Kapitel 4: Die Reiter der Apokalypse
„Noyn!"
Hastig ließ Sindbad einen weiteren Pin erscheinen und stellte sich breitbeinig hin, um einem weiteren Angriff besser widerstehen zu können. Misstrauisch blickte er den schwarzhaarigen, hageren Mann an, welcher sich früher mit ihm einen Kampf um Marrons (oder besser Jeannes) Gunst geliefert hatte. Auch Zen war erschrocken über das Auftauchen eines weiteren Dämonenritters.
Noyn erwiderte ihre Blicke mit seiner gewohnt stoisch-ruhigen Miene. Er saß einfach auf dem Ast und blickte Chiaki forschend an. Er sah nicht so aus, als hätte er Angst vor dem Pin oder dem Kreuz, aber er machte auch keine Anstalten anzugreifen.
„Noyn-sama!", erklang hinter ihm eine furchtsame Stimme. „Bitte lasst uns von hier verschwinden! Sindbad ist sehr stark geworden! Bringt Euch nicht in Gefahr!"
„Sei ruhig, Silk", entgegnete der Dämonenritter gelassen, ohne den Blick von Sindbad abzuwenden.
„Was ist?", fragte Sindbad angespannt. „Willst du etwa unseren alten Kampf um Marron wieder aufleben lassen, Noyn? Haben dir ihre Absagen bisher nicht gereicht?"
Einen Moment lang zeigte sich in den gefühllosen Augen Noyns so etwas wie Zorn, aber er wurde sofort wieder im Keim erstickt. Der Dämonenritter knurrte nur kurz und schwang sich vom Ast herunter. Elegant landete er auf dem Boden. Chiaki wurde fast vom Neid gepackt, als er sah, dass Noyn noch immer nicht gealtert war und seine alte Stärke und Vitalität bewahrt hatte. Hinter ihm flatterte Silk, sein Drache, nervös auf und ab. Er war ungefähr so nervös, wie sein Meister ruhig war.
„Ich bin nicht hier, um mit dir zu kämpfen, Adam", eröffnete Noyn. „Ich habe schon lange eingesehen, dass ich die Liebe dieser Reinkarnation von Jeanne nicht erringen werde."
Neben Sindbad entspannte sich Zen. Chiaki selbst jedoch blieb noch in Kampfstellung. Er hatte Noyn niemals getraut und er würde ausgerechnet jetzt nicht damit anfangen.
„Was willst du dann hier?"
„Dir meine Hilfe anbieten."
Beide, Zen und Sindbad, rissen überrascht die Augen auf. Damit hatte keiner von beiden gerechnet. Zen fasste sich als erster wieder.
„Lächerlich", schnaubte er. „Du bist schon seit Jahrhunderten ein Diener des Bösen! Wieso solltest du uns helfen?"
Noyn zögerte kurz. Dann straffte er sich. „Weil ich Marron nicht leiden sehen will", gab er zu. „Sie ist die Wiedergeburt der Frau, die ich liebte und ich hätte mit Freuden auch noch bis zu ihrer nächsten Reinkarnation auf sie gewartet." Kurz zeigte sich ein Lächeln auf seinen dünnen Lippen. „Denn dass sie rein genug sein wird, um ein neues Leben beginnen zu können, steht wohl außer Frage. Aber wenn Gottes Schmerz seinen Plan verwirklichen kann, dann stirbt die gesamte Menschheit... und mit ihr meine Chance, Jeanne jemals wiederzusehen."
„Und deshalb würdest du deinen Herrn verraten?", fragte Zen ungläubig.
„Würdest du sie denn nicht retten, wenn sie in Gefahr wäre und der Herr sie nicht mehr beschützen würde?", stellte Noyn eine Gegenfrage und der junge Engel verstummte. Dann hob er plötzlich die Augen zum Himmel und lauschte einer unhörbaren Stimme.
„Chiaki", sagte er fast abwesend. „Wirst du mit ihm auch allein fertig?"
„Klar doch. Aber warum?"
„Weil der Herr mich angewiesen hat, Marron und ihre Freunde zu ihrer eigenen Sicherheit zu ihm zu bringen." Zen sah Sindbad ernst an. „Dieses Angebot gilt auch für dich."
Chiaki grinste jungenhaft. „Und den ganzen Spaß hier unten verpassen? Kommt nicht in Frage!" Dann wich das Lächeln auch aus seinem Gesicht. „Beeil dich! Bring Marron und die anderen zu Gott. Ich werde versuchen, einen Weg zu finden, um Natsuki zu retten. Geh schon!"
Zen sah nicht sehr überzeugt aus, aber schließlich breitete er seine Flügel aus und erhob sich in die Luft. Er streifte Noyn noch einmal mit einem misstrauischen Blick, dann wandte er sich um und flog zurück zum Haus der Minazukis. Nun standen sich Noyn und Sindbad schweigend gegenüber. Als ihm klar wurde, dass Noyn nichts sagen würde, fing Chiaki wieder an zu reden.
„Wie soll deine Hilfe aussehen?"
„Ich könnte dir dabei helfen, Fynn Fish wiederzufinden, Sindbad", antwortete Noyn und überhörte Silks ersticktes Keuchen geflissentlich. „Ich bin ein Dämonenritter, also kann ich euch ohne Schwierigkeiten in den Garten Eden bringen. Wenn wir schnell genug sind, können wir sie herausholen und du bringst sie dann in Sicherheit. Wenn sie nicht mehr in der Gewalt von Gottes Schmerz ist, dann wird er es nicht wagen, die Erde anzugreifen, weil ihr seine Dämonenritter einfach auslöschen könntet."
„Seine?", hakte Sindbad nach. „Zählst du dich nicht mehr dazu?"
Noyn schnaubte. „Ich habe mich dem Bösen nur angeschlossen, um Jeanne wiedersehen zu können", entgegnete er abfällig. „Ich halte nichts davon, Menschen zu entführen, um Gott zu zwingen, das Ende der Welt einzuläuten."
Chiaki war noch nicht überzeugt. „Und wer sagt mir, dass du mich nicht sofort Gottes Nemesis auslieferst, wenn wir im Garten Eden angekommen sind?", wollte er wissen.
Noyn zuckte mit den Schultern. „Niemand. Aber du hast keine andere Chance, Fynn Fish zu retten. Oder wie willst du ohne mich ins feindliche Lager kommen?"
„Was? Du weißt, wie wir zu Fynn kommen können?", erklang Shinjis Stimme plötzlich hinter Chiaki, der erschrocken herumfuhr. Er hatte gar nicht gehört, dass der Junge sich wieder aus dem Haus gestohlen hatte.
„Shinji! Verdammt, wieso bist du nicht bei Zen?"
„Weil er mich hier vergessen hat, aber das ist ohnehin egal", erklärte Shinji. „Ich wäre ohnehin nicht mit ihm gegangen. Nicht ohne Fynn!"
Chiaki fluchte hingebungsvoll. „Ich habe wohl keine Chance, dir das auszureden, oder?", fragte er, obwohl er die Antwort bereits wusste. Shinji ließ sich nicht einmal herab, sie ihm zu geben.
„Bist du dir sicher, dass wir Fynn retten können?", wandte sich der Junge an Noyn. „Was passiert mit uns, wenn wir entdeckt werden?"
Das Gesicht des Dämonenritters behielt seinen gleichgültigen Ausdruck bei, aber seine Stimme war scharf, was seine Angst verriet: „Dann wirst du dir wünschen, wir wären nicht entdeckt worden!"
Shinji schluckte.
„Wir haben also keine andere Wahl, als dir zu vertrauen, was?", fragte Chiaki missmutig.
„Stimmt." Noyn deutete ein leichtes Lächeln an. „Das hättest du nicht für möglich gehalten, nicht wahr?"
„Aber Noyn-sama!", protestierte Silk noch einmal. „Ihr könnt euch doch nicht freiwillig in Lebensgefahr begeben! Was wird aus mir, wenn man Euch fängt?"
Der kleine Drache war nahe daran zu heulen. Noyn packte ihn so schnell am Hals, dass Chiaki zusammenzuckte. Noyn war schnell! Langsam kamen ihm Zweifel, ob er im Kampf mit dem Dämonenritter wirklich leichtes Spiel gehabt hätte.
„Ich tue, was mir passt, Silk!", zischte Noyn tödlich leise. „Versuche nicht, mich daran zu hindern, denn sonst wird es dir schlecht ergehen! Komm mit uns oder bleib, mir ist es gleich... aber misch dich nicht ein! Verstanden?"
„Ver...stan...den", röchelte der kleine Drache. Dennoch flossen einige Tränen über seine geschuppten Wangen, als Noyn ihn losließ und Chiaki nahm nicht an, dass das wegen der groben Behandlung des Dämonenritters so war.
„Also, kommt ihr jetzt mit mir oder nicht?", verlangte Noyn zu wissen. „Es ist eure einzige Chance, Fynn Fish zu retten, bevor die Apokalypse hereinbricht."
„Wir kommen", entschied Shinji ohne Zögern. „Ich lasse Fynn nicht im Stich!"
