XVII.


Tobio hatte sich die Frage Was willst du eigentlich einmal mit deinem Leben anstellen? niemals wirklich gestellt, weil er sich immer darüber im Klaren gewesen war, dass Volleyball seine Zukunft sein würde. Seit er zum ersten Mal einen Ball in den Händen gehalten hatte, hatte er das gewusst, und nichts, was jemals in seinen Leben passiert war, kein noch so schlimmer Rückschlag, hatte ihn jemals von dieser Überzeugung abgebracht.

Bis ihm seine Zukunft auf einmal unwiederbringlich entglitt. Und dann sah es einige Zeit lang so aus als ob es gar keine Zukunft mehr für ihn gäbe. Er beschloss früh, dass er sich zunächst einmal darauf konzentrieren wollte wieder einigermaßen gesund zu werden, bevor er sich über irgendetwas anderes Gedanken machen konnte. Natürlich auch, weil es ihm deprimierte sich eine Zukunft ohne Volleyball vorzustellen, und weil ihm der Gedanke an Veränderungen Angst machte, aber auch aus praktischen Gründen: Er musste sich bewegen können um irgendetwas arbeiten zu können.

Für Kuroo oder Kozume zu arbeiten diente eher dem Zweck ihn zu beschäftigen und auf andere Gedanken zu bringen anstatt dem seine zukünftige Karriere zu gestalten. Und dann war da die ganze Arbeit, die er in der Psychotherapie leisten musste um wieder zu lernen mit sich selbst klar zu kommen, und die ganze Beziehungsarbeit, die er leisten musste, um seine Ehe mit Shouyou wieder in Ordnung zu bringen, zu der auch gehörte sich damit anzufreunden, dass Volleyball zwar Teil seines Lebens war, er aber nicht mehr wirklich Teil von Volleyball.

Er musste vor allem auch lernen sich an sein neues Leben zu gewöhnen.

Und dann begann die neue Volleyball-Saison, und er unterstützte Shouyou so gut er konnte, während er zugleich alles für den geplanten Umzug vorzubereiten, was wieder alles änderte.

Er fand neue Tätigkeiten. Tätigkeiten, die ihm auch Geld einbrachten, denn er musste ja an die Zukunft denken, oder besser gesagt konnte er jetzt wieder an die Zukunft denken. Aber er wusste nicht wirklich was er nun, da sich alles geändert hatte, eigentlich mit seinem Leben anstellen sollte.

Er mochte Kozume Kenma, aber wollte den Rest seines Lebens nicht als Assistent des großen Kodzuken verbringen, das war einfach nicht sein Stil. Aber was sollte er sonst tun?

Er hatte zugestimmt für die Assoziation zu arbeiten, weil Volleyball dadurch immer noch Teil seines Lebens bleiben konnte, aber er machte sich nichts vor: Das war nicht wirklich die Art von Arbeit, für die er geschaffen war. Er war noch nie für sein Organisationstalent bekannt gewesen, und administrative Tätigkeiten waren ihm von Natur aus zu wider. Er konnte die Sicht eines ehemaligen Profi-Spielers zu heiklen Fragen beisteuern, das ja, aber das war nicht genug um den Rest seines Daseins auszufüllen.

Und was blieb ihm sonst noch? Hinata Shouyous hingebungsvoller Ehemann zu sein? Ein Ehemann, von dem der Großteil der Welt nicht einmal etwas wusste? Und selbst wenn es anders wäre: Kageyama Tobio war noch nie jemand gewesen, der sich mit einer passiven Rolle zufrieden gegeben hatte. Er wollte mehr sein als das.

Kurz gesagt: Tobio wusste mit wem er den Rest seines Lebens verbringen wollte, er wusste aber nicht wie er den Rest seines Lebens verbringen wollte.

Und Oikawa hatte recht gehabt: Es gab Möglichkeiten - sehr viele sogar. Doch woher sollte er wissen welche von denen die richtige für ihn persönlich war?

