15 – Die News des Tages

„Hat einer von euch Paul gesehen?" Eine blonde Frau trat gerade zu einer Gruppe von Männern, die alle mit einem Glas in der Hand lachend anstießen.

„Nein, Sophie." Erwiderte einer der Männer, die alle in schicke dunkle Anzüge gekleidet waren. Sie unterschieden sich noch nicht einmal durch ihre Krawatten, da alle die gleiche trugen. Die Farben zeichneten sie allesamt als Mitglieder des ‚Marin Yachtclubs' in Sausalito aus, in dessen Räumlichkeiten der heutige Empfang stattfand.

Die blonde Frau raffte das lange, aus fließenden Stoff, extra für diesen speziellen Anlass, geschneiderte rote Kleid und schritt ärgerlich davon.

Paul wusste doch, dass sie mit dem öffentlichen Teil nun langsam beginnen mussten. Nur ohne die Hauptperson brauchten sie nicht zu starten.

Sie eilte durch die Menschenmenge und ließ ihren Blick suchend über die Anwesenden schweifen. Doch nirgends konnte sie das Gesicht ihres Chefs sehen.

Ein leicht mulmiges Gefühl überkam sie. Ob er seine Hände noch nicht mal für eine Stunde stillhalten konnte?

Sophie drückte mit aller Gewalt die Tür auf, die hinunter zur Küche führte. Inständig bat sie innerlich, dass sie sich getäuscht haben könnte und ihren Chef nicht in flagranti mit einer Frau erwischen musste.

Sie fragte die extra für diesen Anlass angestellten Bedienungen, doch er schien vom Erdboden verschluckt.

Wo konnte er nur sein?

Ohne groß nachzudenken, öffnete Sophie eine Tür. Als sie erfasste, was sie da vor sich sah, stieß sie einen entsetzten Schrei aus.

Sekunden später schlugen Türen weiter oben und eilige Schritte näherten sich der jungen Frau.

Drei Herren traten Sekunden später neben sie und konnten die in Ohnmacht fallende gerade noch auffangen.

Dann bemerkte einer der Männer den Grund des Tumults. Er starrte seinerseits in den Raum. Ein Mann, ebenfalls in einem dunklen Anzug, hing an einem Strick von der Decke.

Der Mann schluckte, bevor er mühsam hervorbrachte: „Wir benötigen die Polizei."

Zwei Wochen später

„Josh, ich bitte dich!" Eine Frau Anfang Fünfzig, in einem schicken aber dezenten Kostüm, saß im Heck einer Limousine neben einen ebenfalls gut angezogenen älteren Herrn und sah ihn vorwurfsvoll an.

„Heute geht es um meine Karriere und ich bitte dich, mir zur Seite zu stehen. So wie ich es damals für dich auch getan habe."

„Ach, Muriel. Selbstverständlich wirst du die Menschen hier in San Francisco genauso in deinen Bann ziehen, wie du es bisher überall geschafft hast."

Verwundert hielten sie in ihrem Gespräch inne, als sie lauten Motorlärm vernahmen. Da drückte jemand mit voller Absicht aufs Gas und ließ die Reifen durchdrehen.

„Was soll denn der Scheiß?" Stieß der Fahrer der Limousine entsetzt aus und versuchte einen Zusammenstoß mit einem Van, der eindeutig über die rote Ampel in die Kreuzung gelenkt wurde, durch ein geschicktes Ausweichmannover zu entgehen.

Doch sie waren zu schnell. Ein fürchterlicher Knall von Metall auf Metall war zu hören. Die Limousine wurde quer über die Kreuzung geschoben. Sie drehte sich um die eigene Achse und schlingerte gegen den Bordstein der gegenüberliegenden Kreuzungsecke. Die Insassen wurden durcheinandergeschüttelt. Die Frau schrie, während sie noch versuchte die Hand ihres Mannes zu ergreifen.

Einen kurzen Moment lang legte sich Stille über die Kreuzung, bevor die Hupe des Van laut die Luft erfüllte.

Bewegung kam in die Menschen, die entsetzt das Geschehen verfolgt hatten. Nun eilten sie zu den beteiligten Fahrzeugen.

Die Limousine qualmte. Kurz darauf begann der Motor zu brennen. Die Helfer zogen und zerrten an den Türen des Wagens. Doch sie ließen sich nicht öffnen.

Einer der Männer sah, wie sich drinnen jemand bewegte, dann wurde er von einem seiner Mithelfer von dem Wagen fortgerissen. Sich wehrend versuchte er zurück zum Wagen zu kommen, als dieser laut explodierte und eine hohe Feuersäule sich in den blauen Himmel erhob. Entsetzt fiel der Mann in sich zusammen.

Zwei Tage später

„Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!" Eine Hand voll Deputys stand hinter dem gelben Absperrband und versuchte die Menschenmassen davor aufzulösen.

„Aber was ist mit dem berühmten Kunstwerk. Ich bin extra aus Kanada angereist, um mir die Eröffnung anzusehen!" Erscholl eine energische Männerstimme mitten aus der Masse.

„Die Eröffnung wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Bitte gehen Sie!"

„Martin!" Der Chief des SFPD machte den Deputy auf sich aufmerksam. Als dieser ihn erkannte, kam er augenblicklich auf ihn zu. „Bring mich auf den neusten Stand!"

Gemeinsam setzten die beiden Polizisten ihren Weg in eine Wohnanlage fort, die durch mehrere Innenhöfe miteinander verbunden war. Der größte Platz in der Mitte der Anlage wurde von mehreren hohen Bauten eingekesselt.

Erstaunt und mit weit aufgerissenen Augen blieb Chief Franklin am Ende des Torbogens, der zum Innenhof führte, stehen. Er war überwältigt von dem was sich seinen Sinnen bot. Der ganze Platz, die Gebäude, die ihn einschlossen, waren mit bunten Stoffbahnen behangen. Und ein Duft war in der Luft. Wenn er die Augen schloss, meinte er vor einer blühenden Blumenwiese zu stehen.

„Hatschi!", riss ihn sein eigenes Niesen aus der Traumwelt. Verwundert überlegte er, wie die vielen Menschen, die die feierliche Eröffnung des Kunstwerkes miterleben wollten, in dieser Atmosphäre eine Leiche entdeckt haben wollten. Sein Blick schweifte langsam über die Fronten der Gebäude.

„Chief", Deputy Price forderte seinen Chief mit einer Handbewegung auf, den Platz zu betreten. „Sie hängt an dieser Front." Damit deutete Price hinter sich auf die Häuserfront. Diese war im totalen Kontrast in Weiß- und Beigetöne verhüllt. Sie sollte wohl die reine Farbe darstellen.

„Gegen 10.05 a.m. kamen heute Morgen die ersten Meldungen herein. Der offizielle Teil der großen Enthüllung des neuesten Kunstwerkes von Brain David hatte bereits begonnen. Als der Bürgermeister schließlich die Leine zog, verschandelte die Leiche das Werk."

Chief Franklin benötigte nicht lange, um die Leiche zu entdecken. Kopfüber hang sie in gut zwölf Metern Höhe. Leichte Blutflecke beschmierten das reine Weiß bis fast hinab auf den Boden.

„Nun, der Mann wurde wohl nicht erhängt." Stellte Chief Franklin bestimmt feste. „Könnt ihr ihn noch nicht erlösen? Ich denke die Menschen hier haben genug von der Ansicht."

„Wir sind noch an Spuren sichern. Es sollte aber nicht mehr allzu lange dauern. Dann kann auch der Gerichtsmediziner starten." Erklärte Deputy Price, während er seine Notizen nochmals überflog: „Der Manager des Künstlers, ein gewisser Jay Scott, beschreibt diese Tat als einen Angriff auf die moderne Kunst."

„Gut, dass der Geschmack verschied ist." Chief Franklin schüttelte nur leicht den Kopf. „Hat jemand etwas gesehen? Wurde er gestoßen?"

„Die Befragungen sind noch nicht beendet. Aber so wie es aussieht hängt die Leiche schon etwas länger da. Es war die erste Seite, die der Bürgermeister enthüllt hat."

„Ach so, dann fiel der Vorhang und präsentierte das Ergebnis?"

„Ja, so scheint es im Moment."

„Was ist mit den anderen Seiten? Befinden sich da auch noch irgendwelche Überraschungen?"

„Ich werde mich gleich darum kümmern." Der Deputy enteilte und winkte einen seiner Kollegen heran.

Als Price nach einigen Minuten zurück zu seinem Chef kam, forderte der ihn auf: „Gehen wir hinauf, Martin. Ich möchte mir selbst ein Bild machen."

Am nächsten Morgen

„Hey", Hotchs Blick schweifte durch das noch leere Großraumbüro, als er an Susannes Schreibtisch getreten war. „Ich vermisse dich."

Susanne schaute nervös zu ihrem Teamleiter auf und ließ ihrerseits ihre Augen über die umliegenden Schreibtische wandern.

„Nicht hier!" Brachte Susanne schließlich leise flüsternd hervor.

„Wo und wann denn sonst." Hotch schien verzweifelt und ließ sich entnervt auf die Kante ihres Schreibtisches nieder.

„Bitte, nicht." Susanne wollte schon ganz vertraut ihre Hand an seinen Oberschenkel legen und ihn vom Tisch schieben. Doch sie hielt im letzten Moment inne. Wie hätte sie so eine Berührung erklären sollen?!

Hotch spürte ihre enorme Angst und erhob sich. „Wir brauchen mehr Zeit miteinander. In den letzten zwei Wochen habe ich dich nur hier im Büro gesehen. Ich brauche dich!"

„Aber ich kann nicht mehr zu euch kommen… Ich möchte Jessicas Glück nicht zerstören. Die Gefahr, dass Derek unerwartet auftaucht, ist viel zu groß."

Hotch nickte mit gesenktem Blick vor sich hin. Er hatte sich also auch schon Gedanken darübergemacht.

„Und ich kann nicht ständig zu dir kommen, da Jack mich braucht. Besonders da Jess viel mit Derek unternimmt."

Diesmal nickte Susanne einfach nur verstehend.

„Dabei haben wir uns schon den Kontakt während der Arbeitszeit verboten… Wir müssen unbedingt mal wieder auf Dienstreise."

„Mit einem Zimmer weit weg von den Kollegen." Wandte Susanne leicht lächelnd ein.

„Wir waren schon lange nicht mehr zusammen joggen. Was sagst du zu einer Runde. Heute Abend, nach Feierabend…"

Susanne zögerte nicht lange und nickte zustimmend.

„Wir machen uns das Leben unnötig schwer." Hotch strich sich mit seiner Rechten über das müde Gesicht. „Es gibt nur zwei Lösungen."

„Die da wären?" Skeptisch sah Susanne zu ihm auf. Er sah wieder schlechter aus…

„Wir sagen es den Kollegen." Hotch stoppte und wartete auf eine Reaktion. Die ließ etwas auf sich warten.

„Noch nicht." Hotch verstand Susannes Beweggründe. Er konnte die Hoffnung in ihrer Stimme hören, als sie fragte: „Was ist das Zweite?"

„Ich suche…"

„Hallo ihr Zwei, schon wieder voll bei der Arbeit?" Erklang plötzlich eine Stimme von der Glastür her. Erschrocken schaute Frank hinüber.

Ein gut gelaunter Rossi trat näher.

„Wir haben gerade über einen unserer letzten Fälle gesprochen. Susanne hatte da noch einige Fragen." Versuchte Hotchner ihr Zusammensein zu erklären.

„Oh, das hört sich spannend an. Worum geht es genau?" Rossi war immer gerne bereit noch einzelne Detailfragen zu lösen.

„Ach, nichts Besonderes. Ich wollte nur wissen, wie man erkennen kann, ob man einem Verrückten gegenübersteht oder ob er es wirklich ernst meint."

„Da brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Verlass dich einfach auf dein Bauchgefühl. Es hat ja schon mehr als einmal bewiesen, dass es gut funktioniert." Grinste Rossi und ging weiter hoch in sein Büro.

Abends auf der Westseite der Staaten

„Chief!" An die Bürotür des Leiters des San Francisco Police Departments war nur kurz geklopft worden, als die Tür auch schon aufsprang.

„Martin", leicht genervt sah Ryan Franklin auf, „was gibt es denn?!"

„Wir haben wahrscheinlich eine Spur zum Täter." Deputy Martin Price trat eilig vor den Schreibtisch seines Chefs. „Wir haben Zeitungsartikel gefunden."

Franklin sagte nicht, er schaute seinen Untergebenen nur fragend an.

„Hier wird der Vorfall beschrieben." Price legte den Zeitungsausschnitt so auf den Tisch, dass Franklin ohne Probleme den Text lesen konnte.

Ein Mensch schockt die Gesellschaft

Die Bewohner San Franciscos werden ab heute Mittag nicht mehr mit erhobenem Haupte durch ihre Straßen flanieren.

„Der Anblick der Sie bei gehobenen Blick gefangen nimmt, wird die Einen sprachlos machen, die Anderen zum Schreien verleiten."

So lautet das Motto der großen Ausstellung von Brain David im Mission District. Jay Scott, der Manager des Künstlers, beschreibt den Titel für das bisher größte Werk seines Freundes als äußerst zutreffend. Wir dürfen gespannt sein. sb

„Was sagt das aus?" Verärgert schob er den Papierfetzen von sich. „Sie haben über den Vorfall berichtet. Er steht heute in allen Tageszeitungen."

„Dieser ist von gestern Morgen!" Price deutete auf das Datum der Ausgabe.

Jetzt erst verstand Chief Franklin worauf der Deputy hinaus wollte.

„Habt ihr schon beim Redakteur des Chronicles angerufen?! Wer steht für die Abkürzung ‚sb'?"

„Ich habe Marie sofort drangesetzt." Erklärte Price seinem Chef. „Und es gibt mindestens noch einen dieser Artikel, Chief."

„Was meinst du?" Chief Franklin legte seinen Kopf leicht schräg und sah zu seinem Deputy fragend auf.

Ohne weitere Worte legte Price einen weiteren Zeitungsausschnitt auf den Schreibtisch. Franklins Blick fing diesmal als Erstes das Datum der Zeitung ein ... Bereits zwei Wochen her…

Heute geht es Paul Elliott an den Kragen

Paul Elliott wird für sein großes Arrangement von der High Society unserer Stadt heute im ‚Marin-Jachtclub' in Sausalito ausgezeichnet. Wer genau die Ehrung durchführen wird, war noch nicht zu ermitteln, trotzdem kann wohl mit einer Vielzahl an Prominenten zu rechnen sein. sb

„Wann war das noch, das Elliott Selbstmord begangen hat?" Franklin erwartete die Antwort von Price.

„An dem Abend des !"

Franklin nickte verstehend.

„Wir durchsuchen die Zeitungen nach weiteren Artikeln mit dem Kürzel ‚sb'." Erläuterte Price sein weiteres Vorgehen. „Sobald wir einen Namen haben, werden wir den Schreiber vorladen."

„Gut." Der Chief zögerte einen Moment. „Lass mir die Artikel hier. Ich werde sie mir gleich nochmals in Ruhe ansehen."

„Ist das Opfer, dass die moderne Kunst verschandelt hat, bereits identifiziert?"

„Ja." Martin Price blätterte einige Seiten in seine Notizbuch zurück. „Es ist der Künstler selbst. Brain David! Er stammt aus der Umgebung von New York. Lebt aber seit Jahren in einer Blockhütte in der Wildnis von Kanada."

Ein Mann lag im Doppelbett. Die Arme unterm Kopf verschränkt, starrte er an die Decke.

Im Haus waren Stimmen zu hören. Stimmen, die ihn in die Wirklichkeit zurückholten. Was konnte er nur tun? Wie sollte er seine Familie bloß beschützen?

„Simon, sieh zu das du aus dem Bett kommst. Das Frühstück ist gleich fertig." Die frische Stimme seiner Frau halte durch das Haus. Doch er mochte nicht reagieren. Das hieße er müsste die Realität akzeptieren.

„Simon?!" Die Stimme erklang schon näher. Als die Tür aufflog sprach die Brünette weiter: „Bist du krank? Du bestehst doch immer auf das gemeinsame Frühstück!"

„Ich komme." Obwohl ihm nicht danach war, schwang Simon Black seine Beine über die Bettkante.

„Chief, wir haben den Verfasser der Artikel endlich ermitteln können." Deputy Price eilte Chief Ryan Franklin am frühen Morgen nervös entgegen.

„Das wurde aber auch Zeit. Hat sich der Redakteur wieder angestellt?" Grummelte der Chief, während er mit einem dampfenden Kaffee in der Hand auf seine Bürotür zusteuerte.

Die Aussage des Chiefs ignorierend, lieferte der Deputy seine weiteren Ergebnisse: „Es ist ein gewisser Simon Black. Er hat sich noch keinen richtigen Namen in den Medien gemacht. Steht eher auf der dritten, vierten Seite."

„Dann möchte er mit seinen Taten nun wohl auf sich aufmerksam machen." Schloss Chief Franklin aus den Informationen. „Schick eine Streife zu ihm nach Hause und eine in die Redaktion. Sie sollen ihn zur Vernehmung herbringen."

„Guten Morgen Lindsay." Hotchner trat in das Vorzimmer des Direktors des FBI's und schloss hinter sich die Tür.

„Agent Hotchner." Ein weiches Lächeln legte sich über das Gesicht der Sekretärin. „Ich habe Sie schon lange nicht mehr hier oben gesehen. Haben Sie momentan so viele Fälle?"

„Auch", versuchte Hotchner ihr auszuweichen.

„Gehen Sie nur weiter durch. Direktor Sanders wartet schon auf Sie."
Hotchner nickte ihr dankend zu und trat dann auf die dunkle Flügeltür zu.

Der Leiter der BAU war sich nicht sicher, was ihn hinter dieser Tür erwarten würde. Er hatte heute Früh die Aufforderung erhalten sich am späten Vormittag beim Direktor einzufinden.

„Herein", erklang es dumpf hinter der Tür auf Hotchners Klopfen. Entschieden betätigte er den Türgriff.

