Kapitel 13: Lass uns nicht in Tiefen schau'n, deren Abgrund uns berührt

Die letzten Überreste des Tageslichts färbten den Himmel oberhalb der Horizontlinie in einem rasch nachdunkelnden blau. Graf von Krolock stand auf einer breiten Galerie, die im dritten Stock des fünfgeschossigen Hauptgebäudes seines Schlosses gelegen war. Als er kurz nach Sonnenuntergang hier heraufgekommen war, trug der Himmel noch blasse Spuren des Sonnenuntergangs. Sie waren jedoch längst in die heraufziehende Dunkelheit der Nacht entschwunden. Gemeinsam mit den letzten Resten von Helligkeit, die in der Dämmerung noch eine Weile überdauerten. Vor der kunstvoll gemeißelten Brüstung stehend, eine lange dünne Hand flach auf dem Handlauf ausgebreitet, ließ die andere gedankenverloren einen silbernen Ring durch seine Finger gleiten, in den ein auffälliger Amethyst gefasst war. Ein Zuschauer hätte es bei den herrschenden Lichtverhältnissen nicht sehen können, aber er war bis auf die Größe und Filigranarbeit, die auf seinen ursprüngliche Trägerin verwies, identisch mit jenem, den Victor von Krolock noch immer selbst am vierten Finger derselben Hand trug, welche mit dem Ring spielte, der an einer Silberkette um seinen Hals hing.

Vieles hatte sich in dem über ein Jahrhundert umfassenden Zeitraum verändert, der vergangen war, seit er zu einem Wesen der Finsternis geworden war. Der Graf blickte über das Schlossgelände. Die einst von einer vielköpfigen Wachmannschaft bevölkerten Wehrgänge entlang, der Umfassungsmauern des Schlosses waren jetzt größtenteils verweist. Es gab nur noch je zwei Männer die bei Tag und in der Nacht über dem Tor zum äußeren Schlosshof Wache hielten. Auch im Inneren des Schlosses gab es nur noch wenig Personal. Eine Hand voll Hausdiener erhielt es vorzeigbar. Die Stallungen standen bis auf einige wenige Tiere leer und auch für ihre Pflege gab es nur das notwendige Gesinde. Dazu kam noch der persönliche Diener des Grafen. Nun, dies war zumindest sein offizieller Titel. Tatsächlich war der Mann eher eine Art Gehilfe, der die Befehle seines Herrn an die übrige Dienerschaft weitergab und dafür sorgte, dass die umfassende Korrespondenz des Grafen in die entsprechenden Kanäle weitergeleitet wurde. Desweiteren nahm er eingehende Briefe entgegen, um sie dem Grafen zu überreichen und empfing mündliche Nachrichten und gab sie an seine Exzellenz weiter. Banel, so war sein Name, wurde vom Rest der Dienerschaft eher argwöhnisch beäugt. Er war eines Tages im Schloss aufgetaucht und alles was man über ihn wusste war, dass der Graf selbst ihn, Gott wusste wo auch immer, gefunden und in seine Dienste genommen hatte. Banel war still und verschlossen, mit einem düsteren und manchmal fast schon grimmig ernsten Gesichtsausdruck der ohne Worte ausdrückte, ‚Bleibt mir vom Leib.' Sein drahtig, kräftiger Körperbau zeigte mehr als deutlich, dass er körperliche Arbeit gewohnt gewesen war, also nicht eigentlich zu der Klasse von Mensch gehörte, die sich die Adligen im Allgemeinen als persönliche Diener auswählten. Banels Allerweltsgesicht schien nicht für ihn zu sprechen und die lange Narbe, die sich quer über eine Gesichtshälfte zog, verlieh ihm etwas Verruchtes, das dem Ansehen in den Augen seiner Mitmenschen ebenfalls nicht gut tat. Die kleinen, schmalen braunen Augen wirkten listig und aufmerksam, das struppige braune Haar war ungewöhnlich kurz geschnitten. Die anderen Diener munkelten er sei ein ehemaliger Zuchthäusler oder zumindest mit den Gesetzeshütern in Konflikt geraten und habe sich in die Dienste Seiner Exzellenz begeben, um unter dessen Schutz einer schweren Strafe zu entgehen, die ihm anderswo drohte, sollte er sich jemals in dichter bewohnten Gefilden sehen lassen. Weshalb der Graf einer solchen Person gestattete für ihn zu arbeiten, verstand keiner der übrigen Dienstboten, geschweige denn, weshalb er einem solchen Individuum ausgerechnet einen Arbeitsplatz in direkter Nähe zu sich selbst gewährt hatte. Was niemand von ihnen wusste war, dass der Graf und Banel gewisse unvorteilhafte Geheimnisse des anderen kannten, oder argwöhnten und, dass es eine stillschweigende Übereinkunft zwischen den beiden gab.

Der Mann war keineswegs der Erste eines solcher Art ‚persönlichen Dieners' des Herrn Grafen. Lediglich der Gegenwärtige in einer ganzen Reihe, seit dem Victor von Krolock zu einem Vampir geworden war. Ein weiteres Beispiel für ein Geschöpf, das unter Seinesgleichen nie wieder sicher sein würde. Sein Verbrechen war Mord, nicht Betrug oder Wilderei. Im Zorn über den Ehebruch hatte er seine Frau und deren Liebhaber erschlagen als er sie auf frischer Tat ertappte. Dass er es umgehend bereute, hätte ihm vor den menschlichen Häschern wenig genützt. Auf ihn wartete nur noch der Galgen. Stattdessen war er in den Wald davongestolpert, weinend und seinen eigenen Jähzorn verfluchend und geradewegs Graf von Krolock über den Weg gelaufen. Der Vampir, in eigener Sache unterwegs und nicht ahnend, was das Schicksal ihm in jener Nacht bescheren würde, hatte mit den Jahren gelernt, eine verzweifelte Seele zu erkennen, wenn er ihr begegnete. Es war ein Leichtes gewesen, die sich überschlagenden Gedanken des Mannes flüchtig zu streifen und erkennen was geschehen war.

Banel wäre nicht der erste Mörder gewesen, dem Seine Exzellenz für loyale, stillschweigende Dienste Gnade und die Sicherheit seines Schlosses geboten hätte. Aber etwas an diesem Mann und den Umständen, in denen er ihn vorfand, berührten eine noch immer klingende Seite in Victor. Der Mann vor ihm bereute seine Tat und würde fast alles dafür geben, um sie rückgängig machen zu können. Er begriff, dass er unversehens den perfekten Ersatz für Liviu gefunden hatte, den ‚Persönlichen Diener', der Banels Vorgänger war, und allmählich zu sehr in die Jahre kam.

„Ich sehe, du flüchtest vor einer Tat, die dich verfolgen wird, wohin du auch gehst." Banel war herumgefahren und hatte nur den dunklen Schatten gesehen, der wenige Meter von ihm entfernt zwischen den Bäumen stand. Einen Moment hatte er erwogen, einfach fortzulaufen, doch wieder erklang die Stimme aus dem Dunkel. „Wenn ich wollte, würdest du mir nicht entkommen. In diesem Punkt solltest du dir niemals etwas vormachen, Holzfäller!" Ein drohender Unterton lag in der dunklen, durchaus nicht unfreundlichen Stimme. „Aber was wäre, wenn ich dir einen Ausweg anbieten könnte, der dich auf einen Schlag von allen Sorgen befreit? Wärst du interessiert?" „Wer seid Ihr? Und was wollt Ihr von mir?", hatte Banel geantwortet, seine Stimme rau und schwankend von Angst und Grauen, nicht nur vor der unbekannten Situation, in der er sich nun zusätzlich zu allem anderen wiederfand. „Jemand, der dir unbegrenzten Schutz gewähren könnte. Und Jemand, der einen neuen Diener braucht. Jemand, der Geheimnisse hat, wie du und kein Interesse daran, sie jedem zu verraten. Nun, kommen wir ins Geschäft? Oder willst du davonlaufen, bis sie dich eingeholt haben?" „Sind sie schon hinter mir her?" Der Graf lachte in der Dunkelheit. „Wenn sie es nicht schon sind, werden sie es sehr bald sein. Wie lange kannst du hoffen zu entkommen? Deine Zeit scheint mir sehr begrenzt zu sein." „Und was wollt Ihr dafür haben, dass Ihr das verhindert?" „Nichts was dich Schlaf oder Gewissensbisse kosten wird. Ich brauche einen Diener, der meine Angelegenheiten regelt, bei Zeiten, zu denen ich dies nicht selbst kann und dabei ohne Fragen zu stellen genau meine Befehle befolgt. Ich muss mich auf seine Verschwiegenheit und Loyalität absolut verlassen können – und darauf, dass meine Geheimnisse, die meinen bleiben. Die Stellung meines persönlichen Dieners ist eine respektable Position. Aber solltest du sie jemals missbrauchen, mich jemals hintergehen, würde es keinen Ort geben, an dem du vor meinem Zorn sicher sein wirst. Aber im Gegenzug werde ich es ebenso halten. Ich werde deine Geheimnisse respektieren. Sie werden die deinen bleiben. Du kannst ein neues Leben beginnen, wenn du deine Verfehlungen, die dich in diese Lage gebracht haben, hinter dir lässt und diese niemals wiederholst. Wenn ich dich in meine Dienste nehme, genießt du die Sicherheit meines persönlichen Schutzes. Es wird dich niemand verfolgen, der Galgen wird nicht dein Ende sein. Du kannst ein angenehmes Dasein verbringen, mit leichterer Arbeit als dem, was du bisher getan hast. Kurz gesagt, es soll dein Schaden nicht sein." Unnötig zu sagen, dass Banel eingewilligt hatte. Ein solches Angebot konnte nur von einem Mann von Rang und Stand kommen. Das er am Ende für seinen Lehnsherrn arbeiten würde, hätte er sich allerdings nicht träumen lassen. Aber der Graf hatte Wort gehalten. Er hatte Banel auf sein Schloss gebracht und sich von Liviu getrennt. Er hatte es jedoch respektvoll getan und ihn mit einer großzügigen Summe und einem kleinen Häuschen in einem Tal bedacht, wo niemand ihn kannte und wo sie nur wussten, dass er ein ehemaliger Diener ihres Herren war. Als solchen würde ihn niemand belästigen oder ihm etwas zuleide tun. Liviu hatte Jahrzehnte im Schatten des Grafen verbracht und kehrte nun unbeschadet aus dessen direkter Nähe zurück. Für die Menschen da draußen in den Tälern würde es so aussehen, als sei er entweder mit einer besonderen Glückshaut geboren oder hätte selbst irgendetwas Seltsames an sich. So oder so würden sie ihn nicht behelligen.

