Kapitel XI: Der große Krach



Keiner von ihnen hatte ernsthaft erwartet, dass es reibungslos weitergehen würde; dass die nächste Katastrophe so nahe lag, hatte aber auch keiner gedacht.

Kurz vor Ende ihrer heutigen Tour schaffte Snape es, über einen spitzen Stein zu fahren. Zuerst dachte er sich nichts bei dem lauten Knall, den das mit sich brachte, aber er wurde schnell stutzig, als das Fahrgefühl plötzlich noch holperiger und ungemütlicher wurde als vorher.

"Lupin!", rief er und trat heftig in die Pedale - was schwerer ging als sonst - um ihn einzuholen. "Irgendwas stimmt nicht!"

Minerva, die hinter ihm fuhr, bemerkte es als erste. "Ihr hinteres Rad ist ganz platt, Severus!"

"Immer ich", stöhnte Snape und hielt an. Lupin kam zu ihm und begutachtete den platten Reifen. Snape war schon wieder stocksauer, weil er endlich Feierabend machen und seine müden Glieder entspannen wollte. Er konnte es gar nicht erwarten, dieses Ungetüm von Rucksack wieder loszuwerden - für immer!

"Ich hasse diese Tour!", platzte er heraus.

"Na, na", meinte Lupin. "Das ist doch keine große Sache. Für sowas haben wir doch einen Zauberstab dabei, und in Nullkommanichts sind Sie wieder startklar!"

"Wie schön", brummte Snape sarkastisch und sah zu, wie Lupin in seinem Rucksack nach dem Zauberstab kramte. Minerva stand daneben und wurde auch langsam ungeduldig. Ihr Rucksack machte ihr auch ganz schön zu schaffen.

"Wird's bald?", schnauzte Snape und verschränkte die Arme.

"Ääh, ich hab ihn bestimmt gleich!", versicherte Lupin und suchte noch eifriger - ohne Erfolg.

"So ein Mist!", rief er aus und sah verzweifelt zwischen den beiden hin und her. "Ich muss ihn irgendwo verloren haben unterwegs...! Oh nein, mein schöner Zauberstab, der war aus Buchsbaum und Meerschweinhaaren..."

Snape konnte nicht glauben, was er da eben gehört hatte. Seine Augen verengten sich gefährlich und er trat einen Schritt näher an Lupin heran. "Soll das etwa heißen, dass wir jetzt ohne Zauberstab unterwegs sind?!", zischte er leise und ging dann abrupt zum Schreien über: "IN DER WILDNIS - OHNE ZAUBERSTAB - MIT KAPUTTEM ... DINGSDSA??!!"

"Fahrrad!", half ihm Minerva auf die Sprünge.

"Ist doch ganz egal wie das blöde Ding heißt, weil ich sowieso niemals auf so eins steigen wollte und es auch besser gelassen hätte!", brüllte Snape und wurde ganz rot. "So ein Ding ist schon schlimm genug, vor allem wenn man drei Tage lang drauf sitzen muss und sich den Hintern wundscheuert, und dann auch noch einen Rucksack tragen muss, der sich anfühlt als wäre er mit Ziegelsteinen gefüllt..." Er senkte seine Stimme wieder zu einem hasserfüllten Flüstern: "Aber die Krönung - die Krönung... sind SIE!" Mit zitterndem Finger zeigte er auf Lupin. "Sie sind bei Weitem das Schlimmste - das ALLERschlimmste - was mir je widerfahren ist!" Er entschied sich wieder fürs Brüllen, so dass Lupin und Minerva zusammenzuckten: "ICH HASSE SIE!! ICH HASSE SIE UND IHRE BLÖDEN IDEEN ZU SOLCH BLÖDEN UNTERNEHMUNGEN AN SOLCH BLÖDEN ORTEN!!!"

Er holte tief Luft. Minerva versuchte, ihm aufmunternd auf den Rücken zu klopfen. "Severus... Beruhigen Sie sich -"

Aber sie kam im falschen Augenblick. Snapes Zorn war noch lange nicht versiegt. Wie ein Raubvogel fiel er jetzt über sie her: "Und Sie! Sie gehen mir auch sowas von auf die Nerven mit Ihrer rückgratlosen Ergebenheit! Und mit Ihrer grenzenlosen Ignoranz! Erst schaffen Sie es, nach 15 Minuten schon verloren zu gehen, weil Sie der ach so wichtigen Tätigkeit nachgehen mussten, Beeren zu pflücken, die auch noch UNGENIESSBAR WAREN, und dann langweilen Sie uns zu Tode mit Ihren ereignislosen ZAHNGESCHICHTEN! Glauben Sie ernsthaft, irgendwer interessiert sich für Ihr GEBISS?!"

