Zweites Kapitel

Einer Melodie kam das leise Plätschern des Wassers gleich, das sie nun umgab und in drei Himmelsrichtungen das einzige war, was das Auge erblicken konnte. Die Wellen schaukelten das Schiff sanft, kaum spürbar und wie liebende Eltern, die ihr Kind in den Schlaf wiegen wollen.
Frodo starrte hinaus in den sich auftürmenden Nebel, der ihm westwärts die Sicht auf das freie Meer versperrte. Grau und dicht war er, schluckte das silberhelle Mondlicht, das rings um das Schiff die kleinen Wellen glitzern ließ.
Er schloß seine Hand um den weißen Edelstein, der an seiner silbernen Kette um Frodos Hals hing und ihn immerzu an Königin Arwen erinnern würde, die niemals das sehen würde, was sich ihm bald offenbarte. Sie hatte ein Leben an Aragorns Seite gewählt in Mittelerde, dem Ort, an dem Frodo nicht mehr hatte bleiben können.
Als er die Reisenden erblickt hatte vor wenigen Tagen im Auenland, hatte ihn ein unbestimmtes Gefühl befallen und Ruhelosigkeit hatte ihn ergriffen und nicht mehr losgelassen. Es war ihm unausweichlich erschienen, nun mit Bilbo und den Elben zu den Anfurten reiten zu müssen, auf daß sie in den fernen Westen fuhren und allem Leid entronnen waren.
Tatsächlich hatte er schon Tage vorher eine seltsame Unruhe verspürt und geahnt, daß jemand kommen und ihn zu folgen heißen würde. Die Erwartung des Tages, der ihm seine Qualen erneut greifbar vor Augen führen würde, ängstigte ihn und er hoffte, niemals wieder einen dieser Jahrestage erleben zu müssen, wenn er erst fort war.
Zuletzt hatte ihn allein der Gedanke an die Schmerzen gepeinigt und die Schmerzen fast zurückgebracht. Zu oft hatte er nach dem Ring getastet und glücklicherweise nur den Elbenstein an seiner Statt gefunden, doch dies verdeutlichte ihm, wie sehr er für immer an seine Vergangenheit gebunden sein würde.
Nun wurde er nicht mehr gebraucht. Mit einem versonnenen Lächeln auf dem Gesicht dachte Frodo an den Tag, an dem Sam von seiner Absicht berichtet hatte, Rosie heiraten zu wollen. Wie sehr hatte er sich doch gefreut für seinen Freund!
Doch gleichzeitig hatte dies geschmerzt tief in seinem Herzen und er hatte begriffen, daß er Sam eines Tages nur mehr eine Last sein würde, die er ihm nicht aufbürden mochte. Er war ihm zu oft eine Last gewesen, eine spürbare Last, als Sam ihn zuletzt nahezu auf Knien getragen hatte.
Niemals würde Frodo ihm dafür ausreichend danken können, denn da war so viel mehr gewesen, wußte er doch genau, wie unleidlich er gewesen war und er schämte sich noch immer, daß er Sams Rationen der wenigen Wegzehrung noch zusätzlich gegessen hatte.
Nein, er hatte schon mehr von ihm genommen, als ihm je zugestanden hätte. Das durfte er niemals wieder tun. Dafür mochte er Sam zu gern.
Frodo erinnerte sich an Sams strahlende Augen, als er sich am ersten Abend zu Sam und Rosie gesellt hatte in der Küche von Beutelsend. Den beiden war anzusehen, wie glücklich sie waren, sie ließen kaum voneinander und obschon Frodo bei ihnen saß, waren sie ganz für sich. Ein frisch verheiratetes Paar, wie man sich kein schöneres wünschen konnte.
Sam war ganz erfüllt von der Freude an seiner Heimat, doch Frodo hatte sie in seinem Herzen nicht mehr spüren können. Zuviel der Dunkelheit hatte sich dort eingenistet, der Ring hatte zu tiefe Wunden geschlagen und ängstigte ihn noch immer im Schlaf.
Nicht immer hatte Frodo dies verheimlichen können. Wie sehr sehnte er sich nun nach Erlösung!
Er starrte voraus in den Nebel. Er wurde dichter. Plötzlich spürte der Hobbit eine große Hand auf seiner Schulter und hob seitlich den Kopf.
Was betrübt dich? fragte Gandalf leise. Lange gab Frodo keine Antwort.
Warum nur überlege ich mir so genau alle Gründe für meinen Fortgang, wenn er doch richtig ist? Es fühlt sich an, als redete ich mir etwas ein, was ich nicht wollte, doch weiß ich nicht, warum.
Doch, du weißt es, Frodo. Dein Herz wird dir die Antwort geben und sie wird richtig sein, antwortete Gandalf dann. Noch für einen Moment stand er auf seinen Stab gestützt neben dem Ringträger und wandte sich dann ab, um Frodo allein zu lassen.
Was meinte der Zauberer nur damit?
Jetzt wurde Frodo regelrecht rastlos und wandte sich um zu Bilbo, der in einer Ecke an der hölzernen Reling saß und träumte. Langsam löste Frodo sich aus seiner Erstarrung und sah kurz auf und zu Elrond, der neben Gandalf links von ihm stand, während er auf Bilbo zuging und sich neben seinen Onkel setzte.
Eine stille Nacht, nicht wahr, Frodo? fragte Bilbo. Frodo nickte stumm.
Ob es dort auch so gutes Bier wie im Grünen Drachen gibt? murmelte Bilbo dann.
Nein, wahrscheinlich nicht, antwortete Frodo und seufzte. Aber bestimmt viele andere wunderschöne Dinge, die es zu entdecken gibt.
Eine traurige Schwere lag in Frodos Stimme, als er das sagte und bewegte Bilbo dazu, ihn anzuschauen und ermunternd zu lächeln.
Wiederum fiel Frodo auf, in welch hohem Alter Bilbo nun war und wie gebrechlich.
Was ist mit dir, mein Junge?
Frodo antwortete erst nicht, denn er blickte gen Osten in diesem Augenblick, weil er ein letztes Mal auf die Küste Mittelerdes zurückblicken wollte, bevor sie im Nebel versank.
