ACHTUNG!
In diesem Kapitel kommt sowohl die bildliche Beschreibung einer Verletzung, als auch Blut vor!
Falls das (aus welchem Grund auch immer) nichts für euch ist, lest es besser nicht!

Kapitel 4: Um Haaresbreite

„Ich gebe ihm noch etwas gegen die Schmerzen, damit ihm das Atmen leichter fällt. Denn Rest muss er alleine schaffen."

Der Arzt blickte in die Runde besorgter Gesichter und meinte aufmunternd: „Aber da er es bis hierher geschafft hat bin ich überzeugt, das durchkommt."

Die drei Anwesenden nickten und der Arzt wandte sich an die Haushälterin: „Sie haben mit den Wadenwickeln genau das richtige getan, das hat dem jungen Mann einige Zeit eingebracht. Denn ich will ehrlich sein…", er sah in die Runde, „Wenn ich nur ein wenig später gekommen wäre, hatte ich nichts mehr für ihn tun können."

Der Arzt lächelte den Prinzen an und als er weitersprach, klang seine Stimme regelrecht ehrfurchtsvoll.

„Sie haben einen unglaublich tapferen und aufopferungsvollen Haushofmeister, mein Prinz. Sich bei diesem Wetter nach draußen zu wagen um das Leben eines Bediensteten zu retten."

„Er ist mehr als nur ein Bediensteter."

Alle Augen wandten sich zu Belle, die die ganze Zeit geschwiegen hatte und nun mit einem liebevollen Blick zu Lumiere sah.

„Er ist ein Freund, ein Teil der Familie."

Alle nickten, dann wurde das Gesicht des Prinzen ernst, als er, sichtlich unsicher fragte:

„Mein Haushofmeister… Ist er im Dorf geblieben?"

„Oh nein, er bestand darauf so schnell wie möglich zum Schloss zurückzukehren. Zur Not sogar zu Fuß! Ich habe ihm mein Pferd gegeben, aber mit der alten Mähre wird es sicherlich noch eine Weile dauern, ehe er hier ankommt. Aber immerhin…", er warf einen Blick durch einen Spalt in de Gardine nach draußen, „hat es endlich aufgehört zu regnen."

Es stimmte. Zwar war der Himmel immer noch Wolkenverhangen, aber der Regen hatte endgültig aufgehört und es war merklich heller geworden.

Der Arzt gab dem immer noch ohnmächtigen Lumiere noch eine Spritzte, dann sagte er:

„Jetzt heißt es, wie gesagt, abwarten."

Er prüfte noch einmal Lumieres Fieber und seine Atmung, dann lächelte er zufrieden.

„Sein Atmen ist bereits ruhiger geworden und auch das Fieber ist ein wenig gesunken.

Er wird es schaffen. Aber es war wirklich, um Haaresbreite…"

"Ich denke," war nun Madame Pottine's deutlich fröhlichere Stimme zu hören," wir sollten Lumiere schlafen lassen, er braucht jetzt vor allem Ruhe. Ich werde später noch einmal nach ihm sehen. Und wir," sie lächelte alle im Raum an, „könnten jetzt sicher alle ein Tässchen guten Tee vertragen, nicht wahr?"

Damit waren alle einverstanden und so verließen sie den Raum, den schlafenden Lumiere zurücklassend.

Es war ein langer Weg zurück zum Schloss, oder kam ihm das nur so vor? Von Unruh konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, vielleicht lag es auch einfach daran, das er selbst völlig erschöpft und am Ende seiner Kräfte war. Und die Tatsache dass das Pferd des Doktors mehr einer Schindmähre, als wirklich einem Pferd glich, machte die Sache nicht besser. Es trottete durch den Wald, der das Schloss umgab und vom Dorf trennte und von Unruh fragte sich wirklich, ob das alte Tier es schaffen würde, doch es ging unbeirrt weiter, langsam, doch stätig. Der Haushofmeister, der vor kurzem noch fest und selbstsicher im Satten gesessen hatte wie ein junger Jäger, glich nun mehr einem müden Kartoffelsack, den mal halbherzig auf den Pferderücken geschmissen hatte. Er hatte keine Kraft mehr sich wirklich aufrecht zu halten und bei jedem Schritt des Pferdes schwanke er zur Seite, das man denken könnte, er würde jeden Moment aus dem Sattel fallen. Doch es kümmerte Herrn von Unruh im Augenblick reichlich wenig, was für einen Eindruck er machte. Zum einen war sowieso niemand in der Nähe, zum anderen war er viel zu Müde um sich darüber Gedanken zu machen. Nur ein Gedanke kreiste unentwegt in seinem Kopf herum:

