Die wenigen Tage bis zum Ende des Schuljahres verbrachte Arian bei Severus, wenn sie nicht gerade in der Schule zu tun hatte. Zuerst wirkte er nicht besonders angetan davon, schien sich irgendwann jedoch daran zu gewöhnen, dass er sie so einfach nicht loswerden würde – vor allem jetzt, da sie endlich über sein großes, unangenehmes Geheimnis Bescheid wusste. Zwar dachte sie oft genug darüber nach, was es bedeutete, mit einem Todesser zusammen zu sein – es bereitete ihr auch sehr häufig ein Gefühl, als müsste sie bald brechen – doch dann kamen immer wieder die Bilder aus dem Krankenflügel hoch, die sie nie wieder vergessen würde, und mit ihnen andere, unerschütterliche Gefühle, die einfach überwogen.

Und nicht nur das: Severus mochte die erste Nacht, die sie bei ihm verbracht hatte, kein Auge zugetan haben, doch schon in der nächsten hatten ihn Stress und Erschöpfung übermannt. Wenn Arian jedoch mit einer ruhigen Nacht gerechnet hatte, musste sie erschüttert feststellen, dass dies für ihn anscheinend so fremd war wie Zuneigung. Sie hatte gefühlt keine zwei Stunden geschlafen, als sie aus irgendeinem Grund wieder aufwachte. Als sie sich orientiert hatte, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte – Severus wälzte sich unruhig von links nach rechts, schweißnasse schwarze Haarsträhnen klebten an seinem Gesicht und das gequälte Stöhnen, das aus seiner Kehle drang, verursachte eine Gänsehaut bei Arian.

„Severus…?", fragte sie leise, doch er schien sie nicht zu hören. „Sev… Wach auf…"

„Nicht… Bitte… nicht…"

„Sev, du musst aufwachen! Das ist nur ein Alptraum! Sev?"

„Nein… Ich werde nie wieder… Ich verspreche es… Bitte…"

Sie wusste nicht, wen er in seinem Traum so anflehte, doch es brach ihr das Herz. Zitternd und bettelnd rollte er sich auf der Seite zusammen. Im Licht der Kerze auf dem Nachttisch sah sie, wie Tränen über seine Wangen rannen. Sie konnte nicht länger zusehen, auch wenn sie genau wusste, dass es schief gehen könnte, ihn in einer solchen Situation zu berühren.

„Hey, Sev…" Arian legte ihre Hand auf seinen Oberarm. Er zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen, und fuhr hoch. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen starrte Arian ihn an.

Severus schien schnell zu verstehen, was passiert war, denn er sackte in sich zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen.

„Sev…" Arian rückte näher zu ihm und machte Anstalten, ihn zu umarmen.

„Geh!", drang es verschnupft hinter seinen Händen hervor und er wandte sich von ihr ab.

„Ganz bestimmt nicht." Mit sanfter Gewalt löste sie seine Hände von seinem Gesicht und wischte seine Tränen mit ihrem Daumen weg. Sein Blick war voller Selbsthass.

„Lass mich in Ruhe…"

Sie rollte leicht mit den Augen und zog ihn an sich. „Werd' ich nicht. Kein Mensch will allein sein, wenn er grad einen Alptraum hatte."

„Ach, hast du gerne Zuschauer, wenn du…" Er schluckte. „…schwach bist?!"

„Mann, Severus, das hat doch nichts mit Schwäche zu tun! Jeder hat mal Alpträume, das…"

„Ja, ‚mal'!", rief er leicht hysterisch, noch bevor er sich stoppen konnte.

„Hast du oft Alpträume?"

Er antwortete nicht und versteckte sich stattdessen hinter seinen Haaren, nachdem sie seine Hände noch immer festhielt.

„Ach Schatz, ich versteh' das doch… Du hast so viel durchgemacht…"

„Ich brauch' dein Mitleid nicht!", fauchte Severus und rückte von ihr ab.

