14 – Angst macht sich breit

„Schön, dass wir den Valentinstag doch noch für uns haben." Susanne kam ins Wohnzimmer ihrer Wohnung zurück, wo Hotch bereits auf sie wartete.

„Kommst du?" Hotch forderte sie mit einer Handbewegung auf, sich zu ihm auf die Couch zu setzen. Gut gelaunt folgte sie seiner Bitte und schmiegte sich augenblicklich lächelnd an ihn.

„Ich habe dir eine Kleinigkeit besorgt. Damit du immer spürst, wie viel du mir bedeutest!" Flüsterte Hotch ihr verliebt ins Ohr und legte ihr dabei eine dünne Kette um den Hals.

Susanne griff nach dem Anhänger und ertastete ein kleines Herz. Lächelnd stand sie auf und ging hinaus in den Flur, um sich das Geschenk im Spiegel genauer anzusehen.

„Gefällt es dir?" Hakte Hotch nach, als er im Türrahmen erschien. Noch bevor Susanne antworten konnte, erfasste er das Strahlen in ihren Augen.

„Ja, sehr! Vielen Dank!" Antwortete Susanne leise. Langsam kam Hotch näher und schlang seine Arme von hinten um ihren Körper.

„Erst hatte ich einen Stern in der Hand, er hat mich an das Strahlen deiner Augen erinnert. Dann fiel mir ein, dass ich dir ja eigentlich mein Herz schenken wollte." Minutenlang standen sie einfach vor dem Spiegel und schauten sich tief in die Augen.

Dann erfasste Susanne neue Energie und lachend sprach sie: „Ich habe auch etwas für dich… Ich habe es bereits kurz vor Weihnachten gekauft.

Jetzt ist der richtige Moment dafür."

„Weihnachten?" Verwunderung lag in Hotchs Augen.

„Ja", damit befreite sich Susanne lachend aus seinen Armen und verschwand im Schlafzimmer.

Kurz darauf kam sie mit einem kleinen, in grünes Papier eingewickelten Päckchen zurück. „Ich wollte es dir eigentlich erst zum Abschied geben."

„Abschied?" Das Lächeln fiel aus Hotchs Gesicht. Er meinte zu fühlte, wie sein Herz einen Moment aussetzte. Er räusperte sich leicht: „Du willst wirklich wieder zurück?" Das würde ihn endgültig brechen!

Susanne schüttelte lächelnd ihren Kopf: „Wenn ich bei der BAU aufhöre… Wenn wir endlich zu unserer Liebe stehen können!"

Hotch schüttelte leicht seinen Kopf. Er trat auf Susanne zu und zog sie fest in seine Arme. Es musste doch eine Möglichkeit geben, diese verdammte Richtlinie zu umgehen. Warum hatten sie sie damals nur wieder eingeführt?!

Seine Augenbrauen hatten sich unter seinen ernsten Gedanken eng zusammengezogen.

Drei gelbe Schulbusse standen am Straßenrand. Lautes Stimmengewirr schallte überall durch die Luft. Ein weiterer Bus stoppte am Ende der Reihe und als die Tür geöffnet wurde, drängten Schüler aller Altersklassen heraus. Die Jüngeren liefen übereifrig auf das Gebäude der Elementary School zu, die Älteren schlenderten in Grüppchen über die Straße zur High School.

Auch viele Autos hielten am Straßenrand. Darunter ein blauer Ford. Jessica stand in der Fahrertür und schaute erleichtert ihrem Neffen hinterher. Nach dem Tod seiner Mutter, hatte Jack erst einige Zeit gebraucht, bis er akzeptieren konnte, dass sie nicht wieder zu ihm zurückkommen würde. Mit Beginn des neuen Schuljahres hatte Jessica schon befürchtet, dass ihn der Anblick seiner Klassenkameraden mit ihren Müttern wieder hinunter ziehen könnte. Sie hatte mit Aaron über ihre Ängste gesprochen und er hatte sich wirklich Zeit für Jack genommen. Gemeinsam hatten sie Jack damals am ersten Tag nach den Ferien zur Schule begleitet und wenn es terminlich passte, dann stand Hotch zum Schulschluss an der Straße, um seinen Sohn abzuholen.

Hilfreich war es für Jack, dass jeden Morgen sein bester Freund Simon vor dem Schulgebäude auf ihn wartete. Schmunzelnd verfolgte sie die beiden Jungs wie sie sich auf den Weg ins Gebäude machten. Dabei erzählten sie sich gestenreich ihre neuesten Erlebnisse und vergaßen dabei alles um sich herum.

Susanne stellte zwei Tassen Kaffee auf den Küchentisch, bevor sie sich neben Hotch niederließ. „Ich habe mir etwas überlegt. In fünf Monaten ist meine Zeit bei euch doch vorbei. Dann werde ich mich einfach für eine andere Abteilung bewerben oder bei der Metropolitan Police."

„Musst du denn nicht zurück nach Deutschland? Sie haben dich doch hierher geschickt, damit du unsere Vorgehensweise kennen lernst." Hotch hatte seine Hand auf Susanne's gelegt.

„Sicher erhoffen sie sich derartiges. Aber eine Verpflichtung stand in der Ausschreibung nicht."

„Du bist nach diesem Jahr also wieder frei und kannst machen was du möchtest?!"

„Ja, ich muss nur meine Stellung in Deutschland kündigen. Sie halten mir meinen Platz frei." Eine Zeit lang sprach keiner von Beiden ein Wort.

„Oder du bleibst beim Team und ich suche mir etwas Neues." Ließ Hotch schließlich leise seine Gedanken verlauten. „Das wird leichter sein."

„Niemals!" Sprach Susanne ruhig aber bestimmt. Nun legte sie ihre Hand auf Hotch's, die schon ihre linke Hand bedeckte. „Das wirst du nicht tun!"

Der Blick ging starr aus dem Fenster. In der Ferne erklang leises Glockengeläut einer Kirche, die den Menschen die volle Stunden verkündete. Der Fokus veränderte sich. Der Blick schweifte nun die gräuliche Wand des Raumes entlang und blieb auf einer Uhr hängen. 9.00 a.m.

Die Sicht wechselte wieder auf das graue Bild der Stadt, oder besser der grauen Wand des Nachbargebäudes. Doch nur kurz. Erneut änderte sich der Fokus und richtete sich auf eine Tischplatte direkt vor sich. Dort lagen nebeneinander eine Waffe mit mehreren Magazinen, ein Jagdmesser in seiner Scheide und ein Klappmesser.

Laut wurde die Atemluft ausgestoßen. Der Standpunkt erhöhte sich und alles was noch zu sehen war, war das eintönige Grau einer verputzten Wand.

Die Tür der Elementary School flog auf und Jack kam mit einem älteren Jungen aus dem Gebäude. Jack sprang die zwei Stufen hinunter und lacht übermütig.

„Glaubst du der Trainer wird mich wirklich aufnehmen, James?"

„Warum sollte er nicht. Du hast wirklich Talent. Probiere es einfach für einige Einheiten aus. Schau, ob es dir gefällt. Und ehrlich gesagt: Der Trainer ist so hart. Wenn er dich nicht in einer der Mannschaften sieht, wird er es dir auch offen sagen."

Sie kamen an die Straße. Jack stellte sich neben James an den Zebrastreifen und gemeinsam schauten sie nach links und rechts. Die Straße war nicht sehr befahren, aber doch achteten sie darauf, dass die anrollenden Wagen stoppten und ihnen den Übergang ermöglichten.

Auf der anderen Seite sprang Jack dann schon wieder ausgelassen wie ein junges Reh über den Vorplatz zur High School.

„Endlich ist es Frühling James! Bei dem Sonnenschein leuchten die Farben so kräftig." James hörte ihm lächelnd zu. Jack erinnerte ihn so sehr an sich selbst, als er im zweiten Schuljahr war. Er öffnete die Tür des Schulgebäudes und ließ dem kleinen Jungen den Vortritt.

Emily Prentiss hielt einen kurzen Moment inne, als sich die Türen des Fahrstuhles geöffnet hatten. Sie gab sich einen Ruck und trat hinaus. Tief zog sie die vertraute Luft in ihre Lungen.

Endlich wieder zu Hause!

Energiegeladen stieß sie die Glastür auf und sah sich ihren Kollegen gegenüber, die sie schon freudestrahlend erwarteten.

„Herzlich Willkommen, Em!"

„Schön, dass du wieder da bist."

„Wir haben dich vermisst."

Prentiss fand sich Sekunden später von ihren Kollegen umzingelt, die sie alle herzlich begrüßten.

„Endlich haben Sie mich wieder diensttauglich geschrieben. In meiner Wohnung ist mir langsam die Decke auf den Kopf gefallen." Prentiss lehnte sich erleichtert an ihren Schreibtisch und wischte zärtlich mit der flachen Hand über die Oberfläche. „Was gibt es hier Neues?"

„Es ist erstaunlich ruhig in der letzten Zeit." Erklärte Morgan. Grinsend fuhr er fort: „Die haben alle darauf gewartet, dass du wieder zurückkommst."

„Das hast du nett gesagt:" Prentiss fiel erleichtert in das allgemeine Gelächter ein.

Das Blickfeld wurde von der Front des Schulgebäudes ausgefüllt. Drei Stufen führten zum Eingang hinauf, über der Tür stand Maret High School. Vereinzelte Laubbäume lockerten die grüne Rasenfläche des Grundstückes auf und ließen auf schattige Plätzchen im Sommer hoffen.

Ein Auto bewegte sich durch das Bild und als wäre dadurch die Starre des Bildes aufgehoben, steuerte sich der Fokus in gerader Linie auf den Eingang zu. Eine Stufe hinunter, der Bürgersteig. Schritte über die Straße, eine Stufe wieder hoch. Der Klang der Schritte veränderte sich. Die lauten harten Schritte wurden zu einem Flüstern und Rascheln. Weich wurden die Bewegungen gedämpft.

Immer schneller kam der Eingang näher. Ein Sprung und schon waren die Stufen Geschichte. Eine Hand erfasste den Türgriff und zog energisch die linke Flügeltür auf. Das Licht der Sonne erstarb. Die Bewegungen stockten.

Die Schulglocke läutete. Schlagartig flogen die Türen in den Fluren auf und die Schüler eilten hinaus.

Endlich wurde das Bild klarer. Langsam schob sich eine Waffe in den unteren Bildabschnitt und schon flogen die ersten Geschosse durch den Flur.

Vereinzelte Schreie erklangen, als die ersten Menschen zusammenbrachen. Dann brach Panik aus und die Schüler rannten den Gang hinunter. Nur weg!

„Ein Amokläufer! Verlasst die Schule, sofort!" Ein Lehrer zerschlug die Scheibe des Alarmauslösers und drückte den Knopf. Augenblicklich begann die Sirene auf dem Dach zu heulen.

„Schnell!"

„Beeilt euch."

Die Stimmen und Schreie schallten durch die Flure. Durch die sich anhäufenden Straftaten an Schulen waren die Lehrer geschult worden. Jetzt versuchten sie ihre Schüler zu den Ausgängen zu dirigierten.

Hotch stieg gerade die Treppen zu seinem Büro hoch, als er von Morgan aufgehalten wurde. „Hättest du einen kurzen Moment für mich, Aaron?"

Leicht verwundert hatte sich sein Teamleiter ihm zugewandt, nickte aber augenblicklich. „In meinem Büro?"

Diesmal nickte Morgan nur kurz.

Schweigend stiegen sie die Stufen hinauf und Hotch ließ Morgan ins Büro eintreten. Konzentriert auf die Dinge, die nun folgen würden, schloss er die Tür und bot Morgan durch eine Handbewegung auf dem Sofa einen Platz an.

Er selber zog sich einen seiner Besucherstühle heran und setzte sich seinem Kollegen gegenüber.

„Was gibt es?" Begann Hotch das Gespräch, da Morgan noch kein Wort gesagt hatte.

„Es geht um… Jess." Morgan schien irgendetwas zu hemmen. „Um Jess und mich… Hast du nicht auch das Gefühl, dass sie sich verändert hat?"

„Verändert? Du meinst, seitdem ihr zusammen seid?" Hotch schien ehrlich überrascht.

„In den letzten Wochen." Morgan stockte einige Sekunden. „Es ist, als würde sie sich von einer Sekunde zur Anderen völlig austauschen."

„Kannst du mir das etwas genauer erklären?" Hotch hatte seine Augenbrauen wieder einmal zusammengezogen. Ein Zeichen für Morgan, dass er die volle Aufmerksamkeit seines Chefs hatte.

„Wenn wir zusammen unterwegs sind oder bei mir, ist sie locker und gelöst. Bringe ich sie zu euch nach Hause, scheint es mir so, als wenn sie mich am liebsten weit von sich stoßen möchte.

Ich habe sie gefragt, aber sie weicht mir aus."

Hotch hatte bei den Erzählungen des Mannes vor ihm aufgehorcht.

„Jack und du, ihr wisst doch über uns Bescheid. Ich verstehe nicht, was sie für ein Problem hat?!"

‚Ich weiß es aber! ' Schoss es Hotch durch den Kopf. ‚Sie versucht Susanne und mich zu decken. Weil wir noch nicht an die Öffentlichkeit wollen…'

„Derek, das hat nichts mit dir zu tun. Das musst du mir fürs Erste glauben." Hotch hatte sich leicht vorgebeugt und seine Hände auf die Oberschenkel aufgestellt. „Ich werde mit Jessica reden… noch heute. Ihr könntet später zusammen losziehen. Ich kümmere mich um Jack."

„Ich weiß nicht…" Morgan schien wirklich am Ende der Beziehung zu stehen. „Es scheint mir so, als wenn sie mich ausschließen wollte. Als wenn sie Geheimnisse vor mir hätte."

Hotch fühlte sich schwer. Er wusste, dass Jessica das Ganze nur ihm zu Liebe tat. Dabei war es eindeutig, dass sie seinen Kollegen liebte. Er konnte es immer in ihren Augen sehen, wenn sie über Derek sprachen oder wenn die beiden zusammen waren.

Nun brachte er diese Liebe auseinander, nur weil er liebte. Es war doch zum Verrückt werden!

„Bitte Derek", Hotch fuhr mit der Hand über seinen Mund und suchte verzweifelt nach den passenden Worten, „ich werde mit ihre reden. Ich glaube, ich weiß was mit ihr los ist. Gib noch nicht auf! Es hat bestimmt nichts mit dir zu tun!"

