Kapitel 5 - Der Stollentroll
Nachdem ich meine Arbeitseinweisung im Büro von Mr. Bolls hinter
mich gebracht hatte, blieben mir noch einige Stunden, bevor ich meinen neuen
Lehrmeister Johnny John, den berühmten Starauroren, den Helden meiner Kindheit,
in der Kantine treffen sollte.
Ich entschied mich also zunächst einmal, die Besenkammer aufzusuchen und mir
mein neues Gefährt abzuholen. Ich war wirklich gespannt; meinen ersten Besen
hatte ich im Alter von 5 Jahren von meinem Onkel Tom zu Weihnachten geschenkt
bekommen. Es war ein Kinderbesen ("Flieg-nicht-zu-hoch-und-feg-doch-gleich-mal-den-Hof-damit")
und ich habe ihn noch immer.
Meine Mitschüler hatten sich immer gefragt, warum ich an den schulischen Flugstunden
seit Jahren nicht mehr teilgenommen hatte. Der Grund dafür war mein Kinderbesen,
mit dem ich mich beim besten Willen nicht in die Schule trauen konnte. Einmal
hatte ich es gewagt und war dafür sogar vom Lehrer Wochen später noch ausgelacht
worden. Das war mir Lektion genug und ich flehte meine Eltern an, mir einen
altersgemäßen Besen zulegen zu dürfen. Doch für so etwas schien meine Familie
kein Verständnis zu haben, nicht einmal Onkel Tom war bereit, mir Geld für einen
Sauberwisch zu geben - viel mehr war er beleidigt, dass ich seinen guten alten
Kinderbesen in die Ecke geschmissen hatte.
Treppe Nummer 3 war mir wieder mal ein guter Begleiter. Ich traf
sie gleich in der zweiten Etage an, als ich aus Bolls´ Büro trat und sie nahm
mich bereitwillig mit in den fünften Stock.
"Na, wie hast du dich so eingelebt hier ? Man hört ja nur gutes über dich..."
"Ja...", entgegnete ich geschmeichelt "ich habe ein bisschen Glück gehabt und
wurde als Auror eingestellt..."
"Und wie ist der Job ?", wollte sie wissen und erklärte mir ihr Interesse: "Als
kleine Stufe wollte ich auch immer Auror werden, doch man hat mich nie genommen.
Die hat doch ne Macke, haben sie gesagt. Pah ! Stattdessen wurden damals, als
ich noch jung und sprunghaft war, Treppen gesucht - damals wurde das Gebäude
gerade erst gebaut, musst du wissen - und so habe ich eben diesen Posten hier
angenommen. Ist kein schlechter Job, weißt du. Ok, einige Leute trampeln ziemlich
auf mir rum und die Bezahlung ist mies. Aber man lernt auch ne Menge nette Leute
kennen. Jeden Donnerstag wird man geputzt und am Wochenende habe ich frei. Ich
bin zufrieden."
"Ich werde heute in meine Arbeit eingeführt, von Johnny John -"
"Oh, Johnny John, den hab ich auch öfter mal transportiert. Ist ein netter Kerl,
hatte immer ein bisschen Bohnerwachs für mich dabei."
"Den treffe ich nachher in der Kantine. Kannst du mir sagen, wo ich die finde
?"
"Klar, ich bring dich sogar hin. Dauert aber ein bisschen, vor der Kantine ist
meistens Stau.
Da versuchen die zweistelligen Treppen immer, uns einstelligen die hochrangige
Kundschaft wegzuschnappen. Ist ein fürchterliches Gedränge, lauter schmutzige
und ungepflegte Treppen, die meisten von ihnen haben nicht mal ein Geländer
!... So, hier wären wir im fünften Stock, die Besenkammer befindet sich hinter
der Ecke im anderen Flur. Du kannst sie eigentlich nicht verfehlen."
"Danke. Ach ähem - hast du vielleicht eine Idee, wie ich mir die Zeit bis zum
Mittag vertreiben könnte ?"
"Hmm, das ist gar nicht so einfach. Ich frag mal Nummer 4, die hat immer ne
Idee parat. Warte gleich hier auf mich, es dauert ein bisschen. Bis gleich !"
Und schon war sie nach oben verschwunden.
Ich ging um die besagte Ecke und kam in einen Flur voller Pflanzen.