Der Graf seufzte als er daran dachte. Oh ja, die Sterblichen ahnten es, dass ihr Lehnsherr etwas Seltsames an sich hatte, dass er anders war. Aber selbst seine eigenen Dienstboten bekamen ihn, mit Ausnahme von Banel, kaum je zu Gesicht. Sein Kontakt zu ihnen verlief fast ausschließlich über seinen persönlichen Diener. Abgesehen von diesem, hatten nur die Orts- und Gemeindevorsteher, oder die jeweilig mit der Kontaktpflege betrauten Ratsherren seiner Städter, direkten Kontakt mit Victor von Krolock. Obwohl er ihnen freundlich und respektvoll gegenüber trat, mit der Redlichkeit und dem Verständnis, dass ihn bei der Ausübung seiner Amtswürde auch als Sterblichen ausgezeichnet hatte, wusste er nur allzu gut, dass sie ihn fürchteten. Nicht als den grausamen, tyrannischen Herrscher, beides war er niemals gewesen, sondern weil sie ahnten, was er war. Er war mittlerweile viel zu lang der herrschende Graf als dies natürlich möglich gewesen wäre und das gemeine Volk wusste dies. Er hatte gelernt zu verbergen, dass es sich bei ihm um einen Vampir handelte, soweit dies innerhalb seiner Möglichkeiten lag. Empfing er Ortsvorsteher oder Ratsherren, achtete er sorgsam darauf, seine Nägel auf unauffällige Länge zu bringen – einen sinnlosen und aussichtslosen Kampf, dem er sich in seinem sonstigen Alltag nicht unterzog, denn sobald die Sonne aufging, wuchsen sie wieder auf die gleiche Länge nach. Er lächelte nicht mehr so freigiebig, wie es als Sterblicher seine Art gewesen war, um sich nicht zu verraten. Seine nächsten Blutsverwandten und ihre Nachkommen hatte er alle überlebt und er wusste nicht, was aus der Brut seiner Schwestern geworden war. Es kümmerte ihn auch nicht. Der Besitz in dem sie seinerzeit gelebt hatten als es bei Elisabeths Bestattung zum Eklat gekommen war, war ihnen überschrieben worden und er hatte alle seine Schwestern mit einer Summe ausgestattet, die ihm angemessen erschien und ihnen in schriftlicher Form mitgeteilt, dass sie für dahin keine weitere Unterstützung seinerseits mehr erhalten würden und sich jegliche weitere Kontaktaufnahme ihrerseits verboten. Daraufhin hatte er jeden noch so flüchtigen und sporadischen Kontakt abgebrochen. Wenn sie nicht in ein Adelshaus eingeheiratet hatten, hatte dies viele seiner Schwestern und die ihrigen effektiv aus den Kreisen entfernt, denen sie entstammten. Victor von Krolock hatte keinem von ihnen eine Träne nachgeweint. Geblieben war ihm ausschließlich sein Sohn, Herbert. Er war sein alleiniger Gefährte und einziger Sonnenstrahl seiner ansonsten dunklen Existenz.

Als habe ihn der bloße Gedanke heraufbeschworen, trat sein Sohn hinter ihm auf die Galerie hinaus. „Da bist du ja, Vater. Banel sucht dich!" Ein Lächeln glitt über das Gesicht des Älteren. „Und wie kommt es, dass du seine Arbeit für ihn machst, mein Sohn? Oder hat dich Banel zu seinem inoffiziellen Sekretär ernannt?" Er warf Herbert über seine Schulter hinweg einen amüsierten Blick zu. „Sagen wir einfach, ich wollte die Gelegenheit nutzen, dich unter vier Augen zu sprechen", entgegnete Herbert gelassen und trat neben seinen Vater an die Brüstung. Der Graf ließ seine Augen über die Gebirgslandschaft gleiten, die sich vor ihm ausbreitete. Er ahnte was nun folgen würde. Aber er hatte ein Versprechen gegeben, vor all diesen Jahren, dass er Herbert auch dann zuhören würde, wenn er Dinge ansprach, die er nicht gerne anhören wollte. „Was hast du auf dem Herzen, mein Junge?," fragte er leichthin, während der Wind ihm durch das lange lange Haar strich. „Erwartest du heute Abend nicht Gäste? Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich dich hier finden würde." Herberts Tonfall klang betont gelassen. „Im Gegenteil", entgegnete sein Vater trocken. „Du wusstest, dass ich hier bin. Du musstest mich nicht einmal suchen, du kannst mich ebenso jederzeit aufspüren, wenn du das möchtest, wie ich dich." „Vater, bitte!" Es klang fast ein wenig vorwurfsvoll. Victor seufzte. „Was möchtest du hören? Es wäre viel eindrucksvoller, wenn wir noch beide sterblich wären und du weißt das ebenso gut, wie ich. Wir haben mehr als zwei Menschenleben miteinander verbracht. Du kennst meine Gewohnheiten genauso gut, wie ich deine." Diesmal war es Herbert der seufzte. „Vielleicht möchte ich höflich sein und nicht mit der Tür ins Haus fallen", entgegnete er vorsichtig. „Na los, frag schon!" Herbert räusperte sich. „Wieso bist du hier und nicht bei der Jagd? Ist es nicht zu riskant, es derart darauf ankommen zu lassen?" „Worauf?", fragte sein Vater ausweichend. Herbert betrachtete ihn eingehend mit schief gelegtem Kopf. „Ehrlich gesagt, ich bin mir nicht sicher. Es gibt zwei Szenarien. Für mich strahlst du Hunger aus, wie einer dieser vollkommen abgemagerten Köter in der Stadt. Ich kann es spüren, wenn ich nur in deiner Nähe bin, ohne das ich es darauf anlegen würde. Was ist, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht und du dich nicht beherrschen kannst? ‚Es darf keine Todesfälle in unserem eigenen Haushalt geben' , wer sagte das doch gleich? Und selbst wenn es nicht passiert, weißt du, wie du gerade aussiehst? Jeder schwer Schwindsüchtige sieht gesünder aus als du es zur Zeit tust. Warum bist du noch hier? Warten sie nicht schon auf dich?" Der Graf schüttelte den Kopf. „Zwei Stunden nach Sonnenuntergang. Ich bin seit etwas mehr als einer Stunde hier. Es ist jetzt die letzte Phase der Dämmerung. Noch Zeit genug hinauszuschlüpfen und zurückzukommen ohne gesehen zu werden. Ich wollte das Licht nicht verschwenden, während ich im Wald unterwegs bin." Herbert schüttelte in nachsichtiger Missbilligung den Kopf. „Es dämmert morgen Nacht wieder, weißt du? Du hast alle Zeit der Welt. Oder du kannst vor Morgengrauen wieder hier heraufkommen und dir anschauen, was du jetzt versäumen wirst, während du jagen gehst." Der Graf schüttelte mit einem leisen Lachen erneut den Kopf. „Oh nein, mein Sohn. Ich kann im Morgengrauen hier heraufkommen, das ist wahr. Aber ich werde nicht sehen, was ich ‚jetzt versäume', wenn ich im Wald jagen gehe. Diese Momente sind anders als wir, Herbert." Er sah seinen Sohn zum ersten mal in dieser Nacht direkt an. „Sie sind vergänglich. Jeder ist einzigartig und keiner kehrt je zurück!" Er legte dem jüngeren Mann sanft die Hände auf die Schultern und schenkte ihm ein liebevolles, wenn auch trauriges Lächeln. „Aber du hast recht, ich gehe jetzt. Du magst Banel sagen, ich sollte in zwanzig Minuten zurück sein. Er soll mir warmes Wasser bereithalten, mehr brauche ich nicht. Ich werde Zeit haben, ihn anzuhören, wenn ich wieder da bin. Danach gehört der Rest der Nacht ihm selbst."

Kurze Zeit später befand sich Victor von Krolock bereits im Wald unweit seines Schlosses, das er über jene Schwachstelle der Umfassungsmauer verlassen hatte, die er Herbert gegenüber einst als ihren ‚inoffiziellen Ein – und Ausgang' beschrieben hatte. Er hatte es mittlerweile nicht mehr nötig sein Kommen und Gehen zu verbergen und verließ das Schloss nur noch durch das Tor, aber heute Nacht hielten sich sterbliche Gäste im Schloss auf und er wollte von ihnen nicht gesehen werden. In dem vergangenen Jahrhundert hatte er sich bei der Jagd nach Tieren vervollkommnet. Es war ihm ein Leichtes, geeignetes Wild aufzuspüren, kaum dass er zwischen die Bäume trat. Normalerweise war es ihm gleich, wie groß oder klein seine Beute war. Sein normaler Ablauf bestand darin, den Wald zu betreten, seinen siebten Sinn dafür zu nutzen das nächstbeste Tier aufzuspüren, um es anschließend zu fangen und auszusaugen. Ihm war es dabei gleich, um was für ein Tier es sich dabei handelte. Ein Fuchs, ein Kaninchen, unvorsichtiges Raubzeug, Rehe oder Hirsche. Er hatte sich nicht festgelegt. Ihm war nur daran gelegen seinen Durst zu besänftigen und so schnell, wie möglich wieder zurückzukehren und dieses notwendige, aber unerfreuliche nächtliche Ereignis hinter sich zu lassen. Er konnte seinen Ekel davor genug beherrschen, um seine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Aber es war eine andere Art dies zu tun, wie sein Sohn sie pflegte. Der Graf wusste ganz genau, worauf Herbert an diesem Abend angespielt hatte. Der jüngere Adlige hatte nicht die gleichen Probleme und Bedenken, wie sein Vater, hatte sie nie gehabt und auch bis zur heutigen Nacht nicht entwickelt. Sah man von seiner Blässe ab, sah er noch genauso aus, wie an jenem Tag als er gestorben war. Bei Graf von Krolock war das anders und er wusste es. Knapp über sechs Fuß groß, war er Zeit seines Lebens schlank gewesen, dabei gleichzeitig durch regelmäßiges körperliches Training weder schmächtig noch übermäßig muskulös. Doch anders als sein Sohn nahm er nur das Mindestmaß dessen zu sich, das sein Körper brauchte. Er war viel hagerer geworden und der Schnitt seiner Kleidung war noch immer darauf bedacht, die Vorteile seiner Erscheinung zur Geltung zu bringen und ihm zu schmeicheln. Wenn dieses notwendige, blutige Ritual vollzogen war und die unangenehmen Begleitumstände des Hungers zwar nicht zur Gänze gestillt, doch genug beschwichtigt, dass er in seiner gleichförmigen Existenz fortfahren konnte, war ihm dies genug. Ein kurzer Ausflug in den Wald und dann zuerst zurück an seinen Schreibtisch, wo Arbeit und Korrespondenz auf ihn wartete und anschließend zurück zu seinen Büchern, denen er nach all der Zeit noch immer die Treue hielt.

