Kapitel IX: Viel Wasser um nichts

Das erste, was sie am nächsten Morgen hörten, war das immer noch ununterbrochene Prasseln des Frühlingsregens. Snape versuchte, sich zu strecken, aber alles, was er bewegen konnte, waren sein linker kleiner Finger und sein rechter Fuß. Eingekeilt zwischen Minerva und Lupin hob er mühevoll den Kopf, um durch den Zelteingang nach außen zu sehen. Allerdings gab es nicht viel zu sehen, denn alles, was 10 cm vom Zelt entfernt war, verbarg sich hinter einem dichten Schleier von Wasserfluten. Snape fragte sich gerade, ob das Nässe war, was er da unter sich spürte, als Lupin mit einem Aufschrei hochfuhr, und gleich darauf auch Minerva.

"Was ist?!", fragte Snape entsetzt.

"Also ich habe geschrien, weil Lupin geschrien hat", sagte Minerva.

"Und warum haben Sie geschrien?", fragte Snape, an Lupin gewandt, der anscheinend nicht wusste, wohin mit sich.

"Wir haben keinen Graben gemacht!", rief er verzweifelt. "Und jetzt haben wir die Bescherung!" Er deutete auf den Zeltboden, auf dem das Wasser schon 5 cm hoch stand, und versuchte, es mit den Händen wieder hinauszuschaufeln, was sehr lächerlich aussah.

"Hören Sie doch auf!", sagte Snape ärgerlich. "Benutzen Sie mal Ihren Verstand! Uns ist es untersagt, Magie zu benutzen, man hat uns sogar unsere Zauberstäbe weggenommen..."

"Eine Frechheit ist das!", warf Minerva dazwischen.

"... aber Ihnen ganz sicher nicht!", fuhr Snape fort. "Albus würde nie so töricht sein und uns ganz ohne Magie losschicken! Also Schluss mit diesem albernen Gewedel und her mit dem Zauberstab!"

"Also, ich... ich weiß nicht... Albus hat gesagt, ich darf ihn nur in Notfällen benutzen!", zierte sich Lupin.

"UND DAS IST WOHL KEIN NOTFALL!?", brüllte Snape außer sich. "Wir sind patschnass!! Wenn wir uns erkälten, dann gnade Ihnen Gott!"

"Wir werden alle sterben!", jammerte Minerva im Hintergrund.

"Zauberstab! Sofort!", kommandierte Snape, und endlich gab Lupin nach und holte seinen Zauberstab aus dem Rucksack. Allerdings weigerte er sich strikt, ihn Snape zu überlassen und sprach selbst einen Trocknungszauber und einen Wasserabweisungsspruch aus.

"Na, Mädels? Ist doch schon viel freundlicher so, was?", meinte er dann so gutgelaunt wie eh und je und ging Snape und Minerva schon wieder ganz fürchterlich auf die Nerven.

"Nein!", sagte Snape. "Uns knurrt der Magen!"

"Ja, natürlich! Da wollen wir mal sehen, was wir noch so anzubieten haben..." Während Lupin in seinem Rucksack kramte, steckten Snape und Minerva die Köpfe zusammen und klagten sich gegenseitig ihr Leid.

"Das ist überhaupt nicht gut ür mein Rheuma!", ächzte Minerva. "Ich fühl's schon wieder in allen Knochen! Wie kann man nur einer Dame in meinem Alter so etwas zumuten? Das ist unverantwortlich!"

"Ganz meine Meinung", brummte Snape finster. "Und dieser ewig grinsende Idiot ist die Krönung von allem! Oh, wenn ich nur meinen Zauberstab hätte, ich wüsste, was ich täte..."

Sie verstummten sofort, als Lupin sich zu ihnen umdrehte, die Hände mit Broten beladen - aber nicht lange, da die beiden anderen sich sofort gierig darauf stürzten und Lupin gerade noch rechtzeitig seine Hände zurückziehen konnte, bevor die auch verspeist wurden.

Fünf Minuten lang hauten sie rein wie die (Wer)Wölfe, dann schleckten sie sich zufrieden die Finger ab, und Snape und Minerva waren mit vollen Bäuchen schon etwas gnädiger gestimmt.

Wie auf Kommando kam in diesem Moment die Sonne wieder heraus, und eine Minute später hörte auch der Regen auf.

"Hach, wie bestellt, nicht wahr, Kinder?", freute sich Lupin, trat ins Freie und breitete die Arme aus.

"Wenn der uns noch einmal Mädels oder Kinder oder dergleichen nennt", zischte Snape, "ich schwöre, ich werde ihn auf der Stelle..."

"Ruhig Blut", flüsterte Minerva und legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Noch diesen Tag und morgen, und dann sind wir wieder in Hogwarts."

"Ach, Hogwarts...", seufzte Snape und blickte mit verklärtem Blick in die Sonne. "Du scheinst so fern, und doch so nah in meinem Geist... Werde ich dich je wiedersehen...?"

"Husch!", rief Lupin und steckte seinen Kopf zu ihnen ins Zelt, so dass Snape in die Höhe fuhr und einen spitzen Schrei ausstieß. Lupin ignorierte das völlig und grinste sie beide enthusiastisch an.

"Die Nacktschnecken warten schon! Auf, auf!" Damit verschwand er wieder aus ihrem Blickfeld und ließ einen immer noch zu Tode erschrockenen Snape zurück, dessen Augen groß waren wie Untertassen und der sich schwer atmend die Hand ans Herz presste. Minerva beugte sich zu ihm und wedelte ihm mit der Hand vorm Gesicht herum.

"Sagen Sie mal, wenn Sie in Ihrem Alter schon so leicht zu erschrecken sind, dann können Sie sich aber nicht aufs Altwerden freuen!"

"Ich bin schon froh, wenn ich diese Tour hier überstehe", brachte Snape keuchend hervor, und Minerva stimmte ihm im Stillen zu.