Der Abgrund und Granger
Er hatte schlechte Laune. Wirklich verdammt miese Laune.
Sie strömte wie ihn Wellen aus ihm heraus und man musste es ihm auch an seinen geschürzten Lippen und der Kapuze, die ihm bis über die Augen hing, ansehen, denn jeder, an dem er auf dem Weg zum Frühstück vorbeikam, warf einen Blick auf ihn und wich ihm schnell aus. Sie zogen ihre Köpfe ein, doch trotz ihrer offensichtlichen Furcht, konnte er immer wieder Geflüster hören, wenn ihre Unverfrorenheit die Oberhand gewann. Draco warf einer besonders dreisten Gryffindor Schülerin einen finsteren Blick zu, die sich nicht einmal die Mühe machte, ihre Stimme zu senken, als sie ‚Malfoy' und ‚Todesser' im selben Satz verwendete.
Es war ja nicht so, dass sie Unrecht hatte, aber er musste nicht ständig daran erinnert werden.
Er hatte seine Tasche nicht dabei, weil er der Unterricht für ihn jetzt eh nicht mehr wichtig war. Blaise steckte ihm eine Feder und etwas Papier zu, als der Professor nicht hinsah, und Draco machte sich erst nach fünf Minuten wütenden Grübelns und einem mühsamen Seufzer Notizen, weil sein Kopf durch die Hitze des Blicks seines Freundes zu brennen begann. Obwohl er immer ein guter Schüler gewesen war (nie so gut wie Granger, dachte er verbittert), konnte er sich nur fragen, was das Ganze sollte. Welchen Sinn hatte es, zu versuchen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen, wenn er in weniger als vier Monaten bereits in Askaban sitzen könnte.
Blaise hatte seinen Prozess nicht mehr erwähnt. Insgeheim war Draco erleichtert über das Taktgefühl seines Freundes, aber ein Teil von ihm wünschte sich, dass Blaise sich weniger Gedanken machen würde. Er grenzte sich nur selbst aus, wenn er mit ihm gesehen wurde, und Draco wusste genau, dass gesellige Gespräche verstummten, sobald er einen Raum betrat. Ihm war auch aufgefallen, dass Blaise sowohl seinen als auch Dracos Teller mit Essen füllte, um sich zu vergewissern, dass er auch aß. Das war einer der Gründe, warum Draco dazu übergegangen war, einige seiner Mahlzeiten in der Küche einzunehmen.
Er wollte nicht, dass Blaise sich zu sehr an ihn gewöhnte. Nicht, wenn er nicht mehr lange hier sein würde.
Aber er wusste auch, dass Granger ebenfalls in der Küche aß, und im Moment war Blaise die geringere der beiden Nervensägen.
Er fragte sich, was ihre Gründe dafür waren.
In der Großen Halle herrschte reges Treiben. Die Eulen waren soeben hereingeflogen und pickten an den Fingern ihrer Empfänger, als sie um Futter oder Bezahlung wetteiferten. Draco fühlte sich zu dem offenen Fenster hingezogen, das ihnen den Zugang ermöglichte. Er wünschte sich, es wäre so einfach, einfach abzuheben, in den Septemberhimmel zu fliegen und niemals anhalten oder zurückschauen zu müssen, einfach in den Wolken zu verschwinden. Der Lärm der morgendlichen Aufregung verstummte, und er wurde sich schmerzlich der Stille und der Hunderte von Augen bewusst, die sich umdrehten, um ihn anzustarren, bevor sie sich schnell wieder abwandten.
Draco fand, dass dies seine Laune erheblich verschlechterte.
Er schlich hinüber zum Slytherin-Tisch, und als Blaise die Bank entlang rutschte, um ihn Platz zu machen, gab er nach, denn er hatte weder die Mühe noch die Energie, sich heute Morgen gegen ihn zu wehren. Sein Herz sank mit seinem Körper, als er sich neben Blaise setzte, die Schultern entspannten sich, der Kopf hämmerte. Er widersprach nicht einmal, als Blaise begann, ihm Speck und Toast auf den Teller zu legen.