„Ich hab' auch nicht gesagt, dass ich Mitleid hab', sondern dass ich gut nachvollziehen kann, dass du häufig schlecht träumst! Geh doch nicht immer gleich davon aus, dass ich… keine Ahnung, dass ich nicht auf deiner Seite bin!"

„Es ist eben nie jemand auf meiner Seite", entgegnete er frustriert. „Können wir einfach nicht mehr darüber reden?"

„Erstmal… Aber… Kommunikation ist wichtig, wir müssen mehr miteinander sprechen, OK?"

„Hmpf."

„Wirklich. Ohne geht nicht."

„Wenn es sein muss."

„Ja." Sie küsste ihn auf die Stirn. „Komm, versuch nochmal, ein bisschen zu schlafen. Wenn was ist, weck' ich dich gleich, versprochen."

Arian behielt ihre rasenden Gedanken für sich. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, was Severus in seinen Träumen so quälen konnte. Material für nächtlichen Horror gab es in seinem Leben wahrlich genug, wenn sie darüber nachdachte, was sie von Poppy erfahren hatte… In dieser Nacht schlief auch sie nicht mehr gut.

Obendrein war es für Arian furchtbar zu wissen, dass Severus unter Einsatz seines Lebens für Dumbledore spionierte und sie ihm nicht im Geringsten helfen konnte. Doch egal was sie derzeit über den Schulleiter dachte, sah sie dessen Weg dennoch als den sinnvollsten im Kampf gegen Den-dessen-Name-nicht-genannt-werden-durfte, und so ging sie am Vormittag des letzten Schultags hinauf zu Dumbledores Büro.

„Arian, was kann ich für Sie tun? Tee? Zitronenbonbons?"

Sie nickte abwesend und ließ sich auf einem der Stühle vor seinem Schreibtisch nieder. Den Blick auf die Teetasse in ihren Händen gesenkt begann sie: „Ich habe in den letzten Tagen nachgedacht… Die Menschen, die sich gegen Sie-wissen-schon-wen wehren werden, werden sich hinter Ihnen als ihren Anführer versammeln, wie schon zuletzt. Und ich muss irgendetwas tun. Was mit Mr Diggory geschehen ist… und in meiner Familie im letzten Krieg… Was kann ich tun?" Ein noch drängenderer Faktor war natürlich Severus, doch das würde sie ihm niemals auf die Nase binden.

„Zuerst: Vielen Dank für Ihr Vertrauen, Arian. Tatsächlich wollte ich Sie nach dem offiziellen Ende des Schuljahres noch selbst darauf ansprechen, da hatten wir wohl denselben Gedanken. Möglicherweise haben Sie vom Orden des Phönix gehört?"

Arians Blick glitt hinüber zu Dumbledores Phönix Fawkes, der sie von seiner Stange aus beobachtete, und sie nickte.

„Nun, der Orden ist wieder aktiv und wir suchen stets neue Mitglieder. Leider ist es im Moment nicht so einfach, die Menschen von der Wahrheit zu überzeugen. Sollten Sie also wünschen, uns zu helfen, würde ich mich sehr freuen, eine kompetente Hexe wie Sie in unseren Reihen begrüßen zu dürfen. Ich will Ihnen jedoch nichts vormachen – die Arbeit für den Orden ist keineswegs ohne Risiko, weder persönlich noch beruflich."

„Das versteh' ich. Aber ich muss das tun. Ich kann nicht hier sitzen und zusehen, wie… wie meine Schüler ermordet werden…"

Schnell trank sie einen Schluck Tee, um ihre Emotionalität zu überspielen. Ja, sie dachte oft an Cedric Diggory, doch die Bilder vor ihrem inneren Auge waren erneut andere, die Spuren von Blut und Folter, und von Severus, bewusstlos auf dem Bett im Krankenflügel...

„Das möchte keiner von uns", stimmte Dumbledore ihr zu.