„Hotch, kommen Sie herein." Der Direktor hatte sich lächelnd hinter seinem Schreibtisch erhoben und trat nun auf ihn zu.

„Setzten wir uns?!" Dabei deutete er auf die Sitzecke aus dunklem Leder in einer Ecke seines großen Büros.

Hotchner atmete tief durch. Wenn der Direktor ihm schon einen Platz anbot und dann noch in der gemütlichen Ecke, konnte dieses Treffen nicht gar so schlimm sein.

Er hatte den ganzen Vormittag über den Grund dieses Treffens gebrütet. Ob ihn wohl doch jemand mit Susanne gesehen hatte und es dem Vorgesetzten gesteckt hatte?

„Ich habe mir die letzten Fälle Ihres Teams angesehen. Es ist schon erstaunlich was für Menschen unter uns leben…"

Hotchner nickte zustimmend: „Man möchte gar nicht weiter darüber nachdenken!"

„Ansonsten ist in Ihrem Team alles okay?" Harkte Sanders nach.

„Was meinen Sie?" Verwundert zog Hotchner seine dunklen Augenbrauen zusammen.

„Keine Probleme?"

„Nein", Hotchner schüttelte verwundert seinen Kopf. „Es verstehen sich alle gut."

„Und Susanne Frank hat sich auch gut eingefunden, wie ich gehört habe. Ehrlich gesagt bin ich am Überlegen, ob ich ihr nicht einen Vertrag anbieten soll. Aus Ihren Fallberichten habe ich entnommen, dass sie sich für Ihr Team langsam unentbehrlich macht."

„Ja, das kann man durchaus so sagen." Hotchner spürte seinen rasenden Puls in der Halsschlagader. Er versuchte sich zu entspannen und ein unverfängliches Lächeln aufzusetzen. „Sie wäre eine wirkliche Bereicherung für das Team!"

„Wie macht sich Agent Morgan?"

Hotchner schaute verwundert auf. Worauf wollte der Direktor hinaus. Wollte er etwa das ganze Team umstrukturieren? „Er macht seine Sache sehr gut. Genauso wie alle Anderen auch."

„Hotch, ich weiß, was Ihnen Ihr Team und die Jagd nach den Tätern bedeutet. Aber man möchte Sie langsam gerne auf einem anderen Posten sehen."

„Das hatten Sie schon im Oktober angedeutet." Erinnerte Hotchner seinen Vorgesetzten gefasst. Damals hatte er den Gedanken einfach zur Seite geschoben. Ein Wechsel kam für ihn nicht in Frage… Zumindest damals…

„Jetzt wird es langsam ernst. Agent Brown von der Rechtsabteilung geht im September dieses Jahres in den Ruhestand. Man möchte Sie gerne nach New York holen."

Hotchner schluckte schwer. Eigentlich war das die lang ersehnte Lösung. Und New York war schließlich nicht gar so weit entfernt…

„Muss ich mich sofort entscheiden? Ich würde mich gerne erst… mit meiner Familie darüber besprechen."

„Das kann ich verstehen. Es ist schon ein großer Einschnitt in Ihr privates Leben. Und auch das ihrer Familie." Sanders hatte sich in seinem Sitz leicht vorgesetzt. „Aber Sie könnten es auch als einen Neuanfang sehen. Hier in Quantico und das Team… alles wird Sie doch an Ihre verstorbene Frau erinnern?!"

Der Schmerz war nicht mehr so groß. Hotchner hatte gelernt mit den Erinnerungen zu leben. Schmerzlicher war die mögliche Trennung von Susanne und seinem Team.

„Ich würde Agent Morgan dann die Leitung des Teams übertragen. Ich denke, dass Bewusstsein Ihr Team in gute Hände zu wissen, wird Sie beruhigen."

Hotchner nickte nur stumm.

„Natürlich können Sie sich die Entscheidung in aller Ruhe überlegen. Es ist ja noch früh im Jahr. Aber ich wollte sie Ihnen nicht erst im Sommer präsentieren."

„Vielen Dank, Direktor Sanders. Ich werde mich mit dem Thema eingehend befassen."

Sanders erhob sich lächelnd und deutete Hotchner damit an, dass das Gespräch für ihn beendet war. Hotchner erhob sich ebenfalls.

Nach einem festen Händedruck verabschiedete sich Hotchner und verließ das Büro seines Vorgesetzten. Als er endlich im Flur stand, lehnte er sich ermattet gegen die Wand. Den Kopf zurücklehnend schloss er für einen Moment seine Augen und atmete tief durch. Er hatte wirklich mit etwas viel Schlimmeren gerechnet…

Gegen das gewohnte Bild blieb es heute still am Frühstückstisch. Die Kinder, ein Mädchen von sechzehn und ein Junge von zehn, schienen noch in den Tiefen ihrer Träume versunken.

Die Mutter briet noch den letzten Speck und die Eier, als Simon Black im dunkelgrauen Anzug die Küche betrat.

„Setz dich." Die frische, normale Stimme tat ihm im Herzen weh. Wie konnte er das nur tun? Aber er wollte seine Lieben doch nur beschützen.

Die Türklingel erklang. Verwundert über die ungewohnt frühe Störung, wurde auch das Gesicht von Mrs. Black ernst.

„Wer will zuvor erst noch etwas beichten, bevor ich die Tür öffne?" Dabei fiel ihr Blick hauptsächlich auf ihre Kinder.

„Ich gehe schon." Mr. Black wollte sich schon erheben, als ihn die warme Hand seiner Frau wieder herunterdrückte.

„Du frühstückst, ich gehe." Da von den Kindern keine Reaktion kam, verließ sie die Küche.

Verwundert sah sie sich zwei Polizisten in Uniform gegenüber.

„Sie wünschen?"

„Guten Morgen. Mrs. Black?!" Begann einer der Männer. Als die Frau nickte sprach er weiter. „Ist ihr Mann da? Simon Black?"

„Äh…, ja." Verstört schaute sie über die Schulte. „Wir sind beim Frühstück.

„Könnten Sie ihren Mann bitte holen?" Übernahm nun der zweite Polizist.

„Ich bin schon da." Simon Black und die Kinder hatten alles aus der Küche verfolgt. Ergeben hatte er sich erhoben und war seiner Frau zur Haustür gefolgt.

„Simon, was hat das zu bedeuten?" Mit großen, ängstlichen Augen sah die junge Frau ihren Mann verständnislos an.

„Kümmer dich um die Kinder. Ich hoffe, dass sich alles schnell klären wird!" Zum Abschied drückte er seiner Frau einen Kuss auf die Stirn. –

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite saß tief in seinem Autositz versunken jemand und beobachtete die Gefangennahme dieses verängstigten Mannes.

Tief ein- und ausatmend versuchte derjenige seine Gefühle unten zu halten. Als der Polizeiwagen endlich abgefahren war, wurden die Hände energisch auf das Lenkrad geschlagen.

Dieser Typ war so ein gutes Opfer gewesen. Und was hatte er schon großes zu den Taten beigetragen!

Hier saß der geniale Entwickler des Planes! Nur gut, dass schon für Ersatz gesorgt war. Jetzt hieß es nur schnell zu handeln, wenn schon in drei Tagen wieder Gerechtigkeit Genüge getan werden sollte…

Ein Geschäftsviertel in San Francisco. Eine blonde Frau mittleren Alters trat ins Blickfeld. Endlich! Den ganzen Morgen wartete er nun schon auf sie. Sie war die Nächste!

Nicht sein nächstes Opfer, das den Tod finden würde. Da gab es genug andere. Miss Svensson war Chefredakteurin des Chronicle. Sie würde nun seine Ankündigungen veröffentlichen.

Ein Hochgefühl überkam ihn und er lächelte vergnügt.

Am liebsten hätte er sich jetzt in das große Geschäftshaus vor sich begeben. Nur, um ihr Gesicht zu sehen, wenn sie sein Geschenk öffnete. Diesmal hatte er sein Anliegen dringender gemacht. Er konnte es nicht schon wieder dulden, dass sein Artikel nicht erschien. Nicht bei seinem neuen Vorhaben. Es würde eines seiner Glanzstücke werden!

Deputy Price betrat den Verhörraum in dem Simon Black schon gefühlte Stunden saß und wartete. Betont entspannt ließ er sich dem Reporter gegenüber am Tisch nieder.

„Ich bin Deputy Martin Price. Mr. Black haben Sie eine Ahnung warum Sie hier sind?"

„Ja." Black räusperte sich vernehmlich. Seine Aufregung ließ seine Stimme immer wieder leicht kippen. „Aber ich habe damit nichts zu tun!"

„Wer dann?" Hakte Price augenblicklich nach.

„Ich habe keine Ahnung. Wirklich nicht!"

„Aber woher haben Sie die Geschichten schon einen Tag vorher? Sie müssen zugeben, dass Sie für uns sehr verdächtig erscheinen."

„Ich werde erpresst." Black schlug seine Augen nieder. Er schien sich dafür zu schämen.

„Und Sie wissen nicht wer dahintersteckt?"

Black schüttelte seinen Kopf.

„Wie ist der Erpresser mit Ihnen in Verbindung getreten? Und womit erpresst er Sie?" Price hatte sein Notizbuch hervorgezogen und machte sich Aufzeichnungen über das Gespräch.

„Das erste Mal bekam ich eine einfache Mail. Ich habe sie nicht ernst genommen und sie daher einfach ignoriert.

Am Tag, als der Text in der Zeitung hätte erscheinen sollen, hang am frühen Morgen ein toter Hase bei uns an der Haustür. Das Blut tropfte noch aus seinen Eingeweiden…"

Simon Black war kein Jäger, stellte der Deputy für sich fest. Schon die Erinnerung an die Bilder des Toten Tieres ließen ihn noch jetzt vor Ekel erschauern. Was aber nichts bedeuten musste…

„Zum Glück war ich an diesem Morgen der Erste, der aus dem Haus ging. Ich konnte den Kadaver entfernen und das Blut einigermaßen entfernen, bevor meine Frau und die Kinder ihn sahen."

Die blonde Frau, Anna Svensson, betrat ihr Büro und legte ihre Tasche auf einen ihrer Besucherstühle ab, bevor sie sich aus ihrer Jacke schälte. Bewusst sorgfältig hängte sie die Jacke in den Schrank.

„Anna, guten Morgen."

„Guten Morgen Lea", nickte Svensson ihrer Sekretärin freundlich zu. „Gibt es schon etwas Wichtiges?"

„Ich wollte dich nur an deinen Termin mit Joseph Foster um 10a.m. erinnern."

„Ja, den habe ich auf dem Schirm, danke."

„Ach, da ist heute Morgen ein Päckchen für dich abgegeben worden." Zu ihren Worten deutete Lea Smith auf einen länglichen, schmalen Karton, der mittig auf dem eleganten schwarzen Schreibtisch lag.

Verwundert blieb Svenssons Blick darauf hängen. „Von wem ist das? Ich erwarte nichts!"

„Ein heimlicher Verehrer?!" Smith grinste. „Vielleicht der Typ aus der Bar!"

Anna Svensson schüttelte leicht den Kopf. Der Typ war süß, ja, aber bei näherer Betrachtung nicht ihr Geschmack gewesen. Und woher sollte er wissen, wer sie war und wo sie arbeitete. Ob er sie stakte? Sowas konnte sie im Moment nun wirklich nicht gebrauchen!

Unschlüssig zögerte sie. Energisch trat sie schließlich hinter ihren Schreibtisch und nahm das Päckchen zur Hand. Vorsichtig öffnete sie das Klebeband mit einer Schere und klappte den Deckel auf.

„Aaahh!" Svensson stieß den Karton weit von sich, so dass er übern Schreibtisch hinweg flog, über den Boden schlittete und an der gegenüberliegenden Wand zum Stillstand kam. Sie selbst war kreidebleich bis ans Fenster hinter dem Schreibtisch zurückgewichen.

Lea Smith, die kurz zuvor den Raum verlassen hatte, stand besorgt in der Tür. „Anna, was ist passiert?"

Die blonde Frau bewegte ihre Lippen, aber es kam kein Ton heraus. Sie schluckte schwer und räusperte sich. Dann drückte sie ein Wort heraus: „Schlange!"

„Wo?" Smith sah sich besorgt um. Bis sie den Karton auf dem Boden liegen sah.

„Im Päckchen? Wer sollte dir denn eine Schlange schicken?!"

„… noch im Karton?" Brachte Svensson mühsam heraus. Sie hasste Schlangen!

„Ich denke schon." Langsam näherte sich Smith dem Karton. Nach der Größe zu schließen, konnte die Schlange nicht allzu groß sein.

„Es tut mir so unendlich leid, dass es gestern nichts mehr mit dem Laufen geworden ist." Hotchner sah zu Frank hinüber, die mit leichtem Schritt neben ihm herlief.

„Macht doch nichts. Wir sind doch jetzt unterwegs…" Frank lächelte ihm sekundenlang zu. „Ich war gestern Abend auch ziemlich erledigt… Lass uns die Stunde zusammen einfach genießen."

Hotch fühlte Erleichterung in sich aufsteigen. Am liebsten hätte er jetzt die Hand der Frau neben sich ergriffen. Besser noch sie in die Arme gezogen und feste an sich gedrückt. Aber… sein Blick schweifte durch den Park, dessen Wege sie gerade benutzten. Er konnte einfach zu viele Bekannte ausmachen.

„Was wollte der Direktor den heute von dir?" Susanne wusste, dass es sie eigentlich nichts anging, daher ergänzte sie ihre Frage durch eine Weitere: „Hat uns jetzt doch jemand gesehen?"

Hotch schüttelte leicht seinen Kopf. „Es war nichts Wichtiges. Ich habe halt auch dann und wann Gespräche mit meinem Vorgesetzten.

Er wollte nicht gehen! Schon gar nicht jetzt… Aber es wäre eine Lösung, wenn es keine andere geben sollte…

„Wie oft denn noch?" Simon Black schien nervlich wirklich am Ende zu sein. Er hatte nach der langen Befragung am Vortag, die Nacht in einer Zelle im Revier verbracht und saß nun bereits wieder seit Stunden im Verhörraum: „Sie müssen meine Familie vor ihm schützen!"

Price saß ihm ruhig am Tisch gegenüber und sagte kein Wort.

„Habe Sie meine Angaben überprüft?! Ich war jedes verdammte Mal bei der Polizei und habe versucht ihnen klar zu machen, dass ich wirklich Hilfe benötige. Aber keiner hat mir geglaubt!"

Erledigt bedeckte Simon Black sein Gesicht mit den Händen. Er schien in einem Alptraum gefangen.

Die Tür zum Verhörraum öffnete sich. „Price." Erklang nur die Stimme des Chief.

„Entschuldigen Sie mich einen Moment." Damit erhob sich der Deputy und trat leise aus dem Raum.

Er gesellte sich zu seinen Kollegen, die gespannt vor einem Bildschirm seine Befragung verfolgt hatten.

„Glauben Sie ihm?" Franklin deutete mit dem Kinn auf den Bildschirm vor ihnen.

„… Ja…" Entschlossen gab Price seine Meinung bekannt. „Es ist alles schlüssig. Wir müssen allerdings noch diese Mails checken und versuchen den Absender zu finden. Ansonsten wäre er ein sehr guter Schauspieler."

Franklin nickte verstehend. „So sehe ich das auch… Ich werde den Mitschnitt über ihre Befragung an einen guten Freund schicken. Er arbeitet bei der Verhaltensanalyseeinheit des FBIs. Ich bin auf deren Meinung gespannt."

Anna Svensson saß an ihrem Schreibtisch und versuchte sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Irgendwie viel es ihr nach dem morgendlichen Vorfall unendlich schwer.

Wieso schickte man ihr eine Schlange? Und wer? Was wollte derjenige ihr mitteilen? Die Schlange stand für listig… gefährlich… Und sie konnte diese Tiere einfach nicht ausstehen.

Ihr Blick fiel auf die Stelle, wo der Karton auf dem Boden gelegen hatte. Die Schlange war von einem Profi entfernt worden. Dieser hatte ihr erklärt, dass es sich nur um eine ungefährliche Natter handelte und sie keine Angst zu haben bräuchte. Und doch war sie froh gewesen, als das Tier endlich aus ihrem Umfeld verschwunden war.

Aber was war das? Ein kleiner weißer Fleck am Rande des Schrankes fiel ihr auf

Derek Morgan saß in seinem Büro und versuchte einen Bericht über seine Einschätzungen zu den Unterlagen, die vor ihm auf dem Schreibtisch lagen zu verfassen.

„Morgan", leicht entnervt hatte er das Telefonat nach unzähligem Klingen angenommen. „Ja… kenne ich… Okay, stellen Sie durch."

„Morgan", meldete er sich nochmals am Telefon.

„Hier ist Ryan Franklin."

„Hey, Ryan, wie geht es dir?" Morgan hatte die Papiere vor sich gedanklich bei Seite geschoben. Die Störung war jetzt sowieso nicht mehr zu verhindern.

„Danke, alles okay. Bei dir auch?"

„Ja, alles bestens." Morgan lehnte sich entspannt auf seinem Stuhl zurück. „Habe lange nichts mehr von dir gehört. Was machst du heute?"

„Ich bin mittlerweile Chief des San Francisco Police Departments." Erfuhr Morgan durchs Telefon.

„Gratuliere! Das ist ein Aufstieg… Das freut mich für dich! Hast du von den Anderen mal was gehört?" Hakte Morgan interessiert nach.

„Nicht wirklich…" Morgan bemerkte, dass sein Gesprächspartner momentan nicht zum Plaudern zumute war. Es schien einen besonderen Grund für seinen Anruf zu geben.

„Wir haben hier ein Problem und ich wollte dich um eine kurze Einschätzung bitten…"

„Sicher, worum geht es?" Morgan lauschte interessiert den Worten Franklins.

Morgan sprang die Stufen hoch und hinderte Frank daran die Bürotür zu schließen. „Entschuldigt, wenn ich euch unterbreche… Hotch, ich habe gerade ein Telefonat mit einem alten Bekannten von der Polizeischule geführt. Ryan Franklin ist heute Chief des SFPD. Er bittet uns um eine Einschätzung."