„Magst du Blutwurst?", fragte Blaise beiläufig.
Draco antwortete nicht. Seine Augen brannten, weil er kaum geschlafen hatte, und er hatte das Gefühl, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen.
„Ich nehme an, das heißt nein.", sagte Blaise. „Aber du isst ein paar Bohnen. Die sind gut für dein Herz."
„Ich gehe nach Verwandlung zu Madam Pomfrey.", murmelte Draco, und Blaise sah ihn überrascht an. „Ich habe nicht geschlafen."
Einen Moment lang war Blaise von der Offenheit seines Freundes überrascht und schwieg, bevor er sagte: „Okay. Das ist gut. Das ist gut. Sie kann dir einen Zaubertrank dafür geben."
„Ja."
Er tat so, als würde er es für sich selbst tun, und er ließ Blaise das Gefühl, dass er versuchte, wieder auf den rechten Weg zu kommen. In Wirklichkeit lag es daran, dass er nicht glaubte, Hermine Granger noch einmal gegenübertreten zu können.
Fast abwesend wanderte sein Blick über den Tisch auf der anderen Seite des Saals, suchte ihr buschiges Vogelnest, suchte ihre müden Augen. Draco wusste nicht, was es war, was ihn immer wieder zu ihr zurückzog. Einst hatte er sich danach gesehnt, sie gebrochen zu sehen, sie zappelnd und verwirrt zu sehen, weil sie immer diejenige war, die alles und alle anderen zusammenhielt.
Er erinnerte sich an ihr zweites Jahr, als er sie ausgestreckt und verkrampft auf dem Krankenhausbett liegen sah. Draco musste zugeben, dass er neugierig gewesen war. Sie war ein winziges Ding gewesen, zum Bersten voll mit Selbstgerechtigkeit und der albernen Unwissenheit, mit der sie sich über eine dunkle Welt, die ihr fremd war, etwas vorzumachen versuchte. Er hörte das Geflüster – Potters Schlammblut ist versteinert worden. In diesem Moment wusste er, dass es nicht Potter war. Er hatte es ohnehin stark bezweifelt, denn ein Gryffindor (vor allem einer, der so verdammt dumm und frech war wie Potter) konnte niemals Slytherins Erbe sein, aber Draco wollte sehen, wie Granger aussah, wenn sie nur Zentimeter vom Tod entfernt war.
Wie sich herausstellte, sah sie nicht anders aus. Abgesehen von dem blassen, wächsernen Gesicht, dem ausdruckslosen Blick ihrer großen Augen und der Tatsache, dass ihr Mund ausnahmsweise geschlossen und still war, fand er, dass sie genauso aussah wie sonst auch. Doch was ihn noch mehr nervte, obwohl er es nie zugeben würde, ist, dass sie nicht gebrochen sein sollte. Sie sollte spucken und kämpfen bis zum Ende.
Das war nicht das Ende für Granger. Er wusste nicht, woher er es wusste, aber Draco hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so sicher gefühlt.
Deshalb musste er schlafen. Wenn er nicht schlief, schweiften seine Gedanken ab, und aus irgendeinem bizarren und verdammt ärgerlichen Grund wanderten sie immer zu ihr zurück. Er mochte es nicht, sie gebrochen zu sehen. Es brachte ihn dazu, darüber nachzudenken, was für ein absolut hoffnungsloser Faller selbst im Vergleich dazu war.
„Ich gehe zum Unterricht", murmelte er und fühlte, dass seine Haut kribbelte, als stünde sie in Flammen, und schob die Bank zurück, damit er entkommen konnte. Es war so heiß.
Blaise sah ihn stirnrunzelnd an. „Du hast deinen Speck nicht angerührt."
„Ich bin nicht hungrig."
„Draco-"
Er beeilte sich, um nicht mit seinem Freund diskutieren zu müssen. Sobald er durch die Türen geplatzt war und die stickige Luft ihn nicht mehr umklammerte, atmete er zittrig aus.
