Kapitel 3: Alle Hoffnung muss vergeh'n

Es war weit nach Mitternacht als das Klappern der Hufe eines einzelnen Pferdes, das in den inneren Schlosshof preschte an ihre Ohren drang. Eine Stimme bellte Befehle und kurz darauf erklang das Geräusch hastig auf den Boden hämmernder Schuhabsätze.

Wenige Minuten später hörte sie, wie die gleichen hastigen Schritte näher kamen. Die Tür wurde aufgerissen und ihr Sohn, Herbert von Krolock, stürzte vollkommen außer Atem herein.

Gräfin Elisabeth stand auf. Sie hatte nicht gewusst, dass ihr Sohn sich ebenfalls an der Suche nach seinem Vater beteiligt hatte, aber im Nachhinein kam es ihr töricht und selbstsüchtig vor, in ihrem Kummer und ihrer Sorge nicht an ihn gedacht zu haben und unterließ es, ihn zu tadeln.

Selbstverständlich musste ihm der ganze Aufruhr seltsam vorgekommen, und es sollte ihm nicht schwer gefallen sein, herauszufinden was der Grund dafür war. Nein, dieser Gedanke war ebenso töricht, Herbert war die Nachricht, dass seinem Vater wahrscheinlich etwas zugestoßen war ebenso zugetragen worden, wie ihr selbst. Als dem jungen Herrn stand es eigentlich Herbert von Rechts wegen zu, die Entscheidung darüber zu treffen, was getan werden sollte – und nicht ihr. Nur, dass ihr Sohn niemals einen von ihr gegebenen Befehl aufgehoben hätte.

Sein Vater mochte ihn tadeln und schelten, manches noch so harte Wort gegen ihn vorbringen, aber ihre gegenseitige Zuneigung war tief verwurzelt. Natürlich hatte er sich an der Suche beteiligen wollen, als er hörte, dass sein Vater verschwunden war.

Jetzt stand er schwer atmend in der Tür. Einige blonde Strähnen hatten sich aus dem im Nacken fest zusammen gebundenen Haar gelöst und fielen ihm ins Gesicht. Er hatte weder die blauen Augen, noch das dunkle Haar seines Vaters geerbt, aber sein fein geschnittenes Gesicht war dem Victors so ähnlich. Jetzt war er sehr blass und der Ausdruck in seinen graugrünen Augen ließ der Gräfin das Blut in den Adern gefrieren. Sie ging auf ihn zu und packte ihn bei den Schultern.

„Was ist passiert, Herbert? Habt ihr ihn gefunden? Wo ist er?"

Ihr Sohn nickte.

„Ja, wir haben ihn gefunden. Sie sind auf dem Weg hierher. Sie werden sicher bald mit ihm hier sein…"

Dem Himmel sei dank! Alles würde gut werden. Doch schlagartig fiel ihr auf, wie belegt seine Stimme klang und ihr wurde klar, das nicht alles zum Besten stand.

„Was ist geschehen, Herbert? Du verheimlichst mir doch etwas." Er hatte ihr nie etwas vormachen können und er hatte es bis zu diesem Tag nicht gelernt. Sie las in ihm, wie in einem offenen Buch. Er schluckte schwer und schloss tief Luft holend kurz die Augen.

„Wir haben ihn gefunden... aber er ist bewusstlos. Bisher war niemand in der Lage, ihn wieder zu sich zu bringen. Er ... er ist verletzt, Mutter... Schwer verletzt. Wir haben ihn nur durch Zufall in einem dichten Waldstück gefunden, etwa eine halbe Wegstunde von dem Meilenstein entfernt. Niemand kann sagen, wie lange er dort gelegen hat oder wie er dorthin gekommen ist, es war zu weit abseits der Straße, die zum Schloss führt.

An der Kreuzung mit dem Meilenstein haben wir Spuren gefunden. Vater muss vom Pferd gestiegen sein, um Mircea am Zügel zu führen. Der Hauptmann nimmt an, dass er überfallen wurde. Es gibt Spuren, die auf ein Handgemenge hindeuten... und das hier..." Herbert unterbrach seinen hastigen Redefluss und zog einen Dolch aus seinem Gürtel,

„Den fanden wir einige Meter vom offensichtlichen Kampfplatz entfernt. Erkennt Ihr ihn?"