Hotchner hatte interessiert den unerwarteten Ausführungen seines Kollegen verfolgt. Dann nickte er und deutete mit dem Kopf auf Frank: „Wir kommen gleich nach."

Morgan nickte grinsend und verschwand.

Während Morgan David Rossi und die anderen Kollegen aufforderte ihm in das Besprechungszimmer zu folgen, lächelte Hotchner seine Kollegin vor sich entspannt an.

„Was gibt es?" … –

David Rossi trat aus seinem Büro. Er befand sich mit seinen Gedanken noch tief in dem Fall auf seinem Schreibtisch. Er sah zum Besprechungszimmer hinüber, indem sich die Kollegen schon tummelten. Tief durchatmend trat er vor an das Geländer der Empore. Erst brauchte er etwas Ruhe und Abstand, um sein Hirn für neue Informationen frei zu machen. Er drehte sich um und sah, wie Hotch mit ernstem Gesicht hinter seinem Schreibtisch stand und sich krampfhaft auf der Tischplatte abgestützt hatte.

Was geschah gerade in dem Büro? Handelte es sich schon um den neuen Fall?

Als sich die Tür öffnete, nahm Rossi verwundert gewahr, dass Frank bei ihm gewesen war. Gab es schon wieder Probleme zwischen den Beiden?

Er ließ sich nichts anmerken, als Frank an ihm vorbeieilte.

Heute Morgen schien doch noch alles okay zu sein?! Sollte er zu Hotch hineingehen und ihn direkt darauf ansprechen? Rossi entschied sich dagegen. Hotch wusste, dass er jederzeit zu ihm kommen konnte.

Der Altermittler stieß sich von der Umrandung ab und folgte seinen Kollegen ins Besprechungszimmer. Diesmal würde er die beiden aber nicht aus den Augen lassen. Etwas stimmte nicht!

Als Hotchner endlich das Besprechungszimmer betrat, setzte er sich schweigend auf den letzten freien Stuhl und nickte Morgan nur kurz auffordernd zu.

Augenblicklich legte sich Stille über den Raum und alle sahen gespannt zu Morgan hinüber, der vor dem Bildschirm stand und die Fernbedienung in der Hand hielt.

„Chief Ryan Franklin vom SFPD hat sich heute an mich gewandt und erbittet eine Einschätzung von uns.

Es handelt sich um Vorfälle in San Francisco und seinen Vororten. Sie gehen davon aus, dass der Tod von Paul Elliot, eingestuft als Selbstmord, der erste Vorfall dieser Art war.

Und zwar sollte Mr. Elliot am in einem Marine-Jachtclub für seine Wohltätigkeiten geehrt werden. Noch bevor er die Ehrung entgegennehmen konnte, fand man seine Leiche. Er hatte sich erhängt.

Vor zwei Tagen sollte das neueste Kunstwerk von Brain David enthüllt werden."

„Brain David?" Rossis Gesicht überzog erstaunen. „Ich habe gehört, dass er Häuser verkleiden wollte. Ich mag seine Werke."

„Ja, ich mag sie auch. Obwohl ich den Aufwand nicht so ganz nachvollziehen kann." Stimmte Reid zu.

„Man fand eine Leiche, die kopfüber vor den Stoffbahnen hing. Mittlerweile hat die Gerichtsmedizin sie als Brain David identifiziert."

Ungläubig sah Rossi seinen Kollegen an.

„Wie kommt die Polizei bei diesen beiden Fällen auf eine Gemeinsamkeit?" Hakte Prentiss nach.

„Es geht noch weiter." Hob Morgan wieder an. „Zufällig sind sie auf Zeitungsartikel gestoßen, die genau diese Taten ankündigten."

„Ankündigten?" Prentiss sah ihren Kollegen ungläubig an. „Du meinst doch wohl eher beschreiben?!"

Morgan schüttelte bedächtig den Kopf und verteilte Kopien von den zwei Zeitungsartikeln und den dazugehörigen Polizeiberichten.

„Beide waren bereits morgens in der Zeitung zu lesen und vormittags beziehungsweise abends geschahen die Taten."

„Was ist mit dem Verfasser der Artikel?" Hakte Hotchner nach. Er versuchte sich auf den Fall zu konzentrieren, aber seine tonlose Stimme ließ Rossi aufblicken. Entsetzt nahm er die fahle Gesichtsfarbe wahr, die die dunklen Augenringe, die Hotchner in den letzten Tagen bekommen hatte, stark hervorhob. Und diese matten Augen. Der Glanz der letzten Wochen war verflogen.

Hotchner schien seinen Blick bemerkt zu haben, denn er sah kurz zu ihm hinüber. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Morgan und den Fakten zu.

„Ein Simon Black. Er ist freier Reporter und er beteuert vehement seine Unschuld. Ryan hat uns den Mitschnitt der Vernehmung mitgeschickt.

Angeblich wurden Black die Texte wortwörtlich vorgegeben. Die erste Mail hat er ignoriert, woraufhin ein Tierkadaver vor der Tür seines Hauses hing.

Black gibt an, dass er jedes Mal, wenn er einen neuen Text erhalt hat, zur Polizei gegangen ist und um Hilfe gebeten hat. Das überprüfen sie noch."

„Vielleicht ist er zur Polizei gegangen, um gerade den Verdacht von sich abzuwenden!?" Wandte Prentiss ein.

„Die Mails auf seinem Rechner werden ebenfalls noch überprüft.

Sie beinhalten außer den Texten auch noch Fotos seiner Familie. Black hat wirklich Angst um sie!" Entgegnete Morgan.

Morgans Handy piepte kurz und er zog es aus seiner Hosentasche hervor. Er warf einen kurzen Blick auf die Nachricht, dann sah er auf.

„Sie haben einen weiteren Artikel mit einem Verkehrsunfall in Verbindung bringen können."

Der Drucker im Hintergrund setzte sich in Bewegung. Garcia eilte zu ihm und holte die neuen Fakten an den Tisch.

Jareau nahm sich einen der Zettel und las laut vor:

Prominentes Paar wird bei Verkehrsunfall sterben

Endlich ist der Tag gekommen. Heute erwartet die Bürger von San Franzisco der hohe Besuch von Muriel Philipp. Sie wird in Begleitung ihres Mannes, des ehemaligen Gouverneurs von Kalifornien, Josh Philipp, erwartet. Neben einen Bummel durch das berühmte Museum of Modern Art und die Eintragung in das goldene Buch der Stadt, ist am Abend eine Wahlkampfveranstaltung vor ihrer hiesigen Anhängerschaft geplant. sb"

„Es ist eindeutig die gleiche Schreibweise, wie bei den beiden anderen Artikeln." Bestimmte Reid. „Leichte, aber unbedeutende Abweichungen… Wenn ich es richtig verstanden habe, sollte Black die Texte wortwörtlich widergeben. Das heißt, es ist eine Spur zu unserem Täter."

„In dem Unfallbericht steht, dass die Limousine von einem Wagen gerammt wurde.

Die Aussagen der Augenzeugen geben einheitlich an, dass sie versucht hätten die Türen des Wagens zu öffnen. Sie ließen sich aber nicht öffnen, obwohl der Wagen nur gegen den Bordstein gerutscht war. Dann brach Feuer im Heck aus. Der Benzintank explodierte. Untersuchungen stellten einen Softwarefehler im Bordcomputer fest." Fasste Prentiss den Sachverhalt des Polizeiberichtes zusammen.

„Haben wir schon eine offizielle Anforderung?" Fragte Hotchner an Morgan gewandt.

„Nein", Morgan schüttelte leicht den Kopf.

Hotchner ließ seinen Blick langsam über die Kollegen schweifen und er konnte in jedem einzelnen Augenpaar die Bestätigung seiner eigenen Gedanken sehen. San Francisco benötigte Hilfe!

„Besorg sie. Wir schauen derweil in die Vernehmung hinein."

Unbekannt:

„Freude, an dem was ist. Hoffnung, auf das was kommt. Abstand, von dem was man nicht ändern kann. Glaube, dass man alles erreichen kann."

„Dave", wandte sich Morgan an den Altermittler, der ihm gegenüber im Flugzeug saß, „weißt du, was mit Hotch los ist?"

„Nein", wie zur Bestätigung schüttelte Rossi leicht seinen Kopf. „Heute Morgen war er noch ganz normal. Hast du eine Ahnung."

„Ich weiß nicht… Als ich ihm eben von dem neuen Fall erzählt habe, war er auch noch ganz normal." Morgans Blick fiel auf Frank. „Sue war nach mir bei ihm im Büro. Ob es wieder zwischen den Beiden gekracht hat?"

Hotchner rief seine Leute zusammen. Sie wollten die letzten zwei Stunden des langen Flugs bis nach San Francisco nutzen und sich mit den bisherigen Informationen auseinandersetzen.

„Das war auch mein erster Gedanke. Aber ich kann… ich will es mir nicht vorstellen. In der letzten Zeit war doch alles okay." Antwortete Rossi noch auf Morgans Frage, bevor sie sich erhoben und zu den Kollegen gesellten.

Zumindest schien sich Hotchner wieder etwas gefasst zu haben. Die Farbe in seinem Gesicht war zurückgekehrt und überspielte den starken Kontrast seiner dunklen Augenringe. Er schien in der letzten Zeit nicht viel Ruhe bekommen zu haben…

„Du hast gesagt, dass es noch mehr Artikel gibt, die vorab schon Vorfälle beschreiben?" Reid wandte sich direkt an Morgan.

Dieser nickte. „Es müssen noch weitere zwei oder drei Artikel sein. Plus den Text, den Black nicht in die Zeitung gebracht hat."

„Ich würde sie mir gerne ansehen. Wenn ich sie mit früheren Artikeln von Simon Black vergleiche, kann ich mit Bestimmtheit sagen, ob er der Verfasser ist oder nicht."

JJ suchte kurz in ihrer Mappe und zog die gewünschten Papiere hervor. Mit einem leichten Zwinkern reichte sie sie ihrem Kollegen über den Tisch.

Hotchner hatte das Gespräch bisher nur ruhig verfolgt. Irgendwie fehlte ihm gerade die Kraft sich voll und ganz auf den Fall zu konzentrieren. Er atmete tief durch bevor er endlich aktiv die Führung übernahm:

„Heute wird es zu spät. Morgen früh werden wir als erstes ins Revier fahren und uns dort einrichten.

Reid, ich möchte, dass du dir Morgen als erstes die aktuellen Zeitungen vornimmst. Wir müssen wissen, ob unser UnSub erneut zuschlagen wird."

„Wie soll er uns das mitteilen? Sein Reporter ist in Gewahrsam." Verwundert sah Frank Hotchner an.

„Reid kann anhand des Schreibstieles feststellen, ob es der Täter ist." Übernahm Rossi das Wort. „Eventuell hat er ja noch jemand anderen, den er erpresst. Schließlich musste er früher oder später damit rechnen, dass sein Lockvogel gefasst wird."

Hotchner nickte zu den Worten des Altermittlers.

„JJ, ich hätte gerne, das du mit Simon Black sprichst. Vielleicht kennt er seinen Erpresser und weiß es nur nicht."

Jareau nickte verstehend. „Er scheint wirklich bestrebt von diesem Menschen los zu kommen."

„Endlich wird ihm geglaubt…" Frank konnte den Mann vor sich sehen. Klein, in sich zusammengesunken. „Ob er schon mit seiner Familie sprechen konnte, um sie zu beruhigen?!"

„Noch ist nicht klar, ob er nicht doch dahintersteckt." Wandte Prentiss ein.

„Haben sie denn die IP-Adresse noch niemanden zuordnen können?" Rossi sah zu Garcia, die auf dem Bildschirm dem Gespräch folgte.

„Nein, konnten sie noch nicht." Die Analystin holte tief Luft. „Aber ich habe eben die Adresse übermittelt bekommen und die bisherigen Ergebnisse aus San Francisco erhalten. Meine Maschinen laufen schon auf Hochtouren."

„Gib uns einfach Bescheid, wenn du was gefunden hast, Babygirl." Morgan lehnte sich etwas vor in seinem Sitz und schenkte Garcia ein freundliches Lächeln.

„Sollte es bis Morgen Mittag keinen neuen Hinweis auf ein Verbrechen geben, werden Prentiss und Frank zum künstlerisch gestalteten Wohnblock fahren." Fuhr Hotchner mit der Planung der ersten Schritte fort. „Schaut euch dort um. Ich kann mir nicht vorstellen, dass von den Anwohnern wirklich keiner was bemerkt haben will."

Die beiden Agents wechselten ein erfreutes Lächeln. Endlich konnten sie mal wieder zusammenarbeiten.

„Dave, wir fahren zum Yachtclub hinaus. Ich würde mir dort gerne selbst ein Bild machen." Wandte Hotchner sich an den Altermittler.

Rossi nickte zustimmend. „Er sucht sich Gegenden und Situationen aus, wo viele Menschen anwesend sind. Es stellt sich mir die Frage, wie er da so unbemerkt bleibt?"

„Morgan, ich würde dich gerne zum Gerichtsmediziner schicken. Und vor allem zur KTU. Sie sollten bis dahin wohl weitere Erkenntnisse über den Verkehrsunfall haben."

Morgan und das Team hatten früh am nächsten Morgen das Polizeirevier in San Francisco betreten. Sein Blick schweifte über die vielen Uniformierten, bis er an einem stattlichen Mann hängen blieb: „Ryan?!"

Der Chief drehte sich leicht verärgert um, bis er Morgan erkannte. Erfreut kam er auf das Team zu.

„Derek!"

Die beiden schienen Frank wirklich sehr gut befreundet. Herzlich fielen sie sich in die Arme und schlugen sich gegenseitig auf den Rücken.

„Mensch, gut siehst du aus?" Ryan Franklin lachte herzlich. „Bevor du wieder verschwindest sollten wir uns noch einen gönnen. So wie in alten Zeiten!"

Beide lachten. Sie schienen eine schöne Zeit zusammen in der Polizeischule gehabt zu haben. Frank ging diese Freundschaft zu herzen. Ihr Blick fiel auf Hotchners Rücken, der nur einen Schritt vor ihr stand. Wenn sie doch auch so offen fühlen könnten… Dabei war gerade sie diejenige die bremste. Im Moment war sie einfach nur durcheinander.

„Leute", holte Morgan Frank aus ihren Gedanken zurück in das Hier und Jetzt, „das ist Ryan Franklin, Police-Chief und ein sehr guter Freund.

Und das ist das Team: David Rossi, Jennifer Jareau, Emily Prentiss, Doktor Spencer Reid, Susanne Frank und unser Teamchef Aaron Hotchner."

Franklin reichte allen herzlich die Hand zur Begrüßung.

„Freut mich Sie kennenzulernen, Chief." Übernahm Hotchner schließlich das Wort. „Haben Sie einen Raum, in dem wir uns ausbreiten können?"

„Ja, gleich hier vorne." Ryan Franklin wies auf eine nahe Tür. „Die gewünschten hiesigen Zeitungen haben wir Ihnen auch schon auf den Tisch gelegt.

„Das ist perfekt." Reid eilte voraus und ergriff sich den Stapel.

Der Chief schaute dem jungen Agent hinterher, dem die restlichen Teammitglieder in den Raum folgten: „Wir haben sie schon selbst heute Morgen nach dem Kürzel ‚sb' durchsucht. Aber da sich Simon Black noch immer bei uns in Verwahrung befindet, findet sich logischerweise kein Artikel."

„Er sucht nach etwas Anderen!" Erklärte Morgan und folgte ebenfalls in den zugewiesenen Raum. Geschäftig waren schon alle dabei, sich in dem Raum einzurichten.

Verwundert verfolgte Franklin das Tun. Sein Blick fiel auf seinen alten Freund, der mit einem leichten Lächeln auf den Lippen seine Kollegen und deren Wirkung auf den Chief beobachtet.

„Wird ihm keiner helfen?" Leicht deutete der Chief auf Reid, der sich mittlerweile in eine Ecke des Raumes verzogen hatte und die Zeitungen nahezu durchwühlte.

Gerade legte Reid eine der Zeitungen an die Seite und nahm sich die Nächste vor.

Morgan schüttelte nur den Kopf. „Alleine ist er schneller. Er kann bis zu 20.000 Wörter in der Minute lesen."

Doch Reid hatte nichts gefunden, was aus der Feder des Täters stammen konnte. So trennte sich die Agents gegen Mittag und machten sich auf den Weg zu den Tatorten und der Gerichtsmedizin.

Susanne saß still neben Emily, die ihren SUV auf den Mission District zusteuerte. Ihr Blick glitt neugierig über die Millionenstadt. Wer hätte gedacht, dass sie sogar San Franzisco erleben würde.

„Sue, ist alles okay bei dir?" Unterbrach Emily die Stille im SUV. Als sie Susannes verwunderten Blick sah, ergänzte sie: „Du bist in den letzten Tagen etwas still. Hast du Sorgen? Ist zu Hause alles okay?"

Susanne musste leicht lächeln. In Emily hatte sie eine wirklich gute Freundin gefunden. Und sie lag mit ihrem Gespür garnichtmal so verkehrt. Und doch wiegelte Susanne ab und ließ ihren Blick wieder nach draußen wandern. Gelogen hatte sie nicht. In Deutschland lief alles gut.

Das sie im Moment zwischen allen Stühlen stand und nicht wirklich wusste, wo ihr zu Hause war, dass konnte sie ihrer Kollegin nicht anvertrauen. Obwohl es vieles vereinfachen würde!

„Hast du was über Hotch gehört?" Begann Emily nun ein ebenso empfindliches Thema.

„Nein. Was ist mit ihm?" Susanne versuchte ihrer Stimme gelangweilt klingen zu lassen, während sie ihren Blick auf der Straße ruhen ließ.

„Er ist bleich wie eine gekalkte Wand. Seine Augenränder sind wieder zurück… Hast du das noch nicht bemerkt?"

