Kapitel 2: Schwere Entscheidungen

„Nein, Herr von Unruh, das kommt überhaupt nicht in Frage!"

„Aber Majestät! Unter den gegebenen Umständen…"

„…kann und werde ich nicht zulassen, dass jemand sein Leben in diesem Sturm riskiert!"

„Majestät! Wenn wir nicht schnellsten einen Arzt herholen wird Lumiere vielleicht…"

Der Haushofmeister stockte, er brachte es nicht über sich den Satz zu beenden. Und er musste es auch gar nicht, den jeder im Raum wusste was er meinte. Jeder wusste wie schlimm es um Lumiere stand.

Prinz Adam atmete tief ein und strich sich durch seine rotblonden Haare, während er sich bemühte sich zu beruhigen. Er seufzte, dann wand er sich an den Haushofmeister.

„Wie spät ist es eigentlich?"

„Nun, es ist… Es ist…"

Der Ältere stotterte fast vor Aufregung, was weder dem Prinzen, noch dessen Frau entging. Und als von Unruh nach seiner Taschenuhr griff, zitterte seine Hand so heftig, das ihm die Uhr fast entglitten währe. Er bemühte sich seine Fassung zu wahren, doch er schaffte es kaum.

„Herr von Unruh…"

Belle war an den Haushofmeister herangetreten und legte beruhigend ihre Hand auf die seine.

Als er sie nun ansah, das Gesicht voller Sorge, lächelte sie ihn voller Güte an.

„Es wird alles gut, versprochen! Wir… Wir finden schon eine Möglichkeit Lumiere zu helfen, da bin ich mir sicher! Nicht war Schatz?"

Beim letzten Satz wandte sie sich ihrem Mann zu, der an die beiden herangetreten war. Er lächelte, auch wenn es ein betrübtes lächeln war, dann meinte er mit, weitaus mehr Zuversicht in der Stimme als er fühlte: „Natürlich!"

Ein weiterer Donnerschlag erschütterte das Schloss, ein Blitzschlag durchfuhr die Nacht und die drei Personen im Raum schauten aus dem Fenster, wo der Sturmwind die Bäume im Schlosspark zerzauste. Niemand sprach ein Wort, sie wussten dass es reiner Selbstmord wäre, bei diesem Wetter auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzten.

„Wir müssen abwarten…"

Dieser einfache Satz hang schwer im Raum und niemand sagte etwas dazu.

„Wir müssen einfach darauf hoffen dass der Sturm schnell nachlässt und das Lumiere weiter durchhält…"

„Er wird durchhalten."

Erstaunt ob der plötzlichen Überzeugung in von Unruhs Stimme, schauten sich die Majestäten fragend an, worauf der Haushofmeister lächelte.

„Ich kenne Lumiere nun schon seit vielen Jahren und wenn es etwas gibt das ich über ihn weiß, dann das einfach nicht unterzukriegen ist."

Prinz Adam schaute seine Frau an, die ihrerseits lächelte.

„Das Stimmt wohl. Ich kenne ihn natürlich erst seit kurzer Zeit, aber ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass es nichts gibt was Lumiere aufhalten kann. Er wird es schaffen."

Von Unruh nickte, doch sein lächeln verschwand, als er nun einen Blick auf seine Uhr warf.

„Es ist übrigens genau 3Uhr und 27 Minuten, euer Hoheit und wenn Ihr gestattet… Würde ich gerne sehen, wie es Lumiere geht…"

„Natürlich."

Der Prinz nickte und von Unruh verbeugte sich vor dem Paar, bevor er sich zum gehen wandt.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss viel, seufzte der Prinz bedrückt und auch Belles aufbauendes Lächeln hatte einer Sorgenmiene Platz gemacht. Sie trat an ihren Gatten heran und schmiegte sich an ihn, während beide aus dem Fenster schauten, wo dichte Regenmassen herniedergingen, als gäbe es keinen Morgen.

Keiner Sprach ein Wort, doch sie dachten beide dasselbe.