Wände fühlten sich heutzutage beengend an. Wenn er zu lange an einer Stelle saß, begannen sie sich um ihn herum zu schließen, seine Rippen zu quetschen und das Licht aus der Welt zu saugen. Als der Wind auffrischte und sich um seinen Hals schlängelte, schwor Draco, dass er spürte, wie die Dementoren nach ihm griffen.
Er hielt inne. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und durch die Haare, um sich wieder zu fassen, schüttelte sich und machte auf dem Absatz kehrt. Er konnte genauso gut in den Unterricht gehen. Es gab keinen anderen Ort auf der Welt, an dem er sein musste. Nicht jetzt. Und auch sonst nicht.
Doch er kam nicht sehr weit.
„Todesser!" Draco spürte, wie ihn der Name traf, aber er ging weiter. „Merlin, es ist ein Wunder, dass sie Kriegsverbrecher überhaupt wieder an die Schule lassen. Man sollte meinen, sie würden sie direkt nach Askaban schicken –"
Die Hitze explodierte in ihm, sich windende Wut, kochende Frustration, und er wirbelte herum. Die Gruppe war vielleicht im fünften Schuljahr, mit verschiedenfarbigen Krawatten, aber er sah rot.
„Redet ihr mit mir?", presste Draco zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Der Größte, ein selbstgefälliger Junge mit fiesem Grinsen und schielenden Augen, den Draco aus irgendeinem Grund mit dem Namen Hamelin verband, hob die Augenbrauen. „Nun, du bist der einzige Todesser hier, oder etwa nicht?"
Draco konnte die Spannung in der Luft spüren. Er konnte spüren, wie sich ein Sturm zusammenbraute. Nachdem er in seinem Leben mit so vielen sensiblen Situationen umgehen musste, wusste er, wann sich die Stimmung änderte. Es war der Moment, in dem sich ihm die Haare aufstellten und jeder Knochen in seinem Körper sich auf den Aufprall vorbereitete.
Er schloss die Augen und holte tief Luft. Er würde sich nicht auf ihr Niveau herablassen.
„Was wollt ihr?", fragte er und fixierte sie mit einem gelangweilten Blick.
Der Ravenclaw, Hamelin, stieß sich von der Wand ab und stakste auf ihn zu. Draco rührte sich nicht, als er Nase an Nase vor ihm stand. Er konnte die Hitze des Atems des anderen Jungen spüren, jedes Äderchen unter seiner Haut sehen. Sein Kiefer zuckte, seine Augen waren unberechenbar; harsch, sprudelten über vor etwas Giftigem und Wütendem. Draco erkannte es. Er richtete sich nicht auf, sondern beobachtete ihn nur durch zu Schlitzen verengten Augen.
„Ich will, dass du bezahlst.", sagte der Junge mit leiser Stimme. Er zitterte, und Draco war sich sicher, dass seine Freunde das nicht sehen konnten.
Er wusste, dass er mit dem Feuer spielte, aber er fragte mit kalter Stimme: „Wofür?"
„Meinen Bruder.", spuckte Hamelin aus. An seiner Schläfe pulsierte eine Ader.
Dracos Augen huschten über seine Schulter. Es hatte sich bereits eine kleine Menschenmenge um sie herum angesammelt. Er schluckte. Sie standen mit großen Augen da, hielten den Atem an, taten nichts in der Erwartung, was als Nächstes passieren würde. Er wusste, worauf sie warteten.
Er würde es ihnen geben. Er würde der Bösewicht sein, den sie sich so verzweifelt wünschten.
„Und was habe ich deinem Bruder getan?", fragte er.
Hamelins ganzes Gesicht veränderte sich. Es verzog sich in Qualen. „Sie haben ihn umgebracht!", spuckte er aus und die Worte waren fast geschrien.
„Du musst schon etwas genauer werden.", sagte Draco und wandte seinen Blick ab.
Seine dunklen Augen waren rot und feucht, und er holte zitternd Luft und musterte Draco, als wolle er ihn umbringen. „Deine Leute. Deine Freunde, dein Vater, dein kranker, verdammter Anführer. Ich weiß nicht. Oder du selbst, Malfoy."