„Doch…" Unsicherheit schwankte in Susannes Stimme mit. Aber Emily schien es nicht zu hören.

„Die anderen glauben mir nicht. Aber ich wette mit dir, dass er jemanden kennengelernt hat." Emily warf einen kurzen grinsenden Blick zu Susanne.

„Was meinst du?" Ängstlich setzte sich Susanne etwas gerader in ihren Sitz.

„Na, eine neue Frau. Er hat bestimmt Zweifel wegen Haley und Jack!"

„Wie kommst du darauf?"

„Weil er in den letzten Wochen richtig gut drauf war. Da hat er sie bestimmt irgendwo kennengelernt. Und jetzt liebt er sie und weiß nicht, ob er es zulassen soll… Oder sie hat ihn abblitzen gelassen, als sie von Haley erfahren hat."

„Emily!" Susanne konnte sich diese Spekulationen nicht länger anhören. „Das ist totaler Quatsch!"

„Neee, ist es nicht! Ich habe ihn schon länger beobachtet. Es passt alles zusammen!"

„Lass ihn das nicht hören." Susanne suchte verzweifelt ein gutes Argument, um ihre Kollegin in ihren Äußerungen zu stoppen. „Ich dachte ein Profil über die Kollegen zu erstellen, sei tabu!"

Morgan betrat zusammen mit seinem alten Freund Ryan Franklin die Gerichtsmedizin. Hinter der Tür empfing sie eine gänzlich andere Welt.

Eine besondere Luft beherrschte die Räumlichkeiten. Hier kam Morgan immer augenblicklich zur Ruhe. Durch die Stille schienen die Uhren doppelt solange zu brauchen, um vorwärts zu kommen.

Und doch lag ein unangenehmer Geruch in diesen Räumen. Morgan bemerkte auch sofort, woher dieser kam. Auch wenn die Leichen gekühlt gelagert wurden, bis sie endlich freigegeben wurden, konnte die Verwesung nicht vollständig aufgehalten werden.

„Doc!" Franklin war zu der Frau getreten, die sich über eine Leiche auf dem Obduktionstisch gebeugt hatte.

„Chief!" Die kleine brünette Frau im mittleren Alter sah kurz zu ihnen auf. „Was verschafft mir die Ehre?"

„Dies ist Derek Morgan von der BAU des FBIs." Stellte Franklin seinen Begleiter vor. „Doktor Suzanne White."

„Freut mich sie kennen zu lernen, Doktor White." Begrüßte Morgan die Ärztin, die ihn nun interessiert musterte.

„Hast du schon neue Erkenntnisse über das Ehepaar Philipp?"

„Nein. Das wird sich auch nicht ändern… Die Todesursache bleibt das Verbrennen im eingeschlossenen Wagen. Da musst du dich schon an die KTU wenden. Vielleicht können die etwas am Wagen feststellen. Ich kann dir nur die Tatsachen liefern."

„Okay, okay, Suzanne." Franklin grinste breit.

„Bei Mr. Elliott haben Sie nach dem Bericht bereits einen Selbstmord ausgeschlossen." Erhob Morgan seine Stimme. „Sind Sie bei Brain David auch zu einem Ergebnis gekommen?"

„Stimmt das wirklich, dass diese drei Fälle alle miteinander in Verbindung stehen?" Hielt die Ärztin dagegen.

„Es sieht im Moment danach aus." Kam ihr Morgan entgegen. Er hatte die Frau vor ihm sofort durchschaut und wusste, wie er mit ihr umgehen musste, damit er zufriedenstellende Antworten auf seine Fragen bekam.

„Ja, bin ich." Doktor White drehte sich ab und ergriff ein Blatt Papier von ihrem Schreibtisch. Sie reichte ihn an Morgan weiter. „Mein Bericht. Es gibt eindeutige Abwehrverletzungen an Händen und Unterarmen. Zudem habe ich fremde DNA unter den Fingernägeln gefunden."

„Die Untersuchungsergebnisse stehen aber wohl noch aus?" Hakte Morgan interessiert nach.

„Richtig." Bestätigte White. „Die Datenbank brachte noch keinen Treffer."

„Die wird sie wohl auch nicht liefern. Dafür ist er zu vorsichtig. Er wird noch nie registriert worden sein."

„Woher wollen Sie das bitte schön wissen?" Doktor White schien Morgans Aussage zu bezweifeln.

„Sein Plan ist zu durchdacht. Da macht man nicht so einen einfachen Fehler!" Morgan wandte sich an Franklin. „Dann zur KTU."

„Meldest du dich bitte bei mir, wenn ihr ein Ergebnis habt, Suzanne?!" Wandte sich der Chief Abschied nehmend zur Gerichtsmedizinerin.

„Haben wir das je nicht getan?" Hielt White dagegen.

„Doktor White." Morgan nickte ihr kurz zu und folgte seinem alten Freund hinaus ins Freie

Jareau betrat das Vernehmungszimmer, in welches man Black gebracht hatte, damit sie mit ihm in Ruhe reden konnte.

„Mr. Black", begann sie auch sofort, als sie den Raum betrat und sich dem Verdächtigen an dem Tisch gegenüber niederließ. „Mein Name ist Jennifer Jareau. Ich bin bei der Verhaltensanalyseeinheit des FBI. Chief Franklin hat uns gebeten ihren Fall zu überprüfen."

„Können Sie mir helfen?" Der Mann vor Jareau hatte mittlerweile die zweite Nacht in einer Gefängniszelle verbracht und fühlte sich dementsprechend schmutzig. Seine Bartstoppeln sprießten bereits dunkel auf seinem Gesicht.

„Wir möchten es gerne versuchen. Dazu müssen wir aber leider noch einmal miteinander alles durchgehen. Jede Kleinigkeit kann von Bedeutung sein."

„Ich kann nicht mehr sagen, als ich schon unzählige Male gesagt habe." Blacks Stimme ließ seinen Zweifel deutlich erkennen.

Jareau lächelte ihn freundlich verstehend an, bevor sie seine Hände ergriff, die vor ihm auf der Tischplatte lagen.

„Lassen Sie es uns einfach versuchen Mr. Black. Vielleicht finden wir zusammen einen Hinweis auf den Erpresser."

Der Innenhof im Mission District war noch immer durch die Polizei abgesperrt. Täglich kamen Fans von Brain David, um endlich sein neuestes Kunstwerk zu bewundern. Da sie aber nicht in den Innenhof gelassen wurden, legten sie einfach Blumen vor die Absperrung nieder. Besonders, seit der Öffentlichkeit bekannt gegeben worden war, dass das Opfer der Künstler selbst war, kamen immer mehr Menschen, um sein letztes Kunstwerk zu sehen und Blumen zu bringen.

Prentiss und Frank schauten sich die Menschenmenge einen Moment lang aus der Entfernung an.

„Meinst du, der UnSub ist unter ihnen?" Sprach Frank den ersten Gedanken laut aus, der ihr durch den Kopf ging.

„Möglich… Wir sollten den Gedanken im Gedächtnis behalten." Stimmte Prentiss zu.

„Obwohl es eher unwahrscheinlich ist. Die anderen Tatorte sind keine Pilgerstädte geworden. Hätte er dann nicht möglichst immer einen Platz in der Nähe der Anderen Opfer gesucht?" Frank zweifelte an ihrem eigenen Vorschlag.

„Lass uns hineingehen." Prentiss setzte sich in Bewegung und bahnte ihnen einen Weg durch die trauernden Bewunderer.

Endlich waren sie vor dem gelben Absperrband der Polizei angelangt. Beide Agents zogen ihre Ausweise hervor und hielten sie dem Wachhabenden vor.

Dieser nickte, „Der Chief hat sie schon angekündigt." Er hob das Band hoch und ließ sie in den abgesperrten Bereich eintreten.

Nach gut fünfzig Meter durch eine Häuserschlucht, betraten sie den Innenhof. Staunend gingen sie langsam, sich immer wieder in alle Richtungen schauend, bis in die Mitte des Hofes vor.

„Hast du schon mal so was… Schönes gesehen?" Frank war beeindruckt und konnte sich nicht satt sehen, an diesem künstlerischen Kontrast der Häuserfronten.

„Es ist atemberaubend!" Stimmte Prentiss mit leiser, rauer Stimme zu. Dann deutet sie nach oben. Auf dem weißen Tuch hob sich ein tiefroter Fleck hervor. „Es sieht aus, als wäre es in dem Kunstwerk schon immer vorhanden gewesen. Mit voller Absicht."

Frank nickte zustimmend. Und doch sollte er eigentlich nicht da sein.

„Ich würde gerne aufs Dach gehen. Vielleicht gibt es dort noch einen Hinweis…" Schlug Frank ihrer Kollegin vor.

„Dann lass uns schauen, wo es hinaufgeht." Prentiss konnte sich nur schwer von diesem Anblick trennen. Ein bedrückendes Gefühl überkam sie: „Reines Weiß. Es erinnert mich an ‚Rose Island'…"

Gegen Rossis Gewohnheit war die Fahrt mit Hotchner diesmal schweigend verlaufen. Erst als sie den Marin Yachtclub in Sausalito erreichten, erhob Rossi seine Stimme.

„Was erwartest du hier zu finden?"

Die gleiche Frage ging Hotchner die ganze Fahrt schon durch den Kopf. Schließlich antwortete er ergeben: „Ich weiß es nicht… Lass uns einfach ein Gespür für den Tatort bekommen."

Sie sprachen mit dem Geschäftsführer des Clubs und erfuhren, dass für die Feier zusätzliches Personal georderte worden war. Im Service und in der Küche.

Anschließend schauten sie sich die Räumlichkeiten an. Den Tatort hatte der Täter etwas abseits der Menschenmenge gewählt. So dass er in aller Ruhe sein Vorhaben durchführen konnte.

Stellte sich nur die Frage, wie er Paul Elliott hierhergelockt hatte!?

„Sie haben angegeben, dass er sie erpresst hat. Wie oder Womit hat er das gemacht?" Jareau hatte mittlerweile ein gutes Verhältnis zu dem Mann ihr gegenüber aufbauen können. Er schien endlich wieder Zuversicht zu spüren und die Hilfen der BAU annehmen zu wollen.

„Mit den Fotos." Erklärte Black sofort. „In den Mails stehen seine Anordnungen und der Text. Er hat die Fotos an die Mails angehängt."

„Die sind aber nicht hier in ihrer Akte." Jareau überlegte nicht lange. Sie stand auf und verließ den Vernehmungsraum.

Morgan und Franklin betraten eine Fabrikhalle, indem sich mehrere Wagen verteilt befanden. Sie unterhielten sich angeregt über ihre gemeinsame Vergangenheit und ließen Anekdoten auferstehen.

„Gut…" Morgan versuchte seinen Lachanfall zu beherrschen. „Lass mich raten, welches der Unfallwagen der Philipps ist."

Interessiert flog sein Blick über die Wagen.

„Das ist nicht schwer." Franklin grinste.

„Ich schätze, der Wagen!" Morgan deutet auf eine verbeulte, verbrannte Limousine.

Sie traten an dunklen Blechklumpen heran. Blechfetzen ragten aus der Karosserie heraus. Die Kraft der Explosion musste schon ordentlich gewesen sein.

„Chief!" Grüßte ein Mann in einem Folienoverall.

„Sam." Franklin hob kurz grüßend die Hand, bevor er wieder dienstlich wurde. „Das ist Agent Morgan vom FBI."

Morgan, der sich zu dem Wrack hinunter gekniet hatte, nickte dem Mechaniker freundlich zu.

„Okay, habt ihr schon neue Erkenntnisse?"

„Nun, mit eurer Vermutung, dass bei dem Unfall nicht alles koscher war, könntet ihr recht behalten. Wir konnten Teile des Bordcomputers retten. Es scheint, als wenn er von außen manipuliert wurde."

„Wie meinst du das?"

„Wir sind der Meinung, dass sich ein fremder Sender am Fahrzeug befand. Dieser legte den Computer lahm und versperrte die Türen. Daher ließen sie sich nicht öffnen."

„Vielleicht haben sich die Türen durch den Unfall verzogen?" Schlug Morgan vor.

„Nein, Sir, das können wir ausschließen. Abgesehen von den Brandschäden lassen sich die Türen ohne Probleme öffnen."

„Was ist mit dem Tank? Wieso konnte er so leicht explodieren?" Hakte Morgan an einer anderen ungeklärten Stelle des Unfalles nach.

„Alle Hinweise deuten auf eine kleine Sprengladung hin. Wenn wir den Sender finden, hätten wir den Beweis."

„Diese Teile können verdammt klein sein."

Der Mechaniker nickte zustimmend und schien es zu bedauern, dass der Sender noch nicht gefunden wurde.

„Ich hoffe, dass er nicht total geschmolzen ist. Ansonsten wird es schwer."

„Okay. Danke, Sam." Der Chief und Morgan verabschiedeten sich und kehrten zur Polizeistation zurück.

Sie waren oben auf dem Dach angekommen. Die Sonne schickte sich langsam an unterzugehen und warf lange Schatten über die Häuser.

„Wie hat er den Künstler hier hochbekommen?" Wunderte sich Prentiss.

„Oder er wusste, dass Brain David hier oben sein würde. Vielleicht wollte er noch letzte Verbesserungen vornehmen und wurde vom Täter überrascht."

„David hatte keine Abwehrspuren, oder?" Versuchte sich Prentiss an die Untersuchungsergebnisse zu erinnern.

„Er hatte Schürfspuren am ganzen Körper. Die sind aber alle noch vor seinem Tod entstanden." Konnte Frank ihrer Kollegin helfen.

„Also konnte er ihn nicht tragen und hat ihn über den Boden gezogen?!" Vermutete Prentiss. „Dann müsste hier irgendwo der wirkliche Tatort sein."

„Er wird ihn nicht über die Treppen hochgeschleppt haben." Stimmt Frank zu, während sie die nähere Umgebung absuchte. „Und er hatte Schürfwunden vom Gesicht bis zum Fußspann… Hier ist ein größerer Blutfleck."

Prentiss kam näher.

„Es gibt keine Schleifspuren." Stellte sie fest.

„Er kann ihn nicht gezogen haben. Entweder nimmst du die Beine oder den Oberkörper."

Prentiss nickte zustimmend. „Dann sind die Wunden bei dem herablassen an der Häuserfront entstanden."

Frank schauderte bei dem bloßen Gedanken. Doch wahrscheinlich hatte er bereits das Bewusstsein verloren gehabt.

„Aaron", David sah zu Hotch hinüber, der den Wagen des SUV durch den abendlichen Verkehr lenkte, „was ist los mit dir? Du hast dich verändert!"

„So, habe ich das?" Hotch nahm seinen Blick nicht von der Straße. Er bog auf den Federal Highway 101 und hielt auf die Golden Gate Bridge zu. „Wie kommst du darauf?"

‚Um einer Frage zu entkommen, stelle eine Gegenfrage.' David schmunzelte. Es war nicht einfach mit einem Profiler zu reden, wenn der sich sperrte. Sie kamen der Golden Gate Bridge immer näher.

„Okay, du willst es wirklich hören, dann sperr die Ohren auf… Du hast dich in den letzten Monaten sooft verändert. Erst warst du voller Elan. Dann bist du ausgerastet und hast dich zurückgezogen. Ich denke in dieser Zeit hast du über vieles nachgedacht. Dann warst du wieder ganz der Alte und wurdest immer lockerer. Sooft, wie in den letzten Wochen, habe ich dich noch nie lachen gesehen."

David schaute Hotch jetzt direkt an. Es schien, als könnte Hotch die Zeiten mit Situationen in seinem Leben verbinden.

„Seit einigen Tagen bist du nun wieder schlecht drauf. Du scheinst traurig zu sein. Das Team spürt, dass dich irgendetwas beschäftigt. An der Arbeit kann es nicht liegen. Du machst deine Sache nach wie vor bestens und zuverlässig… Was mich zu dem Schluss kommen lässt, dass dein Problem im privaten Bereich liegt. Ich möchte mich nicht einmischen, aber ich wollte dir wenigstens raten, dass du es lösen musst. Es nützt nichts, wenn du es vor dir herschiebst.

Und irgendwann werden es sich die Kollegen nicht mehr gefallen lassen, dass du bei ihnen deinen Frust abbaust."

„Moment… Frust abbauen? Was meinst du damit?" Hotch hatte seinem Kollegen innerlich längst zugestimmt. Aber diese Andeutung konnte er nun wirklich nicht zuordnen.

„Ich weiß nicht worum es ging. Aber Susanne kam gestern ganz schön verstört aus deinem Büro!"

Hotch antwortete nicht. David merkte aber, dass sein Kollege angestrengt nachdachte. Mehr wollte er ja gar nicht. Lächelnd legte er entspannt seinen Arm auf die Türverkleidung und schaute sich die Skyline von San Francisco an. Die Sonne näherte sich dem Horizont und überschüttete die Stadt mit ihrem roten warmen Licht.

Überraschend zog Hotch den Wagen plötzlich auf die rechte Fahrspur, bremste den Wagen runter und fuhr die kurz darauffolgende Ausfahrt hinter der Golden Gate Bridge ab.

„Ist was passiert?" Fragend sah David zu seinem Kollegen hinüber.

„Nein." Hotch lenkte den Wagen von der Straße, bremste ihn in einer Parkbucht ab und stellte den Motor aus. „Mir hat mal jemand gesagt, dass man sich im Berufsverkehr genauso gut auf einen Parkplatz stellen kann, um sich auszuruhen. Zeitmäßig würde das nicht viel ausmachen und man wäre nur wenige Minuten später am Ziel."

Wer auch immer ihm diesen Satz gesagt hatte, er hatte Hotch zum Nachdenken gebracht. Wer das wohl war, der ihn jetzt so handeln ließ. Er, der sonst immer so pflichtbewusst war.

Rund um sie herum hielten mehrere Fahrzeuge, die den Sonnenuntergang und das bunte Farbenspiel über San Francisco genießen wollten.

„Steigen wir aus?" David sah verwundert zu Hotch hinüber und nickte. Er spürte, dass sich sein Kollege und Freund ihm endlich offenbaren wollte.

