Drittes Kapitel

Gandalf und Frodo ritten gemeinsam den Bühl hinauf, freundlich gegrüßt von den Anwohnern, die sich jedoch sehr wunderten über Frodos Rückkehr. Rosie hatte davon berichtet, daß er auf immer gegangen war, und diese Nachricht hatte die Leute weniger überrascht.
Frodo stieg ab und brachte Streicher gemeinsam mit Schattenfell neben dem kleinen Stall unter, der für die Ponys gebaut worden war. In einem gleißenden Abendrot neigte sich die Sonne dem Horizont zu, doch noch immer war der Himmel durchsetzt von einem klaren Blau, ganz ohne Wolken und sehr ungewöhnlich für einen Tag Ende des Winterfilth.
Was soll ich nun sagen? fragte Frodo, während er voran auf die Tür von Beutelsend zuging und zögerlich klopfte. Er freute sich schon sehr darauf, bald vor dem wärmenden Herdfeuer zu sitzen, denn inzwischen war es sehr kalt geworden, aber davor gab es wichtigeres zu tun.
Gar nichts, erwiderte Gandalf lächelnd und verstummte, da sich bereits die Tür öffnete.
Starr vor Staunen blickte Rosie vom einen zum anderen, bevor sie heraustrat und Frodo freudestrahlend umarmte.
Gandalf war erfreut, Frodo so gut aufgenommen zu wissen, doch hatte er dies bereits gewußt. Nicht umsonst hatte Frodo dorthin zurückkehren wollen.
Sam sagte... er sagte, du würdest nie zurückkehren, sagte Rosie und blickte Frodo unverwandt an, bevor sie, ohne auf weitere Erklärungen zu warten, die beiden hereinbat und sie hieß, ihr in die Küche zu folgen.
Setzt euch doch! Was kann ich Gutes für euch tun? fragte sie. Auf die einstimmige Antwort der beiden, daß sie etwas zum Aufwärmen nötig hatten, setzte sie Tee auf und saß schließlich beiden gegenüber am Tisch.
Sam wird bald wieder hier sein. Als er gestern morgen fortritt, um die Sichtung seiner Pflanzungen abzuschließen, versprach er mir, heute pünktlich zum Abendessen zurück zu sein. Lange wird es nicht mehr dauern, sagte Rosie schließlich, als Frodo sie fragend ansah und sich suchend umschaute. Er nickte verstehend.
Es ist richtig, begann er dann, ich sagte zu Sam, daß ich nie zurückkäme. In den fernen Westen wollte ich gehen und Bilbo begleiten, um dort die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen und Frieden zu finden. Doch heimatlos wäre ich gewesen und er fehlte mir, kaum daß das Schiff hinausgefahren war auf das weite Meer. Alles fehlte mir, ich mußte nur an das Auenland denken und fühlte mich wie entwurzelt. Ich bin nicht wie Bilbo.
Und dein Platz sollte hier sein, sagte Rosie dann und lächelte freundlich.
Sam wußte nicht, wie er es alles anfangen sollte. Er sagte mir nur, daß du mit den Elben gegangen wärst und nie zurückkämst und er war ganz von Trauer erfüllt. Gesprochen hat er darüber nicht, doch ich habe es gesehen und er schien jeden Tag immer aufs Neue betrübt, auch wenn es besser wurde. Es hat ihn zerrissen. Hätte er auch nur einen Satz darüber sagen müssen, er hätte sich gewünscht, daß du nicht fortgegangen wärst.
Frodo hatte die Augen geschlossen und holte tief Luft. Beutelsend war sein Zuhause, es roch vertraut und heimelig. Wie oft hatte er sich dorthin zurück gewünscht!
Sie blieben gemeinsam in der Küche sitzen für eine Weile und Frodo malte sich aus, wie sein Wiedersehen mit Sam sein würde. Indes hielt er bereits Sams Tochter wieder auf dem Arm und seufzte glücklich.
Das hatte ihm so gefehlt.
Mit Elanor auf seinem Arm schritt er durch die ganze Höhle und schaute in jedes Zimmer, so als sähe er sie alle zum ersten Mal. Er mochte kaum glauben, daß er wirklich wieder daheim war, zu schön erschien es ihm und zu vertraut roch der Staub auf seinen Büchern, die er schmerzlich vermißt hätte. Er hörte, wie Gandalf und Rosie miteinander sprachen, doch kümmerte er sich nicht darum in diesem Moment.
Zu ungeduldig war er und zu aufgeregt wartete er auf Sam. Elanor zupfte an seinen Locken und brachte ihn zum Lachen; etwas, das ihm lange gefehlt hatte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt so gelacht hatte wie jetzt, doch sicherlich war der Grund auch da das kleine Hobbitmädchen gewesen.
Er war überglücklich, dort zu sein.
Schließlich verließ er sein Zimmer wieder und kehrte in die Küche zurück, um dort zu warten.

