Dunkelheit
Er spielte mit der Münze und starrte abwesend an die Steinwand auf der anderen Seite des Zimmers, während er die Gallone zwischen seinen Fingern hin- und herwandern ließ und das kalte Gefühl genoss, dass sie auf seiner Haut hinterließ. Sein anderer Arm lag auf der Lehne des flaschengrünen Sofas, ein Bein über das andere geschlagen. Wenn es eine andere Zeit gewesen wäre, hätte er wie ein König ausgesehen, der auf seinem Tron sitzt; die Haare auf seinem Kopf, die Farbe des sterilen Sonnenlichts, war aussagekräftiger, wie jede Krone mit eine Vielzahl an Juwelen.
Draco runzelte die Stirn.
„Du bläst immer Trübsal.", sagte eine Stimme über ihm. Draco warf die Münze hoch in die Luft, die Augen folgten ihr, und Blaise Zabini fing sie auf.
Er war ein großer, schlanker Junge mit dunkler Haut und dunklen Augen und Lippen, die lächelten, als wüsste er ständig etwas, was man selbst nicht wusste, und er hielt diese Information auf unbestimmte Zeit zurück. Trotzdem hatte er etwas Warmes an sich, wenn er einen ansah, schwarze Augen, die funkelten, und Draco war dankbarer, als er es sich anmerken ließ, dass es Blaise und nicht Crabbe und Goyle waren, die ihm heute Gesellschaft leisteten.
„Ich blase kein Trübsal.", protestierte Draco.
Blaise verzog spöttisch seinen Mund, warf ihm seine Galeone zu und schob seinen Arm zur Seite, damit er sich setzen konnte. Draco ließ ihn widerwillig gewähren. Er bemerkte, wie eine kleine Gruppe von Drittklässlern an ihnen vorbeiging, die Blicke auf ihre Zehen gerichtet, den beiden dann aber einen kurzen Blick zuwarfen, als ein Moment törichter Angeberei durch ihre kleinen Körper schwappte, und dann ebenso schnell wieder wegschauten. Draco drehte sich zu Blaise um. Der andere Slytherin war der einzige Mensch in Hogwarts, der einzige Mensch auf der ganzen Welt, seine Mutter nicht mitgerechnet, der ihm in die Augen sehen konnte. Alle anderen zogen es vor, so zu tun, als gäbe es ihn nicht, als wäre er mit den anderen Schülern gestorben oder mit den anderen Todessern eingesperrt worden.
Es schien, als wollten alle etwas und gleichzeitig auch nichts von ihm. Sein Vater hatte gewollt, dass er das Mal annahm, um in seine Fußstapfen zu treten und die Zauberwelt von den minderwertigen Rassen zu säubern. Seine Mutter wollte, dass er in Sicherheit war. Seine Tante wollte, dass er tötet. Seine Freunde wollten, dass er stark ist und seine Feinde, dass er schwach ist. Seine Lehrer wollten, dass er seine Socken hochzieht und wieder auf den richtigen Weg kommt.
Blaise wollte nur, dass er aufhörte, Trübsal zu blasen.
„Doch das tust du", sagte er sanft, „und das hast du auch vorher getan."
Draco warf ihm einen Blick zu, den Blaise offensichtlich bemerkte, aber ignorierte.
„Wenn ich wollte, dass man mich beschimpft und beleidigt, wäre ich mit meinem Vater nach Askaban gegangen.", sagte er, und er hörte, wie seine Stimme sank und sich die Scham einschlich, aber er ignorierte es.
Blaise ignorierte es ebenfalls.
„Dafür ist noch Zeit, keine Sorge.", erwiderte er und streckte seine Arme über die Lehne des Sofas. Er hatte die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, und Dracos Blick verweilte auf der entblößten, sauberen Haut dort, während er spürte, wie sein eigener Unterarm brannte. „Vielleicht bekommst du das Beste aus beiden Welten."