Lumiere.

Hatte er es geschafft? War er noch am Leben? Würde er wieder gesund werden, oder war alles, was der Haushofmeister getan hatte, alles was er aufs Spiel gesetzt hatte um sonst gewesen?

Gerade bei diesem Gedanken, kam das Schloss hinter den Baumwipfeln zum Vorschein.

Von Unruh lächelte, bald wäre er endlich wieder Zuhause, bei seiner, wie er alle im Schloss sah, Familie. Beim Prinzenpaar Adam und Belle und…

Plötzlich hielt er das Pferd an und sah zum Schloss hoch, welches noch nur anhand ein paar Türme zu erahnen war, denn ihm kam wieder in den Sinn, was am Morgen geschehen war.

Die Worte, die gefallen waren.

Dann lasst Ihr MIR keine andere Wahl… Als Euren Befehl zu missachten."

WENN IHR JETZT AUS DIESER TÜR GEHT, BRAUCHT IHR NIEMALS WIEDER ZU KOMMEN!"

Von Unruh begann zu zittern. Was wenn…

Hatte der Prinz seine Worte wirklich so gemeint, wie er sie gesagt hatte?

Hatte von Unruh nun seine Anstellung verloren, seine Bleibe, sein Zuhause?

Er starrte immer noch auf das Schloss, unschlüssig was er jetzt tun sollte.

Sollte er umdrehen und einfach verschwinden?

Oder sollte er es wagen zum Schloss zurückzukehren?

Er könnte den Prinzen um Verzeihung bitten, in der Hoffnung dass er ihm vergab und in seinen Diensten behielt. Und außerdem… Er musste dem Doktor sein Pferd zum Schloss bringen und wenigstens erfahren, wie es Lumiere ging.

Vielleicht hatte er ja Glück und der Prinz verzieh ihm seine Verfehlung wirklich.

Und wenn nicht… Dann hatte von Unruh vielleicht wenigsten die Chance seine Sachen zu packen und sich… Zu verabschieden…

Seufzend holte er einmal tief Luft, dann brachte er das Pferd zum Weitergehen, ohne darauf zu achten, wo dieses überhaupt hinging. Und diese Unachtsamkeit sollte ihm zum Verhängnis werden. Das Tier geriet etwas zu nah an den Rand des Weges, wo dieser durch den Regen sehr schlammig und unwegsam war. Es kam ins Rutschen, wieherte erschrocken auf und machte einen unbeholfenen Satz nach vorne. Strauchelnd kam es wieder auf den Weg, wo es ein paar ungeschickte Schritte machte, ehe es schnaubend zum Stehen kam.

Ohne seinen Reiter.

In dem Augenblick, als das Pferd lossprang, hatte von Unruh, noch völlig in seinen Gedanken versunken, keine Chance mehr zu reagieren. Durch den plötzlichen Schwung aus dem Sattel gerissen, fiel er rücklings zu Boden, halb in das Gestrüpp am Wegesrand und kam mit dem Kopf neben einem großen Felsen zum Liegen, den er nur um Haaresbreite verfehlt hatte.

