Kapitel VIII: Von Füßen und Zähnen

Während Lupin hoch konzentriert sein eigenes Zelt zusammenbaute, steckten Snape und Minerva ihre vier Zeltstangen in den Boden, warfen die Zeltplane drüber und setzten sich völlig geschafft darunter. Wie sie da mit ausgestreckten Beinen, den Händen im Schoß, leerem Blick und leicht geöffnetem Mund da saßen, sahen sie aus wie zwei Gehirnwäschepatienten. Vor ihnen hätte eine Bombe hochgehen können und sie hätten nicht mal mit der Wimper gezuckt.

Als Lupin sich umdrehte, und sie so da sitzen sah, merkte selbst er, dass jetzt vielleicht nicht der günstigste aller Zeitpunkte war, um eine Lektion in Sachen Zeltaufbau zu halten. Es war schließlich noch hell, und wenn sie etwas fitter waren, würden sie sich das alles für morgen auch besser merken können.

Also beschloss er, den Gaskocher aus dem Rucksack zu holen und schon mal die Ravioli aus der Dose aufzuwärmen. Als die beiden Gehirnwäschepatienten jedoch merkten, dass etwas in Richtung Essen im Gange war, standen sie so schnell links und rechts neben Lupin, als wären sie appariert.

Lupin schmunzelte und holte die Dosen aus seinem Rucksack, außerdem einen Dosenöffner, Teller und Bestecke. Snape hatte ihn im Verdacht, für den Rucksack Magie zu benutzen, aber andererseits war es ihm ja auch nicht verboten. Er war ja kein Opfer der Frühjahrsmüdigkeit - ein Grund mehr, ihn nicht zu mögen.

"Sowas habt ihr noch nicht gesehen, was?", sagte Lupin und machte den Gaskocher an. "Das ist ein Gerät der Muggel, Gaskocher genannt. So ein Ding ist beim Zelten einfach unverzichtbar. Es ist klein, praktisch und funktioniert einfach überall - immer!"

Dass dies eine Fehlannahme war, zeigte sich schnell, als sich das Wetter zum zweiten Mal an diesem Tag gegen sie verschwor und einen weiteren Regenguss auf sie herabschickte. Und der war nicht von Pappe. Snapes und Minervas armseliges Zeltgebilde hab sofort den Geist auf, weswegen sie gezwungen waren, sich alle drei in Lupins Zelt zu quetschen, welches Gottseidank auch das größte war. Allerdings war es für drei Leute doch ziemlich eng, und jemand war gezwungen, seine Füße draußen zu lassen. Dieser Jemand war Snape.

Während er sich trockenen Kopfes Lupins Geschwätz über die Unvorhersehbarkeit des Wetters anhören musste, wurden seine Füße draußen patschnass geregnet, und er fand es sehr unverantwortlich von den beiden anderen, nicht wenigstens mal zu tauschen. Aber nach einer Viertelstunde konnten seine Füße eh nicht mehr nasser werden, und so fügte er sich, teils weil sie vor Kälte auch schon taub wurden und er die Nässe gar nicht mehr spürte. Ob das ein gutes Zeichen war, wusste er allerdings nicht.

Nach einer weiteren halben Stunde, in der Minerva sich hauptsächlich über ihr Rheuma und das feuchte Wetter beschwert hatte (und während der sie mindestens 15mal 'auch für Senioren geeignet' in einem sehr sarkastischen Tonfall einwarf), sah Lupin ein, dass es wohl für eine Weile nicht mehr aufhören würde, zu gießen.

"Sieht aus als würde es eine Weile feucht bleiben", erklärte er. "Macht nichts. Ich habe zwar den Gaskocher draußen stehen lassen, den man übrigens im Zelt eh nicht benutzen sollte, aber die Ravioli und den übrigen Kram habe ich dabei, und ich sage euch, kalt schmecken sie mindestens genauso gut!"

Damit öffnete er die Dosen und reichte jedem eine. Snape und Minerva stocherten angewidert in der kalten Pampe herum, fingen aber schließlich doch an zu essen. Wehmütig dachten sie an die großen Banketts auf Hogwarts - das schien Jahre hinter ihnen zu liegen.

Die Laune im Zelt wurde also nicht unbedingt durch diese 'Stärkung' gehoben und erreichte ihren Tiefpunkt, als Lupin verkündete, sie würden wohl alle drei hier schlafen müssen.

Snape hob den Zeltvorhang ein wenig, um zu sehen, ob seine Füße noch da waren. Das waren sie, aber sie sahen nicht sehr zufrieden aus. Wenn er hier übernachten würde müssen, dann würde jemand anders seine Beine hier raushalten müssen, und er wusste auch schon, wer.

