Nachdem Adam die letzten beiden Tage mit Überlegungen verbracht hatte, wie er Teela die "Neuigkeiten" am besten beibringen könnte, hatte er sich nun dazu durchgerungen, die Sache nicht länger hinauszuzögern.
Da er wußte, daß Teela heute mit ihren Wachen den neuen Einsatzplan besprechen würde, beschloß er, sie danach abzupassen und mit ihr zu reden, bevor ihn wieder der Mut verließ.
Adam lehnte an der Wand vor dem Besprechungsraum der königlichen Wache, der sich neben der Trainingshalle befand, und wartete darauf, daß sich die Tür öffnete und Teela herauskommen würde. Er war sehr nervös und mußte sich zusammenreißen, damit er sich nicht umdrehte und wieder ging.
Nach einer Weile verließ ein Strom von Soldaten den Raum, die den Prinzen überrascht grüßten. Adam spähte um die Ecke und fand Teela alleine vor, wie sie gerade einen Stapel Papiere ordnete. Für eine Weile schaute er sie einfach nur an, ohne sich bemerkbar zu machen.
Teela spürte den Blick, der auf ihr ruhte, und schaute auf. "Oh, hallo Adam. Du bist schon hier?", fragte sie überrascht. "Das Training fängt doch erst in einer Stunde an."
Adam trat zögernd ein. "Ich bin zu früh, ich weiß. Ich wollte noch mit dir reden." Für einen Moment schaute er zu Boden. Ihm klopfte das Herz bis zum Hals.
Teela wurde ungeduldig. "Schön! Jetzt sag du mir wenigstens, was hier im Moment los ist! Alle verhalten sich so seltsam; es wird kaum ein Wort geredet, du bist so nachdenklich, meinen Vater beschäftigt auch etwas, er erzählt mir aber auch nichts – er schaut mich nur manchmal so komisch an. Und ich habe keine Ahnung was hier vor sich geht."
Adam war von Teelas energischem Ausbruch überrascht. "Ich glaube, das kann ich dir erklären..."
Sie sah ihn abwartend und mit erhobener Augenbraue an.
"Ich hatte ein Gespräch mit meinem Vater." Er zögerte. "Um es kurz zu machen: Er will, daß ich möglichst bald heirate."
Teela starrte ihn ungläubig an.
"Es ist ihm gleichgültig, wen, Hauptsache, ich heirate. Ich nehme an, damit will er mir Verantwortungsgefühl beibringen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, mein Leben mit irgendeiner Frau zu verbringen." Leise fügte er hinzu: "Sondern mit einer ganz bestimmten."
Adam sah ihr fest in die Augen: "Ich will keine andere Frau, ich will dich, Teela." Er senkte den Blick und sagte leise: "Ich liebe dich."
Teela setzte sich hin und war einen Moment lang sprachlos. "Adam... das kommt unerwartet. Du willst mich heiraten? Aber du bist doch wie ein Bruder für mich! Ich habe dich sehr gern, aber... aber..." Teela brach ab, denn sie wußte nicht mehr, was sie sagen oder denken sollte. "Aber heiraten? Nein."
Adam schluckte. Diese Antwort hatte er befürchtet, aber trotzdem war er sehr enttäuscht. Er lächelte Teela noch einmal traurig an, drehte sich um und ging.
Teela schaute immer noch verwirrt in Richtung der Tür, als Adam schon längst nicht mehr zu sehen war.
_________________________________________________________________
Adam zog sich zurück in sein Zimmer. Er wollte jetzt mit niemandem reden – er wollte nicht einmal jemand anderen sehen. Leise schloß er die Tür hinter sich, sank auf sein Bett und vergrub das Gesicht in seinen Händen.
"Das war's."
Eigentlich hatte er mit dieser Reaktion gerechnet; trotzdem hatte er sich sehnlichst eine andere Antwort gewünscht.