Die Chancen, das Lumiere ohne Hilfe die Nacht überstand waren gering.

Sehr gering…

Noch nie.

Noch nie in seinem Leben war er so besorgt gewesen wie jetzt.

Noch nie ihn seinem Leben war ihm ein Freund so wichtig gewesen wie der Mann, der dort vor ihm im Bett lag und um sein schieres Leben kämpfte.

Und noch nie in seinem Leben hatte sich von Unruh so hilflos gefüllt…

Er saß nun schon seit Stunden an Lumieres Seite und seit er diesen Posten bezogen hatte, kreisten die Gedanken in seinem Kopf, so dass er bereits Kopfschmerzen bekam.

Er hatte jede Möglichkeit in Erwägung gezogen, jeden Plan durchdacht der ihm eingefallen war, doch er war zu keiner umsetzbaren Lösung gekommen. Solange der Sturm nicht nach ließ, gab es keine Möglichkeit Hilfe zu holen. Sie konnten nur abwarten.

„Abwarten…"

Der Haushofmeister verbarg das Gesicht in seinen Händen und stöhnte frustriert.

Es war inzwischen halb 7 und eigentlich hätte die Morgendämmerung einsetzen müssen, doch es lies nichts davon auch nur zu erahnen. Der Sturmwind hatte zwar ein wenig nachgelassen, aber der Regen viel noch genauso dicht und unnachgiebig wie 3 Stunden zuvor.

Von Unruh schüttelte den Kopf, als er zuerst einen Blick auf seine Uhr und dann auf Lumiere warf. Das Fieber war so weit gestiegen, das es dem Mann das Bewusstsein geraubt hatte, sein Atem war rasend und doch so flach, das er kaum als solcher zu erkennen war. Sein Gesicht fühlte sich so heiß an, als stände es in Flammen, doch seine Hände waren kalt wie Eis.

Herr von Unruh schluckte schwer, während er seinen Freund beobachtete und ihm eine bittere Erkenntnis bewusst wurde: Lumiere lief die Zeit davon.

Er schritt im Zimmer auf und ab wie ein gefangenes Tier in seinem Käfig und in diesem Augenblick fühlte er sich auch genauso. Es war sein Schloss, seine Bediensteten, seine Verantwortung. Und genau dort lag das Problem: Er musste sich entscheiden.

Lies er zu das sich jemand in Lebensgefahr brachte um den Arzt aus dem Dorf zu holen?

Oder sollten sie weiter abwarten das der Sturm sich legte, auf die Gefahr hin, dass es dann für Lumiere zu spät war?

Der junge Franzose war auch für ihn inzwischen mehr als nur ein Bediensteter, er war ein Freund, ein Teil der Familie. Doch genauso waren es auch die anderen, er konnte den Gedanken nicht ertragen einen von ihnen in Gefahr zu bringen. Vor allem da niemand sagen konnte ob dieses Risiko überhaupt lohnenswert war. Denn es konnte niemand sagen, ob der Arzt bei diesem Wetter überhaupt den Weg bis zum Schloss auf sich nehmen würde und ob es dann nicht längst zu spät war…

Der Prinz blieb stehen und knurrte frustriert, während er sich die Haare raufte.

Und wenn er selbst…? Nein, das war genauso wenig eine Lösung. Belle würde es niemals zulassen und außerdem, was wenn ihm etwas zustieß? Er war der Prinz, er hatte die Verantwortung…

Völlig frustriert wirbelte er herum, packte einen Beistelltisch der in der Nähe stand und schmiss ihn mit einem Aufschrei, der mehr das Brüllen eines Tieres war, an die nächste Wand, wo er krachend zum Liegen kam.

Schwer atmend verharrte er und starrte auf die Trümmer, bis in ein räuspern herumwirbeln ließ.

In der Tür standen Belle und Madame Pottine, sichtlich geschockt von dem, was sie eben gesehen hatten. Adam hatte seit der Rückverwandlung nicht mehr einen solchen Wutanfall bekommen, doch jetzt… Keiner der beiden Frauen sagte etwas, doch ein gegenseitiger Blick genügte um zu wissen, dass sie diese Szene an dasselbe erinnert hatte: Das Biest.