„Hey Leute!" Jareau eilte an den Kollegen im Großraumbüro vorbei.

„JJ, was gibt es? Ein neuer Fall?" Prentiss schaute ihrer Kollegin hinterher und die Blicke des restlichen Teams verfolgten aufmerksam Jareau's Reaktion.

„Macht euch schon mal fertig und besorgt die Wagenschlüssel. Es geht gleich überstürzt los." Jareau wirbelte einmal um die eigene Achse, während sie antwortete und dann weitereilte.

„Okay Leute, dann wollen wir mal." Reid schloss die Akte mit der er sich gerade befasst hatte.

„Ich gehe und sage Rossi Bescheid." Frank stand eilig auf und machte sich auf den Weg.

Jareau hatte an die geschlossene Bürotür ihres Chefs geklopft und nach dem überrascht erklingenden ‚Herein' eilig die Tür geöffnet.

„Hotch! Entschuldigt, wenn ich euch unterbreche." Die Agents Morgan und Hotchner hatten ihre Aufmerksamkeit der Tür zugewandt. „Es gibt einen Amoklauf an einer Schule. Man fragt an, ob wir die Leitung vor Ort übernehmen könnten. Angeblich hat sich der Täte in ein Klassenzimmer verschanzt."

Hotchner spitzte sofort seine Ohren. Und seine Gesichtszüge wurden noch ernster. Das konnte ein blutiges Geschäft werden. „Wo?" Fragte Morgan neugierig. Er schien ganz froh, dass das Gespräch fürs Erste beendet war.

„Hier in D.C."

„JJ?!" Hotchners Stimme wurde hart.

„Maret School."

„Jack!" Morgan sprang entsetzt auf.

Aaron Hotchner blieb indes scheinbar ruhig. Jareau konnte aber erkennen, wie sämtliches Blut aus seinem Gesicht wich.

Er erhob sich wie in Zeitlupe und trat, gefolgt von den Blicken seiner Kollegen, an seinen Schreibtisch. Er verharrte kurz, bevor er die unterste Schublade öffnete und seine Waffe herausnahm. Er steckte sie in den Holster an seinem Gürtel. In alter Gewohnheit zog er sein Jackett von der Stuhllehne, warf es sich diesmal aber nur achtlos über die Schulter und ging eiligen Schrittes hinaus. Das Team, das schon bereitstand, sah, wie sich seine Gesichtszüge nicht nur auf das härteste angespannt hatten, sondern auch die Blässe, die sein Gesicht überzog.

Friedrich Wilhelm Nietzsche:

„Die Phantasie der Angst ist jener böse, äffische Kobold, der dem Menschen gerade dann noch auf den Rücken springt, wenn er schon am schwersten zu tragen hat."

Wie durch einen Tunnel eilte Hotchner die Treppe hinunter, durch das Großraumbüro zu den Fahrstühlen. ‚Jack! Müssen den alle, die ich liebe durch irgendeinen Verrückten sterben?' Vorm Fahrstuhl wartend atmete er tief durch. ‚Bleib ruhig. Jack geht es gut. Es gibt so viele Schießereien in den Staaten, dass es sehr unwahrscheinlich ist, gerade einem Amoklauf an einer Schule zum Opfer zu fallen. Du kennst dich doch da aus.'

Das Surren des Fahrstuhles und die Tür, die sich vor ihm öffnete, holten ihn endgültig in die Wirklichkeit zurück. Wie selbstverständlich stand das ganze Team um ihn herum und geschlossen machten sie sich auf den Weg.

„Okay", Hotchner räusperte sich, „JJ, was hast du für uns."

„Amoklauf an der Maret School hier in Washington. Der Täter ist gegen 9.30 Uhr in die Schule eingedrungen. Er soll wild um sich geschossen haben. Die Lehrer haben schnell reagiert und den Alarmknopf gedrückt." Sie blätterte in der Mappe in ihrer Hand. „Genau gegen 9.32 Uhr ging der Alarm los. Die ersten Polizisten waren innerhalb von Minuten vor Ort. Sie haben den Täter verfolgt und ihn in einem Klassenzimmer in die Enge getrieben. Leider war noch eine Schulklasse mit ihrer Lehrerin in dem Raum." Die Fahrstuhltüren öffneten sich.

Unten in der Tiefgarage angekommen, eilten sie zu den zwei schwarzen SUVs. Morgan setzte sich sofort hinter das Lenkrad des ersten Fahrzeuges und ließ den Motor an. Hotchner, der oft den Zweiten fuhr, zögerte. „Emily, hier fang. Du fährst."

Er selbst stieg neben Morgan ein und die Wagen schossen aus der Garage. Draußen schaltete Morgan die Sirene ein und fädelte sich mit quietschenden Reifen in den morgendlichen Verkehr. Wenn sie gut durchkamen, könnten sie in einer Viertelstunde vor Ort sein.

Frank saß hinten im Wagen. Sie wunderte sich, dass Hotchner schon wieder so klar denken konnte. Sie selbst fühlte sich zerrrüttelt. Jack, der süße kleine Jack…

„Morgan, wir werden die Lage vor Ort besprechen und dann möchte ich dich bitten, dich bei den evakuierten Schülern umzusehen. Versuche Jack zu finden. Ich will ihn nicht auch noch durch so einen Psychopaten verlieren."

„Klar mache ich."

„Kann ich mitkommen?" Frank wusste, sie konnte nicht die ganze Zeit irgendwo in einem kleinen Raum untätig warten.

„Wir werden ihn finden Hotch! Mach dir keine Sorgen."

Hotchner nickte und starrte den restlichen Weg schweigend und in Gedanken versunken aus dem Fenster.

Morgan hielt bei dem Fuhrpark des Großeinsatzes an und schaltete die Sirene aus. Der zweite Wagen stoppte direkt hinter ihnen. Eilig legten sie die schusssicheren Westen mit der Aufschrift FBI an und gingen geschlossen auf den Tatort zu.

An der mobilen Einsatzstation empfing sie Joe Faris, Leiter der S.W.A.T.-Einheit des Metropolitan Police Department.

„Hotch!" Der Mann im Kampfanzug reichte ihm die Hand.

„Joe, wie sieht es da drinnen aus?"

„Momentan ist es einigermaßen ruhig. Wir haben alle Verletzten herausholen können. Sie sind teilweise schon auf den Weg ins Krankenhaus."

„Tote?"

„Ja. Wir haben bisher drei Lehrer gefunden und zwölf Schüler."

„Ist der Täter in die Elementary School eingedrungen?" Morgan brachte sich in das Gespräch ein.

„Nein. Soweit wir seinen Weg nachvollziehen konnten, hat er nur die High School über den westlichen Eingang betreten. Die Elementary liegt östlich von hier."

„Ja, das wissen wir." Warf Morgan ein. Joe Faris ließ sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen und fuhr in seinem Bericht fort.

„Er hat sich den Weg im Erdgeschoss freigeschossen und ist dann die Treppe hoch. Dort oben gibt es einen großen Flur, er scheint bis in die Mitte gelaufen zu sein und hat dann in alle vier Richtungen das Feuer eröffnet. Er hat ins Chemielabor gehalten. Dann haben wir ihn gestört. Er hat sich bis zum Ende des Flures retten können und das Klassenzimmer dort betreten."

Faris schaute an der Front des Schulgebäudes hinauf und alle Augen folgten seinem Blick automatisch.

„Jetzt sitzt er dort oben. Wir wissen noch nicht genau wie viele Personen sich in seiner Gewalt befinden."

„Gibt es eine Möglichkeit in den Raum zu schauen?" Reid mischte sich ein.

„Das sind wir noch am Prüfen. Wir haben Pläne der Schule vorliegen." Faris wandte sich zur mobilen Einsatzzentrale hinter sich um. „Connor, können sie mal die Pläne bringen." Ein Teamkollege von ihm trat heraus, zwei Pläne in der Hand. „Die Schule ist vor fünf Jahren erst renoviert worden", erkläre dieser. Gemeinsam warfen sie einen Blick auf die Pläne und Joe Faris erläuterte dem BAU-Team den wahrscheinlichen Weg des Täters.

„Jetzt sitzt er auf jeden Fall in diesem Klassenzimmer fest. Die Polizisten haben gesagt, sie hätten nur einen Schuss in dem Raum gehört. Dann laute Schreie. Seitdem ist es still."

„Okay. Reid, sieh dir mit Prentiss und JJ die Pläne an, vielleicht findet ihr etwas. Wir müssen unbedingt wissen, wie viele Personen sich im Raum befinden und wie wir Kontakt zu dem Täter aufnehmen können." Begann Hotchner die Aufgaben zu verteilen. Dann wandte er sich wieder Faris zu. „Eine Ahnung, wer unser Täter sein könnte, gibt es noch nicht, oder?"

„Doch. Ein gewisser Luka Coleman. Neunzehn. Eine Lehrerin hat ihn erkannt."

Morgan zog sofort sein Handy und wandte sich ab.

„Hey Garcia, wir brachen deine Supermaschine."

„Nun Schätzchen, dann leg mal los."

„Such alles zu einem Luka Colemann."

„Sonst noch irgendwelche Angaben?"

„Um die Neunzehn und war Schüler der Maret School."

„Okay, ich melde mich." Penelope Garcia legte auf und machte sich an die Arbeit.

„Gut, dann gehen wir jetzt hinein und machen uns ein Bild von dem Tatort. Joe, eins von deinen Teams begleitet uns, dass sollte ausreichen."

„Hotch, willst du wirklich selber hineingehen?" Morgan hielt seinen Chef am Arm fest.

„Ich bin der Spezialist für Amokläufe." Hotchner sah Morgan an und für einen kurzen Moment ließ Hotchner seine aufgesetzte Maske fallen. Morgan wusste sofort, dass sein Chef lieber selbst nach seinem Sohn gesucht hätte, aber als Leiter des Einsatzes konnte er noch nicht einmal den Tatort verlassen.

Hotchner wandte sich an Rossi. „Dave, Joe und du kommen mit rein. Eventuell müssen wir verhandeln, da brauche ich dich vor Ort. Und ihr beiden", er sah jetzt Frank und Morgan an, seine Stimme wurde weicher „ihr wisst was zu tun ist."

Derek Morgan wusste welches Vertrauen sein Chef in ihn legte und nickte ihm kurz zu.

„Connor, sie werden den Agents hier draußen so gut es geht weiterhelfen." Gab Faris Anweisung an seine Leute.

„Jawohl Captain."

„Dann los. Wir bleiben in Verbindung." Hotchner nickte Joe und Rossi zu. Sie steckten die Funkstöpsel in die Ohren und machten sich auf den Weg. Mit gezogenen Waffen betraten sie kurze Zeit später hintereinander das Schulgebäude, gefolgt von einem S.W.A.T.-Team des MPDC.

Morgan schnappte sich Connor und begann augenblicklich zu fragen: „Sind alle Schüler evakuiert worden?"

„Ja. Die meisten Schüler konnten wir geordnet auf dem Sportplatz führen. Die Lehrer gehen gerade die Listen durch, ob alle da sind."

„Befinden sich die Kleinen auch auf dem Sportplatz?" Frank sah den Polizisten nervös an.

„Nein, sie sind auf der anderen Seite ihrer Schule. Da gibt es einen großen Park."

„Vielen Dank." Morgan hieb ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Er tauschte einen Blick mit Frank und beide liefen zurück zu den SUVs.

Reid beugte sich über die Pläne und verschaffte sich einen Überblick über die vorhandenen Lüftungsanlagen und Stromversorgungen.

JJ trat zu ihm. „Hast du schon was gefunden Spence?"

„Sieht nicht gut aus. Er würde alles bemerken. Wir könnten versuchen ein Wärmebild von dem Klassenzimmer zu machen. Das müsste allerdings aus der Luft geschehen."

Reid wählte und legte sich das Handy ans Ohr.

„Der Herr Doktor. Wie kann ich helfen?"

„Garcia, ich brauche ein Wärmebild von der Schule. Speziell von unserem Klassenzimmer im Süden."

„Okay, kein Problem…" Garcias Finger folgen über die Tastatur. „Ich habe etwas gefunden. Ich schicke euch den Link herüber."

„Danke."

„Ach Reid, die Angaben, die Morgan über den Täter haben wollte schicke ich euch gleich hinterher."

„Gut, bis dann."

Reid öffnete den Link und schon konnten sie das Innere des Klassenzimmers erkennen. „Wir brauchen unbedingt noch einen Blick durch die Fenster. Connor? Ist es möglich mit einem Zielfernrohr etwas in dem Raum zu erkennen?" Wandte sich Reid an den Mann von der Metropolitan Police.

„Nein, meine Jungs haben die Fenster im Visier, aber die Vorhänge sind zugezogen." Reid nickte ergeben und drückte die Sprechtaste des Funkgerätes.

„Hotch? Wir haben ein Wärmebild von dem Klassenzimmer."

„Stopp Leute." Hotchner ließ den Stoßtrupp in der Schule halten. Sie lehnten sich mit dem Rücken gegen die Wand. „Was siehst du, Reid?"

„Viele rote Punkte, sie drängen sich in die nordöstliche Ecke. An der gegenüberliegenden Frontseite bewegte sich ein Punkt hin und her."

„Der Täter!" Erklang Rossis geflüsterte Stimme über Funk.

„Wahrscheinlich." Stimmte Reid zu. „Er ist nervös. Eine, vielleicht auch zwei Personen befinden sich in unmittelbarer Nähe des Täters. Wahrscheinlich sein Schutzschild zu den Fenstern."

„Okay… Noch was?" Hotchner hoffte wenigstens auf einen kleinen Lichtblick.

„Garcia findet nichts außergewöhnliches über den Jungen."

„Sie sind meistens unauffällig und verschlossen. Haben kaum Freunde." Rossi gab seinen Gedankengang über die neuen Informationen wieder.

„Sucht weiter Reid." Gab Hotchner Anweisung. „Es muss irgendetwas über ihn geben.

Wir gehen jetzt hoch in die zweite Etage."

Derek Morgan bremste den Geländewagen vor dem Eingang des Parks ab. Frank und er stiegen aus. Langsam näherten sie sich dem Meer von Kindern, das sich vor ihnen ausbreitete.

