Kapitel X: Mäh, ihr Schafe!

Sie hatten gerade etwa ein Drittel ihrer heutigen Route hinter sich gebracht, als ihnen wieder etwas in den Weg gestellt wurde - im wahrsten Sinne des Wortes. Nachdem sie die letzte halbe Stunde keuchend bergauf gefahren waren, kam nun endlich die wohlverdiente Erholung in Form einer steil abfallenden Bergetappe. Diese beschrieb einen Halbkreis und war ziemlich schlecht einsichtig. Darum ermahnte Lupin sie, ja Ausschau zuhalten ob ihnen jemand entgegenkäme, und wenn ja, Snape wisse ja jetzt wo die Bremse sei.

Snape wollte etwas erwidern, aber da hatte Lupin schon Gas gegeben und sauste vor ihnen den Hügel hinab. Snape fuhr sofort hinterher, während Minerva es etwas langsamer angehen ließ und, ängstlich die Bremse betätigend, im Schneckentempo dahineierte.

Snape hatte eine Mordswut auf Lupin, der ihm erstens sowieso aus Prinzip schon auf die Nerven ging, zweitens einfach nicht aufhören konnte mit diesem "Mädels" und "Kinder" und ähnlichem Schwachsinn, drittens schuld war an all dem und viertens wenigstens diese Anspielungen lassen könnte. Er hatte nicht gewusst, wo die Bremse war - na und?! Er war Meister der Zaubertränke und ein hoch angesehener Mann, wen scherte es ob er wusste, wo die Bremse eine Muggelgefährts war? Wäre er nicht gezwungen worden, hätte er sich niemals in einer Lage gefunden, wo er solch ein Wissen benötigte.

Ein paar kleine schwarze Wolken, die sich über seinem Kopf zusammengebraut hatten, hinter sich herziehend, fuhr er um die Kurve und war auf einmal sehr froh, jetzt zu wissen wo die Bremse war. Er musste sie nämlich so heftig betätigen, dass es quietschte und sich sein Hinterreifen ein wenig vom Boden abhob, und trotzdem fuhr er mitten in Lupin hinein, der mit seinem Fahrrad auf dem Weg gestanden hatte und jetzt in hohem Bogen über seine Lenkstange geschleudert wurde.

Anstatt sich zu entschuldigen, schrie Snape ihn an: "Spinnen Sie?! Was stehen Sie hier mitten auf dem Weg rum, und das direkt nach einer Kurve?! Haben Sie überhaupt-"

Weiter kam er nicht, denn Minerva, die sich inzwischen getraut hatte, die Bremse ab und zu loszulassen, kam mit einem "Huiii!"-Schrei um die Kurve gesegelt und krachte volle Kanne in Snapes Rad, woraufhin sie beide zu Boden gingen.

"WAS SOLL DAS?!" brüllte Snape. "WAS ZUM TEUFEL GEHT HIER VOR??!!"

"Ähm... Ich konnte nicht weiter fahren", meldete sich Lupin zu Wort, der sich aus dem Gebüsch, in das er gefallen war, befreit hatte und wieder zu ihnen stieß.

"Warum nicht?!", blaffte Snape und funkelte ihn böse an.

"Wegen - denen da." Damit wies er nach vorne, und wäre Snape nicht so sehr damit beschäftigt gewesen, sich über Lupin zu ärgern, hätte er es gar nicht übersehen können: Vor ihnen am Fuß des Berges und mitten auf dem Weg stand eine riesige Herde Schafe und graste.

"Oh, wie süß", sagte Minerva entzückt und näherte sich den Tieren.

"Süß?", fragte Snape entgeistert. "Die stehen ja mitten im Weg! Ich möchte auch noch mal heim, wenn's geht! Wie sollen wir denn an denen vorbei?" Finster rieb er sich den Knöchel, den er sich unter seinem Fahrrad eingequetscht hatte, als er gefallen war. Lupin stemmte die Hände in die Hüften und begutachtete die Lage. Die war in der Tat nicht einfach: Zu ihrer Rechten war der Fluss, der eine leichte Krümmung beschrieb, und zu ihrer Linken war der Berg, der ziemlich felsig war und somit keine gute Alternative bot.

Minerva war derweilen dabei, die Schafe zu streicheln. "Hach, was sind die nett!", rief sie aus.

Lupin leistete ihr Gesellschaft um die Situation besser einschätzen zu können.

"Vielleicht können wir uns ja irgendwie zwischen ihnen durchzwängen...", überlegte er.

Minerva stimmte ihm überzeugt zu. "Wenn wir sie ganz lieb bitten, machen sie sicher Platz für uns!", meinte sie im Brustton der Überzeugung und kraulte ein Schaf am Kinn. "Nicht wahr, du Süße?"