Chiaki seufzte. „Das habe ich kommen sehen", murmelte er. „Los, mach dein Tor auf, Noyn. Lass uns diese Sache schnell hinter uns bringen."
Wie geht es dir, Natsuki?, fragte die von überall zu stammen scheinende Stimme. Seit diesem grauenhaften Gespräch hatte Natsuki größtenteils geweint und zu Gott gebetet, er möge sie wieder nach Hause bringen. Dann war sie ruhiger geworden und hatte darüber nachgedacht, was dieser seltsame Mann, der sie hier festhielt, zu ihr gesagt hatte. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass er lügen musste. Sie vertraute ihren Eltern... und Shinji auch. Sie würden sie niemals so sehr hintergehen, also war sie sehr abweisend, als sie antwortete.
„Was wollen Sie?"
Mich erkundigen, wie es dir geht, wiederholte die Stimme. Aber wie ich sehe, hast du dich beruhigt. Das ist gut.
„Und was jetzt?", verlangte Natsuki zu wissen und setzte sich auf den Baumstamm, an den gelehnt sie die letzten Stunden verbracht hatte. „Wollen Sie wieder Lügen über meine Eltern oder meine Freunde verbreiten?" Sie lachte hart. „Was kommt als nächstes? Vielleicht, dass Miyako-san die Komplizin meiner Mutter, Verzeihung, Jeanne war? Oder dass Vater von zuhause weggelaufen ist, weil Großvater nicht wollte, dass er Dieb spielt?"
Und was wäre, wenn ich jetzt Ja sagen würde?, wollte die Stimme wissen.
„Dann würde ich sofort zu schreien beginnen!", rief Natsuki, die mühsam gesammelte Geduld verlierend. „Glauben Sie, Sie können mir jeden Blödsinn einreden? Hören Sie endlich auf, meine Eltern und Freunde grundlos zu verleumden und lassen Sie mich hier raus!"
Grundlos?, entgegnete die Stimme. Ich tue nichts Grundloses, Natsuki. Ich will nur, dass du begreifst, dass du sehr vieles über deine Eltern und Freunde nicht weißt.
„Dann liefern Sie mir Beweise!", schrie das Mädchen beinahe überschnappend. Dann verzog sie die Mundwinkel zu einem gehässigen Grinsen. „Aber das können Sie nicht, nicht wahr? Weil Sie sich das alles nur ausgedacht haben! Weil Shinji und meine Eltern mir solche Dinge niemals antun würden!"
Einen Moment lang blieb die Stimme stumm. Natsuki glaubte schon fast, sie hätte sich wieder zurückgezogen, aber dann meldete sie sich wieder. Stählerner Wille schwang darin. Na gut, entschied sie, wie du meinst. Ich wollte dir das nicht antun, aber da du darauf bestehst... sieh hin. Ich zeige dir die Leute, denen du so sehr vertraust.
Die Stimme verschwand. Aber dafür erschien dort, wo Natsuki vor ein paar Stunden das Bildnis von Fynn Fish gesehen hatte, eine glatte Fläche, auf der sich langsam ein Bild aufbaute. Es war, als würde man einen Monitor einschalten, der dann langsam heller wurde. Zuerst konnte Natsuki niemanden erkennen. Aber dann, als das Bild heller wurde, schlug ihr das Herz bis zum Hals.
Die beiden Männer auf dem Bild waren Kaiki Nagoya, ihr Großvater und der mysteriöse Mann, der sie entführt hatte! Wollte dieser Typ etwa auch ihren Großvater...?
„Großvater!", schrie sie. „Lauf weg! Schnell!"
Keine Sorge, entgegnete die Stimme. Ihm wird nichts geschehen. Sieh weiter zu.
„Warum sollte ich?"
Weil gleich noch jemand kommen wird, den du gut kennst.
Das machte Natsuki wider Willen neugierig und sie heftete ihren Blick wieder auf das Bild. Sie verfolgte, wie ihr Großvater mit diesem Mann redete und atmete erschrocken ein, als Zen auf der Bildfläche erschien. Natürlich wusste sie sofort, was die Flügel und der Heiligenschein zu bedeuten hatten, aber sie konnte es nicht glauben.
Aber ihr blieb beinahe keine Zeit, sich Fragen zu stellen, denn der Engel und dieser schwarze Typ sprachen bereits miteinander und sie hatte die Hälfte des Gesprächs schon wieder verpasst.
„Die wiedergeborene Fynn Fish?", fragte der Schwarzgekleidete grade und lachte. Natsukis Augen wurden groß. Die beiden sprachen über dieses Miststück, welches Shinji... sie schüttelte den Kopf. Nein, sie würde jetzt nicht ausrasten. Erst musste sie wissen, was das überhaupt sollte.
„...fürchtest du dich, weil du noch nicht genug Macht hast, um mich bannen zu können?", fragte der Entführer gerade grinsend. Der Engel jedoch ließ sich nicht beirren.
„Stimmt", sagte er. Er hatte eine angenehm klingende Stimme, wie Natsuki nebenbei feststellte. „Ich kann dich nicht besiegen. Aber das muss ich auch gar nicht. Dazu habe ich Verstärkung mitgebracht."
Die nächsten Sätze verstand Natsuki nicht richtig, weil sie so ruckartig Luft einsog, dass sie zu husten begann. Das war doch nicht möglich! Aber als sie wieder hinsah, war das Bild fast unverändert. Hinter dem Engel waren Shinji und ihr Vater Chiaki aufgetaucht! Und der Engel drückte Chiaki gerade etwas in die Hand... ein Kreuz. Was sollte das?
Das ist vor wenigen Minuten beim Haus deines Großvaters geschehen, ließ ihr Gefangenenwärter sie wissen. Ich würde dir empfehlen, jetzt gut hinzusehen.
Natsuki winkte unwillig ab. Sie sah schon so gespannt wie nur möglich auf das Bild, aber sie wollte auch etwas verstehen. Der Ton bei diesem... wie auch immer dieses Phänomen hieß, war nicht unbedingt laut.
„Fertig, Großmaul?"
Beinahe wider Willen musste Natsuki grinsen. Ihr Vater machte nie ein Hehl aus seinen Gefühlen, wenn ihm jemand nicht gefiel. Das war einer seiner sympathischsten Züge.
„Wie kannst du es WAGEN?" Natsukis Grinsen hielt an. Es tat ihr gut, diesen Muskelprotz, der sie entführt hatte, völlig aus der Fassung gebracht zu sehen. „Für diese Anmaßung werde ich dich leiden lassen! Und nach dir kommt der Engel dran!"
Im nächsten Augenblick erschlafften die Gesichtszüge des Mädchens. Der blonde Typ rannte auf ihren Vater zu. Sie wollte gerade nach ihm rufen, als etwas Überraschendes geschah: Chiaki hielt das Kreuz in die Höhe, welches ihm der Engel gegeben hatte und dann verwandelte er sich! Sie wusste auch sofort, in wen, da sie oft genug mit Marron und Miyako-san über diesen Mann gesprochen hatte. Ihr Vater hatte sich in Sindbad den Dieb verwandelt!
Der Schock war so groß, dass sie die ersten Sekunden des Kampfes nicht mitbekam. Die Stimme hatte Recht gehabt, dachte sie wie betäubt. Ihr Vater war ein Verbrecher gewesen. Tränen stiegen ihr in die Augen und sie schloss sie schluchzend. Sie wollte nicht sehen, was sich da abspielte.
Du solltest hinsehen, Natsuki, empfahl die Stimme aus dem Hintergrund. Manchmal ist es besser, wenn man etwas ganz durchleidet, als dass man es beiseite schiebt.
„Was verstehen Sie schon davon?", schluchzte Natsuki.
Mehr als du denkst, flüsterte die Stimme, während noch immer Kampfgeräusche zu ihr herüberhallten. Ich leide ebenfalls, Natsuki. Schon sehr, sehr lange. Und ich war gezwungen, dieses Leid bis jetzt hinzunehmen. Aber das hat mich stark gemacht. Und du kannst ebenfalls stark werden. Doch dafür MUSST du alles über deine Freunde wissen!
Natsuki schluckte und hob zögernd den Kopf. Sie wollte nicht sehen, was ihr Vater gerade machte, aber die Stimme klang so logisch, so verlockend... sie konnte nicht widerstehen. Sindbad hatte eben einen Schwerthieb des Muskelprotzes abgewehrt. Natsuki war so verwirrt, dass ihr nicht einmal auffiel, dass auf einmal beide Gegner bewaffnet waren. Dann ließ ihr Vater den Dolch fallen und nahm etwas aus dem Kreuz. Sein Gesichtsausdruck machte ihr angst.
Dann stürzte der Dieb sich auf ihren Entführer und hieb mit dem Kreuz gegen dessen Klinge. Der Schlag musste ungeheuer hart gewesen sein, denn der muskulöse Kerl zuckte zusammen. Im selben Augenblick rief ihr Vater das charakteristische „Schachmatt!" und stieß dem Typen etwas Kleines in die Brust.