Heute Nacht war er sich jedoch bewusst, dass er größeres Wild zur Strecke bringen musste. Es stimmte, was Herbert sagte. Er wusste, wie er aussah, ohne dass er einen Spiegel dazu gebraucht hätte. Herberts gelegentliche Ausbrüche und dass, was die Gedanken seiner jeweiligen persönlichen Diener ihm offenbarten, war dazu genug. In dieser Nacht hatte er gleich mehrere Sterbliche zu Gast, und obwohl blutige Ausrutscher, wie in der Nacht als er die beiden Landstreicher getötet hatte für ihn selten waren, konnte er es dennoch nicht riskieren, dass es mit jenen Sterblichen, mit denen er direkt zusammenarbeiten musste und in seinem eigenen Schloss geschah. Es kostete ihn jedoch kaum mehr Zeit als sonst, eine geeignete Beute zu finden. Bereits als er in die entsprechende Richtung loszog, wusste er bereits, dass er einen jungen Hirsch verfolgte. Innerhalb weniger Minuten, in denen er sich rasch und geräuschlos durch den Wald bewegte, hatte der Graf den Ruheort des Tieres erreicht, indem er sich bewusst gegen den Wind genähert hatte, damit dieser dem Bock seinen Geruch verschleierte. Mit der Schnelligkeit des dunklen Jägers, die ihm mittlerweile zur zweiten Natur geworden war, überwand er die letzten Meter und hatte das Tier gepackt, das sich in der Deckung einiger dicht zusammenstehender Büsche zum wiederkäuen niedergelegt hatte. Die langen, scharfen Nägel befreiten einen Flecken Haut von dem dichten Fell, dann bohrten sich die langen Fangzähne durch die Haut. Der fruchtlose Widerstand des Tieres, das sich aus dem festen Griff des Vampirs nicht befreien konnte, erlahmte rasch und in wenigen Minuten war es vorbei. Der Graf löste seinen Griff von dem Hals des Tieres, ließ es mit einer Geste, die einen gewissen Respekt vor dem Leben ausdrückte, das er gerade genommen hatte, sachte zu Boden gleiten. Dann richtete er sich auf und ging davon und vermachte den jungen Hirsch damit als Beute einem anderen Raubtier. Im Gehen strich er sich die Erd- und Laubreste von der Kleidung, spürte dem Pulsieren frischen Blutes in seinen Adern und dem Gefühl von träger Ruhe nach, das sich, wie ein schwerer Mantel über ihn legte. Für seine Gewohnheiten war seine heutige Beute eine sehr ausgedehnte Mahlzeit gewesen. Etwas, an das er, der normalerweise nur bereit war, seinen Hunger gerade genug zu stillen, um die unangenehmsten Folgen des Hungerns zu vermeiden, nicht gewohnt war. ‚Nun, es sollte mehr als genügen, um den Sterblichen heute Nacht Sicherheit in meiner Nähe zu gewährleisten.' Herberts Worte hallten für einen Moment durch seine Gedanken. ‚Jeder schwer Schwindsüchtige sieht gesünder aus als du es zur Zeit tust.' Nun, wenn es nach der Übelkeit ging, die ihn allmählich überkam, sollte er genug getrunken haben, um den ästhetischen Schaden des Hungerns etwas auszugleichen. Sie würden nicht glauben einen gesunden Menschen zu sehen, aber immerhin niemand, der wirkte als würde ihn die Schwindsucht bald dahinraffen. Während er seinen Gedanken nachhing hatte er nicht auf den Weg geachtet, dem er mechanisch gefolgt war. Er nahm seine Umgebung erst wieder bewusst wahr, als er die Schlossmauern an jener Stelle erreicht hatte, wo er seinen Wohnsitz eine Weile zuvor verlassen hatte.

Mühelos erklomm der Graf die Mauer, schlüpfte an den Metallspitzen vorbei, machte einen Schritt ins Leere und landete geräuschlos am Fuße ihrer Innenseite. Er verharrte reglos für einige Herzschläge, prüfte mit allen Sinnen seine Umgebung. Aber es war niemand in der Nähe, der ihn bemerkt hätte, niemand der sich über dieses scheinbar seltsame Verhalten des Schlossherren wundern würde. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und schlenderte über den Friedhof davon als sei er nur für einen kleinen Spaziergang hierher gekommen und schob sich kurz darauf unbemerkt durch die nächstbeste Tür, die ihn durch selten benutzte Seitengänge wieder ins Innere des Schlosses führte. Gemessenen Schrittes ging er durch Korridore und Hallen, und erreichte bald darauf seine Gemächer. Im Vorzimmer wartete Banel bereits auf seinen Herrn. „Es ist alles gerichtet, Herr Graf", sagte der Mann in respektvollem Ton. „Euer Salon und das Arbeitszimmer sind für die Besucher hergerichtet. Ich habe Euch das Wasser heraufgebracht, nachdem ihr verlangt habt, und ich war so frei euch etwas Passendes für diesen Abend herauszulegen, Herr." Graf von Krolock nickte zum Zeichen, dass er gehört hatte. „Gibt es etwas, das ich wissen sollte, Banel?", fragte Victor kühl.

„Nein, Eure Exzellenz, niemand ist heute hier gewesen, um eine mündliche Nachricht zu überbringen. Die Briefe, die gekommen sind, erwarten Euch an ihrem üblichen Ablageplatz. Die übliche Menge, würde ich sagen", antwortete der Diener ruhig. „Irgendwelche Vorkommnisse mit der Dienerschaft?" „Nein, Herr! Sie tun ihre Arbeit, tratschen und munkeln dann und wann, aber sie kennen ihren Platz. ,,Der Graf nickte zustimmend. „Sehr gut. Meine Gäste warten bereits auf mich?"„Nein, Exzellenz. Sie sitzen noch im großen Salon bei einer Erfrischung." „Führe sie jetzt herauf. Bis du mit ihnen hier bist, werde ich für sie bereit sein." „Wie Ihr wünscht, Herr Graf." Es klang fast beflissen und niemand, der seinen Hintergrund nicht kannte, hätte geglaubt, dass er nicht sein Leben lang ein Bediensteter gewesen war. „Das wäre dann alles, Banel! Halte dich in der nächsten anderthalben Stunde noch in Bereitschaft, falls ich für meinen Besuch noch etwas benötige, aber ich rechne nicht damit. Das wäre vorerst alles, du darfst gehen!"

Seine Exzellenz entließ den Diener mit gewohnt distanzierter Art. Mit einer Verbeugung zog der Mann sich daraufhin zurück und schloss die Tür hinter sich. Victor von Krolock betrat sein Schlafzimmer und ging zum Toilettentisch hinüber. Eine große Kanne mit noch dampfendem Wasser wartete bereits auf ihn. Er ließ den Umhang von den Schultern gleiten, öffnete den dunklen Gehrock und die dazugehörende Weste und legte beides über die Lehne des Stuhls. Er goss Wasser in die Waschschüssel und wusch sich energisch, da er nach dem Jagen stets das unangenehme Gefühl hatte, dass der Geruch seiner Beute noch an ihm hing. Dann wandte er sich dem Ensemble zu, das Banel für ihn auf sein Bett gelegt hatte. Alles in schwarz gehalten, lediglich der tiefgrüne, bodenlange als einiziger Farbakzent. Ein zufriedenes Lächeln glitt über Victors Lippen. Die Auswahl war ausgezeichnet. Banel kannte seine Vorlieben mittlerweile recht genau. Er schlüpfte rasch in die bereitliegende Kleidung und kämmte das lange Haar zurück, bevor er dann zwei Ringe auswählte. Ein wenig von seinem bevorzugten Duft vervollständigte das Bild müheloser Eleganz. Dann trat er hinaus in den Salon, wo seine Gäste bereits auf ihn warteten.

Die beiden Männer erhoben sich, als Graf von Krolock mit einem knappen Nicken eintrat. „Guten Abend, meine Herren", begrüßte er sie höflich. Beide antworteten mit einer Verbeugung und einem hastigen, „Guten Abend, Exzellenz." „Bitte, nehmt doch Platz." Der Graf ließ sich mit katzenhafter Anmut in einem Sessel nieder, schlug die Beine übereinander und machte eine auffordernde Bewegung zu den Sitzgelegenheiten zu beiden Seiten. Seine Gäste an diesem Abend waren zwei Männer unterschiedlichen Alters. Der Ältere von ihnen, Dumitrescu, war ihm schon seit Jahren bekannt, einer jener Ortsvorsteher, die er etabliert hatte, um in der Lage zu sein, auch als Vampir die Geschicke seiner Grafschaft weiterhin lenken zu können. Er war ein grauhaariger Mann der wohl Mitte fünfzig sein mochte, gebildet und von untadeligem Ruf. Ihm unterstanden mehrere kleinere und größere Ortschaften. Er hatte nie zu Übertreibungen geneigt, also hatte er es als kein schweres Unterfangen gefunden, eine Audienz bei seinem Lehnsherren zu erhalten, um einige wichtige Fälle persönlich mit ihm zu besprechen. Der andere, jüngere Herr mochte um die dreißig sein. Eleganter gekleidet als der bodenständige Dumitrescu, in ein Ensemble aus teurem grünem Tuch, mit gepuderter Perücke. Ein angehöriger des Landadels, schätzte der Graf, oder zumindest ein Abkömmlinge. Größer als sein Begleiter, mit einem breiten Gesicht und einer Hakennase. Er wusste aus Dumitrescus schriftlichem Gesuch nur, dass sein Name Varga war und es um irgendeine Investition ging. Alles weitere, so hatte sein Ortsvorsteher ihm mitgeteilt, sei einfacher im direkten Gespräch zu klären. Victor von Krolock gewährte diese persönlichen Unterredungen immer noch, doch sie kamen nicht mehr so häufig vor, wie in der Vergangenheit. Er hatte einen genauen Katalog festgelegt, der exakt regelte, wie verschiedene Vorkommnisse die häufig wiederkehrten gehandhabt wurden. Das galt für die Verwaltung ebenso, wie für die Gerichtsbarkeit. Bei schweren Fällen wurde er noch immer persönlich um seine Meinung gebeten. Auch seinen Untertanen wurde das Recht zugestanden, um seine Gnade oder einen Beschluss seinerseits zu bitten. Dies geschah meist in schriftlicher Form, wem dies nicht möglich war, konnte auch einen Boten mit einer mündlichen Nachricht schicken. Im Allgemeinen wurde er jedoch selten mit Nichtigkeiten belästigt und wenn jemand eine persönliche Unterredung wünschte, so meist mit einer Sammlung von verschiedenen Fällen, die ihm bei dieser Gelegenheit gesammelt vorgelegt wurden.