Bald standen sie nebeneinander an der Steinbrüstung. Während David sich entspannt gegen die Brüstung lehnte, stand Hotch mit verschränkten Armen steif da.

„Wunderschön!" David bestaunte das Spiel der Natur. „Wir haben genau den richtigen Moment abgepasst."

„Ja." Angespannt zog Hotch seine Augenbrauen zusammen. Er atmete tief ein, bevor er seinem Inneren Luft machte: „Dave, … ich habe mich verliebt."

David war im ersten Moment überrascht, dann umspielte ein verschmitztes Lächeln seine Mundwinkel. Schwer legte er seine Hand auf die angespannte Schulter des jüngeren Kollegen. „Das ist doch wunderbar! ...

Machst du dir Gedanken wegen Haley? Was sie dazu gesagt hätte?"

Hotch schüttelte leicht den Kopf während er sprach: „Am Anfang. Aber Jessica hat mich schnell vom Gegenteil überzeugt."

„Sie macht ihre Sache wirklich gut."

„Ja, sie ist mir in vielen Dingen eine große Hilfe." Die Unterhaltung stockte.

„Dann bereitet dir Jack Probleme?" Nahm David den Faden nach einiger Zeit wieder auf. Er spürte, dass diese Offenbarung seines Kollegen noch nicht der Kern seines Problems war.

Hotch lachte kurz auf. Er stemmte seine Arme auf der Brüstung auf: „Der vergöttert sie!"

Schweigend standen sie einen Moment nur da.

„Hörst du das Zischen der Sonne?" David wies zu der untergehenden Sonne, die gerade die Meeresoberfläche berührte.

„Ja…" Hauchte Hotch die kurze Silbe aus. „Irgendwie schon." Er nahm das Naturschauspiel tief einatmend in sich auf.

„Wünschst du dir gerade deine Liebste herbei?"

„Das wäre schön, ja. Aber…" Hotch ließ seinen Kopf sinken.

Sie schwiegen.

Mit dem Mut der Verzweiflung sah Hotch schließlich seinen Kollegen an und es brach aus ihm heraus: „Es ist Susanne… Wir verstoßen gegen die Regeln!"

„Unsere Susanne?" David schien wirklich überrascht. Fasste sich aber schnell wieder. Das erklärte so einiges! Besonders das Verhalten der beiden in den letzten Tagen und Wochen…

„Dann kommt es darauf an, wie ihr eure Zukunft seht. Wollt ihr zusammenbleiben oder geht Susanne wieder zurück nach Deutschland?"

„Ich konnte sie überredet zu bleiben… zumindest fürs Erste… Sie will sich hier einen Job suchen."

„Einen Job? Sie ist gut als Profiler. Sie sollte ihr Talent nicht vergeuden."

„Das habe ich ihr auch schon mehrmals gesagt. Und das sie sich bei der BAU bewerben soll… Ich finde leichter eine neue Arbeit." Hotch ließ David Zeit, um sich mit dem Gesagten auseinanderzusetzen.

Langsam konnte sich der Altermittler ein Bild über die aktuelle Situation der beiden Kollegen machen. Es war kein Wunder, dass sie gestern aneinandergeraten waren.

„Wieso stehst ausgerechnet du immer vor der Qual, die Arbeit, die dir Spaß macht und die dich erfüllt, aufgeben zu müssen… Das Team wird sich mit dieser Lösung nicht zufriedengeben, das weißt du!"

„Derek hat schon mehr als einmal bewiesen, dass er das Team bestens führen kann. Und ich kann mich dann auch mehr um Jack kümmern."

David schüttelte leicht den Kopf.

„Ja, mein Gott, es fällt mir schwer diese Entscheidung zu treffen." Brach es aus Hotch heraus. „Aber diesmal sehe ich wirklich keinen anderen Ausweg mehr."

„Susanne gibt sich mit deiner Entscheidung aber nicht zufrieden, oder?!" David lehnte sich seitlich gegen die Steinmauer und wartete auf eine Antwort. Hotch schüttelte nur leicht seinen Kopf.

„Da ich Susanne auch kenne, gebe ich dir einen guten Rat, Aaron: Versuche ihr die Entscheidung nicht einfach abzunehmen. Trefft sie gemeinsam. Sie könnte sonst ganz aus deinem Leben verschwinden."

„Es war schon kurz vor knapp." Hauchte Hotch leise, bevor er Susanne vor sich sah, wie sie gestern vor seinem Schreibtisch gestanden hatte. Ihre Gesichtszüge hatten ihm die Wichtigkeit ihres Kommens verraten:

‚Was ist passiert?'

‚Ich… Ich werde zum Monatsende gehen.'

‚Gehen?... Wohin?'

‚Nach Hause. Zurück nach Deutschland… Zumindest fürs Erste. Es ist besser so, glaube mir.'

Er hatte einige Sekunden gebraucht, um die Sätze und ihren Zusammenhang wirklich zu verstehen. In dem Moment hatte er erst den weißen Umschlag in Susannes Hand bemerkt. Wo war der so plötzlich hergekommen? Das Kündigungsschreiben?!

Er hatte nur ein Wort aus seiner trockenen Kehle pressen können: ‚Warum?'

Susanne hatte ihren Blick gesenkt. Sie hatte ihm nicht in die Augen sehen können, als sie ihre Begründung vorbrachte. ‚Wir brauchen Abstand voneinander… Und Ruhe, um nachzudenken! Denn ich werde bestimmt nicht deine Zukunft bei der BAU zerstören. Wenn ich gehe, kannst du deinen Job behalten.'

‚Dafür verliere ich dich! Denkst du der Job wäre mir wichtiger als du?' Er hatte sich aufgebracht erhoben. Seine Augenbrauen hatten sich zusammengezogen und die Gedanken hatten sich in seinem Kopf überschlagen.

Sekundenlang hatte Schweigen geherrscht. Dann hatte Susanne ihren ganzen Mut zusammengenommen: ‚Wichtig ist, dass du keine Probleme bekommst.'

‚Doch… doch, ich bekomme Probleme.' Hatte er mit energischeren Worten geantwortet, als er eigentlich gewollt hatte. Zumindest hatte er ab da wieder einigermaßen normal denken können. Er war ruhiger geworden und hatte sich auf seiner Schreibtischplatte abgestützt. Nur der Tisch hatte ihn davon abgehalten, sie augenblicklich in seine Arme zu ziehen und gierig zu küssen. Dadurch hätte er vielleicht ihre Meinung ändern können. Doch das hätte sie vor dem Team verraten. Mit Sicherheit war ihr Gespräch nicht unentdeckt geblieben. Er hatte es aber nicht gewagt seinen Blick nach draußen zu wenden.

‚Das Team', Susannes Stimme hatte sehr leise und traurig in seinen Ohren geklungen. Ihm war sofort klar, dass sie nicht wirklich gehen wollte!

‚Denen kann man was vorlügen… Aber du tust Jack weh. Was ist mit Jessica… und mir!' Hotch atmete hörbar tief durch. Ruhiger fuhr er fort: ‚Bitte, lass uns später in Ruhe darüber reden. Hier geht das nicht.'

Ein verstehendes Lächeln hatte ihr trauriges Gesicht überzogen. ‚Du willst versuchen mich umzustimmen?! Das wird nicht funktionieren. Du kannst es dir sparen.'

‚Bitte Susanne… Ich wollte dir heute Morgen schon erzählen, wonach ich suche.' Ängstlich flehend hatte seine Stimme geklungen und endlich hatte sie zustimmend genickt, bevor sie fluchtartig das Büro verlassen hatte.

Aufgewühlt war er an das Außenfenster getreten und hatte minutenlang in die langsam wiedererblühende Welt gestarrt…

Heute Vormittag hatten sie sich dann fünf Minuten gestohlen. Hotch hatte Susanne in ein leer stehendes Büro dirigiert. Wo er versucht hatte, sie von seinen Bemühungen der letzten Wochen zu überzeugen: ‚Ich suche nach einer Gesetzeslücke… Ich bin schon seit Wochen am Gesetze wälzen. Aber es ist wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen.'

Susanne hatte zärtlich seine Hand genommen und sie vorsichtig gedrückt. Augenblicklich hatte er ihre Kraft gespürt und ein kleiner Funke Hoffnung schien ihn innerlich wiederaufzubauen. Schöner wäre es gewesen sie in diesem Augenblick in seine Arme zu ziehen… Doch das war unmöglich.

‚Warum hast du mir davon nicht schon eher erzählt. Ich könnte doch helfen.' War Susannes leise Stimme an sein Ohr gedrungen.

‚Das ist lieb von dir, aber ich kenne mich besser mit den amerikanischen Gesetzen aus.'

Susanne hatte schweren Herzens seine Hand losgelassen. ‚Wonach suchst du genau?' Hatte sie wissen wollen.

‚Das ist es ja… Ich weiß es nicht. Erst, wenn ich es gefunden habe.' –

Hotch meinte seine Verzweiflung und diesen kleinen Funken voller Hoffnung wieder in sich zu spüren.

Und nun… Konnte er denn wirklich nichts Anderes tun, als Susannes Entscheidung zu akzeptieren. Zumindest hatte sie nicht von einer endgültigen Trennung gesprochen. Denn sie ganz verlieren, für immer, das konnte er nicht. Nicht schon wieder! …

„Wir sollten weiterfahren. Sie werden schon auf uns warten." Hotch nickte zustimmend. Erleichtert wandte er sich zu David um. „Danke, dass du mich angehört hast."

„Du weißt, dass du immer zu mir kommen kannst, Aaron. Es reicht nicht, wenn du für dein Team immer ein offenes Ohr hast. Du selbst musst dich ihnen gegenüber auch öffnen."

Schweigend stiegen sie in den SUV und Hotch lenkte ihn zurück auf den Highway…

„Susanne also, ja?!…" David schüttelte leicht seinen Kopf. „Und sie erwidert deine Liebe?"

Hotch löste seine Aufmerksamkeit kurz von der Straße und sah seinen Kollegen an. Schon an seinem Gesichtsausdruck, konnte David die Antwort erkennen. Das leichte Kopfnicken bestätigte kurz darauf seine Frage.

„Ihr habt es gut vor uns verborgen."

„Vielleicht hat nur niemand damit gerechnet… Ich meine… Ich war ja selbst noch nicht offen für eine neue Liebe… Erschreckt dich der Gedanke?"

„Erschrecken? Nein. Er gefällt mir. Ihr passt sehr gut zueinander. Und daher gebe ich dir jetzt einen weisen Rat: Redet mit dem Team. Du weißt, mehrere Köpfe finden schneller eine Lösung."

„Das muss ich erst mit Susanne besprechen… Zuerst muss ich ihr aber unser Gespräch beichten. Schließlich könnte es bedeuten, dass sie ihren Dienst bei uns vorzeitig quittieren muss."

„Niemals… Susanne gehört zum Team. Wir alle schätzen sie sehr. Auch wenn sie ab und zu merkwürdige Methoden hat, einen Fall zu lösen…" Sie lachten beide kurz auf. „Ich denke, es kann sich keiner mehr vorstellen, dass sie nicht für immer zu unserem Team gehört."

„Du willst also eine Ausnahme von der Regel?" Hotch sah seinen Kollegen verwundert an. „Dave, du hast dich dafür stark gemacht, dass sie wiedereingeführt wurde!"

„Stimmt. Aber genauso denke ich, dass es auch Ausnahmen von Regeln geben sollte."

Beschwingt betrat Jareau erneut den Vernehmungsraum, indem Black nicht mehr so ganz wie ein kleines Häufchen Elend saß.

„Ich habe hier die Mails mit allen Anhängen ausgedruckt. Jetzt werden wir mal schauen, ob wir irgendetwas auf den Fotos erkennen."

Jareau nahm sich die erste Mail vor. Sie überflog eilig die Nachricht, indem der Erpresser Simon Blacks Familienmitglieder namentlich aufführte. Sie nahm die ersten beiden Fotos zur Hand, die dieser Mail angehängt waren.

„Das ist ihrer Tochter?" Hakte Jareau nach und deutete auf ein Mädchen.

„Ja, das ist Jenny. Zusammen mit ihrer Freundin Diane."

„Sie sind auf dem Weg zur Schule?" Fragte Jareau, da beide Schultaschen mit sich führten.

„Ja, ich denke schon." Nickte Black.

„Aber die Schule ist das noch nicht. Wo ist das? Liegt das Gebäude im Hintergrund immer auf ihrem Weg zur Schule?"

Black versuchte die Häuserfront einer Straße in seinem Viertel zu zuordnen.

„Ja, ist es. Das ist die Irving Street."

„Gut… Mr. Black, Jenny und Diane scheinen in die Kamera zu lächeln. Wohnt Diane in der Straße oder kenne Sie oder ihre Familie Jemand der in der Straße wohnt?"

Simon Black schien stark nachzudenken. Er kniff seine Lippen zusammen, dann musste er aber enttäuscht den Kopf schütteln.

Jareau legte weitere Fotos auf die Tischplatte. Nach kurzem Betrachten deutete sie auf eins.

„Ist das die Schule?"

Black nickte. „Das ist die Sporthalle. Jason spielt dort Basketball. Da ist er mit seinem Team."

„Ist noch ein Foto vor oder in der Schule gemacht worden?"

Der Mann vor Jareau haderte. Schließlich deutete er zögernd auf ein Foto: „Das könnte vor dem Seiteneingang sein… Ja, ich bin mir ganz sicher!"

„Sehr gut, Mr. Black." Jareau stand augenblicklich auf und nahm die beiden Fotos an sich. „Ich bin gleich zurück."

Damit eilte die blonde junge Frau hinaus.

Am nächsten Morgan hatten sich die Agents zusammen mit Chief Ryan Franklin und Deputy Martin Price um den Tisch im Polizeirevier versammelt.

„JJ, hat uns einige Erkenntnisse mitzuteilen." Erhob Hotchner die Stimme und nickte der jungen Kollegin auffordernd zu.

„Als Erstes vielleicht so viel, dass wir Simon Black gestern Abend noch frei gelassen haben. Seine Unschuld hat sich endlich bestätigt.

Zusammen mit den hiesigen Gesetzeshütern, haben wir die ganze Familie an einen sicheren Ort untergebracht. Mr. Black hat enorme Angst, dass seiner Familie etwas zustoßen könnte."

Jareau verteilte Fotos an die Kollegen. „Es wurden die Mails an Mr. Black abschließend untersucht."

„Der Vergleich der Mails mit den Artikeln ergab eine Übereinstimmung von einhundert Prozent. Damit war Mr. Black entlastet." Erklärte Reid.

„Leider verläuft die Suche nach der IP-Adresse noch immer ins Leere." Übernahm Garcia. „Er scheint ein gutes Programm hinter seinen Mails zu haben. Der Weg der Mails springt über die ganze Welt." Dazu hatte sie den Desktop ihres Computers auf den Laptopbildschirm gespiegelt.

„Wie ihr alle wisst, waren allen Mails Fotos der Familie von Mr. Black angeheftet. Unser UnSub hat Simon Black damit gefügig gemacht." Erhob Jareau wieder ihre Stimme und deutete auf die Fotos, die sie eben verteilt hatte. „Mr. Black konnte einige Fotos seinem Viertel und der Schule der Kinder zuordnen. Wir sind auf der Suche nach öffentlichen Kameras, die insbesondere im Bereich der Schule, unseren Täter vielleicht aufgenommen haben."

„Gute Arbeit." Hotchner hatte sich vorgesetzt und seine Arme auf den Tisch abgelegt. „Garcia, gibt es zu der Suche wenigstens erfreulichere Nachrichten?"

„Ja…" Garcia, deren Kopf wieder auf dem Bildschirm zu sehen war, tippte auf ihrer Tastatur herum. „Wir konnten sieben Kameras ausfindig machen, die seine ungefähre Position beim knipsen aufgenommen haben könnten. Leider können wir das Zeitfenster nicht genau bestimmen. Wir müssen uns das Material von einigen Tagen ansehen."

„Okay. Dann ran an die Aufnahmen. Wenn wir sie unter uns allen aufteilen, sollte es schnell zu erledigen sein." Übernahm Morgan.

„Hast du heute etwas in den Zeitungen gefunden, Reid?" Wandte sich Hotchner an das Genie des Teams.

„Nein. Ich konnte nichts finden."

„Das ist sehr untypisch." Rossi wunderte sich sichtlich über Reids Aussage. „Er wird jetzt nicht einfach aufhören, nur weil wir Simon Black eliminiert haben."

„Richtig." Stimmte Hotchner zu. „Er wird sich jemand neues suchen. Zumindest, wenn ihm die Artikel für seine Morde wichtig sind."

„Was so scheint." Nickte Morgan. „Fragt sich nur, wie schnell kann er neues Erpressungsmaterial beschaffen."

„Ich denke, dass hat er schon von vorneherein eingeplant. Er musste jederzeit damit rechnen, dass sein Kontaktmann ausgeschaltet wird." Hotchner stand auf und trat an eine Wand an der die Artikel und die Fotos ihrer bisherigen Ermittlungsergebnisse hangen. „Wir sollten die hiesigen Zeitungen über unseren UnSub informieren."

Hotchner drehte sich wieder in den Raum. „Ihre Mitarbeiter sollen keine Angst haben sich zu melden."

„Aber der Artikel muss gedruckt werden!" Wandte Rossi ein.

„Das muss er." Stimmte Hotchner seinem Altermittler zu. „Wir haben dann aber noch mehr Zeit, sein nächstes Vorhaben zu verstehen und es vielleicht zu verhindern.

JJ und Morgan, ihr übernehmt die Zeitungen. Rossi und ich werden versuchen ein vorläufiges Profil zu erstellen. Die anderen verteilen das Videomaterial und versuchen unseren UnSub zu finden."

Die Teammitglieder saßen nun schon mehrere Stunden vor den Bildschirmen und suchten die Augenblicke heraus, wann die Kinder der Familie Black erschienen. Aber bisher hatte noch keiner einen möglichen Verdächtigen gefunden.