Draco holte tief Luft, schloss für einen Moment die Augen und drückte die kalte Münze so, dass sich die scharfen Kanten in seine Handfläche gruben. Wenn das jemand anderes zu ihm gesagt hätte, hätte er ihn so sehr verflucht, dass er direkt in die Zelle neben der seines Vaters geschleudert worden wäre. Glücklicherweise war es Blaise, und unglücklicherweise steckte ein Funken Wahrheit in seinen Worten.
„Wie läuft das eigentlich alles?", fragte Blaise mit leiserer Stimme. Sein Kiefer war angespannt und Draco konnte die Sorge sehen, die sich in dem Stirnrunzeln zwischen den Augenbrauen seines Freundes verbarg. „Hat es irgendwelche neuen Entwicklungen gegeben?"
„Nein."
Draco bewegte sich unbewusst, stellte beide Füße flach auf den Boden und schleifte seinen Knöchel gegen das Stuhlbein. Fast beiläufig fügte er hinzu: „Ich habe den Termin für meine Verhandlung."
Blaise richtete sich sofort auf. Er starrte ihn an, als sei ihm ein zweiter Kopf gewachsen, und Draco nahm alle Kraft seines Körpers zusammen, um seinem Blick standzuhalten.
„Das ist verdammt nochmal eine ziemlich entscheidende Entwicklung, Draco.", zischte sein Freund. „Warum hast du mir das nicht gesagt?"
„Oh, bitte, Blaise.", Draco verdrehte die Augen. „Du bist nicht meine Mutter."
„Ich könnte es genauso gut sein!", wetterte Blaise und rückte mit großen, eindringlichen Augen näher. Er schien jedoch zu merken, dass er eine Szene machte, als ein paar andere Schüler zu ihm herüberschauten, und leckte sich über die Lippen, rollte die Schultern zurück und senkte seine Stimme zu einem vorsichtigen Murmeln. „Du machst dich kaputt, Draco. Du isst nicht, kommst im Unterricht kaum mit und glaube ja nicht, dass ich nicht bemerkt habe, dass du dich jede Nacht nach weiß Gott wohin schleichst!"
Ja, dachte Draco. Merlin genauso, wie eine gewisse besserwisserische Gryffindor Schülerin.
Gestern Abend war... überraschend gewesen, als Hermine Granger, in eine kränkliche purpurne Decke gehüllt, aus dem Schatten aufgetaucht war und sich neben ihn gesetzt hatte. Noch überraschender war es gewesen, als sie ein höfliches Gespräch mit ihm begonnen hatte, als wären sie alte Freunde. Er kratzte sich im Nacken, schloss die Augen und lehnte den Kopf zurück.
Da war etwas in ihren großen, unschuldigen Augen gewesen, als sie ihn gefragt hatte, ob es ihm gut ginge, etwas, von dem er nicht gedacht hatte, dass er es jemals wieder sehen würde. Er glaubte nicht wirklich, dass er die Besorgnis, die sie ihm entgegengebracht hatte, verdient hatte, und auch nicht das langsame Rinnsal der Ehrlichkeit, das von ihren Lippen getropft war.
„Draco? Hörst du mir überhaupt zu, verdammt?"
„Nein.", erwiderte er, stand auf und stürmte davon, die Treppe zum Jungenschlafsaal hinunter, schloss sich in seinem Zimmer ein und stellte sicher, dass er die Tür so fest zuschlug, dass Blaise es im Gemeinschaftsraum hören konnte. Er würde ihm nicht folgen. Er würde sich nicht auf ein so niedriges und verzweifeltes Niveau herablassen. Er würde auch keine Chance haben, Dracos Passwort zu erraten.