Und tatsächlich erkannte sie mit Schrecken, dass es sich um Victors Dolch handelte. Sie erkannte ihn an dem aufwendig gearbeiteten Heft mit dem Familienwappen und den Gravuren entlang der Klinge. Er trug diesen Dolch stets versteckt bei sich, wo immer er auch hinging.

„Er gehört deinem Vater...", brachte sie schließlich mühsam hervor. Aber ihr Sohn hatte diese Waffe ebenso erkannt, und nickte grimmig.

„Niemand kann sagen was geschehen ist," fuhr Herbert mit belegter Stimme fort. „Aber es kann kein gewöhnlicher Strauchdieb gewesen sein. Der Siegelring mag zu auffällig sein, aber sein Ehering..."

Die Gräfin nickte. Graf von Krolock hatte auf diesem sündhaft teuren Ring bestanden, gefertigt aus reinem Silber war in jeden der beiden Ringe ein leuchtend violetter Amethyst eingesetzt. Es hatte Zeiten gegeben, in denen das kleine Vermögen an ihrem Finger ihr in den vornehmen Kreisen die notwendige Macht und den Nachdruck verlieh, die sie benötigte.

Man hatte sie stets als Emporkömmling betrachtet, so oft hatte man sie verspottet und geschnitten. Jedoch hatte Victor den seinigen der beiden - und bis auf ihre Größe vollkommen identischen - Ringe stets mit Stolz getragen; wie eine besondere Auszeichnung. Er hatte stets diesen Ring zu betonen gewusst, durch all die kleinen Bewegungen die den Ring an seiner linken Hand bewusst geschickt zur Schau stellten und diese Geste hatte ihre Wirkung nicht verfehlt.

Doch dieser Ring war gleichzeitig auch ein Pfand seiner Liebe, eine Untermauerung seiner Entschlossenheit. Sie war seine Gräfin.

Sie schüttelte die Erinnerung hastig ab. Natürlich hatte Herbert recht. Kein gewöhnlicher Dieb würde diesen Ring verschmähen. Ausgeschlossen. Sie nickte als Zeichen ihrer Zustimmung und ihr Sohn fuhr stockend fort.

„Der Hauptmann und ich glauben auch nicht daran, das er den Dolch einfach verloren hat. Er wurde ihm entrissen, jemand hat dafür gesorgt, dass er ihn nicht mehr erreichen konnte. Mag sein, es war ein geplanter Überfall... Sein Schwert hing am Sattel, als Mircea ins Schloss zurückkehrte. Der Dolch war die einzige Waffe, die er noch bei sich trug. Wir werden es erst mit Sicherheit erfahren, wenn Vater wieder zu sich kommt. Vielleicht hat er seinen Angreifen erkannt."

Wortlos schloss Herbert von Krolock seine Mutter in die Arme und sie klammerten sich wie zwei Ertrinkende aneinander.

„Ich bin augenblicklich losgeritten, als sie sich mit ihm auf den Weg machten. Er sollte umgehend versorgt werden, wenn sie mit ihm ankommen", flüsterte Herbert heiser.

Wie lange sie so verharrten, wusste keiner der beiden zu sagen. Plötzlich jedoch näherte sich Lärm. Der Trupp aus Dienern und Wächtern hatte Schloss von Krolock fast erreicht.

Gräfin von Krolock schob ihren Sohn bestimmt von sich fort. „Herbert, geh' und rufe den Arzt. Lass ihn in die Gemächer deines Vaters kommen. Beeile dich!"

Der junge Adlige nickte kurz und hastete rasch davon, um den Leibarzt seiner Exzellenz zu holen.

Wenig später drang Lärm aus dem Schlosshof.

„Ruft die Herrin!", erschallte es von unten. Doch Elisabeth von Krolock musste nicht erst gerufen werden. Bei diesem Ruf war sie bereits hinaus gestürzt und auf dem Weg hinunter in den Schlosshof. Wie ein junges Mädchen hastete sie mit wehendem Kleid und aufgelöstem Haar die Treppen hinunter, vorbei an dem jungen Burschen, der geschickt worden sein musste, um sie zu holen.

Im Hof erwartete sie eine Gruppe Fackeln tragender Diener und Soldaten. Einige trugen eine hastig improvisierte Bahre. Das Herz in ihrer Brust blieb für einen Moment stehen als sie die scheinbar leblose Gestalt erkannte, die darüber lag. Sie schluckte schwer und trat näher. Die Männer traten beiseite um ihr Platz zu machen.