Für alle anderen war es leichter, nahm er an. Sie hatten nie vorgehabt Profi-Spieler zu werden. Kuroo und Kozume schienen Erfüllung in dem gefunden zu haben, was sie taten. Sie waren seine Freunde, immer bereit ihm Jobs oder Aufträge anzubieten, und das wusste er zu schätzen, aber sie verstanden sein Problem nicht so richtig. Weil sie eben einfach nie an seiner Stelle gewesen waren.

Mehr unter Leute zu gehen half auch nichts. Nicht wirklich. Natürlich könnte er eine Karriere als Quereinsteiger in Betracht ziehen, aber … für welchen Beruf wäre er schon geeignet?

Bokutos neues Team, die Soaring Sunbirds, hatte in diese Saison mehr Erfolg eingefahren als die Adlers, und bei ihrem Match in Tokyo unterhielt sich Tobio mit Bokutos besserer Hälfe, Akaashi Keiji, über dessen Beruf, in der Hoffnung Inspiration zu finden.

„Na ja, und dann ist mir klar geworden, dass ich vielleicht im echten Leben andere Menschen nicht kontrollieren kann, in der Fiktion aber schon. Obwohl 85% meines Jobs darin besteht meine Autoren unter Kontrolle zu halten und dazu zu bringen ihre neuen Kapitel fertig zu stellen und rechtzeitig abzugeben. Und ja, von außen mag es sich so anhören, als ob Redakteur der perfekte Job für jemanden mit Kontrollzwang ist, aber in Wahrheit kontrolliere ich gar nichts, ich betreibe nur Schadenskontrolle", erklärte ihm Akaashi, „Der da am Feld ist leichter unter Kontrolle zu halten als meine Mangakas." Er schüttelte bedauernd den Kopf. „Wenn die Leute wüssten was hinter den Kulissen vor sich geht, dann würden sie ihre Lieblingsmangas mit ganz anderen Augen sehen", fügte er hinzu.

Alles in allem hörte sich das nicht unbedingt verführerisch an. Tobio wollte das schon anmerken, doch er wurde von einem Punkt für die Sunbirds unterbrochen, den Bokuto erzielte, woraufhin Akaashi pflichtschuldig aufspringen und applaudieren musste. Tobio selbst spendete pflichtschuldig ebenfalls ein wenig Beifall.

„Verlagsarbeit ist hart", meinte Akaashi, als er sich wieder setzte, dann, „Und oft mehr ein Kampf als eine Freude, aber ich bin auf jedes meiner Endprodukte stolz. Ich schätze, es ist ein wenig so wie zu wissen, dass man dazu beigetragen hat ein Match zu gewinnen - es ist eine andere Art Erfolg, aber doch ein Erfolg."

Erfolgserlebnisse konnte man wohl auf vielfältige Art erzielen, nahm Tobio an. Aber trotzdem konnte er sich nicht vorstellen im Verlagswesen zu arbeiten. Nicht wenn … Er beobachtet wie Bokuto einen weiteren Ball übers Netz schmetterte und einen weiteren Punkt erzielte. Wie sollte sich jemals irgendetwas mit dem Gefühl einen Punkt zu erzielen vergleichen lassen? Als Zuspieler hatte er das Spielfeld kontrolliert, wie könnte es ihm je reichen stattdessen nur dafür zu sorgen, dass andere Leute ihre Abgabetermine einhielten?

Akaashi musterte ihn von der Seite. „Ich weiß, wir kennen uns nicht besonders gut, also vielleicht steht es mir nicht zu das zu sagen, Kageyama, aber so wie ich dich einschätze, glaube ich nicht, dass du jemals wirkliche Erfüllung in irgendetwas finden wirst, was abseits von diesem Setting hier geschieht", meinte er dann und nickte in Richtung Spielfeld, „Also finde ich, dass du das alles hier nicht einfach aufgeben solltest, selbst wenn es nie wieder so sein kann wie zuvor. Die selbe Freude kann es dir immer noch bringen, nur erreichst du sie vielleicht auf eine andere Art als zuvor."