Draco ging auf und ab, fuhr sich mit den Händen durch die Haare und strich sie sich aus dem Gesicht. Eine dünne Schweißschicht bildete sich auf seiner Stirn, und er rieb sie, in der Hoffnung, sie würde trocknen. Sein Herz raste in seiner Brust, und die smaragdfarbenen Wände, die ihn immer so beruhigt hatten, fühlten sich eng und erdrückend an. Sein Schlafsaal, der sich ganz unten in den Kerkern befand, war nicht ganz so dunkel und feucht, wie man es vielleicht erwarten würde. Die Steinwände waren glatt, und am Fuße seines Himmelbetts ragten zwei Säulen empor, um die sich schlangenförmiger Marmor schlängelte. Smaragdgrüne Bettwäsche und Stühle passten zu den geschwungenen Vorhängen, die von der Decke hingen, und Draco hielt erst inne, als ein Grindeloh an seinem Fenster vorbeischwamm. Ein weiterer Grund, warum er es immer geliebt hatte, in Slytherin zu sein, war der See. In seinem Zimmer befand sich anstelle einer Wand eine große Glasscheibe, die sich von der Decke bis zum Boden erstreckte und das Wasser des Schwarzen Sees einrahmte und sein Zimmer in ein bläulich-grünes Licht tauchte.
Draco trat näher an sie heran. Er konnte nicht sehr weit sehen, da das Wasser trüb war und ins Graue abfiel, aber er konnte sehen, wie sich das Unkraut in der Strömung bewegte, und ab und zu schwamm ein Fisch oder ein Kappa oder sogar ein Wassermensch vorbei und verhöhnte ihn mit ihrer Freiheit.
Verdammt sei diese Schule!
In der Vorverhandlung war entschieden worden, dass es bis zur Verurteilung das Beste für ihn wäre, nach Hogwarts zurückzukehren. Ob dies wirklich zu seiner „Sicherheit" oder zur Sicherheit der übrigen Welt geschah, wusste Draco nicht und er bezweifelte, dass er es jemals herausfinden würde. Wahrscheinlicher war, dass sie in der Erwartung, ihn für immer an einem Ort einzusperren, beschlossen hatten, dass es für alle das Beste sei, ihn vorerst an einem anderen Ort einzusperren.
Die Schule, die immer sein Zuhause gewesen war, war nun sein Gefängnis. Er spürte, wie die Mauern mit jedem Schritt, den er machte, näher und näher kamen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn völlig erstickten, das Leben aus seinem schwachen Körper quetschten und das Blut, das ihm immer wichtig gewesen war, über den Boden vergossen.
Draco kniff die Augen zusammen, schlug gegen das Glas und legte seine Stirn auf die Stelle, die seine Faust warm gemacht hatte. Sein Atem entkam ihm stoßweise.
Dies war nicht das Leben, das er gewählt hatte. Es war nicht das, das er verdient hatte, und er weiß, dass er eine Menge Schlechtes verdient hatte, für die beschissenen Dinge, die er getan hatte. Aber nicht das hier.
Er hatte das Mal nicht annehmen wollen. Draco erinnerte sich so lebhaft an die Nacht, in der es passiert war, dass er immer noch das Brennen seines Fleisches riechen konnte. Der Anblick seines Körpers ekelte ihn an. Er war immer stolz auf ihn gewesen, auf die drahtigen Muskeln, die vom täglichen Training auf dem Quidditchfeld herrührten, und auf das unberührte Weiß seiner Haut. Jetzt konnte er es kaum ertragen, sich im Spiegel zu betrachten. Sein Oberkörper war mit so vielen Narben und blauen Flecken gezeichnet, die noch nicht verheilt waren, weil er sich geweigert hatte, einen Balsam auftragen zu lassen, den ihm seine Mutter gegeben hatte. Sein rechter Arm war während des Krieges zweimal gebrochen worden, und er hatte die Zähne zusammengebissen und ihn auf Muggelart heilen lassen, weil er wusste, dass er den Schmerz verdient hatte. Er war immer noch nicht in Ordnung und schmerzte ab und zu, wenn er zu viel Druck auf seinen Ellbogen ausübte. Um seine Taille gab es einen schlangenartige Vertiefung, die Nagini ihm in seinem sechsten Jahr verpasst hatte, als der Dunkle Lord befürchtet hatte, er würde seine Mission nicht ernst genug nehmen. Es ist unnötig zu erwähnen, dass ihn das dazu veranlasst hatte, noch härter als zuvor an der Reparatur des Schrankes zu arbeiten, und er hatte sie danach innerhalb eines Monats abgeschlossen.