Es waren grüne, rote, gelbe und auch blaue Gewächse von jeder möglichen Größe
(die größte Pflanze reichte von einem Ende des Flurs bis zum anderen), die auf
dem Boden und auf Hockern standen, in kleinen Beeten wuchsen oder von der Decke
herabwucherten. Und all dies in einem Flur mit nur einem Fenster, der aber trotzdem
durch Magie ausreichend beleuchtet war.
"Herbarium" stand auf dem Schildchen neben der ersten Tür, weitere Schilder
lauteten "Ministerium für Pflanzenkunde", "Abteilung für wilde Pflanzen" und
neben einer verriegelten und vergitterten Tür prangte ein gelber Hinweis "Abteilung
für besonders wilde Pflanzen, Mr. Sprout, schriftliche Anmeldung erforderlich".
Sämtliche Türen waren mit Pflanzen überwachsen, nur eine sah ganz normal aus.
Das musste die Besenkammer sein.
Als ich anklopfte, geschah erst einmal gar nichts. Ich überprüfte das Schild
neben der Tür, "Besenkammer" stand darauf. Ich klopfte noch einmal an, wieder
antwortete niemand. Also beschloß ich, einfach einzutreten. Ich öffnete die
Tür einen Spalt -
"AU !!!!", schrie eine Stimme und ich spürte, wie sich die Türklinke in meiner
Hand bewegte. Erschrocken ließ ich los und starrte auf die Klinke. Sie öffnete
ihre Augen und bekam plötzlich einen Mund, der sich vor Schmerz verzerrte.
"Hast du den keinen Anstand, Bengel !", nörgelte die Klinke.
"Äh, entschuldigen Sie bitte, ich wusste ja nicht das...", sagte ich verdattert.
"Ich habe geschlafen", sagte die Klinke. "Geh nicht so ruppig mit mir um, Flegel
!"
"Ich habe angeklopft, und als niemand geantwortet hat, wollte ich mal gucken..."
"Wenn niemand antwortet, kommste später wieder. So früh haben wir außerdem noch
gar nicht geöffnet. Was willste denn ?"
"Ich brauche einen Besen und man sagte mir, ich sollte ihn hier ..."
"Ja, Junge, geh mal rein und such dir einen Besen raus. Welcher Zweck ?"
"Was ?"
"Für WELCHEN ZWECK brauchst du das Ding ?"
"Zum Fliegen..."
Die Klinke stöhnte und verzog genervt das Gesicht.
"Oder was ???"
"Ich will NUR deinen Beruf wissen und dann brauchen wir kein Wort mehr verlieren...
!"
"Ach so, ich bin Auror, also, Lehrling, so zu sagen..."
"Gut. Such dir einen Besen von denen dort rechts im zweiten Regal einen aus.
Wer schickt dich ?"
"Mr. Bolls hat gesagt..."
"Und wie heißt du ?"
"Harmcharm, Herbert Harm-.."
"Gut, das wird überprüft, schnapp dir nen Besen und verschwinde !"
Die Klinke wurde langsam etwas patzig. Das gefiel mir nicht.
Ich trat an das mir zugewiesene Regal und schaute mir die Besen an, die dort
lagen. Sie sahen alle sehr gut aus und hatten vielversprechende Namen. Da ich
über technische Einzelheiten nicht informiert war (und für mich jeder Besen
nur ein Fortschritt sein konnte) schnappte ich mir einfach ein Modell namens
"Falke" und trat wieder aus der dunklen Kammer.
Bevor ich verschwand, wagte ich noch ein Wort mit der Türklinke, die schon wieder
zu schlafen schien.
"Und wo stellt man den Besen ab ?", fragte ich.
"Hmm Brmm Brmmm." , hörte ich nur und stellte fest, das die Klinke wirklich
wieder schlief oder zumindest so tat als ob. Also ging ich einfach.
"Gute Wahl !", meinte Treppe Nummer Vier, die bereits im Treppenhaus
auf Höhe des fünften Stockwerks auf mich wartete. "Den Besen sieht man hier
bei den meisten Auroren. Falke, habe ich recht ?"
"Ja, ganz richtig.", stimmte ich zu, froh, mich endlich wieder mit normalen
Leuten, oder wenigstens Treppen unterhalten zu können.