Was dann kam, darauf war sie nicht vorbereitet. Sie keuchte erschrocken und riss die Hand zum Mund, als der Muskelprotz plötzlich in die Knie brach. Daraufhin begann er sich aufzulösen, bis nur noch ein Häufchen Staub von ihm übrig war. Vater hat den Kerl umgebracht!, schrie es in ihrem Kopf. Klar, sie hatte den Blonden auch nicht gemocht, aber Sindbad hatte ihn kaltblütig ermordet!
Nun weißt du es, Natsuki, teilte die Stimme ihr mit. Sie klang mitfühlend. Ich wollte dir das eigentlich ersparen.
„Warum? Warum hat er das getan?", fragte Natsuki mit bebender Stimme und senkte den Blick. Das konnte nicht sein! Ihr Vater war kein Mörder!
Das kommt vor, Natsuki, meinte die Stimme gelassen. Wenn ein Dieb entdeckt wird, darf er sich nicht fangen lassen. Dein Vater hat in seiner Vergangenheit oft kämpfen müssen... ebenso wie deine Mutter. Es tut mir Leid, dass du es von mir erfahren musst.
Die Stimme schwieg einige Zeit taktvoll, während Natsuki ungehemmt weinte. Es war ihr egal, ob sie dabei beobachtet wurde oder nicht. Ihr Welt war gerade im Chaos versunken. Marron, Chiaki... die Menschen, denen sie am meisten vertraut hatte, waren Verbrecher und ihr Vater hatte vor ihren Augen jemanden getötet.
Du solltest noch einmal auf das Bild sehen, Natsuki.
„Ich habe genug gesehen."
Du solltest es dennoch tun. Sie sprechen über jemanden, den du kennst.
Widerwillig hob Natsuki den Kopf und wischte die Tränen aus den geröteten Augen. Sie musste ein paar Mal blinzeln, aber in der Zwischenzeit hörte sie einige interessante Worte. Sie kannte die Stimme. Es war Shinji.
„...sicher, dass wir Fynn retten können?", fragte er gerade. „Was passiert mit uns, wenn wir entdeckt werden?"
Schon wieder diese Fynn! Natsuki hätte nicht gedacht, dass ihr Herz noch schwerer werden könnte, aber sie fühlte einen weiteren Stich. Jemand, den sie nicht kannte, antwortete dem Jungen gerade: „Dann wirst du dir wünschen, wir wären nicht entdeckt worden!"
Nun sah Natsuki wieder einigermaßen klar. Chiaki – nein, Sindbad, verbesserte sie sich düster – stand neben Shinji vor einem Mann, der so ähnlich gekleidet war wie der Muskelprotz, allerdings wirkte er wesentlich eleganter. Der kalte Blick war jedoch bei beiden gleich.
„Wir haben also keine andere Wahl, als dir zu vertrauen, was?", fragte Sindbad den Mann.
„Stimmt." Jetzt grinste der schwarzgekleidete Typ leicht. „Das hättest du nicht für möglich gehalten, nicht wahr?"
Kannte ihr Vater diesen Kerl etwa? War er jemand, den er von früher kannte?
„Aber Noyn-sama!" Jetzt erst sah Natsuki das seltsame Wesen, das um den eleganten Mann herumflog. Es sah ein bisschen aus wie eine Echse, aber das kümmerte sie momentan nicht. „Ihr könnt euch doch nicht freiwillig in Lebensgefahr begeben! Was wird aus mir, wenn man Euch fängt?"
Das Wesen hatte kaum ausgesprochen, als es von dem Mann am Hals gepackt wurde. Er wirkte ziemlich brutal, aber Sindbad und Shinji taten nichts, um ihm Einhalt zu gebieten. Vielleicht ist der Mann ein Komplize von Sindbad, tauchte ein Gedanke in Natsukis Kopf auf, obwohl sie eigentlich lieber nicht darüber nachgedacht hätte. Ihr Vater war vorhin auch nicht zimperlich gewesen...
„Ich tue, was mir passt, Silk!", zischte der Mann kaum mehr verständlich, aber der Blick, den er dem Wesen zuwarf, drückte genug aus. „Versuche nicht, mich daran zu hindern, denn sonst wird es dir schlecht ergehen! Komm mit uns oder bleib, mir ist es gleich... aber misch dich nicht ein! Verstanden?"
„Ver...stan...den", röchelte das Wesen und Tränen flossen ihm über die Wangen. Tut doch was, flehte Natsuki stumm. Helft ihm doch!
„Also, kommt ihr jetzt mit mir oder nicht?", verlangte der Typ zu wissen und ließ das Wesen abrupt los. „Es ist eure einzige Chance, Fynn Fish zu retten, bevor die Apokalypse hereinbricht."
Fynn Fish! Der Name allein reizte Natsuki bis aufs Blut! Dachte denn keiner an sie? War Shinji wirklich nur von dieser Person besessen? Bitte, dachte sie, hilf mir und nicht diesem Flittchen, Shinji. Ich liebe dich, nicht sie.
„Wir kommen", entschied Shinji. Das Gebet hatte ihn anscheinend nicht erreicht. „Ich lasse Fynn nicht im Stich!"
Natsuki fühlte, wie auch ihr letzter Widerstand davon gespült wurde, der ihrer Tränenflut bisher Einhalt geboten hatte. Den letzten Satz ihres Vaters hörte sie schon nicht mehr. Erst Chiaki und Marron, und jetzt auch noch Shinji. Gab es denn wirklich niemanden, der ehrlich zu ihr gewesen war? Am liebsten wäre sie in diesem Moment gestorben.
Es tut weh, nicht wahr, Natsuki?, meldete die Stimme sich wieder zurück. Ich weiß das. Willst du meinen Trost, Mädchen, meine Kraft? Wenn du dich mir öffnest, dann kann ich dir alle Kraft geben, die du brauchst. Dann wirst du Rache nehmen können.
Aber das Mädchen antwortete nicht. Es saß an den Baumstamm gelehnt da und starrte geistesabwesend vor sich hin. Nur die bitteren Tränen, die von Zeit zu Zeit über ihre Wange liefen, zeugten von ihren düsteren Gedanken. Gottes Schmerz sah, dass er Natsuki noch mehr Zeit lassen musste.
Ich lasse dich jetzt allein, Natsuki, teilte er ihr mit. Aber wenn du meine Kraft brauchst, musst du mich nur rufen. Nenne mich... Nemesis, und ich werde kommen und dir beistehen.
Dann war die Stimme verschwunden.
„Wo sind wir hier, Marron?", fragte Miyako. Sie zitterte zwar nicht und auch ihre Stimme klang einigermaßen fest, aber ihre hastigen Blicke zeugten doch von einer gewissen Nervosität. Nun, das war verständlich, nachdem sie von demselben Energiestrahl wie dem, der Marron und die Engel vor Jahren zu Gott gebracht hatte, an denselben Ort transportiert worden waren. Marron ließ ihre Augen schweifen und kostete die Schönheit von Gottes Palast aus. Auch wenn ihre Sorgen dadurch nicht geringer wurde... hier oben fühlte sich alles besser an.
„In Zens Heimat", antwortete sie und blickte den Engel an. „Stimmt's?"
„Nun ja", meinte dieser und räusperte sich. Es war das erste Mal, dass Marron ihn nervös sah. Er sah ziemlich süß aus. Fast so wie Chiaki, als er noch ein Teenager gewesen war. „Normalerweise dürfen nur die Erzengel diese Räume betreten. Es ist das erste Mal, dass ich hier bin."
„Das beantwortet aber nicht die Frage", stellte Yamato fest und betrachtete interessiert die hohen Säulen, die Stuckverzierungen und die langen Vorhänge. Er hatte noch immer nicht begriffen, wo sie waren. „Könntest du nicht konkreter werden?"
„Kommen Sie mal hierher", empfahl Seijuro, der zusammen mit seiner Schwester an dem Fenster stand, welches die Erde zeigte. „Dann sehen Sie's."
Yamato warf einen Blick durch das Fenster und Verständnis glomm in seinen aufgerissenen Augen. Er schluckte mühsam, blickte zu Marron, die ihm lächelnd zunickte und sagte dann ein ziemlich verwirrtes: „Aha." Beinahe hätte Marron losgelacht, aber sie beherrschte sich.
„Heißt das, wir sind hier im Himmel?", fragte Miyako ehrfürchtig und besah den Raum auf einmal viel genauer. „Hier leben also die Engel?"
„Nicht alle Engel", widersprach Yumemi, die wieder zur Gruppe getreten war. „Schwarzengel und Grundengel müssen meistens auf der Erde Gutes tun, bis sie zu Himmelsengel wie Zen hier werden. Und nur die Himmelsengel, die zu Erzengeln aufgestiegen sind, dürfen diese heiligen Räume betreten." Beinahe heiliger Eifer zeigte sich auf dem Gesicht des Mädchens und ihre Neugier war nicht zu übersehen.
„Meinst du, wir werden IHN wiedersehen, Marron?", fragte Seijuro. Auf seinem Gesicht stand genau die gleiche Spannung geschrieben wie bei seiner Schwester.