Manchmal wachte Draco mit der gleichen Schwere auf seiner Brust auf, die sich um seinen Körper legte und ihn fest zusammenpresste.
Er stieß ein gequältes Wimmern aus, schlug seinen Kopf gegen das Glas und kniff die Augen fester zusammen. Es war, als ob er ins Leere starrte, und nur die Dunkelheit hörte, wie die Verzweiflung in seiner Kehle stecken blieb.
„Das bist du nicht für mich."
Die Dunkelheit und Hermine Granger. Aber ihr fiel alles auf.
oOo
Er wusste nicht, was ihn dazu getrieben hatte, was in Merlins Namen ihn dazu gebracht hatte, zu einer entsetzlich frühen Stunde aufzuwachen, und welcher Teil seines im Allgemeinen rationalen Gehirns dachte, dass ein Spaziergang mitten in der Nacht, wohl wissend, dass Granger ihm entgegenkommen könnte, eine bessere Idee war, als stundenlang auf den See hinter seinem Fenster zu starren, wie er es normalerweise tat, bis er vor Erschöpfung einschlief.
Trotzdem ertappte sich Draco dabei, wie er den Korridor entlangging, der kalte Stein grub sich in seine Füße, und sein Herz fühlte sich verräterisch leicht an in der Schwere seiner Brust. Er blieb stehen, als er an dem Platz ankam, an dem er gestern gesessen hatte, und warf einen flüchtigen Blick den Gang hinauf und hinunter, bevor er seufzte und sich auf dem Boden nieder ließ.
Er wusste nicht, wie lange er dort saß, die Knie an die Brust gezogen, die Augen geschlossen, nur dass er schon fast eingeschlafen war, als er sie hörte.
Sie war leise um die Ecke gekommen, aber er hörte trotzdem ihre sanften Schritte. Draco tat so, als sei er nicht erleichtert, dass sie hier war. Granger kam näher zu ihm und setzte sich. Der Abstand zwischen ihnen war genauso groß wie am Abend zuvor, aber er fühlte sich irgendwie kleiner an.
„Der Jasmintee hat geholfen.", sagte sie leise zu ihm und schob die Decke beiseite, damit ihre Hände etwas zu tun hatten und ihre Augen irgendwo hinschauen konnten. „Ich nehme an, ich sollte mich bei dir bedanken."
Ein paar Minuten lang beachtete er weder ihre Anwesenheit noch das, was sie gesagt hatte. Dann sagte Draco: „Warum bist du dann hier?"
Granger runzelte die Stirn. „Wie bitte?"
Draco musste ein Knurren unterdrücken, aber er konnte nicht verhindern, dass die Luft frustriert aus seiner Nase entwich. Ungeduldig wiederholte er: „Wenn er dir beim Schlafen hilft, warum schläfst du dann nicht?"
„Aus demselben Grund, aus dem du an genau diesen Ort zurückgekommen bist, obwohl ich dich die Nacht zuvor hier gefunden habe."
Er wusste, dass sie im Dunkeln tappte, und obwohl die Worte nicht ins Schwarze trafen, waren sie dennoch ein Schlag ins Gesicht. Anstatt es zu zeigen und ihr die Genugtuung zu geben, stieß er ein raues Lachen aus. „Schmeichel dir nicht selbst, Granger. Du kannst mir diesen Ort nicht wegnehmen."
Sie schnaubte verärgert, und er hätte beinahe wirklich gelacht. Draco lehnte sich mit dem Kopf an die Wand, legte den Kopf so weit zurück, dass er parallel zur Decke war, und schloss die Augen. Sie sagte eine Weile nichts und er erwartete, dass sie sich stillschweigend davonschlich, aber als er ein Rascheln hörte und nach unten sah, fand Draco sie noch immer neben sich sitzen. Er runzelte die Stirn, ließ seine Züge aber schnell wieder gelangweilt wirken.