"Nummer drei hat mich geschickt.", begann Nummer Vier. "Ich sollte dir ein paar
Tipps geben, was du hier so machen kannst." Sie kam näher und flüsterte: "Ich
mach mit dir eine kleine Führung durch das Gebäude. Das gibt mir die Chance,
eine kleine Pause vom Alltag zu machen. Unten warten einige Leute auf mich,
die ich nicht gerne transportieren würde."
"Alles klar.", sagte ich und sprang auf.
Mittags setzte mich Nummer Vier direkt vor der Kantine ab, wobei
sie hart um einen Landeplatz kämpfen musste, denn es war wirklich voll im Flur
vor der Kantine.
Auch von der Kantine konnte man dies behaupten. Es war 12 Uhr und die gesamte
Mitarbeiterschaft kämpfte um Sitzplätze und bildete eine schier endlose Schlange
vor der Essensausgabe. Es wunderte mich gar nicht, dass die Kollegen von der
Aurorenabteilung sich da lieber Pommes Frites von der Imbissbude bringen ließen.
Ich sah mich in der überfüllten Kantine um und bemerkte erst auf den zweiten
Blick Johnny John, der mir fröhlich aus einer hinteren Ecke zuwinkte. Ich quetschte
mich durch die Massen und kam zu ihm an seinen Tisch, wo bereits eine Mahlzeit
für mich stand.
"Oh, vielen Dank." , stammelte ich, "Sehr freundlich von Ihnen." Ich setzte
mich.
"So früh hatte ich noch gar nicht mit Ihnen gerechnet.", meinte Mr. John. "Ich
habe gehört, sie hatten den ganzen Morgen frei. Bei solch einer Gelegenheit
gehen die anderen Beamten immer sofort in die Stadt, betrinken sich und kehren
erst viel zu spät zurück ins Ministerium. Bei Ihnen hätte ich so etwas ähnliches
eigentlich auch erwartet..." Er lachte.
"Nein, Mr. John. Ich habe mir meinen Besen besorgt und danach bin ich ein bißchen
durch das Gebäude geflogen und gewandert und -"
"Geflogen ? Doch nicht etwa mit dem Besen ?"
"Nein, natürlich nicht." Ich erinnerte mich an das Schild vor der Eingangstür.
"Mit der Treppe. Der Besen liegt jetzt im Büro."
"Und jetzt kennen Sie sich schon ein bisschen besser hier aus ?"
"Och." Ich überlegte mir erst, was ich antworten wollte. Das dauerte Johnny
John jedoch zu lange und er fuhr fort:
"Nun essen Sie erst einmal in Ruhe und danach fliegen wir direkt nach London
hinein, zur Winkelgasse, da habe ich noch etwas zu erledigen. Auf dem Flug erkläre
ich Ihnen Ihre Ich war überrascht. Ich hatte nicht erwartet, sofort fliegen
zu müssen. Mir fiel ein, dass ich gar nicht gut fliegen konnte und ich begann
zu beten, dass ich es nicht völlig verlernt hatte. Ich hatte nur ab und zu mal
zum Einkaufen einen Besen benutzt, doch da war ich jedes Mal nur knapp über
dem Boden geflogen und zudem sehr langsam, um nur nicht von meinem Kinderbesen
zu fallen. Doch ein Kinderbesen machte einen enormen Unterschied zu meinem neuen
Gefährt. Ich konnte nur hoffen, dass ich auf Anhieb damit klar kam, sonst würde
ich mich gleich blamieren. n Job ein wenig. Das Gebäude muss ich Ihnen ja nun
nicht mehr zeigen - das ist doch auch schon mal etwas."
"Was haben Sie denn genau in London zu erledigen, Mr. John ?", fragte ich und
hoffte, dass es nicht zu neugierig von mir war.
"Nun, gut dass Sie fragen, denn Sie könnten mir eine Hilfe bei dem Job sein."
Er lächelte mich an. "Es gibt da einen Informanten in der Winkelgasse, den wir
um einige Informationen bitten müssen. Es geht dabei unter anderem um die Sache,
die Sie hier gestern abend erlebt haben. Wir wollen herausfinden, wer hinter
der Sache steckt und wie wir an die Hintermänner herankommen."