In diesem Augenblick traf es ihn gleich einem Schlag.
Es ist nicht richtig, flüsterte Frodo leise.
Immer noch hallte in seinem Ohr Sams traurige Frage nach, ob sie einander jemals wiedersähen und er spürte, wie unter seinem Abschiedskuß Sam verzweifelt zu schluchzen begann und ihn dann ansah, als würde er etwas sagen wollen, es sich aber nicht getraute.
Was war das nur gewesen?
Diese Frage bohrte nun unnachgiebig in ihm, verlangte nach einer Antwort, die sein Herz Frodo auch zu geben vermochte.
Er sah so vieles vor sich. Den Grünen Drachen, von dem Onkel Bilbo gerade noch gesprochen hatte, er sah den jungen Mallornbaum sprießen und wachsen, hörte das Plätschern der kleinen Bäche über dem Plätschern des Meeres hinweg, hörte Kinderstimmen lachen und spürte den Wind in den grünen hügeligen Blumenwiesen.
Auf der anderen Seite sah er weiße Strände und grüne weite Wiesen, die sich weitläufig dahinter erstreckten unter einem weißen hohen Gebirge von strahlender Schönheit, die geradezu einladend auf ihn wirkte.
Als er die Augen wieder öffnete, sah Frodo die Elben auf dem Schiff und Gandalf und er sah Bilbo neben sich sitzen, wußte genau, sie alle fuhren nun über das Meer zu diesem verheißungsvollen Ort, doch der Gedanke daran riß Frodo das Herz entzwei.
Solange er dort gewesen war und den Schmerz gespürt und das Leid gefühlt hatte, war er in dem Glauben gewesen, wurzellos der Heimat entrissen zu sein, obschon er dort lebte; er hatte geglaubt, nie mehr seinen Platz zu finden und nur noch in Angst vor der Erinnerung zu leben.
Er war blind für die Schönheit der Welt gewesen, die Schönheit, die sein Herz selbst dann noch erfüllt und lebendig erhalten hatte, als er erschöpft am Fuße des feurigen Berges zusammengebrochen war.
Er hatte geglaubt, nicht mehr in Mittelerde leben zu können, obwohl er für die Freiheit dieser Lande gekämpft und sich geopfert hatte. Doch von welchem Standpunkt her hatte er dies betrachtet?
Er hatte sich doch selbst in die Einsamkeit gebracht mit seinem zurückgezogenen Leben, er hatte sich gefürchtet vor den Leuten, weil er sich nicht einmal die Mühe gegeben hatte, wieder in ihr Leben zurückzufinden.
Und nun hatte er aus Angst nahezu eine Flucht angetreten, er hatte zum ersten Mal nicht standgehalten. Das mußte er wohl nicht mehr, aber er wollte es dennoch. Denn etwas hatte ihm nach all der Schwäche doch Stärke gegeben; über all diesen Gedanken sah er Sams Gesicht vor sich, er sah ihn vor sich, wie er an den Häfen vor ihm stand mit Augen voller ungestellter Fragen und grenzenloser Traurigkeit.
Er war wegen Sam gegangen, nachdem er ihn gut behütet in Beutelsend bei seiner Familie gewußt hatte, immer im Glauben, seine Anwesenheit würde Sam mehr schaden als nützen. Hatte Sam nicht selbst gesagt, er fühle sich zerrissen?
Frodo wollte seinem Freund keine Last mehr sein, der noch so viele andere Dinge tun konnte. Er sollte ganz sein.
Aber er hatte falsch gedacht. Er war der Vernunft gefolgt und hatte die Stimme seines Herzens nicht gehört, als sie ihm zu sagen versuchte, daß es falsch war.
Er hatte Sam nicht geholfen, er hatte ihm geschadet. All die Traurigkeit in Sams Augen war ihm Beweis genug gewesen und sie war nicht nur dort gewesen, weil der Abschied schmerzte.
Der Schmerz ging viel tiefer, als Frodo geglaubt hatte. Wie sollte Sam auch verstehen?
Und er hatte ihn einfach verlassen, ohne wenigstens noch die Fragen zu hören, die Sam auf der Seele brannten.
Sam hatte doch zwei Jahre lang mit nie versiegender freudiger Energie für ihn genauso gut gesorgt wie für seine eigene Familie. Er war damit so glücklich gewesen.
Mit dem Schmerz würde Frodo doch leben können, er war nun auch gegangen, weil er allein den nächsten Jahrestag schon fürchtete.
Doch was, wenn er die Erinnerung zu vergessen suchte? Er würde es können, denn Sam war dort, um ihm dabei zu helfen. Er mußte selbst versuchen, das Leben wieder dorthin zu lenken, wohin es ihn führen sollte.
Und warum hatte er mit seiner übertriebenen Vernunft für Sams Herz denken wollen? Sam hätte ihn niemals als Last empfunden. Auch wenn das oft falsch gewesen war, wußte Frodo, daß er Sam weitaus mehr bekümmert hatte mit seinem Fortgang, als er es je mit seiner Anwesenheit hätte tun können.
Sam hatte ihn bitten wollen, dort zu bleiben, er hatte eine Erklärung gebraucht und nicht zu fragen gewagt und Frodo war blind dafür gewesen.
Frodo würde sich im Auenland wieder heimisch fühlen, wenn er es nur wollte.
Und er wollte Sam nicht zum letzten Mal gesehen haben, noch darauf warten, daß er unter glücklichen Umständen eines Tages folgte, wenn Frodo bereits sehr alt war.
Was würde er bis dahin tun, wenn Bilbo ihn erst verlassen hatte? Er fühlte sich allein beim Gedanken an die ferne fremde Welt einsam und zerrissen.
Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein. Sam hätte ihn bitten mögen, zu bleiben, und das war es, was Frodo eigentlich wollte.
Er wollte zurück.
Ohne es bemerkt zu haben, war er aufgestanden und zum Heck getreten, lehnte an der Reling und blickte zurück auf die Küste, von Sehnsucht erfüllt.