Traurig dachte er an Teelas große blaue Augen zurück, die sonst so fröhlich und selbstbewußt blicken konnten, und die ihn vorhin nur verwirrt und ungläubig angesehen hatten.
Oh ja, sie war ohne Zweifel schön, aber das war bei weitem nicht das Wichtigste für ihn. Sie war ehrgeizig und intelligent, und sie war – anders als die meisten anderen Frauen, die er kannte – offen und ehrlich, natürlich, und benutzte ihren eigenen Kopf. Was ihm jedoch am meisten bedeutete, war das Vertrauen, das sie in all den Jahren zueinander aufgebaut hatten.
Aber vor allem wußte er eins, daß es ihn glücklich machte, wenn sie in seiner Nähe war.
Doch warum quälte er sich mit solchen Gedanken? Selbst eine reine Freundschaft war nun nicht mehr ohne weiteres möglich, da sie jetzt wohl kaum noch so unbefangen miteinander umgehen konnten.
Und wozu das alles? Hätte er doch bloß mehr Zeit gehabt! Dann hätte er Teela nicht so damit überrumpeln müssen. Er war sich sicher, daß ihre Ablehnung zum großen Teil auch an ihrer Bewunderung für He-Man lag; er selbst wußte ja am besten, wie sie sich in seiner Gegenwart verhielt. Von allen Menschen war Teela diejenige, von der er sich am meisten wünschte, daß sie über alles Bescheid wüßte. Aber das war unmöglich.
Warum hatte ihm sein Vater das antun müssen? Hilflos schlug er auf ein Kissen ein. Zum ersten mal erlaubte er sich so etwas wie Wut auf seinen Vater. Schon oft hatte Randor seinen Sohn ungerecht behandelt, aber noch nie hatte es so verheerende Folgen für sein Leben gehabt wie dieses mal. Bisher hatte er ihm immer zugute halten können, daß er von seinem Geheimnis nichts wußte, aber diesmal war sein Schmerz so groß, daß selbst das nicht mehr als Entschuldigung ausreichte.
Adam stand auf und ging zum Balkon. Er überblickte das Land, das er als He-Man verteidigte und als König einmal regieren würde. Noch konnte er sich nicht vorstellen, daß er nun tatsächlich eine andere Frau würde heiraten müssen.
Und an all das, was hätte sein können, wagte er nicht einmal zu denken.
__________________________________________________________
Als Teela sich halbwegs von ihrem ersten Schock erholt hatte, ging sie in die Sporthalle. Sie mußte etwas tun. Außerdem hielt sie es für unwahrscheinlich, daß heute noch eine Trainingsstunde mit Adam stattfinden würde.
Sie begann wie gewohnt mit ihrem eigenen Trainingsprogramm. Doch von Übung zu Übung fiel es ihr schwerer, sich auch tatsächlich darauf zu konzentrieren. Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab zu dem Gespräch, das sie so unvorbereitet getroffen hatte.
Noch nie hatte sie Adam so ernst und unsicher erlebt. Und immer wieder sah sie seine traurigen Augen vor sich. Was hätte sie ihm sagen sollen? Sie konnte ihn doch nicht heiraten... Sie waren zusammen aufgewachsen, er war wie ein Bruder für sie. Was hätte sie tun sollen?
Sie hielt in ihrem Training inne und atmete durch. "Er hat gesagt, daß er mich liebt...".
Wie kam er denn jetzt darauf? Er war ihr guter Freund. Mehr aber nicht. Außerdem war da noch He-Man. Von dem Helden fühlte sie sich angezogen...
Was war das überhaupt für eine Geschichte? Wieso zwang Randor Adam jetzt plötzlich zur Heirat?
Teela war zunehmend verärgert. Jedoch war der eigentliche Grund dafür nicht Adam, sondern die Verwirrung, die er in ihr ausgelöst hatte.
"Schluß jetzt!", schimpfte Teela laut, schob das ganze Thema zur Seite und wandte sich wieder ihrem Training zu.