"Ich kann Ihnen sagen, wer der Hintermann ist, es ist Lord V-"
"Bitte sprechen Sie den Namen hier nicht so laut aus, sonst fliegen Sie sofort
aus der Kantine", unterbrach er mich wohlwollend. "Natürlich wissen wir, wer
hinter den Todessern steht. Aber er, dessen Namen wir hier nicht nennen wollen,
plant nicht jede Aktion selber. Viel mehr sind es tiefergestellte Todesser,
die so etwas anleiern und ihren Meister damit überraschen wollen, plötzlich
einen Weg ins Ministerium offen stehen zu haben. Und diese Leute suchen wir.
Der Informant kennt sich aus mit dieser Gesellschaft. Er ist selbst so eine
Art Todesser."
"Und warum verhaften wir ihn dann nicht einfach ?"
"Wenn wir ihn verhaften könnten, bräuchten wir ihn nicht als Informanten. Das
Problem ist, dass er uns doch jedes Mal wieder entwischt. Wir haben es oft genug
probiert, das können Sie mir glauben. Ach, da fällt mir ein: ich wollte Ihnen
das DU vorschlagen. Es stört mich, einen Kollegen ständig mit seinem Nachnamen
anzusprechen..."
"Natürlich gerne, klar, wir duzen uns, Mr. Jo- ähh Johnny." Ich war überrascht
und konnte mein Glück gar nicht fassen. Ich spürte, wie ich rot wurde und versuchte
schnell wieder auf das Thema zurückzukommen.
"Eins verstehe ich noch nicht, äh, Johnny..."
"Ja ?"
"Wenn er euch ständig entwischt und ein Todesser ist...wie kann dieser jemand
dann ein Informant sein ? Wieso sollte er euch Informationen geben wenn er sowieso
entwischen kann ?"
Johnny John lachte. "Nun, es klingt unglaublich, aber... Dieser Informant hat
einfach ein verdammt loses Mundwerk und plappert die wichtigsten Dinge aus,
ohne den Ernst daran zu erkennen oder zu respektieren. Es... es ist ihm so zu
sagen egal, wem er schadet. Er ist, ähem, etwas seltsam, du wirst schon sehen."
"Aber er ist trotzdem so intelligent, dass er euch immer wieder durch die Lappen
geht ?" Es klang tatsächlich unglaublich.
"Du wirst es selbst erleben. Probier ruhig, ihn zu schnappen. Gelingen wird
auch dir das nicht."
Ich war vom Gegenteil überzeugt.
Wenige Zeit später landeten wir nach einem erstaunlich fehlerfreien
Flug in der Winkelgasse, direkt zwischen Gringotts und dem Zauberstabfachhandel
von Mr. Ollivander. Zunächst half mir Johnny John beim Kauf einer Original-Auroren-Sonnenbrille
mit jedem möglichen magischen Schnickschnack. Ich hatte keine Ahnung, was ich
damit sollte, aber es schien wichtig zu sein, also beschwerte ich mich nicht.
Doch die Brille verschwand sofort nach dem Kauf in der Tasche, weil ich sie
fürchterlich fand. Johnny lachte nur darüber und meinte, ich würde meine Sonnenbrille
schon noch zu schätzen lernen.
Dann gingen wir zum "Tropfenden Kessel", der Kneipe Nummer Eins im gesamten
Land. Hier wartete laut meinem Begleiter der Informant auf uns.
Als wir eintraten, sahen sich einige Leute interessiert zu uns um. Der Raum
war voll und einige Leute begannen zu tuscheln, weil sie Johnny John erkannt
hatten.
"..und das ist der Kleine aus dem Tagespropheten..." hörte ich einen alten Zauberer
seinem Nachbarn mitteilen und er deutete auf mich. Ach ja, ich stand ja im Tagespropheten.
Ich war ja ein Held.
Johnny grüßte kurz den Wirt, der mit einer knappen Handbewegung an die rechte
Seite der Theke deutete, wo nur ein Gast saß: Ein kleiner hässlicher Stollentroll
mit einem Hut, der viel Platz für sich hatte, da sich niemand neben ihn setzen
wollte.