Dann drehte er sich um.
Wartet. Bitte.
Seine Stimme zitterte und gehorchte ihm nicht ganz, zu groß war die Angst, es könnte bereits zu spät sein. Dann wiederholte er die Worte ein wenig lauter und bestimmter und trat vor, genau unter Gandalfs Augen und wich seinem Blick nicht aus, als er sagte: Ich möchte zurück.
Frodo hatte nicht erwartet, den Zauberer lächeln zu sehen, doch sein Gesicht war voller Güte, als er antwortete: Also hast du die Antwort vernommen. Nun, ich hatte nicht gewußt, was dich plagte, aber ich habe geahnt, daß es jetzt noch zu einer weiteren Entscheidung käme. Du hast sie getroffen und ich denke, diesmal wird es die richtige sein.
Elrond trat zu den beiden und sah sie nacheinander an, bevor er nach dem Grund für Frodos sichtliche Unruhe fragte.
Ich möchte umkehren, Herr Elrond, ich möchte in meine Heimat zurück und zu Sam, erklärte Frodo bittend und erwartete die Antwort voller Ungeduld.
Aber wir befinden uns auf dem geraden Weg, der nach Valinor führt! sagte der Elbenfürst und blickte zu Gandalf. Dieser gab ihm mit einem Blick zu verstehen, daß er Frodos Entscheidung unterstützte.
Doch wir sind noch nicht weit fort von der Küste und es wäre kein Abkommen vom Weg, wenn wir in gerader Richtung zurückführen, antwortete Gandalf schließlich und stützte sich wieder auf seinen Stab.
Frodo sah hinüber zu Bilbo. Er war wiederum eingeschlafen. Sein guter alter Onkel. Genausowenig wie Sam zuvor würde er diesmal Frodos Entscheidung verstehen, doch hatte Bilbo nicht schon all die Jahre ohne ihn nur bei den Elben gelebt?
Nein, diesmal war es ganz allein Frodos Entscheidung.
Aber wir wissen nicht, was geschieht, wenn wir das tun! In dieser Richtung wurde das Meer so lange nicht befahren! widersprach Elrond.
Bitte, Herr Elrond, es muß doch noch möglich sein für mich, zurückzukehren! Es ist mir gleichgültig, auf welche Art, aber ich kann nicht weiter, bat Frodo inständig.
Elrond blickte sich um. Der dichte Nebel hatte sich wieder ein wenig gelichtet und sie konnten weiter blicken. Der gerade Weg hatte sich nicht vor ihnen verschlossen und der Elbenherrscher wußte, noch konnten sie umkehren.
So sei es, sagte er dann und erteilte Befehl, das Schiff noch einmal umkehren zu lassen.
Frodos Herz pochte in seiner Brust, daß es fast schmerzhaft war, doch Sams Gesicht vor seinen Augen ließ ihn spüren, daß dies die beste Entscheidung war, die er jemals getroffen hatte.
Von der abrupten Kehrtwendung des Schiffes wachte Bilbo auf und suchte aufgeregt nach Frodo, der die Blicke seines Onkels bemerkte und sich zu ihm setzte.
Was geschieht, mein Junge? fragte Bilbo verwirrt.
Ich habe mich daran erinnert, daß es noch etwas gibt, was ich unbedingt erledigen muß. Ich weiß nicht, wie Sam vergessen konnte, mir das zu sagen, aber nun muß ich umkehren, sagte Frodo langsam.
Du läßt mich allein mit den Elben fahren? Folgst du uns später?
Das weiß ich nicht, Onkel Bilbo. Es würde sehr lang dauern, bis wir uns wiedersähen. Bist... bist du nun enttäuscht? fragte Frodo beschämt.
Bilbo lächelte. Oh nein, mein Junge. Du bist noch so jung und ich hätte mich wohl gefreut, hättest du mir Gesellschaft geleistet, aber so vieles wartet doch noch auf dich, was du erleben kannst! Ich weiß doch, wie sehr du am Auenland hängst.
Frodo spürte, wie seine Lippen zu zittern begannen und bemerkte, wie sein Blick verschwamm, denn Tränen traten ihm in die Augen.
Von tiefer Dankbarkeit erfüllt umarmte er Bilbo fest und schloß die Augen, um die Tränen zurückzuhalten.
Geh nur, mein Junge. Geh, sagte Bilbo und kaum daß Frodo ihn losgelassen hatte, war er wiederum eingeschlafen.
Frodo vermochte nicht mehr zu sagen und wußte, dies sollten die letzten Worte sein, die er je mit seinem Onkel gesprochen hatte. Er würde ihn nicht wiedersehen, doch schmerzte ihn dies nicht, denn er wußte, Bilbo war glücklich bei den Elben.
Er stand zwischen Gandalf und Elrond vorn an der Reling und konnte den Blick nicht von der Küste wenden. Unerträglich lang erschien ihm die Zeit, bis sie endlich näher kamen, doch schließlich geschah es, daß das Schiff wieder in den Häfen von Mithlond lag und ihn nun von Bord gehen ließ.
Plötzlich und zur Überraschung aller trat Gandalf neben Frodo und sprach: Für die Zeit, die der Ringträger in der Heimat verbringen will, soll ich mit ihm gehen und noch in Mittelerde leben, bevor auch ich euch folgen werde.
Frodo blickte erstaunt zu ihm auf, doch Gandalf legte ihm wortlos seinen Arm um die Schultern und bevor sie sich zum Gehen wandten, sprach Elrond: Wir werden auf ihn achten, Frodo Beutlin. Sei unbesorgt.
Habt Dank, erwiderte Frodo, dann verließ er mit Gandalf das Schiff.
Erleichterung ergriff ihn, als er endlich wieder den festen Boden Mittelerdes unter seinen Füßen spürte.
Es war richtig.
