trat um den linken Stuhl, Frank und Bennet um den rechten. Drei Paar ängstliche Augen starrten zu ihnen auf. Gefesselt an Händen und Füßen und mit Klebeband über den Mündern, gaben die Augen ihre Erleichterung wieder. Als ihre Blicke auf Bennet fielen, schossen die Augen des ältesten Mannes wütende Blicke auf den Sheriff.
Frank sah es erschrocken. Also waren sie mit ihren Vermutungen wohl wirklich nicht verkehrt. Besonders als sich die Augen von Miss Lawton noch um einiges mehr weiteten, als sie sich Bennet in ihrer Umgebung gewahr wurde.
„Wir haben die Entführten gefunden. Ansonsten gibt es keine Spur." Gab Hotchner augenblicklich ihre Entdeckung an die Kollegen außerhalb der Hütte weiter.
„Hier ist auch nichts zu finden." Erklang Rossis Stimme übers Mikrophon. „Wie geht es ihnen?"
„Keine gravierenden Verletzungen. Sie stehen teilweise aber unter Schock." Gab Hotchner Auskunft. „Wir brauchen Sanitäter."
„Ist gut." Bestätigte Rossi. „Wir kommen dann rein."
Während Bennet und Frank bereits dabei waren Lawton und Armstead zu befreien, begann nun auch Hotchner die Fesseln an Sampsons Händen zu lösen. Kaum waren diese frei, rieb er sich die geschundenen Handgelenke und riss sich im nächsten Moment das Klebeband von den Lippen.
„Wenn ich ihren Bruder in die Finger bekomme Sheriff, dann Gnade ihm Gott!" Der ältere Mann schien wirklich sehr erbost.
„War es wirklich Jeff?" Bennet schien schwer an diesem Satz zu schlucken.
„Ja. Eindeutig." Zustimmung einfordernd sah er zu seinen Leidensgenossen hinüber. Beide nickten nur stumm.
„Gut, das können Sie gleich alles bei der Polizei zu Protokoll geben." Versuchte Hotchner die Situation etwas zu beruhigen. „Hat Jeff irgendetwas gesagt, was er vor hat? Wo er als nächstes hin wollte?"
Miss Lawton schien völlig fertig zu sein und schien die Frage gar nicht gehört zu haben.
Frank ergriff sie am Oberarm. „Kommen Sie mit hinaus. Der Krankenwagen wird gleich da sein. Können Sie gehen?" Die junge Frau sah zu der freundlich lächelnden Agentin hoch. Erschöpft schien sie zu allem bereit. Solange sie nur hier heraus kam.
Jeff Bennet war sich über die Folgen für das weitere Leben dieser Menschen wohl nicht bewusst gewesen. Diese arme Frau würde nicht so einfach wieder ins normale Leben zurück finden.
Langsam gingen sie auf das Licht, dass durch die geöffnete Tür fiel, zu. Draußen atmete die junge Frau tief durch.
Schweigend hatten die anwesenden Männer die Szene verfolgt, bevor sie sich wieder dem Verhör zuwandten.
„Nein. Er hat nichts gesagt." Befand Luke Armstead.
„Das würde ich ebenso sehen." Stimmte auch Sampson zu.
Dankend nahmen die beiden Männer Wasserflaschen entgegen, die Rossi mit in die Hütte gebracht hatte. Gierig nahmen sie einige Schluck zu sich.
„Obwohl er mir sehr zufrieden vorkam, bevor er uns verließ." Sampson schüttelte noch völlig entrüstet seinen Kopf. „Was geht in seinem Kopf vor?"
Die letzte Frage stellte der ältere Mann direkt an den Sheriff.
„Ich habe keine Ahnung Robert. Es ist, als würde ich ihn nicht kennen!"
„Hatte er einen Unfall? Ist er auf den Kopf gefallen?" Fragte Armstead in die Runde.
„Unseres Wissens nach nicht." Mischte sich Rossi ein. „Schien er Ihnen verwirrt?"
„Nein. Er kannte meinen Namen, wusste, wo ich arbeite. Er hatte mir angeboten mich zur Arbeit zu bringen, da ich mal wieder zu spät dran war." Erklärte der junge Armstead.
„Und doch starrte er Löcher in die Luft."
Hotchner schaute in dem Dämmerlicht zu Rossi hinüber. Dieser nickte ernst.
„Kommen Sie hinaus. Lassen Sie uns diesen Ort verlassen." Forderte Rossi die beiden unterschiedlichen Männer auf.
Sich die Hände vor die Augen haltend standen sie schließlich im grellen Sonnenlicht und wurden von Sanitäter übernommen.
Rossi, Bennet und Hotchner standen noch bei der Hütte, als die beiden FBI-Agenten begannen ihre Gedanken auszutauschen: „Die Liebeskrankheit?"
Hotchner hob leicht eine Schulter. „Es sieht danach aus. Und mit dem, was wir von JJ und Frank wissen, passt alles zusammen."
Die restlichen Agents traten neugierig heran.
„Das bedeutet, wir müssen uns beeilen!" Entfuhr es Jareau mit entsetzter Stimme.
„Man weiß nie, wie weit sie gehen." Stimmte Reid zu. „Sie sind in ihrem Wahn schlecht einschätzbar."
„Das finde ich bei ihm nicht." Entgegnete Frank. „Er geht bedacht vor… Überlegt doch mal… Jeff hat die Entführungen dieser drei Menschen organisiert, damit er uns aus dem Weg hat. Er hat diese falsche Spur gelegt, weil er genau wusste, dass wir hierher eilen würden… Er brauchte vielleicht einfach einen Vorsprung."
„Dann sollten wir zusehen, dass wir nach Hause kommen. Da er sich nach unserem Zeitplan Emily als letztes geschnappt hat, sollten wir von Quantico aus die Suche starten." Schlug Rossi vor.
„Wie sieht es aus Sheriff", wandte sich Hotchner an den örtlichen Gesetzeshüter, „können Sie sich freimachen?… Sie kommen mit!"
Prentiss stand draußen und schaute in die Weite. Überall war nur blau-graue See. Kein Hinweis, wo sie sich befanden. Ob er es wusste? Hatte er Segelerfahrung?
Doch. Zweifellos. Sie hatte ihn bei der Bedienung des Bootes beobachtet. Er wusste, was er tat.
Oder auch nicht. Im Bezug auf sie. Ob ihm seine Strafe nicht bewusst war? Doch, er kannte sich auf diesem Gebiet aus.
Gerade kam Jeff Bennet zurück zum Heck und überprüfte als Erstes das Steuer.
„Wohin bringst du mich?" Versuchte Prentiss ein Gespräch aufzubauen.
„Das verrate ich dir nicht, meine Liebe!" Das schien ihm als Antwort zu reichen, denn er legte ein siegreiches Lächeln auf.
„Es wäre schön, wenn du uns etwas zu Essen warm machen könntest. Unsere Reise wird noch etwas dauern."
„Okay", Prentiss ging und verschwand in der Kajüte. Vielleicht konnte sie hier unten ja einen Hinweis auf ihr Ziel finden… Und sie musste unbedingt feststellen, was heute für ein Tag war.
Das Team saß mit Marc Bennet zusammen und versuchte die Bewegungen von Jeff nachzuvollziehen.
„Wann hat Emily Jeff zum letzten Mal gesehen?" Hotchner wandte sich an seine Kolleginnen.
„Soweit ich weiß war das kurz vor Weihnachten. Da waren sie zusammen aus." Begann Jareau zu erklären.
„Ja, das denke ich auch. Das war der Abend bevor wir nach New York sind." Übernahm Frank. „Danach hat er sie fast täglich angerufen. Doch sie hat ihm eindeutig klar gemacht, dass sie nicht zusammenpassen."
„Wie ging es weiter?" Erklang Morgans Stimme aus dem Laptop.
„Er wurde aufdringlich, würde ich sagen." Frank sah zu Jareau hinüber. Diese nickte: „Bis er sich dann von heute auf morgen nicht mehr meldete."
„Stattdessen fühlte sich Emily beobachtet." Gab Frank Prentiss Gefühle wieder. „Er ließ sich aber nicht blicken… Vor etwa drei Wochen erzählte sie uns, dass alles wieder normal sei."
„Und da haben Sie ihren Bruder in Green Bay getroffen?" Wandte sich Rossi nun an den Sheriff.
Dieser nickte. „Er schien es eilig zu haben. Wir haben uns nur kurz unterhalten."
„Kein Wort wo er die letzten Wochen war? Was er als nächstes vorhatte?" Hotchner sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen ungläubig an.
„Es schien mir…" Der Sheriff räusperte sich bevor er weitersprach, „Es schien mir, als wäre er schon mindestens einen Tag wieder zurück gewesen. Normalerweise hätte er sich bei mir oder meiner Familie gemeldet… Er sagte nur, dass er sofort wieder los müsse und nicht darüber reden könne."
„Gibt es einen Ort, den er gerne mag? Wo er Emily hinbringen würde?" Versuchte Jareau die Gedanken des Sheriffs auf eine andere Fährte zu bringen.
Doch dieser schüttelte nur unwissend den Kopf: „Nein. Wir waren von klein auf immer nur in Green Bay. Außer während unserer Ausbildung, da waren wir in Chicago. Wir waren noch nie weiter weg von zu Hause."