"Meine Füße waren lange genug im Regen!", sagte er bestimmt. "Zeit zum Tauschen!" Er machte Anstalten, seine Füße einzuziehen, aber Lupin sah ihn entgeistert an.

"Aber die sind ganz nass!"

"EBEN!", sagte Snape. "Sie werden jetzt meinen Platz einnehmen!"

Lupin wollte etwas sagen, sah aber ein, dass er sowieso den Kürzeren ziehen würde und schickte sich umständlich an, mit Snape den Platz zu tauschen.

"Was macht ihr denn da?", fragte Minerva, die erst jetzt zu merken schien, was vor sich ging.

"Tauschen!", brummte Snape.

"Aber warum denn? Wir haben doch alle Platz! Wenn ich ein wenig rücke, geht das schon!" meinte sie hilfreich und rutschte ein ganzes Stück auf.

"Sie - Sie hatten - noch Platz??!" fragte Snape fassungslos.

"Klar!", sagte Minerva und klopfte auf die freie Stelle neben sich. "Kommen Sie!"

Resignierend zog Snape seine Füße ins Trockene und wünschte sich nichts sehnlicher als ein heißes Fußbad - oder ein Ganzkörperbad, wenn er schon am Träumen war.

Lupin sah sie beide an. "Na, wenn das jetzt geklärt ist, können wir uns ja lustigeren Dingen widmen!"

"Alles bloß das nicht", stöhnte Snape leise.

"Wir haben zwar kein Lagerfeuer, aber wir könnten uns doch ein paar unterhaltsame Geschichten erzählen! Ich habe da eine amüsante Anekdote auf Lager, wie ich meinen ersten Milchzahn verloren habe..."

"Ich schlaf draußen im Regen", sagte Snape und konnte nur mit Mühe von den anderen beiden daran gehindert werden, das Zelt zu verlassen.

"Wir könnten auch Flaschendrehen spielen - Dosendrehen wohl eher", schlug Lupin mit ungebrochenem Elan vor. "Zu wem die offene Seite zeigt, der ist dran!" Damit drehte er auch schon eine leere Raviolidose, und wie der Zufall es so wollte, zeigte sie genau auf Snape, der eben noch laut "NEIN!" geschrien hatte.

"Ich spiele nicht mit", sagte er.

"Severus - erinnern Sie sich noch, wie SIE Ihren ersten Milchzahn verloren haben?", fragte Lupin.

"Ich spiele nicht mit!", wiederholte Snape ärgerlich.

"Ach kommen Sie, Severus!", wandte sich Minerva an ihn und fügte etwas leiser hinzu "Der wird doch sonst nie Ruhe geben."

Snape knirschte mit den Zähnen. Lupin sah ihn erwartungsvoll an.

"Nein, ich kann mich nicht erinnern", sagte Snape.

Allgemeine Enttäuschung im Zelt.

"Oder... oder doch", gab er widerstrebend zu. "Ich bin mit dem Besen gegen einen Baum geflogen und habe gleich zwei verloren - zufrieden?!"

Lupin und Minerva kicherten hinter vorgehaltenen Händen, während Snape sauer die Dose nach draußen schmiss. "Ich bin müde!", sagte er.

"Also gut", meinte Lupin. "Minerva, wollen Sie nicht etwas zum Besten geben?"

"Oh, ich kann mich so gut erinnern wie ICH meinen ersten Milchzahn verloren habe!", plapperte die gleich los. "Dazu muss ich allerdings etwas ausholen, da haben sooo viele Faktoren eine Rolle gespielt. Es begann alles an einem Donnerstag, zu einer Zeit, wo man Zauberstäbe noch im Hausbetrieb herstellte..."

Snape seufzte auf und hörte sich mit gequältem Gesichtsausdruck Minervas Geschichte an, die (fast) mit dem Verlust ihres ersten Milchzahns (den sie "Milky" genannt hatte) begann und bei den Problemen mit der Fertigstellung ihrer dritten Zähne endete. Das dauerte so lang, dass selbst Lupin am Ende fix und fertig war, und nur noch müde "Bettzeit!" verkünden konnte.

Aufatmend legte Snape sich hin, und sein letzter Gedanke galt seinen langsam trocknenden Füßen ("Wenn ich mich erkälte, wird Lupin bezahlen"), als er auch schon unter Lupins lautstarkem Schnarchen und Minervas leisem Schnorcheln tief und fest eingeschlafen war.