Aus dem "Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder, Daseinsformen
und Phänomene der magischen Welt" von Prof. Dr. Abdul Nachtigaller:
Stollentroll, der: Entfernt verwandt mit dem Gemeinen Hempelchen, darf der Stollentroll
für sich in Anspruch nehmen, das statistisch am wenigsten geschätzte Lebewesen
der Welt zu sein, noch vor dem Dementoren. Während sich andere boshafte Daseinsformen
zumindest durch Kühnheit auszeichnen oder durch körperliche Überlegenheit Respekt
heischen, kann der Stollentroll wirklich keine einzige lobenswerte Eigenschaft
vorweisen, schlimmer noch, er gibt es nicht einmal vor und erfreut sich seiner
Ruchlosigkeit. "Stollentroll" gilt in verschiedenen magischen Kommunen der Welt
als bußgeldpflichtige Beleidigung und kann in manchen Gegenden Wirtshausschlägereien,
Familienfehden oder Duelle, ja sogar kleinere Bürgerkriege nach sich ziehen.
"Seit wann wird so jemand in einer Kneipe geduldet ?", raunte
ich meinem Kollegen zu.
"Der Wirt weiß, dass wir seine Informationen brauchen, darum hat er ihn hineingelassen.
Angenehm ist ihm das sicher nicht. Schlecht fürs Geschäft."
"Es ist trotzdem recht voll hier..."
"Die meisten Zauberer bemerken ihn absichtlich nicht."
Das konnte ich nicht nachvollziehen. Als Kind war ich einmal von einem Stollentroll
in ein Waldstück gelockt worden und ich irrte stundenlang darin herum, bis meine
Mutter mich wiedergefunden hatte. Seit dem wusste ich, dass man einen Stollentroll
schleunigst fortjagen sollte, wenn man ihn zufällig traf. Zum Glück halten sich
diese abscheulichen Wesen zumeist in den Bergen auf, wie ja der Name schon sagt,
unter der Erde.
Dieser Stollentroll saß zusammengesunken auf seinem Hocker, nippte an seinem
Bier und schien in Gedanken versunken. Er schaute erst auf, als Johnny John
sich neben ihm auf einen Barhocker niederließ.
"Kähähä.", gackerte er sofort drauf los, ohne auf die anderen Gäste zu achten,
die sich verdutzt umschauten und offensichtlich gestört fühlten. "Wen haben
wir denn da... Johnny Johnny, wie geht's, altes Haus ?"
Johnny schlug einen erstaunlich freundlichen Ton an: "Könnte mir nicht besser
gehen, Kleiner; aber die Frage ist: wie geht es dir, mein Freund ?"
Der Stollentroll gackerte wieder. "Alter Schmeichler, gut das du fragst. Mir
geht es gut. Und weißt du warum ?"
"Nein, keine Ahnung."
"Ich bin raus aus den dunklen Geschäften. Kein Todesser mehr. Besitze jetzt
eine Farm in Cornwall, kähähä."
"Ja, natürlich, kann ich mir gut vorstellen ... und, wie lebt es sich dort unten
?"
"Nein, Mensch, Johnny, stimmt doch gar nicht. Ich habe gar keine Farm. Ich wollte
dich nur testen. Ich bin jetzt Auror, so wie du und der neben dir, kähähä. Warst
in der Zeitung, was ?", wandte er sich an mich.
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und presste ein "Ja." hervor. So schrecklich
erschien mir der Stollentroll eigentlich gar nicht. Ein wenig verlogen, allerdings
eher bemitleidenswert als bösartig.
"Kähähä, ein wenig schüchtern, dein Freund.", wandte er sich wieder meinem Partner
zu, als er von mir keine zufriedenstellende Antwort bekam. "Wem verdanke ich
deinen Besuch, Kollege ?"
"Tja, weißt du - es gab da gestern so einen Zwischenfall im Zaubereiministerium,
unschöne Sache, du hast sicher davon gehört... man hat mir gesagt, du könntest
vielleicht mehr darüber wissen..."
"Kähähä.", plapperte der Stollentroll drauf los, "du glaubst ich würde dir helfen,
aber ich bin nicht mehr bei diesen Voldemortisten, ich hab mich den Grindelwäldlern
angeschlossen. Und selbst wenn ich noch dabei wäre, würde ich meine Kollegen
ja nicht verraten, weder Pawnes noch Fisher, kähähä."