Doch das Glück hatte ihn trotzdem verlassen, denn kaum das er auf den Boden aufschlug, entfuhr Herrn von Unruh ein lautstarker Schmerzensschrei und seine Hand fuhr zu seinem linken Arm. Er wollte sich zur Seite wegrollen, als er bemerkte dass er sich nicht bewegen konnte. Zumindest nicht ohne dass ein Schmerz seine Schulter durchfuhr, der ihm fast die Sinne raubte. Heftig nach Luft schnappend, tastete mit der rechten Hand seinen Arm ab, bis er auf etwas Festes stieß, das oberhalb der Achsel, direkt neben dem Oberarmknochen aus dem Fleisch ragte. Er zog scharf die Luft ein, als er die Stelle berührte, an der er nun etwas klebendes, warmes bemerkte. Blut.

Er schloss die Augen und versuchte den Schmerz und die aufkommende Panik zu unterdrücken, dann drehte er den Kopf um sich die Wunde anzusehen, die er sich ganz offensichtlich eingehandelt hatte. Kaum einen Augenblick später ließ er stöhnend den Kopf nach hinten fallen und versuchte die Aufkommende Übelkeit zu verdrängen.

Aus der Wunde ragte ein etwa zwei Finger breiter Ast, der seinen Oberarm von hinten durchstoßen hatte und ihn am Boden hielt. Immer schneller Atmend, versuchte von Unruh eine Möglichkeit zu finden sich zu befreien, doch der Schmerz, den jede noch so kleine Bewegung auslöste, ließ kaum einen klaren Gedanken zu. So besann er sich erst einmal nur darauf, seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen und nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Wie lange er so dort lag konnte er nicht sagen, doch er wusste, dass dieses Unglück sein Ende bedeutete, wenn er nicht schnellstens Hilfe bekam.

Aber es wird niemand kommen…"

Es war ein betrübender Gedanke, doch von Unruh musste einsehen, dass es die Wahrheit war.

Es kamen nur selten Leute aus dem Dorf zum Schloss und fast noch seltener verließ jemand dieses. Und ihn suchen… Es gab keinen Grund dafür und wenn sich doch jemand im Schloss Sorgen um ihn machen sollte und ihn suchte, dann würden bis dahin noch Stunden vergehen.

Nein, er konnte nicht auf Hilfe warten, er musste einen Weg finden sich selbst zu befreien und im besten Fall zum Schloss zu gelangen. Von Unruh atmete ein paarmal tief durch, dann versuchte er sich Seitlich vom Ast herunter zu drehen. Sein Aufschrei lies ein paar Vögel erschrocken auffliegen und er selbst glaubte die Besinnung zu verlieren, doch er hatte keine Wahl. Er drehte sich noch ein Stück, als er ein Knacken hinter sich hörte und plötzlich zur Seite kippte. Ihm wurde kurz schwarz vor Augen, als er nun, auf seinen rechten Arm gestützt im Dreck lag und so brauchte er einen Moment bies ihm klar wurde, das er Ast, der ihn durchbohrt hatte, abgebrochen war. Er war frei.

Wie er es geschafft hatte wieder auf das Pferd zu kommen, hätte er bei bestem Willen niemanden sagen können, doch er hatte es geschafft. Er lag er mehr auf dem Tier als das er saß, weit über den Pferdehals gebeugt, die Zügel schlaff in der rechten Hand, während der linke Arm seitlich herunterhing. Sein Blut lief diesen herunter, hatte den gesamten Ärmel und auch das Fell des grauen Pferdes durchtränkt, während es bei jedem Schritt des Tieres auf den Boden tropfte. Seine Sinne schwanden mit jedem Augenblick, er sah kaum das Schloss, das immer näher kam, bemerkte kaum noch, wie sie die steinerne Brücke, welche die Felsenschlucht überspannte überquerten. Nur noch wage nahm er war, wie sie das große Tor durchquerten, ehe das Pferd zum Stehen kam, direkt vor dem Haupteingang. Er hörte den entsetzen Aufschrei eines Dieners wie aus weiter Ferne, als er, aller Kraft beraubt, vom Pferd kippte und auf den steinernen Boden aufschlug.

Ein Schmerzensschrei, dann wurde es endgültig Schwarz um ihn.