Die grausame, unmenschliche, tierische Gestalt, in die der Prinz für 10 Jahre verwandelt worden war und in der er das halbe Schloss während seiner Wutausbrüche in Schutt und Asche gelegt hatte. Jetzt war er wieder ein Mensch, doch hin und wieder schien die alte Gestallt sich einen Weg an die Oberfläche zu bahnen, so als schlummerte sie immer noch irgendwo in seinem Inneren. Er hatte sich unter Kontrolle, war ein völlig anderer geworden, doch manchmal…

Manchmal, in Situationen wie dieser, in der all die Verantwortung zu viel für ihn wurde, ließ er seiner Wut freien Lauf und benahm sich wieder wie das Biest zuvor. Doch er bemühte sich stehst das niemand es mitbekam und vor allem das niemand zu Schaden kam. Er wusste dass seine Bedienstete ihn während des Fluches gefürchtet hatten und dass viele es immer noch taten. Er wollte diese Angst nicht schüren, wollte das aufkeimende Vertrauen und die Freundschaften nicht riskieren.

Er sah zu den beiden Frauen, die noch immer unbeweglich in der Tür standen und seufzte schwer. Doch dann sah er das Gutmütige und Verständnisvolle lächeln der Haushälterin die nun einen Teewagen in den Raum schob und wie völlig selbstverständlich meinte:

„Kommt mein Prinz, ein Tässchen Tee wird Euch gut tun."

Adam sagte nichts, lies sich nur in einen der Sessel am Kamin fallen und wartete, bis Madame Pottine im eine Tasse duftenden Tee reichte. Er nickte nur als Dank und nippte am Tee, dann starrte er schweigend in die Flammen. Belle hatte ihrerseits Platz genommen und sah ihren Gatten besorgt an. Dieser bemerkte den Blick, seufzte und meinte mit vor Kummer gepresster Stimme: „Ich weiß nicht was ich tun soll…"

Er erläuterte kurz seine Überlegungen, seine Befürchtungen und alles in der Hoffnung, dass ihnen vielleicht Gemeinsam eine Lösung einfiel. Doch die beiden Frauen waren genauso ratlos wie er. Egal wie sie es drehten und wendete, keine der Lösungen war eine wirklich Gute. Sie waren wie zwei Seiten derselben Medaille.

„Ich… Ich habe keine Wahl…"

Die Stimme es Prinzen war ein tiefes, gefühlloses Flüstern und Belle und Madame Pottine schweigen abwartend, zu was für einer Entscheidung Adam gekommen war.

„Ich habe mich entschieden, das..."

Ein klopfen an der Tür unterbrach ihn und er saß einen nur Moment verwirrt da, ehe er den wartenden hereinbat. Es war von Unruh, auch wenn der Prinz seinen Haushofmeister auf den ersten Blick fast nicht erkannt hätte. Der sonst in seiner ganzen Haltung Würde und Autorität ausstrahlende von Unruh war vor Kummer gebeugt, er hatte Schultern und Kopf hängen lassen und als er nun sprach, war seine Stimme so Tränenerstickt, das er kaum zu verstehen war.

„Lumiere, er… Wenn wir nicht sofort etwas tun, dann…"

Seine Stimme erstarb und der Raum wurde von einer bedrückenden Stille erfüllt.

Prinz Adam sackte in seinem Stuhl zusammen, Belle schnappte entsetzt auf und Madame Pottine eilte sofort an ihre Seite um sie zu trösten, kämpfte aber sichtlich selbst mit Tränen.

„Von Unruh…"

Der angesprochen sah auf, die Stimme seines Herr ließ ihn erschaudern, den der Ton den er angeschlagen hatte, lies nicht Gutes erahnen.

„Ich habe mich soeben entschieden…"

Er stockte und die Anspannung im Raum stieg ins unerträgliche.

„Ich werde niemanden der Gefahr des Sturmes aussetzen."