„Entschuldigen Sie bitte!" Morgan sprach eine ältere Frau an. Leicht gestresst drehte sich die Frau zu ihm um.

„Agent Morgan, meine Kollegin Frank. Wir sind von FBI. Ich nehme an, Sie sind Lehrerin dieser Kinder?"

„Ja, genau. Meine Name ist Isabella Bertani."

„Gut." Morgan lächelte sie ruhig an und Frank spürte, wie sich die Lehrerin während des weiteren Gespräches immer mehr entspannte.

„Was sieht ihr Notfallplan in diesem Moment vor?" Morgen erhoffte sich weitere Informationen.

„Wir überprüfen gerade die Anwesenheit aller Schüler. Kassenweise. Die Schulbusse wurden angefordert. Sobald sie da sind, werden die Kinder nach Hause gebracht."

Morgan nickte. „Auch die Kleinen? Zu Hause wird vielleicht niemand sein."

„Das gilt ab der dritten Klasse. Für die Kleinen haben wir Gruppen gebildet. Für jede Gruppe ist ein Elternteil eingeteilt, der die Kinder mit nach Hause nimmt und sich um sie kümmert, bis sie von den Eltern dort abgeholt werden."

„Okay." Morgan schaute sich vereinzelte Kinder genauer an. Einige waren aufgeregt. Sie redeten ununterbrochen, lachten oder sprangen nervös herum. Andere standen mit starrem Blick da, andere weinten.

„Können Sie uns bitte noch sagen wo wir Miss Mason und ihre Klasse finden können?" Übernahme nun Frank das Gespräch.

Mrs. Bertani schaute die Agentin verwundert an. Dann schien sie sich wieder leicht zu entspannen. „Waren Sie nicht vor einigen Monaten bei uns in der Schule?! Sie kommen mir bekannt vor."

„Ja, ich war mit Agent Hotchner in Miss Masons Klasse. Wir haben unseren Beruf vorgestellt." Stimmte Frank lächelnd zu.

„Es tut mir leid, aber gerade an Tagen wie heute müssen wir sehr vorsichtig sein." Mrs. Bertani schaute sich um und wies dann mit dem ausgestreckten Arm auf eine junge Frau, die sich liebevoll ihrer Klasse widmete. „Da ist sie."

„Vielen Dank." Freundlich lächelnd beendete Frank das Gespräch und folgte Morgan, der sich bereits mit eiligen Schritten auf die junge Frau in Bluejeans und hellblauer Bluse zubewegte.

„Hotch!" Reids Stimme erklang erneut durch das Funkgerät. Mit Gesten verständigten sich Hotchner, Rossi, Faris und das Sturmteam, das an der gegenüberliegenden Wand des Ganges entlang schlich. Faris öffnete die nächste Tür eines Klassenzimmers und zusammen mit Rossi überprüfte er den Raum mit gezogener Waffe. „Okay, sauber." Rossi erhob sich aus seiner Lauerstellung und steckte die Waffe in den Holster zurück.

Hotchner, der ihnen den Rücken gesichert hatte, kam als Letztes in den Raum und schloss die Tür hinter sich. Die Waffe wegsteckend, sprach er schon in das Mikrofon an seinem Handgelenk.

„Okay Reid, was hast du?"

„Nicht wirklich viel. Nach den Plänen zu schließen, gibt es keine Chance eine genauere Angabe über die Situation im Klassenzimmer zu bekommen."

„Gut, dann müssen wir es drauf ankommen lassen." Hotchner wechselte einen nicht gerade befriedigten Blick mit seinem Teamkollegen.

„Es gibt aber eine Möglichkeit mit dem Täter in Verbindung zu treten." Fuhr Reid nach einer Sekunde Funkstille fort. „Nach den Umbauten wurden Lautsprecher in den Klassen installiert. Sie haben alle zusätzlich ein Mikro eingebaut bekommen, so dass er nicht nur uns hören kann, sondern wir auch ihn."

„Das ist doch schon mal etwas." Rossi schien gedanklich schon die möglichen Szenarien durchzuspielen.

„Sind die Mikros an der Sprechanlage im Sekretariat angeschlossen?" Nach den Plänen, die Faris vor gut einer halben Stunde noch eingehend studiert hatte, befand sich das Sekretariat auf der anderen Seite des Gebäudes. Für diese Wegstrecke bräuchten sie Zeit. Zeit, die sie unnötig verschwenden würden.

„Nein, die Mikros sind für Notfälle, wie dieser hier. Sie sollen nicht für andere Zwecke missbraucht werden. Wir haben schon eine Stelle lokalisiert, die für das Mikro freigeschaltet ist. Collin wird euch gleich dorthin dirigieren."

„Was hast du noch?" Hakte Hotchner nach. Auch wenn ihm im Innern bewusst war, dass Morgan und Frank seinen Sohn noch nicht gefunden haben konnten. Er musste einfach fragen.

„Garcia hat die Adresse von Luka Coleman gefunden. Er ist noch bei seinen Eltern sechs Blocks weiter gemeldet. Emily und ich machen uns gleich auf den Weg und schauen uns dort mal um. JJ bleibt hier und hält die Stellung."

„Gut, dann fahrt los. Und beeilt euch. Je mehr wir von ihm wissen, desto besser." Hotchner versuchte professionell zu bleiben.

„Ich habe mir gedacht, wir sollten es vorrangig mit dem Computer versuchen. Amokläufer unterhalten sich gerne im Internet mit Gleichgesinnten und kündigen ihre Tat dort gerne an."

„Meistens…" Stimmte Rossi zu, während er seinen Teamleiter nicht aus den Augen ließ. Schwer legte er ihm seine Hand auf die Schulter. „Haltet uns über eure Ergebnisse auf dem Laufenden. Wir arbeiten uns hier weiter vor."

Hotchner atmete unterdessen tief durch und fokussierte seinen ganzen Körper auf die bevorstehende Aufgabe. Wenn er nicht ganz bei der Sache war, gefährdete er nicht nur das Leben der Geiseln, sondern auch der Kollegen um ihn herum.

Er wusste doch, dass er sich auf seine beiden Kollegen verlassen konnte. Sie würden nicht eher aufhören zu suchen, bis sie Jack gefunden hatten oder bis sie wussten, dass er in Sicherheit war.

„Ich übergebe dann jetzt an Collin." Damit verabschiedete sich Reid fürs Erste.

„Alles gut?" Rossi sah Hotchner tief in die Augen.

Als dieser mit entschlossenem Gesicht nickte, wusste der Altermittler, dass der Teamleiter sein privates Problem dem dienstlichen hintenangestellt hatte. Seine Gedanken galten in erster Linie nur noch ihrem Amokschützen und seiner Geiseln…

Leise besprach sich der Stoßtrupp über das weitere Vorgehen. Einfach in das Klassenzimmer eindringen, ohne weitere Informationen über die Situation im Inneren, konnten sie nicht. Sie würden die Geiseln gefährden. Es blieb ihnen wirklich nur der Versuch mit dem Täter in Verbindung zu treten und zu verhandeln.

Somit machten sie sich wieder auf den Weg und ließen sich von Collin zu der Notfallstelle leiten.

„Hey", Morgan sprach die junge Frau augenblicklich an, als er neben ihr eintraf. Mit einem Klemmbrett unter dem Arm drehte sich die Lehrerin zu den Agents herum.

„Agent Frank!" Das angespannte Gesicht der Lehrerin wurde weicher, als sie die Frau hinter dem Mann ihr gegenüber erkannte. „Was machen Sie denn hier?"

„Helfen." Frank deutete hinter sich auf die Schule und ging dann augenblicklich auf den Grund ihres Kommens über: „Haben Sie ihre Kinder alle komplett?"

„Ja, alle sind da." Noch leicht entsetzt, versuchte sie ihre Stimme möglichst normal klingen zu lassen.

Morgan hatte seinen Blick über die Kinderschar, die sich eng zusammengestellt hatte und ruhig das Geschehen um ihre Lehrerin herum verfolgten, schweifen lassen. Aber er konnte Jack nicht unter ihnen entdecken. Jack hätte auch nicht gewartet, bis er angesprochen worden wäre. Er kannte die Kollegen seines Vaters und wäre zu ihnen gekommen.

„Entschuldigung, darf ich mal sehen?" Morgan deutete mit seinen Augen auf das Klemmbrett und hielt ihr auffordernd die Hand entgegen.

„Sicher. Hier bitte."

Schnell hatte Morgan Jacks Namen gefunden. Hinter seinen Namen war ein Vermerk, kein Hacken.

„Was bedeutet dies?" Er zeigte Miss Mason was er meinte.

„Jack ist mit einen der älteren Schülern unterwegs. Jeder Schüler hat einen Paten, der sich für ihn Zeit nimmt, ihm was erklärt oder zeigt."

„Zum Beispiel?" Agent Frank sah sie fragend an.

„Wie die Bibliothek funktioniert… Sie helfen im Sekretariat…" Entsetzt verstummte die Lehrerin und hielt sich entsetzt die Hand vor dem Mund.

„Was?"

„Sie wollten ins Sekretariat. Sie wollten Jack für die Fußballmannschaft anmelden. James, sein Pate, sie verstehen sich total gut."

„Wo ist das Sekretariat?" Morgan schaute Miss Mason mit ernstem Blick an.

„In der High School. Die Schulen gehören offiziell zusammen."

„Nein!" Franks entsetzter Blick wanderte von der Lehrerin zu Morgan und wieder zurück: „Ist das gewiss, dass sie da waren?"

„James hat ihn gegen 9 Uhr 10 abgeholt. Hier, ich habe die Uhrzeit eingetragen."

„Dann waren sie wahrscheinlich noch im Sekretariat, als die Schüsse fielen. Wenn ich die Plänen noch richtig im Kopf habe ist das Sekretariat im nordöstlichen Flügel der Schule, also war er nicht in unmittelbarer Nähe des Täters." Resümierte Morgan seine Gedanken.

Noch während Morgan sprach, spürte Frank eine Veränderung ihren Körper durchlaufen. Sie verstand plötzlich, dass es nicht einfach war, sein Kind los zu lassen und anderen deren Leben anzuvertrauen.

Ihr wurde schlagartig bewusst, dass es nicht nur Aaron in ihrem privaten Leben neu gab. Sondern auch Jack. Er war mit dem Leben ihres Freundes fest verbunden. Und sie spürte, dass Jack ihr auch sehr viel mehr bedeutete. Sie liebte den Kleinen genauso wie seinen Vater.

Sie mussten ihn einfach finden… Nicht nur für Aaron…

„Dieser James,…" Franks Stimme war leicht belegt. Sie musste sich erst räuspern, um die nächsten Worte heraus zu bringen. „Ist der zuverlässig?"

„Unbedingt, er würde sich immer für Jack einsetzten."

„Danke Miss Mason! Wenn sie etwas von ihm hören, dann rufen Sie mich bitte an." Morgan drückte ihr seine Karte in die Hand und zusammen mit Frank entfernte er sich etwas von den Kindern.

„Wir können nicht einfach so in die Schule gehen." Flüsterte Morgan los. „Auch wenn das Sekretariat am anderen Ende ist. Wir müssten Hotch darüber informieren."

„Aber dann würde er erfahren, dass Jack noch nicht in Sicherheit ist." Frank wollte ihrem Teamleiter keine weiteren Sorgen bereiten.

„Wo bleibt dein sonst so logischer Verstand Susanne? Hotch weiß es auch so. Wir haben schließlich noch keine Entwarnung gegeben."

„Du hast recht… Entschuldige!"

„Wofür? Jedem von uns geht mal etwas an die Nieren… Weil wir uns mit dem Opfer identifizieren oder auch Taten nachvollziehen können… Hast du schon mal jemanden gekannt, der urplötzlich in Not geraten ist?" Als Frank nickte fuhr Morgan fort: „Du kennst Jack. Du magst ihn, den Kleinen. Hast ihn in dein Herz geschlossen."

„Ja." – ‚Sogar viel zu sehr…'

„Okay, dann hätten wir das geklärt. Und nun schalte mal deinen Verstand ein." Sie schwiegen einen Moment und versuchten sich wieder an die Informationen, die sie erhalten hatten, zu erinnern.

Prentiss klopfte energisch an die Wohnungstür im vierten Obergeschoss eines Hauses in einer beliebten Wohngegend.

Als sich die Tür öffnete sahen sie sich einer strahlenden Frau in den Vierzigern gegenüber. Verwundert starrte sie das Bild vor sich an.

„Agent Prentiss, mein Kollege Doktor Reid. Wir kommen vom FBI und möchten gerne mit Ihnen über Luka sprechen." Prentiss stockte einen Moment. „Sie sind doch Mrs. Coleman?"

Die Frau vor ihr nickte und ließ die beiden Agents nach kurzem Zögern eintreten.

„Schatz, kommst du mal bitte." Die Stimme der Frau wurde nun energisch. Als sie im Wohnzimmer angekommen waren, erhob sich gerade ein ungefähr gleichaltriger Mann und sah dem unbekannten Besuch verwundert entgegen.

„Die Herrschaften sind vom FBI." Erklärte Mrs. Coleman ihrem Mann mit knappen Worten.

„Genauer gesagt von der Verhaltensanalyseeinheit." Ergänzte Reid die Frau. „Wir müssten mit Ihnen über Luka sprechen."

„Luka? Was ist mit ihm?" Verwunderung legte sich über das Gesicht des Mannes. Leicht legte er seinen Kopf schief.

„Kennen Sie die Maret School?" Begann Prentiss langsam.

„Sicher, die hat Luka besucht. Er ist aber jetzt an der Universität eingeschrieben." Erklärte der Vater.

„Es ist leider so, dass Luka an der Schule amokgelaufen ist. Er hat die Schule passend zur Pause gestürmt und wild um sich geschossen. Nun hat er sich in einer Klasse verschanzt und hält Geiseln."

„Nein", begann Mrs. Coleman augenblicklich, „das ist sicher nicht Luka. Sie müssen ihn verwechseln."

„Leider ist es so, dass ihn mehrere Lehrer und Schüler erkannt haben." Erklärte Reid augenblicklich.

Prentiss ließ den Eltern einen kurzen Moment Zeit mit der Situation klar zu kommen. Doch die Zeit lief: „Haben Sie in der letzten Zeit Veränderungen an Ihrem Sohn festgestellt?"