„Wie viel Älter ist Jeff?" Fragte Reid interessiert.
„Sieben Jahre." Kam die kurze, verwunderte Antwort.
„Wie war ihre Jugend? Haben sie viel zusammen unternommen?"
Was hatte ihre Jugend nun mit dem Verschwinden der FBI-Agentin zu tun. Sprachlos schaute Bennet quer über den Tisch zu Jareau hinüber.
„Keine Sorge Marc." Frank, die neben ihm saß, legte ihm beruhigend ihre Hand auf den Unterarm. „Wir versuchen uns nur so gut es geht ein Bild von Jeff zu machen. Und es scheint ja so, als hätten Sie beiden einen Draht zueinander."
„Er hat viel mit seinen Freunden unternommen. Ich war ihm zu klein." Bennet stockte und stille legte sich über den Raum im Flugzeug. „Erst nachdem ich meine Ausbildung bei der Chicago Police begonnen hatte, sind wir uns näher gekommen."
„Sie haben gesagt, dass er die Hütte im Wald kannte." Erhob nun auch Rossi seine Stimme. „War er gerne jagen?"
„Ja. Er hat schon früh seinen Jagdschein gemacht. Seine Klicke hatte immer viel Spaß dabei. Jeff hat mir von ihren Ausflügen erzählt. Er wollte damals vor seinem kleinen Bruder angeben."
„Gibt es sonst noch etwas?" Fragte Hotchner.
„Ich… ich weiß nicht…" Marc Bennet stockte die Stimme.
Hotchner spürte, wie der Mann ihm gegenüber an seine Grenzen kam. Wahrscheinlich war es besser, wenn sie ihm erst einmal eine Verschnaufpause gönnten.
„Wir machen eine Pause. Möchten Sie was trinken, Marc?" Hotchner sah ihn freundlich an.
„Gerne." Hotchner stand auf und ging zur Bordküche, als er Bennets Stimme in seinem Rücken vernahm.
„Ich verstehe ihn einfach nicht mehr. Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass Jeff zu so etwas fähig sein könnte!"
‚Der Mensch konnte eine Menge, wenn er musste.' Ging es Hotchner durch den Sinn. ‚Auch gegen FBI-Vorschriften verstoßen!'
Spät am Abend war eine kleine Insel in Sicht gekommen, in deren Bucht sie für die Nacht ankerten. Leider hatte Prentiss noch immer nicht herausfinden können, wo sie waren, noch wohin die Reise gehen sollte.
Sie kannte Jeff Bennet. Sie hatte ihn während ihrer Dates näher kennengelernt und konnte sich wenigstens ein kleines Bild von ihm machen.
Im Moment war es am Einfachsten bei seinem Hirngespinst mitzuspielen. Sie war sich noch nicht sicher, wie weit er gehen würde. Wenn sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, standen die Chancen für sie besser.
Sie brauchte nur etwas Geduld.
Über das Flugzeug legte sich die nächtliche Dunkelheit. Die Agents hatten sich über den Raum verteilt und hingen ihren Gedanken nach.
In Bennet arbeitete es. Irgendwie wollten die Geschehnisse und Erkenntnisse der letzten Stunden nicht wirklich in seinen Kopf ankommen.
Sein Bruder hatte sich lange nicht mehr bei ihm gemeldet. Er konnte noch genau die Überraschung spüren, die er empfand, als Jeff ihm plötzlich unten am Yachthafen über dem Weg gelaufen war. ‚Der Yachthafen!'
Klarer sehend, stand Bennet von seinem Platz auf. „Der Yachthafen!" Sprach er laut in den Raum.
„Jeff hat eine kleine Yacht…" Er zog sein Handy hervor. „Ich muss den Hafenmeister anrufen."
Augenblicklich waren alle wieder hell wach und beobachteten genau, was Bennet tat.
„Henry", es schien, als hätte jemand das Gespräch angenommen. „Marc Bennet hier. Haben Sie Jeff in letzter Zeit gesehen? … Wann war das? ... Moment, das brauche ich etwas genauer."
Bennet schaltete die Freisprechanlage ein und legte das Handy auf den Tisch. Die restlichen Agents gesellten sich um ihn.
„Henry, ich bin in Begleitung von Kollegen des FBI. Ich habe das Handy auf Laut gestellt, dann brauche ich nicht alles wiederholen."
„Ist gut, Marc." Erklang eine erstaunte und müde Stimme aus dem Handy. „Was genau möchtet ihr nun wissen?"
„Du hast gerade gesagt, dass du Marc vor drei Wochen das letzte Mal gesehen hast!?" Begann Bennet wieder auf den Grund seines Anrufes zurück zu kommen.
„Richtig. Er hat die ‚SALLY' abgeholt… Hat er dir das denn nicht erzählt?"
„Nein." Gab Bennet leise zu.
„Er hat seinen Liegeplatz für die Yacht bereits vor einigen Wochen gekündigt." Eine kurze Stille entstand am anderen Ende der Leitung. „Es sah aus, als wolle er auf große Fahrt gehen, bei dem ganzen Proviant und Ersatzteilen, die er an Bord geschleppt hat. Fast wie für eine Weltreise."
„Und seitdem haben Sie Jeff Bennet nicht mehr gesehen?" Mischte sich Hotchner in das Gespräch ein und hakte gezielt nach.
„Nein." Erklang die verwunderte Stimme durchs Handy. „Was ist passiert, Marc? Warum sucht ihr deinen Bruder?"
„Das kann ich dir jetzt nicht erklären, Henry. Ich erzähle es dir, wenn ich wieder zurück bin." Bennet atmete tief durch. „Aber vielen Dank für deine Hilfe… Und entschuldige die späte Störung!"
„Immer wieder gerne, Marc. Dann bis bald." Das Gespräch wurde unterbrochen und Bennet nahm sein Handy wieder vom Tisch.
„Jetzt werden sie sich die Köpfe heißreden." Murmelte Bennet vor sich hin.
„Das ist überall so." Versuchte Jareau ihn zu trösten, obwohl sie wusste, wie nutzlos ihre Worte für den Sheriff im Moment waren.
Die Anschnallzeichen leuchteten über den Türen auf. Sie schienen bereits im Landeanflug auf Quantico zu sein.
„Gut. Fahrt nach Hause." Während sich alle setzten und die Sicherheitsgurte anlegten, gab Hotchner das weitere Vorgehen bekannt. „Wir brauchen Ruhe.
Marc, ich benötige noch die Angaben zur Yacht, dann kann Garcia diese an die Küstenwache weiterleiten. Vielleicht haben wir dann Morgen schon eine Spur."
Prentiss Gedanken gingen zu ihren Kollegen. Mittlerweile hatten sie wahrscheinlich gecheckt, dass sie entführt worden war. Hoffentlich konnten sie ihren Weg verfolgen! Ob sie überhaupt schon eine Ahnung hatten, dass sie sich auf einer Yacht mitten auf dem Meer befanden?
Gestern am späten Abend hatte sie in weiter Ferne Land gesehen. Ob es aber das Festland war oder nur eine kleine unbewohnte Insel, vermochte sie nicht zu sagen.
Das Einzige was sie wusste, war, dass sie nach Süden segelten.
Früh am nächsten Morgen parkte Frank ihren Wagen direkt neben Hotchners auf dem Parkplatz des FBIs in Quantico. Sie waren wie immer in getrennten Wagen gefahren. Da sie heute so früh waren, hatten sie es geschafft, die ganze Fahrt über hintereinander herzufahren.
Hotchner schulterte gerade seine Tasche, als Frank ausstieg. Lächelnd schaute er ihr über sein Wagendach direkt in die Augen. Das konnte er nur machen, da er mit dem Rücken zu dem gewaltigen Gebäude stand.
Frank verzog lieber keine Miene.
Sie gingen schweigend nebeneinander her, ließen die Sicherheitskontrolle im Foyer über sich ergehen und warteten schließlich vor den Fahrstühlen.
Jeder, der behauptete, dass dieser Moment einfach wäre, hat wohl noch nicht aus tiefstem Herzen geliebt. Frank schloss ihre Augen und versuchte durch tiefes ein- und ausatmen ihren Pulsschlag zu beruhigen.
Es konnte doch nicht sein, dass er so eine starke Wirkung auf sie hatte.
„Ich wünsche uns einen schönen Tag."
Verwundert folgte Franks Blick ihm in den Fahrstuhl. Seine Stimme war so leise gewesen, dass sie sich fragte, ob er es wirklich gesagt hatte, oder ob ihr Verstand ihr einen Streich spielte. Da der Mann ihren Blick lächelnd erwiderte, konnte es nur Wirklichkeit gewesen sein.
„Kommst du?"
Frank betrat langsam den Fahrstuhl. Sie spürte seine Kraft, die sie hoch ins Gebäude trug.
Noch immer verwirrt, folgte Frank Hotchner aus dem Fahrstuhl, als dieser in ihrem Stockwerk hielt und die Türen öffnete.
Zuvorkommend hielt Hotchner seiner Kollegin die Glastür auf und ließ ihr den Vortritt.