Das Gesicht des Grafen war wachsbleich, die Kleider, soweit sie im Licht der Fackeln sehen konnte, blutbesudelt. Sein Atem ging schwach, angestrengt und schnell, als würde jeder Atemzug ihn ungeheure Kraft kosten. Auf seiner Stirn stand kalter Schweiß. Ihn mit eigenen Augen so zu sehen war schlimmer als zu hören, wie es um ihn stand.

Ein scharfer Blick genügte um dem Hauptmann zu sagen, dass der junge Herr seiner Mutter bereits alles zugetragen hatte, was er selbst wusste. Die Gräfin war eine starke Frau, das war allgemein bekannt, aber er fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, ihr den ganzen Sachverhalt erst nach und nach zu zu tragen. Man sollte einer Frau nicht zu viel zumuten, ganz gleich wie stark sie war – und die Frau Gräfin hatte bereits zu viele Schicksalsschläge verkraften müssen.

Doch Herbert von Krolock war noch jung und unverheiratet und wusste nichts von solchen Überlegungen. Auch waren dessen wohlmeinende, doch törichte Worte nun schon ausgesprochen. Der Schaden war angerichtet und konnte nicht mehr gut gemacht werden.

„Ich nehme an, Euer Sohn hat Euch bereits informiert, Frau Gräfin?" Die Stimme des Hauptmanns klang mitfühlend, war jedoch nicht als Frage gemeint. Die Gräfin blickte kurz auf und nickte.

„Nun, Eure Exzellenz, ich muss ehrlich sein. Es scheint so, als wollte jemand vertuschen, was wirklich geschehen ist. Der Herr Graf hat sich viele Verwandte zum Feind gemacht, Ihr wisst das ebenso gut wie ich, Herrin... Aber wer auch immer hinter diesem Angriff steckt, genaueres werden wir erst erfahren, wenn Seine Exzellenz wieder zu Bewusstsein kommt. Vielleicht hat er seinen Angreifer erkannt oder kann uns etwas berichten, dass auf den Täter schließen lässt."

Die Gräfin antwortete nicht. Eine Hand lag auf seiner sich schwach bewegenden Brust, während sie auf ihren Gatten hinab blickte. Er erahnte den wilden Sturm, der in ihrem Inneren wüten mochte, und der Hauptmann erlebte einen Moment tiefsten Mitleids mit dieser in ihrem Leben so hart geprüften Frau. „Wir werden den Verantwortlichen finden, Frau Gräfin", erklärte der alte Soldat bestimmt, ein wenig harscher als er es beabsichtigt hatte.

Die Gräfin nickte ohne ihn anzusehen und atmete tief durch ehe sie sprach.

„Bringt ihn herein. Der Arzt muss nach ihm sehen, er wird bald hier sein... Diese Wunden brauchen Behandlung." Sie betrachtete eine Verletzung an seiner Schläfe, die immer noch ein wenig blutete, obwohl sie verschorft war. Sie musste sich auf dem Weg hierher wieder aufgebrochen sein. Sie fragte sich, wie viele weitere Wunden durch den Transport hierher ebenfalls wieder begonnen hatten zu bluten.

Mehrere kräftige Männer trugen den Grafen vorsichtig in sein Schlafgemach und legten ihn auf sein Bett, während die Herrin wachsam zusah.

„Richtet seine Exzellenz einen Moment auf!", befahl die Gräfin. „Und halte ihn für mich aufrecht."

Der Diener gehorchte, sodass die Gräfin den Reisemantel seiner Exzellenz abstreifen konnte. Dann löste sie die Schnürung des knielangen Lederwams und entfernte es ebenfalls.

„Das genügt ihr könnt ihn ablegen. Den Rest vermag ich allein zu tun."

Seine Exzellenz wurde vorsichtig niedergelegt und die Männer ließen Gräfin Elisabeth mit ihrem bewusstlosen Gatten allein. Sie begann langsam sein Hemd auf zuschnüren. Das weiße Leinen war fleckig vom Staub der Straße, Schweiß und getrocknetem Blut. Und schon bald war ihr klar, dass sie das besudelte Hemd nicht so einfach würde entfernen können. Blut hatte den Stoff durchtränkt und als die Blessur verschorft war, haftete der Stoff des Kleidungsstücks an der Wunde.

