Kapitel 2: Jeder Alptraum erwacht
Einige müde Soldaten hielten trotz der späten Stunden auf den Wehrgängen des Schlosses Wache. Ein Soldat mit einem dunkleren Umhang als die anderen trat zu einem seiner Kameraden, der mit einer Fackel in der Hand die schmale Straße zum Schloss hinauf beobachtete.
„Noch immer nichts von seiner Exzellenz, Ivan?"
„Nein, nichts Hauptmann. Kein Bote und kein Zeichen seiner Exzellenz selbst."
Der ältere Mann seufzte schwer.
„Ich hätte ihn begleiten sollen. Das nächste Mal werde ich mich nicht so leicht von seiner Lordschaft abweisen lassen. Er sollte nicht alleine so lange unterwegs sein – ganz besonders nicht bei Nacht!"
„Der Herr Graf wird sich nur schwer überzeugen lassen, Hauptmann. Ihr kennt seine Einstellung in dieser Hinsicht besser, als jeder andere von uns."
Der Hauptmann schnaubte. „Ich diene Seiner Exzellenz seit er damals die Nachfolge des alten Grafen, seines Vaters – Gott hab' seine Seele gnädig – antrat. Er hielt es damals nicht anders als heute. Er ist ein ausgezeichneter Fechter. Warum sollte er sich mit einer Eskorte belasten?
Damals war ich selbst noch jünger als seine Exzellenz – und ich habe diese Ansicht nicht nur geteilt und bewundert, ich konnte ihm nur beipflichten! Heute bin ich kein junger Narr mehr, und ich weiß es besser. Wir brauchen seine Exzellenz. Er ist der beste Graf den seine Familie seit Generationen hervor gebracht hat. Es ist einfach unverantwortlich von ihm, ganz alleine los zu reiten, wenn er sich um Probleme in verschiedenen Dörfern kümmern muss!"
Er schnaubte ein weiteres Mal. So oft schon hatte er Graf von Krolock gebeten, nicht ohne Eskorte los zu reiten – und noch jedes Mal war er abgewiesen worden.
„Ja, ich kenne seine Ansichten," stimmte er grollend zu. „Und ich kenne seinen Gott verdammten Dickschädel! Ach, verflucht, es hängt viel zu viel von ihm ab, als das er weiter so leichtsinnig sein dürfte! Ein Mann mit einem Stall voller gieriger Schwestern darf kein so großes Risiko eingehen! Er hat mehr Feinde als er es selbst zugeben möchte!"
Der alte Soldat schüttelte frustriert den Kopf. „Wenn er zurück kommt, werde ich mit ihm reden. Und diesmal wird er Vernunft annehmen!"
Das Geräusch von Pferdehufen kam näher.
„Na endlich! Das muss er jetzt sein!" der Hauptmann beugte sich über die Brüstung des Wehrganges. Im nächsten Moment brach das Pferd des Grafen eine viertel Meile unter ihnen aus dem dichten Wald. Aber etwas an der Silhouette stimmte nicht. Sie kam näher und schließlich erkannten sie es deutlich. Es war das Pferd des Grafen, kein Zweifel. Dieses Pferd würden sie alle unter tausenden erkennen. Aber der Hengst war allein. Die Zügel hingen ihm lose um den Hals und die Steigbügel schlugen bei jedem Schritt gegen seine Flanken.
„Fangt das Pferd ein und bringt es herein!" brüllte der Hauptmann und sofort eilte einer der Wächter - die am geöffneten Tor Wache hielten, und auf seine Exzellenz warteten, um es hinter ihm zu schließen – auf den Hengst zu, der sich, wie jedes entlaufene Pferd seinen Weg zu seinem Stall gesucht hatte. Müde wie er war, lies sich Mircea rasch einfangen und durch das von Fackeln beleuchtete Tor führen.
„Kein Zweifel, das ist das Pferd seiner Exzellenz, aber wo ist der Herr Graf?! Reamon! Hol mir den Stallmeister, sofort! Jeren, Hektor, ihr nehmt euch Fackeln und sucht in der Nähe nach seiner Lordschaft! Wenn der Hengst nur weggelaufen ist, dann ist er vielleicht ganz in der Nähe!"
„Mircea würde dem Grafen niemals weglaufen, Hauptmann."
„Daran glaube ich auch nicht, Ivan. Aber wir müssen es versuchen. Wenn Mircea nicht einfach davon gelaufen ist, befürchte ich das Schlimmste."
„Hauptmann!"
„Ich komme, Reamon!"
Der alte Soldat kletterte behände eine der schmalen, gewundenen Treppen vom Wehrgang hinunter. Unten wartete Reamon, ein junger Soldat, mit dem Stallmeister, einem untersetzten Mann in fortgeschrittenen Jahren.
Der Hauptmann nickte dem jungen Soldaten knapp zu. „Das wäre alles, Reamon. Geh' wieder auf deinen Posten." Der junge Soldat nickte kurz und eilte die Treppe zu den Wehrgängen hinauf, während der Hauptmann den Stallmeister zu dem Soldaten führte, der mit dem Pferd des Grafen am Zügel wartete.