Das Schaf blökte einmal kurz und machte sich dann ans Weiterfressen. Lupin fühlte sich auf einmal sehr an "Ein Schweinchen namens Babe" erinnert, einen Muggelfilm den er vor Jahren mal gesehen hatte.

"Mäh, ihr Schafe!", sagte er zögerlich, als Snape neben ihn trat und ihn missbilligend ansah.

"Was reden Sie denn da?"

"Ach, das ist nur eine verzweifelte Maßnahme. Ich dachte, vielleicht wirkt es ja. Ist nur eine Zeile aus dem Film 'Ein Schweinchen namens Snape'... Äääh, ich meine 'Babe'!" Lupin errötete leicht, da das wirklich keine Absicht gewesen war, während Snape leise "Ha ha" knurrte und sich abwandte.

Lupin musste sich eingestehen, dass er auch nicht weiter wusste. Seufzend setzte er sich auf einen Stein und streckte die Beine aus. Minerva gesellte sich zu ihm, offenbar immer noch sehr angetan von den Tieren.

"Na, wenigstens Ihnen gefällt's", meinte Lupin lächelnd.

"Oh ja!", sagte Minerva und strahlte ihn an. "Wir können auch gleich weiter!"

"Ach?", sagte Lupin matt.

"Klar! Sind Sie soweit? Na dann wollen wir mal!" Damit wandte sie sich den Schafen zu und sprach direkt zu ihnen. "Mäh, ihr Schafe!", sagte sie, und Snape und Lupin starrten sie an als wäre sie nicht ganz dicht.

"Mäh, ihr Schafe", wiederholte Minerva, und alle, aber auch alle Schafe in der riesigen Herde sahen sie jetzt an. "Mäh, ihr Schafe, mäh, ihr Schafe

bleibet treu eurer Rasse, eurem Glauben, auch im Schlafe, auch im Schlafe! Mäh, ihr Schafe!" Es herrschte Totenstille, und nicht nur die Schafe sahen sie an, auch Snape und Lupin, und zwar mit ziemlich ungläubigen Gesichtern. Minerva fuhr ungerührt fort. "Wir würden gerne durch!", sagte sie freundlich, aber die Schafe rührten sich nicht vom Fleck. In ihrem Unversä¤ndnis und ihrer Verwirrung darüber, was vorging, vereint, steckten Snape und Lupin die Köpfe zusammen.

"Sie macht sich lächerlich!", raunte Snape aus dem Mundwinkel. "Was glaubt sie, damit zu erreichen?"

"Sie hat den Film auch gesehen", murmelte Lupin perplex. "Das wird nie was. Es reicht ja schon, dass ich mich damit blamiert habe."

Resigniert die Köpfe schüttelnd wandten sie sich wieder dem Geschehen zu - nur um in ein noch größeres Staunen zu verfallen. Die Schafe redeten mit Minerva! Aber sie alle sagten nur ein Wort, immer wieder und wieder.

"Wolf", machten die Schafe und schienen sich ein wenig enger zusammenzuballen gegen den unsichtbaren Feind.

"Wolf?", fragte Minerva etwas verwirrt.

"Wir sehen ihn nicht, aber wir riechen ihn", sagten die Schafe.

"Uuuups", sagte Lupin, und Snape sah ihn streng an. "Er hier ist der Wolf", sagte er und schob Lupin ein Stückchen vor.

"Severus!", zischte Lupin.

"Lassen Sie mich nur machen!", zischte Snape zurück und sprach wieder lauter zu den Schafen. "Er hat sich nur ein paar Tage lang nicht gewaschen - eine unangenehme Angewohnheit von ihm", sagte er kalt lächelnd und spürte, wie ihn warme, einlullende Genugtuung durchfloss.

"Das verzeihe ich Ihnen nie", flüsterte Lupin, spielte aber mit und setzte ein verlegenes Lächeln auf.

"Seht ihr? Er ist kein Wolf! Er hat Arme und Beine!" Damit hob Snape einen Arm von Lupin in die Höhe und ließ ihn wieder fallen. Die Schafe schienen sich leise zu beraten, während die drei Menschen gespannt dastanden und warteten. Dann ging eine einheitliche Bewegung durch die Herde und langsam, ganz langsam bildete sich ein Weg in der Mitte. Erleichtert atmeten alle drei auf.

"Halleluja", stöhnte Lupin, als sie ihre Räder rasch wieder aufrichteten und vorsichtig durch die Schafe fuhren.

"Sie sind mir was schuldig, Lupin!", rief Snape und grinste zufrieden.

"Einen Tritt in den Allerwertesten", murmelte Lupin leise, als er wieder vorausfuhr und heimlich versuchte, an sich zu riechen. Es würde wohl noch etwas dauern, bis sein üblicher Enthusiasmus zurückkehrte...