Die Herrin zog an einer Kordel neben der Tür und wenig später kam ein erschöpftes Dienstmädchen zur Tür herein und knickste.

„Bring mir einen Kessel heißes Wasser, eine Schere, Verbandszeug und die Heilkräuter! Beeil' dich! Der Arzt wird gleich hier sein."

Das Mädchen warf einen hastigen Blick zu der nahezu leblosen Gestalt auf dem Bett und nickte rasch, ehe es davon eilte..

Die Gräfin trat wieder zu ihrem Gatten. Bleich und still lag er auf dem ausladenden Himmelbett, die Lippen leicht geöffnet und den Kopf zur Seite gewandt. Unter dem offenen Hemd sah man seinen bloßen Oberkörper ebenso weiß, wie sein Gesicht. Die Herrin setzte sich neben ihn auf das Bett und legte eine Hand an seine Wange, ehe sie diese sanft seinen Hals entlang gleiten lies. Bei zwei punktförmige Male an seiner Kehle blieben ihre Finger liegen. Hatte ihn, während er dort im Wald lag, etwas gebissen? Hatte irgendein Tier schon geglaubt, ihn als seine Beute beanspruchen zu können, als ihn die Männer fanden und es somit verscheuchten? Es sah ganz danach aus. Sie erschauerte bei dem Gedanken, wie nahe sie daran gewesen war, ihn für immer zu verlieren. Ihre Hand glitt tiefer, über seine Brust zu der Stelle, wo sie seinen Herzschlag fühlte. Es schlug viel zu schnell und viel zu schwach. Wie ein kleiner, erschöpfter Vogel im Käfig.

„Oh, Victor... Mein Geliebter..."

Seine Lider bebten und langsam, als koste es ihn große Anstrengung, öffnete der Graf die Augen. Sie waren trübe und verschleiert. Für einige Augenblicke glitten seine Augen hierhin und dorthin, sein Blick unbestimmt. Doch dann richteten sich seine Augen direkt auf sie. Ein vertrautes Licht glomm in ihnen auf, als er sie erkannte.

Er versuchte zu sprechen, doch sie berührte seine bleichen Lippen mit den Fingerspitzen.

„Schh! schone deine Kräfte. Du bist verletzt, ruh dich aus. Das Mädchen kommt gleich. Dann werde ich dich von diesem Hemd befreien und dich waschen. Der Arzt wird bald da sein."

Der Graf nickte schwach und die Gräfin nahm ihre Finger von seinen Lippen.

Nicht lange danach klopfte es und das Mädchen brachte die erbetenen Utensilien herein. ,,Gut, hänge den Kessel über das Feuer!" Denn, in der Tat brannten in vielen Räumen auch im Sommer Feuer, um die Kälte des Gebirges fernzuhalten, die sich des Abends trotz der Wandbehänge und Hölzernen Vertäfelungen hereinschlich.

Das Mädchen gehorchte, legte Verbände, Kräuter und Schere auf der Kommode ab, hängte den Kessel übers Feuer und verließ rasch wieder das Krankenzimmer.

Die Gräfin streute eine Auswahl an Kräutern ins Wasser und ließ den Sud einige Minuten Kochen, ehe sie einen Teil davon in die Waschschüssel füllte, kaltes Wasser aus einem Krug hinzu gab und die Schüssel schließlich auf dem Nachtisch abstellte. Sie wrang den Lappen aus und begann vorsichtig den Schorf einzuweichen bis sie das Hemd vorsichtig von den Wunden lösen konnte. Victor zuckte gelegentlich zusammen, gab aber keinen Laut von sich. Endlich schnitt sie das Hemd von seinem Körper. Trotz aller Vorsicht hatte die große Verletzung an der Seite des Grafen erneut zu bluten begonnen.

In diesem Moment klopfte es wieder, ein Diener brachte des Arzt herein, der direkt an seinen Patienten herantrat.

„Exzellenz, wenn Ihr freundlichst im Salon auf mich warten möchtet? Ich bin sicher, der Anblick ist für Euch gewiss nicht sehr angenehm", erklärte er behutsam.