„Nein, er war wie jeder Junge in seinem Alter!" Mrs. Coleman schien noch immer entsetzt über den Vorwurf an ihren Sohn.

Reid ließ sich von den Aussagen nicht beirren: „Ich würde mich gerne in seinem Zimmer umsehen."

„Ich zeige es Ihnen." Mr. Coleman schien gefasster und ging den beiden Agents voraus. Ohne Umschweife öffnete er die Tür und ließ die beiden Besucher eintreten.

Interessiert ließen sie ihrer Augen durch das Zimmer schweifen und trafen sich anschließend in der Mitte des Raumes. Leise flüsterte Reid seiner Kollegin zu: „Hier stimmt etwas nicht! Es fehlt alles! Kein Computer, keine persönlichen Dinge."

Prentiss nickte zustimmend. Ihr war diese sterile Umgebung irgendwie unheimlich.

„Mr. Coleman", Prentiss überkam eine Vermutung, „ich frage Sie nochmal: Hat sich Luka in der letzten Zeit verändert?"

„Nun ja…" Begann der Mann, der in der Tür stehen geblieben war, nervös. Er wagte es nicht die beiden Agents anzusehen.

„Paul, nicht…" Hörte man die verzweifelte Stimme seiner Frau aus dem Hintergrund.

„Anna, wenn er wirklich Menschen getötet hat und sich noch andere in seiner Gewalt befinden, dann müssen wir die Behörden unterstützen." Mit gebrochener Stimme hatte der Mann vor sich hin gesprochen. Nun sah er auf. „Er war schon immer ein stilles Kind. Er hatte keine wirklichen Freunde."

„Das ist nicht wahr… Du vergisst den kleinen Andrew."

„Anna, Andrew ist der Sohn deiner Schwester, Lukas Cousin." Erbost fuhr Mr. Coleman seiner Frau in die Parade. Dann versuchte er seine Gedanken wieder auf das Leben seines Sohnes zu fokussieren. „Er war lieb und zuvorkommend, hilfsbereit und sehr sportlich. Dann kam die Absage von den Marines. Seitdem hat sich mein Sohn verändert.

Vor einigen Wochen kam Luka dann und sagte er habe sich eine Wohnung in der Nähe der Uni genommen. Ihn störte die weite Anreise. Sie würde ihm am Lernen hindern.

Aber er hat mindestens jede zweite Nacht hier übernachtet."

„Wo ist diese Wohnung? Haben Sie die Adresse?" Hakte Reid augenblicklich nach.

„Sie liegt direkt gegenüber der Maret School. Cathedral Ave NW."

Prentiss und Reid verständigten sich durch einen einfachen Blick.

„Mit Ihrer Erlaubnis würden wir uns gerne dort umsehen." Wahrte Prentiss die Höflichkeit. Obwohl sie sich auch ohne Erlaubnis dort Zutritt verschaffen würden.

„Sicher." Gab Mr. Coleman nickend sein Einverständnis. Fürsorglich nahm er seine Frau in den Arm und versuchte sie zu trösten. Während sich die Agents auf den Weg zu der neuen Adresse machten.

„Also, das Sekretariat. Dann begannen die Schüsse… Was macht James mit dem Kleinen?" Morgan versuchte sich in den Schüler, der mit Jack unterwegs war, hineinzuversetzen.

„Er versucht mit ihm irgendwo in Deckung zu gehen."

„Also wären sie noch im Gebäude?!" Sie schwiegen.

„Nein!" Frank schüttelte schließlich entschieden ihren Kopf. „Als es ruhig war, haben sie das Gebäude verlassen. Geflüchtet… Vielleicht sogar mit Hilfe der Polizei… James hat ihn mitgenommen. Zum Sportplatz. Wo sich die älteren Schüler sammeln."

Sie rannten zurück zum Geländewagen und Morgan gab Gas. Von einem vorbeifahrenden Wagen behindert, führte er eine Vollbremsung durch und der Wagen rutschte einen Moment über den Asphalt.

„Idiot!" Morgan schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad. „Was macht der hier? Die ganze Gegend ist gesperrt."

„Ich glaube, der hatte ein Reporterausweis in der Windschutzscheibe kleben." Frank hatte sich auf ihrem Sitz nach hinten gedreht und verfolgte den langsam fahrenden Wagen mit den Augen.

„Es wird aber niemand mehr hereingelassen. Und das Gelände wird evakuiert." Morgan fuhr wieder an.

„Dann war er wohl schon vorher hier und noch keiner hat ihn hinausbefördert." Mutmaßte Frank.

„Gib die Autonummer an Garcia durch. Ich habe den dunkelgrünen Ford eben schon gesehen, als wir hierher zum Park gefahren sind. Er ist uns da auch schon entgegengekommen."

Frank zog ihr Handy hervor, drückte die Kurzwahltaste und schon war Garcia in der Leitung. „Was kann ich für euch tun, Sue?"

Frank schaltete die Freisprechanlage an: „Penelope, könntest du bitte ein Kennzeichen überprüfen?"

„Sicher. Kleinigkeit… So, schieß los."

„W3J 609."

Einen Moment herrschte angespannte Stille, bis Garcia diese unterbrach: „Der Wagen ist auf einen Donald Frey gemeldet."

„Was hast du über ihn?" Harkte Morgan augenblicklich nach.

„Er ist Reporter. Oder besser, er war. Bei ‚The Washington Post'. Seit zwei Jahren arbeitet er freiberuflich. Hier ist eine Verhaftung, wegen Verleumdung. Während einer Gerichtsverhandlung scheint er seine Meinung öffentlich preisgegeben zu haben. Er hat den Richter und die Geschworenen beschimpft."

„Danke mein Mädchen. Wir werden uns wieder bei dir melden." Morgan sah kurz zu seiner Kollegin hinüber. „Gib JJ Bescheid. Die Polizei soll zusehen, dass sie ihn von der Straße bekommt."

Susanne wählte erneut und gab JJ die Nachricht durch.

Prentiss und Reid standen vor der geschlossenen Wohnungstür in der Cathedral Ave NW. Prentiss klopfte an: „FBI, machen Sie auf!", doch nichts schien sich hinter der Tür zu rühren.

Impulsiv trat sie mit dem Fuß neben den Schloss gegen die Tür und krachend schlug diese gegen die Wand. Mit gezückten Waffen betraten sie die Wohnung. Spartanisch eingerichtet. Die gestellten Möbel des Wohnheimes, nicht wirklich persönlich.

Reid bewegte sich quer durch den Raum, der als Wohn- und Schlafzimmer benutzt wurde und bewegte sich zielbewusst auf eine Tür in der Ecke zu. Sie führte ihn in die Küche. Er betrat sie und vergewisserte sich, dass sich niemand in dem Raum versteckte.

„Sauber", ertönte Prentiss Stimme.

„Hier auch."

Prentiss trat in den Türrahmen. „Also hier möchte ich nicht leben. Selbst im Badzimmer nebenan findet man nur das Allernötigste."

„Er scheint wirklich keinen anderen Ausweg mehr gesehen zu haben. Aber dann verstehe ich nicht, warum er die Schule stürmt und sich in einem Klassenzimmer mit Geiseln verschanzt. Er müsste sein Leben eigentlich schon längst beendet haben. Da stimmt etwas nicht." Reid ging grübelnd auf den Schreibtisch zu und startete den Computer.

„Ich schaue mich noch einmal genauer im Badezimmer um." Prentiss verschwand.

Reid zog sein Handy aus der Tasche.

„Garcia, ich starte gerade den Computer. Du müsstest dich einhacken."

„Kein Problem. Sag mir einfach Bescheid, wenn du soweit bist."

„Hast du sonst noch etwas über den Täter herausgefunden?"

„Er hat sich nach dem Schulabschluss bei der Marine beworben. Doch aus gesundheitlichen Gründen wurde er abgelehnt."

„Welche Gründe?"

„Nierendysplasie."

„Nierenfehlbildung. Das bereitet ihm bisher wahrscheinlich keinerlei Probleme. Aber das Heer würde nie die Verantwortung für ihn übernehmen. – Garcia, der Rechner ist so weit."

„Gut, dann lass mich mal ran."

„Du bist schon drinnen?" Reid sah den Mauspfeil über den Bildschirm gleiten.

„Sicher, sicher. Wonach soll ich zuerst suchen?"

„Was sind die letzten Dateien die er benutzt hat. Mit welchen hat er sich besonders häufig beschäftigt. Und wichtig ist, dass du auch seine Spuren im Internet verfolgst. Foren, in denen er sich wahrscheinlich mit anderen ausgetauscht hat."

„Okay. Hier kommen die ersten Ergebnisse."

Es öffneten sich Dateien über Kriegsschiffe, Tabellenangaben, Längs- und Querschnitte. Prentiss kam zurück und warf einen kurzen Blick über Reids Schulter auf den Bildschirm. Aufseufzend wandte sie sich dem Schrank zu, der zwischen der Bad- und Küchentür stand. Vorsichtig zog sie eine Schublade nach der anderen auf und durchwühlte den spärlichen Inhalt.

Der Stoßtrupp um Rossi und Hotchner hatte das Telefon, das zwischen die Sprechanlage geklemmt war, gefunden.

Eilig erweiterte das S.W.A.T.-Team die Anlage. Sie reichten den beiden FBI-Agents und ihrem Leiter je einen Kopfhörer.

„Jetzt wird sich zeigen, wie gut die Mirkos sind." Hotchner war wie so oft ziemlich skeptisch und setzte den Hörer auf.

Erstaunt wechselte er einen Blick mit Rossi. Sie konnten leises Wimmern hören und eine Stimme, die beruhigende Worte flüsterte.

„Könnt ihr nicht endlich ruhig sein!" Herrschte plötzlich eine Stimme durch die Leitung und sie hörten quietschende Schritte, die sich hin und her bewegten.

„Dann wollen wir mal." Vorsichtig nahm Hotchner den Hörer des Telefons ab. Er legte sich die Muschel ans Ohr und spürte plötzlich, dass er sich nicht vollständig auf den Täter konzentrieren konnte. Auch das Schließen der Augen konnten die Gedanken, die ihm durch den Kopf schossen nicht ausschalten. Er durfte diese Verhandlung nicht gefährden, es standen zu viele Leben auf dem Spiel.

Hotchner nahm den Hörer vom Ohr und reichte ihn an Rossi weiter. Während die beiden sich mit einem Blick verständigten, sah man nur ein leichtes Kopfschütteln bei dem Teamleiter und ein verstehendes Kopfnicken des erfahrenen Profilers.

„Luka Coleman, können Sie mich hören? Mein Name ist David Rossi. Ich bin vom FBI."

Lange Zeit war kein Laut zu hören.

„Sie können einfach sprechen. In dem Lautsprecher befindet sich ein Mikrofon."

„Was wollen Sie?"

„Ich möchte gerne wissen, wie es den Schülern und der Lehrerin geht."

„Gut." Nervosität klang in seiner Stimme mit.

„Allen?"

„Ja, es geht ihnen allen gut."

„Was wollen Sie?"

Wie, was will ich?" Rossi schaute Hotchner irritiert an. Keine Forderungen?

„Die meisten Geiselnehmer fordern irgendetwas. Um ihre Gefangenen auszutauschen."

„Da muss ich erst drüber nachdenken."

„In Ordnung. Ich würde mich dann in einer guten Viertelstunde wieder melden?!"

„Ja."

Rossi legte den Hörer auf die Gabel zurück. „Ich habe das Gefühl, ihm ist noch nicht bewusst, in was für einer Situation er sich befindet."

„Wahrscheinlich ist der ganze Amoklauf anders abgelaufen als geplant."

Hotchner nickte Faris zustimmend zu. „Aber irgendetwas stimmt an der ganzen Geschichte nicht. Ein Amokläufer würde sich erst möglichst unauffällig mitten in die Schule schleichen und von dort aus seinen Feldzug starten."

„Oder zumindest dort beginnen, wo sich die Menschen befinden, die er besonders treffen möchte." Ergänzte Rossi.

„Er scheint wirklich auf Kriegsschiffe und so zu stehen. Hier im Regal befinden sich nur Bücher über Boote." Prentiss fuhr mit dem Finger die Buchreihe entlang und überflog dabei die einzelnen Titel. „Maschinenbau. Garcia, schau mal nach, ob er sich an der hiesigen Universität für Maschinenbau eingeschrieben hat."

„Sofort. Hier kommen die Internetseiten. In einem Forum war er in den letzten zwei Wochen fast täglich und das für mehrere Stunden."

„Okay. So etwas suchen wir."

Reid begann zu lesen. Er überflog die Texte.

„Garcia kannst du herausfinden, wer dieser ‚Totengräber' ist? Sie haben sich in den letzten Tagen in einen eigenen Chatroom zurückgezogen."

„Mach ich. Emily, ich habe hier einen Treffer. Luka Colemann wird seit dem letzten Wintersemester an der Uni im Fachbereich Maschinenbau geführt."

„Das erklärt aber nicht, warum hier so wenige persönliche Dinge von ihm sind. Sein Zimmer bei den Eltern sieht nicht anders aus."

„Und warum hat er als Student zwei Wohnungen?" Reid schaute zu Prentiss hinauf.

„Vielleicht Anonymität?!" Prentiss zog ihr Handy hervor und wandte sich vom Computer ab. Sie wählte und schon nach einem Klingeln nahm Jareau das Gespräch entgegen.

„Emily, habt ihr was?"

„Einige Informationen, ja. Luka Coleman ist an der Universität für Maschinenbau eingeschrieben. Er ist bei den Marines aus Krankheitsgründen abgelehnt worden. Seit einigen Wochen hat er sich gegenüber der Maret School eine Wohnung gemietet.

Obwohl es nicht so aussieht, als wenn er hier wirklich leben würde. So gut wie keine persönlichen Gegenstände, nur einige Bücher über Schiffe und Maschinenbau… Seine Eltern sagten, dass er noch mindestens jede zweite Nacht bei ihnen schläft. Okay, was haben wir noch: Er war in den letzten vierzehn Tagen täglich in einem Forum, wo er stundenlang mit nur einer Person kommuniziert hat. Einem gewissen ‚Totengräber'. Garcia ist auf der Suche nach ihm."

„Der Name alleine hört sich schon nicht ganz vertrauenswürdig an." Erhob Jareau nach der langen Rede ihrer Kollegin wieder ihre Stimme.