Ein letztes Mal blickte er zurück auf das Schiff und spürte, wie sich seine Augen mit Tränen füllten, als er Bilbo lächelnd an der Reling stehen und winken sah. Genau wie Sam wollte er ihn ziehen lassen, ihm die Entscheidung überlassen, denn es war allein Frodos. Auf beiden Seiten gab es jemanden, den er würde verlassen müssen, aber was wartete auf ihn im fernen Westen? Tief in seinem Herzen regte sich ein Gefühl, wie jeder Hobbit es kannte, auch der größte Abenteurer - es war die Liebe zur Heimat. Frodo hatte sie nur vergessen. Es hatte tatsächlich dieser Entscheidung bedurft, um sich ihrer zu erinnern, er hatte diese Liebe zur Heimat erst wirklich verlieren müssen, um diesen Verlust zu begreifen.
Und nun machte er ihn rückgängig. So vieles wartete noch auf ihn, wenn er es nur wollte!
Er winkte ein letztes Mal und blickte dem Schiff hinterher, wie es in den Nebel entschwand und sein lieber Onkel mit ihm. Bilbo hatte glücklich gelächelt und das war etwas anderes als bei Sam.
Denn Sam brauchte ihn mehr als Bilbo.
Es war aus ihrem Blickfeld entschwunden und fort, das Schiff hatte die Häfen nun verlassen und zurück am Ufer geblieben waren nur Mithrandir und ein Halbling, der erleichtert zu seinem Freund hochblickte und ihn unerwartet umarmte, so gut er das bei seiner Größe konnte.
Gandalf lächelte. So ähnlich Frodo seinem Onkel oft war, so sehr unterschieden die beiden sich auch voneinander.
Danke, Gandalf, sagte Frodo. Ich hatte bereits gefürchtet, es gäbe kein Zurück mehr. Danke, daß du Elrond überzeugt hast.
Gandalf nickte wissend.
Weißt du, Frodo, ich unterstütze dich in jeder deiner Entscheidungen und daß du nun dieses Wagnis unternimmst, begrüße ich sehr. Du hast dir sicherlich gut überlegt, warum du fortgehen wolltest, und es erforderte gewiß viel Mut, dies rückgängig machen zu wollen. Doch daß du Mut hast, wußte ich seit jeher und aus diesem Grunde überrascht dein Handeln mich nicht.
Frodo nickte versonnen. Gandalf kannte ihn gut - zwar hatte Frodo noch kurz zuvor geglaubt, aller Mut hätte ihn auf immer verlassen, doch dem war nicht so.
, sprach Gandalf dann, dort sind sie noch, als wenn sie auf uns gewartet hätten, Schattenfell und dein guter Streicher.
Er deutete auf sein prächtiges Pferd und Frodos kleines Pony, die beide einträchtig grasend auf einem nahen Hügel standen. Frodo fragte sich im Stillen, warum seine Freunde die Tiere nicht mitgenommen hatten, doch tatsächlich hatten sie es einfach nur vergessen, da die Tiere nicht mehr in Sichtweite gewesen waren. Ihre Herzen waren von anderen Sorgen erfüllt gewesen.
Es war finstere Nacht. Vom Himmel herab blinkten einige Sterne, doch es schien kein Mond und gegenwärtiger als sein Anblick war ihnen das plätschernde Geräusch des Wassers.
Wir sollten die Nacht hier verbringen und erst morgen reiten, sagte Gandalf. Frodo zeigte sich einverstanden. Sie würden die anderen ohnehin nicht mehr einholen können, also mußten sie nichts überstürzen.
Sie beschlossen, sich ein Lager zu bereiten und so entzündeten sie auf einer kleinen Wiese nahe des Wassers ein Feuer, das sie wärmte und ihnen ein wenig Licht spendete. Über eine lange Zeit hinweg sahen die beiden sich schweigend an, denn jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
Gandalf musterte Frodo aufmerksam, dessen Gesicht mit einem Mal nicht mehr von der tiefen Traurigkeit gezeichnet war, wie er sie all die Tage zuvor hatte erblicken müssen. Frodo schien glücklicher. Und in der Tat, so dachte Gandalf dann, gehörte er ins Auenland und an keinen anderen Ort.
Frodo lächelte gedankenverloren, als er an Sam dachte und wie groß seine Freude sein würde, wenn er ihn erst wiedersehen durfte. Wie sollte Sam auch damit rechnen, daß er zurückkehrte?
Bald würde er wieder in Beutelsend sein...

Er war gegangen, um einige Dinge zu erledigen. Eine seiner Hosen mußte genäht werden und weder er noch Sam besaßen ein Geschick mit Nadel und Faden, so mußte Frodo also zum Schneider gehen. Außerdem mußte einiges in der Vorratskammer aufgefüllt werden, besonders das Pfeifenkraut.
Viel zu selten kam er vor die Tür und so hatte er diesmal beschlossen, die Dinge selbst zu erledigen. Sam hatte genügend zu tun und außerdem hallte in Frodos Kopf immer noch Sams Erklärung nach, daß er Rosie heiraten wollte.
Gesprochen hatte er bereits mit ihr und sehr zu Frodos Erleichterung hatte sie auf den Vorschlag, mit Sam zu ihm nach Beutelsend zu ziehen, eingewilligt. Sie hatte sich nicht dazu genötigt fühlen sollen, aber Sam hatte Frodo danach erzählt, daß ihre Augen bei seinen Worten regelrecht geleuchtet hätten. Rosie mochte Frodo und es war ihr eine Ehre und große Freude, bald im schönsten Smial weit und breit leben zu dürfen. Beutelsend war groß und ansehnlich und Rosie war regelrecht stolz, daß sie die Möglichkeit haben sollte, dort mit Sam zu leben.
So betrachtet hatte Sam ihm zumindest angekündigt, daß Beutelsend bald bewohnter sein würde, doch wann es soweit sein sollte, wußte Frodo nicht. Nach ganz alter Tradition wollten Rosie und Sam in aller Stille und Vertrautheit einander das Treueversprechen leisten, weshalb Frodo in letzter Zeit immer öfter Beutelsend verließ, um Sam dafür möglichst viele Gelegenheiten einzuräumen.