„Aber..." Sie wollte protestieren, da sie genau sehen konnte, dass ihr Gatte dieser Bitte ganz offensichtlich nicht zustimmte. Doch er war zu schwach, um sich gegen den resoluten Arzt zur Wehr zu setzen und der Seine Exzellenz, der sich protestierend aufzurichten suchte, mühelos in die Kissen zurück drückte.

„Ihr seht, meine Herrin… Es regt Seine Exzellenz, Euren Gatten, unnötig auf. Abgesehen davon ist dies alles wahrlich kein Anblick für eine Frau und ich kann mich nicht auch um Euch bemühen, wenn Ihr schwach werden solltet!" Er deutete zur Tür. „Wenn Ihr mich denn nun in Ruhe arbeiten lassen und im Salon warten möchtet."

So hinauskomplimentiert ging sie lange im Salon vor dem fast nieder gebrannten Feuer auf und ab. Sie zürnte diesem Arzt. Wenn sie ehrlich war, hatte sie ihn nie ausstehen können. Sie verabscheute ihn sogar. Er sah andere Menschen herab, und besonders auf Frauen. Sie wusste, dass sie dieses Verhalten nicht verärgern oder verletzen sollte, viele der Standes Angehörigen ihres Mannes hielten es nicht anders. Elisabeth hatte immer gewusst, dass Victor etwas besonderes war, weil er sich darin vollkommen von anderen Männern unterschied. Dennoch war es für sie genug zur zur Gewohnheit geworden, so dass sie der Arzt nur um so mehr verärgerte. Allein dem Graf gelang es gewöhnlich, ihn in seine Schranken zu verweisen. Nur ihm gegenüber schlug er im allgemeinen den seinem Gegenüber angemessenen Tonfall an. Doch nun genoss er es anscheinend, dass dieser zu schwach war, um sich gegen ihn zur Wehr zu setzen.

Sie erinnerte sich der kalten, schneidenden Worte, als er ihr eröffnete, dass sie nie wieder ein Kind haben würde; seine erbarmungslose Art, während sie im Kindbett beinahe gestorben war.

Es war Victor gewesen, der ihr Kraft gegeben hatte. Sie entsann sich all der langen Stunden, die er an ihrem Krankenbett verbrachte, wie er sie in seinen Armen gehalten hatte, ohne den Worten des Arztes Beachtung zu schenken, dass er ebenfalls krank werden würde, an das leise geflüsterte Versprechen, wenn sie wirklich sterben müsste, würde es in seinen Armen geschehen, an seinem Herzen.

Und nun verwehrte ihr dieser Emporkömmling das Gleiche für ihren Gatten zu tun. Wie sie ihn dafür hasste.

Lange ging sie vor dem Kamin auf und ab, gefangen zwischen Zorn und Sorge. Endlich öffnete sich die Tür und der Arzt trat herein.

„Wie geht es ihm?", drängte sie ihn, kaum, dass er über die Schwelle getreten war. „Er wird sich doch gewiss wieder erholen?" Doch der Angesprochene antwortete nicht direkt. Es brauchte einige Herzschläge, ehe er schließlich sprach.

„Ich fürchte, es geht zu Ende mit ihm, Herrin."

Die Gräfin griff sich mit einem Laut des Entsetzens an die Brust, unfähig zu fassen, was sie da hörte.

„Seine Exzellenz hat viel Blut verloren. Er hat mehrere tiefe Wunden, die wohl für den Blutverlust verantwortlich sind. Obwohl ich nicht sagen kann, wie sie ihm zugefügt wurden. Vielleicht übersteht er diese Nacht. Doch mehr als ein paar Tage wird er mit Sicherheit nicht überleben."

Die Gräfin schluckte krampfhaft, der Arzt sprach jedoch ungerührt weiter.

„Diese große Wunde an seiner Seite ist sehr tief. Sie war stark verschmutzt und wird sich wohl trotz aller Bemühungen entzünden. Wir werden ihn an das Wundfieber verlieren. Er ist nicht kräftig genug, um das zu überstehen. Es tut mir leid, Frau Gräfin. Es gibt nichts mehr, was ich für Euren Gatten tun kann. Es liegt nun in Gottes Hand."