„Dann bin ich dabei."

„Es ist mir eine Ehre, Arian. Soweit ich weiß, sind Sie sowohl mit Minerva als auch mit Severus befreundet? Letzteres hat mich übrigens positiv überrascht, wenn ich das so sagen darf. Sie hatten ja einige Startschwierigkeiten, was auch nicht weiter verwunderlich ist."

Arian lächelte schief, auch wenn ihr gar nicht danach war. „Manchmal weiß ich selbst nicht, wie das passiert ist. Aber er ist schon in Ordnung."

„Das ist richtig. Sie können jederzeit mit den beiden über Ordensangelegenheiten sprechen sowie auch mit Hagrid, auch wenn Minerva etwas offener sein dürfte als Severus. Generell weiß allerdings das gesamte Kollegium über den Orden Bescheid und steht auf unserer Seite. Grundsätzlich kommunizieren die Ordensmitglieder über Nachrichten per Patronus anstatt von Eulen. Da Sie bereits einen Patronus heraufbeschwören können, sollte dies kein Problem für Sie darstellen. Ich bin mir sicher, Minerva würde auch die ein oder andere Testnachricht empfangen. Oder Sie senden mir etwas."

„Dankeschön, ich werde das üben."

„Und noch etwas: das Hauptquartier." Albus zog ein kleines Stück Pergament und eine Feder unter einem Stapel Dokumente hervor, mit der er eine Londoner Adresse aufschrieb. Grimmauld Place 12. „Merken Sie sich das gut, das Haus ist von einem Fideliuszauber geschützt." Im nächsten Moment ging das Pergament in Flammen auf und zurück blieb nur ein wenig Asche. „Haben Sie noch Fragen?"

„Gerade nicht."

„Gut. Das erste offizielle Treffen mit allen Mitgliedern wird am 20. Juli stattfinden. Eine genaue Uhrzeit kommt per Patronus."

„Danke. Ich werde da sein. Zuvor kann es sein, dass Sie mich bei meiner Familie in Deutschland erwischen, aber auch das ist in Ordnung."

„Sehr gut. Wenn Sie dorthin gehen, würde es ihnen etwas ausmachen, sich umzuhören, wer uns eventuell unterstützen würde? Die magische Gemeinde rund um die Germanische Zauberakademie ist schließlich außerordentlich vielfältig und international aufgestellt, was sehr hilfreich wäre."

„Selbstverständlich."

Auf dem Rückweg zu Severus' Räumen fühlte sich Arian überraschend ruhig. Ja, ein Teil von ihr hatte Angst vor den Dingen, auf die sie sich da einließ, doch für ihre Begriffe war eine Grenze überschritten worden, sodass sie aktiv werden musste. Außerdem konnte sie so sicherlich besser im Auge behalten, wann und was Severus bei Dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf zu tun hatte, und ihn dann vielleicht mehr unterstützen.

„Wo hast du gesteckt?", fragte Severus, als sie zur Tür hereinkam. „Der Suchtrupp ist schon vorbeigekommen." Er wies auf Seren, die auf dem Sofa zusammengerollt war und sie durch halb geöffnete Augenbeobachtete.

„Ich war bei Dumbledore und bin dem Orden des Phönix beigetreten."

„Du bist was?!"

„Dem Orden…"

„Bist du wahnsinnig?! Das ist kein Spiel! Du-Du könntest verletzt werden, du könntest…" Er schüttelte den Kopf, als hätte es ihm die Sprache verschlagen. „Ist dir bewusst, was…"

Ja, Severus, ich weiß das! Oder hast du vergessen, wer mit Poppy im Krankenflügel war, als du von diesem Psychopathen zurückgekommen bist?!" Ihre Stimme zitterte. Allein der Gedanke daran trieb ihr erneut Tränen in die Augen.

Severus schwieg dazu. „Du bringst dich damit in Gefahr."