Seufzend bog er um die Ecke und sah neben dem kleinen Stall zwei Tiere stehen, die ihm auf seltsame Art bekannt vorkamen. Ein wunderschöner Schimmel und ein stattliches kleines Pony standen dort und verwirrten Sam gehörig, denn er glaubte an Einbildung, ein Trugbild als Folge seiner vielen Gedanken und Wunschträume.
Er würde sich wiederum täuschen. Doch die beiden Tiere waren noch da, als er die Augen wieder öffnete. Grübelnd kratzte Sam sich am Kopf und fragte sich, was er davon zu halten hatte.
Eilig kümmerte Sam sich um Lutz, stellte ihn in seinem kleinen Stall unter und hastete dann den Weg hinauf nach Beutelsend.
Der Schimmel sah aus wie Schattenfell. Sam kannte nicht viel von Pferden, doch ein so schönes wie Schattenfell hatte er niemals wieder gesehen. Das Pony wiederum hätte jedes sein können, doch ähnelte es nicht Frodos kleinem Streicher?
Ich bin verrückt, flüsterte Sam zu sich selbst, wandte sich erneut um und sah die Tiere noch immer dort stehen.
Kopfschüttelnd öffnete er die Tür. Sofort stieg ihm ein köstlicher Duft in die Nase und lenkte ihn für einen Moment völlig ab, da er sich an seinen Hunger erinnerte und er rief: Ich bin wieder zurück! Meine liebste Rosie, was riecht so gut und wessen Pferde stehen vor unserem... Haus?
Unterbrochen wurde Sam von einem erfreuten Aufschrei seiner kleinen Tochter und er wollte sich eilen, sie schnell zu begrüßen, doch es war keine Eile mehr nötig.
Auf ihn zu kam Gandalf mit Elanor auf dem Arm, gehüllt in einen grauen Umhang und gebückt gehend, weil er zu groß war. Es war wirklich der Zauberer, sein alter Freund. Er war in Beutelsend.
Sam stockte der Atem.
Gandalf! Ich traue meinen Augen nicht, bist du es? fragte er, unfähig, seinen Augen zu trauen. Erst die Tiere und nun...
Freude, unbändige Freude, die er niemals auszudrücken vermocht hätte, wuchs in seinem Herzen und nur Gandalfs Stimme holte ihn zurück ins Leben.
Ja, mein lieber Junge, ich bin es tatsächlich. Da staunst du, was? Komm doch erst einmal in die gute Stube, bevor wir weitersprechen! Viel zu froh ist die Stunde, um im Flur verbracht zu werden!

Frodos Herz schlug schneller, sobald er hörte, wie die Tür geöffnet wurde. Sams Stimme drang an seine Ohren und er verstand nicht einmal den Sinn seiner Worte, als er sprach, noch nahm er Elanors Freude wahr. Einzig Gandalf schreckte ihn auf, als er aufstand und mit Elanor auf dem Arm Sam entgegenging.
Frodo war unfähig, sich zu bewegen, fast hatte er Angst vor dem Wiedersehen und suchte Rosies Blick, die ihn ermunternd anschaute.
Sie sprachen miteinander, Frodo hörte ihre Stimmen auf dem Flur.
Ja, aber, wieso bist du zurück? Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen, als das Schiff in den Grauen Anfurten ablegte! Was für eine Freude! rief Sam und es klang bereits so, als würde er sich nähern.

Sams Stimme zitterte und er spürte, wie er mit den Tränen kämpfte, so bewegt war er nun, da er hoffen konnte auf das Unwirkliche, auf das, was er für immer verloren geglaubt hatte.
Frodo war zurück. Er wußte es, er war sich nun sicher, daß das Unglaubliche geschehen und Frodo zurückgekehrt war. Er war so überrascht, daß er nichts mehr wahrnahm, als er vor Gandalf in die Küche lief und glaubte, nicht länger warten zu können, bis er endlich die Tür erreichte und sich zur Seite wandte.
Und es war Frodo, der dort neben Rosie am Tisch saß.
Stumm stand Frodo auf und wandte nicht mehr den Blick von Sam, dessen Augen feucht glänzten. Auf seinem Gesicht sah Frodo die unbändige Freude eines Freundes, dessen größter Traum in Erfüllung ging, dessen wichtigster Wunsch zur Wirklichkeit werden sollte.
Dicke Tränen der Freude kullerten über Sams Wangen, als er Frodo fest in die Arme schloß und begriff, daß es kein Traum war, denn er spürte, wie Frodo seine Umarmung erwiderte. Er war zurück. Er war wieder in Beutelsend, bei ihm und seiner Familie, in seinem Zuhause.
Frodo brach das Schweigen. Wir sind wieder zurückgekommen, Gandalf und ich.
Er erklärte, warum er sich nun doch entschieden hatte, nicht fortzugehen. Übers ganze Gesicht strahlend lauschte Sam auf jedes seiner Worte, als er ihm nun endlich gegenübersaß und ihn unverwandt ansah, so als fürchtete er, er würde andernfalls verschwinden.
Erst wagte Frodo kaum, Sam anzusehen, doch als er es tat, konnte Sam in seinen Augen ebenfalls Tränen entdecken. Er fragte Gandalf, warum er Frodo begleitet hatte und wußte nichts zu tun, wie er so dasaß und nicht zu glauben vermochte, daß Frodo nicht für ihn verloren war.
Herr Frodo, ich dachte tatsächlich, dich nie mehr wiederzusehen und es brach mir das Herz. Dennoch konnte ich dich gut verstehen, aber das half mir auch nicht darüber hinweg, sprach Sam leise und blickte verlegen zu Frodo.
Dieser lächelte gütig und antwortete: Ich bin so glücklich, wieder hier zu sein. Es war richtig, zurückzukommen. Dabei fühlte ich mich so lange unwohl hier! Das scheint mir jetzt völlig unbegreiflich.
Er war ein anderer, das konnte Sam sehen. Frodo sah sehr glücklich aus und Sam hatte keinen Zweifel daran, daß er nun bleiben würde im Auenland.
Er spürte, wie sein Herz einen Sprung machte, denn nun war er ganz und heil.
Ein friedlicher Ausdruck lag in Frodos Blick, mit dem er Sams erwiderte und er hatte die Hände auf den Tisch gelegt, ohne die rechte unter seiner linken zu verstecken, wie er es sonst immer getan hatte.
Endlich hatte er es überwunden und den Weg nach Hause gefunden.