„Sehe ich auch so." Gab Prentiss ihrer Kollegin recht. „Reid ist am lesen…"

„Emily warte mal." Reid sah kurz zu Prentiss hoch und zeigte dann auf den Bildschirm vor sich. „Ich glaube, ich habe etwas gefunden. Es scheint, als hätten sie hier etwas zusammen geplant. Der ‚Totengräber' braucht eine Ablenkung."

„Hast du das mitbekommen JJ? ... Wir melden uns dann wieder, wenn wir mehr gefunden haben."

„Gut, bis später."

Sie trennten die Verbindung.

Jareau nahm das Funkgerät und meldete sich beim Stoßtrupp. Wieder dauerte es einen Moment, bis sie sich meldeten, dann gab Jareau die neuen Informationen in das Schulgebäude weiter.

„Zwei Täter würden das merkwürdig Verhalten von Luka Coleman erklären." Hotchner sah seinen Kollegen und den SWAT-Teamleiter überlegend an.

„Der Amoklauf soll von der eigentlichen Tat nur ablenken." Nickte Rossi zustimmend, während er sich über seinen Bart strich.

„Woraus schließt ihr das?" Faris konnte den Gedankensprüngen der BAU-Beamten nicht folgen.

„Luka Coleman ist kein richtiger Amokläufer." Hotchner begann ihre Erkenntnisse dem Polizisten zu erklären. „Amokläufer muss man so schnell wie möglich schnappen, wenn man sie noch vor Gericht bringen möchte. Denn als letztes werden sie immer ihr eigenes Leben beenden."

„Coleman hätte sich schon längst selbst das Leben nehmen können, stattdessen sitzt er jetzt mit den Geiseln in dem Klassenzimmer fest." Erklärte Rossi ihre Situation.

Faris nickte verstehend. „Und ihr glaubt, dass dieser ‚Totengräber' der zweite Täter ist."

„Das scheint mir sehr wahrscheinlich. Aber wir müssen unbedingt herausfinden, wer dieser Chatpartner ist und wofür sie dieses Ablenkungsmanöver benötigen." Hotchner antwortete mit ruhiger Stimme, doch Rossi konnte seine innere Unruhe spüren.

„Dann wissen wir, wie wir ihn bearbeiten können." Rossis Blick fiel auf das Telefon. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf und er warf einen Blick auf seine Uhr. 10 Uhr 30. „Ich denke, wir melden uns etwas früher. Mal sehen, wie gesprächsbereit er ist."

Hotchner nahm wieder den Hörer hoch und gab ihn an Rossi weiter.

„Luka, hier ist noch mal David Rossi… Haben Sie sich überlegt, was sie fordern wollen?"

„Lassen Sie mich doch in Ruhe! Ich brauche nichts." Die Stimme im Hörer wurde lauter.

„Gar nichts?"

Nein!"

Rossi hatte das Gefühl, als wenn sich der Täter vor dem Lautsprecher gestellt und ihm direkt ins Gesicht geschrien hätte. „Können wir dann ein bisschen miteinander reden?"

Sekundenlang blieb es still, bevor eine viel ruhigere und gefasstere Stimme fragte: „Worüber?"

„Ich würde gerne verstehen, warum sie den Menschen in dieser Schule so eine große Angst bereiten."

„Warum nicht! Irgendwann muss der Rest der Welt ja mal einsehen, dass jeder einzelne Mensch auch mal sein Recht einfordern will. Man möchte nicht immer für seine Träume und die Wahrheit ausgelacht und verspottet werden, nur weil es angeblich so absurd ist."

„Was ist absurd Luka? Der Traum zur Marine zu gehen?"

Luka Coleman stand erstarrt da und fixierte den Lautsprecher an der Decke. Ganz in seinen Gedanken versunken gab er keine Antwort.

„Wenn das mit ihren Nieren nicht gewesen wäre, hätte man sie bestimmt in das Corps aufgenommen, nicht wahr?"

„Lassen Sie mich in Ruhe. Ich brauche ihr Gerede nicht." Seine Stimme wurde leiser, gab aber die Entschlossenheit seines Besitzers wieder. „Gleich ist alles vorbei…"

„Luka was haben Sie vor? Die Menschen bei Ihnen können doch nichts dafür!"

„Ihnen wird nichts passieren. Sie haben mein Wort… Aber jetzt lassen Sie mich bitte in Ruhe!"

Rossi legten ergeben den Hörer zurück auf die Gabel. „Das gefällt mir nicht. Hast du gehört, wie matt und normal seine Stimme geklungen hat?"

Vor ihnen tat sich auch diesmal eine riesige Fläche mit Schülern auf. Die Agents Frank und Morgan schauten sich entsetzt an. Wie sollten sie so einen kleinen Jungen in Mitten dieser Masse finden.

Ein Mann in Sporthosen, wahrscheinlich der Trainer der Schule, stand an der Seite des Sportfeldes und stieß immer wieder Befehle durch ein Megaphon.

„Ich habe eine Idee. Komm mit!"

Frank sprach den Trainer an und nahm im kurz darauf das Megaphon ab.

„Hier, du hast die lautere und kräftigere Stimme von uns beiden."

Morgan nahm das Megaphon entgegen.

„Entschuldigt mal bitte." Ertönte Morgans Stimme über den Platz. Die Schüler, die in ihrer unmittelbaren Umgebung standen, wurden leise, doch noch war Morgans Stimme nicht bis ans andere Ende durchgedrungen.

Frank stieg einige Stufen der Tribüne hinauf und wandte sich dann zu ihrem Kollegen um. „Komm hoch Morgan! Von hieraus können dich mehr hören."

Neben Frank stellend, versuchte Morgan noch mal sein Glück. Es dauerte ein bisschen, aber dann wurde es ruhiger untern auf dem Rasen. Viele stießen ihre Nachbarn an und machten sie auf die FBI-Agents aufmerksam.

„Endlich." Morgan wechselte mit Frank einen erleichterten Blick. Dann wandte er sich wieder an die Masse und hob das Megaphon an: „Wir sind vom FBI und benötigen eure Hilfe. Wir suchen Jack Hotchner, einen Zweitklässler. Er war zuletzt mit einem James aus einer höheren Stufe zusammen. Hat irgendjemand von euch sie gesehen?"

Reid hatte es sich vor dem Computer bequem gemacht und las sich in Windeseile durch die Forumstexte.

„Garcia, hast du schon eine Spur von diesem mysteriösen ‚Totengräber'?" Prentiss stand nervös herum. Sie hatte versucht den Text aus dem Forum mit zu lesen, aber Reid war einfach zu schnell. Sie kam immer nur durch die ersten Sätze, dann war schon die nächste Seite auf dem Bildschirm.

„Fast. Er hat sich wirklich Mühe gegeben, aber… É voilà! Ich habe ihn… Irgendwo habe ich den Namen heute schon mal gelesen." Garcia murmelte vor sich hin.

„Wer ist es Garcia?", fragte Prentiss drängend.

„Ein gewisser Donald Frey. Er ist Reporter… nein, er war…" Penelope Garcia sprach immer schneller und Prentiss konnte ihre Finger über die Tasten des Computers fliegen hören.

„Penelope, was ist los?"

„Susanne hat eben eine Halterabfrage gemacht. Dieser Donald Frey fährt mit seinem Auto um die Schule herum!"

„Was?!…" Prentiss ging die Neuigkeiten im Kopf nochmals durch. „Garcia grabe alles über diesen Frey aus. Irgendetwas muss uns weiterbringen."

„James! James, schnell, heb mich hoch! Das ist Derek." James schaute erstaunt auf Jack hinab.

„Du meinst, dein Dad ist hier?" James wusste aus Jacks Erzählungen, dass sein Vater beim FBI war, aber er hatte dem Kleinen nie so wirklich geglaubt.

James hob den kleinen Jungen hoch auf seine Schultern und Jack hob winkend seine Arme.

„Derek! Ich bin hier! ... Susanne!"

„Morgan, da! Linke Seite!" Agent Frank eilte die Stufen hinunter und auf die Stelle zu.

„Könntet ihr den beiden bitte etwas Platz machen? Danke!" Morgans Stimme halte erneut über den Platz. Dann folgte er seiner Kollegin.

Frank wartete am Rand, bis ein großer schlaksiger Junge aus der Masse trat. Jack saß noch immer auf seinen Schultern. Erleichtert lächelte sie zu dem Kleinen hinauf.

James ließ ihn langsam runter auf die Erde und Jack lief sofort auf Frank zu. Sie hockte sich nieder und schloss den kleinen Wirbelwind in die Arme.

Leise flüsterte er ihr ins Ohr: „Ich habe dich vermisst Susanne. Kommst du uns mal wieder besuchen?"

„Jetzt bringen wir dich erst einmal von hier fort."

Frank erhob sich wieder und richtete ihre Aufmerksamkeit auf James.

„Sie sind James?" Der große sportliche Junge nickte.

„Danke, dass Sie sich um Jack gekümmert haben."

„Ich mag Jack. Wir sind Freunde."

Jack schaute stolz zu James hinauf.

„Hey kleiner Mann. Alles klar?" Morgan wuschelte dem Jungen durch das Haar.

„Ja, alles okay."

Derek Morgan zog lächelnd sein Handy aus der Tasche. „Dann werde ich die gute Nachricht mal weitergeben." –

„Morgan endlich. Habt ihr Jack?" Jareau hatte bereits nach dem ersten Klingeln das Gespräch entgegengenommen.

„Ja JJ. Du kannst Hotch durchgeben, dass es ihm gut geht."

„Okay, ich sage es ihm sofort."

„Habt ihr schon Kontakt?" Wollte Morgan nun ihren Ermittlungsstand wissen.

„Ja, aber es ist alles etwas verwirrend." Morgan hörte an Jareaus Stimme, dass es irgendein Problem gab.

„Gut, wir kommen dann jetzt zurück zur Einsatzzentrale."

„Jetzt wird es interessant." Reids Augen flogen über die Zeilen. „Der Sportplatz. Irgendetwas ist mit dem Sportplatz… Garcia, durchsuch deine Ergebnisse mal danach." Reid las weiter.

„Hier ist ein Zeitungsbericht aus dem Jahre 2008. Er stammt aus der Feder von Donald Frey. Darin beschreibt er einen Massenmord an neun Menschen. Darunter waren Schüler der Maret High School. Sie sollen - arrrggh - Sie sollen unter dem Sportplatz vergraben liegen… Der Neubau des Stadions stammt aus dem Jahre 2008, Einweihungsfeier war im Juli. Mr. Frey behauptet ein Serienkiller habe seine Opfer dort beseitigt."

„War das der Grund, warum er nicht mehr in der Redaktion arbeitet?" Prentiss hatte Garcias Ausführung gelauscht.

„Ja,… aber er hat gekündigt."

„Wahrscheinlich haben sie es ihm nahegelegt."

„Vermutlich." Stimmte Garcia ihrer Kollegin zu.

„Garcia kannst du mal nachsehen welche Menschen, in dieser Zeit verschwunden sind?" Reid schaute von seiner Lektüre auf.

Es dauerte einige Sekunden, bevor Garcias Stimme wieder durch das Handy erklang: „Im Jahre 2008 wurden über einhundert Menschen als vermisst gemeldet, die bis heute nicht wieder aufgetaucht sind."

„Versuche es in dem Zeitraum von Januar bis Juli. Nachdem was der Totengräber hier erzählt, sollen die Opfer aus diesem Stadtgebiet beziehungsweise auch aus den umliegenden Vierteln stammen."

Garcias Finger flitzten über die Tastatur. „Fünfzehn."

„Haben sie etwas gemeinsam?"

„Das ist eure Aufgabe Emily. Ich zeige euch mal das Ergebnis."

Garcia drang wieder in den Computer von Luka Colemann ein und schon bald konnten Reid und Prentiss sich die Ergebnisse der Suche ansehen.

„War jemand von ihnen Schüler der Maret School?" Prentiss versuchte die möglichen Opfer einzudämmen.

Sechs Namen wurden von einem blauen Rahmen eingefasst.

„Wer sind dann die anderen Neun? … Und was mich brennend interessiert: Warum hat sich keiner an der Schule über die vielen Vermissten gewundert?" Reid schaute zu Prentiss hoch.

„Weil es sich bis auf eine Schülerin um Ehemalige handelt." Erklärte Garcia augenblicklich. „Wartet,… die Schülerin hieß Franziska Frey."

„Seine Tochter?", fragte Prentiss.

„Nein, Nichte."

„Das erklärt sein Interesse." Reid schaute aus dem Fenster und sah die graue Wand des Nachbargebäudes vor sich. Dann fuhr er fort:

„Wir müssten uns in jedes einzelne Schicksal einarbeiten. Die Zeit haben wir aber nicht. Ich glaube momentan ist es am einfachsten, wenn wir davon ausgehen, dass alle Vermissten Opfer dieses angeblichen Serienkillers waren. Vielleicht konnte Frey keine Verbindung zu den anderen finden." Er wandte sich an Garcia: „Machst du uns bitte eine Liste, wer wann und wo verschwunden ist? Vielleicht ergibt das ja ein Muster."

Reid wandte sich wieder dem Chatroom zu und lass weiter. Prentiss vertrat sich nervös die Beine und schaute sich noch einmal in der Wohnung um.

Ein Knacken im Funk erregte die Aufmerksamkeit des Stoßtrupps. JJ's Stimme erklang. „Hotch, kannst du mich hören?"

„Ja JJ, habt ihr neue Erkenntnisse?"

„Sie haben Jack gefunden. Es geht ihm gut."

Hotchner atmete erleichtert auf. Rossi legte ihm mitfühlend seine Hand auf die Schulter. Jetzt konnten sie ihre volle Aufmerksamkeit auf den Amokläufer richten.

„Ich hab's. Emily, dein Handy. Wir haben nicht mehr lange Zeit!" Prentiss stand schon neben ihn und wählte Jareaus Nummer.

„Ja?" Meldete sich diese knapp.

„JJ, ich brauche sofort eine direkte Verbindung zu Hotch." Sprach Reid in Richtung des Handys.

„Sofort. Warte, so jetzt bist du im Funk… Hotch, Rossi? Könnt ihr uns hören?"

„Ja JJ." Rossis Stimme erklang.

„Reid hat Neuigkeiten."