Von Unruh japste vor Schreck und wollte schon widersprechen doch der Prinz war aufgestanden und fuhr mit geradezu gebieterischem Ton fort:

„Ich kann es nicht riskieren noch jemandem zu verlieren, vor allem wenn die Chancen auf Erfolgt schwindend gering sind."

Der Schock in den Gesichtern der anderen zerriss ihm das Herz, vor allem da er genau wusste was seine Worte bedeuten.

Er beschützte seine treuen Diener vor weiterem Schaden.

Und zeitgleich unterschrieb er Lumieres Todesurteil.

Stille.

Der Raum war von Stille erfüllt, so sehr, das selbst das leise Knistern des Kaminfeuers geradezu unerträglich laut schien.

Keiner sprach ein Wort, fast schien es, als wagten es die Anwesenden nicht einmal zu atmen. Herr von Unruh stand da wie vom Donner gerührt, als ihm wirklich bewusst wurde was diese Entscheidung bedeutete. Als er schließlich das Wort ergriff schien es so unwirklich, das die anderen sichtlich zusammenzucken.

„Dann… Dann lasst Ihr zu das Lumiere stirbt?"

Es war das erste Mal seit der Koch erkrank war, dass jemand diese Worte aussprach.

Prinz Adam baute sich auf, versuchte seinen Worten mit seiner Haltung mehr Ausdruck zu verleihen, auch wenn ihm nicht danach zumute war. Er wäre lieber aus dem Raum gerannt, wäre in Tränen ausgebrochen, oder hätte einen Wutanfall bekommen, doch er durfte es nicht. Er musste hinter seiner Entscheidung stehen, auch wenn es ihm das Herz zerriss.

Doch er brachte kein Wort heraus, daher nickte er nur.

„Ihr... Ihr lasst es zu das er stirbt, einfach so?"

Von Unruhs Stimme bebte vor aufkommendem Zorn, und als er nun einen energischen Schritt auf den Prinzen zumachte und weitersprach, überschlug sich seine Stimme förmlich.

„Ich… Ich kann das nicht glauben… Ich kann nicht glauben dass Ihr das tut, ich… Ich werde das nicht zulassen, ich…"

„Herr von Unruh…"

„Ich werde das nicht zulassen!"

„Niemand wird während des Sturmes das Schloss verlassen!"

„Das kann nicht euer Ernst sein! Ich werde…"

„DAS IST EIN BEFEHL!"

Stille.

Belle und Madame Pottine starrten entsetzt die beiden Männer an, die sich wie zwei wütende Tiere voreinander aufgebaut hatte und jetzt wie versteinert da standen. Doch der letzte Satz des Prinzen, den er fast schon hasserfüllt geschrien hatte, hatte eine andere Wirkung als erwartet.

Er dachte von Unruh würde sich beugen, würde zurückweichen in Ehrfurcht, ja vielleicht sogar in Angst, wie in Zeiten des Fluches. Doch er tat es nicht. Er starrte den Prinzen nur für einen Moment an, dann streckte er den Rücken, verschränke die Arme hinter seinem Rücken, wie er es immer tat wenn er einen Befehl seines Herrn entgegen nahm und meinte mit erschreckend ruhiger Stimme: „Ist das Euer letztes Wort?"

„Ja."

Die Antwort kam prompt, auch wenn die Stimme des Prinzen vor Aufregung zitterte. Irgendetwas am Verhalten des Haushofmeisters war beunruhigend, es passte einfach nicht zu ihm. Und dieses Gefühl bestätigte sich noch, als von Unruh nun die Augen schloss, einmal tief durchatmete und als er den Prinzen wieder ansah bestimmt sagte:

„Dann lasst Ihr MIR keine andere Wahl… Als Euren Befehl zu missachten."

Noch ehe einer der Anwesenden richtig begriffen hatte was er gesagt hatte, noch ehe jemand von ihnen reagieren konnte, machte von Unruh auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Zimmer.

Sie kamen erst wieder zu sich, als die Tür lautstark hinter ihm ins Schloss fiel.