Ein seltsames Gefühl beschlich ihn an diesem Tag, denn Sam hatte sehr verschwörerisch getan, als er erst erfahren hatte, daß Frodo nicht in Beutelsend sein würde. Und so war Frodo an diesem Nachmittag viele Stunden fort, um in Hobbingen und Wasserau seine Angelegenheiten zu erledigen und wunderte sich nicht, als er bei seiner Rückkehr Stimmen hörte, sobald er die Tür von Beutelsend geöffnet hatte. Rosie und Sam saßen gemeinsam in der Küche und als Frodo zu ihnen hereinkam, freute er sich, sie glücklich verliebt zu sehen. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, aus Rosies Anwesenheit und dem Verhalten der beiden hatte er sofort geschlossen, daß Rosie nun bleiben würde in Beutelsend.
Sam war überglücklich, was nicht zu übersehen war, und hatte seine Hand auf Rosies gelegt, als sie gemeinsam am Tisch saßen. Nach dem gemeinsamen Essen saß sie an ihn gelehnt und sie unterhielten sich, während Frodo und Sam etwas vom guten Langgrundblatt genossen. Lange saßen sie pfeiferauchend zusammen und Frodo konnte nicht umhin, zu lächeln, als er sah, wie Sam Rosie küßte, während die beiden schließlich Hand in Hand verschwanden.
An diesem Frühlingsabend war er lange Zeit sehr nachdenklich in der Küche sitzengeblieben. Es berührte ihn anders, es bei Sam zu sehen, denn als sein Freund wünschte er ihm dieses Glück von ganzem Herzen. Es hatte Sam sofort verändert, äußerst fürsorglich kümmerte er sich um alles und das sollte auch so bleiben. Es gelang ihm, alles Vergangene durch Rosie zu vergessen, denn bei ihr fühlte er sich gut aufgehoben.
Nie hatte Frodo dies Glück vermißt, doch es bei Sam zu sehen, ließ ihn das erste Mal bewußt darüber nachdenken. Sam war nun gut aufgehoben fern jeder Einsamkeit.

Frodo seufzte und setzte sich wieder ganz aufrecht. Seine Gedanken waren weit abgeschweift und hatten ihn daran erinnert, daß er auch gegangen war, weil er irgendwann geglaubt hatte, daß er wirklich nicht mehr gebraucht würde.
Er hatte sich getäuscht, denn er hatte nie hingesehen, schließlich hatte Sam unermüdlich für ihn gesorgt und alles für ihn getan. Bei Rosie war es nie anders gewesen.
Frodo fragte sich wirklich, wie er hatte glauben können, daß er keinen Platz mehr im Auenland hätte. Es stimmte wirklich nicht.
Er war blind gewesen für alles. Verstrickt in düsteren Gedanken an die Reise zum Schicksalsberg hatte er vergessen, wo er lebte. Fast hätte er den Fehler gemacht und wäre allem entflohen, wo er doch nur der Erinnerung zu entfliehen suchte. Doch dies konnte er schaffen, ohne fortzugehen - denn war es nicht so, daß nur er selbst etwas dagegen unternehmen konnte?
Nun wollte er es tun, zurückkehren zu allem. Er hatte einen Platz.
Sam wird es kaum glauben können, sagte Frodo irgendwann. Gandalf lächelte gütig.
Nein, das ist wahr... aber seine Freude wird keine Grenzen kennen, denke ich. Doch ich freue mich ebenso, ihn wiederzusehen; ihn und seine Familie.
Die beiden verfielen wiederum in Schweigen. Frodo legte sich auf die kühle Erde und zog seinen Umhang um seine Schultern und der elbische Mantel vermochte es wie eh und je, den fröstelnden Hobbit zu wärmen.
Ja, Sam hatte eine Familie... ihn hielt etwas. Frodo hatte jeden Halt verloren. Und er wußte, tief in seinem Herzen beneidete er Sam gar um seine Familie.
Er konnte sich an den Tag von Elanors Geburt erinnern. Sam war immer ungeduldiger gewesen und hatte es kaum erwarten können, bis es endlich soweit war. Geweckt worden war Frodo von Unruhe auf dem Flur und er hatte gehört, wie Sam hinter der verschlossenen Tür zu Rosie gesprochen hatte. Kaum daß Frodo in der Küche stand, hatte er einen Schmerzensschrei gehört, der ihn regelrecht zusammenzucken ließ. Als sich die Geburt immer weiter über den ganzen Morgen hinzog, hatte er sich schließlich ins hinterste Zimmer der Höhle verkrochen, weil er aus lauter Mitleid mit Rosie kaum etwas anderes tun mochte, zumal jeder ihrer Schreie ihn erschreckte. Helfen konnte er nicht, das hatte Sam ihm auf seine Frage sofort geantwortet, als Frodo kurz nach den beiden gesehen hatte.
Frodo bezweifelte aufs äußerste, daß er diese Anstrengungen so gut überstanden hätte wie die beiden Eltern, doch sie waren tapfer und endlich war es dann soweit, daß plötzlich wieder Stille einkehrte.
Das erste, was Sam zu ihm gesagt hatte, als er Rosie und das Kind nach einer Weile allein ließ, hatte sich auf die Namensgebung bezogen. Elanor, das war Frodos Vorschlag gewesen und noch immer rührte ihn der bloße Gedanke daran.
Und dann hatte Sam ihn mitgenommen.

Komm, Herr Frodo, sieh dir die kleine Elanor an! Ein solch hübsches Kind gibt es kein zweites Mal im Auenland, verkündete Sam stolz und Frodo konnte nicht umhin, ihm ins Schlafzimmer zu folgen. Aufgeräumt hatte Sam bereits, doch Rosie sah noch immer sehr erschöpft aus, wenn auch glücklich, mit einem kleinen Bündel im Arm.
Frodo wußte aus Verlegenheit nichts mit sich anzufangen; da stand ein stolzer Vater neben ihm und eine glückliche Mutter lächelte ihn an, daß Frodo es einfach erwidern mußte. Dann winkte sie ihn zu sich.
Möchtest du sie einmal halten? fragte Rosie, die an weiche Kissen gelehnt im Bett saß. Frodo blickte herunter auf das kleine Mädchen, das er nun erst sehen konnte, als er neben das Bett getreten war.