"Pawnes und Fisher sagst du ?", hakte ich nach. Es war unglaublich.
"Sagte ich das ? Das tut mir leid, da habe ich mich versprochen. Passiert mir
öfter, weißt du. Ich meinte natürlich Fawnes und Pisher, kähähä."
Das Gackern ging mir auf den Geist. Das wollte ich mir nicht bieten lassen.
Doch John hielt mich davon ab, das hässliche Wesen anzubrüllen oder handgreiflich
zu werden.
"Ich verstehe schon. Was hätten die beiden denn damit bezweckt, wenn sie es
getan hätten ?", fragte er geduldig, was eine gewisse Erfahrung im Umgang mit
diesem Stollentroll erahnen ließ.
"Du denkst, ich sag dir das, aber du irrst dich. Ich bin jetzt Nachtwächter
bei Gringotts und über meine Vergangenheit rede ich nicht. Frag doch mal Dawson,
der kann dir da Geschichten erzählen... Ups, sagte ich Dawson ? Hab ich mich
schon wieder versprochen. So was ! Ich meinte natürlich Bolls, kähähä. Oder
war es Harmcharm ? Kähähähä."
Mir langte es endgültig. Ich ging dem abscheulichen Wesen an die Gurgel und
bereute es im nächsten Moment auch wieder. Denn sofort schrie der Stollentroll
laut los: "HILFE, ICH WERDE VERGEWALTIGT, SO HELFT MIR DOCH, ICH BIN DOCH NUR
EIN ARMER STOLLENTROLL. DIESER MENSCH WILL MICH TÖTEN, ER IST EIN TODESSER !"
Es war so fürchterlich, dass ich erschrocken wieder von ihm ab ließ.
"Kähähä.", gackerte der Stollentroll nur.
Ich wollte nun etwas Einsatz zeigen: "Jetzt reicht es, wir nehmen dich mit,
vielleicht helfen dir ein paar Tage in Askaban, um wieder zur Besinnung zu kommen
und uns Auskunft zu erteilen. Stollentroll, du bist festgenommen." Aus dem Augenwinkel
sah ich Johnny John, wie er sich kopfschüttelnd und in dunkler Vorahnung mit
der Hand durchs Gesicht wischte.
Ich wollte den Stollentroll greifen, damit mein Partner ihn dann irgendwie magisch
verhaften könnte, ich wusste nicht so genau wie man das machte. Doch ich kam
nicht dazu: Das kleine Wesen schlüpfte mir durch die Arme, sprang auf die Lampe
an der Decke und verschwand mit einem schadenfreudigen "Kähähä" durch die Hintertür.
Ich war verdutzt, reagierte aber schneller als mein Partner, der noch stärker
kopfschüttelnd und sich noch stärker durchs Gesicht wischend und Grimassen schneidend
einfach stehen blieb und keine Anstalten machte, dem Stollentroll folgen zu
wollen.
Ich hingegen sah Handlungsbedarf und rannte sofort los, durch die Hintertür,
dem kleinen Biest hinterher.
Die Verfolgung war zunächst leicht, denn es gab nur einen Fluchtweg: Durch den
Flur in den Hinterhof, über die Mauer in die Winkelgasse. Als ich den Hof erreichte,
sah ich den Stollentroll gerade noch über die Mauer verschwinden. Er blickte
sich um, grinste, "Kähähä" und verschwand.
Ich wollte mit meinem Zauberstab die Mauer öffnen, doch ich wusste nicht mehr,
welchen Stein ich antippen musste. Zum Nachfragen war es zu spät und Ausprobieren
erschien mir aussichtslos, darum kletterte ich kurzerhand ebenfalls die Mauer
hoch. Es war nicht leicht und bedurfte einiger Muskelanstrengung, doch ich schaffte
es irgendwie.
Auf der anderen Seite, in der Winkelgasse, war normaler Einkaufsbetrieb, die
Straße war voller alter und junger Zauberer mit Hüten, Bärten und vollgestopften
Einkaufstaschen. Es war sehr unübersichtlich.
Ich hielt angestrengt Ausschau nach dem kleinen Wesen, entdeckte es jedoch nicht.
"Haben Sie vielleicht einen kleinen Stollentroll hier lang kommen sehen ?",
fragte ich jemanden, der neben mir stand, während ich die Straße beobachtete.