„Wie wäre es, wenn ihr heute Abend mal Zeit für euch hättet?" Verwundert schaute Hotch von seiner Arbeit auf. David hatte geraume Zeit grübelnd vor sich hingebrütet. Der Teamchef hatte angenommen, sein Kollege wäre in dem aktuellen Fall versunken gewesen. Schon gewohnheitsmäßig ließ er seinen Blick über die nähere Umgebung schweifen.

„Schön", Hotch zog ergeben seine Augenbrauen hoch, „aber wohl nicht zu machen."

„Doch!" David setzte sich energisch auf. Er legte seine Unterarme auf den Tisch und lehnte sich vertrauensvoll zu seinem Kollegen hinüber. „Hol sie und fahrt los."

„Und…" Weiter kam Hotch nicht, da David beschwichtigend seine Hand hob. „Sue hatte mal wieder eine ihrer interessanten Theorie, die ihr beiden nachgeht. Morgen stellt sich diese dann leider als falsch heraus!"

Hotch zögerte. So ein Vorgehen war gar nicht nach seinem Geschmack. Wenn er sowas bei seinen Teammitgliedern erleben würde, könnten sie sich eine gehörige Standpauke abholen. Aber irgendwie reizte ihn der Gedanke. Er wollte auch einfach mal nicht vernünftig sein!

„Nun los! Eine bessere Gelegenheit bekommt ihr wahrscheinlich nicht."

Hotch schaute auf seine Aufzeichnungen über den aktuellen Fall. Nichts, was nicht auch Morgen erledigt werden konnte.

Er überlegte nicht mehr lange und stand auf. „Danke!"

David nickte schmunzelnd.

Hotch nahm seine Jacke vom Haken und die von seiner Kollegin. Jetzt musste er nur noch Susanne alleine antreffen. Ansonsten konnte Dave seine Ausrede vergessen.

Hotch hatte die verwunderte Susanne in einen der SUV gepackt und war mit ihr an den Pazifik gefahren. Die Sonne schien schon angenehm warm, doch würde es gleich schnell abkühlen, wenn diese erst untergegangen war.

Der Strand lag noch ruhig vor ihnen. Nur vereinzelt waren Jogger unterwegs.

„Ist das schön hier!" Susanne lief auf die Meeresbrandung zu. „Komm!"

Lachend folgte Hotch ihr. Schon jetzt ahnte er, dass das Geschenk, was David ihnen bereitet hatte, unwahrscheinlich kostbar war.

David. Irgendwie zog ihn der Gedanke an den Freund wieder hinunter. Er musste Susanne beichten, dass ihr Geheimnis kein Geheimnis mehr war!

Susanne stand mit geschlossenen Augen dem Wasser zugewandt und zog die leicht salzige Meeresbrise in ihre Lungen ein. Der Sand unter Hotchs Schritten quietschte leicht. Nun umfasste sie Ruhe. Nur die natürlichen Geräusche waren zu hören. Die Brandung, der Wind, Möwengeschrei…

Ohne die Augen zu öffnen, ergriff Susanne Hotchs Hand. Sie wusste einfach, dass er da war. Und sie spürte seine Verkrampfung.

„Was ist mir dir? Warum bringst du mich hierher?"

„Weil ich endlich etwas Zeit mir dir alleine verbringen möchte. Ich vermisse dich schrecklich… Und ich muss dir etwas sagen…"

„Es scheint dich sehr zu belasten…" Susanne schaute zu ihm hinüber. Sie spürte seinen kräftigen Händedruck. Und doch wollte sie es jetzt eigentlich nicht hören.

„Ist es was ganz Wichtiges?" Susanne wartete, bis Hotch sie ansah. „Lass uns bitte einfach den Abend genießen. Die Probleme wälzen wir später."

Das war genau das, was Hotch auch gerne wollte. Er wusste nur auch, dass das Aufschieben nichts brachte.

„Sobald wir wieder in Quantico gelandet sind!?" Flehend sah ihn ein dunkles Augenpaar an.

Nickend stimmte Hotch zu und atmete tief die bedrückende Stimmung aus seinen Körper hinaus. Zärtlich schlang er seine Arme um Susanne und genoss ihre Wärme.

In der Zwischenzeit hatte Rossi seine restlichen Kollegen zu einem gemeinsamen Abendessen aufgefordert. Nun saßen sie zusammen und hatten Spaß.

Zufrieden stellte er feste, dass die jungen Leute seine Erklärung, warum Susanne und Hotch fehlten, anscheinend geschluckt hatten.

„Es soll hier ganz in der Nähe ein Restaurant geben." Hotch und Susanne schlenderten eng aneinandergeschmiegt am Wasser entlang. „Hast du Hunger?"

„Und wie! ..."

„Dave, hast du Hotch Bescheid gegeben, wohin wir gegangen sind? Sie sollten nachkommen." Prentiss hatte quer über den Tisch gesprochen und aller Aufmerksamkeit erregt.

„Das habe ich gemacht."

„Warum hat Hotch denn nicht einen von uns mit Susanne fahren lassen?" Wunderte sich Emily weiter.

„Weil ich sie losgeschickt habe." Sagte David bestimmt.

Erstaunte Stille legte sich über den Tisch und David schaute kurz zu Derek hinüber. Dieser schien zu verstehen.

David musste etwas über das Problem zwischen den Beiden herausgefunden haben und versuchte ihnen nun zu helfen.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Emily erneut etwas sagen wollte. Sie schien aufgebracht, daher sah er sie an und sagte mit leiser freundlicher Stimme: „Lass es gut sein, Emily."

Verwunderte Blicke trafen Derek, der aber auch nicht weiter auf dieses Thema einging.

David wandte sich unterdessen an Reid und begann ein unverfängliches Gespräch über Schach.

Zwei Stunden später saßen sich Susanne und Hotch an einem kleinen Tisch direkt am Fenster gegenüber. Das Restaurant war auf den Klippen am Meer gebaut worden. Nun schlugen die Wellen unter ihnen an die Felswand.

Das Licht war gedämpft und viele Kerzen und leise Musik hüllten den Raum in eine romantische Stimmung.

Ihre Hände lagen ineinander verschlungen auf dem Tisch. Zärtlich bewegten sich die Finger über die Haut der anderen Hand. Während sich ihre Blicke tief vereint hatten.

„Möchten Sie noch etwas?" Der Kellner stand plötzlich vor ihrem Tisch.

Lächelnd sahen sie sich an. Während Hotch seinen Kopf leicht zur Seite neigte, fragte er: „Und?!"

Leicht schüttelte Susanne ihren Kopf. Ein zufriedenes Lächeln legte sich über ihr Gesicht.

„Nein, vielen Dank!" Hotch sah kurz zum Kellner hoch.

Als sie wieder alleine waren, bemerkte Hotch, wie sich Susannes Lächeln verändert hatte. Sie schaute ihn verschmitzt an:

„Aber ich habe noch riesigen Hunger." Sie nahm erfreut die Verwunderung in dem Gesicht ihr gegenüber gewahr. „Einen unstillbaren Hunger! … Nach dir!"

Hotch hatte verstanden. Erfreut hob er ihre Hand an seine Lippen. Konnte er es wagen sie hier zu küssen. Würde er aufhören können?!

Susanne stand auf und kam auf seine Seite des Tisches hinüber, wo sie sich neben ihn auf dem Stuhl niederließ. Erfreut spürte sie seine warmen Hände auf ihren Wangen und kurz darauf seine heißen Lippen auf ihren. Es schien unendlich lange her, dass sie Hotch so intensiv geschmeckt hatte…

Der kurze Klingelton eines Handys brachte sie in die Wirklichkeit zurück. Schwer atmend lösten sie sich widerwillig von einander.

Entschuldigend hob Susanne ihr Schultern, bevor sie das Handy hervorzog. Eilig überflog sie die Nachricht, schrieb eine kurze Antwort und legte den Störenfried wieder zur Seite.

„Müssen wir los?!" Hotch deutete mit dem Kinn aufs Handy.

Susanne ergriff seine Hand und schüttelte lächelnd ihren Kopf. „Das war nur Emily. Sie hat Angst, dass du mich wieder ausnutzt."

„Tue ich das?!" Fragend sah Hotch Susanne an.

Ihr Gesicht strahlte noch immer vor Glück. „Niemals!"

„Und wenn ich dich bitte heute Nacht bei mir zu sein?"

„Dann mache ich das aus freien Stücken!" Susanne nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und streifte ihre Lippen ganz leicht über seine rechte Wange hoch zum Auge.

Auch wenn die Nacht nicht die Längste war, fühlte sich Hotchner leicht wie eine Feder. Endlich war die größte Angst aus seinem Körper verschwunden und er konnte sich völlig auf den neuen Fall einlassen.

Er machte Frank neben Prentiss aus, die anscheinend ihre Ergebnisse vom Vortag nochmals durchgingen. Tiefe erfüllende Wärme durchströmte ihn. Energisch riss er sich von dem Anblick los, als Rossi den Raum betrat.

Lächelnd schlug ihm der Altermittler leicht auf die Schulter. „Du siehst besser aus. Alles gut gegangen?"

Hotchner nickte: „Danke, Dave!"

Rossi konnte nur noch bestätigend nickend, da Chief Franklin und Morgan den Raum betraten.

„Dann lasst uns beginnen." Hotchner erhob seine Stimme und trat an den Tisch heran.

Reid erhob augenblicklich seine Stimme: „Ich denke, ich habe heute einen Artikel gefunden, der die Handschrift unseres UnSub trägt."

Der völligen Aufmerksamkeit aller Agents gewiss, begann er den Artikel vorzulesen:

Ein Feuerwerk zu unserm 4. April

Noch nie gab es ein schöneres Feuerwerk, wie am morgigen Tage. Die Erschütterung wird ganze San Francisco berühren, die Lichter und der Rauch aus weiter Ferne zu erkennen sein."

„Wer ist der Verfasser?" Hakte Morgan sofort nach, als Reid geendet hatte.

„as", gab Reid Auskunft. „Ich habe Garcia schon die Initialen durchgegeben. Sie sollte uns gleich einen Namen nennen können."

„Will er wirklich eine Bombe zünden?" Fragte Frank mit entsetzter Stimme.

„Dazu sollte er sich kein Material besorgt haben können." Wandte Franklin beschwichtigend ein. „Wir kontrollieren ständig die Bestände der Materialien, die zu Bomben verbaut werden. Die Kollegen hätten schon längst Alarm geschlagen, wenn ihnen was aufgefallen wäre."

Hotchner nickte verstehen. „Dann lässt er irgendetwas explodieren."

„Gibt es hier größere Gastanks in der Stadt?" Überlegte Reid. „Silos gibt es hier nicht und draußen auf dem Land wird er nichts explodieren lassen. Er schreibt eindeutig von San Francisco."

Alle schwiegen entsetzt und suchten angestrengt nach einem möglichen Ort.

„Mir fallen nur Tankstellen ein." Warf Morgan seinen Gedanken in den Raum. „Wenn die einzelnen Benzintanks explodieren, könnte er ein Feuerwerk erzeugen."

„Garcia, wie viele Tankstellen gibt es in San Francisco?" Hotchner hatte die Verbindung zu der technischen Analystin des Teams hergestellt.

Ihre eifrigen Finger flitzten über die Computertastatur: „Genau sechzehn. Über die ganze Stadt verteilt."

„Wie sollen wir da die richtige finden?" Fragte Prentiss in die Runde.

„Wir werden sehen." Versuchte Hotchner zu beschwichtigen. „Gibt es aus dem Videomaterial schon weitere Erkenntnisse? Was habt ihr gestern noch herausgefunden?"

„Wir konnten bislang zwei Männer ausmachen, die ungefähr im passenden Winkel für die Fotos standen." Übernahm Prentiss. „Leider war bisher keiner von ihnen an allen Schnittstellen. Garcia konnte aber einen als Matthew Hall identifiziert."

Jareau legte ein Foto des Mannes Mitten auf den Tisch.

„Er ist Senator im Repräsentantenhaus." Erklang Garcias Stimme aus dem Laptop.

„Dann haben wir noch Samuel Keith." Jareau legte ein zweites Foto in die Mitte. „Er ist der Besitzer von FreeAir. Sie versuchen umweltbewusst Strom zu erzeugen. Er war in seiner Jugend Aktivist bei einer Umweltorganisation. Nach seinen Aussagen zu schließen, hat er wohl eingesehen, dass demonstrieren nicht wirklich hilft. Seine Firma wirbt mit dem Slogan: Jeder muss sich selbst für unsere Umwelt einsetzen."

„Gute Arbeit." Lobte Hotchner das Team. Nachdenklich ließ er seinen Blick über die Kollegen schweifen. „Teilen wir uns auf. JJ und Reid, ihr Fahrt zum Reporter, sobald wir den Namen des Kürzels wissen.

Morgan und Franklin überprüft Samuel Keith. Dave, wir schauen uns den Senator an.

Prentiss und Frank, ihr macht mit dem Videomaterial weiter." Die Agents nickten verstehend.

„Ach… Garcia, durchleuchte die beiden Verdächtigen. Ich möchte alles von ihnen wissen." Ergänzte Hotchner noch seine Anweisungen.

Frank und Prentiss saßen vor dem Bildschirm und verfolgten die Sequenzen, die dem Zeitraum der möglichen Fotoaufnahmen an der Schule entsprachen.

„Bald sind wir durch." Stellte Prentiss erleichtert fest und deutete auf die Zeitangabe die auf dem Bildschirm mitlief.

Frank ließ sich von ihr nicht die gute Laune verderben und starrte weiterhin angestrengt auf den Bildschirm.

Was war das? Irgendetwas spiegelte sich in der Sonne. Frank stoppte das Bild und spulte zurück.

„Hast du was?" Erkundigte sich Prentiss sofort interessiert.

„Schau mal das Auto da im Hintergrund. Da… Irgendetwas spiegelt sich da gerade in der Sonne… Garcia!" Wandte sich Frank an die Kollegin in Quantico. „Könntest du dich auf unseren Rechner einwählen."

„Sicher. Schon drin… Was braucht ihr?" Garcia schien wie immer voller Tatendrang, was Frank immer wieder imponierend fand.

„Das Auto im Hintergrund, könntest du uns den Fahrer zeigen?!" Erkläre Frank ihre Bitte.

„Wir werden sehen, was möglich ist…" In wenigen Sekunden war der Ausschnitt der Fahrertür auf dem Bildschirm und Stück für Stück entzerrte Garcia das Bild. „So, weiter geht es nicht."

„Das reicht vollkommen aus! Er hat eindeutig eine Kamera in der Hand." Frank war aufgestanden und hatte sich noch näher zum Bildschirm vorgebeugt. „Irgendwo habe ich den Typen schon mal gesehen."

„Bekannt kommt er mir auch vor." Stimmte Garcia zu.

„Wo war das nur?" Frank begann im Raum auf und ab zu gehen, während Prentiss ihr, nachdem sie sich den Typen auf dem Bildschirm genauer angesehen hatte, nachdenklich dabei zu sah.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass er irgendwo auf den Aufnahmen ist." Frank sah bestimmt zu Prentiss hinüber.

„Ich weiß wo!" Prentiss verkleinerte das Programm auf dem Bildschirm und öffnete die gespeicherten Sequenzen mit ihren Verdächtigen.

Interessiert kam Frank zurück zu ihrer Kollegin und schaute ihr über die Schulter.

Prentiss ließ den Film schneller durchlaufen und hielt schließlich an. „Siehst du, da!"

„Richtig. Er spricht mit Samuel Keith."

„Sie scheinen sich zu kennen." Bestätigte Prentiss.

„Garcia, kannst du herausfinden wer das ist?" Wandte sich Frank wieder an die technische Analystin.

„Ich lasse ihn durch die Suchmaschine laufen… Obwohl… der Typ kommt mir auch bekannt vor…"

Rossi und Hotchner standen unterdessen vor der Haustür einer großen Villa und warteten, dass ihnen auf ihr Klingeln geöffnet wurde. Sie ließen währenddessen scheinbar unbeeindruckt ihre Blicke über Haus und Grundstück schweifen.

Eine ältere Frau mit Schürze öffnete die Tür. „Ja, bitte?!"

„Guten Tag, Ma'am." Grüßte Rossi und übernahm die Vorstellung. „Ich bin David Rossi vom FBI. Mein Kollege SSA Aaron Hotchner. Wir würden gerne mit Senator Hall sprechen.

„Der Senator ist im Moment für niemand zu sprechen." Erklang eine Stimme aus dem Hintergrund. Kurz darauf trat ein Mann im dunklen Anzug und Krawatte in ihr Blickfeld.

„Wir sind vom FBI und versuchen mehrere Morde hier in San Francisco aufzuklären." Startete Hotchner einen weiteren Versuch. Dass es nicht einfach würde zum Senator vorgelassen zu werden, damit hatte er schon gerechnet. Aber noch hatte er nicht alle seine Trümpfe ausgespielt.

„Ich sagte schon: Der Senator hat keine Zeit." So wie der Mann sich vor ihnen aufbaute, war er der Bodyguard des Senators.

„Gut, dann kommen wir gleich mit einem Haftbefehl wieder. Dann wird er uns auf die Wache begleiten." Hotchner blieb ernst.

Es dauerte zwei Sekunden, indem die Agents die Gedanken in dem Mann vor ihnen arbeiten sehen konnten.

„Okay… Mary, lass sie herein."

Sie folgten dem Mann in einen Raum, der wohl für öffentliche Empfänge gedacht war. Alles war stillvoll eingerichtet, sauber und am richtigen Platz.

„Um was geht es?" Forderte der Mann die Agents auf, ihm ihr Kommen zu präsentieren.

„Das würden wir gerne mit Senator Hall selbst besprechen." Wandte Rossi ein.

Zerknirscht verließ der Mann den Raum.

„So weit, so gut." Rossi zwinkerte seinem Kollegen zu.

Jareau und Reid betraten ein großes Geschäftshaus, indem es wie in einem Bienenstock von kommenden und gehenden Menschen nur so wimmelte.