„Mircea kam gerade allein zurück. Seht ihn Euch an und sagt mir, was Euch auffällt. Danach wissen wir mehr."
Der Stallmeister ging vorsichtig um das noch immer unruhige Tier herum und prüfte nach einer Weile das Geschirr. „Hmm... gerissen ist nichts... Der Sattel sitzt fest... Beide Steigbügel sind gerade. Sie wurden nicht hinauf gezogen, er kann also nicht bei einer Rast weggelaufen sein," brummte er schließlich.
„Könnte der Graf gestürzt sein?" fragte der Hauptmann vorsichtig.
„Nein, nein. Er ist ein zu guter, ein zu vorsichtiger und erfahrener Reiter, als das er einfach gestürzt sein könnte. Mircea hier würde ihn auch niemals abwerfen und weglaufen, auch darum könnt ihr es ausschließen. Ich habe nie ein Pferd gesehen, das seinem Herrn besser gehorcht, als dieser Rappe." Der Stallmeister klopfte Mircea den langen schlanken Hals. „Aber er ist sehr unruhig, das muss ich zugeben. Sehr ungewöhnlich. Mircea ist nicht leicht aus der Fassung zu bringen."
„Führe ihn ein bisschen herum!" befahl der Hauptmann dem Soldaten, der Mircea am Zügel hielt.
„Meister Ekerhard, ich danke Euch. Würdet ihr jetzt bitte den Stallburschen rufen lassen, der sich gewöhnlich um den Hengst kümmert?"
Der Stallmeister nickte kurz und trottete in Richtung der Ställe davon.
Der Hauptmann legte den Kopf in den Nacken und brüllte zu den Wehrgängen hinauf.
„Reamon! Weck' sofort alle Mann die keine Wache haben! Ivan, die Hälfte der Wächter im Schloss wird abgezogen! Bereitet euch auf eine ausgedehnte Suche vor! Ich will das ihr in zehn Minuten fertig zum Aufbruch seid! Ich gehe zur Herrin!"
Die Gräfin saß in einem Sessel vor dem Feuer im Salon. Das Feuer im offenen Kamin und einige Kerzen um sie herum tauchten den behaglich eingerichteten Raum in flackerndes Licht. Sie hatte eine Näharbeit vor sich, als es plötzlich klopfte. Ihr Herz machte einen Sprung. Sie hatte zuvor schon geglaubt, Lärm im Hof gehört zu haben... Er war zurück!
Doch statt ihres Gatten trat nur ein Diener ein.
„Verzeiht, Herrin, aber der Hauptmann wünscht Euch zu sprechen. Er sagt es sei dringend."
Das Herz der Gräfin sank. Während der vergangenen Stunden hatte sie vergeblich auf das Geräusch von Pferdehufen im Schlosshof gewartet. Sie dachte, sie hätte das ersehnte Geräusch endlich gehört, aber es schien nur eine Wunschvorstellung gewesen zu sein. Allmählich machte sie sich immer größere Sorgen um ihre Gatten. Er war schon zu lange fort. Für gewöhnlich war er spätestens bei Einbruch der Dunkelheit zurück, oder schickte einen Boten mit einer Nachricht, wenn er erst am nächsten Tag zurück kommen würde... Und nun wollte der Hauptmann der Wache sie sprechen – nein, das war ganz entschieden kein gutes Vorzeichen. Sie nickte dem Diener knapp zu. „Führe ihn herein."
Sie musste nicht lange warten.
„Herrin," der Hauptmann verbeugte sich steif und die Gräfin erwiderte die Verbeugung mit einem würdevollen Nicken, das nicht im mindesten verriet, dass sie nicht von adliger Herkunft war. Elisabeth von Krolock war noch immer eine Schönheit. Nur von durchschnittlicher Größe und eher feingliedrigem Körperbau, ihr Gesicht ein schmales, aber perfektes Oval mit vollen Lippen, einer wohl proportionierten Nase und mit großen Augen unter einem Paar elegant geschwungener Brauen. Ihr hellblondes Haar war mit den Jahren zu einem dunklen Honigton nach gedunkelt, und – obgleich es von grau durchsetzt war, zeigte es sich noch immer hauptsächlich in seiner natürlichen Färbung. Anders als viele adlige Damen in ihrem Alter trug sie es aber nur halb hoch gesteckt, so das ein Teil ihrer natürlichen Locken frei über ihre Schultern und den Rücken fiel. Jeder, der Gelegenheit hatte, sie etwas näher kennen zu lernen erkannte, dass sie mehr das Herz einer Adligen besaß, als viele der Schwestern ihres Mannes. Die Ausstrahlung einer großen Dame und das Herz eines Engels...
„Was gibt es, Hauptmann? Ich weiß nicht, ob ich Euch helfen, kann, für gewöhnlich weiß mein Herr besser über die Fragen zu entscheiden, die Euch sicher beschäftigen. Aber ich werde natürlich für Euch tun, was ich kann."
„Nun, wegen Seiner Exzellenz, Eures Gatten, bin ich hier, Herrin."