„Hoffentlich finden wir heute eine Spur von Prentiss." Verwundert hob sich Franks Blick. Im Büro hatten sich schon alle Kollegen und Bennet eingefunden. Als man sie bemerkte, richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie. Oder besser auf ihren Teamchef.
„Morgen", grüßte Frank kurz in die Runde, bevor sie sich zu ihrem Schreibtisch durchkämpfte, auf dem sich Jareau niedergelassen hatte.
„Ich sehe schon, ihr habt auch kaum Ruhe gefunden. Dann sollten wir gleich beginnen." Hotchner warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. „In zehn Minuten im Besprechungszimmer." –
„Alle versammelt? Dann können wir starten." Hotchner kam ins Besprechungszimmer geeilt und schloss die Tür hinter sich.
Die Gespräche wurden augenblicklich eingestellt und Morgan, Reid und Rossi setzten sich zu den Kollegen an den Tisch. Hotchner nickte zu Garcia hinüber, die auch ohne Umschweife mit den Ergebnissen ihrer Ermittlung begann:
„Also, wir haben gestern noch eine Anfrage an die hiesige Küstenwache gestellt, ob die ‚SALLY' in irgendeinem Hafen in der Umgebung von Washington gesichtet wurde."
Garcia hatte sich einige blaue Federn an der rechten Seite ihres Kopfes befestigt, die nun, während sie eifrig die neusten Ergebnisse präsentierte, lustig hin und her wippten.
„Jeff Bennet hatte am Donnerstag einen Liegeplatz im Hafen vom River Club in Woodbridge angemietet. Für eine Woche. Bereits in der Nacht von Samstag auf Sonntag muss die ‚SALLY' wieder ausgelaufen sein. Das hat den Hafenmeister etwas verwundert."
„Warum hat ihn das verwundert?" Fragte Rossi dazwischen.
„Weil man wohl gerne mit günstigen Winden startet, die am Sonntagvormittag angekündigt waren. In der Nacht herrschte wohl Flaute. Was auch immer das bedeuten soll!"
„Windstille." Bemerkte Marc Bennet.
Garcia starrte den Gast im Team einen Moment erstaunt an. „Wie auch immer," fuhr sie fort, „der Hafenmeister sprach davon, dass Jeff wohl eine Weltumseglung erwähnte."
„Mit Emily?" Morgan schien das doch alles sehr weit hergeholt.
„Warum nicht!?" Fragend sah Jareau ihren Kollegen an. „So hat er Emily immer um sich."
„Aber er könnte nie irgendwo anlegen. Emily würde doch immer versuchen zu entkommen." Erklärte Morgan. Er kannte schließlich seine Partnerin.
„Also bräuchte er ein Druckmittel." Schloss Rossi aus den Worten, die im Raum gewechselt wurden.
„Was könnte das sein?" Garcia schien dieser Gedanke nicht zu behagen.
‚Hatte Emily etwas erwähnt?' Frank ging in Gedanken die Gespräch mit ihrer Freundin durch. Doch nichts sprach dafür, dass Jeff irgendetwas Kompromittierendes von Prentiss haben konnte, um sie damit zu erpressen.
„Und wenn Jeff Bennet nur wieder eine falsche Fährte für uns legen wollte?" Versuchte Reid die Gedanken des Teams in eine andere Richtung zu lenken.
„Zuzutrauen wäre es ihm." Stimmte Rossis raue Stimme zu. „Die ganze Entführungsgeschichte in Green Bay war schließlich auch gut durchdacht."
Hotchner nickte. „Dem stimme ich auch eher zu. Eine Weltreise scheint mir zu dieser Jahreszeit auch eher unwahrscheinlich.
Gut… Wir brauchen noch mehr Informationen über Jeff Bennet, Garcia."
Garcia warf einen Blick auf den Sheriff, dem es sichtlich unbehaglich auf seinem Stuhl war.
„Ich werde Garcia helfen." Bot sich Reid augenblicklich an.
Hotchner nickte.
„Marc, versuchen Sie sich an irgendeinen Ort zu erinnern, zudem er Fahren würde. Hat er einen Rückzugsort?" Hotchners Blick wandte sich wieder an seine Kollegen. „JJ und Frank, ihr unterstützt ihn."
Hotchner erhob sich. „Dave, Derek. Ich würde euch gerne in meinem Büro sprechen."
Die beiden Agents wechselten einen verwunderten Blick, erhoben sich dann aber und folgten dem Teamleiter aus dem Büro.
„Endlich", Jeff Bennet strahlte, „wir sind da!"
Prentiss folgte seinem Blick und entdeckte am Horizont Land. Wo sie da wohl landeten? Egal. Jetzt konnte sie von seinen Spielregeln abweichen und ihm ihre aufdrücken.
Sie wusste noch immer nicht, was Bennet von ihr wollte. Er behandelte sie höflich. Das Einzige, was ihr bisher ungewöhnliches Aufgefallen war, waren seine Kosenamen, die er für sie verwandte. Schätzchen und Liebste…
In den letzten Tagen hatte sie genügend Zeit ihn zu beobachten. Es schien ihr, als wenn er in einer ganz anderen Welt lebte. Er war nicht mehr der Marc, den sie damals in Green Bay kennengelernt hatte.
Entweder hatte er sich damals gut verstellt oder irgendetwas war geschehen, dass er sich so verändert hatte. Diese Veränderung war auch das Problem gewesen, weshalb sie ihm gegenüber Abstand eingenommen hatte nach ihrem Treffen in D.C.
Bennet trat strahlend zu ihr und legte ihr wie selbstverständlich den Arm um die Schultern. „Unser kleines Paradies!"
Prentiss war die Berührung unangenehm.
Die Stunden verstrichen und langsam legte sich eine bedrückte Stille über die Agents. Anscheinend gab es nicht einen Hinweis auf das Ziel von Jeff Bennet.
Wie sollten sie nur ihre Kollegin finden?
Frank und Jareau standen leise flüsternd vor der Pinnwand, auf der eine Seekarte der ganzen Ostküste der Vereinigten Staaten hing.
Marc Bennet schien ihnen ausgelaugt. Das Gesicht in den Händen verborgen saß er nach vorne gebeugt auf seinem Stuhl.
Frank spürt, dass er hier heraus musste. „JJ, ich nehme ihn mit auf eine Runde durch den Park." Frank deutete auf den gebeugten Mann. „Er braucht frische Luft und einen Umgebungswechsel."
„Gut, ich gebe Hotch Bescheid und schaue mal, was die Anderen so haben." –
Eine viertel Stunde später liefen Frank und Marc Bennet schweigend nebeneinander her. Die Temperatur hatte sich wieder gesenkt und Frank meinte den nächsten Schnee riechen zu können. Tief durchatmend schritt sie mit offenen Augen durch den im Winterschlaf befindlichen Park.
„Hatten Sie schon einmal das Gefühl, jemanden zu kennen und dann doch wieder nicht?" Bennet unterbrach schließlich die Stille. Er hatte das Angebot von Frank sofort dankend angenommen.
„So wie Sie jetzt?! Nein."
Bennet atmete tief ein. „Ich habe meinen Bruder ja auch erst vor einigen Jahren besser kennengelernt… Oder auch nicht!"
Sie liefen weiter schweigend durch den Park.
„Ich habe nicht die geringste Ahnung wo Jeff hin ist, Agent Frank. Das müssen Sie mir einfach glauben." Frank hatte selten einen so geknickten Menschen erlebt. Und ihr Gefühl sagte ihr, dass er ihr nichts vorspielte.
„Für Jeff war immer die Sicherheit seiner Mitmenschen wichtig… Ich weiß noch, wie er die Katze unserer Nachbarn vom Baum geholt hat… und nun soll Jeff ein Entführer sein?!
Es will mir nicht in den Kopf!"
Die Insel war klein, wie Prentiss schnell festgestellt hatte, als sie sich dem Land näherten. Sie schien einsam und verlassen. Aber immerhin gab es einen kleinen Anlegesteg.
Bennet vertäute das Boot und half ihr galant auf den Steg.
Von hier aus sah sie auf einen kleinen Hügel, der anscheinend die Mitte der kleinen Insel bildete, eine größere Blockhütte. Das schien also ihr Ziel zu sein.
Als Frank mit Marc Bennet das Großraumbüro wieder betrat, sah sie augenblicklich Hotchner, der aus seinem Büro auf die Empore trat und sie mit einer leichten Kopfbewegung zu ihm zitierte.
Frank nickte kaum merklich und schickte Bennet alleine weiter ins Besprechungszimmer. Augenblicke später betrat sie Hotchners Büro und schloss die Tür hinter sich.
Würde sie nun eine Standpauke bekommen?
„Setz dich." Frank sah ihm in die Augen, die sie weich anlächelten. „Wie geht es Marc?"
„Er ist bedrückt. Er dachte, er kenne seinen Bruder. Aber dem ist wohl nicht so…"
Hotchner nickte verstehend und wechselte dann wieder zu ihrem aktuellen Fall: „Hat Emily dir noch etwas über Jeff erzählt?"
„Nein." Frank schüttelte bestimmt ihren Kopf. „JJ und ich haben eben unsere Informationen nochmals ausgetauscht. Da ist nichts mehr!"
