Kapitel XII: Hogwarts can wait

Alleine in seinem Zelt schmollte Snape noch lange vor sich hin. Die hatten ihm gar nichts zu sagen! Was fiel denen ein, sich über ihn zu beschweren, wo er doch die Strapazen dieser Reise wie ein Mann ertragen hatte? Wie ein Fels in der Brandung hatte er eine Demütigung nach der anderen über sich ergehen und sich überhaupt nichts anmerken lassen... Die brauchten ja nur ein Ventil, und natürlich musste er wieder dafür herhalten! Die wußten seine Selbstlosigkeit und seinen Mut gar nicht zu -

Ein ohrenbetäubender Donnerschlag sorgte dafür, dass er kerzengerade in die Höhe schoss und angsterfüllt nach oben blickte, obwohl da nur die Zeltdecke zu sehen war. Eine Minute blieb er so sitzen und wartete, dass sich seine Atmung wieder normalisierte, dann legte er sich langsam wieder hin. Über ihm fielen die ersten Tropfen vereinzelt auf die Plane, und der Donner grummelte verhalten.

In Erwartung eines weiteren Paukenschlags blieb Snape mit weit aufgerissenen Augen hellwach liegen und versuchte, sich vorzulügen, dass er das hier überhaupt nicht unheimlich fand, nachts so ganz allein in einem Zelt - bei einem Gewitter. Nein, er brauchte keine Gesellschaft, und er hatte auch kein Herzklopfen, und er fand den Gedanken, jetzt mit Lupin und Minerva dichtgedrängt in einer Ecke zu sitzen auch überhaupt nicht einladend...

Er hatte es fast geschafft, sich davon zu überzeugen, als der nächste Donnerschlag ihm fast das Trommelfell zerriss und er sich so schnell vor Lupins Zelteingang wiederfand, dass er sich fragen musste, ob nicht das Zelt zu ihm anstatt er zum Zelt gekommen war.

Darauf verschwendete er aber keine wertvolle Zeit, da es mit dem Regen jetzt erst richtig losging und er diesmal gerne trockene Füße behalten wollte. Ohne überhaupt zu fragen schlüpfte er in das Zelt - und stolperte fast über Minervas Beine.

"Hoppla - Verzeihung!"

"Ach, kein Problem, Severus", meinte die und klopfte einladend neben sich. "Hatten Sie auch Angst vor Schlangen?"

"Naja, äh, eigentlich, ääh... Also, ich hatte überhaupt keine Angst, ich bin nur..." Er brach ab und sah von Lupin zu Minerva und wieder zurück. Dann senkte er den Kopf: "Okay, es war der Donner. Sie - haben doch nichts dagegen...?", sagte er mit einem fragenden Blick zum Zeltbesitzer, aber der lächelte und schüttelte den Kopf als Snape sich setzte. Ein kurzes Schweigen hüllte sie ein, das erst vom Donner und dann von Lupin unterbrochen wurde.

"Hören Sie zu... Ich muss mich entschuldigen. Ich hab das vorhin nicht so gemeint. Ich finde gar nicht, dass Sie Memmen sind. Im Gegenteil, Sie haben das bisher alles vorbildlich gemeistert. Ich weiß, wie schwer es Ihnen gefallen ist, sich zu dieser Tour zu überwinden, und das rechne ich Ihnen auch hoch an." Er sah den beiden anderen nacheinander in die Augen. "Ehrlich, Sie machen das ganz prima. Wirklich."

Snape schluckte. Neben ihm fing Minerva an zu reden.

"Ich möchte mich auch entschuldigen, bei Ihnen beiden. Lupin, Sie sind kein Verrückter. Und Snape, Sie sind kein... ääh... naja, sagen wir, es macht mir nichts aus, dass Sie ein Miesepeter sind."

Snape sah ein, dass das das Beste war, was er kriegen konnte, und räusperte sich.

"Gut, mir, ääh... tut es auch leid. Ich war wohl nur etwas geschafft. Also, Lupin, ich weiß, Sie strengen sich an, und Minerva... äh... Sie auch." Entschuldigen war wirklich nicht sein Spezialgebiet.

Lupin strahlte in die Runde. "Na, Mädels, wäre das jetzt nicht das perfekte Timing für einen wunderschönen, langen Group Hug?"

"Nein!", sagten Minerva und Snape wie aus einem Mund.

"Na schön", meinte Lupin. "Mag jemand eine Geschichte erzählen?"

"Äh, ich könnte eine Geschichte über - eine von meinen Reisen erzählen...", meldete sich Snape zaghaft zu Wort.

"Natürlich!", schrie Lupin begeistert.

"Aber eine, die ich noch nicht kenne!", ermahnte ihn Minerva.

"Gut, schön, macht's euch bequem! Ich erzähle euch mal, was mir damals auf meiner Reise nach Transsylvanien zu meinem alten Familienfreund Vlad so alles passiert ist..."

Und als er weiter und weiter erzählte, und der Regen ihnen aufs Dach prasselte und der Donner nur noch leise grollte, musste Snape sich eingestehen, dass er das Ganze ziemlich gemütlich fand.

'Hogwarts kann warten', dachte er, und erkannte sich selbst nicht wieder.