Voll stummer Verwunderung nickte er und Rosie hielt ihm ihre Tochter hin. Aus Angst, sich ungeschickt zu verhalten, zögerte Frodo erst, doch endlich nahm er Elanor auf seinen Arm. Große blaue Augen blickten ihn verschlafen an, dann plötzlich wurde er der winzigen Hände gewahr, die aus der wollenen Decke hervorschauten.
Verzaubert war er von da an; er entdeckte erste blonde Löckchen auf ihrem kleinen Kopf, der allein außer den Händen zu sehen war und als er diese vorsichtig mit dem Finger berühren wollte, griffen die winzigen Finger sofort nach seinem.
Nie zuvor hatte er einen Säugling auf dem Arm gehalten, nicht so bald nach der Geburt, und vor Rührung traten ihm Tränen in die Augen, denn dieses Wunder zu sehen, verschlug ihm die Sprache.
Elanor strampelte ein wenig mit den Füßen und quiekte leise und Frodo schaute sie unentwegt an.
Und er begriff, wie glücklich die Eltern sein mußten, denn auf einmal wurde er dessen gewahr, wie wunderschön es sein mußte, jemanden zu haben, den man liebte. Sam liebte Rosie von ganzem Herzen und nun waren sie Eltern, was sicherlich das größte Glück war, das man sich denken konnte. Sie waren nicht allein, sie hatten einander, sie wurden von ihrem Kind gebraucht.
Frodo erinnerte sich schmerzlich zurück an den Tod seiner Eltern. Er lag doch so lang zurück und er konnte sich nur noch daran erinnern, wie sie ausgesehen hatten, doch er wußte sonst nicht viel von ihnen. Daß sie einander geliebt hatten, daran konnte er sich erinnern, doch an nichts weiter. Und die anderen Familien im Brandyschloß, die nicht seine gewesen waren, waren für ihn fremd geblieben.
Als er dann zu Bilbo kam, hatte er sich schnell an die Ruhe und Beschaulichkeit des Lebens eines Junggesellen gewöhnt und sich niemals vorstellen können, ein anderes Leben zu führen. Nie hatte es sich ergeben. Das eine oder andere hübsche Mädchen war ihm begegnet, doch außer einem flüchtigen Kuß von Merrys Kusine kannte er nichts davon. Gefehlt hatte es ihm ebenfalls nicht, er war etwas anderes gewöhnt und hatte es nie vermißt, doch nun, da er zum ersten Mal das Glück einer Familie wirklich erlebte, spürte er plötzlich, wie er sich ein wenig wehmütig dieses auch für sich wünschte. Heimlich zwar, doch er tat es, war es doch nicht wie seine Einsamkeit, sondern es erfüllte jeden, während ihm nichts geblieben war.
Zum ersten Mal bereute er es wirklich, niemals geheiratet zu haben, als er Elanor auf dem Arm hielt. Welches Glück es doch bedeuten mußte, Vater zu sein!
Er hatte nur Sam anschauen müssen und hatte es gesehen.
Alles wäre anders gewesen. Sicherlich hätte er nicht einmal das Auenland verlassen.
Und nun war es zu spät. Niemals würde Frodo derartiges Glück vergönnt sein, denn niemandem würde er es zumuten können, von seiner Vergangenheit zu erfahren, was doch unweigerlich geschehen würde. Es hatte ihn doch zerstört! Liebe würde er zu geben haben, doch da war auch der Schrecken, den er für sich behalten mußte. Keine Frau würde es geben, die er damit belasten wollte.
So würde er niemals Sams Glück erleben, sondern würde allein bleiben. Es war zu spät. Niemals würde er wissen, wie sich ein Vater fühlte.

Doch es betrübte Frodo nicht mehr in diesem Moment, würde er doch am Leben von Sams Familie teilhaben. Ihm waren über seinen Gedanken die Augen zugefallen, denn das Rauschen des Meeres hatte ihn ruhig werden lassen und schläfrig. Gandalf wachte über Frodos Schlaf, denn dies war seine Aufgabe. Zurückgeschickt ward er, um die Aufgabe zu erfüllen, und solange der Ringträger in Mittelerde weilte und für alle Gefahren in Reichweite lebte, war es Gandalfs Pflicht, als Freund und Weiser auf ihn zu achten und ihn zu schützen, doch sagte er es nicht.
Frodo schlief ruhig in dieser Nacht. Früh am nächsten Morgen wachte er auf und bald machte er sich mit Gandalf auf den Rückweg ins Auenland, nachdem sie von den letzten verbliebenen Bewohnern Mithlonds verpflegt worden waren. Auf Schattenfell und Streicher ritten sie gen Osten durch die grünen Hügel und konnten noch die Spuren der drei Ponys sehen, auf denen Merry, Pippin und Sam ins Auenland geritten waren. Noch waren die Spuren nicht alt.
Sie sprachen nicht viel, doch Gandalf beobachtete, wie Frodo die Welt neu entdeckte, wie er sich mit geschlossenen Augen von der Sonne wärmen ließ auf dem Rücken seines Ponys und wie er den Wind auf den Wangen spürte.
Dies alles bedeutete Heimat, Frieden und Leben. Die Heimat fand er jedoch nur in Mittelerde und für seinen Frieden wollte er kämpfen, um dort unbehelligt leben zu können.
Valinor war für ihn nur mehr ein Traum, den er den Passagieren des Schiffes von ganzem Herzen wünschte, doch für ihn würde er nicht in Erfüllung gehen. Er gehörte nach Beutelsend.
Am zweiten Tag ihrer Reise zogen gegen Abend finstere graue Wolken auf und verhüllten bleiern den Himmel. Der Wind frischte auf und jagte in Böen über die Hügel, was sich immer weiter steigerte unter Donnergrollen und zuckenden Blitzen.
Frodo und Gandalf beschlossen, Schutz zu suchen in einer Scheune, die zu einer nahen kleinen Siedlung von Menschen gehörte, doch kaum daß Frodo abgestiegen war, krachte ein ohrenbetäubender Donner und ein gleißender Blitz ging in der Nähe nieder.