Tobio, der eigentlich immer der Meinung gewesen war, dass Akaashi Keiji der beste Zuspieler gewesen war, den er jemals kennengelernt hatte, weil er Menschen auf eine Art und Weise verstand, die ihm manchmal ein wenig unheimlich war, nahm an, dass der Mann damit vermutlich recht hatte. Aber er wusste nicht, ob diese andere Weise nicht etwas sein würde, das ihm jede Freude am Endergebnis unweigerlich rauben würde.

Also schob er die Frage nach seiner Zukunft wieder einmal auf und konzentrierte sich stattdessen auf die Gegenwart.


Oikawas und Iwaizumis Hochzeit hatte in Argentinien stattgefunden, aber aus Trotz heraus hatte Oikawa beschlossen einfach in Japan noch einmal zu feiern. Heiraten konnten sie hier nicht, aber feiern konnten sie hier sehr wohl trotzdem. Und sie konnten alle, die es nicht zu ihrer Hochzeit geschafft hatten, wie zum Beispiel Tobio, einladen, mit ihnen zu feiern.

Tobio war sich zuerst nicht sicher gewesen, ob er die Feier besuchen sollte oder nicht. Es war eine Sache zu Volleyball-Matches zu fahren um Shouyou zu unterstützen, und es war sogar eine andere zu Volleyball-Matches zu fahren, in denen Shouyou nicht mitspielte, denn immerhin gehörte Tobio zur Volleyball-Assoziation, und er wollte zeigen, dass ihm der Sport immer noch am Herzen lag, aber Freizeitaktivitäten waren eine andere Sache.

Mit dem Rollstuhl stach er einfach aus der Menge heraus, und Smalltalk fiel ihm seit dem Unfall noch schwerer als das früher der Fall gewesen war. Und Tobio war noch nie ein Freund von Partys gewesen. Wenn er in den guten alten Zeiten mit den Adlers auf solche soziale Zusammenkünfte gegangen war, dann hatte das meistens damit geendet, dass er zusammen mit Ushijima in der Ecke herumgestanden war, während seine Teamkameraden gelacht, getanzt, getrunken, und geflirtet hatten. Und schon in seiner Schulzeit war er eher ein Partykiller anstatt ein Partygeher gewesen. Spaß hatten ihm soziale Zusammenkünfte nur dann gemacht, wenn er über Volleyball sprechen konnte oder angetrunken mit Shouyou herumknutschte.

Aber er wusste, dass Shouyou darauf verzichtet hatte nach Argentinien zur Hochzeit zu fliegen, obwohl er gerne dabei gewesen wäre. Und er verdankte Oikawa eine Menge. Und er war sowohl von Oikawa als auch von Iwaizumi betont engagiert eingeladen worden.

Obwohl er also lieber abgesagt hätte, war er der Meinung, dass er es allen dreien schuldete hinzugehen. Was natürlich, wie Dr. Nakamura betonte, kein Grund dafür sein sollte wirklich hinzugehen. „Wenn Sie diese soziale Aktion überfordert, dann sollten Sie nicht hingehen, Tobio", hatte sie ihm erklärt, „Sie sollten sich zu nichts zwingen, was Ihnen widerstrebt, nur weil Sie denken es wäre unhöflich abzusagen."

Doch letztlich ging es um mehr als darum höflich zu sein. Irgendwann musste er wieder damit beginnen normal zu leben, das wusste er. Und auf der Gästeliste für diese Hochzeitsfeier ohne Hochzeit standen seine drei Mitbewohner so wie viele andere Menschen, die er früher zu seinen Teamkameraden und Freunden gezählt hatte.

Und sie alle wären beruhigt ihn dort zu sehen, würden annehmen, dass er wieder mit dem Leben klar kam, dass es ihm gut genug ging um so einer Feier beizuwohnen. Und wenn er diese Feier überstehen könnte, dann wäre er das wohl auch tatsächlich wahr.

Also sagte er zu. Natürlich bereute er es gleich darauf wieder, und Shouyou bot ihm an einfach nicht dort aufzutauchen, falls ihm das lieber wäre, doch Tobio riss sich am Riemen und erklärte, dass er sehr wohl hinwollte.