Sie betraten die Veranda, die das Holzhaus umgab. Prentiss konnte sich nicht vorstellen, dass hier jemand wohnen könnte. Es war mehr als einsam hier. Ihr Blick schweifte umher und versuchte möglichst jede Kleinigkeit aufzunehmen.
Es sah aufgeräumt aus, gerade so, als wenn jemand erst vor kurzen hier gewesen wäre und alles gesäubert hatte.
Prentiss erwartete, dass Bennet an die Tür klopfen würde, aber zu ihrer Verwunderung zog er einen Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete die Tür.
Stolz drehte er sich zu seiner Begleitung um. Lächelnd nahm er ihr die Tasche mit Lebensmitteln aus der Hand und hob sie leicht wie eine Feder auf seine Arme.
„Was soll das, Jeff?" Überrascht schaute sie ihm in die Augen. „Lass mich bitte runter."
Bennet setzte sich in Bewegung und trug sie über die Schwelle.
„Lass mich sofort runter!" Prentiss Stimme wurde energisch und böse. „Wir sind nicht verheiratet."
„Stimmt", Bennet beugte sein Gesicht näher an ihres. Prentiss versuchte keine Angst zu zeigen und hielt stand. Lächelnd setzte er sie vorsichtig wieder auf die Füße, „noch nicht!"
Bennet ging hinaus und kam Sekunden später gut gelaunt mit den Taschen wieder zurück.
„Was soll das heißen ‚noch nicht'?" Prentiss schwante schon etwas, doch sie wollte es aus seinem Munde hören.
„In zwei Tagen kommt der Pfarrer auf die Insel." Sprach Bennet wie nebenbei. Dann drehte er sich zu ihr um und sein Blick war hart: „Dann wirst du endlich ganz mein!"
„Du hast nur eins vergessen, Jeff:" Prentiss versuchte ihre Gefühle zu beherrschen. Am liebsten wäre sie ihm augenblicklich an den Hals gesprungen, aber das hätte sie nicht weitergebracht. „Ich habe noch nicht ‚Ja' gesagt!"
Jeff Bennet grinste siegessicher. Er schien irgendeinen Trumpf im Ärmel zu haben…
„Habt ihr schon etwas gefunden?" Morgan war in Garcias Büro getreten und sah seinen beiden Kollegen über die Schulter.
„Nein, nichts." Vermeldete Reid.
„Keine Kreditkartenaktivitäten, kein Handy?"
Garcia schüttelte ihren Kopf mit den blauen Federn. „Dann hätte sich der Computer bereits gemeldet."
„Wir durchforsten gerade die Kindheit von Jeff." Erklärte Reid. „Vielleicht gibt es ja dort irgendwo einen Hinweis."
„Ihr denkt an so etwas wie die alte Jagdhütte in Green Bay?" Morgan hatte sich an den Tisch hinter seinen Kollegen angelehnt. „Keine schlechte Idee…"
„Derek…" Garcia hatte sich blitzschnell auf ihrem Stuhl zu ihm umgewandt. „Meinst du, er wird Emily etwas antun? … Ich wollte eben nicht in der großen Runde fragen."
„Nein, das glaube ich nicht. Er scheint Em ja wirklich zu mögen!"
„Man kann nur nicht abschätzen, was passiert, wenn Emily sich ihm völlig widersetzt." Brachte Reid in seiner ruhigen Art zum Ausdruck.
Morgan warf ihm einen strengen Blick zu. Doch Garcia hatte das Negative bereits aufgenommen.
„Emily weiß, wie sie mit ihm umzugehen hat. Sie wird entsprechend auf ihn eingehen." Morgan versuchte die Kollegen an die Stärken von Prentiss zu erinnern.
Prentiss wagte sich vorsichtig aus ihrem Zimmer, welches ihr Jeff zugewiesen hatte. Nach den langen Tagen auf der schaukelnden Yacht, hatte sie erst Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht gehabt. Doch jetzt fühlte sie sich besser.
Die Hütte war leer. Sie meinte sich zu erinnern, wie ihr Jeff durch die geschlossene Tür Bescheid gegeben hatte, dass er Fisch zum Abendessen fangen wollte.
Sie trat hinaus auf die Veranda, die die ganze Front der Hütte ausfüllte. Wenn Jeff meinte, dass sie sich hier mit ihm niederlassen würde, dann hatte er sich aber geschnitten.
Sie machte sich auf, die nähere Umgebung der Hütte zu erkunden. Doch viel gab es nicht zu sehen. Auf der rechten Seite befand sich hinter der Hütte ein Plumpsklo. Kurz dahinter fiel der Boden steil hinab ins Meer. Die Insel war lang und schmal.
Prentiss musste wohl oder über einsehen, dass es hier keine Fluchtmöglichkeit gab. Außer sie konnte es vor ihrem Entführer zum Boot schaffen.
Wenn sie es richtig erkannte, könnte es auf beiden Seiten Nachbarinseln geben. Aber waren sie Wirklichkeit? Und waren diese wenn bewohnt?
Sie musste irgendwie herausbekommen, wo sie gelandet waren.
Pfeifende Klänge drangen an ihr Ohr. Woher kamen diese?
Angespannt lauschend suchten ihre Augen die Umgebung ab. Da konnte sie eine Bewegung ausmachen. Jeff Bennet kam, anscheinend gut gelaunt, den schmalen Weg von der Anlegestelle hinauf.
Als dieser Prentiss auf der Veranda des Hauses erkannte, winkte er ihr fröhlich entgegen. Prentiss reagierte nicht auf ihn und lehnte sich lässig gegen einen Holzpfeiler der Veranda.
Jeff hielt einen Ring mit Fischen hoch, als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war: „Schau mal, was ich alles gefangen habe." Er trat neben Prentiss und hauchte ihr zur Begrüßung einen leichten Kuss auf die Wange. Angewidert bog diese ihren Kopf zur Seite.
„Pass auf, wie die gleicht über dem Lagerfeuer brutzeln werden." Jeff verschwand in der Hütte. Innen konnte sie seinen Monolog weiter vernehmen. „Endlich gibt es nicht mehr dieses Büchsenzeug."
Prentiss wurde klar, das Jeff Bennet wusste, wie man sich in der Wildnis durchbringen konnte.
Betrübt machten die Agents in Quantico Feierabend. Ihre Arbeiten des Tages hatte keinen Hinweis auf den Verbleib ihrer Kollegin gebracht.
Prentiss konnte Jeff Bennet schon früh am nächsten Morgen hören. Er lief geschäftig in dem großen Wohnraum herum und pfiff scheinbar gut gelaunt vor sich hin.
Sie selber fühlte sich zerschlagen. Die Tür zu ihrem Raum hatte kein Schloss und Prentiss hatte immer mit einem offenen Ohr dagelegen und auf die Geräusche um sie herum gelauscht.
„Emily, Liebling." Sie konnte ihn draußen vor ihrer Tür hören. Wie er leise anklopfte.
„Ja, ich bin wach." Meldete sie sich genervt.
„Gut. Ich fahre zu einer der Nachbarinseln und kaufe noch den Rest für Morgen ein." Jeff schien sich immer noch sicher zu sein, dass Prentiss am nächsten Tag ‚Ja' zu ihm sagen würde.
„Hast du einen besonderen Wunsch?"
‚Meine Freiheit?! Selber über mein Leben entscheiden zu können?' Prentiss fuhr sich über die übermüdeten Augen. „Nein, danke. Ich brauche nichts."
„Ist gut." Er schien sich auf den Weg zum Boot zu machen. „Es wird einige Stunden dauern, bis ich zurück bin. Essen findest du in der Speisekammer.
„Warum nimmst du mich nicht mit?" Prentiss hatte nicht erst groß nachgedacht. Der Gedanke war ihr gekommen und im nächsten Moment auch schon ausgesprochen.
„Nein", Bennet schien zu grinsen. „Diesmal nicht! … Bis später."
„Neuer Tag, neues Glück!" Morgan versuchte die betrübte Stimmung am nächsten Morgen aufzuheitern.
„Aber wir haben nicht die geringste Spur." Wandte Jareau ein. „oder ist dir über Nacht ein Geistesblitz gekommen?"
Garcia drückte energisch die Glastür auf und trippelte aufgewühlt mit einem Zettel in der Hand wedelnd an ihren Kollegen vorbei zu Hotchners Büro.
„Mir nicht, aber anscheinend hat Penelope etwas gefunden." Morgan und die anderen Kollegen folgten der technischen Analystin mit ihren Augen. „Hey, Zuckerschnute! Hast du etwas gefunden?"
„Jetzt nicht, Derek!" Erwiderte diese nur kurz, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Sie trippelte die Stufen zur Empore hoch und betrat aufgeregt das Büro ihres Teamchefs.
Die Teammitglieder konnten Garcias wildes Gestikulieren hinter der Scheibe sehen und das verstehende Nicken von Hotchner. Er stellte ihr eine Zwischenfrage…
Die Antwort schien Hotchner nachdenklich zu machen. Er griff zu seinem Telefonhörer und wechselte einige Worte mit seinem Gesprächspartner.
„Hoffentlich sind das keine schlechten Nachrichten!" Entfuhr es Jareau.
Mittlerweile hatte Hotchner sein Telefonat beendet und war mit Garcia aus seinem Büro getreten.