__________________________________________________________
Marlena klopfte an Adams Tür; sie vermutete, daß er hier war, denn er war nicht zum Abendessen erschienen. Eigentlich hatte sie gehofft, er würde von sich aus zu ihr kommen, aber da er das bis jetzt nicht getan hatte, hielt sie es für notwendig, selbst das Gespräch zu suchen. Ihr Sohn neigte manchmal dazu, Dinge in sich hineinzufressen.
Zunächst kam keine Antwort, also klopfte Marlena noch einmal, diesmal lauter. Als er darauf immer noch nicht reagierte, öffnete sie die Tür einen Spalt breit und sah vorsichtig in das Zimmer hinein: es war stockdunkel.
Sie fragte: "Adam? Bist du da?"
"Ja Mutter, ich bin da."
"Darf ich hereinkommen?"
"Ja, sicher." Adam schaltete die Lampe neben seinem Bett an. Er brauchte einen Moment, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen und blickte dann seine Mutter an. Marlena kam zu ihm und setzte sich neben ihm auf das Bett.
"Ich mache mir Sorgen um dich. Willst du über die Sache reden?"
"Da gibt es nicht viel zu bereden. Ich werde heiraten, aber nicht die Frau, die ich liebe."
"Wieso? Hast du schon mit Teela geredet?"
Adam sah traurig zu Boden. "Heute nachmittag. Und...". Er runzelte die Stirn. "Woher weißt du, daß es Teela ist?"
"Ich vermute es schon seit längerem."
Adam war darüber nicht sehr überrascht. Seine Mutter hatte schon immer gewußt, was ihn beschäftigte, ohne daß er es ihr sagen mußte.
"Was genau ist passiert?", fragte Marlena.
"Ich habe ihr von Vaters ‚Wunsch' erzählt, daß ich heiraten soll, und – daß ich sie liebe. Aber ich bin für sie nur wie ein Bruder."
Marlena schaute betreten zu Boden. Konnte es sein, daß sie sich so verschätzt hatte? Hätte sie das geahnt, hätte sie Randors Idee niemals durchgehen lassen.
"Es tut mir leid." Sie nahm ihren Sohn in die Arme.
"Warum konntest du es nicht verhindern?", fragte Adam resigniert. Mittlerweile war es ihm auch egal – seine Wut war verflogen; zu ändern war nichts mehr.
Die Königin mußte schlucken. "Ich hätte es bestimmt gekonnt. Aber ich hatte gehofft –."
Adam löste sich aus der Umarmung und stand auf. "Ist schon gut. Es macht jetzt keinen unterschied mehr. Ich habe Teela sowieso verloren. Jetzt kann ich ebensogut diese Lady Gwendolyn heiraten. Dann ist wenigstens Vater glücklich."
Marlena schaute ihn fragend an. "Gwendolyn? Lord Merkons Tochter? Wie kommst du denn jetzt auf die?"
"Vater hat sie vorgeschlagen. Schließlich ist Lord Merkon ein Handelspartner. Und sie soll ja auch noch hübsch sein. Ich werde Vater sagen, daß sie mit zur Vertragsunterzeichnung nächsten Monat kommen soll. Dann kann die Verlobung bekanntgegeben werden."
"Wie bitte?" Sie erkannte ihren Sohn fast nicht wieder. "Überleg' es dir noch einmal. Und gib Teela noch etwas Zeit. Noch ist ja nichts offiziell, noch können wir das Ganze einfach vergessen."
In versöhnlichem Ton sagte Adam: "Nein Mutter, das ändert sowieso nichts mehr. Ich sollte besser Teela vergessen. Ich heirate Gwendolyn." Und zum wiederholten mal: "Es ist egal."
Marlena tat es im Herzen weh, ihren Sohn so resignieren zu sehen, aber andererseits konnte sie seine Reaktion auch verstehen. Sie stand auf, gab Adam einen Kuß auf die Stirn und verließ enttäuscht das Zimmer.