Seine Untergebenen wussten nichts von seinen gelegentlichen ‚Ausrutschern'. Er hatte es fertiggebracht, sie selten zu halten und zu vertuschen, wenn es doch hin und wieder geschah. Dennoch war er sich auch jetzt bewusst, dass die beiden Männer nervös und ein wenig argwöhnisch schienen. Es wurde in der Tat nicht einfacher, frei werdende Stellen für seine Ortsvorsteher neu zu besetzen, war es doch bekannt, dass sie, wenn auch sporadisch, direkten Kontakt mit ihm persönlich haben würden und nur die Mutigen, so vermutete er, waren dazu bereit, auf diese Art mit ihm zusammenzuarbeiten. Sie munkelten und tuschelten, zerrissen sich hinter seinem Rücken sicherlich das Maul darüber, dass ihr Graf schon so unnatürlich lange lebte und was wohl der genaue Grund dafür sein mochte. Das hatten sie immer getan, aber durch den Erfolg seiner eigenen Maßnahmen, taten sie es nicht besonders laut, oder so, dass es ihren Gehorsam ihm gegenüber gefährdet hätte. Wohl auch, weil er noch immer an dem gleichen Führungsstil festhielt, so gut er es in seiner Situation vermochte. Die beiden Männer nahmen nebeneinander auf einem Sofa zur linken des Grafen Platz, der sie von seinem Sessel aus ruhig anblickte, die Hände entspannt auf dem Schoß gefaltet. „Nun, meine Herren. Es gab eine Angelegenheit, die sie beide mit mir besprechen möchten, eine Investition, wenn ich mich entsinne. Ich höre!" Dumitrescu räusperte sich. „Nun Exzellenz, Herr Varga trat an mich heran, weil er meine Fürsprache bei Euch erbat. Es geht um das Gestüt, das er im letzten Jahr von seinem Vater geerbt hat und das in meinem Zuständigkeitsbereich liegt." Der Graf hob eine Augenbraue. „Nun, ich gehe davon aus Herr Varga gehört zum Landadel oder entstammt diesem zumindest", begann der Graf. ,,Bin ich sicher, Ihr seid in der Lage zu schreiben. Wieso dieser Umweg über Dumitrescu?" Der Graf klang zwar reserviert, aber nicht unfreundlich, betrachtete den jüngeren Mann jedoch mit prüfendem Blick. Sein Gegenüber wand sich sichtlich. „Nun, Exzellenz, Ihr habt recht... aber ich bin weder besonders vermögend, noch ist meine Familie jemals bedeutend gewesen um…", antwortete er merklich nervös. „Lasst das, kommt zum Punkt! Ich schätze es nicht, wenn man schwätzt!", unterbrach ihn der Graf mit einer ungeduldigen Geste. „Nun, Herr, ich habe das Gestüt, im letzten Jahr von meinem Vater übernommen. Es ist nichts Großartiges daran. Pferde vom einheimischem Schlag. Nun habe ich ein Angebot von einem großen Abnehmer erhalten. Aber, um es anzunehmen, müsste ich meine Kapazitäten erhöhen. Mehr Ställe, mehr Zuchttiere, und mehr Weideflächen." Der schmächtige Junge Mann hatte zurückhaltend begonnen, aber je länger er sprach, desto sicherer und fester klang seine Stimme. Er schien es also weder mit einem Schwätzer, noch mit einem Feigling zu tun zu haben. Lediglich mit einer Person, die gegen das gleiche Unbehagen ankämpfte, das die meisten sterblichen dieser Tage in seiner Nähe empfanden. Der Graf hatte aufmerksam zugehört, mit einer Miene, die nicht mehr als höfliche Aufmerksamkeit verriet. „Und das bedeutet, Ihr möchtet mir jetzt ein Angebot machen, für Landparzellen, die Euch zusagen?", fragte er schließlich im nüchternen Tonfall. „Nun, Herr Graf, ich fürchte hier kommen wir an den Punkt, wegen dem ich der Meinung war, es sei sinnvoller gleich mit Euch selbst zu sprechen", schaltete sich nun der Ortsvorsteher ein. „Herr Vargas Familie war nie allzu vermögend. Das, was er investieren müsste, übersteigt die Mittel, die selbst aufzubringen er imstande ist. Sein Vater hatte einen Narren an seinem ältesten Sohn gefressen, den älteren Bruder von Herrn Varga hier. Man muss leider sagen, dass der Bursche immer ein großer Verschwender war und der alte Varga hat seinen Liebling zu sehr unterstützt, wenn Ihr versteht was ich meine, Exzellenz. Und als Stellan vor drei Jahren endlich den Anstand hatte von seinem Pferd zu stürzen, als er sturzbetrunken nach Hause ritt, waren die Finanzen der Familie bereits recht geschrumpft." Der Graf nickte verstehend. Er wusste dass Dumitrescu ehrlich und verlässlich war. Auch die harten, direkten Worte wirkten glaubhaft. „Nun, auch Väter können töricht sein", warf seine Exzellenz verständnisvoll ein. „Das bedeutet, Ihr möchtet ein Darlehen?" Der junge Varga zögerte kurz und antwortete dann entschlossen und mit fester Stimme. „Nicht ganz, Herr Graf. Ich dachte daran, ob es für den Anfang nicht möglich sein würde, die notwendigen Weideflächen zu pachten, mit einer Option auf ein späteres Vorkaufsrecht? Im Gegenzug würde ich Euch eine Gewinnbeteiligung anbieten."

Es folgte eine intensive Verhandlungsphase, doch schließlich wurden sie sich einig. Zusätzlich zu den gepachteten Parzellen, hatte der Junge Mann am Ende auch das Darlehen erbeten, mit dem der Graf gerechnet hatte. Es war nicht besonders groß und auf den Zeitraum von fünf Jahren angesetzt. Der Graf war dem jungen Mann ein wenig mehr entgegengekommen als es sein Verwalter getan haben würde. „Nun, Herr Varga, Ihr habt meine Zusage. Die notwendigen Papiere werden Euch in den nächsten Wochen zugesand. Ich möchte, dass Ihr sie in Anwesenheit von Dumitrescu hier unterzeichnet, er wird als Zeuge gegenzeichnen." „Wie Ihr wünscht, Eure Exzellenz." Der junge Mann verbeugte sich artig. „Sehr gut. Wenn das Euer gesamtes Anliegen ist, würde ich Euch bitten, noch einmal in den großen Salon zurückzukehren. Ich glaube, es gibt noch weitere Angelegenheiten, die ich mit Dumitrescu alleine besprechen muss. Ich kann Euch aber auch zu dem Zimmer führen lassen, das für Euch vorbereitet worden ist, wenn ihr Euch gleich zur Ruhe begeben möchtet." Der Graf erhob sich und zog an einer Kordel an der Wand hinter ihm. Der junge Landadlige zögerte ehe er antwortete. „Wenn es Euch nichts ausmacht, Herr Graf, würde ich mich lieber zurückziehen wollen." „Ganz wie Ihr wünscht, natürlich." Es klopfte und sein Leibdiener trat ein. „Ah, Banel, da bist du ja. Bringe Herrn Varga bitte auf das Zimmer, das für ihn vorbereitet wurde. Er ist müde und möchte sich gerne zurückziehen."

„Jawohl, Herr Graf!" Varga antwortete mit einem zittrigen Lächeln. „Nun denn, ich wünsche Euch eine angenehme Nachtruhe." Der Graf deutete mit dem Kopf eine unauffällige Verbeugung an. Der jüngere Mann antwortete mit einem unsicheren Lächeln. „Gute Nacht, Eure Exzellenz." Dann folgte er Banel fast erleichtert aus dem Raum.