„Das würde dir gefallen, nicht wahr?", sagte Draco schnell. Er sah Hamelin direkt in die Augen. „Euch allen würde es gefallen. Würde es euch leichter fallen, wenn ich euch sage, dass ich es getan habe?"
Das war alles, was er hören wollte. Hamelin bäumte sich auf und schlug zu, die Faust prallte gegen seinen Wangenknochen und alles, was Draco hören konnte, war das Knirschen der Knochen in seinem Gesicht, das schrecklich in seinem Ohr dröhnte. Er stolperte rückwärts. Vage konnte er das Keuchen der Menge und sogar einige Jubelrufe hören, aber sie wurden bald von dem Rausch des Blutes in seinem Kopf übertönt.
Sobald er das Gleichgewicht wiedererlangt hatte, schlug Hamelin erneut zu, und er spürte den kalten, harten Aufprall auf dem Boden. Die Welt drehte sich ein wenig. Es war nicht viel, verglichen mit dem, was er durchgemacht hatte, aber er fühlte sich trotzdem schwach.
„Warum wehrst du dich nicht, Malfoy?", fragte Hamelin fast bedauernd und wischte sich mit dem Ärmel seines Umhangs über das Gesicht. Als Draco sich nicht rührte, trat er ihm in die Rippen. „Warum willst du nicht kämpfen? Kämpfe, du Stück Scheiße!"
Draco spürte jeden Tritt, aber er war wie betäubt. Er drehte sich um und steckte es ein, weil er wusste, er hätte so viel Schlimmeres verdient. Seine Rippen fühlten sich an, als würden sie brechen, seinen Körper durchspießen und in sein Herz und seine Lunge eindringen. Jeder Atemzug war schmerzhaft, und als er hustete, befleckte ein Blutspritzer den Boden.
Hamelin kniete neben ihm nieder. Er weinte und holte tief Luft. Er zog sein Gesicht zu sich heran und sagte verzweifelt und unbeschreiblich erschüttert: „Das ist für meinen Bruder. Es ist für alle, denen du wehgetan hast. Alles, was du anfasst, zerstörst du."
Draco reagierte nicht einmal. Hamelin atmete scharf ein, zog sich zurück, griff nach Dracos Arm und riss seinen Ärmel nach oben. Ein Zischen der Angst, ein Röcheln des Ekels und Draco spürte, wie sein dunkles Mal brannte. Endlich handelte er. Er rollte sich leicht weg, zog seinen Arm zurück und schlug dem anderen Jungen hart auf die Nase. Er wusste, dass es hart war, denn seine Knöchel brannten, und es reichte aus, um ihn von dem Schmerz abzulenken, der überall sonst implodierte.
Hamelin fiel rückwärts und rutschte durch die Wucht des Schlages nach hinten. Draco wusste, dass er es nur noch schlimmer gemacht hatte, und er ließ sich auf dem Steinboden nieder, um die Kälte, die in seine Haut eindrang, zu genießen.
Niemand versuchte, Hamelin aufzuhalten, auch nicht, als er wütend auf die Füße kletterte, zurückstürmte und seinen Fuß direkt auf Dracos Gesicht setzte. Er spürte, wie ihm das Blut aus der Nase schoss, und sein Zahn schnitt in seine Lippe. Er glaubte, Sterne zu sehen, vielleicht auch das Gesicht seiner Mutter, und warum zum Teufel hörte er Grangers Stimme?
Er dachte, es könnte sein Gewissen sein, das ihn ausschimpfte, ihn einen Feigling und einen Idioten nannte und alles dazwischen und darüber hinaus, aber dann spürte er Hände auf sich, warme Hände, und die Welt war wieder da. Alles kam zehnfach zurück, und Draco fühlte sich wie ein keuchender Säugling, geboren aus Aufruhr und Wut, der in die schmerzhafte Helligkeit einer ihm unbekannten Welt blinzelte.
„– dummen, dummen Jungs!", sagte eine Stimme. Sie klang gestresst, aufgeregt, verzweifelt.
„Er hat es verdient, Granger. Du weißt, dass er es verdient –"
„Wir sind nicht mehr im Krieg!"