„Soll ich lieber zusehen, wie alle anderen kämpfen und ihren Teil tun? Das kann ich nicht! Das geht uns alle was an!"

„Ich… Ja, ich mache mir eben auch Sorgen, denke ich…" Ein Hauch von Rosa überzog seine Wangen und Arians Wut verrauchte fast augenblicklich.

„Ich mir doch auch, gerade weil ich selbst gesehen hab', zu was dieses Monster fähig ist. Schon im ersten Krieg wurde ein Teil meiner Familie getötet. Und jetzt… Wenn ich auch nur irgendwie…" Sie schluckte einen dicken Kloß hinunter, der sie ersticken zu wollen schien.

Severus war entsetzt. „Das wusste ich nicht…"

„Sie wussten, was sie taten. Ich denke, sie konnten auch ein paar Menschen in Sicherheit bringen, bevor… Ich war als Kind immer so gern bei meiner Großtante, ich hab' ihren Garten geliebt… Sie hat immer gescherzt, dass ich irgendwann ihr Haus haben kann… Und dann hieß es plötzlich, sie sei tot… und ich hätte das Haus geerbt… mein Haus in Wales, weißt du?" Es dauerte ein bisschen, bis sie sich wieder gefasst hatte. „Jedenfalls weiß ich, dass es nicht unbedingt ungefährlich wird."

Severus' Blick war unergründlich. „Ich denke, ich kann deine Entscheidung nachvollziehen."

„Ja… Umso mehr muss ich meine Familie sehen… Hast du dir eigentlich überlegt, ob du mitkommst?"

„Ich glaube kaum, dass das eine gute Idee ist, besonders vor dem Hintergrund dessen, was du mir soeben erzählt hast."

„Unsinn. Sie werden dich mögen. Und von dem Rest müssen wir nichts erzählen, wenn es dir lieber ist."

„Du meinst das wirklich ernst, oder?"

„Natürlich, Sev! Ich hätte am liebsten schon letztes Jahr die Ferien mit dir verbracht und jetzt, wo sich alles ändert… Das erste Ordenstreffen ist erst am 20. Juli, also können wir eine oder zwei Wochen etwas anderes machen."

„Vorausgesetzt, Albus oder der Dunkle Lord brauchen mich nicht, ist das vielleicht eine Option…"

„Kannst du das herausfinden?"

„Ich denke, wenn ich dem Dunklen Lord rechtzeitig neue Informationen liefern kann, wird er mich für eine Weile in Ruhe lassen. Er wird vorerst viel im Geheimen agieren, seine Gefolgsleute wieder versammeln... Albus kann ich mit etwas Geflunkertem abspeisen."

„Wie machst du das? Wie weiß Du-weißt-schon-wer nicht, dass du ihn anlügst?"

„Okklumentik."

Beeindruckt hob Arian die Augenbrauen. „Gibt es etwas, das du nicht beherrschst? Mentalmagie ist faszinierend, aber superkompliziert!"

„Es ist nicht für jeden gleich leicht. Albus ist sehr gut, auch in Legilimentik, doch selbst er ist dem Dunklen Lord vermutlich in dieser Hinsicht unterlegen."

„Aber du nicht. Wow."

„Es ist notwendig."

„Naja, aber du bist auch genial. Du kannst ihn austricksen, das ist schon eine Nummer." Sie streckte sich zu ihm hoch und gab ihm einen Kuss auf die Nase, worauf hin sich erneut eine zarte Röte über seine Wangen legte.

„Ich werde Albus um Informationen für den Dunklen Lord bitten und ihm sagen, dass ich nach Schweden fahren möchte, um Zutaten zu sammeln. Solange er nicht irgendwelche Kaninhop-Wettbewerbe ansehen will, wird er das nicht nachprüfen."

„Kaninhop? Im Ernst? Warum bin ich nicht überrascht…", grinste Arian, als sie sich den Schulleiter auf einem Springturnier für Kaninchen vorstellte.