„Deshalb sind wir hier, denke ich", bekräftigte diese. „Oder, Zen?"
Dieser nickte. Er wurde sichtbar immer nervöser und er hüstelte. „Ja. Aber ich verstehe nicht, warum wir so lange hier warten müssen."
„Vielleicht macht Gott grade ein Mittagsschläfchen", meinte Yamato, aber sein Witz blieb ziemlich erfolglos.
„Vielleicht möchtest du dich ja persönlich vom Gegenteil überzeugen, Yamato Minazuki?", erscholl eine trockene Stimme plötzlich. Alle blickten wild um sich, aber Zen bemerkte den Sprecher als ersten.
„Meister Rill-sama!", rief er aus und kniete nieder.
„Wer?", flüsterte Miyako Marron zu.
„Einer der höheren Erzengel", gab diese zurück und erfreute sich einen Moment an Miyakos blasser werdendem Gesicht. Dann wurde sie wieder ernst. „Verzeiht", wandte sie sich an den Erzengel, welcher ihr die geschlossenen Augen zuwandte. „Dürfen wir mit Gott sprechen? Ich muss wissen, wie es meinem Mann und meinem Kind geht."
Hinter ihr sogen Miyako und Yamato erschrocken Luft ein, aber keiner achtete darauf.
„Er erwartet euch bereits", verkündete der Erzengel und deutete auf den Gang, in dem er erschienen war. „Kommt bitte mit. Er freut sich schon sehr auf dich, Marron."
„Warst du etwa schon einmal hier, Marron?", fragte Zen völlig überrascht. Ein Hauch von Ärger zeigte sich auf seinem Gesicht. „Warum hast du mir das nicht gesagt?"
„Ich nahm an, du wüsstest es. Es ist kein Geheimnis."
„Können wir jetzt endlich gehen?", wandte Seijuro ungeduldig ein. „Marron will bestimmt so schnell wie möglich zu Gott." Das „Und ich auch" klang nach, obwohl er es nicht aussprach.
„Sei nicht so ungeduldig", wies Rill ihn zurecht. „Nicht jeder darf überhaupt zu Gott." Als der Junge den hochroten Kopf senkte, winkte der Erzengel den anderen. „Aber du hast Recht, wir sollten den Herrn auch nicht warten lassen."
Als sie den Gang entlang schritten, schwiegen alle. Jeder hatte über einiges nachzudenken, sei es die ganze Situation bei Miyako und Yamato, die eng beieinander blieben oder die Aussicht auf ein weiteres Gespräch mit Gott bei Seijuro und Yumemi. Marron hingegen war mit ihren Gedanken bei Natsuki und Chiaki. „Ich versuche, Natsuki zu retten", hatte ihr Mann Zen mitgeteilt. Das konnte nur bedeuten, dass er in das Reich von Gottes Nemesis eindringen wollte. Sie hoffte, dass er noch damit wartete, bis sie mit Gott gesprochen hatte. Vielleicht konnte sie ihn überreden, Chiaki zu helfen.
Willkommen, drang auf einmal Gottes mächtige, aber sanfte Stimme in ihre Gedanken. Sie schaute auf. Hier hatte sich seit ihrem letzten Besuch nichts verändert. Noch immer war der Saal riesengroß und mit allem möglichen Stuck verziert. Aber das wirklich beeindruckend war noch immer die Pyramide am anderen Ende des Saals, über der eine pulsierende Energiekugel schwebte. Sie waren wieder bei Gott.
„DAS ist Gott?", fragte Miyako ungläubig und schlug sich daraufhin sofort die Hand vor den Mund. Sie fürchtete schon fast einen strafenden Blitz, aber nichts derartiges kam. Auch Yamato sah die Energiekugel ziemlich ungläubig an. Zens Blick hingegen war ehrfürchtig. Er neigte den Kopf, um seine Verehrung kundzutun. Gott wollte nicht, dass man vor ihm niederfiel, das hatte er Marron einmal mitgeteilt, aber gegen dieses Zeichen des Respekts hatte er nichts einzuwenden.
„Ja", flüsterte er. „Das ist der Herr."
Marron, erklang die Stimme wieder und alle hörten sie deutlich in ihrem Kopf. Es ist lange her, seit wir uns so nahe waren. Es ist schade, dass es wegen eines solchen Ereignisses geschehen muss.
„Ja", stimmte Marron zu. „Aber warum hast du uns hierher holen lassen, Gott?"
„Darf sie das?", wandte sich Yamato mit bleichem Gesicht an Rill. „So vertraut mit Gott sprechen, meine ich?"
„Niemand hat mehr Recht dazu als sie", entgegnete der Erzengel, während er mit geschlossenen Augen dem Gespräch folgte. „Denn sie ist sein liebstes Kind."
Weil ich euch, insbesondere dir, einige wichtige Dinge mitteilen muss, fuhr Gott inzwischen fort. Es war schwierig, aus seiner Stimme Emotionen herauszuhören, aber jetzt klang eindeutig Trauer darin. Es geht um Natsuki, Marron.
„Ist ihr etwas passiert?", platzte Seijuro hervor, wofür er sich einen Rippenstoß von seiner Schwester einhandelte.
„Bist du verrückt?", zischte sie ihm zu. „Gott redet mit Marron, nicht mit dir."
Sei nicht so streng mit ihm, Yumemi, hörten sie gleich darauf Gottes Stimme mit einem Hauch von Spott. Du sorgst dich doch ebenso sehr um sie wie er, nicht wahr? Versuche nicht es abzustreiten.
Das Mädchen wurde rot und senkte den Kopf. „Ja", murmelte sie. „Natürlich."
„Herr", wandte sich Rill an Gott. „Die Zeit schreitet voran."
„Wieso? Was wird passieren, Rill-sama?", fragte Zen seinen Lehrmeister. Er sah nervös aus. „Wird etwa...?"
„Lass es den Herrn erklären, Zen", wies ihn Rill zurecht.
Du weißt, wo sich Natsuki momentan befindet? fragte Gott Marron, als hätten die beiden gar nichts gesagt.
„Ja", bekannte diese. Allmählich keimte Furcht in ihr auf. Was verheimlichte Gott vor ihr? „Im Garten Eden. Bei deinem Schmerz, den du von dir abgespalten hast." Wegen mir, dachte sie.
Richtig. Aber du weißt nicht, was dieser Teil von mir gerade mit Natsuki macht. Gott machte eine Pause. Er versucht, deiner Tochter einzureden, ihr alle hättet sie betrogen. Und wenn sie ihrem Hass nachgibt, dann kann er ihren Körper übernehmen und die Erde betreten.
„Und was würde dann geschehen?", fragte Yamato beunruhigt.
„Die Apokalypse", antwortete Rill an Gottes Stelle. Er senkte den Kopf. „Das Ende der Welt und der Menschheit. Wenn Gottes Schmerz die Erde betritt, wird er alles Leben auslöschen."
„Aber warum?", wollte Miyako schockiert wissen. „Was haben wir ihm getan?"
„Nichts." Diesmal antwortete Zen. Er sah aus, als male er sich gerade jeden möglichen Schrecken in Gedanken aus. „Aber seine Qualen werden nicht enden, bis er stirbt. Und das ist nur möglich, wenn die gesamte Menschheit stirbt, weil sie Gott und ihm die Kraft gibt. Ohne sie verliert Gottes Schmerz all seine Kraft und wird vergehen,... ebenso wie Gott. Das will er erreichen."
„Und er hat Natsuki gewählt, weil Marron und Chiaki nicht gegen sie kämpfen würden", führte Yumemi den Gedanken zu Ende.
„Und nur sie könnten Gottes Schmerz vielleicht besiegen", ergänzte Seijuro.
„Gott", sagte Marron mit zitternder Stimme. „Kannst du denn gar nichts tun, um mein Kind zu retten?"
Nein, das kann ich nicht, Marron. Ich kann nicht gegen mich selbst kämpfen. Aber noch gibt es Hoffnung. Chiaki versucht gerade zu tun, was ich nicht kann.
„Heißt das, er kann Natsuki retten?" Hoffnung breitete sich auf Marrons Gesicht aus wie Sonnenstrahlen am Morgen. „Kann er sie zurückholen?"
Vielleicht. Diesmal klang Gott unsicher. Er könnte es schaffen. Aber wenn nicht, dann werden er, Shinji und der Dämonenritter Noyn ebenso Gefangene meiner Nemesis sein.
„Shinji?" Miyako riss die Augen auf. „Mein Junge ist ebenfalls dort?"
„Das ist viel zu gefährlich!", protestierte auch Yamato. „Er soll sofort hierher kommen!"
„Das ist nicht möglich", wandte Rill ein. „Sie sind bereits in den Garten Eden eingedrungen. Dorthin können wir ihnen nicht folgen."
„Können wir denn gar nichts tun, um ihnen zu helfen?", fragte Marron mit Tränen in den Augen. Sie wollte nicht noch mehr Freunde verlieren.
Nein, antwortete Gott bekümmert. Aber ich kann euch zeigen, wo sie sich momentan befinden.