Und so kam es, dass sie die Feier besuchten.

Tobio hatte sich einigermaßen schick gemacht, zum ersten Mal seit seinem Unfall hatte er sich wieder in einen Anzug gezwungen. Und obwohl Shouyou, Kuroo und Kozume ähnlich gekleidet waren, fühlte er sich ein wenig overdressed. Bei Oikawa konnte man nie wissen, aber es war auch Iwaizumis Sozusagen Zweite Hochzeitsfeier, also würden die Gäste hoffentlich nicht alle halb nackt herumrennen.

Tobio konnte nicht anders als nervös zu werden, als sie den Ort des Geschehens erreichten. Oikawa hatte ein Lokal in Tokyo gemietet und groß auftischen lassen. Massen an Leuten schienen sich in dem Lokal aneinander gedrängt um Oikawa und Iwaizumi herum gescharrt zu haben, die eine Art Rede zu halten schienen.

Tobio wäre am liebsten sofort wieder zur Türe herausgerollt. „Wir können auch wieder gehen", flüsterte ihm Shouyou ins Ohr, der seinen Zustand wohl bemerkt hatte, „Wenn es dir zu viel wird, dann…"

„Hinata! … Kageyama!"

Tobio sah wie Kindaichi und Kunimi auf sie zukamen. Seine ehemaligen Mittelschulkollegen gehörten zu der Gruppe Leute, deren Versuche mit ihm in Kontakt zu treten, er seit seinem Unfall regelmäßig ignoriert hatte. Und sofort überfiel ihm das schlechte Gewissen deswegen, aber zugleich erinnerte er sich auch daran warum er das getan hatte: Er wusste nicht wie er jetzt mit ihnen umgehen sollte.

Seine Versuche seine Freundschaft zu ihnen wieder aufzubauen hatten in den Jahren vor dem Unfall vor allem daraus bestanden Shouyou zu Volleyballspielen gegen die beiden zwangszuverpflichten. Und schlimmer noch, wie sollte er diesen beiden, deren Freundschaft er verloren hatte, weil er zu besessen von Volleyball gewesen war, jetzt wo er kein Profi-Spieler mehr sein konnte, gegenüber treten?

„Kunimi! Kindaichi!", begrüßte Shouyou an seiner Stelle die beiden, „Lange nicht gesehen."

Jetzt, wo sie entdeckt worden waren, konnten sie nicht mehr einfach so gehen.

„Wir haben gehört, dass ihr kommt, aber wir wollten nicht daran glauben", meinte Kindaichi.

„Oikawa und Iwaizumi sind endlich verheiratet. Wer hätte gedacht, dass wir das noch jemals erleben?", meinte Kunimi, „Dass Oikawa jemals etwas anderem als Volleyball Priorität einräumt…"

Tobio hoffe, dass er nicht errötete, aber diese Worte lösten bei ihm definitiv etwas aus.

Scheu blickte er zu den beiden Männern auf, die vor ihm standen. Es war seltsam. Die Mittelschule schien ihm so lange her zu sein und zugleich so fühlte er sich so als wäre er immer noch dort.

Er wusste, dass er etwas sagen musste, irgendetwas. Denn wenn er es nicht tat, dann würde alles wieder von vorne losgehen, all die Brücken, die er seit der Oberschule mit Hilfe von Shouyou so mühselig wieder versucht hatte neu zu errichten, würden wieder eingerissen werden, und dieses Mal für immer.

Aber die Worte wollten nicht kommen. Sag einfach was du damals hättest sagen sollen, wies er sich selbst zurecht.

„Ich … ehm … es tut mir leid, dass ich…", setzte er an.

Kindaichi hob die Hand und unterbrach ihn. „Hey, mach dir keinen Stress, ja? Du hattest alle Hände voll zu tun. Das ist schon klar. Natürlich wolltest du nicht deinen Zustand vor jedem, den du kennst, breitreten", meinte er, „Wir verstehen das."