„Es gibt ein eventuelles Ziel." Ließ Hotchner verlauten.
Auf diese Aussage hatten die Kollegen unten im Großraumbüro nur gewartet. Geschlossen machten sie sich auf den Weg zum Besprechungsraum.
„Dave, kommst du?" Hotchner schaute bei dem Altermittler durch die Tür. „Es gibt eine Spur."
„Sicher?" Rossi erhob sich eilig und nahm sein Sakko von der Stuhllehne.
Hotchner hob seine rechte Schulter. „Besser als gar nichts, oder?"
Rossi zog eine Augenbraue kurz hoch. Normalerweise war Hotchner nicht zum Scherzen aufgelegt, wenn es um ein Menschenleben ging. –
Kurz darauf waren alle am Tisch versammelt und Garcia ließ eine Karte der Bahamas auf dem Bildschirm aufleuchten.
„Die Bahamas?" Marc Bennet sah die technische Analystin fragend an. „Was sollte Jeff dort wollen?"
„Ich habe leider sehr tief in ihre Familiengeschichte rumkramen müssen." Entschuldigte sich Garcia beim Sheriff aus Green Bay. „Sie wissen nicht, dass Ihr Großvater ein bedeutender Mann auf den Bahamas war?"
„Doch, sicher. Mutter erzählte uns immer von ihrer Jugend auf den Bahamas. Ihr Vater war dort Diplomat für die Vereinigten Staaten." Versuchte Bennet seine Familienkenntnisse mit einfließen zu lassen.
„Richtig." Bestätigte Garcia. „Dann haben Sie damals nicht mitbekommen, dass Ihr Großvater Ihrem Bruder eine kleine Insel, die zu den Bahamas gehört, vererbt hat?"
„Ich war etwa vier Jahre alt, als mein Großvater starb." Entrüstete sich Bennet.
„Hat denn keiner später die Insel je erwähnt?" Hakte Hotchner sofort hinterher.
Bennet schüttelte nur den Kopf.
„Sie hat den wunderschönen Namen ‚Rose Island'. Es ist eine unbewohnte Insel, die Nordöstlich von ‚New Providence' liegt. Diese ist nicht die Größte Insel der Bahamas. Aber auf ihr befindet sich die Hauptstadt Nassau." Erklärte Garcia weiter.
„Und ihr meint, dass reicht aus, um mal eben hinzufliegen?" Fragte Rossi skeptisch in die Runde.
„Ich finde schon, es ist unsere einzige Spur." Erklärte Morgan bestimmt.
„Und sie wäre mit der Yacht in einigen Tagen von hier aus zu erreichen." Erklärte Reid, der die Entfernung im Kopf überschlug.
„Das ist alles ein bisschen dünn." War Rossi noch immer skeptisch.
Bennet war ruhig und in sich gekehrt. Dann sah er hoch und erhob seine Stimme: „Ich kann mich an Gespräche erinnern… Als ich noch klein war… Rose Island… Jeff hat davon erzählt. Er war in den Ferien oft dort. Mit unserem Großvater… Er vermisste nach seinem Tod diese Ferien. Hinterher gerieten diese Erinnerungen wohl in Vergessenheit."
„Ihr Bruder hat seine Erinnerungen nicht vergessen. Er hat sie nur nie wieder erwähnt." Erklärte Hotchner das Verhalten von Jeff Bennet. Indem er Rossi ansah, fuhr er fort: „Es sind seine schönsten Erinnerungen. Die möchte er mit Emily teilen."
„Die schöne Umgebung. Sonne, blaues Meer." Rossi nickte nun zustimmend.
„Dann geht es los. Ich muss nur noch die Bestätigung von Sanders bekommen." Gab Hotchner Anweisung.
„Wofür brauchen wir eine Bestätigung? Wir fliegen doch sonst auch einfach los, oder?" Fragend sah Frank in die Runde.
„Bahamas ist ein eigener Staat und gehört nicht zu den Vereinigten Staaten. Wir ermitteln normalerweise nur innerhalb unseres Landes." Klärte Morgan die Kollegin auf.
Nickend stimmten die restlichen Kollegen Morgans Worte zu.
Prentiss schlug die Augen auf. Durch das Fenster schien das gleißende Licht der Sonne in ihren Raum und die Wärme brannte auf dem Dach.
Jetzt war sie doch eingeschlafen. Sie reckte sich.
Prentiss konnte sich noch genau an ihrem letzten Gedanken erinnern, bevor sie in einen tiefen Schlaf gesunken war: Den versäumten Schlaf nachholen oder die Insel erkunden.
Sie schwang die Beine über die Bettkante und machte sich schnell fertig. Es konnte nicht schaden die Insel besser kennen zu lernen. Vielleicht fand sie ja ein klitzekleines Versteck, indem sie sich vor Jeff verstecken konnte.
Doch als Erstes nahm sie sich das Innenleben der Hütte vor. Vielleicht hatte Jeff ja das Funkgerät oder sein Handy vergessen. Irgendetwas, mit dem sie ein Lebenszeichen in die Zivilisation versenden konnte. Doch nichts dergleichen ließ sich ausfindig machen.
Ernüchtert begab sich Prentiss hinaus. Draußen empfing sie eine angenehme kühle Brise nach der Wärme in der Hütte. Doch Prentiss nahm sie kaum wahr. Sie nahm eilig den scheinbar einzigen Weg hinunter zum Strand.
Nervöse Unruhe hatte sich über das Team und Sheriff Bennet gelegt, als sie endlich mit dem Flugzeug vom Flughafen in Quantico abhoben. Waren sie auf dem richtigen Weg? Oder waren Prentiss und Jeff Bennet ganz woanders?
„Wie lange fliegen wir?" Frank hatte sich nach dem Start neben Rossi gesetzt und schaute ihn nun fragend an.
„Du machst dir Sorgen um Emily?" Rossi sah von den Unterlagen in seiner Hand hoch. Er lächelte leicht. „Ich mache mir auch Sorgen…"
„Wir haben keinen Gegenwind. Ich schätze die Flugzeit auf etwas zwei dreiviertel Stunden." Reid, der ihnen gegenüber auf der andern Bordseite saß, beantwortete Franks Frage.
„Kommt ihr zusammen." Forderte Hotchner die Kollegen auf.
„Wie sollen wir vorgehen?" Bennet wollte aktiv helfen. Er verstand noch immer nicht, was sein Bruder getan haben sollte. Er musste einfach dabei sein und es mit eigenen Augen sehen.
„Ich habe uns schon bei der örtlichen Polizei angemeldet. Sie halten schon die Augen und Ohren für uns auf. Vielleicht hat ja jemand die ‚SALLY' gesehen oder Jeff hat Kontakt mit Jemanden auf New Providence aufgenommen." Brachte Hotchner seine Kollegen auf den neuesten Stand.
„Wenn nicht, brauchen wir ein Boot, das uns zur Insel bringt." Stellte Frank bestimmt feste. Sie würde Bahamas nicht wieder verlassen, ohne einen Fuß auf diese Paradiesinsel gesetzt zu haben.
Garcia erschien auf dem Bildschirm im Flugzeug.
Hotchner nickte verstehend zu Franks Worte. „Die Polizei wird uns fahren."
„Hotch", unterbrach Garcia aufgewühlt, „es ist die richtige Spur."
Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf den Bildschirm auf dem Tisch.
„Was hast du?" Fragte Morgan ohne Umschweife.
„Mein Rechner gab gerade Alarm." Garcia holte tief Luft, bevor sie hastig weitersprach. „Bennet hat seine Kreditkarte benutzt. Und zwar in mehreren Geschäften in Nassau. Sie sind dort!"
„Emily wird er aber bestimmt auf der Insel gelassen haben." Vermutete Rossi.
„Sie würde ansonsten versuchen zu entkommen oder zumindest Jemanden auf sich aufmerksam zu machen. Und das kann Jeff nicht riskieren." Stimmte Jareau dem Altermittler zu.
„Schatz", Jeff Bennet hatte vollbepackt die Hütte betreten, „ich bin zurück!"
Er stellte die Waren auf der Küchenzeile ab und schaute sich lauschen um. Doch kein Ton war zu hören.
„Emily?" Vorsichtig klopfte er an die Tür zu ihrem Zimmer. Doch keine Antwort. Leise öffnete er die Tür. Das Zimmer war leer.
Böses ahnend wurde sein Gesicht hart wie Stein. Er eilte hinaus in die gleißenden Sonne. Die Insel war nicht groß und er kannte sie. Es gab nicht viele Möglichkeiten sich zu verstecken.
Das Boot! Bennet lief einige Schritte auf die rechte Seite der Hütte. Von hier aus konnte er den Anlegesteg überblicken. Doch auch da schien es keine Spur von Prentiss zu geben.
„Jeff, du bist zurück?" Prentiss stand auf der anderen Seite des Gebäudes an einen Pfosten der Veranda gelehnt.
Überrascht drehte sich der Angesprochene um. Erbost stieß er hervor: „Wo warst du?"
„Auf dem Häuschen?" Prentiss deutet hinter die Hütte.