„Aber wenn Ihr den Garten Eden sehen könnt", wunderte sich Seijuro, „wieso könnt Ihr dann nicht dorthin gehen?"
Weil mein Schmerz es nicht zulassen würde. Er kann mich sehen, wie ich ihn sehen kann, aber wenn einer von uns das Reich des anderen beträte, würden wir kämpfen müssen. Und es wäre nicht sicher, wer von uns gewinnen würde. Deshalb habe ich einen Schild um den Garten Eden geschaffen, der ihn drinnen hält... zumindest seine reine Form. Aber in Verbindung mit einem Menschen könnte mein Schmerz die Erde betreten, so wie auch Dämonenritter, die ja halbe Menschen sind, den Schild durchdringen können.
„Zeig es uns, bitte", flüsterte Marron, obwohl sie wusste, dass das, was sie sah, ihr nicht gefallen würde. „Ich muss es wissen.
Wie du willst.
Wie bei Natsuki schien die Luft kurz zu wabbern und dann erschien ein Bild darin. Es zeigte im ersten Augenblick einen dichten Wald, der jedoch bei aller Pracht etwas Störendes aufwies, einen... Makel. Als würde etwas Unsichtbares die Schönheit verdecken. Die Präsenz von Gottes Schmerz, der das Paradies für alle Zeit zum verfluchten Ort machte.
Dann erschien eine düstere Gestalt im Bild, die unwirsch einen Ast beiseite bog. Ihre Augen waren goldgelb und das schwarze Haar hing in langen Strähnen in das finstere Gesicht. Der nachtschwarze Umhang war zwar an einigen Stellen zerrissen, verlieh der Gestalt aber dennoch etwas Unheimliches.
„Wer ist das?", wollte Yumemi wissen.
Miyako runzelte die Stirn. „Also, irgendwo hab ich diesen Typen schon mal gesehen, aber ich weiß beim besten Willen nicht, wo."
„Seit wann gibst du dich mit derart finsteren Gestalten ab, Schatz?", fragte Yamato. Vermutlich machte er Witze, um bei Verstand zu bleiben. Niemand ertrug so viele Überraschungen an einem Tag. „Das ist doch viel zu gefährlich für eine schwache Frau wie – aua!"
Miyako nahm ihre Hand wieder von Yamatos Kopf. „Ich habe noch nicht verlernt, wie man sich Gehorsam verschafft, Yamato", bemerkte sie. „Denk ja nicht, dass ich völlig gezähmt bin, auch wenn ich dich nicht mehr täglich verprügle."
„Schon kapiert", entgegnete ihr Mann grinsend. „Aber wenn ich dich frage, ob du den Typen attraktiv findest, bekomme ich zwei Meter Vorsprung, ja?"
Miyako schnaubte, halb amüsiert und halb verärgert.
„Das ist Noyn", half Rill Miyako aus. „Er war früher ein General in Jeanne d'Arcs Armee, bevor er seine Seele dem Teufel verkaufte." Eine seltsame Wehmut klang aus der Stimme des Erzengels, aber keiner achtete darauf. „Er liebte Jeanne so sehr, dass er sie unbedingt wiedersehen wollte... auch wenn das bedeutete, dass er zum Dämon werden und 500 Jahre auf ihre Reinkarnation warten müsste."
Yumemi riss die Augen auf. „Und mit dem Typen gibt Nagoya-sama sich ab?", fragte sie ungläubig. „Wieso traut er ihm?"
„Weil er Jeanne immer noch liebt", antwortete ihr Marron leicht gerührt. „Er wird nicht zulassen, dass ihr oder ihrer Tochter Leid geschieht."
„Aber kann man ihm denn wirklich trauen?", hakte Zen nach. Der Engel hatte sein Misstrauen noch immer nicht abgelegt. „Immerhin ist er ein Dämonenritter!"
„Das heißt nicht, dass er deshalb ein Versprechen bricht, Zen", entgegnete Rill befremdend scharf. „Er wurde aus Schmerz zum Dämonenritter, nicht wegen seiner Bösartigkeit!"
Beruhige dich, Rill, befahl Gott. Wir werden uns später mit Noyn beschäftigen.
„Natürlich, Herr", antwortete Rill zerknirscht und senkte leicht den Kopf.
„He, da ist Shinji", unterbrach Seijuro das Gespräch. „Er ist wirklich mitgegangen!"
„Hoffentlich passiert ihm nichts", murmelte Miyako und faltete ihre Hände zum Gebet. Dann kam ihr ein Gedanke und sie sah Gott an.
Ich kann nichts für ihn tun, Miyako Minazuki, entgegnete dieser bedauernd. Würde ich ihm zu Hilfe eilen versuchen, würde ihn mein Schmerz sofort entdecken und töten.
„Mein armer Junge!", rief sie und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Yamato legte ihr tröstend den Arm um die Schulter, aber er sah selbst nicht sehr sicher aus. Die Ausführung, dass Gott nicht völlig allmächtig war, hatte ihn offenbar schwer getroffen. Dann erschien auf dem Bild die letzte Gestalt und er wurde blass.
„Sindbad...", flüsterte er ungläubig. „Das ist... Kaito Sindbad! Was macht DER denn dort?"
„Yamato?", fragte Marron seufzend, während die drei Figuren sich weiter durch den Wald bewegten. „Bist du bereit, ein weiteres Geheimnis zu erfahren?"
Chiaki brummte unzufrieden vor sich hin. Vor ihm stapften Noyn und Shinji einfach so durch diesen Urwald, als ob nichts wäre und nach ihm selbst schien jeder einzelne Zweig zu greifen! Klar, der Dämonenritter war diese Umgebung vermutlich gewohnt und Shinji dachte momentan an andere Dinge (momentan? Er hatte seit 15 Jahren nichts anderes im Kopf als Natsuki!), aber dass sie einfach so unberührt und ohne Klagen durch das Dickicht marschierten, reizte ihn bis aufs Blut. Nur Silk, der schweigend und anscheinend tiefunglücklich hinter seinem Herrn herflatterte, hatte solche Probleme wie er. Wenigstens etwas.
Dennoch ertrug er alles klaglos, teils, um nicht die Aufmerksamkeit von Gottes Schmerz auf sich zu ziehen und teils, weil nicht er, der unbesiegbare Sindbad derjenige sein wollte, der wehleidig tat. Immerhin hatte auch er seinen Stolz. Aber langsam fragte er sich, ob Noyn sie nicht doch einfach so zum Spaß durchs finsterste Unterholz führte, um sich an ihm für früher zu rächen. Es wäre ihm zuzutrauen.
„Wo, glaubst du, werden wir Natsuki finden?", fragte er beiläufig, während er einen Ast zur Seite schob. Was hatte Gott nur an einem solchen Gestrüpp so toll gefunden?
„Ich weiß es nicht", gab Noyn zurück. Seine Stimme klang völlig neutral, als handle es sich hier um einen Sonntagsausflug. „Ich denke aber, dass Gottes Schmerz sie auf einer Lichtung, abgeschieden von den anderen entführten Menschen, gefangen hält. Und solche gibt es nicht viele."
„Wieso?", wunderte sich Shinji und stieg über eine große Wurzel. „Der Wald hier muss doch groß genug sein, oder?"
„Aber es sind auch sehr viele Menschen entführt worden", entgegnete Noyn gelassen. „Wenn Gottes Schmerz Fynn Fish abgeschieden von den anderen hält, muss er sie im tiefsten Herzen des Paradieses verstecken."
„Und was ist, wenn du dich irrst?", fragte Chiaki ätzend. Langsam ging ihm die gleichmütige Art des Dämonenritters schwer auf die Nerven.
„Dann sollten wir sehen, dass wir so schnell als möglich hier verschwinden", empfahl Noyn. „Denn irgendwann WERDEN wir entdeckt werden... und dann helfen dir auch deine neuen Kräfte nichts mehr, Sindbad!"
„Ich gehe nicht ohne Natsuki!", brauste Shinji auf, während er sich neben einem Busch vorbeidrückte. „Niemals!"
„Das sei dir überlassen", meinte Noyn gleichgültig. „Meinetwegen darfst du gern die Kreativität von Gottes Schmerz kennen lernen, wenn es um Folter geht. Ich ziehe es vor, zu diesem Zeitpunkt weit weg von dir zu sein."
Shinji schluckte und hielt den Mund. Dennoch war sein Gesicht von Entschlossenheit geprägt. Vermutlich musste Chiaki ihn niederschlagen, wenn er ihn aus dem Gefahrenbereich bringen wollte. Sindbad seufzte. Access hatte Fynn ja schon früher abgöttisch geliebt, aber das hier grenzte schon an Besessenheit! Wie hatte Natsuki das nur all die Jahre übersehen können?
Dann blieb er plötzlich stehen und spitzte die Ohren. Auch Noyn hatte urplötzlich angehalten, sodass Shinji in ihn reingerannt war. Bevor er sich jedoch beschweren konnte, machte Noyn eine unwillige Geste. Da hörte auch Shinji das Geräusch, welches die beiden hatte anhalten lassen: ein leises Schluchzen.
