Nach dem allabendlichen gemeinsamen Essen zogen sich der König und die Königin in ihre Gemächer zurück. Randor war den ganzen Abend über sehr schweigsam gewesen und hatte eingehend seinen Sohn beobachtet. Dies war Marlena nicht verborgen geblieben.
"Randor, etwas beschäftigt dich. Was ist los?", fragte sie.
Zunächst erwiderte ihr Mann nichts und blickte stumm ins Leere. Gerade als Marlena die Sache auf sich beruhen lassen wollte und ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte, fing Randor an zu reden.
"Es geht um Adam", begann er.
Das hatte Marlena sich schon gedacht.
"Er könnte sich etwas verantwortungsvoller zeigen, findest du nicht auch?", fuhr er fort. "Er lebt in den Tag hinein, macht nur, was ihm Vergnügen bereitet, kommt ständig zu spät, faulenzt, schäkert mit jungen Damen herum –"
Er redete sich immer mehr in Rage, bis Marlena ihn unterbrach: "Und was willst du mir damit sagen?", fragte sie.
"Mittlerweile habe ich genug. Adam muß lernen, für sich und für andere Verantwortung zu übernehmen. Schließlich soll er einmal König werden." Er hielt kurz inne. "Ich frage mich, was mit ihm los ist. Früher war er doch anders… interessierter."
"Glaub mir - du unterschätzt ihn. Es steckt mehr in ihm als du denkst!", verteidigte Marlena ihren Sohn.
"Dann soll er das auch bitte zeigen! Und sich nicht nur von Zeit zu Zeit mit Duncan oder Teela durch die Wildnis schlagen, wenn ihm gerade danach ist!"
Marlena verdrehte die Augen. Ihr Mann hatte sich schon oft über das eine oder andere was Adam betraf beschwert, aber es schien ihm noch nie so ernst gewesen zu sein wie jetzt. "Und weiter?"
Er echote: "Und weiter?? Ich muß dafür sorgen, daß er Verantwortung übernimmt."
Marlena hob fragend eine Augenbraue.
Randor atmete tief durch. "Er wird heiraten."
Die Königin war einige Sekunden lang sprachlos, damit hatte sie nicht gerechnet.
"Ich nehme an, Adam weiß noch nichts von seinem Glück? Hattest du an jemand bestimmtes gedacht?" sagte sie in einem sarkastischen Tonfall.
"Nein, darum geht es nicht. Es ist ja nicht meine Absicht, ihn unglücklich zu machen. Ich glaube nur, eine Ehe würde ihm gut tun; wenn er weiß, daß sich jemand auf Ihn verläßt, würde ihn das sicher ruhiger machen. Er würde sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren." Randor dachte einen Augenblick nach, suchte nach den passenden Worten. Gereizt schloß er: "Ach… ein verheirateter Mann verhält sich eben anders als ein Junggeselle!"
Marlena war noch weit davon entfernt von Randors Idee überzeugt zu sein; sie hatte ihrem Sohn immer weitestgehend freie Hand gelassen - und er hatte sie nie enttäuscht. Es widerstrebte ihr zutiefst, ihren Sohn zu etwas zu zwingen, besonders, wenn es um etwas so wichtiges wie eine Ehe ging. Es erschien ihr absurd, allerdings kannte sie ihren Mann gut genug, um zu wissen, daß er sich nicht mehr von dieser Idee abbringen lassen würde.
"Dann wäre es wohl am klügsten, wenn du ihm deinen Entschluß bald mitteilst", sagte sie trocken.
Erstaunt runzelte Randor die Stirn. Es verwunderte ihn, daß seine Frau keinen größeren Widerspruch erhob. Marlena war nicht mit den Gepflogenheiten des Hofes aufgewachsen; daher war es auch immer sie gewesen, die in Angelegenheiten, die Adam betrafen, ihn verteidigte oder hartnäckig ihre Meinung vertrat - und sich auch meist durchsetzte.
"Ähm, gut, dann wäre das ja geklärt", stotterte er.
Für ihn war das Thema damit vorerst erledigt, er machte sich keine weiteren Gedanken.