Victor unterdrückte ein Seufzen und wahrte weiterhin einen neutralen Gesichtsausdruck. Nach all der Zeit war es noch immer ernüchternd zu sehen, dass die Furcht vor dem, was er ihnen antun könnte, nahezu jede Interaktion mit einem Sterblichen prägte. Sie wussten es nicht sicher, was aus ihm geworden war, aber sie vermuteten es. So sehr er sich auch bemühte, sie in der gleichen Art zu führen, wie er es als Mensch getan hatte, so sah er doch ebenso deutlich die Grenzen dessen, was er erreichen konnte. Er musste mehr delegieren als es ihm selbst gefiel, aber er prüfte in Stichproben peinlich genau die Arbeit derer, an die er Aufgaben übertrug, um sicher zu stellen, dass sie diese in einer Art ausübten, die seinen hohen Ansprüchen gerecht wurde. Amtsmissbrauch wurde nicht geduldet. Auch wenn seine Interaktionen die charmante Leichtigkeit aus seinen sterblichen Tagen verloren hatten, fand er sich nicht weniger gerecht und gewissenhaft als zuvor. Seine hohen Standards waren die gleichen geblieben. Und doch genügte es gerade, dass sie ihn duldeten. Sie fürchteten ihn vielleicht sogar mehr, weil sein Verhalten sich nicht mit den dunklen Ahnungen deckte, die sie über ihn hegten. Es ermüdete ihn von Jahr zu Jahr mehr und doch konnte er auf keinen Fall aufgeben, oder damit beginnen, sich auf eine Art zu verhalten, die ihren Mutmaßungen mehr entsprach. Er hatte noch immer nicht aufgegeben nach einem Ausweg zu suchen. Er glaubte noch immer daran, dass ihm das Schicksal eines Tages erlauben würde, sich seine Erlösung zu verdienen, wenn er nur durchhalten und sich tugendhaft genug verhalten würde. So hielt er noch immer krampfhaft an dem positiven Idealbild eines Herrschers fest, nach dem er immer gestrebt hatte, mit der leisen Hoffnung, dass es für jede Anstrengung irgendwann eine Belohnung geben musste. Er wandte sich wieder dem Ortsvorsteher zu.„Nun Dumitrescu, Ihr spracht von Angelegenheiten die Ihr persönlich mit mir klären müsst. Folgt mir in mein Arbeitszimmer, dann können wir alles notwendige besprechen." „Ja, Herr." Eines musste der Graf dem älteren Mann lassen. Er verstand es viel besser seine Bedenken für sich und seine Stimme ruhig und neutral klingen zu lassen.

Mit einer Kopfbewegung bedeutete Victor von Krolock seinem Gegenüber, ihm zu folgen. Er durchschritt den kleinen Salon und trat durch eine Tür. Direkt umfing ihn der Geruch nach in Leder gebundenen Büchern, Tinte und Papier. Seit langem vertraut, freundlich und tröstlich. Er setzte sich an seinen Schreibtisch und bedeutete dem Ortsvorsteher ihm gegenüber in einem gepolsterten Stuhl Platz zu nehmen. „Also?" Der Graf sah den Mann erwartungsvoll an. „Herr, ich möchte nicht lange um den heißen Brei reden", begann sein Gegenüber geradeheraus. „Ich fürchte, dass Euer Verwalter euch sicher ohnehin schon über den Fall in Kenntnis gesetzt hat. Es geht um die Witwe Albu. Ihr wisst vielleicht, sie und ihr Gatte haben einen kleinen Hof von Euch zur Pacht." „Oder sie hatten es", warf seine Exzellenz trocken ein. „Sie bewirtschaftet das Gehöft scheinbar alleine, da Ihr mir sagt, sie sei eine Witwe?"„In der Tat, Herr. Sie bewirtschaftet den Hof seit drei Jahren allein, nur mit ihren drei Söhnen als Unterstützung. Der älteste, ist gerade 17 geworden…" „Kommt zum Punkt, bitte!" „Nun, Herr, es ist so, der Bursche ist ihr die größte Hilfe, macht sicher die Hälfte der anfallenden Arbeit alleine. Aber im Frühjahr hat ihn das Fieber erwischt und es stand lange nicht gut um ihn." Es kam bei ihm nicht häufig vor, aber es war Dumitrescu anzumerken, dass ihm das Schicksal dieser Familie nicht kalt ließ. Der Graf konnte es an der leidenschaftlichen Art hören, mit der er sprach. „Mittlerweile ist er wieder bei der Arbeit und er tut was er kann. Aber es ist nicht mehr wie vorher, er schafft noch nicht das gleiche Pensum und seine Brüder sind viel jünger als er. „Dumitrescu…." Der Graf hatte einen warnenden Unterton in der Stimme. „Herr, sie sind mit der Pacht in Verzug, die Not ist bei der Familie seither oft zu Gast und Euer Verwalter hat gedroht, er wird sie vom Hof jagen, wenn sie nicht bezahlen. Iurie ist ein harter Bursche, und er hat es ohnehin auf die Witwe abgesehen, weil sie ihm nicht so entgegenkommen möchte, wie er es sich vorstellt, wenn ihr wisst was ich meine, Herr." Sein Gegenüber klang jetzt sehr aufgebracht. „Ihr wisst genau, ich würde Euch nicht mit solchen Dingen belasten, wenn ich nicht wüsste, dass die Familie weder aus Taugenichtsen, noch aus Faulenzern besteht. Aber sie haben unheimliches Pech gehabt. Entweder werden sie davon gejagt oder eine gute Frau muss sich von so einem Lump entehren lassen." Graf von Krolock nickte mit finsterem Gesichtsausdruck. „Den Witwen und Waisen soll der Graf Schützer sein…" (1*) murmelte er düster. „Wie bitte, Herr Graf?" Der Schlossherr winkte ab und schüttelte ärgerlich den Kopf. „Ihr habt gut getan hierherzukommen, Dumitrescu. Was ist mit Teilzahlungen? Ich kann den Sinn nicht erkennen, eine Familie in den Ruin zu stürzen, wenn sich die Angelegenheit anders regeln lässt." Seine Exzellenz mochte ruhig und distanziert klingen, aber unter er Oberfläche regte sich bereits der Ärger. „Nun Herr, dass hat sie ebenfalls vorgeschlagen", erwiderte der Ortsvorsteher achselzuckend. „Bevor diese Sache passierte waren sie stets pünktlich. Sie sind keine Verschwender und obwohl sie nicht reich sind, hat Witwe Albu es trotzdem geschafft stets ein wenig zu sparen. Oder sie hätte die Familie gar nicht so lange über Wasser halten können. Aber Ihr wisst, Arznei ist ein teures Gut!", schloss der Ortssprecher düster. Der Graf nickte bedächtig. „Über wie viel Rückstand sprechen wir, Dumitrescu?", erkundigte er sich ruhig. „Zwei Monate, Herr Graf. Aber Iurie hat es abgelehnt Teilzahlungen anzunehmen, es sei denn…" „Und sie hat es nicht angenommen", bemerkte der Graf trocken, aber es klang beifällig, als zolle er der Witwe im Stillen seinen Respekt. „So ist es, Exzellenz. Da es jetzt zwei Monate sind und sie weder alles auf einmal bezahlen kann, noch sein liederliches Angebot annehmen möchte-" „Wieso hat sie niemanden zu mir geschickt? Die Leute wissen, dass sie dies vor möglicher Willkür meiner Verwalter bewahren kann, oder etwa nicht?" Eine gewisse Gereiztheit begann sich in Victor von Krolocks Tonfall einzuschleichen. „Herr, Vergebung, aber Männer, wie Iurie machen jedem die Hölle heiß, die ihnen bei so etwas in die Quere kommen." Er sah den Grafen vielsagend an. „Und geht das mit diesem Schurken schon länger so, oder ist das eine neuerliche Entwicklung?" Der Graf sah den Ortsvorsteher mit zusammengezogenen Brauen scharf an. Dumitrescu wiegte in einer unschlüssigen Geste seinen Kopf. „Exzellenz, das ist schwer zu sagen. Aber in Euren Briefen habt Ihr stets betont, dass ich mich sofort an Euch wenden soll, wenn ich das Gefühl habe, ich könnte es mit Amtsmissbrauch zu tun haben", sagte er schließlich grimmig. „Und gut getan habt ihr daran!", entgegnete der Graf mit kaltem, aber deutlichen Zorn in der Stimme. „Ihr mögt der Witwe sagen, die Pacht der beiden fehlenden Monaten wird ihr gestundet. Sie soll sie nachzahlen, sowie sie es vermag. Ich gebe ihr zwei Quartale Zeit dafür. Seid Ihr der Meinung, dass sie es schaffen werden, die zukünftigen Zahlungen zu leisten, oder sollte ich mich um eine andere Regelung der Angelegenheit kümmern?" „Nein Herr, das wird ganz sicher nicht nötig sein. Wie ich sagte, es sind brave, hart arbeitende Leute. Dieser Aufschub wird ihnen etwas Luft zum Atmen geben und das wird genau das sein, was sie brauchen, um wieder in den rechten Tritt zu kommen." der Graf nickte zustimmend. „Nun gut, so sei es. Was nun diesen Iurie betrifft…" Die Stimme und der Gesichtsausdruck seiner Exzellenz verfinsterten sich. „Morgen früh reitet einer meiner Männer los und benachrichtigt die Büttel. Dieses üble Subjekt kommt hinter Schloss und Riegel und wird mit den Anschuldigungen konfrontiert werden. Ihr werdet als Zeuge teilnehmen, Dumitrescu und ich werde dafür sorgen,dass Licht in diese Sache gebracht wird." Dumitresscu nickt, doch der Graf warf ihm einen harten Blick zu. "Seid versichert dass es Euch schlecht ergeht, wenn ich höre, das Ihr in diesem Fall euer Amt missbraucht haben solltet!"sagte Victor streng mit drohendem Unterton in der Stimme. Er machte eine abwehrende Handbewegung, um jede Antwort darauf zu unterbinden. "Euch fällt indessen die Aufgabe zu, Euch nach geeignetem Ersatz in Eurem Bezirk umzusehen. Das übliche Verfahren. Ich will alles über die Kandidaten wissen, ehe ich eine Entscheidung treffe." „Ja, Eure Exzellenz!" Es war dem Ortsvorsteher anzusehen, wie erleichtert er über den Ausgang dieser Sache war. Der Graf atmete tief durch, und fragte dann weiter. „Was habt Ihr sonst noch?"