Minerva hatte der Atem gestockt, aber jetzt hatte er sie auch in Rage gebracht. Mit hochrotem Kopf rang sie nach Worten, um ihrem Ärger Luft zu machen.

"Wer glauben Sie eigentlich, dass Sie sind?! Meinen Sie mir macht es Spaß, mit einem Verrückten und einem Miesepeter unterwegs zu sein?"

"V-v-verrückt?", stotterte Lupin dazwischen, aber die Blicke von Snape und Minerva brachten ihn schnell zum Schweigen.

"Seit wir losgefahren sind, sehe ich nur Ihr langes Gesicht!", wetterte Minerva weiter. "Nicht, dass das ein großer Unterschied zu Ihrem sonstigen Auftreten wäre, aber Sie geben sich ja überhaupt keine Mühe! Sie wollen nur meckern! Ich habe wenigstens noch versucht, ein bißchen Spaß bei dem Ganzen zu haben!"

"SPASS?!", schrie Snape. "Wie kann einem denn so eine Menschenschinderei auch noch Spaß machen?!"

Lupin sah hier den Punkt, seine Pflicht als Gruppenleiter zu erfüllen und dazwischenzugehen. "Mädels", sagte er. "Das bringt doch nichts..."

"NENN UNS NICHT MÄDELS!", brüllten Snape und Minerva gleichzeitig, um sich dann gemeinsam gegen den neuen Feind zu verbünden.

"Oh ja", sagte Snape in einem sehr geheuchelten freundlichen Tonfall. "Sie sind ja der einzige, der hier scheinbar Spaß dran hat! Natürlich, Sie hatten ja auch diese großartige Idee... Sie dachten wohl auch noch, Sie tun uns etwas Gutes, was? Ich sag Ihnen was, ich würde lieber eine Stunde unter dem Cruciatus stehen als so etwas nochmal zu machen! Und wenn, dann ganz bestimmt nicht mit Ihnen!"

"Genau!", sagte Minerva wütend, aber sie wusste nicht mehr so recht, wohin mit ihrer Wut, da Snape bereits alles gesagt hatte. "Und wie kommen Sie dazu, uns immerzu 'Mädels' zu nennen?!", fügte sie schließlich hinzu, stolz, dass ihr doch noch etwas eingefallen war. Das brachte wiederum Snape wieder so richtig in Rage.

"Ganz recht! Halten Sie uns für Weichlinge?! Ich bin seit Beginn der Tour in einen Brombeerstrauch gefahren, in einen Fluss gefallen, habe mir Ihre demütigenden Kommentare angehört, habe mir fast die Füße abgefroren, bin in einer Wasserlache aufgewacht und bin vom Fahrrad gefallen, weil Sie im Weg standen! Würde ein Weichling das alles aushalten?! Was würden Sie sagen?!"

Lupin starrte ihn mit offenem Mund an. Eine Weile passierte nichts. Dann erfüllte ein Schrei die Stille, der Snape und Minerva die Haare aus dem Gesicht wehte.

"WAS ICH SAGEN WÜRDE???!!", brüllte Lupin so laut, dass ein Schwarm Vögel aus einem 20 Meter entferntem Baum aufstob und sich schleunigst aus dem Staub machte.

Ein Stachelschwein, das zufällig in der Nähe war, stellte all seine Stacheln auf und blickte gehetzt um sich.

Ein Dieb, der im nächstgelegenen Dorf dabei war, in ein Haus einzubrechen, verließ dieses fluchtartig, weil er dachte, der Alarm wäre losgegangen.

"WAS ICH SAGEN WÜRDE?! Ich sage Ihnen, was ich sagen würde! Sie sind zwei GOTTVERDAMMTE MEMMEN, ALLE BEIDE!! Seit Beginn der Tour mache ich mich für Sie zum Affen, versuche, Sie von der Frühjahrsmüdigkeit abzulenken und Sie zu motivieren! Ich helfe Ihnen beim Packen, ich habe die Route ausgetüftelt, ich habe Ihnen die Zelte aufgebaut, und außerdem schleppe ich den SCHWERSTEN RUCKSACK! Und das OHNE MAGIE! Was würden SIE dazu sagen?!"

Kreideweiß vor Wut starrten sie sich alle Drei an.

Irgendwo fiel in China ein Reissack um.

"Okay, es reicht", sagte Lupin und begann, sein Fahrrad vorwärts zu schieben. "Auf der nächsten Wiese schlagen wir unser Lager auf."

Etwas belämmert folgten ihm Snape und Minerva. Zwischen sich hielten sie einen Abstand von drei Metern. Sie halfen alle drei mit, die Zelte aufzubauen, sprachen kein Wort miteinander, aßen schweigend ihre Brote und verzogen sich bei Einbruch der Dunkelheit alle in ihre Zelte.

Aber schlafen konnten sie lange nicht.