„Wir haben keine Zeit." Unterbrach Reid seine Kollegin. „Um elf werden Bomben auf dem Sportplatz gezündet. Genau neun Stück. Sie sollen sich an den Stützpfeilern der neu gebauten Tribüne befinden."

„Luka Coleman wartet bis elf und wird sich dann ergeben." Brachte Rossi seine neue Erkenntnis über den Amokläufer, ohne den kleinsten Zweifel in der Stimme, heraus.

„Aber der ganze Sportplatz ist voll mit den Schülern der High School. Sie benutzen die Fläche als Sammelplatz bei Evakuierungen." Jareau mischte sich in das Gespräch ein.

„Was bezweckt der Mann damit?" Faris mischte sich ein.

„Donald Frey, der ‚Totengräber', ehemals Reporter vermutet einen Serienkiller in dieser Gegend. Er geht von neun Opfern aus. Eine davon seine Nichte Franziska. Wir denken es könnten sogar fünfzehn Vermisste sein. Frey vermutet oder hat Beweise, das sich die Opfer unter dem Tribünenneubau auf dem Sportplatz befinden. Niemand wollte ihm bisher glauben… Er will die Opfer freilegen." Prentiss teilte kurz und knapp ihre Ermittlungsergebnisse den anderen Teammitgliedern mit.

„Nein." Reid hörte Jareau's entsetze Stimme, bevor seine Telefonverbindung unterbrochen wurde. Sie hatte wohl vergessen, das Mikro auszumachen.

„Was ist los?" Rossi meldete sich aus dem Inneren der Schule. „JJ, melde dich… JJ!"

Doch Jareau ignorierte die Rufe. Sie wählte Morgans Nummer.

„JJ, was gibt es Neues? Habt ihr ihn?"

„Morgan, schalte euch sofort in den Funk ein. Es scheint, als hätten wir ein Problem mit dem Sportplatz."

„Okay, wir sind sofort da." Die Verbindung wurde unterbrochen.

„Susanne." Morgan hob seinen Funkknopf und steckte ihn ins Ohr. Frank tat es ihm nach und bat James sich kurz um Jack zu kümmern. Dann trat sie neben ihren Kollegen. „Was ist los?"

„Irgendetwas mit dem Sportplatz." Er hob sein Handgelenk an den Mund und sprach in das Mikrofon. „Okay JJ, wir sind auf Empfang. Was gibt es?" –

„Es sind Bomben an den Pfeilern der neuen Tribüne versteckt." Hotchner hatte nicht lange gebraucht, um Jareaus Reaktion auf die Neuigkeiten zu verstehen. Nun galt es zu handeln. „Sie werden um Punkt Elf gezündet. Könnt ihr den Sportplatz bis dahin noch evakuieren?"

Morgan und Frank wechselten, während ihr Teamleiter sprach, einen entsetzten Blick. Morgan warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Noch zwanzig Minuten. Bei zehn, vielleicht zwölfhundert Schülern?"

„Und den engen Ausgängen?!"

Jareau meldete sich: „Das Bombenräumkommando ist schon auf den Weg zu euch. Sie dürften in einigen Minuten da sein. Aber es sind wahrscheinlich neun Stück." Ihre Stimme wurde eindringlicher: „Morgan, ihr müsst die Kinder dort wegschaffen!"

Frank nickte Morgan zu und er hob sein Mikrofon an den Mund. „Wir werden es schaffen. Hauptsache ist, wir bekommen hier keine Panik."

„In welche Richtung schicken wir sie, Derek?" Frank hastete neben Morgan her zur Tribüne.

„Die westliche Straße an der Schule hinunter. Im Osten sind die Elementary Kids."

„Was, wenn sich dort auch Bomben befinden?" Eilig stiegen sie die Stufen hinauf.

„Das glaube ich nicht. Sie sagten er hätte es auf den Sportplatz abgesehen. Außerdem hoffe ich, dass die Kleinen schon längst von hier verschwunden sind… Da", Morgan zeigte in die Ferne auf die östliche Straße, „ein Schulbus. Also Westen, dann kommen die Schüler auch keinem Schulbus in die Quere.

Frank nickte. „Ich schicke die beiden schon los." Dabei deutete sie auf Jack und James und ohne Zögern eilte sie zurück zu den Jungs.

„Kommt mit, wir müssen hier raus." Sie führte sie durch eine kleine Notfalltür hinaus auf die Straße.

„James, hör mir jetzt bitte genau zu." Wandte sich Frank an den großen Jungen. „Du musst mit Jack so weit wie möglich weg vom Sportplatz. Nehmt die westliche Straße." Zusätzlich zeigte sie ihm die Richtung mit dem Arm an. „Geht bis zur Mitte der Schule und warten dort auf uns. Wir kommen nach."

James nickte und ergriff Jacks Hand.

„Ach James, noch eins. Nicht laufen. Wir dürfen jetzt keine Panik verbreiten."

„Okay." James hatte sich im Gehen nochmals umgewandt und Agent Frank verstehend zugenickt.

Frank folgte ihnen noch sekundenlang mit den Augen. Während James eilig die Straße entlang schritt, schaute sich Jack immer wieder ängstlich um. Er verstand nicht, warum Frank und Morgan zurückblieben. Frank schickte ihm ein aufmunterndes Lächeln hinterher und verschwand dann wieder durch die Tür ins Stadion.

Währenddessen hatte Morgan erneut das Megaphon ergriffen und begann die Evakuierung zu organisieren.

Reid und Prentiss verließen das Wohnheim und eilten zum SUV.

„Haben die Beiden die Tat wirklich bis ins Kleinste im Internet durchgesprochen?" fragte Prentiss während sie sich hinter das Lenkrad schwang.

„Ja. So etwas Detailliertes habe ich selten gelesen. Besonders nicht im Internet." Man merkte Reid keine Emotionen an. Er schien den vielen Text einfach so wegzustecken. Nach dem genauen Inhalt wollte Prentiss erst gar nicht fragen.

Schweigend fuhren sie zurück zur Einsatzzentrale.

„Okay, hört mir bitte mal zu. Ich habe gerade die Anweisung zu einer weiteren Übung bekommen. Unsere Aufgabe ist es, den Sportplatz so schnell wie möglich zu räumen, ohne das Panik ausbricht oder irgendjemand verletzt wird. Ich möchte euch bitte, die beiden großen Tore auf der linken Seite zu nehmen." Morgan streckte seinen Arm in die Richtung, die er meinte. „Und die Fluchttür in der Mitte der Tribüne. Sammelt euch bitte auf der westlichen Straße neben der Schule. Von dort werden euch dann die Schulbusse aufsammeln und nach Hause bringen."

Noch während Morgan zu den Schülern sprach, ging Frank mit den ersten Schülern auf eines der Tore zu. Sie stieß die beiden Flügeltüren auf und gab den ersten Schülern die Richtung an, in die sie weitergehen sollten. Alles ging zügig aber ruhig vonstatten. Morgan stand auf der Tribüne und beobachtete die Maße, die sich über den Rasen walzte.

„Luka, geben Sie auf. Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus und wir machen der Sache ein Ende, bevor noch weitere Menschen verletzt werden." Rossi hatte einen erneuten Versuch gestartet Kontakt zu dem Amokläufer aufzunehmen.

„Sie wissen überhaupt nichts!"

„Ich weiß eine Menge. Zum Beispiel, das es noch zu früh ist um aufzugeben."

„Lassen Sie mich in Ruhe!" Die Stimme wurde wütend.

„Luka, wir wissen von den Bomben. Sie sollen um 11 Uhr hochgehen und den Sportplatz der Schule sprengen. Wir sind dabei sie zu entschärfen. Keinem Menschen wird noch irgendetwas geschähen."

Rossi schwieg, aber keine Erwiderung erklang aus dem Lautsprecher.

Hotchner drückte die Stummtaste des Telefons. „Es hat keinen Sinn, er wird bis 11 Uhr warten. Erst, wenn keine Bombe hochgeht, wird er uns wirklich glauben."

Rossi nickte zustimmend.

„Und dann wird er aufgeben?!" Faris sah die beiden Agents mit ernstem Blick an. „Ihr habt gesagt, er wäre nicht der Typ, der sich selber umbringt. Wut hat ihn zu diesem Ablenkungsmanöver veranlasst. Die Wut nicht von der Marine aufgenommen worden zu sein."

„Du meinst, er will nur beweisen, dass er sich doch eignet?!" Hotchner wiegte zweifelnd seinen Kopf zu Faris Annahme. „Wahrscheinlich wird ihm gerade bewusst, was er hier angerichtet hat und das er damit sein ganzes Leben zerstört hat. Er wird eine lange Haftstrafe verbüßen müssen."

„Dann könnte er sich aber vielleicht doch noch dazu entschließen sein Leben zu beenden." Rossi sprach das aus, was Hotchner dachte. Die Männer verstummten.

„Wir müssen ihn ablenken und versuchen seine Gedanken zu steuern." Sprach Hotchner schließlich die einzige Möglichkeit noch aus.

„Vielleicht bekommen wir ihn ja zum Reden und er erzählt uns warum die Marine so wichtig für ihn ist." Rossi legte sich den Hörer wieder ans Ohr.

Luka Coleman atmete tief durch, nachdem er den Lautsprecher oben an der Wand angeschrien hatte. Doch so einfach ließ sich sein Puls nicht senken. Er spürte jeden Schlag in seinen Schläfen.

Nervös begann er seine Hände zu kneten, als er die Zeit auf der Uhr neben dem Lautsprecher ablas. Er zog seine Pistole aus dem Hosenbund und drehte sich langsam zu seinen Geiseln im Klassenzimmer um.

Prüfend schweifte sein Blick über die Schüler, die allesamt verängstigt in der hinteren Ecke zusammen saßen. Zwei Mädchen waren noch immer am Heulen. Aber zumindest taten sie dies nun lautlos. Dieses Gejammer war nicht auszuhalten gewesen.

Er trat langsam zu der Lehrerin, die er auf einen Stuhl zwischen sich und den Fenstern postiert hatte. Immer darauf bedacht sich nicht zur Zielscheibe zu machen.

„Nun, Frau Lehrerin…" Er machte eine kurze Pause, schien aber nicht wirklich auf eine Antwort zu warten. Er wedelte ihr mit der Pistole vor der Nase herum, was die noch recht junge Frau, mit panischem Blick verfolgte. Aber sie versuchte stark zu bleiben. „Bald ist es geschafft. Es dauert nur noch einige Minuten."

Nervös griff er sich an den Kopf. Das Pulsieren ließ einfach nicht nach. Entschieden griff er in seine Hosentasche und zog einen Streifen mit Tabletten hervor. Entschieden drückte er zweie heraus und warf sie, ohne groß zu überlegen, in den Mund.

Wie gut, dass der ‚Totengräber' ihn so gut auf diese Situation vorbereitet hatte. Er hatte wirklich mit jedem Schritt recht gehabt.

Tief durchatmend spürte er, wie der Schmerz in seinem Kopf und das heftige Pochen in seinem Körper langsam nachließ.

Ein Blick auf die Uhr zeigte Agent Morgan, dass sie gut in der Zeit lagen. In gut fünf Minuten war schon die Hälfte des grünen Spielfeldes zu sehen.

„Nun Derek, wie sieht es aus?" Frank war zu ihm getreten und schaute über den Sportplatz.

„Gut… sehr gut sogar. Wenn alles weiter so glimpflich abläuft." Er hob das Megaphon wieder an. „Ihr macht das klasse! Wir liegen richtig gut in der Zeit!"

Sich wieder an seine Kollegin wendend sprach er weiter. „Warst du unten bei den Spezialisten?" Frank nickte. „Wie sieht es aus?"

„Eine einfache Bauweise. Das Problem ist wohl nur, dass es sich um zwei verschiedene aber sehr ähnliche Systeme handelt. Sie müssen erst jede einzelne Bombe prüfen."

„Sieht aber doch so aus, als ob sie es schaffen könnten alle zu knacken."

„Ja, sie sind sehr zuversichtlich."

Jegliche Versuche von Agent Rossi mit dem Amokläufer ins Gespräch zu kommen waren gescheitert. Mal schien er bereit sich zu öffnen, dann sperrte er sich urplötzlich wieder. Hotchner und Rossi konnten keinen Grund ausmachen warum er so reagierte.

„Wir haben noch zehn Minuten." Hotchner hatte die Uhr nicht aus den Augen gelassen. „Ich befürchte, wenn er gegen elf keinen Knall hört, rastet er aus. Ich vermute stark, dass er sich etwas eingeschmissen hat. Wir werden nicht mehr zu ihm durchdringen."

„Also was können wir machen?" Faris schien auf Anweisungen zu warten. Das ganze Herumstehen machte ihn langsam nervös.

„Wir könnten einen Knall verursachen." Rossi sprach aus, was ihm gerade durch den Kopf ging.

„Aber wie? Es müsste sich schon wie aus weiter Ferne anhören und dabei so laut sein, dass er es hört." Faris schaute Rossi zweifelnd an.

„Wartet, ich habe eine Idee." Hotchner hob das Funkmikrofon an den Mund. „Morgan, Frank könnt ihr mich hören?"

„Laut und deutlich." Morgan antwortete.

„Wie weit seid ihr mit der Evakuierung?"

„Sieht sehr gut aus. In zwei Minuten sollte hier alles geräumt sein."

„Was ist mit den Bomben?"

„Unser letzter Stand sind noch fünf scharfe. Ich gehe aber davon aus, das die keine Probleme mehr darstellen."

„Derek, eine der Bomben muss explodieren. Wir kommen an Coleman nicht heran, er blockt. Wenn keine explodiert wird er ausrasten."

„Das gibt ein weiteres Blutbad." Hotchner vernahm Franks Stimme und einen kurzen Moment überkamen ihn wieder seine privaten Gedanken. –

„Sprecht mit den Spezialisten. Vielleicht eine kleine Sprengladung auf der Spielfeldfläche. Es muss nur einen gewaltigen Knall geben." Erklang Rossis Stimme im Funk.

„Klar, das bekommen wir hin." Morgan schaute über das sich leerende Feld.

„Geh runter und bespreche alles mit dem Bombenkommando. Ich bleibe hier und passe auf." Frank bekam ein kurzes nicken und Morgan verschwand kurz darauf zwischen den Tribünen.