„Ist er zurück?" Die grau-grünen Augen leuchteten hoffnungsvoll auf und dem Veteranen fiel es sehr schwer, diese Hoffnung zu zerstören. Ihm war – wie nahezu jedem in der Gegend – bekannt, wie sehr der Graf und die Gräfin einander zugetan waren.
„Herrin... offen gesagt... ich befürchte Seiner Exzellenz ist etwas zugestoßen. Sein Pferd kam gerade allein zum Schloss zurück und es ist sehr unwahrscheinlich, das er gestürzt oder sein Hengst einfach weggelaufen sein könnte."
„Was?!" Die Stimme der Gräfin war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Sie erhob sich, eine Hand an der Kehle und die Näharbeit entglitt ihren Fingern und fiel achtlos zu Boden.
„Wo ist er?" Angst stand in ihren Augen und ihre Stimme zitterte.
„Wir wissen es noch nicht. Ich habe angeordnet, die Hälfte der Wächter abzuziehen und meine restlichen Männer zu wecken. Mit Eurer Erlaubnis können wir sofort aufbrechen um die Umgebung nach dem Herrn Grafen abzusuchen."
Die Herrin schluckte schwer und schloss für einen Moment die Augen.
„Erlaubnis erteilt, Hauptmann. Sucht ihn, findet ihn. Ich möchte das jeder verfügbare Mann im Schloss Euch bei der Suche unterstützt!"
„Herrin!" der Hauptmann deutete eine weitere, knappe Verbeugung an und war schon fast bei der Tür.
„Hauptmann...?"
Der Soldat wandte sich um. „Ja, Frau Gräfin?"
„Findet ihn. Bringt ihn mir zurück, Hauptmann."
Er nickte. Er sah sie Sorge in ihren Augen und die Angst und plötzlich musste er an seine eigene Frau denken. Auch sie würde in der selben Situation nicht anders empfinden und plötzlich war er sich noch mehr dessen bewusst, dass auch die Herrin nur eine Frau war, die sich um ihren Ehemann sorgte.
„Das werde ich, Herrin. Ihr habt mein Wort darauf. Ich werde jeden Stein umdrehen lassen, bis Seine Exzellenz gefunden ist. Das schwöre ich Euch, Frau Gräfin."
Damit lies er Gräfin von Krolock allein.
Die schlanke, blonde Frau schlug einen Moment lang die Hände vor ihr Gesicht und ihre Schultern bebten. Aber sie weinte nicht. Sie wusste, sie musste jetzt einen klaren Kopf bewahren. Es gab Dinge die getan werden, Befehle, die gegeben werden mussten...
Sie brauchte einige weitere kostbare Momente um sich für das zu fassen, was sie zu tun hatte. Sie ging zur Tür hinüber und zog an einer Kordel. Wenig später wurde die Tür geöffnet und ein Mädchen hastete herein.
„Wecke sofort die gesamte männliche Dienerschaft! Sie sollen dem Hauptmann bei der Suche nach Seiner Exzellenz behilflich sein! Auch die, die nicht schlafen sollen mit ihm gehen! Ich will, das jeder verfügbare Mann im Schloß nach dem Herrn Grafen sucht! Sie sollen sich sputen, der Hauptmann will so schnell es geht aufbrechen. Eil' dich!"
Das Mädchen knickste hastig und eilte hinaus.
Die Gräfin ging händeringend einige Zeit im Salon auf und ab, ehe sie wieder in ihren Sessel sank – die halbfertige Näharbeit vergessen zu ihren Füßen.
Im Schloss herrschte nun heller Aufruhr. Sie hörte laute Stimmen und viele hin und her hastende Füße. Lärm drang auch aus dem Innenhof. Einige Männer brüllten Befehle, das Geraune der Stimmen schwoll an...
Schließlich wurde es im Schloss wieder ruhiger und von draußen kam neuerlicher Lärm, als die Männer endlich mit Fackeln los zogen, um ihren Herrn zu finden.
Gräfin von Krolock hätte nicht sagen können, wie lange es gedauert hatte, bis sie endlich aufgebrochen waren, aber ihr schien es wie eine Ewigkeit. Jeder Augenblick schien Stunden zu dauern. Schließlich konnte sie nicht mehr an sich halten. Das Gesicht in den Händen vergraben begann sie zu weinen.
Als die sich an diesem Morgen von ihm verabschiedete, hätte sie nie für möglich gehalten, das sie ihren Liebsten vielleicht zum letzten Mal gesehen hatte. Sie hätte ihn nicht gehen lassen dürfen... Sie hätte mit ihm reiten sollen!
„Oh, Victor!" flüsterte sie mit von Tränen erstickter Stimme. „Komm zurück zu mir!"
Author's Note:
Kapitel 2 im März 2022 nach bearbeitet. Nur Kleinigkeiten. Und wir bekommen jetzt eine bessere Beschreibung der Gräfin.
Meinen Dank geht an meine liebe, Nachtschwärmer, die für mich Beta- liest und meinen Testleser Max!