Es folgte eine ganze Reihe von verschiedenen Einsprüchen zu verschiedenen Urteilen und Verfahrensregeln. In manchen Fällen gab seine Exzellenz dem Einspruch statt, so dass die Regelungen und Urteile milder ausfallen würden, bei anderen nicht. Er hörte sich alles an, was ihm der Ortsvorsteher zu sagen hatte und las die Dokumente, die er ihm zu den entsprechenden Fällen mitgebracht hatte, genau durch. Kurz, er machte es sich, wie es stets seine Art gewesen war, nicht einfach und am Ende war Mitternacht schon lange vorbei, bis sie fertig waren. Der Graf konnte nur allzu deutlich sehen, dass sein Gegenüber mittlerweile vollkommen erschöpft war. „Wenn das alles ist, Dumitrescu, wird es Zeit, dass Ihr Euch schlafen legt." Der Graf zog seine Taschenuhr hervor und warf einen flüchtigen Blick darauf. „Allerdings glaube ich, dass die Stunde bereits zu weit fortgeschritten ist. Ich fürchte, wenn ich klingle, werden wir feststellen, dass mein Diener im Bereitschaftszimmer eingeschlafen ist. Es wird das Beste sein, ich bringe Euch zu dem Zimmer, das man für Euch vorbereitet hat, Meister Dumitrescu." Der Schlossherr erhob sich langsam. „Nur, wenn es nicht zu viele Umstände macht, Herr Graf." Der Mann war müde, aber der Graf konnte förmlich spüren, wie sich sein träge gewordener Geist noch einmal zu einer letzten Anstrengung aufraffte. „Natürlich nicht, Ihr seid hier Gast." gab er betont ungerührt zurück. „Wenn ihr mir also folgen wollt?" Der Graf führte sein Gegenüber aus seinen Gemächern hinaus und durch geschmackvoll ausgestattete Korridore ein Stockwerk tiefer und dort in einen kleineren Seitenkorridor hinein. Kurz vor einer Tür blieb er stehen und machte eine ausholende, einladende Geste. „Euer Quartier für diese Nacht, Meister Dumitrescu. Ich wünsche Euch eine gute Nacht und eine angenehme Heimreise, denn ich vermute, dass Ihr abgereist sein werdet, bis ich selbst mich morgen wieder erhoben habe. Ich fürchte, ich habe heute Nacht noch viel zu tun." Dumitrescu verneigte sich ehrerbietig, obwohl der Graf genau spürte, dass er ihm ungern seinen ungeschützten Nacken darbot. Er musste sich sehr zusammenreißen, um nicht mit den Augen zu verdrehen. „Gute Nacht, Eure Exzellenz. Und habt Dank für die Umstände die Ihr Euch gemacht habt." „Unsinn. Die erste Pflicht des Gastgebers, weiter nichts." Er nickte dem Mann noch einmal kurz zu, wandte sich dann ab und kehrte gemessenen Schritts in seine Gemächer zurück.

Dort angekommen nahm er sich die Briefe vor, die Banel vor Stunden erwähnt hatte und die er ihm wie üblich in eine Ablage auf einer Konsole unweit seines Sekretärs abgestellt hatte. Er nahm die Ablage mit und arbeitete sich einen nach dem anderen systematisch an seinem Schreibtisch durch, alles Briefe seiner umfassenden Korrespondenz. Einiges bloße Bestätigungen von Anweisungen, die er gegeben hatte; andere Berichte, die ihrerseits eine Antwort sowie weitere Anweisungen erforderten. Sporadisch beigemischt waren einige Briefe weiter Adliger, mit denen er in Austausch stand, um nicht vollkommen den Anschluss an seine eigene Gesellschaftsschicht zu verlieren. Ein leider notwendiges Übel. Die Nacht war schon weit fortgeschritten, als er schließlich die letzte Unterschrift auf ein Dokument setzte, diese mit dem Abdruck des Siegelrings an seiner rechten Hand bestätigte und das Dokument in seine Transportrolle zurück steckte. Dann stellte er die Schreibfeder an ihren Platz in der kleinen Haltevorrichtung an dem Tintenfass zurück. Wie üblich legte er die auszuliefernden Briefe an denselben Platz, an dem Banel später all jene hinterlassen würde, die bei Tag für seine Exzellenz ankamen. von Krolock zog seine Uhr aus der Tasche. Es waren noch ein paar Stunden ehe es hell wurde. Seine Arbeit war getan, niemand konnte es ihm verübeln, wenn er sich jetzt, in eigener Sache seinen Büchern zuwandte.

Die Bibliothek des Schlosses war im Laufe der Zeit immer größer geworden. Einst war sie ein bescheidener kleiner Raum gewesen, gefüllt mit Regalen voller Bücher, welche die breitgefächerten naturwissenschaftlichen Interessen des Grafen und seinen Wissensdurst zeugten. Dazwischen auch alles Mögliche, was ihm die Ausübung seiner Pflichten erleichterte. Texte über Staatslehre und Recht, die auf die alten Griechen zurückgingen und dazu noch die gesammelten Schriften einiger der großen Philosophen der Antike. Mittlerweile war dieser Hort des Wissens in einen viel größeren Raum, gegenüber dem großen Salon, umgezogen der zudem über eine kleine Erker-Etage verfügte. Dort hatte Graf von Krolock sich mit allem eingerichtet, was ein begeisterter Laie auf dem Gebiet der Astronomie sich wünschen konnte: ein Teleskop, ein Zeichentisch, diverse Schränke mit Globen, Karten, Büchern und Papieren. In der Bibliothek selbst, ein großer Raum mit einem stattlichen Nebenraum, zogen sich die Regale über nahezu jede Wand vom Boden bis unter die Decke. Ein Lesepult und einige im Raum verteilte Sessel sowie die notwendigen hohen Kandelaber vervollständigten das Bild in beiden Räumen. Nicht jedes Buch, das Victor von Krolock zum Lesen in die Hände bekam, fand am Ende ein permanentes Zuhause in der Bibliothek. Im Lauf der Zeit hatte er viele Bücher, die ihm vielversprechend erschienen waren, wieder an diverse Klöster zurückgegeben, oder hatte sie gegen einen entsprechenden Obolus an andere Sammler weitergereicht. Gegenwärtig las er viele Bücher, die medizinische und folkloristische Themen behandelten. Fündig geworden war er bei der Suche nach der Antwort auf seine drängendste Frage allerdings noch immer nicht. Vielleicht würde ihm das Glück ja in dieser Nacht endlich hold sein.

Er hatte erst wenige Seiten in dem schweren Folianten gelesen, als sich vertraute Schritte näherten. Der Graf hob den Kopf als sein Sohn vor ihm stehen blieb und sein Blick zeigten nur allzu deutlich, dass ihn diese Unterbrechung nicht störte, im Gegenteil.

„Ich bin fertig für heute. Kann ich dich zu einer Partie Schach überreden, Herbert?", fragte der Graf mit dem Anflug eines Lächelns. Doch sein Sohn erwiderte das Lächeln nicht, er blieb ungewohnt ernst. „Ich würde lieber mit dir reden, Vater, wenn es dir nichts ausmacht." Dieser deutete auf einen Sessel in der Nähe, ohne dass sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Herbert hatte manchmal eine eigenwillige Einschätzung davon, was ein Problem darstellte, deswegen war sein Vater zunächst einmal nicht von dessen ernstem Gesichtsausdruck beunruhigt. „Gibt es etwas Bestimmtes, das dich beschäftigt?", fragte er direkt in ruhigem Ton. Herbert räusperte sich und holte tief Luft. „Es gibt wohl keine taktvolle oder vorsichtige Art, um dir mitzuteilen, was ich dir nun sagen muss, also werde ich direkt sein." Der Graf hob auffordernd die Brauen. Noch immer erwartete er nicht, dass es etwas wirklich Ernstes sein würde. „Ich weiß, dass du noch immer nicht aufgegeben hast, Vater." Herbert bemühte sich um einen ruhigen, bestimmten Ton. „Du suchst noch immer einen Weg zurück. Du redest dir nach all der Zeit noch immer ein, dass es möglich ist, aus uns wieder sterbliche Menschen zu machen. Deshalb arbeitest du dich noch immer Nacht für Nacht durch diese ganzen medizinischen Texte und Gott weiß was sonst noch." Mit weit ausholender Geste deutete er auf die nächstliegenden Bücherregale.