„Warum genau dieser Platz?", fragte Granger. Er hörte sie fast nicht und musste sich zurückhalten, bevor er sich näher heranlehnte, um zu hören, was sie sagte. Sie war so verdammt leise, wie eine aufgeschreckte Maus, und das ärgerte ihn, weil er wusste, dass sie wie verrückt schreien, brüllen und stöhnen konnte.
„Sprich lauter, Granger.", erwiderte er sinnlos. „Niemand ist wach, um deinen Krach zu hören."
Draco spürte die Hitze in seinem Nacken, als sie ihn anglotzte, und er hasste das kleine Grinsen, das seine Lippen kräuselte. Es war das erste bisschen Wärme, dass er seit Jahren spürte.
„Warum...", begann sie mit viel lauterer Stimme, senkte jedoch die Lautstärke, als das Wort im Korridor widerhallte, und zu ihnen zurückgeschleudert wurde, so als ob es sie beide fragte, warum sie überhaupt hier saßen und sich gegenseitig unterhielten.
Warum eigentlich, fragte sich Draco spöttisch.
„-hier?", beendete sie lahm. „Warum hier?"
Da öffnete er die Augen, kippte das Kinn nach unten und ließ seinen Blick mit der gleichen Neugier, die er bei der Hexe neben ihm verspürte, über den Flur schweifen. „Ich weiß es nicht.", antwortete er, und die Ehrlichkeit, mit der er antwortete, überraschte sie beide. „Ich bin einfach losgelaufen und an der ersten Stelle stehen geblieben, an die ich mich nicht erinnern konnte. Auf diesem Korridor ist nichts passiert. Jedenfalls nicht für mich."
„Mir auch nicht.", bot Granger leise an.
Sie saßen einige Augenblicke schweigend da, und die Stille wurde durch die gleichmäßigen, abwechselnden Geräusche ihres gemeinsamen Atmens unterbrochen.
„In diesem Schloss spukt es jetzt für mich."
Er wusste nicht, warum sie ihm das gesagt hatte, und er bezweifelte auch, dass sie es wusste. Er wusste nur, dass es ihm ein Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens vermittelte, wie er es auch gestern empfunden hatte, als sie ihm gesagt hatte, dass er für sie nicht der Sohn seines Vaters war.
„Ist das der Grund, warum du in der Küche isst?", fragte er.
Granger sah ihn überrascht an und Draco sagte spöttisch: „Keine Angst ich folge dir nicht."
Sie blieb unbeeindruckt, obwohl er weder die Geduld noch die Energie hatte, sie zu beschwichtigen.
Zum Glück war es Granger, die das Thema wechselte. „Woher weißt du, dass Jasmintee beim Einschlafen hilft?"
Sein Blick fiel auf seine Füße, aber das blaue Licht um seinen Knöchel ließ ihn zusammenzucken, so dass er den Blick abwandte und den Korridor hinunter schaute. „Meine Mutter hat ihn immer für mich gemacht, wenn ich krank war. Es war die einzige Hausarbeit, die sie je gemacht hat."
Granger war wieder still. Ihre Gespräche bestanden überwiegend aus Schweigen, unterbrochen nur von zaghaften Fragen und Momenten bitterer Ehrlichkeit, bei denen sie beide dankbar waren, dass niemand sonst zuhörte. Schließlich sagte sie: „Sie liebt dich sehr, nicht wahr? Deine Mutter."
Draco drehte sich um und sagte, nur um keine andere Antwort geben zu müssen: „Jede Mutter liebt ihr Kind, Granger."
Sie brummte, gab aber keinen Kommentar ab. Draco schluckte, es juckte ihn förmlich, etwas zu fragen, das ihn seit ihrer Ankunft quälte. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, die Frage zu unterdrücken, aber sie entkam ihm trotzdem, denn die Neugier übertrumpfte den letzten Rest an Würde, den er noch hatte. Realistisch betrachtet wusste er, dass er diese geopfert hatte, als er aus dem Bett geklettert war und durch die schlummernden Korridore gewandert war, in der Hoffnung, ihre Wege würden sich noch einmal kreuzen.
„Was meintest du, als du gesagt hast, dass du aus demselben Grund hier bist wie ich?"