OoOoO

Severus hielt sein Wort und bis zum Festessen hatte er mit Albus eine Reihe an korrekten Neuigkeiten und falschen Fährten für den Dunklen Lord zusammengesammelt. Sobald auch die letzten Mitglieder des Personals in die wohlverdienten Ferien entschwunden waren, würde er diese weitergeben gehen und sich so hoffentlich ein wenig freie Zeit mit Arian erkaufen, die er dann vielleicht auch ohne Gewissensbisse genießen können würde. Noch immer plagten ihn die Gedanken, dass sie sich wegen ihm in Gefahr brachte. Hätte sie ihn doch bloß nicht gesehen, als er mehr tot als lebendig wieder in Hogwarts aufgetaucht war… und hätte Poppy bloß den Mund gehalten…

Die Große Halle war im Andenken an Cedric Diggory in Schwarz dekoriert anstatt wie sonst üblich in den Farben des Hauspokalgewinners. Der echte Moody saß am Lehrertisch und gab ein noch misstrauischeres Bild ab als Severus es gewohnt war. Madame Maxime unterhielt sich mit Hagrid; Karkaroffs Stuhl blieb leer. Ob er noch am Leben war? Etwas, das ihn der Dunkle Lord vielleicht wissen lassen würde, mindestens als abschreckendes Beispiel. Potter starrte zu Severus hoch und einen Augenblick lang wagte er sich in seine Gedanken, wie immer ein leichtes Unterfangen. Das Balg mache sich Gedanken darüber, welche Rolle Severus spielte und ob er vertrauenswürdig war. Kein Grund, darauf einzugehen.

Dumbledores Ansprache fiel aufgrund der Umstände wesentlich ernster aus, als Severus sie je erlebt hatte. Als alle in der Halle ihre Gläser auf Cedric Diggory erhoben, wurden viele Augen feucht. Arian neben ihm schien sich mit eisernem Willen in eine unbewegte Statue verwandelt zu haben, nur eine einzelne Träne in ihrem Augenwinkel verriet ihre wahren Emotionen. Mehr denn je merkte er, dass er sie immer noch unterschätzte – erst trat sie einfach so dem Orden des Phönix bei, dann stand sie hier, stur und resolut im Andenken an einen Schüler, der viel zu früh aus dem Leben gerissen worden war, und ließ sich fast nichts anmerken… Ihm wurde klar, dass es wohl mehr als eine Vergangenheit als Todesser brauchte, um sie von seiner Seite zu verjagen, und ein Teil von ihm war sogar relativ erleichtert darüber. Doch eventuell lag es auch gerade an dieser Konzentration, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen kaum zuckte, als Albus der gesamten Schule sagte, wie genau Diggory gestorben war: „Cedric Diggory wurde von Lord Voldemort ermordet."

Severus' Dunkles Mal ziepte unangenehm, doch er ignorierte es stoisch. Während der Schulleiter noch weiter erklärte, dass das Ministerium einer anderen Meinung war als er, sah Severus, dass am Slytherintisch nicht alle zuhörten – Todessersprosse allesamt, allen voran Malfoy. Dies änderte sich auch nicht, als Potters Rolle in der ganzen Sache angesprochen wurde. Viele der Slytherins blieben bei diesem Toast demonstrativ sitzen, was Severus maßlos ärgerte. Hatte denen denn keiner Manieren beigebracht? Oder Denken? Gerade in der jetzigen Situation wäre es für die meisten so viel besser, den Besen nicht sofort aktiv hinter die Torringe zu fliegen…

Danach betonte Dumbledore, dass er sehr auf eine gute Zukunft und Freundschaft mit den Gästen aus Durmstrang und Beauxbatons hoffte. Automatisch musste Severus an seinen wahrscheinlich bevorstehenden „Urlaub" mit Arian in Deutschland denken – wie die Stimmung dort wohl sein würde? Und welche Bündnisse gab es mit der dortigen Zaubererwelt? Er hatte Albus noch nie etwas dahingehend erwähnen hören…