Jeff Bennet schien sich langsam wieder zu entspannen. Er versuchte ein leichtes Lächeln aufzusetzen. Doch in seinen Augen konnte Prentiss noch seine Wut erkennen. Oder war es Verzweiflung? Wenn sie es geschafft hätte zu fliehen, wäre sein ganzer schöner Plan dahin gewesen.
„Komm schauen, was ich uns alles für Morgen besorgt habe." Jeff legte leicht seine Hand auf Prentiss Rücken, als sie zusammen die Veranda betraten. „Das wird der schönste Tag in unserem Leben!"
Prentiss wusste, nun musste sie sich selbst retten. Es schien nicht, als könnte von irgendwoher noch Hilfe kommen.
Frank hatte sich bewundernd umgesehen, als sie auf dem Flughafen in Nassau gelandet waren. Hier konnte man wirklich von ‚Paradies' sprechen. Schon aus dem Flugzeug heraus hatte sie die tiefblaue See unter sich aufgesogen.
Nun waren sei auf dem Weg zum Polizeirevier von Nassau. Nach den Informationen, die sie noch im Flugzeug erhalten hatten, warteten schon hiesige Ermittler auf sie.
Franks Blick heftete sich auf alles, was sie außerhalb des Wagens erblicken konnte. Die Welt schien hier so ganz anders. Sie fühlte sich von den ganzen neuen Eindrücken erschlagen und zwang sich daher ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Innere des Wagens zu richten.
Doch die Kollegen schwiegen. Rossi, der neben Hotchner vorne saß und auch Bennet, der neben ihr saß, schauten sich interessiert um. Sie sah zu Hotch, der den Anweisungen des Navis durch den abendlichen Verkehr folgte. Erfreut bemerkte sie seinen Blick im Rückspiegel. Er schien den Zauber der Umgebung ebenfalls zu spüren.
„Wir sind gleich da." Begann Rossi das Gespräch wieder aufzunehmen, nachdem er einen Blick auf das Navi geworfen hatte. „Ich bin gespannt, ob die Kollegen schon etwas ermitteln konnten."
Kurz darauf hielten sie vor einem mehrstöckigen Gebäude in der Innenstadt. Zusammen mit den Kollegen aus dem zweiten Wagen betraten sie das Polizeirevier.
Ein Mann in Uniform trat auf sie zu. „Agent Hotchner?!", sprach dieser den Teamleiter an und hielt ihm lächelnd seine Hand zur Begrüßung hin. „Ich sehe, sie kommen mit einer ganzen Armee."
„Sie müssen das verstehen, Commissioner Jones, es geht um unsere Kollegin." Erwiderte Hotchner ebenfalls freundlich lächelnd. Dann stellte er kurz seine Kollegen vor.
„Constable Hunter wird Sie unterstützen." Jones winkte einen Mann zu sich heran, der sich an einem Tisch mit zwei Kollegen unterhielt.
„Danke, Sir." Hotchner gab sich unterwürfig. Schließlich waren sie auf die Hilfe der örtlichen Kräfte angewiesen.
Der Constable nickte zur Begrüßung in die Runde, während Hotchner ihm noch einmal das Team vorstellte.
„Wir haben uns schon in der Stadt umgehört… Wenn Sie mir folgen wollen, dann können wir Ihnen unsere Ergebnisse präsentieren."
Rossi wechselte einen überraschten Blick mit Morgan. Er hatte mit mehr Wiederstand der Regierung und der hiesigen Polizisten gerechnet. Diese Hilfe erstaunte ihn. Anscheinend trug der Nordamerikanische Staatenbund doch endlich Früchte.
Bald saßen sie um einen Tisch und Hunter begann zusammenzufassen: „Wir waren in den Läden, die sie uns angegeben haben. Viele konnten sich an ihn erinnern. Er hat Lebensmittel gekauft. Diesel fürs Boot… Und, was uns am meisten erstaunte…" Der Mann im mittleren Alter machte eine gekonnte Kunstpause. „Er hat ein Brautkleid abgeholt. Es wurde per Internet bestellt."
Die Teammitglieder wechselten einen wissenden Blick. Also meinte es Jeff Bennet wirklich ernst!
„Was machen wir nun? Wir müssen auf diese Insel!" Unterbrach Frank als Erste die Stille.
„Aber nicht mehr heute Abend." Wandte Hunter ein. „Ein Weg dauert etwa zwei Stunden. Bis dahin ist es dunkel und um Rose Island liegen einige gefährliche Felsen."
„Was schlagen Sie dann vor?" Rossi war gespannt.
„Nun, zu einer Hochzeit bedarf es einen Pfarrer. Wir haben herausgefunden, dass Mr. Bennet Pfarrer Brown gebeten hat, Morgen auf die Insel zu kommen."
„Aber Em würde nie ja dazu sagen!" Entsetzt schaute Jareau von Hotchner zu Hunter.
„Ich habe eine Idee…" Hotchner nickte seiner Kollegin beruhigend zu und begann dann seinen Plan zu erläutern.
Prentiss fühlte sich schrecklich müde, doch sie hatte Angst zu schlafen. Was konnte sich ihr Entführer noch alles ausgedacht haben? Sie unterdrückte ein Gähnen.
Doch sie spürte, wie es ihr immer schwerer fiel, die Augen offen zu halten. Ob Jeff ihr wohl…
Ihre Augen schlossen sich und ihr Kopf fiel auf die Seite.
Susanne stand auf dem Balkon ihres Hotelzimmers, dass sie sich mit JJ zusammen teilte. Sie genoss die warme Luft, die im Gegensatz zu der eisigen Kälte in Washington richtig angenehm war.
Plötzlich hörte sie auf dem Nachbarbalkon jemanden an die Brüstung treten. Neugierig sah sie hinüber. Hotch stand dort und schien auf das Meer zu lauschen, dass in nicht allzu weiter Entfernung gegen den Strand schlug.
„Es ist schön hier." Erschrocken öffnete Hotch seine Augen und sah zu ihr hinüber. Obwohl Susannes Stimme nicht vielmehr als ein Flüstern gewesen war, hatte er doch nicht mit ihr gerechnet.
Er richtete seinen Blick zurück ins Zimmer, doch von Dave war nichts zu sehen. Dann trat er näher an die Brüstung zum Nebenzimmer, wo ihn Susanne schon erwartete.
„JJ?", fragte er leise.
„Im Bad." Antwortete Susanne eilig und hielt ihm ihre Hand über die Brüstung entgegen. Wenn auch nicht mehr möglich war, so wollte sie ihn doch wenigstens für einen kurzen Moment spüren.
Ruhig ergriff er ihre Hand und spürte augenblicklich ihre Wärme.
„Hotch?!" Erklang die raue Stimme von Dave. „Bist du draußen?"
„Ja", augenblicklich ließen sie den Kontakt ihrer Hände abbrechen und stellten sich wieder an die Außenbrüstung. „Das Wetter ist richtig herrlich hier."
„Was meinst du wohl, warum ich während der Weihnachtsferien in die Wärme geflogen bin." Dave trat heraus. „Hey Susanne…" Grüßte er seine Kollegin, als er sie auf dem Nachbarbalkon ausgemacht hatte.
„Winter gehört halt auch zu den Jahreszeiten. Aber die Wärme ist schon angenehm." Stimmte sie dem Altermittler zu.
„Dann warte mal Morgen die Mittagsonne ab." Warnte Rossi lachend.
„Nun meine Schöne." Bennet war am nächsten Morgen im schneeweißen Anzug in den Wohnraum des Holzhauses getreten. Seine Hände hielten etwas hinter seinem Rücken versteckt. „Das Boot kommt. Mach dich fertig!" Mit seinen letzten Worten breitete er ein Kleid vor Prentiss aus.
Diese sah erstaunt auf das schneeweiße Kleid. Dieser Mann hatte wirklich an alles gedacht. Jede verliebte Frau wäre stolz auf so einen Mann, der alle Wünsche für diesen speziellen Tag so gerne erfüllte. Sie war sich plötzlich auch noch sicher, dass er eine Torte für diesen Anlass besorgt haben könnte. Wie, war ihr bei diesem Wetter zwar ein Rätsel. Aber zuzutrauen wäre es ihm.
„Zieh dich um." Bennets Stimme klang weich und voller Vorfreude.
„Jeff", versuchte Prentiss noch einmal mit ihm zu sprechen, „ich kann das nicht. Ich liebe dich nicht!"
Bennets Gesicht verhärtete sich. Sie sah, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Sekundenlang wartete sie auf eine Antwort.
„Mach schon." Seine Stimme war bestimmt. Er ließ sich auf keine Diskussion mehr ein.
Prentiss versuchte in seinen Augen zu lesen, aber er drehte sich weg und legte das Kleid über eine Stuhllehne. „In zehn Minuten bist du fertig auf der Veranda!"
Bennet verließ die Hütte und atmete draußen tief die morgendliche Luft ein. Es war doch nicht so leicht, diese Frau zu überzeugen. Nun, gegebenenfalls musste er ihrem Glück halt etwas nachhelfen.
Wieder ruhiger, machte er sich auf hinunter zum Steg. Es dauerte nicht lange, da hörte er den Motor eines Bootes über das Meer hallen. Und endlich kam es hinter der Insel hervor.