„Vorsicht jetzt!", warnte Noyn. „Ich glaube zwar nicht, dass Gottes Schmerz momentan bei Fynn ist, aber er könnte jeden Moment zurückkommen. Wir müssen sehr schnell verschwinden, also haltet euch nicht lang mit Reden auf!"
„Schon gut", brummte Sindbad. Es gefiel ihm nicht, Befehle von Noyn entgegennehmen zu müssen, aber hier waren sie auf ihn angewiesen. „Ich hatte nicht vor, ihr hier eine Standpauke zu halten. Bringen wir's hinter uns."
„Ja, gehen wir schnell zu ihr", bekräftigte Shinji. Er wirkte sehr aufgekratzt. „Ich muss wissen, ob ihr etwas fehlt."
„Noyn-sama...", versuchte es Silk noch einmal. „Wollt Ihr nicht doch...?"
„Zum letzten mal, Silk: Nein! Wir sind so weit gekommen und haben nur diese eine Chance! Wir müssen und werden es versuchen, also sei still!"
„Ja, Noyn-sama." Die Stimme des Drachen klang tieftraurig.
Sie schlichen vorsichtig weiter, so weit das in einem Wald möglich war, bis sie zu der Lichtung kamen, die Noyn beschrieben hatte. Im Grunde hieß „Lichtung" nur, dass dort keine Bäume waren, aber alle möglichen Pflanzen verdeckten den Boden trotzdem völlig, bis auf eine Stelle. Um einen umgestürzten, riesigen Baumstamm, war ein Fleckchen frei geblieben und nur von spärlichem Gras bewachsen. Und in diesem Fleckchen saß tatsächlich der Ursprung all ihrer Sorgen und hatte sein Gesicht in den Händen vergraben.
Chiakis Herz machte einen Sprung, als er seine Tochter sah, denn trotz aller Gedanken, was er mit ihr anstellen würde, wenn sie erst mal hier raus waren, hatte er wirklich gefürchtet, sie nicht wieder zu sehen. Und das Schluchzen, welches zu ihnen herüberdrang, schmolz auch den letzten Rest von Zorn aus seinem Herz. Vergangenheit hin oder her, dies war sein und Marrons Kind, und es weinte. Auch wenn er sie nicht oft zeigte, hatte Chiaki doch eine sensible Ader.
Shinji, der niemals Zorn auf Natsuki verspürt hatte, war natürlich noch mehr berührt als er und trat ohne zu zögern aus dem Gebüsch heraus. Mit schnellen Schritten rannte er auf das Mädchen zu und kniete neben ihm nieder. Als er sie berührte, hob sie ihm den Kopf entgegen. Einen Moment lang sahen sie ungetrübte Hoffnung auf ihrem Gesicht, doch dann erstarrte ihre Mimik, als sie erkannte, wer da vor ihr stand.
„So", verkündete sie, und ihre Stimme klang härter und kälter als Eis. „Da bist du ja. Aber wieso bist du bei mir stehen geblieben? Die, die du suchst, ist nicht hier."
„Natsuki?" Shinji sah sie mit völliger Verwirrung an. Wovon redete sie nur? „Was meinst du damit? Natürlich bin ich froh, dich zu sehen."
„Ach ja?" Ihre Stimme troff nur so von Sarkasmus. Sie setzte sich auf und maß ihn mit einem Blick, in dem der blanke Hass lauerte. „Da bin ich sicher. Ich habe gehört, was du gesagt hast, Shinji, also verschwinde! Such deine Fynn und lass mich in Ruhe!"
„Fynn?" Langsam begann Shinji zu verstehen, aber er konnte es noch nicht glauben. „Aber Natsuki..."
„Fass mich nicht an!", schrie sie, als er ihren Arm berühren wollte. „Ich habe genug von dir und deinen falschen Liebesbezeugungen! Hau ab und sag deiner Fynn Fish, dass ich dich oder sie niemals wieder sehen will!"
„Aber so lass mich doch erklären..."
„Nein!", schrie sie und stand auf. „Ich lass mich nicht mehr für dumm verkaufen! Verschwinde endlich, du Casanova!"
Noyn fluchte. „Wenn sie noch weiter so brüllt, dann wird Gottes Schmerz in wenigen Sekunden hier sein", bemerkte er. Nun konnte man auch aus seiner Stimme etwas Panik heraushören. „Geh endlich und hol die beiden hierher!", wandte er sich an Sindbad. „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren!"
Chiaki hatte ohnehin vorgehabt, diesem Streit ein Ende zu setzen und war bereits aufgestanden, bevor Noyn den Satz beendet hatte. Er trat auf die Lichtung hinaus.
„Jetzt ist es genug!", herrschte er die beiden an. „Dafür haben wir jetzt keine Zeit! Natsuki, Shinji, ihr kommt beide mit!"
Aber als Natsuki sich umdrehte, lag in ihrem Blick ein ebenso tiefer Hass wie bei Shinji, allerdings auch etwas anderes... Schmerz? Wortlos musterte sie den Dieb, der vor ihr stand, eine Sekunde lang.
„Das bist du, Vater, nicht?", fragte sie und im Kontrast zu ihren Augen lag in ihrer Stimme keine Emotion. „Du bist Kaito Sindbad gewesen, auch damals."
Chiakis Augenbrauen zuckten. Woran hatte sie ihn erkannt? An der Stimme? Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Nur deshalb würde sie noch nicht derartige Verdächtigungen aussprechen, zumal er als Sindbad völlig anders aussah. Dennoch sah er, dass er ihr nichts vormachen konnte. Er zog die Gesichtsmaske ab.
„Ja", gab er zu. „Ich bin Kaito Sindbad. Aber dafür haben wir jetzt keine Zeit! Wir sind hier alle in Gefahr!"
„Also ist es wahr", murmelte Natsuki und ballte in hilfloser Wut die Fäuste. „Weißt du, wie sehr ich gehofft hatte, dass ich ein gefälschtes Bild gesehen habe? Weißt ihr, wie sehr ich gehofft hatte, du würdest diese Frage verneinen? Und du kommst einfach und... und bestätigst, dass DU UND MUTTER VERBRECHER SEID?"
Die letzten Worte hatte sie geschrieen. Tränen standen in ihren Augen, aber mehr Tränen der Wut als des Schmerzes. Hinter ihr war Shinji blass geworden. Er brachte keinen Ton mehr heraus.
„Sindbad!", rief Noyn. „Dafür ist keine Zeit mehr! Wir müssen hier weg!"
Das hatte er auch schon bemerkt, herzlichen Dank! Hastig trat Chiaki auf Natsuki zu, aber diese wich vor ihm zurück. Ärgerlich schürzte er die Lippen und ergriff sie am Arm. Er zog das sich heftig sträubende Mädchen zu sich heran und fing ihre Hand ab, die ihm eine Ohrfeige verpassen wollte.
„Hör auf damit!", rief er wütend. „Das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für einen Streit! Ich kann dir alles erklären, aber erst müssen wir hier weg!"
„Lass mich los!" Natsuki war jetzt völlig ausgerastet. Aus ihren Augen rannen immer noch Tränen und die Wut verlieh ihr Kräfte, die Chiaki zu schaffen gemacht hätten, würde er nicht über die Macht von Zen verfügen. So aber schaffte sie es nicht sich loszureißen, was sie nur noch mehr aufbrachte. „Ich hasse dich! Ich will nicht mit euch zurück! Verschwindet und lasst mich alleine! Ihr habt mich alle belogen und betrogen! Ihr..."
Chiaki ohrfeigte sie. Das Mädchen fiel auf den Boden und verstummte, sich zitternd die Wange haltend. Als sie hochsah, erwiderte Chiaki ihren Blick mit flammenden Augen. Hinter ihnen krächzte Shinji auf, wagte aber nicht, sich den beiden zu nähern.
„Chiaki, was machst du?", schrie er seinen Freund an.
„Halt den Mund!", schnauzte dieser zurück, seinen Blick nicht von Natsuki abwendend. „Noyn! Komm her und bring uns hier weg! Schnell! Und du WIRST mit uns kommen, Natsuki! Das habe ich Marron versprochen!"
„Nein." Das Wort war nur ein Hauch, aber alle hörte es. Natsukis Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse des Hasses, als sie ihren Vater ansah. „Ich gehe nicht mit euch. Eher sterbe ich. NEMESIS! KOMM UND HILF MIR!"
Noyn und Silk schrieen gleichzeitig angsterfüllt auf, aber die Warnung kam zu spät. Chiaki hatte sich bereits hinuntergebeugt, um das Mädchen wieder hochzureißen, als das Licht um Natsuki kurz flackerte. Es sah so aus, als habe sich ein Schatten blitzschnell um sie herum bewegt. Und im nächsten Moment griff ihre Hand nach dem Handgelenk von Sindbad und verdrehte es mit brutaler Kraft. Der Dieb schrie auf.