Grangers Stimme hallte laut und verzweifelt durch den Korridor. Sie kam aus seiner unmittelbaren Nähe, und Draco vermutete, dass es ihre warmen Hände waren, die diese Hitze durch seinen Körper jagten. Er merkte, dass sie seinen Unterarm vor den Blicken abschirmte. Er versuchte, sich von ihr wegzubewegen, indem er sich auf den Bauch rollte, um zu kriechen, aber sie hielt ihn fest, und er hatte nicht die Kraft, es noch einmal zu versuchen.
„Ich habe nicht alles in einem Krieg für euch aufs Spiel gesetzt, um Gewalt und Wut zu unterstützen.", sagte sie, und die Verzweiflung ließ ihre Stimme zittern und hoch werden. „Hamelin, dein Bruder hätte das nicht gewollt –"
„Wage es nicht, mir zu sagen, was er gewollt hätte, Granger.", konterte Hamelin trotzig. „Sieh dir sein Mal an, Granger! Warum verteidigst du ihn? Seine Leute haben versucht, dich zu töten. Sie haben Linus getötet –"
„Du trauerst nur!", schrie sie ihn an. Die Stille prallte zurück und ließ ihre Stimme laut wiederhallen. „Wir alle trauern, aber das bedeutet nicht, dass wir uns gegeneinander wenden. Wir haben gewonnen, weil Liebe und Freundschaft für uns an erster Stelle stehen, nicht Hass."
Draco legte seinen Kopf leicht schief, um sie durch sein Haar hindurch beobachten zu können. Sie weinte leise, ihre Brust hob sich. „Wir sind nur Kinder. Wir sollten uns nicht so streiten. Wir sollten nicht trauern müssen. Jetzt geht in den Unterricht, ihr alle. Los!"
„Und 100 Punkte von Ravenclaw.", fügte eine kühle Stimme hinzu. Draco warf einen Blick hinter Granger und sah das Weasley-Mädchen. Sie stand aufrecht da, die Arme vor der Brust verschränkt, und ihr Schulsprecherin-Abzeichen glitzerte auf ihrer Robe. Mit noch mehr Unnahbarkeit sagte sie: „Und weitere 50 von allen, die zugesehen haben."
Draco senkte seinen Blick auf den Boden. Er wollte nur noch weg von hier. Er wollte, dass der Boden ihn ganz verschluckte. Er wollte sterben –
Es gab ein kurzes Zögern, bevor sich die Menge zerstreute, zu zerknirscht und beschämt, um sich über eine so schwere Strafe zu beschweren. Die Gruppe von Hamelins Freunden packte ihn am Arm, um ihn zu ihrem Unterricht zu bringen.
„Du gehörst nach Askaban, Malfoy.", sagte Hamelin schließlich und widersetzte sich seinen Freunden nur einen Moment lang, bevor sie ihn weiterzogen. In seiner Stimme lag kein Biss, nur Niedergeschlagenheit, und Draco versuchte, seine Beine auszustrecken, um zu sehen, ob er noch die Kontrolle über sie hatte, und spürte, wie jeder ihrer Schritte in seinem Schädel pochte. Er rollte sich auf den Rücken und starrte hinauf zu den hohen Decken, und die Balken schwankten, und das Sonnenlicht schien über seinem Kopf Pirouetten und Wirbel zu drehen.
Jeder Knochen in seinem Körper schmerzte. Es tat weh, und dennoch fühlte er sich hohl und leer.
Jetzt gab es nur noch ihn und den Schmerz und Granger und Weasley.
„Hermine –", begann Weasley und griff nach ihrer Freundin.
Granger schluckte, und ihr Gesicht wurde für eine Sekunde hart, bevor sie ihr Kinn halb zu dem anderen Mädchen drehte und sagte: „Geh in den Unterricht, Ginny. Ich bringe ihn in den Krankenflügel."
„Aber –"
„Du brauchst deine NEWTs dringender als ich.", argumentierte sie.
Weasley zögerte, aber dann drückte sie Grangers Schulter, warf Draco nur einen kurzen Blick zu und ging dann.