Selbst die Zeugnisverleihung für die Siebtklässler war dieses Jahr nur eine stille, bedrückende Formalität direkt nach dem Festessen. Schüler wie Lehrer saßen hauptsächlich nur zusammen und philosophierten über das, was bevorstand. Und in der Nacht lag Arian in Severus' Armen und schluchzte lautlos in seine Brust. Er wusste nicht, was er tun sollte, also hielt er sie bloß so beruhigend er konnte. Sie hatte ein Recht zu trauern; es war nicht so, dass ihm der Tod des jungen Diggory nichts ausmachte oder er keine Angst vor der Zukunft hatte… er konnte es allerdings nicht ausdrücken, und gleichzeitig hatte er noch so viele andere wichtige Dinge im Kopf...

Ähnlich verhalten verliefen am nächsten Tag der Abschied sämtlicher eigener und Gastschüler sowie die letzte Lehrerversammlung. Dumbledore schwor sie alle zum wiederholten Male auf Zusammenhalt ein und warnte, dass sich ab dem kommenden Schuljahr das Ministerium in Hogwarts' Angelegenheiten einmischen könnte. Das konnte ja heiter werden.

Die sonst so legendäre Personalparty zum Jahresabschluss glich mehr einem kurzen, traurigen Besäufnis als irgendetwas anderem und Severus war froh, dem bald entfliehen zu können, auch wenn dies bedeutete, dem Dunklen Lord entgegenzutreten. Er nahm einen Ausnüchterungstrank zu sich und begab sich zu dem alten, heruntergekommenen Herrenhaus, in dem der Lord noch immer residierte. Severus hasste es, bei Wurmschwanz um eine Audienz zu bitten, doch er musste sich wohl erst wieder ausreichend Vertrauen erarbeiten, bevor er selbst entscheiden durfte, wann er vor seinen sogenannten Meister treten würde. Am besten wäre es, wenn das noch mit einem höheren Rang in der Todesserhierarchie einherginge…

Als er dem Dunklen Lord jedoch endlich gegenüberstand, lief es besser als erwartet. Nur eine Episode des Cruciatusfluchs – „Du wirkst übereifrig, Severus…" – und anscheinend stellten die gelieferten Informationen den Dunklen Lord zufrieden. So wie Severus es gehofft hatte, ordnete er ihm an, regelmäßig an bestimmten Tagen Bericht zu erstatten, sowie immer wenn sich etwas Wichtiges beim Orden ergab.

Zurück in Hogwarts berichtete er zuerst Albus, dann kehrte er in seine Räume zurück, wo Arian nervös und ängstlich auf ihn wartete. Ihre Augen wanderten rasch und gründlich über seinen gesamten Körper, wohl auf der Suche nach etwaigen Verletzungen, bevor sie sich in seine Arme warf.

„Severus… Geht es dir gut?"

„Ja…" Er schob sie vorsichtig von sich. Jede Bewegung schmerzte und er bekam einen Krampf im Bein, doch das war nichts im Vergleich zum letzten Mal. „Lass mich das ausziehen."

Er spürte ihren Blick voller Furcht auf der Todesserrobe, als er ins Schlafzimmer ging. Zum Glück sah sie ihn nicht mit der Kapuze mit den Sichtschlitzen tief ins Gesicht gezogen. Einen Moment lang saß er einfach nur auf dem Bett, sortierte seine Gedanken und sperrte weg, mit was er sich gerade nicht befassen konnte oder wollte. Arian wartete auf ihn und bei Merlin, er wünschte sich im Augenblick nichts mehr, als sie einfach bei sich zu haben und im Arm zu halten. In Ruhe, ungestört, nur sie zwei… für einen Moment den ganzen Wahnsinn ausblenden. Auf wackeligen Beinen ging er ins Bad hinüber und schluckte dort einige Tränke gegen die Nachwirkungen des Cruciatusfluchs, die er selbst entwickelt hatte. Der Mann, der ihn aus dem Spiegel heraus ansah, war schlecht rasiert, noch blasser und gefühlt noch hässlicher als sonst. Zum wiederholten Male frage er sich, was Arian eigentlich in ihm sah, wie sie ihn ertrug, wenn er sich nicht einmal selbst ertragen konnte.