Am Tresen angekommen erkundigten sie sich, ab Anna Svensson im Hause sei und wo ihr Büro lag.

Kurze Zeit später klopften sie an eine Bürotür mit dem Namen Anna Svensson, Chefredakteurin.

Auf das leise erklingende ‚Herein' öffneten sie die Tür.

„Anna Svensson?" Jareau übernahm die Kontaktaufnahme und hielt ihren Ausweis hoch. „Ich bin Jennifer Jareau von der Verhaltensanalyseeinheit des FBI. Das ist mein Kollege Doktor Reid."

Was konnte Jareau nicht alles in dem ungefähr gleichaltrigen Gesicht lesen. Erstaunen wurde für sekundenbruchteilen zu Erleichterung und dann zu Angst.

Während Reid der Frau zur Begrüßung einfach nur zu nickte, versteinerte sich das Gesicht vor ihnen.

„Wie kann ich ihnen helfen?" Es hatte einige Zeit gedauert, aber jetzt hatte sich Anna Svensson wieder voll im Griff.

„Wir wissen, dass er sie erpresst, Anna. Wir sind hier, um ihnen zu helfen!"

„Ich darf nicht mit ihnen reden!"

„Sie müssen das so sehen: Wir sind nicht von der Polizei." Schlug Reid als möglichen Ausweg vor.

„Mit dem FBI!" Anna Svensson konnte ihre Verzweiflung nicht länger zurückhalten.

Jareau und Reid wechselten einen erstaunten Blick. Woher wusste der UnSub, dass sie wegen ihm hier waren? Verfolgte er die Polizeiarbeit? Wahrscheinlich hatten Prentiss und Frank recht, dass er sich gerne unter den Zuschauern am Tatort verbarg.

„Wie hat er mit ihnen Kontakt aufgenommen?" Übernahm nun Reid das Wort.

Doch Svensson schüttelte nur stumm den Kopf.

„Anna", sprach Jareau sie mit ruhiger Stimme freundlich an, „wir wissen, dass er sie mit irgendetwas erpresst. Genau das Gleiche hat er mit einem Kollegen von ihnen gemacht. Vielleicht sagt ihnen der Name Simon Black etwas?!"

„Simon? Oh, Gott! … Geht es ihm und seiner Familie gut? Die Chefredakteurin schien wirklich entsetzt.

„Wir haben sie alle in Sicherheit gebracht. Anna… Womit hat er sie in der Hand?"

Die beiden Agents spürten, dass gerade dieses Thema Anna Svensson schwer zu schaffen machte.

„Ich verstehe, dass sie Angst haben, aber es wird nichts davon an die Öffentlichkeit kommen." Versuchte Jareau der Frau Halt zu geben. „Das kann ich ihnen versprechen. Aber wir müssen wissen…"

Jareau verstummte, als Svensson ihre Hand hob, um ihr Einhalt zu gebieten. Svensson trat an die Bürotür, schaute nervös den Flur davor hoch und runter und schloss dann die Tür.

Die Agents erwarteten nun Antworten auf ihre Fragen, aber Svensson blieb stumm. Sie trat hinter ihren Schreibtisch und nahm ihr Handy zur Hand. Ohne ein Wort zu sagen, hielt sie Jareau das Handy hin. Ihr flehender Blick ließ Jareau verstehen. Es musste etwas Schlimmes sein. Wahrscheinlich etwas, was ihren beruflichen Werdegang abrupt beenden könnte.

Vertrauensvoll nickte Jareau der Frau zu und nahm sich der Nachricht auf dem Handy an.

Sie war per Mail an das Opfer gesendet worden. Jareau überflog den Text. Er erschien ihr ziemlich ähnlich mit den anderen Drohungen an Simon Black. Ihr Kollege hätte sofort eine Entscheidung darüber treffen können.

Der Text enthielt auch nichts, womit der UnSub sie erpresste. Er verwies auf ein Foto im Anhang. Jareau sah zu Svensson auf, um sich nochmals die Erlaubnis zum Öffnen der Datei zu holen. Sekundenbruchteile sahen sie sich in die Augen, dann drehte sich Svensson ab und trat ans Fenster. Jareau tippte auf den Bildschirm. Kurz darauf erschien ein Bild, welches Anna Svensson mit einer Frau zeigte. Sie hielten Händchen und gaben sich einen gefühlvollen Kuss.

„Wo war das? Wenn sie doch offen damit umgehen, verstehe ich ihr Problem nicht?!"

„Das ist ein Platz … unser Platz im Parkgebiet Lands End. Er liegt etwas versteckt… Ich kann das nicht öffentlich machen." Svensson hatte die ganze Zeit zum Fenster hingesprochen. Jetzt drehte sie sich zurück in den Raum. „In meiner Position. Sie wissen gar nicht, was meine Kollegen alles versuchen, um mich zu stürzen."

„Keine Sorge, wir verraten nichts." Jareau sah die Chefredakteurin beruhigend an. „Aber helfen sie uns. Wir wissen nicht, wie weit er gehen wird."

Svensson nickte nach längerem Zögern.

„Okay", Jareau sah zu ihrem Kollegen hinüber, „erlauben sie meinen Kollegen den Text zu lesen… nur den Text. Dann wissen wir, ob es der gleiche Täter ist."

Wieder nickte Svensson nur.

„Meine Herren!" Senator Matthew Hall schien den Raum zu füllen, als er den Raum betrat. „Wie kann ich ihnen helfen?"

„Agent Hotchner von der Verhaltensanalyseeinheit des FBIs. David Rossi." Stellte Hotchner kurz vor.

Sie schüttelten sich kurz die Hände und der Senator forderte sie auf Platz zu nehmen.

„Es geht um mittlerweile vier Morde hier in San Francisco und Umgebung." Begann Rossi ihr Kommen zu erklären. „Die hiesige Polizei hat uns um Unterstützung gebeten."

„Gut… Ich verstehe nur nicht, was ich damit zu tun habe."

„Es ist nur eine Spur, die wir nachgehen, Sir." Die Agents wussten genau, dass sie sich hier gerade auf gefährlichem Terrain befanden. „Wir möchten nur wissen, wo sie vor zwei Tagen, also am Sonntag waren?"

„Ich war bis gegen Mittag im Senat in Washington und dann sind wir zurückgeflogen. Sie können gerne Sam fragen. Er wird es ihnen bestätigen. Er war immer in meiner Nähe."

„Das werden wir machen." Blieb Rossi freundlich. „Die Flugdaten werden es dann ja auch bestätigen."

„Sie verdächtigen mich etwas mit den Morden zu tun zu haben?" Hakte nun der Senator nach.

„Wir waren uns sicher, dass sie ein Alibi haben, Sir. Nur jeder Hinweis sollte überprüft werden."

„Wie kommen sie auf mich?"

Rossi erhob sich und trat kurz darauf aus den Raum. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, begann Hotchner dem Senator die Situation mit den Fotos zu erklären.

Morgan und Franklin ging es bei FreeAir nicht viel besser. Der Chef wurde vor der Außenwelt gesichert. Aber schließlich hatten sie sich zu Samuel Keith durchgekämpft.

Auch er konnte seine Alibis für die Tatzeiten glaubwürdig machen.

Sie waren noch mitten im Gespräch, als Morgans Handy ihn aus der Unterhaltung riss.

Er entschuldigte sich höflich und nahm das Gespräch in einiger Entfernung an.

„Babygirl", Morgan grinste. „Hast du Neuigkeiten?"

„Susanne und Emily sind zugeschaltet."

„Derek", Prentiss Stimme erklang an sein Ohr. „Seid ihr noch bei Keith?"

„Ja. Was ist mit ihm?" Hakte Morgan gleich argwöhnisch nach.

„Wir haben ein Bild von unseren UnSub gefunden. Er ist auf einer Aufnahme zu sehen, wie er sich mit Keith ziemlich vertraut unterhält." Hatte Frank die Erklärung übernommen.

„Außerdem habe ich ihn auf einem alten Foto zusammen mit Keith entdeckt." Garcia's Stimme überschlug sich fast. „Es ist aus ihrer gemeinsamen Zeit als Aktivisten bei der Umweltorganisation."

„Auf eine der heutigen Aufnahmen hat er eine Kamera in der Hand und benutzt sie." Erklärte Prentiss ihren Verdacht weiter.

„Er scheint Tim O'Connor zu heißen. Aber ich finde aktuell keine Eintragungen mehr über ihn. Vielleicht kann dir Keith etwas über seinen Verbleib sagen." Morgan wusste, dass Garcia alles durchsucht hatte und sie nun weitere Hinweise für ihre Suche benötigte.

„Schick mir die Fotos. Ich werde ihn fragen."

„Anna, haben sie noch weitere Mails bekommen? Fordert er sie auf weitere Artikel zu drucken" Hakte Jareau instinktiv nach.

„Bisher noch nicht." Die Chefredakteurin musste tief durchatmen, bevor sie offen weiter über dieses Thema sprechen konnte. „Sie kamen auch immer erst am Abend."

„Okay Anna." Jareau lächelte sie beruhigend an. „Sollten sie gleich noch eine weitere Mail bekommen, kontaktieren sie mich bitte sofort. Wir werden ihnen dann sagen, wie sie damit weiter verfahren sollen, okay?!"

Anna Svensson nickte verstehend und nahm die Visitenkarte, die ihr Jareau hinhielt, erleichtert entgegen. Endlich war Hilfe da, die sie aus diesem Inferno befreite.

Morgan hatte sich wieder zu Franklin und Samuel Keith gesetzt. Erwartungsvolle Augenpaare sahen ihn an.

„Mr. Keith, kennen sie diesen Mann?" Morgan hielt ihm das Handy so hin, dass er das aktuelle Foto vor der Schule sehen konnte. Dann wischte er über das Display und zeigte ein schwarz-weiß Bild.

„Das ist Tim. Tim O'Connor. Wir haben damals für die gleiche Sache gekämpft. Er hat die Texte für unsere Flyer geschrieben."

„Bei der Umweltorganisation?!" Morgan wartete keine Bestätigung von Keith ab, sondern begann sofort seine Fragen zu stellen. „Wissen sie, wo er wohnt? Wo wir ihn finden können?"

„Eeehhh… nein. Er hat mit seiner Familie draußen vor der Stadt gelebt. In einem Haus etwas weiter ab von der Straße."

„Welches ihm aber wohl nicht mehr gehört. Und er ist auch sonst nirgends gemeldet." Erklärte Morgan ihren bisherigen Wissensstand.

„Dann ist etwas an seiner Geschichte dran?" Mr. Keith schien nervös zu werden, denn er begann seine Finger zu kneten.

„Welche Geschichte?" Franklin merkte, dass sie dem Gesuchten einen Schritt nähergekommen waren.

„Er kam vor ein paar Wochen zu mir und sagte, dass seine Familie ausgelöscht wäre. Ich habe ihn gefragt, was er damit meint. Und ob er seine Tochter Emma von der Schule abholen wollte. Ich dachte, er hätte sich von seiner Frau getrennt."

„Wie hat er reagiert?" Wollte Morgan wissen.

„Er war plötzlich total still und auch traurig. Dann habe ich mich von ihm verabschiedet, denn meine Kinder kamen."

„Sonst hat er nichts gesagt?" Hakte Morgan nochmals nach.

Keith schien angestrengt nachzudenken. „Ich bin mir nicht sicher… Ich meine er hat was von Müll gesagt… Giftmüll."

Morgan stand eilig auf und stellte die Verbindung zu Garcia wieder her.

„Garcia… Es ist Tim O'Connor. Irgendetwas muss mit seiner Familie passiert sein, dass ihn aus der Bahn geworfen hat. Pflück sein Leben und das seiner Familie auseinander."

„Tim O'Connor scheint wirklich unser UnSub zu sein." Begann Morgan das Gespräch der Kollegen zwei Stunden später im Polizeirevier.

Hotchner lehnte sich vor und legte seine Unterarme auf die Tischplatte. „Garcia, hast du schon weitere Informationen zu O'Connor?"

„Nur etwas ganz Schreckliches." Garcia hatte bisher auf ihr Stichwort gewartet. „Vor zwei Jahren, sind seine Frau und seine beiden Kinder innerhalb von zwei Wochen verstorben."

„Wie geht das?" Fuhr Frank mit erschrockenem Gesicht dazwischen.

„Wahrscheinlich eine Vergiftung." Mutmaßte Reid.

„Alle drei waren seit ungefähr einem halben Jahr wegen Krebs in Behandlung." Übernahm Garcia das Wort. „Verschiedene Arten von Krebs. Darm, Haut…"

„Und das hat keiner Untersucht?" Wunderte sich Jareau und sah Morgan fragend an. „Sie sollen doch außerhalb der Stadt gelebt haben."

Morgan nickte nur.

„Seitdem ist von O'Connor keine Spur mehr zu finden." Brachte Garcia ihren Ermittlungsstand zu Ende.

„Es wundert mich, dass scheinbar rein gar nichts davon in den Medien erschienen ist. Er muss doch versucht haben, dieses populär zu machen… Als alter Umweltaktivist." Rossi fuhr sich sinnend über den graumelierten Bart.

„Garcia, gibt es irgendetwas über das Grundstück der O'Connors. War da mal eine Müllhalde oder ähnliches?" Hotchner wartete gespannt auf das Ergebnis. Auch den anderen Agents wurde schlagartig bewusst, auf was ihre beiden Kollegen da hinauswollten.

„Nein… auch in der direkten Nachbarschaft nicht."

„Vielleicht hat er ja versucht es an die Öffentlichkeit zu bringen. Was immer es auch ist." Jareau sah ihre Kollegen nachdenklich an. „Wenn er sich nun an Black und Svensson gewandt hat und diese keinen Bericht schreiben wollten."

„Wahrscheinlich weil es nicht genug Beweise gab." Ereiferte sich Prentiss für das gleiche Thema.

„Kannst du mit ihnen Kontakt aufnehmen und sie fragen, JJ?! Ich denke, du hattest zu beiden einen guten Draht." Jareau nickte Hotchner zu und verließ mit ihrem Handy in der Hand das Büro.

„Wie bekommen wir sein mögliches Ziel heraus?" Sprach Hotchner nun das zweite wichtige Thema an.

„Ich habe zu dem Artikel noch zwei Fragen, die mir nicht aus dem Kopf wollen." Frank versuchte sich auf den Text zu konzentrieren. „Zum einen: Warum hat er den Artikel schon einen Tag vorher veröffentlicht? Bisher hat er im Laufe des Tages zugeschlagen. Jetzt erst Morgen?"

„Will er uns Zeit verschaffen? Das wir eine Möglichkeit haben ihn aufzuhalten?" Überlegte Reid. „Zumal er Miss Svensson Anweisung gegeben hatte, nicht mit dem FBI zu reden. Er weiß, dass wir wegen ihm hier sind."

„Das hieße, er möchte nicht morden. Zumal er diesmal auch mehrere Opfer in Kauf nimmt, wenn er wirklich eine Tankstelle hochgehen ließe." Morgan war leicht verwundert über das ungewöhnliche Vorgehen.

„Er will also nur Gehör…" Stellte Rossi das bisherige Ergebnis fest. „Was findest du in dem Text noch, Susanne?"

„Zu unserem 4. April?! Ist das hier ein bestimmter Tag? Ein Feiertag? Oder bezieht sich das ‚uns' auf seine Familie?"

„Garcia. Hast du gehört?" Wandte sich Morgan an die technische Analystin. „Gib als Schlagwort auch den 4. April ein."

Jareau kam hereingeeilt und sah besorgt ihre Kollegen an.

„Schon erledigt." Erklang es augenblicklich aus dem Bildschirm.

„JJ", fordert Hotchner den blonden Agenten auf.

„Black konnte sich an O'Connor erinnern. Er hat ihn mehrmals gebeten etwas für ihn an die Öffentlichkeit zu bringen. Aber die Beweise, die er liefern konnte, reichten dem Journalisten nicht aus. Black muss jedes Mal hoffen, dass seine Artikel angenommen und gedruckt werden."

„Hat er noch irgendwelche Unterlagen von den Gesprächen?" Rossi hatte interessiert das Geschehen verfolgt.

„Er meinte nicht." Erklärte Jareau. „Aber er ist sich ziemlich sicher, dass er die Stelle auf einer Karte markieren kann, die O'Connor als Auslöser ausgemacht hatte."

Hotchner nickte verstehend. „Das bringt uns aber nicht weiter, wenn wir O'Connor finden wollen.

Gut… wenn wir die These mit den Tankstellen weiterverfolgen… Wir sollten zusammen mit der Polizei sämtliche Tankstellen im Stadtgebiet anfahren. Vielleicht haben wir ja Glück und irgendjemand erkennt ihn wieder."

„Vielleicht hat er den Tatort für sein Vorhaben ausspioniert." Stimmte Morgan zu.

Kurze Zeit später waren sie über der Stadt verteilt unterwegs. Sie hatten zwar bis zum nächsten Tag Zeit. Aber wann würde er zuschlagen? Es konnte schon eine Minute nach Mitternacht sein…

Doch alle Angestellte der einzelnen Tankstellen, die sie fragten, schüttelten nur den Kopf. Einige schauten sich das Foto etwas genauer an, aber alle waren sich sicher, dass sie ihn in der letzten Zeit nicht an ihrer Tankstelle gesehen hatten.

Bis Reid und Jareau an eine Tankstelle kamen, wo sich die Angestellte sofort an ihn erinnerte, weil er in den letzten drei Tagen jeden Tag zum Tanken da war. Jedes Mal tankte er nur für 10 Dollar.

Sie ließen sich die Aufnahmen der Überwachungskameras aushändigen und fuhren noch die letzte Tankstelle auf ihrer Liste an. Eventuell suchte er sich aus mehreren Tankstellen ja die Beste aus.

Als am Abend alle wieder zusammensaßen, stellten sie schnell fest, dass nur die Tankstelle, die Reid und Jareau besucht hatten, von O'Connor aufgesucht worden war.

Sie sahen sich zusammen die Aufnahmen der Überwachungskameras an.