Sie wird nicht mit euch kommen! verkündete Natsukis Mund, aber die Stimme war nicht die ihre. Sie war... so ähnlich wie die von Gott, aber auch anders. Härter. Voll von düsterer Befriedigung. Gottes Schmerz hatte seinen Körper bekommen und aus Natsukis Augenlöchern starrte eine gnadenlose Leere Sindbad an. Ihr Mund war zu einem bösartigen Grinsen verzerrt, als sie langsam aufstand und den Dieb mühelos hochhob.
Aber im Gegenzug werdet ihr hier bleiben, fuhr Gottes Schmerz fort. Mal sehen: Ein ehemaliger Engel, der meinem Sohn oft genug ins Handwerk gepfuscht hat... ein Verräter und sein Schoßtier... und Adam persönlich! Soweit es möglich war, erstrahlte die Dunkelheit in Natsukis Augen und sie verdrehte den Arm von Chiaki noch mehr. Dieser stöhnte gequält auf. Der Mann, der mir Eva weggenommen hat! Ein schöneres Geschenk hätte ich mir nicht wünschen können!
Noyn, Silk und Shinji waren wie gelähmt. Sie hätten auch nicht weglaufen können, wenn sie eine Chance zu entkommen gehabt hätten. Nun war es tatsächlich eingetreten. Gottes Nemesis hatte einen Körper bekommen. Die Apokalypse hatte begonnen.
„NEIN!", schrie Marron auf, schlug die Hände vor die Augen und fiel auf die Knie. „Das kann doch nicht sein. Das kann... doch..." Der Rest ging in einem Weinkrampf unter.
Miyako und Yamato, denen es nicht viel besser ging, hatten sich unbewusst aneinandergeklammert und hatten fassungslos die Verwandlung Natsukis verfolgt. Yumemi hatte entsetzt aufgeschrieen und starrte mit schreckensgeweiteten Augen auf Gottes Bildschirm, während ihr Bruder ebenso hypnotisiert wie Miyako und Yamato dastand. Nur Zen und Rill waren einigermaßen ruhig geblieben, auch wenn sie den Kopf senkten.
„Jetzt ist es vorbei", murmelte Zen mit trostloser Stimme. „Die Welt ist verloren." Langsam ging er zu Marron hinüber und umfasste sie mit den Armen. Die hilflos weinende Frau lehnte sich an ihn, beruhigte sich aber nicht. Als Gott das Bild verschwinden ließ, war eine Weile lang nichts zu hören außer ihrem Schluchzen.
Ja, verkündete schließlich auch Gott, jetzt hat die Apokalypse wahrhaft begonnen. Es tut mir Leid, Marron. Sie hörte ihn nicht.
„Gott", fragte Miyako mit zitternder Stimme, ihre Augen noch immer auf den Punkt gerichtet, an dem Gott das Fenster erschaffen hatte, „was geschieht jetzt mit Shinji und den anderen?"
Eine Weile lang antwortete Gott nicht und als er es tat, wirkte seine allgegenwärtige Stimme leise: Ich vermute, meine Nemesis wird sie foltern und schlussendlich... töten. Und dann wird er auf der Erde einmarschieren und sie vernichten.
„Nein!", schrie Miyako auf. „Das musst du verhindern! Hörst du? Du bist Gott! Du musst doch etwas tun können!"
Yamato hatte Mühe, sie davon abzuhalten, auf Gottes Podest zu steigen und die Energiekugel anzufassen, auch wenn ihm anzusehen war, dass er ihr am liebsten gefolgt wäre und Gott mal so richtig durchgeschüttelt hätte.
Ich kann nicht, wiederholte Gott und das Pulsieren der Kugel schien schwächer zu werden. Ich kann den Garten Eden nicht betreten, wie ich schon sagte. Ich bin hilflos.
„Aber das kann doch nicht sein!", begehrte Seijuro auf. In seinen Augen loderte das unheilige Feuer blanken Zorns. „Wie kann Gott machtlos sein? Irgendwas musst du doch tun können, um sie retten zu können!"
Ich bin Gott, stellte die Stimme fest. Sie klang traurig. Ich kann nichts zerstören oder töten. Das können nur die Menschen. Ich kann keinen Krieg führen, auch meine Nemesis konnte es nicht. Sie musste erst einen menschlichen Körper dafür finden.
„Dann vereinnahme doch einen von uns!", rief Yumemi. Dem Mädchen liefen Tränen über die Wangen, aber auch sie war so wütend, dass sie nicht zusammenbrach wie Marron, die immer noch an Zen gelehnt weinte. „Dann machen wir diesem Mistkerl den Garaus!"
Weißt du denn nicht, was passieren würde, wenn ich meine gesamte Kraft einem Menschen übertragen würde? fragte Gott. Wenn ihm irgendetwas zustoßen würde, wäre im selben Moment die Welt nur noch eine tote Gesteinskugel im Weltall. Wenn ich sterbe, stirbt alles Leben mit mir.
„Aber kannst du deine Kraft nicht auf mehrere Menschen verteilen?", flehte Yamato. „Dann wäre die Gefahr nicht so groß."
„Das wäre fast schon einmal geschehen, wisst ihr das?", fragte Rill mit ruhiger Stimme. „Damals, als Gott sich allein fühlte, weil Adam und Eva ihn verlassen hatten, hat er ¾ seiner Energie auf 3 Menschen übertragen. Er wollte gerade sein letztes einem vierten geben, als er sah, was dann geschehen würde. Die Menschen fürchteten sich vor den mächtigen Kriegern, und was die Menschen fürchten, hassen sie. Sie kämpften mit den dreien, aber sie waren unüberwindbar. In höchster Not beteten die Menschen zu Gott."
„Und was geschah dann?", wollte Zen wissen. Offenbar kannte er diese Geschichte nicht.
Sie fragten, was sie mir angetan hatten, dass ich solche Strafen auf sie niedergehen lasse, entgegnete Gott. Er klang traurig. Ich schämte mich, als ich sah, dass meine Krieger Wesen abschlachteten, die mir nie etwas angetan hatten. Darum nahm ich die Kraft der Reiter wieder in mir auf und spaltete stattdessen meinen Schmerz ab. Was dann geschah, wisst ihr ja.
Seijuro schluckte. „Heißt das, wenn du einem Menschen deine Kraft verleihst, wird er zum apokalyptischen Reiter? Aber wieso ist Marron dann früher nie zu einem geworden?"
Wer sagt denn, dass sie keiner war?
Einen Moment schwiegen alle schockiert. Dann brach Marron das Schweigen. „Soll das heißen", fragte sie mit zitternder Stimme, „dass Jeanne die ganze Zeit die Macht besaß, die Menschen auszurotten?" Schaudernd dachte sie daran, was geschehen hätte können, wenn sie jemals ihren Hass auf Miyakos Vater gerichtet hätte. „Wieso hast du mir das nicht gesagt?"
Hättest du sonst denn zugestimmt, die Dämonen zu bannen? stellte Gott als Gegenfrage.
„Marron?", wunderte sich Yamato. „Dämonen bannen? Wovon redet ihr?"
Das tut jetzt nichts zur Sache, Yamato Minazuki, bestimmte Gott. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ja, ich könnte meine Macht auf vier Menschen aufteilen. Diese werden dann zu den ultimativen Kriegern, die einzigen, die meine Nemesis besiegen könnten. Er schwieg einen Moment. Doch das ist gefährlich. Denn diese Menschen halten dann beinahe unbegrenzte Macht in Händen. Was wäre, wenn sie Geschmack daran fänden, wenn sie meinen Schmerz besiegt haben? Was wäre, wenn sie die Menschen unterdrücken würden und sich zu Göttern aufschwingen würden? Seid ihr sicher, dass ihr solcher Macht widerstehen könntet?
Betroffenes Schweigen herrschte im Raum. Dann trat Yamato vor. „Heißt das", fragte er zögernd, „dass du keinen von uns mit dieser Macht ausstatten würdest?"
Sieh in dein Herz, Yamato Minazuki, befahl ihm Gott. Du bist momentan aufgewühlt und unsicher. So viele Dinge haben sich dir eröffnet, die du nicht für möglich gehalten hättest und du fühlst tief versteckt in deiner Seele Zorn darüber, dass alle deine Freunde davon wussten, nur du nicht. Meine Nemesis würde sich diesen Zorn zunutze machen und du würdest verlieren. Ist es nicht so?
Beschämt senkte Yamato den Kopf. Da trat Miyako vor. „Dann nimm mich", verlangte sie. „Ich werde gehen und für meinen Sohn kämpfen!"
Willst du das wirklich?
„Ja."
„Nein!"
Verwundert drehten sich alle Köpfe zu Marron um. Sie war aufgestanden und ging auf Miyako zu, mit rotgeweinten Augen. Sie schlang ihre Arme um ihre Freundin und versenkte ihren Kopf an ihrer Schulter. Verwundert hielt Miyako Marron fest. Was war los?
„Geh nicht, Miyako", bat Marron und Miyako spürte, wie ihre Schulter feucht von Marrons Tränen wurde. „Ich... ich könnte es nicht ertragen, wenn auch du dich in diese Gefahr begibst. Chiaki... Natsuki... Shinji... Noyn… alle sind sie in Lebensgefahr. Wenn du auch noch gehen würdest, dann hätte ich nichts mehr, wofür ich kämpfen wollte. Bitte geh nicht."