„Herbert", begann sein Vater in warnendem Ton. „Zum einen ist das, woran ich glaube, noch immer meine Angelegenheit, und zum anderen-" „Aber du machst dir selbst nur etwas vor", brach es leidenschaftlich aus dem jüngeren Mann hervor. „Du belügst dich selbst. Es gibt kein Mittel gegen den Tod. Keines, das uns oder die Sterblichen auf den Friedhöfen wieder lebendig macht. Und das wird es nie geben." Da war er wieder, dieser verhasste Satz, ausgesprochen ausgerechnet von seinem eigenen Sohn. Graf von Krolocks Miene verfinsterte sich zusehends. Doch Herbert fuhr unbeirrt fort, „Glaubst du allen Ernstes, du musst deine Arbeit nur gut genug machen und dich, wie ein Kind, nur gut genug betragen, damit dieser Wunsch endlich erfüllt wird? Das wird nicht geschehen!" „Was kümmert es dich, ob ich mir etwas vormache oder nicht? Ganz zu schweigen davon, dass es dir heute Abend ganz eindeutig am gebührenden Respekt fehlt." Der Graf sprach jetzt lauter und Ärger lag in seiner Stimme. „Oh, das hier hat mit Respektlosigkeit nichts zu tun, Vater!", entgegnete sein Gegenüber energisch. „Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, was mit dir los ist. Aber ich habe dich schon vor Jahrzehnten durchschaut. Ich hatte gehofft, dass du es eines Tages selbst einsehen würdest, was für eine kindische Narrheit du begehst. Aber das tust du nicht. Statt dich endlich mit der Tatsache zu versöhnen, dass es nur menschliches Blut ist, das uns Frieden schenken kann, jagst du immer noch ausschließlich Tiere. Das mag ja zum Überleben angehen, wenn uns nichts anderes bleibt. Aber nicht immerzu! Und selbst an ihnen stillst du deinen Durst nicht ganz, sondern nur soweit, dass es die unangenehmsten Begleiterscheinungen vertreibt. Sieh dich an! Lies meine Gedanken und schau durch meine Augen, es macht mir nichts aus. Es tut weh, dich so sehen zu müssen und zu wissen, dass du tatsächlich glaubst, dass du auf dem richtigen Weg bist, dass du nur lange genug durchhalten musst." „Woher…." begann der Graf, doch sein Sohn ließ ihn gar nicht ausreden. „Sagen wir einfach, es gibt Dinge, die auch du nicht verbergen kannst,Vater! Ich habe mein Wort nicht gebrochen. Aber du weißt ebenso gut, wie ich, dass es Dinge gibt, die man nicht überhören kann, die man spürt, ob man will oder nicht." Herbert sah seinen Vater durchdringend an. „Ich kann einfach nicht länger schweigen und so tun, als wäre alles in Ordnung, als würde sich irgendetwas bessern, wenn ich nur unbeschwert genug für uns beide bin, um dir ein Beispiel dafür zu sein, dass auch diese Existenz ein gutes Leben sein kann." „Versteh' doch endlich, dass ich dein Beispiel nicht wünsche!", rief der Graf aufbrausend. „Ich komme sehr gut zurecht. Heute Abend war ein sehr gutes Exempel dafür", beharrte sein Vater unnachgiebig. Herbert lachte bitter auf. „Oh ja? Und was ist mit deinen kleinen Ausrutschern? Glaube nicht, dass du vor mir verbergen kannst, dass es geschieht. Du riechst anders wenn du zurückkommst und du siehst besser aus! Glaubst du allen Ernstes ich bin nicht fähig, eins und eins zusammenzuzählen? Fällt dir eigentlich noch selbst auf, dass es regelmäßig alle paar Monate passiert? Immer dann, wenn du dich einmal länger nach draußen wagst?" „Herbert, es reicht!" Graf von Krolocks Tonfall war hart. Sein Gesicht hatte diesen distanzierten, kühlen Ausdruck angenommen. Denjenigen, den er aufsetzte, wenn er nicht wollte, dass sein Gegenüber sah, was tatsächlich in ihm vorging. Aber es war schon lange zu spät. Er konnte Herbert nicht mehr ‚draußen' oder ‚auf Abstand' halten, weil sein Sohn schon lange wusste, was in ihm vorging. Er konnte nur versuchen dieser unangenehmen Episode möglichst schnell zu entkommen. „Nein, es reicht nicht!", schleuderte Herbert seinem Vater entgegen. Auch in Herbert Stimme klang nun Ärger mit. „Du hast mir versprochen, dass du mich anhören würdest, auch dann, wenn ich dir Dinge sagen sollte, die du nicht hören möchtest." ,,Ich beginne dieses Versprechen zu bereuen!", entgegnete der Graf barsch. „Ich habe es nie missbraucht, Vater. Aber ich kann einfach nicht mehr schweigen und dich weiter in dein Unglück laufen lassen. Ich bin es Mutter genauso schuldig, wie dir!", hielt Herbert eindringlich dagegen. „Halte deine Mutter da heraus!" Diesmal klang Victor eindeutig verärgert. Er stand auf und sah seinen Sohn streng an. „Es mag dich ehren, dass du dir Sorgen machst, mein Sohn, aber ganz gleich was du denkst, du bist nicht mein Hüter. Ich bin im Stande auf mich selbst acht zu geben. Meine Art zu leben mag dir nicht zusagen, aber ich zwinge sie dir nicht auf, ich habe es nie getan." „Vater, das habe ich niemals behauptet. Auch ich will dir nichts aufzwingen!" Herbert klang schon wieder versöhnlicher, doch nicht weniger eindringlich. „Aber selbst an tierischem Blut nimmst du nur das absolute Mindestmaß dessen zu dir, was du tatsächlich brauchen würdest. Ich wünschte, wir hätten noch ein Spiegelbild und du könntest selbst sehen, wie mager du geworden bist. Du änderst es nicht, dass du ein Vampir bist, indem du einen wichtigen Teil deiner Bedürfnisse vollkommen vernachlässigst. Du wirst dich nur dann unter Menschen gefahrlos bewegen können, ohne die Beherrschung über deine niedere Instinkte zu verlieren, wenn du diesem Teil deiner Natur nachgibst, ihn akzeptierst und entsprechend lebst. Das bedeutet: menschliche Opfer, Vater. Es ist nicht nur ihr Blut, das wir brauchen und ich glaube in deinem tiefsten Innersten weißt du es. Aber es gibt diejenigen, die sich ohnehin danach sehnen zu sterben, die dich keine Gewissensbisse kosten müssten und denen du tatsächlich helfen, oder ihnen zumindest etwas Gleichwertiges im Austausch für ihr Blut geben würdest. Es würde dich zu keinem Monster machen. Aber erst wenn du lebst, wie es unserem Wesen entspricht, dann werden die Sterblichen in deiner Nähe sicher sein, erst dann wirst du anfangen die Beherrschung über diesen Teil deiner Natur zu gewinnen. Wieso möchtest du es einfach nicht sehen?" Herbert sah seinen Vater bestimmt an, doch es lag etwas Trauriges in seinem Augen. „Genug, Herbert! Ich mag einen anderen Weg eingeschlagen haben als du und er mag steiniger sein. Aber ich bin auf dem richtigen Weg. Ich kann mich beherrschen! Vielleicht nicht immer, aber ich kann es. Versuche mir nicht Dinge weißzumachen, die ich niemals glauben werde. Und wen kümmert es, dass ich nicht mehr aussehe, wie die Illusion des Sterblichen, der ich einmal war? Töten kann es mich nicht mehr, es ist also gleichgültig", antwortete der Graf ungeduldig. Herbert holte Luft zu einer Erwiderung, aber der Graf unterbrach ihn mit einer gebieterischen Handbewegung. „Es reicht jetzt! Ich habe dich angehört und ich bin mir sicher, dass dies die Essenz dessen war, was du mir mitteilen wolltest. Ich werde mich nun zurückziehen. Mein Bedarf an Gesellschaft ist für heute gedeckt. Wenn du mich also entschuldigen würdest?" Er erhob sich und deutete eine knappe Verneigung an. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und ging gemessenen Schrittes davon. Der Graf ließ seinen Sohn stehen, obwohl er spürte, dass dessen Blick noch immer auf ihm ruhte und sich, wie Brenngläser in seinem Rücken brannten.

Minuten später schlüpfte Victor von Krolock zum zweiten Mal in dieser Nacht unbeobachtet aus dem Schloss. Es lag nicht daran, dass er es nicht innerhalb der Mauern ausgehalten hätte. Aber Herberts Worte hatten ihn mehr getroffen, als er selbst zugeben mochte, aus Gründen, die er sich selbst gegenüber kaum eingestehen konnte. Ohne, dass er sich dessen gewahr wurde, wusste er, wenn er innerhalb des Schlosses blieb, dann würde sein Sohn ihn wieder aufspüren und ihm mit seinem wohlmeinenden Angriff erneut auf den Zahn fühlen. Er hätte nicht sagen können weshalb, aber er fühlte, dass er dies nicht aushalten konnte, dass etwas in seinem Inneren diesem Ansturm einfach nicht lange widerstehen könnte. Er fürchtete sich instinktiv vor dem, was geschehen würde, wenn er erlaubte, dass es passierte. An der Oberfläche klammerte er sich an den Gedanken, dass Herbert schlicht Unrecht hatte. Er konnte sich in der Nähe der Sterblichen beherrschen. Er würde es ihm auch beweisen. ‚Deine kleinen Ausrutscher passieren immer dann, wenn du dich alle paar Monate einmal länger nach draußen wagst,' Er würde dem Grünschnabel schon beweisen, dass er sich gründlich darin geirrt hatte. Der Junge hatte gut reden. Er hatte schon immer den Weg des geringsten Widerstands gewählt. Mehr noch, die Schattenseiten, die ein solches Dasein mit sich brachte, hatten ihn weder gestört noch besonders interessiert. Oder waren sie ihm überhaupt nie aufgefallen? Herbert sollte froh sein, dass er mit einem so seichten Gemüt gesegnet war, statt anderen Vorträge zu halten, die diesen Vorzug nicht genossen und damit geschlagen waren, sich der Folgen des eigenen Handelns nur allzu bewusst zu sein und alle Entscheidungen sorgfältig gegeneinander abwägen zu müssen. An dem Jungen war die Weisheit der Griechen so gründlich abgeperlt wie Wasser an Schafwolle. Victor von Krolock sollte sich selbst nicht recht beherrschen können? Als ob er nicht schon das Gegenteil bewiesen hätte, lange bevor Herbert überhaupt geboren worden war. Diesen Makel würde er nicht auf sich sitzen lassen. ‚Ich kann mich beherrschen, mein Sohn und ich werde es dir beweisen! Und eines Tages wirst du zugeben müssen, dass ich vielleicht einen anderen Weg gegangen bin als du, aber dass ich am Ende an mein Ziel gelangt bin.' Kurz entschlossen ließ er sich von seinem siebten Sinn leiten. Irgendeine menschliche Siedlung, nicht zu nah, sie sollte genügend Distanz zum Schloss aufweisen, nur zur Sicherheit, um auszuschließen, dass er unerwünschte Gesellschaft hatte. Es durfte aber nicht zu weit weg sein. Es waren nur noch einige Stunden der Nacht übrig. Das Frühjahr war bereits fortgeschritten und die Stunden der Nacht waren merklich geschrumpft. Als Vampir konnte er sich schneller fortbewegen als ein Mensch, aber das war kein angemessener Grund unnötige Risiken einzugehen. Der Graf erreichte schließlich ein kleines Tal und war sich sicher, dass er fündig geworden war. Er hatte es in unter einer Stunde hierher geschafft, war aber selbst für ein Wesen der Nacht nicht übermäßig schnell unterwegs gewesen. Der Wald endete an steilen Hängen. Aber ein kleiner Bach mäanderte in Richtung des Dorfes hinunter, gesäumt von Bergahorn und Eschen. Er hielt sich in deren Schatten, um sich im Zweifelsfall darin verbergen zu können. Mochte sein Sohn glauben was er wollte, er hatte schon vor langer Zeit gelernt, wie er praktisch mit dem Schatten verschmelzen konnte, einfach indem er vollkommen bewegungslos in den tiefsten Schatten verharrte. Der Bach führte ihn schließlich zu einem steinigen, tiefen Teich unweit des Dorfes, über dem die Spitze einer kleinen, für diese Gegend typische Holzkirche, mit ihrem spitz zulaufenden Kirchturm aufragte. Um sie her verstreut, die typischen kleinen Häuser und Gehöfte, manche mit Reetdach, andere mit Holzschindeln gedeckt, die meisten umgeben von Zäunen aus hölzernem Flechtwerk, bei den besser betuchten auch Konstruktionen aus hölzernen Brettern und Pfahlwerk. Ein Anblick, wie er ihn schon tausende Male zuvor gesehen hatte. Doch der Ort hatte selbst für ihn einen seltsamen Charme. Etwas, das ihn zu etwas Besonderem machte, ohne dass er hätte sagen können, was es war. Er näherte sich langsam und nachdem er sich eine geraume Weile vorsichtig vom Ortsrand aus umgesehen hatte, trat er in den Schatten zwischen den unbeleuchteten Häusern. Es gab nur wenige gepflasterte Wege. Die meisten bestanden aus festgetretener Erde und wenigen Steinen, die der Bach anspülte und die mit der Schneeschmelze aus den felsigen Hängen gewaschen wurden. Es gab nichts Beeindruckendes oder Ungewöhnliches. Einen sauberen kleinen Dorfplatz, ein bescheidenes Wirtshaus, bei der winzigen Größe war es kaum vorstellbar, dass es mehr als eine Mansarde gab, die ein Reisender, der aus Zufall hier vorbeikam, hätte anmieten können wenn er ein Quartier brauchte und nahe bei der Kirche gelegen, ein kleines Pfarrhaus mit einigen winzigen Nebengebäuden. Er wusste nicht weshalb, aber etwas an diesem schlichten Gebäude mit seinen noch kleineren Trabanten zog ihn auf unerklärliche Weise an.