"Ja, er ist dort hinten bei Flourish & Blotts verschwunden, dort hinten, kähähä."
Ich rannte los, in Richtung der Buchhandlung Flourish & Blotts , schubste dabei
einige Menschen aus dem Weg und merkte plötzlich, dass etwas faul war... Diese
Stimme...
Erschrocken drehte ich mich um. Das Wesen, das mir Auskunft gegeben hatte, warf
gerade den Hut und den Bart fort, winkte mir fröhlich zu und verschwand laut
gackernd in einer Seitengasse.
Ich hatte nicht viel Zeit, mich zu ärgern. Bis zu der Seitengasse waren es einige
Meter, auf denen sich Menschen tummelten, und ich hatte wieder Mühe, mich durchzudrängen.
Die Gasse war dunkel und voller Dreck. Meine Augen benötigten einen Moment,
um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich wankte blind einige Meter und bemerkte
dann das kleine Wesen, das unmittelbar vor mir mit dem Rücken an einer Mauer
stand und nicht weiter wusste. Der Stollentroll war in eine Sackgasse gelaufen,
jetzt saß er in der Falle.
"Tja, das war wohl nichts, mein Freund." , sagte ich und baute mich vor ihm
auf. Mir gefiel die Situation unglaublich gut und es erinnerte mich an die Johnny-John-Aurorenromane,
die ich als Jugendlicher verschlungen hatte. Ich war ein Auror, mein Gegner
war mir unterlegen und ich besaß eine Sonnenbrille.
"He !", rief der Stollentroll, "ich geb`s ja zu..."
Das fand ich gut.
"... Ich bin der Zaubereiminister von Holland ! In geheimer Mission ! Inkognito
! Daher die Verkleidung ! Äußerlich sehe ich wohl aus wie ein ordinärer Stollentroll,
aber innerlich bin ich ein reicher Magier, ein hohes Tier, ein mächtiger Politiker...
Das ganze ist ein Täuschungsmanöver, verstehst du ?..."
Ich verstand, dass ich es hier mit einem Irren zu tun hatte. Vorsichtig näherte
ich mich dem kleinen Wesen und hob drohend meinen Zauberstab. "Rühr dich nicht,
oder ich muß von meinem Zauberstab Gebrauch machen !"
Da begann der Stollentroll zu heulen. "Buhuääähähähä....", schluchzte er, viel
zu laut, und die Tränen kullerten ihm über das Gesicht, "niemand mag mich. Alle
Menschen denken, ich wollte ihnen Böses tun, nur weil ich ein Stollentroll bin.
Jeder richtet seinen Zauberstab gegen mich, wenn er mich sieht. Und das nur,
weil ich ein Stollentroll bin. Buääääähhhhhähähähääää."
Das war nun wieder eine Situation, mit der ich gar nicht klar kam.
"Nun beruhig dich doch...", versuchte ich es und schaute mich um, ob schon Passanten
auf uns aufmerksam wurden. "Niemand hat etwas gegen dich." Das stimmte nicht.
"Es ist nur so, dass du nicht die Wahrheit gesagt hast-"
"Buähhhhhhhhhhhhhhhhhhähhhääääääähhh...."
"Wir wollten ja nur ein paar Informationen...", ich kam mir ein wenig lächerlich
vor, aber mir tat das Wesen plötzlich leid. Man hatte es ja auch nicht leicht,
ein Stollentroll zu sein. Und niemand konnte etwas dafür, als was er geboren
wurde...
"Ich gebe euch eure Informationen ja gerne. Aber ich will mich auch mit euch
unterhalten, ein paar kleine Späße machen -" er wischte sich die Tränen aus
dem Gesicht "niemand unterhält sich gerne mit einem Stollentroll, ich weiß das,
ich bin einer, aber ich sehne mich doch auch nur nach Freundschaft, Geborgenheit
... und so..."
Ich konnte das durchaus verstehen.
"Dann komm mal mit zurück in den Tropfenden Kessel, mein Partner wartet dort
noch...", meinte ich versöhnlich, "und dann reden wir mal bei einem Bier darüber."
"Danke.", schluchzte der Stollentroll gerührt, so dass es mir das Herz zerbrach.