Die Gräfin ertrug es nicht länger. Hier stand dieser abscheuliche Mensch und offenbarte ihr gefühlskalt, dass sie den Menschen, der ihr einer der liebste und teuersten Menschen auf Gottes schöner Erde war, womöglich noch in dieser Nacht verlieren würde. Er hatte ihr alle Hoffnung genommen. Über 20 Jahre, immer wieder. Und nun berief er sich auf Gott? Keinen Moment länger würde sie diese arrogante, nutzlose Person auf ihrem Anwesen dulden.

„In der Tat werdet Ihr in diesem Haushalt nie wieder etwas tun! Da Ihr die Künste, die alle guten Ärzte die ihren nennen, offensichtlich nicht inne habt, werdet Ihr in diesem Schloss nicht länger gebraucht!", zischte sie ihn an und die Zornesröte stieg in ihre Wangen.

„Herrin, ich bitte Euch! Wer..."

„Ich will nichts mehr von Euch hören! Ihr werdet dieses Schloss bei Morgengrauen verlassen! Und seid dankbar, dass ich Euch für Euer Scheitern nicht sofort vor die Tore setzten lasse. Ihr könnt gehen!"

Der Arzt warf ihr noch einen ungläubigen Blick zu. Dann schüttelte er wortlos den Kopf und ließ sie allein. Gräfin Elisabeth schlug die Hände vors Gesicht, in einer Verzweiflung, die jenseits aller Tränen war. Mehr als die Hälfte ihres Lebens hatte sie an der Seite ihres Mannes verbracht. Und nun sollte es so rasch vorüber sein? Nein, das konnte sie nicht glauben.

Gewiss war es nur die Schuld dieses Scharlatans von einem Arzt, in den Victor immer so großes Vertrauen gesetzt hatte.

Mit Sicherheit hätte es, wäre sie gleich von einem anderen Arzt versorgt worden, gar nicht so weit kommen müssen, dass ihre kleine Sophia gestorben war... Das Herbert ihr einziges Kind geblieben war. Niemand sonst sollte einen so hohen Preis zahlen müssen, am wenigsten ihr geliebter Gatte.

Sie würde ihn selbst versorgen. Sie würde dafür sorgen, dass er am Leben blieb – und jeder würde erfahren was für ein Taugenichts der Leibarzt der Familie von Krolock doch gewesen war.

Fest entschlossen kehrte sie wenig später in das Schlafgemach ihres Geliebten zurück. Still und blass lag er auf dem Bett. Im flackernden Schein des Feuers und der wenigen Kerzen, die der Arzt nicht gelöscht hatte, konnte sie sehen, dass er trotz der dicken Decke, die über ihn gebreitet worden war, vor Kälte zitterte. Der weiße Stoff der Kissen um ihn herum betonte sie ungesunde Blässe seiner Haut und seine Brust hob und senkte sich unregelmäßig unter seinen angestrengten Atemzügen. Er öffnete jedoch die Augen, als sich die Gräfin neben ihn auf das große Himmelbett setzte, das sie so oft mit ihm geteilt hatte.

„Elisabeth..." er ergriff schwach ihre Hand und sie erschauerte, da seine Finger so schrecklich kalt waren. Vermutlich war dies, ebenso wie sein Zittern, auf den Blutverlust zurück zu führen…

„Was ist geschehen?" fragte sie leise und drückte sanft seine Hand.

„Ich bin nicht sicher..." Seine Stimme klang ein wenig heiser und sehr leise und schwach. „Aber wenn... wenn es wirklich wahr ist, was ich gesehen zu haben glaube, sind die Geschichten der Bauern und Holzfäller mehr als nur dumme Ammenmärchen." Erschöpft schloss er die Augen und lehnte sich in seine Kissen zurück. „Was immer mich im Wald angefallen hat... es war kein Mensch... Es... es hatte rote Augen!"

Er schluckte schwer und sah erneut zu ihr auf. Seine blassen Augen waren bei der Erinnerung weit aufgerissen und es fröstelte sie leicht, denn sie wusste, dass ihn nichts so einfach verängstigen konnte. Aber sie versuchte sich vor ihm nichts anmerken zu lassen.

„Pscht. Ganz ruhig... Du irrst dich sicher..."

„Ich habe mich nicht geirrt, Elisabeth! Mein Verstand war..."

„...sicher von Müdigkeit verwirrt. Es gibt keine Monster da draußen! Wie oft hast du mir das erklärt? Das sind nur Ammenmärchen. Und du bist bereit sie zu glauben, weil du müde warst und nicht mehr ganz bei Sinnen. Du bist schwach und verletzt, nur deshalb bist du bereit das zu glauben..."