„Es war nur, dass wir dich wissen lassen wollten, dass wir für dich da sind, wenn du etwas brauchst. Aber offenbar wolltest du auch das nicht hören", fügte Kunimi hinzu.

Kindaichi warf ihm einen finsteren Blick zu. „Aber auch das verstehen wir", schob er schnell hinterher, „Wir sind erwachsen und respektieren deine Entscheidungen."

Kunimi warf ihm einen kurzen Blick zu, meinte dann aber: „Ja, das tun wir."

Tobio atmete tief durch und spürte dann Shouyous Hand auf seiner Schulter ruhen, und der feste Griff seines Mannes sagte ihm, dass dieser hinter ihm stand. „Mein ganzes Leben war aus den Fugen geraten", erklärte er, „Und ich bin damit nicht klar gekommen. Ich habe mich geschämt. Volleyball war der Grund warum wir uns zerstritten haben, und dann war es weg, und ich … wollte nicht, dass ihr enttäuscht seid. Darüber, dass ich versagt habe, und dass ich das, was ich zu wichtig genommen habe, nicht einmal erfolgreich ausüben konnte. Das ist keine Entschuldigung, aber es ist das, was ich empfunden habe."

Kindaichi und Kunimi starrten ihn an. „Vielleicht sind wir erwachsen geworden, aber du bist immer noch genau so dämlich wie in unserer Schulzeit, König des Spielfelds", stellte Kunimi dann fest, und Kindaichi rammte ihm einen Ellenbogen in die Rippen. „Sorry", fügte er dann hinzu.

„Ich arbeite an mir", erwiderte Tobio ruhig, „Und versuche mich zu bessern. Ich gehe jetzt zur Therapie. Und ich mache Fortschritte, denke ich. Aber vermutlich hast du recht."

Kindaichi schüttelte den Kopf. „Du schuldest uns keine Erklärung", meinte er, „Wir sind einfach froh dich hier zu sehen."

„Das ist wahr", meinte Kunimi, „Und der alte Kageyama hätte sich nie entschuldigt oder so was eingestanden. Also machst du wohl wirklich Fortschritte."

Tobio blinzelte, unsicher was das nun zu bedeuten hatte. War ihm vergeben worden?

Doch er kam nicht dazu nachzufragen, da das der Moment war, indem sie von Oikawa entdeckt wurden. „Shouyou! Tobio!" Oikawa drängte Kindaichi und Kunimi rüde zur Seite und umarmte Shouyou kurz zur Begrüßung. „Ich freue mich, dass ihr gekommen seid! Eigentlich sollte Mattsun alle Gäste begrüßen, aber er nimmt seine Trauzeugenpflichten offenbar nicht sonderlich ernst!", verkündete er, und klopfte Tobio dabei freundschaftlich auf die Schulter. „Kommt mit, komm mit", flötete er und schaffte Platz für Tobios Rollstuhl indem er die anderen Gäste aus dem Weg winkte. Und es machten auch alle respektvoll Platz für sie.

Tobio war ein wenig peinlich berührt, aber Oikawa schien ihm und Shouyou eine Art Ehrenplatz zugedacht zu haben, zu dem er sie jetzt eskortierte. Sie erhielten einen kleinen Tisch gleich direkt neben dem des Brautpaars, der offenbar schon für sie vorbereitet worden war. Tobio fiel der direkte Weg zum Buffet in Rollstuhlbreite auf, der vom dem Tisch wegführte, und er bemerkte auch, dass im Gegensatz zu den anderen Tischen kein Alkohol auf ihrem Tisch stand. Die anderen Sitze an dem Tisch waren laut Platzkarten für Kuroo und Kozume gedacht, und es waren offenbar extra weniger Gäste an diesen Tisch gesetzt worden als an die anderen.

Tobio fühlte sich seltsam schuldig angesichts all dieser besonderen Aufmerksamkeit, die man ihm entgegen gebracht hatte, als diese Feier geplant worden war, noch mehr, wenn er bedachte, dass er beinahe nicht gekommen wäre.