Frank ging langsam zu den restlichen Schülern, die sich durch das letzte Tor drängten. „Ruhig, ihr seid gut in der Zeit… Und geht bitte zügig weiter die Straße hinunter. Wir können die Zeit erst stoppen, wenn ihr alle nicht mehr zu sehen seid." Zweien der letzten Jungs hatte sie ihre Hand auf die Schultern gelegt und sie aufmunternd angelächelt.

Am Tor angekommen, drehte sich Frank nochmals um und ließ ihren Blick über die Flächen der Tribünen und des Spielfeldes schweifen. Das Stadion schien wie verwaist. Sie schloss das Tor von außen und sah den davongehenden Schülern noch einen Moment nach.

„Hotch, der Sportplatz ist geräumt!" Frank gab die erfreuliche Nachricht über Funk an die Kollegen weiter.

„Verstanden." Erklang die Antwort in ihrem Ohr.

Dann machte sie sich auf den Weg und suchte Morgan und die MPDC-Einheit.

„Susanne!" Morgan kam ihr schon entgegengeeilt. „Alles klar. Die Bomben sind entschärft."

„Gut. Was ist mit dem Knall?" Harkte sie augenblicklich nach.

„Sie werden einen großen Knallfrosch mitten auf dem Spielfeld auslösen. Der Rasen wird anschließend etwas verkohlt sein, ansonsten wird es nur ordentlich krachen. – Komm zum Wagen. Wir müssen Jack holen und dann unbedingt zurück zur Einsatzzentrale."

Sie eilten zum SUV und Morgan lenkte den Wagen in die Richtung, in die die ganzen Schüler verschwunden waren. Sie einholend wurde er langsamer und ließ den Wagen in Schritttempo durch die wartende Schülermenge rollen.

„Okay, stopp hier Derek. Ich habe James gesagt, dass wir uns in der Mitte des Schulgebäude treffen."

Morgan hielt an und Frank öffnete die Tür. Sich auf den Türrahmen stellend durchsuchte sie über das Wagendach hinweg die vielen Menschengesichter nach Jack und James ab.

„Susanne", Morgan stieß ihr gegen das Bein, „dort kommen sie. Auf James kann man sich wirklich verlassen."

Frank stieg von ihrem Beobachtungsposten hinunter und lachte den beiden Jungs entgegen.

„Alles in Ordnung. Der Sportplatz ist leer."

Morgan stellte sich jetzt seinerseits in den Türrahmen und versuchte sich gehör zu verschaffen. Doch er drang nicht durch das Stimmengewirr durch.

„Sue, hast du rein zufällig das Megaphon mitgenommen?"

„Nein."

„Wir müssen ihnen von dem Knall erzählen, damit sie ruhig bleiben."

Frank schwieg, dann kam ihr eine Idee: „Stille Post."

„Was?"

Die Agentin bestieg wieder den Wagen und versuchte sich im näheren Umfeld Gehör zu verschaffen. Als sie die Aufmerksamkeit der ersten Reihen vor sich sicher war, begann sie zu sprechen: „Bitte, ihr müsst diese Nachricht von Reihe zu Reihe weitertragen, das ist wichtig! Punkt elf Uhr wird es einen lauten Knall geben. Keine Panik! Dieser Knall ist gewollt und völlig ungefährlich für euch. Bleibt einfach ruhig!"

Morgan verstand und machte es Frank nun auf seiner Seite des Wagens nach. Sie konnten beobachten, wie sich die Nachricht von Schüler zu Schüler ausbreitete.

„Super Idee!" Morgan kam um den Wagen herum. „Susanne ist schon ein große Bereicherung für unser Team, was Jack?" Dabei legte er Hotchs Sohn seine Hand schwer auf die Schulter.

„Ja, sie ist klasse." Jack strahlte über das ganze Gesicht.

„Okay, die letzte Minute läuft." Hotchner gab den Startschuss. „Joe, positioniere deine Männer vor der Tür. Eventuell müssen wir schnell hinein."

Joe Faris nickte und verschwand.

Dann ertönte ein lauter Knall durch die Schule. Die Fensterscheiben klirrten leicht durch die Druckwelle.

„Wow. Die hatte Kraft." Rossi schmunzelte. „Hörte sich sehr echt an."

Sie wandten ihre Aufmerksamkeit wieder den Geräuschen aus dem Klassenzimmer zu. Dort war alles still. Erschreckt waren die Geiseln wahrscheinlich erstarrt. Dann hörten sie ein lautes, triumphierendes Lachen erschallen.

„Sehen Sie Agent! Sie hatten nicht recht! Sie sind explodiert!"

Rossi nahm den Hörer auf und sprach mit ruhiger, ergebender Stimme: „Ja, sie haben gewonnen Luka. Ergeben Sie sich jetzt und kommen mit erhobenen Händen heraus?"

„Ja, das werde ich."

Hotchner und Rossi verständigten sich durch ein Kopfnicken und der Teamleiter verschwand zur Tür des Klassenzimmers.

„Okay. Öffnen Sie die Tür und schieben Sie zuerst alle ihre Waffen durch einen kleinen Spalt hinaus." Gab Rossi die nächsten Schritte an Luka Coleman weiter.

Er konnte Schritte aus dem Raum hören, dann ein leises quietschen. Das war der Türmechanismus. Jetzt war Hotchner dran.

Dieser stand direkt hinter den ersten S.W.A.T.-Einsatzkräften mit gezogener Waffe abwartend da. Er beobachtete wie sich die Tür langsam öffnete und eine Waffe und zwei Messer durch den schmalen Spalt gestoßen wurden. Schnell ergriff der Polizist vor ihm die Gegenstände und reichte sie nach hinten weiter.

Die Tür ging weiter auf und Luka Coleman trat mit erhobenen Händen aus dem Klassenzimmer. Die Einheit stürzte sich auf ihn. Schnell war er auf mögliche weitere Waffen untersucht und seine Hände mit Handschellen auf dem Rücken gefesselt.

Hotchner wusste den Täter in den besten Händen und machte sich sofort, als Bewegung in die Einheit kam auf den Weg ins Klassenzimmer.

Ein schneller prüfender Blick durch den Raum ließ ihn entspannen.

„Sauber." Er richtete sich auf und steckte seine Pistole zurück ins Holster am Gürtel. Er versuchte seine Stimme ruhig und doch bestimmt klingen zu lassen: „Es ist alles vorbei. Sie brauchen keine Angst mehr haben."

Einige der Schüler in der Ecke erhoben sich und halfen ihren Freunden auf. Hotchner ging zu der Lehrerin, die auf einem Stuhl vorne neben dem Pult saß und sich nicht rührte. „Ma'am,… Ma'am, hören Sie mich?" Er berührte sie leicht am Arm. Völlig apathisch schaute sie zu ihm hoch.

„Es ist vorbei." Sie schien seine Worte langsam zu verstehen. Tränen liefen ihr aus den Augenwinkeln. Hotchner kniete sich zu ihr hinunter und nahm sie tröstend in den Arm. Für viele Geiseln war die erste Bezugsperson wichtig. Man musste viel Zeit für sie aufbringen, aber er wusste, dass es sich lohnte.

Vereinzelt waren leise Überraschungslaute zu hören, als die Explosion erfolgte. Ansonsten blieb die Schülerschar aber erstaunlich ruhig. Wahrscheinlich steckten ihnen die Ereignisse des Vormittages noch tief in den Knochen.

Morgan und Frank schauten sich erleichtert an. Endlich schien dieser Einsatz beendet und es hatte bei ihnen keine weiteren Opfer gegeben. Aus dem Inneren der Schule hatten sie noch keine Nachricht erreicht, aber sie waren sich sicher, dass der Täter jetzt aufgeben würde. Er hatte erreicht, was er wollte.

Ein laut aufheulender Motor erregte Morgans Aufmerksamkeit. Der alte dunkelgrüne Ford von vor einigen Stunden kam mit quietschenden Reifen um die Ecke geschossen. Kaum hatte der Fahrer den Wagen wieder unter Kontrolle trat er überrascht auf die Bremse. Er hatte wohl nicht mit der großen Anzahl von Schülern vor sich gerechnet.

„Derek, das ist Frey!"

Morgan stockte einen Moment, dann machte er sich sofort auf den Weg und lief auf den Wagen, der gut hundert Meter von ihm entfernt zum Stehen gekommen war, zu.

„Weg da, macht Platz!" Morgan stieß einige Schüler etwas unsanft zur Seite und kam dem Täter immer näher. Er musste den Überraschungsmoment für sich nutzen.

Als Donald Frey die Gefahr erkannte, er sah nur die weißen Letter FBI auf sich zu kommen, legte er den Rückwärtsgang ein und schlug das Lenkrad nach rechts ein. Er stieß zurück, bremste. Seinen Gegner im Auge behaltend schaltete er die Gänge um und würgte beim erneuten Anfahren den Motor ab.

Entsetzt und völlig in Panik geraten versuchte er neu zu starten. Keinen anderen Ausweg mehr sehend stieß er seine Tür auf und sprang aus dem Wagen. So schnell er konnte lief er die Straße entlang.

‚Das ist dein Ende!' Morgan holte schnell auf und schon nach weiteren fünfzig Meter packte er Donald Frey an den Schultern und ließ sich mit ihm auf den harten Asphalt fallen. Er versuchte den Sturz so gut wie möglich abzudämpfen und rollte sich über die Seite ab. Sofort war er wieder auf den Füßen und zog seine Waffe.

Der Flüchtige rührte sich nicht. Er lag ergebe da. Morgan steckte seine Waffe wieder ein, half dem Mann grob wieder auf die Füße und durchsuchte ihn: „Donald Frey, ich verhafte sie wegen mehrfach versuchten Totschlags. Gleichfalls wegen Planung und Mitwisserschaft eines Amoklaufs."

Zum Schluss legte er ihm noch Handschellen an und führte ihn zurück.

Die Geiseln waren inzwischen von den Mitgliedern der Sturmtruppe aus dem Klassenzimmer geführt worden.

„Kommen Sie, lassen sie uns gehen. Draußen an der frischen Luft wird es ihnen bald besser gehen." Hotchner hockte noch immer neben der Lehrerin und versuchte sie zu trösten. Er stand langsam auf, stets darauf bedacht, ihr durch Berührung Trost zu spenden.

So ruhte seine rechte Hand auf ihrer Schulter, als er ihr die Link als Hilfe zum Aufstehen hinhielt. Nur zögerlich ergriff sie Hotchners Hand und ließ sich auf die Füße ziehen. Fürsorglich legte der Teamleiter seinen Arm um die Schultern der Frau und langsam gingen sie auf die Tür zu.

„Ich verstehe Sie nicht. War es wirklich ihr Ernst diese ganzen jungen Menschen hier zu töten? Nur, um ihre Ermittlungen zu beweisen?" Morgan schaute aus schmalen Augen Donald Frey ernst an.

„Franziska liegt dort verbaut. Sie ahnen ja nicht, wie meine Schwester leidet… und ich…" Frey holte erregt tief Luft, bevor er ruhiger seine Tat begründete. „Sie sollte doch nur ein Grab auf dem Friedhof bekommen und dort ihre Ruhe finden."

„Aber nicht mit dieser Sprengkraft. Sie hätten beinahe den ganzen Sportplatz zerstört, die Schüler, den Körper ihre Nichte, wahrscheinlich sogar ein Teil des ganzen Viertel hier."

Entsetzt sah der gebrochene Mann auf. Den Kopf schüttelnd erwiderte er: „Das wollte ich nicht."

„Wie ich meinen Chef kenne, wird er sich gerne mit ihren Unterlagen beschäftigen und wenn er eine Möglichkeit sieht, dass wir ihnen helfen können, dann werden wir das tun."

Donald Frey sah den Agent vor sich ungläubig an. Eben war er noch voller Zorn, jetzt sprach er ruhig und einfühlsam, so als würde er seine Beweggründe doch verstehen.

Derek Morgan übergab den herantretenden MPDC-Polizisten den Bombenleger. Während diese ihn in den Streifenwagen zwangen, begab sich Morgan zurück zu seiner Kollegin und den beiden wartenden Jungs.

„Dann kommt. Alles bitte einsteigen." Morgan öffnete, bereits wieder lächelnd, die hintere Wagentür des SUVs.

James stieg nur zögerlich ein. „Sind Sie sicher, dass ich mitfahren soll? Jack ist ja jetzt in Sicherheit."

„Ganz sicher." Morgan schloss die Tür hinter dem Schüler und schwang sich hinter das Lenkrad.

Frank hatte schon auf dem Beifahrersitz platzgenommen und drehte sich zu den beiden Jungs im Heck um. „Jacks Vater möchte dich gerne kennenlernen James. Und ich denke, Jack ist stolz seinem Vater einen solchen Freund vorstellen zu können." Sie zwinkerte Jack verschwörerisch zu und der Kleine strahlte.

Morgan lenkte den Wagen zurück zur Einsatzzentrale und parkte neben dem zweiten SUV. Sie stiegen aus und gingen gemütlich den gepflasterten Weg hinunter.

Frank atmete tief durch. Sie meinte den Frieden, der in der Luft hing, wirklich fühlen, ja riechen zu können.

‚Vor drei Stunden sind wir diesen Weg noch hinuntergeeilt und jetzt haben wir alle Zeit der Welt.' Schoss es Frank durch den Kopf.

Jack sprang ausgelassen um sie herum. Endlich konnte er seinen Vater einmal während eines Einsatzes besuchen. Er fühlte sich überglücklich.

Sie folgten den kurvigen Weg und plötzlich standen sie vor einer großen, uniformierten Menschenmenge. Jack ergriff ängstlich Franks Hand.

„Entschuldigung, könntet ihr uns bitte mal durchlassen?" Morgan unterbrach das Gespräch der umliegenden Polizisten. „Danke. Sind unsere Leute schon aus dem Gebäude heraus?"

„Nein." Erklangen einige Stimmen, andere schüttelten nur den Kopf. „Aber sie sollen auf dem Weg sein."

Morgan dankte mit einem kleinen Kopfnicken den Polizisten und folgte Frank und den beiden Jungs. Vor der mobilen Einsatzzentrale warteten schon Jareau, Prentiss und Reid. Sie hatten sich so gestellt, dass sie die Tür der Schule immer im Auge hatten und warteten auf den Rest des Teams.