Sie streichelte liebevoll seine Wange. Aber er schüttelte unwillig den Kopf.

„Ich hab mich nicht geirrt! Mircea hat es auch gesehen! Er hat die ganze Zeit versucht mich zu warnen und ich war zu dumm es zu verstehen..." Er atmete zitternd aus. „Er hat mich nie im Stich gelassen... Warum hab' ich ihm nicht vertraut..."

„Ihr wart beide müde, Victor... Alles wird gut werden. Du wirst wieder gesund und..."

Er lächelte wissend zu ihr auf und hob eine schmale schwarze Braue.

„Ich... ich behaupte nicht, dass es... einfach wird. Aber du wirst es schaffen... ganz bestimmt..." Sie fühlte sich nicht wohl bei diesen Worten, hatte sie doch nicht lange zuvor gehört, dass er vielleicht noch in dieser Nacht sterben würde... Auch wenn sie es nicht glauben wollte - wie konnte sie sicher sein, dass dieser Arzt sich in allem geirrt hatte? Aber zu ihrer großen Erleichterung diskutierte ihr Gatte nicht weiter darüber – auch wenn es ihm gar nicht ähnlich sah. Statt dessen sah er sie nachdenklich an, bevor er ihr ein schwaches Lächeln schenkte.

„Würdest du mir bitte unseren Sohn rufen?" fragte er dann plötzlich.

„Wie? Was..."

„Nun, er wird meine Aufgaben übernehmen müssen... bis..."Er zuckte schwach die Schultern. „Ich muss mit ihm reden. Er muss seine Sache ordentlich machen bis... bis ich wieder gesund bin..." Er schloss einen Moment die Augen, ehe er sie wieder fragend ansah.

Elisabeth lächelte ihn zitternd an und nickte. „Natürlich. Ich bin sofort mit ihm zurück, mein Liebster..." Sie stand auf um seiner Bitte nach zu kommen, aber er hielt ihre Hand so lange fest, wie es möglich war, bevor er ihre Finger frei gab.

Als Mutter und Sohn wenig später gemeinsam das Krankenzimmer betraten, hatte sich der Graf im Bett aufgesetzt. Aber man sah ihm an, dass er es den Kissen in seinem Rücken verdankte, dass er sich in dieser Position halten konnte. Dennoch schenkte er ihnen beiden das gleiche warme Lächeln, das sie von ihm kannten. Er streckte seinem Sohn die Hände entgegen und Elisabeth blieb zurück, während Herbert sich zu seinem Vater auf die Bettkante setzte und dessen Finger ergriff.

„Vater..."

„Du wirst für eine Weile meine Aufgaben übernehmen müssen, mein Sohn."

Herbert nickte still. Es ging ihm wohl ähnlich, wie seiner Mutter einige Zeit zuvor. Bei Licht betrachtet sah Graf von Krolock schlimmer aus als im schummrigen Licht der Fackeln im Wald.

Seine Exzellenz musterte seinen Sohn eingehend. „Tue alles, wie ich es dir beigebracht habe. Keine Unachtsamkeiten, hast du mich verstanden? Wehe dir, wenn du nicht aufmerksam genug warst. Dann werde ich dir das Fell über die Ohren ziehen, sobald ich wieder stehen kann! Vergiss nie, dass du mir über das was du jetzt tust Rechenschaft ablegen musst, wenn ich wieder gesund bin. Du trägst Verantwortung für Menschen, vergiss das nicht!"

Herbert nickte ernst.

Sein Vater schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.

„Und wenn sie deine Anordnungen in Frage stellen sollten..." Der Graf ließ die Hände seines Sohnes los und nahm den Siegelring von seiner rechten Hand, Zeige ihnen, dass du den Ring trägst!" Er hielt ihm das Kleinod auf der flachen Hand entgegen.

Herbert starrte seinen Vater entsetzt an. „Aber... das ist Eurer. Ich kann ihn unmöglich..."