Er war wirklich ein bemitleidenswertes Lebewesen, das ärmste Geschöpf das mir
jemals begegnet war. Wenn sie auch kleine Kinder in Wälder lockten - so taten
sie es doch nur in der Sehnsucht nach ein wenig Gesellschaft, nach Freunden.
Ich hatte volles Verständnis dafür. Wir gingen zurück in die Winkelgasse und
ich nahm meinen Zauberstab, um die Mauer zum Tropfenden Kessel zu öffnen.
"He," , versuchte ich ein kleines Gespräch mit dem Stollentroll, "weißt du zufällig,
den wievielten Stein von rechts man hier-"
"Kähähä !", hörte ich hinter mir und ich sah gerade noch, wie der Stollentroll
die Regenrinne eines nahen Gebäudes hochkletterte, mir zuwinkte und auf dem
Dach verschwand.
"Halt !", rief ich verdutzt, doch ich kam mir plötzlich ziemlich dumm vor und
hatte keine Lust, das kleine Biest noch weiter zu verfolgen.
Niedergeschlagen kehrte ich in die Schankstube des Tropfenden Kessels zurück.
Johnny John saß mittlerweile mit einem Bier an der Theke und unterhielt sich
mit dem Wirt. Er schaute auf, als ich den Raum betrat und fragte lächelnd: "Na
? War wohl nichts mit der Verfolgung, was ? Mach dir nichts draus, ist uns allen
schon passiert."
"Ich hatte ihn sogar in der Falle. Doch dann bekam ich plötzlich Mitleid mit
ihm, und ich dachte, er wäre nun umgänglich geworden und würde die Wahrheit
sagen..."
"...und dann ist er dir entwischt."
"Genau. War keine Glanzleistung, ich weiß."
"Wir haben oft versucht, ihn zu erwischen. Aber er lässt sich jedes Mal etwas
neues einfallen. Trotzdem können wir zufrieden sein. Wir haben drei Namen bekommen.
Das ist mehr als gewöhnlich."
"Aber die waren doch erstunken und erlogen..."
"Wir werden es trotzdem überprüfen.", erklärte Johnny John und stand von seinem
Platz auf, "Du musst wissen, das ein Stollentroll das verlogenste Wesen der
gesamten Welt ist. Es hat den Anschein, er arbeite für die Todesser - doch er
macht bei seinen Verleumdungen keinen Unterschied, er verrät jeden und führt
jeden in die Irre. Für Voldemort mag er nützlich sein. Doch ihm ist Voldemort
ganz egal, er lebt nur für sich und seinen Vorteil. Es macht ihm Spaß, Menschen
zu verraten und daher gehe ich davon aus, das zumindest einer von den Namen,
die er uns nannte, richtig ist. Wir sollten das also durchaus ernst nehmen."
"Weißt du denn die Namen noch ?", fragte ich, nur um etwas von meiner eigenen
Dummheit abzulenken.
"Ja, er sagte Dawson, Pawnes und Fisher."
"Er sagte aber auch Pawson und Dawnes...", erinnerte ich mich.
"Nein, er sagte Fawnes und Pisher. Das halte ich allerdings für Blödsinn. Niemand
heißt Pisher..."
John bezahlte den Wirt, für das Bier und für den Stollentroll. Dann nahm er
seine Sonnenbrille und drängt mich in Richtung Tür.
Nachwort:
Das war das fünfte Kapitel und ich hoffe, es war ein bisschen
interessanter als das vierte :-) Es tut mir ein bisschen Leid, dass ich dafür
ein Wesen aus Walter Moers´ fantastischem Roman "Die 13 ½ Leben des Käpt´n Blaubär"
ausleihen musste. Der Lexikoneintrag stammt komplett aus diesem Buch, der Stollentroll
ist seine Erfindung. Aber ich klaue ja auch schon bei Joanne K. Rowling, warum
also nicht auch in anderen Büchern - ist schließlich eine Fanfiction. (ich will
nämlich kein Geld dafür - nur ein paar Reviews, um es noch mal zu erwähnen)
Ich kann euch auf jeden Fall nur wärmstens empfehlen, mal "Die 13 ½ Leben des
Käpt´n Blaubär" zu lesen, falls ihr das nicht längst getan habt, der Stollentroll
und sein "Kähähä" sind nicht die letzte geniale Erfindung dieses Buches...