Granger blieb einen Moment lang sitzen und starrte ins Leere, bevor sie sich umdrehte und ihn ansah. Sie merkte, dass sie immer noch seinen Arm hielt, und ließ ihre Hände fallen.
„Es war sehr dumm von dir, ihn so zu provozieren.", sagte sie. Sie klang kräftiger als zuvor, aber er konnte die Brüchigkeit in ihrer Stimme hören.
Draco zwang sich, sich aufzusetzen, drückte sich langsam gegen den kalten Boden und biss sich auf die Zunge, als er spürte, wie sich seine Rippen in sein Fleisch gruben. Er hustete, spuckte das Blut aus, das sich in seinem Mund gesammelt hatte, und zog eine Grimasse angesichts des metallischen Geschmacks, den es hinterließ.
„Hat dir die Show gefallen?", fragte er, wobei er ihre Bemerkung ihn ein wenig traf.
Granger runzelte die Stirn. „Ich habe sie nicht gesehen. Ich war auf dem Weg zum Unterricht, als ich ein paar Drittklässler vorbeilaufen sah, die sich über einen Kampf unterhielten. Man musste kein Genie sein, um herauszufinden, dass du das warst, denn niemand sonst ist so dumm, eine Schlägerei anzufangen –"
„Hör auf, mich zu bevormunden, Granger."
„Und dann habe ich gesehen, dass ich Recht hatte, und jemand hat mir gesagt, dass du Hamelins Bruder getötet hast.", beendete sie, als hätte er gar nichts gesagt. Sie starrte ihn mit zusammengepressten Lippen an. „Hast du?"
Er starrte sie an. „Habe ich was?"
„Hast du seinen Bruder getötet?"
Draco richtete sich auf und ignorierte den Schmerz, der ihn durchzuckte. „Nein.", sagte er. „Ich wusste nicht einmal, dass er einen Bruder hat."
Granger blieb auf dem Boden knien. „Warum hast du dann gesagt, dass du es getan hast?
Warum hielt sie verdammt noch mal nicht die Klappe? Er wollte das Thema ganz fallen lassen und weggehen, aber er wusste, dass er zusammenbrechen würde, wenn er es versuchte. Ohne ihre Hilfe käme er nicht weiter. Trotzdem kribbelte seine Haut, als sie ihn ausfragte. Am liebsten hätte er seinen Kopf so fest gegen den Stein geschlagen, dass ihm die Ohren bluteten und er ihr nicht zuhören oder ihre dummen Fragen beantworten musste.
„Ich weiß es nicht, Granger.", erwiderte er wütend. „Sie wollten jemanden dem sie die Schuld geben können. Es ist das Mindeste, was ich tun kann, ihnen das zu geben."
Sie schwieg. Draco fragte sich, ob sie ihm überhaupt noch zuhörte, weil er sie nicht mehr angesehen hatte, seit sie ihn gefragt hatte. Aber dann –
„Geht es dir gut, Malfoy?", fragte Granger ihn mit ernster Stimme. Ihre Besorgnis sickerte in die Luft zwischen ihnen.
Er wollte ehrlich zu ihr sein. Er wusste nicht, warum, denn er war nicht der Typ, der über seine Gefühle sprach, aber in seiner Brust schwoll ein Ballon an, und er dachte, wenn er nicht etwas Luft herausließ, würde er platzen und er selbst würde zerbrechen oder in sich zusammenfallen, und Draco wollte es ihr so gerne sagen. Er war am Zerbrechen. Er wurde vom Abgrund verschluckt, und sie stand über ihm, streckte ihre Hand aus, sie erkannte, wie er mit diesem Leben zu kämpfen hatte und wie es ihn erstarren ließ und jeden Schrei und Hilferuf zum Schweigen brachte.
Aber er war einfach zu verdammt stolz, um sie anzunehmen.
„Ich brauche dich nicht, Granger.", knurrte er sie an und wischte sich den Mund grob mit dem Handrücken ab. Das Blut hob sich erschreckend rot von dem Blau seiner Adern ab. Er tat so, als würde er es nicht bemerken. „Du bist nicht mein Aufpasser!"