Wiehernd begann Streicher zu scheuen und bäumte sich auf, daß Frodo ihn loslassen mußte und panisch suchte das Pony das Weite.
Streicher! So bleib doch hier, es ist sicher... rief Frodo hinter seinem Pony her, das wie vom Balrog gehetzt in die Hügel schoß und hinter einem dichten Regenvorhang verschwand.
Im nächsten Augenblick riß sich auch Schattenfell von Gandalf los und folgte Streicher im gestreckten Galopp. Machtlos konnten der Zauberer und Frodo den Tieren nur hinterherschauen, aber Gandalf schien unbesorgt und sie suchten erst Schutz, bevor er erklärte: Schattenfell wird Streicher finden und sie werden Schutz suchen. Dein Kleiner hatte einfach Angst und Schattenfell wird ihm nun helfen. Allerdings müssen wir sie erst suchen...
Und so war es auch. Sie machten sich am folgenden Morgen auf die Suche nach ihren Tieren und irrten verloren durch die Hügel, denn auf keinen Zuruf reagierte Schattenfell. Die Tiere waren weit gelaufen und erst am Abend des dritten Tages kamen sie endlich herbeigetrabt.
Frodo und Gandalf waren bei ihrer Suche weit vom direkten Weg abgekommen und so kostete es sie zwei weitere Tage, wieder zurückzufinden und endlich ins Auenland weiterreiten zu können.
Es war der Vorabend des sechsten Oktober, der letzte Abend vor dem, an welchem sie endlich ihr Lager wieder am Weg aufschlagen sollten. Endlich ließen sie sich zur Nachtruhe nieder. Frodo hatte nichts essen wollen, wußte er doch, welcher Tag ihm bevorstand und die Angst davor hatte keinen Hunger aufkommen lassen.
Gandalf erinnerte sich ebenfalls an das Datum und kaum daß Frodo eingeschlafen war, nahm der Zauberer eine zusätzliche Decke und breitete sie über den kleinen Hobbit, der anfangs noch ruhig schlief, doch sollte dies nicht so bleiben.
Mit Angst war Frodo eingeschlafen und er begann wieder zu träumen, so wie er es schon oft getan hatte, und es war immer derselbe Traum, den er nicht zu deuten vermochte. Er fürchtete ihn und doch kehrte er wieder und brachte die Vergangenheit zurück.
Ein schriller Schrei ließ Frodo zusammenschrecken, wie er schmerzhaft in seinem Kopf widerhallte und es war der Schrei des Nazgul und seines geflügelten Untiers, wie sie Jagd auf den Ringträger machten und ihm keine Ruhe ließen.
Die Nazgul waren nicht mehr, sie hatten dem Untergang nicht entrinnen können nach der Zerstörung des Rings, und doch spürte Frodo beim bloßen Gedanken an den Hexenkönig seine Klinge.
Keuchend schrak er auch in dieser Nacht hoch und spürte, wie Tränen seine Wangen näßten. Verschämt wischte er sie weg, als er sah, wie Gandalf zu ihm blickte.
Hast du schlecht geträumt? fragte der Zauberer, als er in Frodos bleiches Gesicht sah.
Frodo nickte und antwortete: Es ist nichts weiter... ich kenne diese Träume. Sie erinnern mich immer an das, was war.
Gandalf fragte nicht weiter, konnte er doch sehen, daß Frodo nicht darüber zu sprechen vermochte. Frodo scheute es, diesen Schrecken in Worte zu fassen.
Seine linke Schulter war von einer tödlichen Kälte. Die Narbe schmerzte und es hörte nicht mehr auf.
Wieder legte Frodo sich nieder und versuchte zu schlafen. Es wurde jedoch schlimmer und immer schlimmer, denn von beißendem Gestank umgeben fand er sich auf der Flucht vor der Spinne wieder, die ihn jagte, in der Dunkelheit verfolgte und mühelos einholte.
Frodo spürte den Stich, war wie gelähmt und reglos, konnte nur mitansehen, was sich nun vor seinem Auge zeigte. Tiefe Finsternis und stechender Gestank umgaben ihn, leise Geräusche von üblem Ursprung drangen an seine Ohren und dann sah er ihn.
Unbesorgt lief Sam voran, suchend in der Finsternis, doch er konnte der Gefahr nicht entrinnen, die ihn in ihre Fänge und in einsame Gefangenschaft brachte. Gefesselt von Spinnfäden saß er da, umgeben von klebrigen Netzen und schleichender Bedrohung.
Nie konnte Frodo die Erinnerung an Kankras Lauer vergessen und die Angst, die er gehabt hatte. Nun konnte auch Sam der Gefahr nicht entgehen, die ihn in ihre Gewalt gebracht hatte; gefangen in der Dunkelheit, die das Licht fraß, und verloren an die kommenden Orks, flüsternd und geifernd auf dem Weg zu ihnen. Spinne, das sagten sie, Frodos Herz übersetzte das Wort, welches sie benutzten, ins elbische ungol, und eisige Furcht ergriff ihn, als vor seinem Auge Sam erschien, wie er reglos dalag, bleich und kalt und wie tot. Dann wurde alles schwarz und nichts hörte Frodo mehr, bis er endlich aufwachte und den kalten Schweiß der Angst auf der Haut spürte.
Angst hatte er gehabt um Sam, um den lieben Sam, immerzu und unerbittlich.
Ein stechender Schmerz in der Schulter holte Frodo in die Wirklichkeit zurück, er war aufgewacht und das Licht der aufgehenden Sonne allein brannte schon in seinen Augen, wie es gegen die Schatten in seiner Seele kämpfte.
Dieser Alptraum raubte Frodo seit so langer Zeit schon den Frieden und ängstigte ihn bis ins Mark, doch er konnte nicht dagegen kämpfen.
An diesem Tag jedoch blieb er ruhig legen und preßte die rechte Hand auf seine linke Schulter, spürte die Todeskälte und vermochte nicht, sich zu rühren.