„Nun komm schon, mein Sohn. Bis ich wieder gesund bin, bist du der Herr des Schlosses. Sollten deine Muhmen hier auftauchen, wirst du ihn brauchen. Oder sie werden dir nicht glauben, dass du auf mein Geheiß handelst. Und irgendwann wird es an dir sein, nicht zu zu lassen, dass einer deiner Vettern Herr über dieses Schloss wird. Hast du das verstanden Herbert? Versprich es mir!" Er sah seinen Sohn einen Moment lang streng an.

Herbert schluckte schwer, und Tränen schimmerten in seinen Augen. Er hatte die Worte gehört, die sein Vater nicht ausgesprochen hatte, die er aber dennoch zwischen den Zeilen lesen konnte. Er würde Herr über dieses Schloss sein, wenn sein Vater tot war... Er sagte ihm Lebewohl!

Mit Tränen verschleierten Augen nickte Herbert. „Ich verspreche es dir, Vater! Ich werde dich so gut vertreten als wenn du selbst deinen Aufgaben nachkommen würdest." Seine Stimme war klang erstickt.

Und wie er es getan hatte, als Herbert noch ein kleiner Junge war, hielt der Graf seinem Sohn seine ausgebreiteten Arme entgegen. Ohne nachzudenken warf sich Herbert an die Brust seines Vaters, wie er es als kleiner Junge stets getan hatte. Sein Vater zuckte zusammen und ächzte als Herbert sich ungestüm an seine Brust warf, aber er legte die Arme fest um seinen Sohn und zog ihn an sich.

Eine Hand strich Liebevoll durch das feine Haar, dem seiner Mutter so ähnlich.

Gräfin Elisabeth lächelte unter Tränen als sie diese Szene beobachtete.

Es war so gewesen, seit Herbert ein Kind war. Sie alle drei waren einander näher gewesen, als dies normalerweise in Adelsfamilien der Fall war. Herbert war nicht zu einer Amme und danach zu einer Pflegefamilie gegeben worden, wie dies üblich war und wodurch gesichert war, das sich Eltern und Kinder einander fern blieben.

Wie oft hatte man ihnen in höheren Kreisen vorgeworfen spießbürgerlich zu sein, weil sie einander treu waren? Wie oft hatte man sie verhöhnt, weil sie sich ihrem Sohn gegenüber verhielten, wie manche gewöhnliche Familien, bei denen Kinder alles waren, was sie besaßen?

Sie erinnerte sich an so viele Tage, an denen Victor mit Herbert durch den Schlossgarten getobt war, wie ein halbwüchsiger Junge, an lange Abende vor dem Kaminfeuer an denen Herbert irgendwann in den Armen seines Vaters eingeschlafen war. Er war immer so ein liebevoller und hingebungsvoller Vater gewesen, trotz aller Strenge.

Dieser Moment dessen Zeuge sie nun wurde, war wie damals. So symbolisch dafür, wie ungewöhnlich ihre kleine Familie doch war.

Graf von Krolock schob seinen Sohn sanft auf Armeslänge von sich und lächelte zu ihm liebevoll auf.

„Erinnere dich an das, was du mir versprochen hast. An jeden Teil davon, hörst du?"

„Das werde ich, Vater! Und Ihr werdet Euch bemühen, dass der Tag, an dem ich Euch das hier wieder gebe, nicht allzu fern ist!" Er hielt entschlossen den Siegelring hoch.

Der Graf lächelte und nickte. Aber trotz allem wirkte dieses Lächeln doch etwas traurig.

„Geh jetzt, Herbert. Du hast Morgen einen langen Tag vor dir."

Herbert nickte und erhob sich. Er nickte im vorbeigehen seiner Mutter kurz zu. Als er schon fast an der Tür war, wandte er sich noch einmal seinem Vater zu.

„Gute Nacht, Vater."

Der Graf schenkte ihm ein weiteres Lächeln. „Gute Nacht, mein Sohn."

Autor's Note:

Vielleicht ein gemeines Ende für dieses Kapitel, aber ich fand es perfekt. :-)

In diesem Kapitel stecken ein paar Andeutungen zum Film drin. So zum Beispiel das der Graf und sein Sohn sich sehr ähnlich sehen und das sie sehr aneinander hängen. Beides kommt für mich aus dem Film klar rüber, also hab ich es hier eingebaut...

Mir war auch wichtig das heraus kommt, dass Vater und Sohn sehr aneinander hängen Das ist immer der Eindruck gewesen den ich sowohl von Film und Musical hatte, und so wollte ich es auch hier haben...