Schon von weitem konnte er den Pfarrer auf dem Boot erkenne, der ihm fröhlich zuwinkte.
Erfreut winkte er zurück und ging über den Steg zu den Pollern. Beherzt ergriff er das Tau im Bug, als das Boot heran war und befestigte es.
„Sie sind pünktlich, Pfarrer Brown. Schön, dass alles so gut geklappt hat." Rief er über den Motorenlärm hinweg, bevor er nach hinten ging und das Heck ebenfalls an den Pollern befestigte.
Bennet half dem älteren, grauhaarigen Mann auf den Steg und zusammen gingen sie den Weg zur Hütte hinauf.
„Es ist schön wieder hier zu sein, Jeff. Ihr Großvater war so gerne hier. Er ist einfach viel zu früh gestorben."
„Das stimmt." Jeff Bennet wurde einen kurzen Moment lang sentimental, hatte sich aber augenblicklich wieder völlig im Griff.
„Bitte setzten Sie sich doch Pfarrer Brown. Die Fahrt war bestimmt anstrengend." Der junge Mann deutete auf einen Tisch mit Bank auf der Veranda. „Möchten Sie eine Erfrischung?" Er deutete auf eine Karaffe mit Limonade.
„Sehr gerne, mein Junge!" Stimmte der alte Mann dankend zu.
Bennet versorgte seinen Gast. Jetzt musste sie aber langsam kommen, sonst konnte er für nichts garantieren. Er spürte die Nervosität in ihm aufsteigen. Doch dann hörte er die Fliegengittertür in ihren Scharnieren quietschen.
„Meine Liebe!" Bennet kam bewundernd auf Prentiss zu, als diese in dem weißen Kleid auf die Veranda trat. „Darf ich dir Mr. Brown vorstellen? Er ist der zuständige Pfarrer für diese Inseln."
„Pfarrer Brown." Prentiss reichte dem älteren Mann höflich die Hand. Er war der Einzige, der ihr jetzt noch helfen konnte. „Es ist schön sie kenne zu lernen."
„Was haben Sie gesagt?" Der Pfarrer sah sie mit fragendem Blick an. „Sie müssen etwas lauter sprechen. Ich kann Sie sonst nichts verstehen."
Entsetzt fiel jede Hoffnung aus Prentiss' Gesicht. Wie sollte sie diesem Mann auf die Schnelle diesen Irrtum begreiflich machen?!
„Nun, mein Junge, sollen wir gleich starten? Bevor die Dunkelheit kommt, wollte ich wieder zu Hause sein. In meinem Alter schläft man lieber in seinem Bett, als hier draußen in der Wildnis."
Bennet nickte nur kurz und ergriff Prentiss Ellenbogen. Sie spürte augenblicklich seinen festen Griff. Verwundert schaute sie auf seine Hand, die wie eine Fessel ihren Arm umschloss. Ein kurzer Blick in seine Augen, zeigten ihr, dass er es wirklich ernst meinte.
„Nun, ich denke, wir können uns auf das Wesentliche beschränken?!" Stellte Brown entschieden feste. Er räusperte sich und nahm eine gewichtige Stellung ein.
„Willst Du, Jeff Andrew Bennet, die hier anwesende Emily Prentiss zu deiner Frau nehmen, sie lieben und achten, bis das der Tod euch scheidet?"
„Ja, ich will." Bennets Stimme kippte leicht. Er schien wirklich ergriffen. Nun, sein Traum wurde gerade wahr.
Der Pfarrer nickte zufrieden.
„Und Sie, Miss Emily Prentiss, wollen Sie, den hier anwesenden Jeff Andrew Bennet zu ihrem Mann nehmen, ihn lieben und achten, bis das der Tod sie scheidet?"
Prentiss atmete tief durch. Sie spürte in den Sekunden, die vergingen, wie sich Bennets Griff an ihrem Ellenbogen immer mehr verstärkte.
„Nein! Das wäre falsch!" Dabei schüttelte Prentiss entschieden den Kopf.
„Sehr schön!" Pfarrer Brown lächelte erfreut. „Dann darf ich Sie hiermit zu Mann und Frau erklären."
„Ich habe ‚Nein' gesagt!" Prentiss schrie fast. Aber noch immer schien der Pfarrer sie nicht zu verstehen. Das alles hier war wie in einem schlechten Traum, aus dem man nicht aufwachte.
„Sie dürfen die…" Sprach dieser weiter.
Prentiss riss sich los. Ihre Augen sprühten Funken. Entschieden drehte sie sich um, raffte den Rock des Kleides und rannte los. Ihre einzige Chance dieser Farce zu entkommen waren die Boote!
Der Pfarrer schaute verwirrt hinter der enteilenden Braut her, dann wandte er sich an Bennet: „Hat ihr die Zeremonie nicht gefallen?"
„Ach", Bennet machte eine abwehrende Geste gegen den alten Mann und machte sich auf die Verfolgung seiner Braut.
„Emily, Liebling, warte doch!"
Prentiss lief den Weg so schnell sie konnte hinunter zum Anlegesteg. Durch den vielen Stoff des Kleides fühlte sie sich aber ziemlich behindert. So hatte sie doch nie eine Chance vor Jeff die Boote zu erreichen! Enttäuscht stiegen ihr Tränen in die Augen. Und doch gab sie nicht auf und lief weiter. Sie traute sich nicht, einen Blick nach hinten zu werfen, denn das hätte bedeutet, sie hätte ihr Tempo etwas drosseln müssen. Es verwunderte sie nur, dass sie keine Geräusche hinter sich hörte, die ihren Verfolger verriet.
Dann blieb sie abrupt stehen. Vor ihr in einiger Entfernung standen Menschen! Sie standen zu nahe zusammen, als dass sie die genaue Anzahl bestimmen konnte.
Wie hatte es Jeff zusammen mit dem alten Mann nur geschafft, vor ihr unten am Strand zu sein? Gab es eine Abkürzung, die sie bei ihrer Inspektion der Insel übersehen hatte? Das durfte doch alles nicht wahr sein… Sie wollte aus diesem Alptraum endlich erwachen!
Sie schaute nach rechts. Eine steile Felswand erstickte ihren Fluchtgedanken. Links befand sich zwar Bewuchs, es ging aber ebenfalls ziemlich steil bergab.
„Jeff Bennet, bleiben Sie stehen!" Sprach Morgan den Mann vor sich an. Er war zusammen mit Rossi, Constable Hunter und Sheriff Bennet mit gezogenen Waffen aus ihrem Versteck nahe der Hütte hervorgetreten.
Bennet bremste etwas ab: „Ich kann jetzt nicht!" Der Mann ging neben ihnen her und deutete auf Prentiss. „Ich muss hinterher. Meine Frau läuft mir gerade davon!"
„Jeff!" Rief ihm Marc Bennet entsetzt hinterher.
„Marc?" Jetzt erst schien er seinen Bruder unter den Menschen zu erkennen. „Was machst du denn hier?"
„Jeff, du musst damit aufhören!"
„Womit?" Wirklich erstaunt sah er die vier Männer mit den gezogenen Waffen an.
„Du hast Emily entführt und versuchst sie gegen ihren Willen zu heiraten!" Versuchte der Sheriff endlich zu seinem Bruder durchzudringen.
„Aber sie hat ja gesagt!"
Langsam versuchte Morgan von der Seite näher an den völlig verstörten Mann heranzukommen.
„Was ist mit ihr? Warum kommt sie nicht weiter?" Jareau verstand das Verhalten ihrer Kollegin nicht.
„Sie sucht einen Ausweg." Entfuhr es Hotchner.
„Verteilt euch." Rief Frank entsetzt und entfernte sich eilig mehrere Schritte von ihren Kollegen. –
Die Personen unten am Anlegesteg hatten sie nun wohl auch bemerkt. Sie verteilten sich. Prentiss konnte vier Personen zählen. Vier! –
„Frank", Hotchner stockte einen Moment, „geh ihr entgegen. Sie erkennt uns nicht. Wir sind zu weit entfernt."
Ohne groß nachzudenken lief Frank los. In einiger Entfernung zu Prentiss wurde sie langsamer, denn sie spürte, wie ihre Kollegin nervös einige Schritte zurückwich.
„Emily!", Versuchte Frank Prentiss über die Entfernung anzurufen. „Ich bin es Susanne!"
Langsamer ging sie auf Prentiss zu. „Es wird alles wieder gut! Jeff kann dir nichts mehr antun. Derek und Dave haben ihn sicher schon festgesetzt."
„Susanne", Prentiss liefen die Tränen über die Wangen. „Bist du es wirklich?"
„Ja", Frank lächelte die verstörte Frau ihr gegenüber erleichtert an. „Es ist vorbei!"
Frank zog ihre Kollegin in ihre Arme und konnte deren Erleichterung spüren. Und doch schien sie nicht entspannen zu können.
„Ich möchte hier weg!" Bat Prentiss mit leiser Stimme.
„Sicher, komm." Frank legte ihr beschützend einen Arm um die Schulter und führte sie den Weg weiter hinunter zu den wartenden Kollegen.
Ein lautes Tuckern, das vom Meer die Felsen hinauf schallte, zog die Aufmerksamkeit der Männer auf dem Felsplateau oben bei der Hütte auf sich. Das Boot des Pfarrers kämpfte sich durch die Wellen. An Bord konnten sie fünf Personen erkennen.