Marlena allerdings ließ es nicht so schnell los. Sie hatte durchaus auch ihre Gründe, warum sie scheinbar kampflos aufgegeben hatte. Ihr war schon länger aufgefallen, daß Adam an einer Frau ernsthaftes Interesse hatte; diese wußte jedoch noch nichts davon. Vielleicht- hoffentlich - würde die Entscheidung seines Vaters ihn dazu bringen, in dieser Hinsicht aktiv zu werden.
Wenn er schon heiraten sollte, dann doch die Frau, die er liebte.
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Adam kam zwar regelmäßig zu spät zu seinem Training, was jedoch nicht bedeutete, dass er es nicht gerne machte. Das lag auch - vor allem- an seiner Trainerin.
"Du drehst dich so…", Teela vollführte eine schnelle Drehung um die eigene Achse, "…und schlägst dann zu." Sie hieb mit dem Schwert auf einen Holzpfahl ein, was deutliche Spuren hinterließ.
"Hast du das verstanden? Gut, dann bist du jetzt dran."
Obwohl Teelas Anforderungen hoch waren, hatte Adam eigentlich kaum Probleme ihnen gerecht zu werden. Und so brachte er auch die letzte Übung für diesen Tag erfolgreich hinter sich.
Kaum war die Stunde beendet, betrat Duncan den Raum: "Seid ihr fertig? Adam, dein Vater möchte dich sprechen."
"Oh, ich mache mich sofort auf den Weg." Er lächelte Teela an: "Bis dann."
Auf dem Weg zum Arbeitszimmer seines Vaters wanderten Adams Gedanken wieder zu Teela. Die Trainingsstunde war wieder wie im Flug vergangen; für seinen Geschmack verbrachte er noch viel zu wenig Zeit mit dem viel beschäftigten Captain der Königlichen Wache.
Als er an die Tür des Arbeitszimmers klopfte, fragte er sich, was sein Vater so dringendes mit ihm zu besprechen hatte.
"Herein", rief der König.
Adam trat ein. "Du hast mich rufen lassen, Vater?".
"Mein Sohn, ich muß mit dir reden", begann Randor.
Adam wartete darauf, daß sein Vater fortfahren würde.
Randor erhob sich und ging zum Fenster. Für einen Moment blickte er auf die Hauptstadt seines Reiches.
"Ich habe nachgedacht, und ich habe einen Entschluß gefaßt", sagte der König in ernstem Tonfall. "Du bist jetzt 23 Jahre alt, und so langsam sollte dir bewußt werden, daß du einmal König von Eternia sein wirst. Meiner Meinung nach ist es jetzt an der Zeit, daß du heiratest."
Adam verschlug es für einen Moment die Sprache. Der Prinz wußte nur zu gut, daß sein Vater alles andere als zufrieden mit ihm war. Gerne würde er das Bild des sorglosen Prinzen, das so viele von ihm hatten, zurechtrücken. Er litt schon lange genug darunter - genau genommen seit dem Tag, an dem er das Schwert der Macht erhalten hatte. Er hätte jedoch nie damit gerechnet, daß sein Vater solche Maßnahmen ergreifen würde.
Adam schluckte. Fassungslos fragte er: "Hast du auch schon eine konkrete Vorstellung, wer es sein soll?"
Randor schüttelte den Kopf. "Nein, das nicht. Natürlich schreibe ich dir nicht vor, wen du zu heiraten hast. Die Wahl steht dir frei… und junge Damen kennst du ja genug."
Adam zuckte zusammen, denn der versteckte Vorwurf war nur zu offensichtlich. Randor hielt einen Moment inne. "Obwohl, eine mögliche Kandidatin könnte ich dir schon vorschlagen: Lord Merkons Tochter, Lady Gwendolyn. Sie ist in deinem Alter und soll sehr hübsch sein. Er wird nächsten Monat anreisen, um ein Handelsabkommen zu unterzeichnen."
Adam schaute deprimiert zu Boden. "Hast du mir noch etwas zu sagen, Vater?"
Randor blickte seinen Sohn direkt an: " Das hier ist eine ernste Angelegenheit, das ist dir hoffentlich klar?!"
"Ja Vater, ich nehme es sehr ernst", erwiderte Adam bitter.
"Gut mein Sohn, denke eingehend über alles nach", sagte der König beschwichtigend. "Wir sehen uns beim Essen."
Adam hatte sich schon halb umgedreht und verließ nun das Arbeitszimmer. Noch wußte er nicht, was er von dem Gespräch halten sollte, das gerade stattgefunden hatte.