„So, hier wären wir", verkündete Oikawa, „ … Moment, ist das Yahabas Schwester dort drüben, an die sich Takeru da gerade heranmacht? Dass muss ich unterbinden! Entschuldigt mich einen Moment." Und schon war er wieder weg, und eilte hinüber zu seinem Neffen und einer jungen Frau, die sich ein wenig zu gut verstehen schienen.

Tobio starrte ihm ein wenig überfordert hinterher und wechselte dann einen Blick mit Shouyou. Der zuckte nur die Schultern.

Und dann schlüpfte Iwaizumi auf den freien Sitzplatz neben Tobio. „Kageyama, Hinata, hi", meinte er und lächelte ihnen zu, „Ihr müsst Tooru entschuldigen. Das ist alles sehr aufregend für ihn." Sein Blick suchte Oikawas Gestalt und ruhte einen Moment lang auf dieser und wurde dabei ein wenig weicher. „Er plant das hier seit Monaten."

Das führte dazu, dass Tobio sich noch schuldiger fühlte.

Iwaizumi klopfte ihn kurz freundschaftlich auf die Schulter. „Du kennst ihn ja, er denkt immer, dass alles perfekt sein muss", fuhr er fort, „Ihr hättet ihn erleben sollen, als der Hochzeitsplaner versucht hat Stehtische vorzuschlagen…." Er schüttelte den Kopf.

Tobio wusste sehr genau warum Oikawa keine Stehtische auf dieser Feier gewollt hatte. „Ihr hättet nicht … ihr hättet das hier nicht auf mich anpassen sollen", brachte er dann etwas mühselig hervor.

Iwaizumi warf ihm einen sanften Blick zu. „Oh, das haben wir nicht. Wir haben vegane Speisen, vegetarische, laktosefreie Varianten von Gerichten, ein paar argentinische Spezialitäten für Toorus Freunde aus Argentinien, die heute hergeflogen sind", erwiderte er, „Und bei der Sitzordnung hat er genau darauf geachtet, dass alle, die sich hassen, weit genug auseinandersitzen damit es keinen Mord und Todschlag gibt. Es war gar nicht so einfach einen Tisch zu finden, an dem wir Atsumu setzen konnten. Bokuto und Akaashi müssen sich damit abfinden, dass niemand anderer an ihrem Tisch sitzt."

Tobio schwieg einen Moment lang. Dann meinte er: „Aber es ist nicht das Selbe."

„Klar ist es das", meinte Iwaizumi nur, „Und du bist nicht der einzige Grund für keine Stehtische. Meine alte Großmutter sitzt dort drüben, und die kann schon seit Jahren nicht mehr ohne Hilfe stehen." Er deutete zu einer uralt aussehenden Frau, die an dem anderen Tisch neben dem des Brautpaares saß und zu Iwaizumi hinüberwinkte. Dieser winkte freundlich zurück.

„Im Grunde will ich damit sagen: Wir wollten dich beide heute hier haben, und damit du auch hier sein kannst, halten wir dir den Rücken frei. Denn das tun Freunde nun mal", schloss Iwaizumi, „Sie halten einander den Rücken frei. … Und halten ihre Freunde davon ab, ihre neuangeheiraten Verwandten zu ermorden. Entschuldigt mich, einen Moment." Dann joggte er los in Richtung Yahaba und Takeru, da Ersterer offenbar gerade davon erfahren hatte, dass Letzterer seine Schwester näher kennenlernen wollte, und nun dabei zu sein schien den jüngeren Mann ermorden zu wollen, was Oikawa wenig erfolgreich zu verhindern versuchte wie es schien.

Shouyou nahm Tobios Hand in seine und drückte sie. „Er hat recht", meinte er, „Hör auf dir Gedanken zu machen und versuch die Feier zu genießen. Du stehst hier nicht im Mittelpunkt, das tun Tooru und Iwaizumi. Und zum Anstarren gibt es genug anderes."