Miyako war etwas rot geworden und ihre Augen standen weit offen. Natürlich liebten sie und Marron sich schon seit ihrer Kindheit wie Schwestern, aber sie zeigten es nie in der Öffentlichkeit. Und jetzt hatte sie vor allen Leuten hier gezeigt, wie viel Miyako ihr bedeutete.
„Aber Marron", widersprach sie. „Ich..."
„Schhhh", machte Marron und drückte ihren Finger auf Miyakos Lippen. Sie hob den Kopf und schenkte ihrer Freundin ihr wunderschönes Lächeln. „Ich werde für dich kämpfen, Miyako", flüsterte sie. „Ich werde Shinji und die anderen zurückholen. Aber du bleib hier, wo du sicher bist, damit ich weiß, dass wenigstens dir und Yamato keine Gefahr droht." Damit umarmte Marron Miyako noch einmal und hauchte ihr, unhörbar für die anderen, ins Ohr: „Ich hab dich lieb."
Miyakos Röte vertiefte sich noch einmal. Einen Moment lang hielt sie Marrons Umarmung stand, dann schob sie ihre Freundin von sich weg. Sie setzte eine schnippische Miene auf, um ihre Unsicherheit zu überspielen.
„Nun werd mal nicht sentimental!", schimpfte sie und stemmte ihre Arme in die Hüften. „Ich geb ja zu, dass du die bessere Kämpferin bist, also hau schon ab! Aber wenn du mir Shinji nicht zurückbringst, dann wirst du dir wünschen, Gottes Nemesis hätte dich erwischt!" Dazu drohte sie Marron mit dem Zeigefinger.
Marron lächelte ihr noch einmal zu und wandte sich dann zu Gott um. Großer Ernst umrahmte ihr Gesicht, als sie sagte: „Ich will einer der Reiter sein! Gib mir die Macht, Chiaki und Natsuki zu retten, Gott! Bitte!"
Ich hatte niemals den geringsten Zweifel, dass du dich melden würdest, Marron, meinte Gott. Komm zu mir und berühre mich, apokalyptischer Reiter „Sieger".
Marron stieg empor und berührte die Energiekugel mit beiden Händen. Im gleichen Moment fühlte sie, wie eine wohlbekannte Macht wieder ihren Körper durchströmte. Ihre Haare wurden länger und färbten sich blond. Ihre Kleidung wechselte und ein Kreuz erschien an ihrer Brust. Ihr Gymnastikband erschien in ihrer Hand und sie schwang es probeweise. Jugendliche Kraft erfüllte ihre alten Glieder. Jeanne, die Kamikaze-Diebin, war wieder auferstanden! Sie drehte sich um und lächelte ihre Freunde aufmunternd an.
„Jeanne", krächzte Yamato und hielt sich nur mühevoll auf den Beinen. Seine Augen drohten ihm aus dem Kopf zu springen. „Heißt das etwa...?"
„Ja, Yamato", antwortete Miyako und drückte seine Hand. „Bitte lass es. Sie wollte niemals etwas Böses, das sollte dir genügen."
„Gott", meldete sich auf einmal Yumemi zu Wort. Das Mädchen war zwar blass, aber sie trat an das Podest reckte das Kinn vor. „Ich... ich möchte auch ein Reiter sein. Ich möchte mithelfen, Natsuki zu retten." Einen Moment lang huschten Zweifel über ihr Gesicht, aber dann gab sie sich einen Ruck. „Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, aber... ich will es versuchen!"
Seijuro, der seine Schwester fassungslos angesehen hatte, riss sich ebenfalls zusammen und trat neben sie. „Dann will ich auch mitgehen!", verlangte er. „Wir wissen aus unserem früheren Leben, mit wem wir es zu tun haben. Und wir wollen deine Macht nur, um unsere Freunde zu retten, nicht um die Welt zu regieren. Sind..." Seine Stimme schwankte. „Sind wir würdig? Oder kann sich dein Schmerz auch unsere Gefühle Natsuki gegenüber zunutze machen?"
Nein. Wenn Gott ein Gesicht gehabt hätte, hätte er jetzt gelächelt. Liebe kann er nicht ausnutzen, im Gegenteil. Sie wird eure mächtigste Kraftquelle sein. Tretet näher, apokalyptische Reiter „Hunger" und „Krieg".
Als die beiden gleichzeitig die Energiekugel berührten, welche nun schon etwas schwächer leuchtete, zuckten sie zusammen. Seijuros Haar färbte sich rot. Seine Augenfarbe wechselte zu flackerndem Rostbraun und seine Gliedmaßen schwollen an, als seine Muskeln erstarkten. Ein Breitschwert mit goldenem Griff erschien in seiner freien Hand und sein Gesicht nahm einen kantigen, harten Ausdruck an. Seine Schwester hingegen schien zu verfallen. Ihre Augen erloschen. Ihr zarter Körper wurde noch dünner, obwohl sich dadurch ihre Kraft nicht verringerte. Ihr Haar erbleichte und wurde stumpf. Alle, die in ihrer Nähe standen, schienen auf einmal an Kraft zu verlieren und hielten sich stöhnend ihre Bäuche. In ihrer Hand erschien eine goldene Waage. Hunger und Krieg drehte sich um und stellten sich neben Jeanne. Man konnte die Macht, die von den dreien ausging, im ganzen Raum spüren.
„Und wer ist der letzte Reiter, Herr?", fragte Zen vorsichtig und sah sich um. „Ist er noch nicht eingetroffen?"
„Doch, Zen, das ist er", entgegnete Rill lächelnd. „Kannst du es dir nicht denken? DU wirst den Tod verkörpern?"
„Ich?" Seine Augen wurden groß. „Wieso ich?"
„Keiner ist besser dafür geeignet als du." Rill sah ihn mit geschlossenen Augen an. „Du hast dein gesamtes irdisches Leben mit dem Tod gerungen. Es ist nur fair, dass du jetzt seine Macht erhältst, um die Welt zu retten." Der Erzengel lächelte. „Nimm sie an, Zen. Du warst einer meiner vielversprechendsten Schüler. Beweise jetzt, dass ich mich nicht geirrt habe."
Zen straffte sich. „Jawohl, Rill-sama."
Dann komm auch du herauf, apokalyptischer Reiter „Tod".
Die Verwandlung, die mit Zen vor sich ging, war wohl die grusligste. Während Yumemi Schwäche ausstrahlte und Seijuro im Gegenzug brutale Kraft, war Zen das Gegenteil von Marron, die das Leben auszustrahlen schien. Seine Haut wurde bleich und spannte sich fast pergamentartig auf seine Knochen. Wenn Yumemis Augen schon dunkel waren, wurden seine buchstäblich schwarz, ebenso wie seine bisher schneeweißen Flügel. In seiner Hand erschien die obligatorische Sense und trotz seines schwächlichen Aussehens hob er sie mühelos hoch. Miyako und Yamato wichen zitternd vor ihm zurück, als er sich umdrehte und zu den anderen ging. Von Gott war nun nichts mehr zu sehen.
„Ihr seid jetzt unsere letzte Hoffnung", ermahnte sie Rill. Auch er schien von den Gestalten sehr beeindruckt zu sein. „Geht und rettet diese Erde. Viel Glück."
„Eine Frage, noch, Rill-sama", entgegnete Yumemi. Die Stimme des Mädchens klang trocken und heiser. Als der Erzengel fragend den Kopf neigte, fuhr sie fort: „Wo sind unsere Pferde? Wir sind doch die apokalyptischen Reiter, oder? Es macht sicher einen schlechten Eindruck, wenn wir als Fußgänger daherkommen."
Fast hätte der Engel gegrinst, aber er beherrschte sich. „Eure Pferde erwarten euch vor dem Palast", teilte er ihnen mit. „Geht jetzt. Jede Sekunde zählt."
„Und wo sollen wir überhaupt hin?", fragte Jeanne und auf ihrem schönen Gesicht spiegelte sich Unwissen. „Wo werden wir kämpfen?"
„Keine Sorge", meinte Rill. „Die Pferde werden euch in den Garten Eden bringen. Dort werdet ihr bereits erwartet."
„Na schön", knurrte Seijuro. „Dann lasst uns reiten. Ich kann's kaum erwarten." Kampflustig schwang er sein Schwert und marschierte hinaus. Die anderen folgten ihm.
„Jean... Marron!", rief Miyako zögernd nach. „Bitte... bringt sie alle sicher zurück."
„Keine Sorge." Das war Zens emotionslose Stimme. Miyako und Yamato fröstelten, als sie sie hörten. „Es wird schon gut gehen. Aber haltet uns trotzdem die Daumen." Mit diesen Worten fielen die Türen des Saals zu.
„Ja, das werden wir", murmelte Rill-sama – und öffnete die Augen! Er blinzelte und sah nachdenklich zur Decke. „Und nicht nur euch..."