Granger hielt inne. Man konnte sehen, wie ihr Verstand und ihre Zunge miteinander kämpften, und er hätte nicht gedacht, dass sie jemals mit einer Antwort zögern würde, aber es dauerte einen Moment, bis sie sagte: „Ich dachte, es sei offensichtlich. Mit dir ist es anders. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich verstecken muss, dass es mir nicht wirklich gut geht."
Draco konnte nicht verhindern, dass er sie ansah, obwohl er wusste, dass der Blickkontakt wahrscheinlich eine schlechte Idee war. Irgendetwas brachte ihn dazu, sie anzulügen, seine Lippen zu kräuseln, wie er es früher getan hatte, und zu lügen.
„Mir geht es gut.", knurrte er.
Sie sah ihn mit diesem allwissenden Blick an, der ihn sonst immer in den Wahnsinn trieb, und er spürte, wie seine Entschlossenheit in seinem Inneren zerbrach und er sich wütend fragte, warum er das alles für eine gute Idee gehalten hatte.
„Draco.", murmelte sie traurig, und er konnte das Mitleid in ihrer Stimme nicht ertragen.
„Sieh mich nicht so an, Granger. Und hör auf, mich Draco zu nennen.", zischte er. „Wir sind keine Freunde."
Ein Muskel in Grangers Kiefer zuckte. „Nein.", räumte sie ein, und er fühlte einen Anflug von Schuld, weil ihre Stimme zitterte. „Aber ich dachte, wir könnten vielleicht anständige Menschen sein in einer Welt, in der es davon viel zu wenig zu geben scheint."
Draco presste die Lippen zusammen und starrte unbeweglich nach vorne. Obwohl die Luft zwischen ihnen knisterte, schien sich keiner von ihnen bewegen zu wollen, obwohl Draco sich danach sehnte, aufzustehen und zurück in seinen Schlafsaal zu schlendern, um sich der drückenden Realität von Hermine Granger nicht mehr stellen zu müssen. Seine Beine weigerten sich jedoch, sich zu bewegen, und er blieb wie erstarrt auf seinem Platz sitzen, entmündigt von der Unsicherheit, die sie in ihm auszulösen schien. Sein Blick schweifte überall hin, nur nicht zu ihr, und er hielt inne, als er das blaue Licht bemerkte, das unter seiner Pyjamahose hervorschaute.
„Mir geht es nicht gut.", sagte er zögernd und betrachtete stirnrunzelnd das Band um seinen Knöchel. „Ich habe eine Scheißangst, Granger."
Sie sah ihn an, und ihre Augen, besorgt und voller ungebändigter Gefühle, versengten seine nackte Haut. Er rieb sich den Hals und die Wange, um sich zu schützen. Draco schloss die Augen, und sein Atem strömte zittrig über seine Lippen.
„Ich habe das Gefühl, ich verliere den Verstand."
„Es ist in Ordnung, ab und zu den Verstand zu verlieren, Malfoy", flüsterte Granger und lehnte sich näher zu ihm, so dass er keine andere Wahl hatte, als sie anzusehen. Sie war eindringlich und unerträglich ehrlich, und das beruhigte ihn und brachte ihn gleichzeitig um. Er merkte, dass er den Klang seines Namens auf ihren Lippen vermisste, „solange du dich finden lässt, wenn die Zeit gekommen ist".
An diesem Abend wurde kein weiteres Wort zwischen ihnen gewechselt, aber sie blieben beide noch etwa zwanzig Minuten lang dort, genossen die ungewohnte Ruhe, die der eine dem anderen brachte, und fragten sich, warum ihre Gedanken erst dann aufhörten zu plappern, wenn sie nebeneinander saßen. Und dann gingen sie. Diesmal ging Draco zuerst, aber er hörte Hermines Stimme in seinem Kopf, bis das Sonnenlicht den Grund des Sees berührte und sein Zimmer in ein gelbes Licht tauchte.
Ich versuche jeden Mittwoch ein neues Kapitel hochzuladen, das nächste kommt am 28.09.
Vielen Dank fürs Lesen!