Tobio sah sich um und stellte fest, dass das stimmte. Die Allgemeinheit schien ihr Interesse an ihm verloren zu haben. Er sah Kuroo und Kozume, die sich mit Bokuto und Akaashi in einer Ecke stehend unterhielten, er erblickte Kindaichi und Kunimi, die gerade dabei waren sich mit Kyotani zu unterhalten und gemeinsam mit ihm an einem Tisch Platz nahmen, und er sah wie Oikawas Schwester, die scheinbar nichts von dem Drama rund um ihren Sohn mitbekommen hatte, am Tisch des Brautpaares mit Iwaizumis Eltern sprach. Der Rest der Anwesenden schien vor allem in Richtung des Yahaba-Takeru-Dramas zu starren und nicht besonders auf ihn zu achten.

„Wenn es dir zu viel wird, dann können wir gehen", fuhr Shouyou fort, „Aber wollen wir es vorher nicht erst einmal versuchen?"

Tobio sah sich noch einmal um. Niemand schien besonders auf ihn zu achten. Also nickte er. „Einverstanden", meinte er, „Versuchen wir es."

„Sieh mal, da kommen Ushijima und Atsumu um Hallo zu sagen", merkte Shouyou an und lenkte seine Aufmerksamkeit auf die beiden Volleyballer, die auf ihren Tisch zusteuerten.

„'lo, Leute", meinte Miya Atsumu unbeeindruckt zu ihnen, „Ihr habt Glück mit eurem Tisch, ich wurde ins letzte Eck verbannt. Es kommt mir fast so vor, als ob ich nur eingeladen wurde, weil ich sonst der einzige Spieler des Nationalteams wäre, den sie nicht eingeladen hätten. Ist doch nicht meine Schuld, dass Oikawa mich nicht leiden kann, nur weil ich ein besserer Spieler bin als er!"

Ushijima streckte Tobio inzwischen seine Hand entgegen. „Es freut mich dich hier zu sehen", meinte er, „Sie haben also geheiratet. Und Oikawa hört auf zu spielen. Unfassbar. Wer hätte gedacht, dass sich Oikawa Tooru einmal mit einem Zivilisten-Leben zufrieden gibt?"

Tobio nickte. „Manchmal ändern sich die Dinge eben", erwiderte er darauf, und sein Blick suchte das glückliche Paar. Offenbar hatte sich die Situation inzwischen aufgelöst. Yahaba eskortierte seine Schwester in Richtung eines freien Tisches, während Oikawa und Iwaizumi Takeru zurück in Richtung Familientisch scheuchten. „Aber nicht jede Änderung muss etwas Schlechtes sein", erklärte er dann.

Er konnte Verständnis und mehr Zuneigung als er erwartet hätte in Ushijimas Augen erkennen, als dieser meinte: „Ja, manchmal kann auch Gutes aus Veränderungen erwachsen."

Und vielleicht war es an der Zeit, dass Tobio aufhörte sich darauf zu konzentrieren, dass sich alles änderte, und diese Änderungen stattdessen einfach lebte und zusah wohin sie ihn führten. Und vielleicht würden sie ihn dann ganz von selbst zu etwas Positiven führen, mit dem er sich den Rest seines Lebens beschäftigen konnte.


A/N: Die Soaring Songbirds basieren ähnlich wie die Adlers und die Jackals auf einem tatsächlich existieren japanischen Team der ersten Liga, haben aber einen anderen Namen, weil es die fiktive Version des Haikyu-Universums ist.

Brautpaar ist laut Definition eigentlich geschlechtsneutral, weil es einfach nur zwei Menschen meint, die an diesem Tag heiraten, also habe ich das Wort einfach genommen, weil ich wollte.

Yahaba hat eigentlich nur Brüder im Canon bzw. wir wissen nur von Brüdern, aber ich hatte mir eingebildet, dass das ein Bruder und eine Schwester waren und wollte dann die Person deren Schwester es ist nicht mehr ändern. Also hat er ab jetzt entweder drei Geschwister und hatte immer schon eine Trans-Frau zur Schwester.

Das nächste Kapitel wird das Ende dieser Fic darstellen.

Reviews?