Victor von Krolock schüttelte sich wie ein nasser Hund. ‚Sei nur nicht töricht. Für solche, wie dich gibt es dort nichts! Du weißt es nur allzu gut. Halte dich fern!', ermahnte er sich. Stattdessen streunte er weiter durch das stille Örtchen. Kein Mensch regte sich. Es würde noch Stunden dauern, ehe es wieder hell genug wurde, damit sie ihrer täglichen Arbeit nachgehen konnten. Dennoch verweilte er. Betrachtete ein Haus nach dem anderen. Fragte sich, wer seine Bewohner waren und wie ihr Leben wohl sein mochte. Wenn er in seinem sterblichen Leben jemals hierher gekommen war, dann hatte er es vergessen. Die Läden schienen alle fest geschlossen. Nicht dass es ihn überraschte, er wusste, dass die Menschen hier nichts dem Zufall überließen, wenn es sich vermeiden ließ. Es gab keine provokativ offen gelassenen Fenster. Niemand hatte den dunklen Besucher erwartet, der in dieser Nacht hier aufgetaucht war. Zwar wäre es ihm jederzeit möglich gewesen, sich über diese schwachen Barrieren hinwegzusetzen, wenn er es gewollt hätte, aber das wäre ihm wie ein kindisches Unterfangen vorgekommen. Was sollte so etwas schon bedeuten? In eine menschliche Behausung einzudringen, nur weil er es konnte, hätte sogar noch weniger bedeutet, wie die Tatsache, dass er es nicht tat. Graf von Krolock seufzte. Das hier war ein Anfang. Aber keinesfalls mehr. Er hatte heute Nacht mehr als gewöhnlich getrunken. Dieser Ausflug bewies kaum etwas. ‚Lächerlich einfach!', schalt er sich selbst. Aber morgen Nacht hierherzukommen, solange die Reste der Dämmerung noch über dem Tal hingen, das wäre eine andere Sache. Die Menschen würden sich erst mit dem Eintreten echter Dunkelheit in ihre Häuser flüchten. Aber solange würden sie jeden Rest des Sonnenlichts ausnutzen.

Und so war er am nächsten Abend wieder da. Statt sich wie üblich auf einen Platz zu begeben, der hoch genug lag, um ihm ein möglichst breites Panorama zu bieten, während er beobachtete, wie die letzten Reste des Tages vergingen, brach er auf, sobald er sich aus seinem Sarkophag erhoben hatte. So rasch er es vermochte, begab er sich zu dem kleinen Dorf und erreichte es, bevor das letzte graue Dämmerlicht verging, das noch genug für ein menschliches Auge war. Diesmal war der Ort noch erfüllt von Geschäftigkeit und Leben. Bauern brachten ihr Vieh in die Ställe oder sahen außerhalb ihrer Häuser nach dem Rechten. Vor und in dem Wirtshaus wurde getrunken und um Hölzchen und kleine Münzen gewürfelt. Der Klang sterblicher Stimmen hing über dem Ort, wie die Laute einer Schar Vögel und in den noch zumeist unverhüllten Fenstern schimmerten Lichter. Der Geruch nach sterblichen Wesen und ihrem Blut war allgegenwärtig, nah und verlockend. Dennoch fiel es ihm in der Tat nicht besonders schwer, der Verlockung zu widerstehen. Die schlichte Gewöhnlichkeit all dessen, was er um sich herum sah, schlug ihn in ihren Bann, als sähe er dergleichen zum ersten Mal. Wie lange war es her, dass er sich zuletzt wahrhaftig unter seinen Untertanen bewegt hatte? Er hätte es längst selbst nicht mehr zu sagen gewusst. Seine gelegentlichen Streifzüge und ihr oft unrühmliches Ende hatten ihn irgendwann dazu gebracht, mehr und mehr Zeit innerhalb der Schlossmauern zu verbringen und sich immer weniger davon zu entfernen. Dennoch hatte er einst nur zu genau gewusst, wie das gewöhnliche Leben der einfachen Leute seiner Grafschaft im Allgemeinen aussah. Es gab mehr zu sehen als diejenigen, die noch draußen zu Gange waren. Auch hinter den noch unverhüllten Fenstern spielten sich die Szenen des Lebens ab. Kinder, die noch ein wenig in ihrer Kammer spielten, ehe sie von ungehaltenen Eltern wieder in ihre Betten zurückgescheucht wurden; Mädchen die sich in ihrer Kammer leise flüsternd ihre Geheimnisse anvertrauten; Mägde und Knechte die in Dachkammern noch über verschiedentlichen Verrichtungen saßen und dabei ihren eigenen Gedanken nachhingen; Paare die sich gerade miteinander zurückzogen. Jeder noch so kleine Moment, so berührend, so kostbar… so vergänglich. Sie wussten nicht, wie glücklich sie sich schätzen durften, weil ihr Leben noch diese eine, schlichte Kleinigkeit besaß, die viele fürchteten oder gar gegen etwas anderes eintauschen würden: Vergänglichkeit, die letzte Gnade.

Er kam nun Nacht für Nacht hierher. Ein blasser, magerer Schatten, der das Treiben der menschlichen Existenzen an diesem Ort aus sicherer Entfernung beobachtete, ohne dass er hätte genau sagen können, warum oder weshalb ihn diese gewöhnlichen, zufälligen Momentaufnahmen so derart in ihren Bann schlugen. Jedes Mal, wenn er in sein Schloss zurückkehrte stellte er mit wachsender Genugtuung fest, dass er keinen der Sterblichen auch nur berührt, geschweige denn, sich sein Blut genommen und die Person getötet hatte. Wenn das keinen Beweis dafür darstellte, dass er in der Tat seine Füße gefunden hatte und auf dem rechten Weg war, wenn nicht zu seiner Erlösung, dann zumindest dazu, ein ‚Guter Vampir' zu werden, dann wusste er nicht, womit dieser Beweis sonst erbracht werden konnte.

Und dann, in der Nacht als er nur noch einmal in das Dorf gekommen war, um die Befriedigung darüber auszukosten, dass er sich selbst bewiesen hatte, dass er es Herberts Worten zum Trotz, doch irgendwann schaffen würde, geschah es. Er war in den Nächten, die er hier verbrachte sicherer und wagemutiger geworden. Heute Nacht streifte er um die Pfarrei herum, ohne zu hinterfragen was ihn da eigentlich ritt, denn es war keinesfalls seine Art, törichten Herausforderungen nachzulaufen. Dort sah er zum ersten Mal an diesem Ort etwas für diese Tageszeit durchaus Ungewöhnliches. Ein Fenster stand offen. Schon allein dieser Umstand erregte seine Aufmerksamkeit und Neugier, wie es unerwartete Neuheiten nun einmal zu tun pflegen. Er trat näher. Vor dem kleinen Fenster schien ein Tisch oder ähnliches Möbel zu stehen. Darauf stand eine bereits brennende Kerze und davor eine Junge Frau – fast noch ein Mädchen, mit einem aufgeschlagenen Buch, in dem sie offenbar eifrig las. Hellbraune Locken umrahmten ihr rundes Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Vielleicht war es die Art ihres Zeitvertreibs, die ein Gefühl von Sympathie hervorrief und ihn dazu brachte, noch einmal genauer zu ihr hin zu schauen. Doch als hätte sie seinen Blick gespürt, ließ sie plötzlich das Buch sinken und sah hinaus in die heraufziehende Nacht. Ihre Augen schienen sich direkt auf ihn zu richten und seinen Blick zu erwidern. Es durchlief ihn wie ein Stromstoß. Sein Herz begann mit einem Mal wie rasend zu schlagen und er hatte das Gefühl, als ob der Boden unter ihm verschwunden wäre und er in die Tiefe stürzte. Er wich sofort tiefer in die Schatten zurück, aber er wusste, dass es bereits zu spät war. Ihre Augen glitten suchend hierhin und dorthin. Vielleicht hatte sie ihn gesehen – durch welchen großen Zufall auch immer - vielleicht aber auch nicht. Doch er war sich sicher, dass auch sie es in irgendeiner Art gespürt hatte, als ihre Blicke sich trafen. Victor wich immer weiter zurück, bedacht darauf kein Geräusch zu verursachen, bis er plötzlich den Stamm eines Baumes in seinem Rücken spürte. Instinktiv drehte er sich um und verbarg sich im Schatten auf der anderen Seite des dicken Stammes. Er lehnte sich gegen die kratzige Borke und lies den Kopf dagegensinken. Er kannte dieses Gefühl. Es war fast anderthalb Jahrhunderte her, aber er hatte es niemals vergessen. Er presste die Augenlider fest zusammen und versuchte seinen rasenden Puls und seine heftigen Atemzüge zu beruhigen, aber es wollte ihm nicht gelingen. ‚Nein. Es kann einfach nicht wahr sein!' war sein fast verzweifelter Gedanke. Aber die Wahrheit blieb doch dieselbe.

Author's Note:

1* „Den Witwen und Waisen soll der Graf Schützer sein…" Der Graf Zitiert hier den Teil eines Satzes aus einer

Gräflichen Bestallungsurkunde - vielleicht sogar aus seiner eigenen.

Das Zitat stammt aus einem Muster für eine Gräfliche Bestallungsurkunde aus der der fränkischen und karolingischen Zeit.