„Hey Leute, alles okay?" Die Neuankömmlinge gesellten sich zu ihren Kollegen und eilig wurden die Erlebnisse der letzen Stunden ausgetauscht.

Zwei Polizisten standen vor der verschlossenen Tür der Schule. Dann öffneten sie die Flügeltüren und David Rossi trat mit einem jungen Mann in Handschellen aus dem Gebäude. Sofort eilten ihnen Mitglieder der S.W.A.T.-Einheit entgegen. Rossi sprach kurz mit ihnen und überließ den Täter den schwer bewaffneten Männern.

Rossi winkte die Personen, die für die psychologische Hilfe der Opfer organisiert worden waren, heran. Denn Faris und seine Kollegen kamen mit den ersten Geiseln aus dem Gebäude. Eine scheinbar unendliche Schlange bewegte sich heraus. Dann kam Hotchner heraus. Er führte die Lehrerin der Schüler, die einen schweren Schock erlitten hatte. Sofort steuerte er die Sanitäter an, damit sie ärztliche Hilfe bekam.

Frank spürte, wie ihr Herz wieder wild zu schlagen begann, als Aaron in ihr Blickfeld trat. Das Adrenalin hatte in den letzten Stunden alles Persönliche aus ihren Gedanken entfernt. Doch jetzt kam alles mit voller Wucht zurück.

Jack versuchte sich von Franks Hand loszureißen. Aber sie hielt ihn feste. „Warte noch. Er muss erst noch die Opfer übergeben." Jack schaute mit großen Augen zu Frank auf, blieb aber ruhig neben ihr stehen. –

Als alle versorgt waren, ging Rossi auf Hotchner zu. „Das ging zum Ende einfacher als ich gedacht hatte. Zwischendurch hatte ich das Gefühl, er würde zu gar keinem Profil passen."

„Das ging mir ähnlich." Hotchner nickte zustimmend und mit ernstem Gesicht.

„Dad!" Erklang es plötzlich hinter ihnen. „Dad!" Sie drehten sich um und sahen Jack auf sie zu rennen. Frank hatte ihn schließlich laufen lassen. Jetzt konnte keiner die Familienzusammenführung mehr aufhalten.

Hotchners Gesichtszüge entspannten sich und lachend ging er in die Knie, um seinen Sohn aufzufangen. Erleichtert drückten sich beide aneinander.

Das Team stand da und beobachtete sie erleichtert aus der Ferne. Hotchner hatte in der Vergangenheit schon so viel Schlimmes in seiner Familie erlebt. Alle wünschten, dass er sich einfach mal keine Sorgen um sie machen musste.

Schließlich erhob sich Hotchner nahm seinen Sohn an die Hand und zusammen mit Rossi gingen sie auf das Team zu.

„Du hast heute ganz schön viel erlebt, was Jack?" Rossi sah lächelnd zu dem kleinen Mann hinunter.

„Ja. Das war wirklich spannend. Wie Derek den Mann gejagt hat, das war schon klasse."

„Das kannst du mir gleich alles ausführlich zu Hause erzählen." Hotchner strich ihm über die glühenden Wangen.

„Ich muss schon sagen, dass war mal wieder optimales Teamwork, Leute." Begann Rossi, sobald sie bei den Kollegen angekommen waren und schaute einen nach den anderen anerkennend an.

„Dann lasst uns zurückfahren. Das war heute bei weitem genug Aktion. Wir treffen uns später im Konferenzraum, dann können wir alles noch einmal durchgehen." Hotchner nickte seinen Leuten erleichtert zu während er die schusssichere Weste öffnete.

„Hotch", Morgan trat zusammen mit James etwas vor. Jack begann zu strahlen. In den letzten Minuten hatte er James völlig vergessen, aber jetzt fühlte er sich stolz, dass sein Vater endlich James kennenlernte.

Morgan wartete bis er sich der vollen Aufmerksamkeit seines Chefs sicher sein konnte, dann stellte er James vor. „James ist Jacks Pate hier an der Schule. Die beiden waren während der Schüsse zusammen unterwegs und James hat sich um ihn gekümmert."

Hotchner reichte dem Jungen seine Hand. „Vielen Dank. Ich habe mir schreckliche Sorgen um Jack gemacht." Er wuschelte Jack liebevoll durch die wirren Haare.

„Komm doch mit, wenn du Zeit hast. Dann können wir uns in Ruhe unterhalten und ich bekomme die Geschichte aus erster Hand erzählt."

Jack an der Hand führend und dem größeren Jungen die Hand auf die Schulter gelegt, verließen sie schließlich den Tatort.

Und noch einmal Nietzsche:

„Ihr Verzweifelnden! Wie viel Mut macht ihr denen, die euch zuschauen!"

Hotch saß mit seiner Schwägerin, Jack, James und Susanne zusammen im Wohnzimmer.

Jack saß zwischen James und Susanne auf der Couch. Er schien Hotch nun müde, nachdem er zuvor unentwegt von seinen Erlebnissen des Tages berichtet hatte.

Alle waren froh, dass dieser Amoklauf nicht noch mehr Opfer gefordert hatte. Und doch durfte man die fünfzehn, teilweise noch sehr jungen Menschen, nicht vergessen, die heute ihr Leben verloren hatten…

Überrascht horchten alle auf, als es an der Haustür klingelte.

„Das wird Derek sein." Jessica hatte einen Blick auf die Uhr an der Wand geworfen, bevor ihre Augen den Kontakt mit ihrem Schwager suchten. Als dieser ihr nochmals aufmunternd zunickte, stand sie auf. „Wie die Zeit vergeht."

Während sich Jessica aufmachte, um Morgan einzulassen wechselte Hotch mit Susanne einen leicht bekümmerten Blick. Wie sollten sie Susannes Anwesenheit erklären?!

Susanne lächelte ihn verstehend an, erhob sich und verschwand in Richtung Küche.

Jack war ebenfalls aufgesprungen und seiner Tante zur Tür gefolgt.

„Derek!", rief er ihm schon von weitem entgegen.

„Hey, Kumpel. Alles überstanden?" Morgan hielt dem Kleinen seine Hand hin und Jack schlug begeistert ein.

„Willst du mit uns spielen?"

„Jack", Hotch stand im Türrahmen zum Wohnzimmer. „Jessica und Derek wollen doch zusammen ausgehen."

„Aber je mehr wir sind, um so schöner ist es." Widersprach Jack.

„Komm Jack und bau schon mal das Spiel auf. James muss gleich auch endlich mal nach Hause. Seine Eltern wollen sich bestimmt mit eigenen Augen von seiner Unversehrtheit überzeugen."

„Schade." Jack schaute bedrückt zu Morgan hoch. „Aber wir wären dann sowieso zu viele! James und …"

Hotch und Jessica sahen sich an und hielten die Luft an.

„Na siehst du." Morgan strich dem Jungen liebevoll übers Haar. „Ich entführe euch jetzt Jessica und ihr spielt noch schön."

„Ja, dass machen wir!" Jack lächelte schon wieder und ging zu seinem Vater. Erleichtert legte Hotch ihm seine Hand auf die Schulter.

„Bring sie uns heil wieder nach Hause." Verabschiedete Hotch vergnügt die Beiden.

„Keine Sorge. Ich glaube nicht, dass es heute noch einen weiteren Amokläufer geben wird." Lachte Morgan auf und wandte sich an Jessica. „Hast du alles? Wir müssen los, sonst kommen wir zu spät."

„Viel Spaß!" Hotch hob grüßend die Hand und verschwand mit seinem Sohn ins Wohnzimmer.

„Wo ist denn Susanne?" Fragte Jack plötzlich laut. Während Hotch noch die Luft anhielt, konnte er das leise Klicken der Haustür vernehmen. Inständig bat er, dass Morgan die Worte von Jack nicht mehr gehört hatte.

„Ich bin hier Jack." Susanne betrat wieder den Raum. „Jetzt können wir spielen."

„Oh ja." Jack lief zum Schrank und holte das Spiel hervor, während Hotch Susannes Hand ergriff und sie feste drückte.

„Wir müssen endlich eine Entscheidung treffen." Flüsterte Susanne Hotch zu. „So kann es nicht weitergehen! Besonders wenn wir andere dadurch entzweien."

„Was ist?" Derek stand neben Jessica vor ihrer Haustür.

Jessica zögerte die Tür zu öffnen. „Sollen wir nicht doch lieber zu dir fahren"

„Jess, ich dachte, wir hätten heute Abend endlich alles zwischen uns geklärt." Derek fasste Jessica leicht an den Oberarmen und drehte sie zu sich um. „Und jetzt versuchst du wieder mich wegzuschieben.

Hotch weiß doch, dass wir zusammen sind. Jack auch. Wo ist also das Problem, wenn ich heute Nacht hier bei dir bleibe?"

‚Ein Geheimnis, dass du momentan noch nicht erfahren darfst!' Jessica schluckte ihre Antwort hinunter.

Ihr Schwager hatte sie noch am Nachmittag zur Seite genommen und mit ihr gesprochen. Er hatte recht. Ihre Beziehung zu Derek litt unter dem Geheimnis von Susanne und Aaron.

„Es gibt kein Problem. Komm!" Jessica wollte keine Geheimnisse mehr.

Es wurde endlich Zeit, dass die Beiden eine Lösung fanden.

Susanne schrak aus dem Schlaf hoch und richtete sich im Bett auf. Sie war sich nicht sicher, ob sie diesen Knall in der Nacht nur geträumt hatte, oder ob er Wirklichkeit war. Während sie sich noch versuchte zu orientieren, lauschte sie in die Dunkelheit hinein.

„Was ist?" Hotch hatte die abrupte Bewegung der Person neben sich ebenfalls aus dem Schlaf gerissen.

„Hast du den Knall nicht gehört?" Susanne atmete noch immer tief und schwer.

„Da war kein Geräusch." Hotch setzte sich neben sie auf und nahm sie in den Arm. „Du wirst den Tag heute im Traum verarbeitet haben."

Susanne ließ erleichtert ihren Kopf gegen Hotchs Schulter sinken.

„Hörst du das?" Susannes Nerven waren nach wie vor angespannt.

„Beruhige dich… Da ist nichts." Zärtlich hielt er die Frau neben sich weiterhin fest in den Armen und strich ihr beruhigend über den Rücken.

Plötzlich hielt er inne. Da waren tatsächlich Schritte draußen auf der Treppe. ‚Jess!' Schoss es ihm durch den Kopf. Wer sollte es sonst sein?

Doch dann hörte er lachen und mindestens zwei Stimmen.

Erschrocken hielten beide den Atem an. Das waren Jessica… und Derek!

„Aber Jess weiß doch, dass ich hier bin." Entfuhr es Susanne entsetzt. Ihre Stimme war kaum ein Flüstern, so sehr hatte sie die Angst gefangen genommen.

„Das hat sie auch nicht vergessen." War sich Hotch sicher. Bisher hatte er sich auf seine Schwägerin immer verlassen können. „Wahrscheinlich konnte sie Derek nicht abwimmeln."

„Ich muss gehen!" Susanne versuchte sich aus den Armen des Mannes neben sich zu befreien. Doch Hotch hielt sie fest.

„Warte. Erst müssen sie zur Ruhe kommen."

Susanne nickte verstehend. Wie lange wohl? Angespannt schaute sie immer wieder auf die Uhr auf dem Nachttisch. Waren sie jetzt eingeschlafen? Wann konnte sie es wagen sich davonzustehlen?

„Pst, Derek." Jessica hielt sich kichernd einen Finger an die Lippen. „Wir sollten die anderen nicht wecken."

Derek lachte ebenfalls und packte Jessica um die Hüften. Sie schlichen hintereinander die Treppen in den ersten Stock hinauf und verschwanden kurz darauf hinter der Tür von Jessicas Zimmer.

Jessica hoffte, dass ihr Schwager und Susanne ihr kommen doch wahrgenommen hatten. Jetzt musste sie Derek die nächste Zeit nur ausgiebig beschäftigen.

Susanne stand fertig angezogen hinter der Schlafzimmertür. Hotch stand bei ihr und drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf den Scheitel.

„Ich komme mit hinunter. Wenn uns jemand hören sollte, dann gebe ich vor, etwas trinken zu wollen."

Er spürte die Anspannung der Frau vor ihm. Sie schien wirklich Angst davor zu haben von Derek erwischt zu werden.

„Keine Angst. Er wird nichts mitbekommen." Aber vielleicht würde er den Wagen hören, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkt stand und ihn als Susannes erkennen?!

Vorsichtig öffnete Susanne die Tür und lauschte in die Dunkelheit. Doch es blieb alles still. Langsam schlichen sie sich den Flur entlang. Ein Segen, dass Jess Zimmer auf der anderen Seite der Treppe lag.

Oben am Treppenabsatz hielten sie plötzlich erschrocken inne. Ein lautes Poltern, mit darauffolgendes Gekicher, erhob sich aus Jessicas Zimmer. Doch nichts weiter passierte.

„Weiter!" Flüsterte Hotch Susanne leise ins Ohr. „Alles okay!"

Susanne nickte im Schein des Mondlichtes, welches durch ein Dachfenster die Treppe erhellte.

Schritt für Schritt stiegen sie die Stufen hinab. Unten angekommen, drückte Hotch Susanne in den Schatten gegen die Wand. Das Adrenalin schien nun auch in seinen Adern zu kochen.

„Ich habe mich noch nie aus meinem eigenen Haus hinausgeschlichen!" Grinste Hotch Susanne nervös an.

„Aaron, lass mich gehen." Susanne sah zu ihm auf. Aber auch sie war sich dieses besonderen Augenblickes bewusst.

„Erst noch einen Kuss!" Forderte Hotch ein.

Susanne wusste, dass er nicht eher Ruhe geben würde, als bis er ihn bekommen hatte. Daher drückte sie ihm ihre Lippen auf den Mund, die augenblicklich heiß auf sie reagierten.

Sanft aber energisch drückte Susanne Hotch von sich. Ihre Blicke trafen sich und sie wussten beide, dass sie sich nun trennen mussten.

„Bis später", flüsterte Susanne Hotch ins Ohr und wandte sich zur Haustür. Sie öffnete leise die Tür einen kleinen Spalt und schob sich hinaus.

Hotch hätte ihr am liebsten hinterher geschaut, stattdessen schloss er leise die Tür und lehnte sich erschöpft von innen dagegen.

So konnte es wirklich nicht weitergehen…