„Emily", Jeff Bennet schien sie augenblicklich unter den Personen ausgemacht zu haben. „Emily!" Schrie er laut.
Abrupt drehte er sich um und verschwand innerhalb von Sekunden in den Gebüschen. Morgan schaltete als Erster und jagte ihm hinterher. Er hatte sich innerlich schon auf einen unebenen Weg quer durch das Unterholz eingestellt, als er feststellen musste, dass ein schmaler Trampelpfad hinunter zum Strand führte.
Nur selten konnte er einen Blick auf das Meer erhaschen. Doch der Weg ging steil bergab.
Dann teilte sich der Weg plötzlich. Wohin nun? Er lauscht und versuchte das Rauschen seines eigenen Blutes in den Ohren zu überhören.
Das Tuckern des Motors schien schon weiter entfernt. Demnach konnte es nur der linke Weg sein. Er führte fast waagerecht dem Berg entlang und führte wahrscheinlich zur nächsten Bucht.
„Emily! Warte auf mich!"
Morgan lief los. Bennet schien wirklich noch das Boot erreichen zu wollen.
Als Morgan aus dem Unterholz auf den Strand hinauslief, hatte Bennet schon den Wasserrand erreicht und lief weiter in die Fluten.
Morgan sprintete los, das Wasser der Wellen spritzte um ihn hoch. Er sprang weiter durch das Wasser und warf sich anschließend auf Bennet. Zusammen fielen sie platschend ins Nass. Augenblicke später stand Morgan schon wieder und zog den völlig verdutzten und wasserspuckenden Bennet auf die Füße.
„Jetzt werden Sie mal endlich wach, Kumpel." Morgan packte Jeff Bennet am Revers seines Anzuges. „Emily will nichts von Ihnen. Sie werden sich für Ihre Taten verantworten müssen. Und sollte ich Sie jemals wieder in der Nähe meiner Kollegin sehen, dann Gnade Ihnen Gott!"
Chinesische Weisheit:
Das Gesicht eines Menschen siehst du im Licht - seinen Charakter im Dunklen.
Emily schrak aus dem Schlaf hoch. Schnell atmend saß sie im Bett und versuchte sich in der Dunkelheit zu orientieren.
„Emily!" Susanne schaltete das Licht an, setzte sich neben ihr auf und berührte sie leicht am Arm. „Es ist alles vorbei. Du hast nur schlecht geträumt."
In den nächsten Minuten beruhigte sich Emilys Atmung wieder. Sie legten sich zurück auf die Kissen.
„Die Zeit auf der Yacht war gar nicht so schlimm, Sue." Emily drehte sich ihrer Freundin zu. „Selbst als er mir von seinen Hochzeitsplänen erzählte, war ich fest entschlossen mich zu wehren. Aber wo der Pfarrer nicht mein ‚nein' verstehen wollte, da habe ich mich in einem schlechten Traum gefangen gefühlt."
Susanne sah, dass es Emily besser ging. Der Schlaf brachte ihre innere Kraft wieder zurück.
„Ich weiß nicht, ob ich nicht schon auf der Yacht ausgetickt wäre." Susanne sprach bewundernd.
„Klar gab es Momente, wo ich mich gefragt habe, ob ihr mich wohl finden würdet. Aber trotzdem habe ich versucht einen klaren Kopf zu behalten, um sein Spiel mitspielen zu können. Auf dem Boot hätte ich keine Chance zur Flucht gehabt."
„Em, du musst mir nur eins versprechen: Keine derartigen Geheimnisse mehr!" Bat Susanne sie mit bittendem Blick.
„Versprochen." Emily versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. „Ich wollte euch nur nicht schon wieder mit meinen Problemen belästigen."
„Dafür sind Freunde doch da… Und jetzt versuch wieder zu schlafen. Das wird dir helfen."
Emily nickte verstehend. Müde schloss sie ihre Augen.
Susanne drehte sich auf den Rücken, schaltete das Licht wieder aus und lag mit offenen Augen da. Ihren Blick heftete sie an die dunkle Decke und ihr gingen die letzten Stunden wieder durch den Kopf:
Nachdem sie endlich wieder in Nassau angekommen waren, hatten sie sich intensiv um Emily gekümmert. Sie hatte geduscht und etwas gegessen.
In der Zwischenzeit war die Yacht mit den beiden Bennet-Brüdern, den Constable, Rossi, Morgan und dem Pfarrer ebenfalls in Nassau eingelaufen.
Während sie Jeff unter Aufsicht seines Bruders und Hunter in einem Hotelzimmer untergebracht hatten, waren alle gespannt auf Emilys Geschichte gewesen. Sie erzählte kurz von den letzten Wochen und ausführlicher über ihre Reise auf der Yacht und die Tage auf der Insel.
Alle waren erleichtert, dass dieser Fall ein so glückliches Ende gefunden hatte.
Am späten Abend hatten sich dann die Kollegen von Emily, Susanne und Hotch verabschiedet. Sie brachten Jeff Bennet zurück in die Vereinigten Staaten, wo der Richter schon auf ihn wartete.
Emily hatte sich verständlicher Weise geweigert zusammen mit ihrem Entführer zurück zu fliegen. So hatten sie kurzerhand Flüge auf einen Linienflug gebucht, der aber erst am nächsten Morgen ging.
Zu dritte versuchten sie die Atmosphäre in einem Restaurant mit Blick aufs Meer zu genießen. Doch Emily war bald müde.
„Ihr könnt ja noch etwas bleiben. Ich gehe hoch."
„Soll ich nicht lieber mitkommen?" Bot Susanne sich an.
„Nein", Emily schüttelte leicht ihren Kopf. „Ich werde bestimmt sofort einschlafen."
„Gute Nacht." Hotch lächelte sie befreit an. „Es ist schön, dass du wieder bei uns bist."
„Danke." Emily stockte einen Moment. „Danke, dass ihr so hartnäckig nach mir gesucht habt."
Hotch nickte nur stumm. Nichts traf ihn mehr, als wenn seiner Familie etwas passierte. Da er das Team dazu zählte, hatte sich seine Familie in den letzten Jahren erheblich vergrößert.
Nach schier endlosen Minuten wagte Hotch es schließlich Susannes Hand über den Tisch hinweg zu ergreifen. „Das waren ein Paar harte Tage."
Susanne nickte. Sie genoss seine Wärme auf ihrer Haut, die sie endlich entspannen ließ.
Als die Sonne sich dem Horizont näherte, gingen sie hinunter zum Strand. Zärtlich legte Hotch seine Arme von hinten um Susannes Körper. Einen schöneren Moment in diesem Paradies konnten sie sich nicht vorstellen…
Dort hatte sie endlich auch die Zeit gefunden, mit ihm offen zu sprechen: „Aaron, ich kann das nicht länger."
„Was meinst du?" Fragte er leise in ihr Ohr, da er sein Kinn auf ihrer Schulter abgelegt hatte.
„Diese Berührungen während der Arbeit. Sich die Sekunden suchen und dabei ständig auf der Hut zu sein."
Hotch starrte auf das Meer. „Ich weiß genau, was du meinst." Sekundenlang schwiegen sie. „Was schlägst du vor?"
„Gar keine Berührungen mehr… Das ist auch nicht einfach, ich weiß…"
„Es wird aber leichter zu ertragen." Flüsterte Hotch.
Susanne nickte und legte seufzend ihren Kopf an seine Wange. –
Die Sonne war schon lange untergegangen, als Hotch sich endlich rührte. Zärtlich legte er seine Lippen auf ihren Hals. Augenblicklich spürte er wie Susanne unter seiner Berührung erzitterte.
„Was machen wir…" Susanne ließ den Satz unbeendet.
„Was meinst du?" Hotch zog sie fester an sich.
„Wir belügen die Kollegen und bringen sie damit in Gefahr."
Hotch schwieg einen Moment. „Ich bin schon auf der Suche nach einer Lösung. Das geht nur nicht so schnell."
„Was für eine Lösung?" Verwundet drehte sich Susanne zu ihm um und schaute ihm tief in die Augen.
Doch Hotch schüttelte nur kurz seinen Kopf. „Das ist noch zu früh."
„Aber vielleicht kann ich dir ja helfen." Susannes Stimme klang euphorisch.
Wieder schüttelte Hotch nur den Kopf. „Ich weiß ja selber noch nicht genau, wonach ich suche."
Susanne spürte, dass ihm diese Situation auch nicht gefiel. Daher sagte sie nichts mehr.
Zusammen genossen sie noch eine Stunde Zweisamkeit. Dann machten sie sich auch auf den Weg zurück ins Hotel.
Ihren letzten Gute-Nacht-Kuss hatte sie schließlich vor der Tür des Hotelzimmers bekommen.
Susanne drehte sich Emily zu, die gleichmäßig tief ein- und ausatmete. Die Entscheidung zu Emily ins Zimmer zu gehen war ihr nicht leicht gefallen, aber erstens brauchte ihre Freundin sie jetzt und zweitens hätten sie dann ihr Geheimnis verraten. Was nie passieren durfte. Noch nicht… Wonach Aaron wohl suchte?