Er zweifelte daran, daß er im Westen von diesen Ängsten befreit gewesen wäre. Ja, diesen Jahrestag hatte er gescheut, doch nun war er noch hier und schlimmer könnte es sein, so wollte er nicht klagen.
Er würde es aushalten. Er hatte es schon geschafft, den Schmerz zu verstecken, im letzten März vor Elanors Geburt hatte Sam nichts von Frodos Pein bemerkt und Frodo war dankbar dafür gewesen.
Die Wunden machten ihm zu schaffen, doch sie sollten es tun, er würde nicht davor fliehen. Er würde dennoch bleiben in Mittelerde, denn dorthin gehörte er.
Wie geht es dir? fragte schließlich Gandalf, als er erwacht war und die blutunterlaufenen Augen des Hobbits bemerkte, die haltlos in den Himmel starrten.
Frodo versuchte, ihn zu fixieren, doch es war ihm, als käme Gandalfs Stimme von weither.
Es... es geht, antwortete er matt, es schmerzt, aber das tut es doch immer. Ich werde damit leben.
Frodo dachte am Sam und seine Familie, ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht beim Gedanken an Elanor und er wußte, dies mitzuerleben, wog jeden Schmerz zehnfach auf und er wollte ihn ertragen.
Morgen ist es doch vorbei, murmelte Frodo dann und setzte sich aufrecht. Käseweiß war er im Gesicht und seine Augen waren dunkel gerändert, aber er zwang sich, auf Streicher weiterzureiten und dem Übel standzuhalten. Er würde nicht nachgeben.
Gandalf lächelte. Frodo barg wirklich erstaunliche Kräfte in sich.
Der Hobbit aß wenig an diesem Tag und sprach kaum, doch bald ging auch diese Erinnerung vorbei und er freute sich darauf, schon bald das Auenland wieder zu erblicken.
Und so geschah es auch eine gute Woche darauf, denn schneller waren die beiden nicht geritten. Keine Eile plagte sie und so hatten sie sich viel Zeit gelassen, um die Grenzen des Auenlandes zu erreichen, und in der Mitte der zweiten Woche sahen sie dann am späten Nachmittag den Bühl vor sich.
Frodo atmete tief durch und spürte die klare reine Luft seiner Heimat, wie sie seine Lunge füllte und er fühlte sich frei, so frei wie selten zuvor.
Es war seine freie Entscheidung gewesen. Frodo hatte jeden Grashalm und jeden Kiesel mit besonderer Liebe betrachtet, er wußte endlich den Wert seiner Heimat zu schätzen und missen wollte er sie niemals wieder.
Der Schrecken war nun fort und nicht mehr greifbar, denn nun überwog die Vorfreude auf das Wiedersehen.
Vorbei und vergessen war das Leid der längst vergangenen Tage unter dem Schatten des Übels, der seine krallenden Finger nach allem ausgestreckt hatte, was schön und gut gewesen war. Gejagt von den neun Dienern des Dunklen Fürsten war Frodo ausgezogen, seine Heimat zu retten, hatte er doch nicht geahnt, was dies bedeutete. Zum ersten Mal bewußt ward er sich dessen, als er dem Hexenkönig gegenübergestanden hatte und die Kälte des Schwarzen Anhauchs fast tödlich spüren mußte, als er verwundet wurde. Abgeschreckt hatte es ihn nicht, denn trotz aller Furcht hatte er sich entschieden, den Ring bis ins Schwarze Land hinein zu den feurigen Schicksalsklüften zu tragen, um ihn zu vernichten.
Hunger war nicht der schlimmste Feind, der ihm begegnet war, wenngleich er ihm doch zum Ende hin nicht mehr von der Seite wich wie sein Schatten. Er hatte sich für Gandalfs Fall die Schuld gegeben und keinen Trost gefunden über den Tod seines Freundes und Ratgebers, ohne ihn fühlte er sich verlassen und verloren. Doch hätte er Gollum gegenüber keine Gnade gezeigt, die Welt wäre untergegangen und tot würde er sein, tot oder einer ewigen Folter ausgeliefert. Nicht alles hatte er falsch gemacht.
Nicht alles.
Eine Todesangst vor Spinnen begleitete ihn seit jenem Tag an den Grenzen Mordors, der für ihn in tiefer Dunkelheit geendet hatte und das Aufwachen hatte es nur schlimmer gemacht, nicht besser. Den Orks auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein mit nur einem Gedanken an den Verlust des Ringes - nichts schlimmeres hatte er gekannt in diesem Moment. Hatte er an Sam gedacht, so blieb nur die Angst vor dem Tod seines Gefährten, betäubt und gefressen von dem abscheulichen, unaussprechlichen Monster.
Noch lange waren die Finsternis und das Ersticken in ihm gewesen, die er in Mordor kennengelernt hatte, lähmende Schwäche und der Verlust einer jeden Empfindung hatten ihn eingeholt und gepeinigt.
Ohne Sam hätte er sein Ziel niemals erreicht, doch selbst Sam war machtlos gewesen, als die Gier Frodo erfaßt hatte, um nicht wieder von ihm abzulassen, bis er ihr nachgegeben und den kleinen goldenen Ring auf seinen Finger gesteckt hatte, um ihn sein Eigen zu nennen. Gollum war es gewesen, der sein Versagen am Rande des Untergangs noch zum Guten gewendet hatte, die kleine miserable Kreatur, die im Tod mit ihrem Schatz vereint hatte sein sollen.
Auch das hatte Frodo falsch gemacht. Er war zum Widerstand gegen die Stimme in seinem Kopf nicht mehr fähig gewesen und hatte es immer bereut, jedes einzelne Mal, wenn er auf seine rechte Hand sah und die Narbe erblickte, die ihn für immer zeichnen würde. Er hatte bezahlt, bitter bezahlt für jedes Mal, daß er den Ring aufgesteckt hatte. Doch hätte er ebenso sein Leben verlieren können.
Hatte er seinem Versagen entfliehen wollen?
Frodo würde sich allem stellen. Er war der Ringträger und trotz allem froh, es getan zu haben für seine Heimat, die nun wieder vor ihm lag.