„Er ist immer zur selben Zeit da." Stellte Frank fest. „11:35 a.m."

„Er scheint seinen Weg jeden Tag genau gleich zu wählen." Erhob Morgan seine Stimme.

„Stimmt." Erklärte Frank. „Da, er flippt fast aus, als der Wagen vor ihm nicht weiter vorfährt." O'Connor war auf dem Bildschirm aus seinem Wagen gesprungen und hatte die Frau im Wagen vor ihm angeschrien, bis diese den Motor wieder startete und eine Zapfsäule weiter vorfuhr.

„Warum muss es ausgerechnet diese Säule sein?" Wunderte sich Prentiss.

„Er schaut sich alles genau an, so als wenn er seine Flucht planen würde." Jareau zeigte auf ihn.

„Hey, Leute." Garcia erschien auf dem Bildschirm vor dem die Teammitglieder sich versammelt hatten.

„Babygirl, erschreck uns doch noch so." Morgan sah sie lächelnd an.

„Ich habe Neuigkeiten. Ich habe endlich die Krankenakten der Familie eingesehen." Begann Garcia augenblicklich ihre Erkenntnisse mitzuteilen. „Also seine Frau starb am vor zwei Jahren. Sie hatte Darmkrebs. Die beiden Kinder starben innerhalb der nächsten zwei Wochen. Ein tragisches Schicksal."

„Sind sie auch wirklich an der Krankheit gestorben? Oder hatte der Tod eine andere Ursache?" Reid schien sich über den engen zeitlichen Zusammenhang zu wundern. „Das passt nicht!"

„Es geht noch weiter… Tim O'Connor hat einen Tag vor Paul Elliott's Tod die Diagnose Magenkrebs bekommen." Garcia war wirklich entsetzt über ihren Fund.

„Er hatte wahrscheinlich recht mit seiner Giftmülldeponie." Hotchner verstand die Welt nicht mehr. Wie konnte man diese undenkbare Vernichtung einer jungen Familie nur übersehen.

„Und er hat Morgen nichts mehr zu verlieren." Vervollständigte Rossi.

„Hotch", Reid sah von den Zeitungsblättern vor sich auf. „Sie steht drin."

Obwohl das Team bis spät in die Nacht hinein an einem Plan gearbeitet hatte, hatten sie sich bereits früh am nächsten Morgen im Polizeirevier zusammengefunden. Für ihren Plan mussten noch einige Vorkehrungen getroffen werden.

„Was steht genau in dem Artikel?" Frank war hinter Reid getreten und lass den Text laut vor:

Nun werden alle die Wahrheit erfahren

Am 4. April vor zwei Jahren verstarb meine liebe Frau. Unsere beiden Kinder folgten ihr innerhalb von vierzehn Tagen in den Himmel nach.

Schuld ist der Giftmüll, der unser Grundstück verseuchte. Aber keiner glaubte uns. Ich werde meinen Lieben folgen. Im Himmel werden wir endlich wieder eine gesunde und fröhliche Familie sein. (as)"

„Das ist eindeutig ein Abschied." Stellte Morgan fest. „Er wird es auf alle Fälle durchziehen!"

„Dann lasst uns den Kollegen unseren Plan erläutern." Hotchner ging voraus in den großen Raum des Polizeireviers, wo sich sämtliche Einsatzkräfte eingefunden hatten.

Als sich das Team vor den Kollegen aufgestellt hatte, verstummten die Gespräche im Raum und alle warteten gespannt, auf die Vorgehensweise der fremden Agents von FBI.

„Unser Täter ist Tim O'Connor." Begann Hotchner das Briefing. „Nach unserem Kenntnisstand, will er heute gegen 11:35 a.m. die Tankstelle an der Mission Street hochgehen lassen."

„Wir haben schon gestern den Betreiber über unsere Vermutung informiert." Übernahm Prentiss. „Er wird heute Morgen den größten Teil der gefährlichen Gase und Flüssigkeiten abpumpen lassen. Womit wir versuchen die Auswirkungen des Vorhabens von O'Connor zu minimieren."

Ein leises zustimmendes Raunen ging durch die Anwesenden.

„In der Zeit werden wir die umstehenden Gebäude ohne viel Aufsehen räumen. Das Ganze sollte bis 10 a.m. erledigt sein. Alles eine reine Vorsichtsmaßnahme." Erklang Rossis raue Stimme.

„Wir können die Straßen nicht räumen. Das würde ihn abschrecken." Sprach Morgan weiter. „Sobald O'Connor vor Ort ist, werden wir die Straßen sperren und die ganze Gegend so schnell wie möglich räumen."

„An Alle!" Franks Stimme erklang über den Funk. „O'Connor ist gerade an uns vorbeigefahren. Wir errichten jetzt die Straßensperren!"

Das war das Zeichen, dass das Warten endlich vorbei war und es jetzt auf das Zusammenspiel aller Einsatzkräfte drauf ankam.

Eilig schwärmten die Personen auseinander und mischten sich unter die Passanten.

Als der Wagen die Tankstelle anfuhr, begannen die Beamten die Menschen ruhig, aber bestimmt aus der Gefahrenzone zu dirigieren.

Auch wenn es nicht möglich schien, fiel bereits nach einer Minute der natürliche Geräuschpegel.

Morgan ließ ihr Zielobjekt aus seinen Wagen steigen. Langsam näherte er sich ihm, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Reid und Franklin folgten ihm. Zusammen waren sie der Stoßtrupp, die mit ihrem Täter in Kontakt treten sollten.

O'Connor öffnete den Tank und nahm den Zapfhahn zur Hand. Kurz darauf konnte man das Sprudeln der Flüssigkeit in den Tank des Wagens hören. Bei zehn Dollar, stoppte O'Connor das Tanken und hing den Schlauch wieder ein. Doch anstatt, dass er sich auf den Weg zum Bezahlen begab, fingerte er lange an dem Verschluss zum Tank herum.

Morgan fand, viel zulange. Daher zog er seine Waffe und schlich näher an den Täter heran.

„Tim O'Connor!" Rief er ihn schließlich an und blieb zehn Meter vor ihm stehen. „Nehmen sie die Hände hoch. Ich verhafte sie wegen vierfachen Mordes."

O'Connor gab kein Zeichen von sich, so als hätte er den FBI-Agent nicht gehört.

„Tim O'Connor!" Morgan wagte sich einen Schritt weiter vor. Endlich bewegte sich der Mann vor ihm und drehte sich langsam zu ihm um.

Morgan, der seine beiden Kollegen hinter sich wusste, sah verwundert, woran O'Connor gearbeitet hatte. Eine Lunte aus weißem Stoff hing aus der Tanköffnung.

Es klickte. Morgans Blick ging automatisch zu der Hand des Täters. Dieser hielt ein entflammtes Feuerzeug in der Hand.

Morgan schaltete sofort und ging seine Optionen durch. Er gab seine Schießhaltung auf und erhob leicht seine Hände.

„Mr. O'Connor, sie möchten das Unglück ihrer Familie veröffentlichen. Wir werden ihnen dabei helfen. Es kann nicht sein, dass eine ganze Familie ausgelöscht wird."

„Es ist aber geschehen. Und Keinen hat es interessiert!" O'Connor war von seiner Trauer zerfressen. Zumal er sichtlich auch erkrankt war. „Wie viele Opfer muss es noch geben, bevor die Behörden etwas dagegen unternehmen? Obwohl, die Erde wird ja sowieso systematisch zerstört. Was soll's also…"

Morgan konnte in den Augen des Mannes ihm gegenüber, die Endgültigkeit erkennen. Dieser Mann hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Niemand würde ihn von seinem Vorhaben abbringen können. Der Agent bemerkte die kleine Bewegung mit dem Feuerzeug. Es war nur noch eine kurze Zeit, bis dieser Mann hier vor ihm die Lunte entzünden würde. Ihm wurde klar, dass er ihn ohne Gewalt von seiner Tat nicht abhalten würde können. Egal, wie er sich ihm nähern würde, O'Connor hatte die bessere Ausgangsposition.

Morgans Blick schweifte über die Umgebung. Der Rest vom Team hatte gute und schnelle Arbeit geleistet. Kein Mensch war mehr im unmittelbaren Umfeld zu sehen.

Als sein Blick wieder auf O'Connor fiel, sah er die Erlösung von seinen Schmerzen in seinen Augen. „Lauft!"

Morgan schrie das Wort und drehte sich um die eigene Achse. Je mehr Meter sie zwischen sich und der Explosion bringen konnten, desto besser.

Es würde ein Feuerwerk werden! Genau wie von O'Connor geplant. Auch wenn die Tanks unter der Erde so gut wie leer waren. Waren hier doch überall Reste, die in Flammen aufgehen würden.

Es waren nur wenige Sekunden, bis Morgan eine enorme Wärmewelle in seinem Rücken spürte, die ihn und seine Kollegen von den Füssen hob. Die Kraft war so gewaltig, dass sie mehrere Meter durch die Luft flogen. Benommen blieben sie einen Moment flachliegen.

Dann sah Morgan zurück zur Tankstelle. Der Wagen brannte lichterloh. Das offene Feuer breitete sich schnell über das Terrain der Tankstelle aus. Überall waren kleine Reste leicht entzündbaren Materials.

„Weiter!" Morgan hörte seine Worte nur gedämpft, während er sich hochdrückte. Franklin stand bereits und Reid folgte seiner Aufforderung. Ein stechender Schmerz im linken Knöchel ließ Morgan zusammenfahren. „Verdammt!"

„Was ist?" Reid sah sofort, dass Morgan sich verletzt hatte.

„Geht schon. Weiter!" Morgan versuchte den Fuß aufzusetzen, hob ihn aber sofort wieder an.

Reid schaute sich das nicht länger mit an. Er schnappte sich Morgans Arm und legte ihn sich um die Schultern. Franklin folgte seinem Beispiel und so brachten sie immer mehr Abstand zwischen sich und der brennenden Tankstelle.

„Wie geht es ihnen?" Rossi war neugierig aus dem Schatten der Hauswand getreten und stand nun neben Hotchner.

„Derek scheint sich verletzt zu haben." Hotchner wollte loseilten.

„Nicht, bleib hier. Sie sind noch zu weit weg!" Rossi hatte seinen Kollegen an der Schulter gepackt und zurückgehalten.

Hotchner nickte kurz darauf. „Du hast recht. Sie schaffen das schon."

Sie winkten den drei Kollegen zu, sich zu beeilen. Die nächste Explosion konnte jeden Moment erfolgen.

Während der letzten drei Schritte, erklang ein enormer Knall. Die Tanks im Boden hatten Feuer gefangen und gingen hoch. Die Stoßwelle war diesmal nicht allzu groß. Aber doch bebte die Erde unter ihren Füßen und ließ sie den festen Halt verlieren.

Rossi und Hotchner konnten einen erneuten Sturz der Kollegen abfangen. Eiligst drängten sie sich alle hinter das Gebäude und warteten die nächsten Explosionen ab.

Morgan und Reid saßen auf der hinteren Treppe eines Krankenwagens und ließ sich behandeln. Während Jareau, Rossi und Frank bei ihnen standen und besorgt auf das Ergebnis der Untersuchungen warteten.

Der Sanitäter hatte sich als erstes Reid vorgenommen, da er aus einer Wunde an der linken Braue blutete. Sein Hemdkragen wies schon einige Blutflecke auf.

„Habt ihr euch den Tatort schon angesehen?" Morgan wäre am liebsten selbst vor Ort gewesen. Musste aber einsehen, dass er es diesmal wohl nicht mehr bis dahin schaffen würde. Sein Fußgelenk war enorm angeschwollen.

Prentiss kam mit Franklin und Hotchner hinzu.

„Und?" Fragte Rossi.

Hotchner wusste gleich, worauf der Altermittler aus war. „Er ist mehrere Meter geflogen und verbrannt."

„Was für ein Ende." Murmelte Frank bedrückt.

„Er ist jetzt bei seiner Familie." Versuchte Jareau ihre Kollegin zu beruhigen und legte ihr ihre Hand auf die Schulter.

„Wir werden uns die Gegend ansehen, die Black uns angegeben hat. Wenn wirklich etwas an O'Connor's Vermutung dran ist, dann werden wir dem nachgehen und den Schuldigen dafür haftbar machen". Erklärte Chief Ryan Franklin bestimmt. „Außerdem werden wir unsere Leute mehr schulen. Es kann nicht sein, dass die Menschen, die uns anvertraut wurden, kein Gehör finden."

„Aaahh…" Morgan schrie auf. Der Sanitäter hatte vorsichtig seinen Knöchel bewegt und dem Agent höllische Schmerzen verursacht.

„Eine Verstauchung mit ordentlichem Bluterguss…" Diagnostizierte der Mann. Während er den Fuß stramm umwickelte, erklärte er weiter: „Das wird die nächste Zeit noch sehr schmerzhaft werden. Ruhe, hochlagern, kühlen. Dann sind sie bald wieder der Alte."

Leo N. Tolstoi:

„Grüble nicht, was möglich ist und was nicht. Tu, was Du mit Deinen Kräften zustande bringst – darauf kommt alles an."

Das Team saß im Flugzeug beisammen und tauschte sich über das Ergebnis des letzten Falles nochmals aus. Nur Hotchner saß alleine im Heck und sah hinaus. Er konnte sich nicht auf die Akten vor sich konzentrieren. Zu viele andere Themen bestimmten seine Gedanken.

Rossi sah es wohl, während die anderen Kollegen erleichtert auflachten, schien Hotchner immer nervöser zu werden. Sein Blick fiel auf Susanne, die mitten unter den Kollegen saß und ausgelassen mitlachte.

Der Altermittler erhob sich und trat zu Hotchner. Leise setzte er sich neben seinen Kollegen und begann ruhig: „Du hast ihr noch nicht erzählt, dass ich euer Geheimnis kenne, oder?!"

Hotchner schüttelte nur kaum merklich seinen Kopf. „Das ist nicht so einfach."

„Stimmt." Rossi grinste. „Sie wird dir den Kopf abreißen."

„Das nicht gerade… Aber es kommt jetzt Bewegung in die Sache. Änderungen stehen uns bevor." Hotchner hatte seinen Blick über das Team schweifen lassen.

„Davor hast du aber keine Angst?!"

Hotchner sah zu seinem Freund hinüber. „Nein… Ich nehme Abschied von einer sehr schönen Zeit."

„So weit sind wir noch lange nicht." Beschwichtigte Rossi. „Ein Schritt nach dem Anderen."

Der Altermittler erhob sich und klopfte Hotchner schwer auf die Schulter: „Du wirst schon die richtigen Worte finden."

Rossi hatte sich mit einem Glas Rotwein in der Hand auf seinem Sofa niedergelassen und starrt überlegend ins Kaminfeuer.

Einerseits freute er sich über die Offenbarung seines Kollegen. Andererseits konnte das Verhältnis zu wirklich schwerwiegenden Problemen führen.

Er hatte Hotch gar nicht gefragt, wie lange die beiden schon ein Paar waren… Würden sie als Teammitglieder ihre privaten Gefühle für einander in brenzligen Situationen ausschalten können?

Ja, schien es in ihm zu schreien.

Aber nur, weil er es sich so wünschte? Verlieren wollte er keinen der Beiden. Also musste eine Lösung her…

Und er nahm sich vor, die Beiden in den nächsten Tagen genauestens zu beobachten.

Mit einem zufriedenen Lächeln, erhob sich Rossi und trat in der Küche an den Herd, auf dem es aus mehreren Töpfen verführerisch duftete.

Hotch ließ leise die Haustür ins Schloss fallen. Er fühlte sich schlecht. Er hatte die Wende eingeleitet und hatte es Susanne noch immer nicht gesagt.

Geplant hatte er Susanne gleich nach der Landung zur Seite zu nehmen und ohne Umschweife die Wahrheit zu gestehen. Aber dann hatte ein Anruf von Jack seinem Vorhaben Einhalt geboten.

Über eins war sich Hotch während des langen Fluges aber klargeworden. Der Moment der Offenbarung war genau richtig gewesen!

Denn endlich lag das Geheimnis nicht mehr als ein schwerer Gegenstand tief in seinem Innern verwurzelt. Endlich konnte er einen ganz kleinen Punkt spüren. Ein Samenkorn, der ihm Hoffnung und vor allem Erleichterung brachte.

„Dad!" Erklang Jacks Stimme aus dem oberen Stockwerk. Lautes Fußgetrappel über ihm ließ ihn schmunzeln.

Müde stellte er seine Aktentasche neben dem Sideboard im Flur ab.

„Dad!" Klang es jetzt schon näher und dann erschien sein Sohn auf der Treppe.

„Langsam, Jack." Doch Jack sprang die Stufen hinunter und hüpfte über die letzten drei Stufen hinweg. Mit einem lauten Knall landete er auf seinen Füßen und lief lachend auf seinen Vater zu. Hotch war in die Knie gegangen und fing seinen Sohn auf.

Jack, er war sein Sonnenschein. Und auch wenn ihm von innen heraus nicht danach war, so stahl sich doch ein kleines Lächeln auf seine Lippen, als er seinen Sohn feste an sich drückte.

„Hast du Susanne nicht mitgebracht?" Im ersten Moment war sich Hotch nicht sicher, ob er sich nicht verhört hatte. „Warum kommt sie nicht mehr, Dad? Sie fehlt mir?"

Hotch hielt den kleinen Kerl an den Oberarmen und schaute ihm fest in die Augen. „Heute nicht Jack. Aber sie wird wiederkommen. Das verspreche ich dir… Wenn alles geklärt ist…"

„Wenn was geklärt ist?" Hakte Jack sofort nach.

Hotch fühlte den Stolz in seinem Innern aufkeimen. Jack ließ auch nicht locker. Das hatte er eindeutig von ihm. Und doch war da noch diese unbändige Traurigkeit und Hilflosigkeit. Vielleicht war es doch das Beste, wenn sie das Team um ihre Mithilfe baten!

Langsam erhob sich Hotch. „Komm, ich werde versuchen dir die Situation zu erklären."