„Willst' es mit ihr zu was schaffen, sollt'st du dir die Haar' mal waschen!", kommentierte der Spiegel höhnisch, von so viel ungewohnter Aufmerksamkeit angespornt.

„Halt die Fresse!", fauchte Severus, straffte die Schultern und ging zurück ins Wohnzimmer zu Arian. Die Energie, sich jetzt auch noch unter die Dusche zu stellen, hatte er einfach nicht.

Arian wiederum schien es gänzlich egal zu sein, ob Severus genauso abgewrackt aussah, wie er sich fühlte. Sie zog ihn sofort wieder in eine fest Umarmung, das Gesicht in seiner Robe verborgen.

„Bin ich froh, dass du wieder gekommen bist…"

„Arian… Du kannst dir nicht jedes Mal so viele Gedanken machen, wenn ich weg bin. Sonst kann ich dir nicht mehr sagen, wenn ich gehe."

„Willst du mich jetzt erpressen, nur weil ich mir Sorgen um dich mach'?"

„Nein, aber… Du musst dich zusammenreißen!"

„Ooh, danke! Als würde ich das nicht schon die ganze Zeit, wenn andere dabei sind… Ist es nicht genug, dass ich so tue, als wärst du maximal ein befreundeter Kollege und als würde es mich nicht interessieren, wenn sie gemein zu dir sind, und als ob ich keine Ahnung hätte, was hinter den Kulissen mit dir passiert?!"

„Nichts passiert mit mir, Arian. Das ist alles nicht wichtig. Das muss dir klar sein, sonst geht das nicht, dass… dass du hier bist."

Arian sah aus, als wollte sie ihm erneut widersprechen, dann ließ sie das Thema fallen. „Und, hat es geklappt? Lässt er dich für eine Weile in Ruhe?"

„Ja, ein bisschen."

„Hat er dir wehgetan?"

„Mir geht es gut!"

„Also hat er! Was hat er gemacht? Und sag nicht ‚Nichts'!"

„Nur einmal kurz den Cruciatus", gab Severus schließlich nach, wobei er sie nicht ansah.

„Oh, Sev… Du solltest zu…"

„Nein! Ich habe mich bereits selbst darum gekümmert. Poppy soll sich da raushalten." Sein Tonfall verriet deutlich, dass er immer noch wütend auf die Schulkrankenschwester war.

„Wenn du meinst… Dann mach dir mal Gedanken, was du mit nach Deutschland nimmst. Solltest auch ein Outfit für Livemusik im Pub dabeihaben."

„Livemusik im Pub?"

„Hast du gedacht, du kannst entkommen, wenn ich mit der Band meines Bruders auftret'? Ich sing' fast immer mit, wenn ich drüben bin." Sie lächelte schief.

„Du… Ich wusste nicht, dass du… dass du als Sängerin auftrittst."

„Ja, bisher haben wir da auch noch nicht drüber gesprochen… Aber du wirst es ja dann sehen. Beziehungsweise hören. Wann wollen wir los? Dann schick' ich meinen Eltern eine Eule, um Bescheid zu geben, dass du mitkommst und wann wir kommen."

„Ich brauche nicht lange zum Packen, also wann immer du magst."

„Umso besser, dann ruf' ich sie an, dann können wir schon morgen gehen. Ich muss hier raus." Und mit diesen Worten und einem kleinen Kuss verschwand sie aus Severus' Räumen und ließ ihn mit dem unerklärlichen Gedanken ‚Deine Eltern haben ein Telefon?' zurück.