Das brachte sie auf die Palme. Es war so lange her, dass er sie so aufgewühlt gesehen hatte, mit brennenden Augen und Haaren, die sich um sie herum aufbauschten. Sie sah ein bisschen wie die alte Granger aus.
„Ich weiß, Malfoy.", antwortete sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Ich fand nur, dass du ziemlich mitleiderregend aussiehst, wie du verprügelt wirst, und wollte dir meine Hilfe anbieten. Offensichtlich war sie nicht erwünscht."
Er wusste, dass er ein Arschloch war, aber ihre Worte brannten trotzdem. Er hatte sie zu einer solchen Reaktion provoziert, aber er wollte, dass sie ihn noch mehr verteidigte, dass sie ihm mit ihrer herrischen Stimme, die keinen Raum für Diskussionen ließ, sagte, dass er für sich selbst kämpfen müsse, weil niemand sonst es tun würde.
Stattdessen zog er den Kopf ein und murmelte: „Sie war nicht nötig."
Granger sah ihn an. Dann stieß sie ein überraschendes Lachen aus und sagte spöttisch: „Natürlich war es nicht nötig. Nun, Malfoy, wenn du dich entschließt, deinen Kopf aus deinem Arsch zu ziehen, werde ich auf dich warten. Aber bis dahin gehe ich in den Unterricht."
Sie stand auf und drehte ihm den Rücken zu. Sie hatte eine Gabe. Draco war sich dessen sicher. Es war, als ob jedes einzelne Wort, das aus ihrem Mund kam, darauf abzielte, ihn zu verärgern, sich unter seiner Haut einzunisten und zu stechen. Das Aufflackern der Wut bäumte sich in seinem Inneren auf, und er stürmte auf sie zu, drängte sie mit dem Rücken gegen die Wand.
Er war ihr noch nie so nahe gewesen. Nicht einmal, als sie Seite an Seite auf dem kalten Steinboden saßen und das gleiche Mondlicht genossen hatten. Aus der Nähe sah Granger noch schlimmer aus.
Unter ihren Augen befanden sich violette Halbmonde und ihre Haut war wächsern und spannte sich über ihren Schädel. Ihr Haar war seit Tagen nicht mehr gebürstet worden, aber Draco hatte sich immer gefragt, ob sie überhaupt eine Haarbürste besaß, also hätte ihn das nicht so sehr schockieren sollen, wie es das tat. In ihren Augen lag keine Entschlossenheit. Sie waren leer.
Er verdrängte das Unbehagen, das sich bei dieser Offenbarung tief in ihm festsetzte, und lehnte sein Gesicht näher an ihres.
„Du hast nicht das Recht, so mit mir zu sprechen, Granger.", knurrte er bedrohlich. „Ich weiß nicht, für wen du dich hältst. Du hast keine Ahnung, was ich durchmache. Selbst wenn du von deinem kleinen Kriegsheldenpodest heruntergehüpft wärst, könntest du dir nicht vorstellen, wie verdammt kaputt ich bin."
Sie richtete sich auf, so dass sie ihm direkt in die Augen sehen konnte, das Kinn hoch zur Decke geneigt, die Stimme bissig, aber etwas in ihren Augen ließ ihn denken, dass sie verletzt war. „Habe ich dir nicht gezeigt, dass ich auch ein Wrack bin?"
„Deine größte Angst ist es, in einer verdammten Klasse durchzufallen, Granger!", betonte Draco, wobei seine Stimme immer lauter wurde. Es klang angespannt und als würden die Worte seine Kehle zerreißen, als er sie hervorpresste. Sie waren zu rau, zu ungeschützt. Er schien das zu bemerken, denn er setzte sein spöttisches Gesicht auf, wenn auch ohne die übliche Bosheit darin. „Verzeihen mir, dass ich einen Kummer nicht sonderlich ernst genommen habe."
Granger starrte ihn an, die Augen hart, die Lippen zusammengepresst. Sie sagte leise, ohne den Blick abzuwenden: „Ja. Und mein bester Freund war praktisch seit er ein Baby war bereits zum Tode verurteilt. Meine Eltern sind zurzeit in Australien und wissen nicht, dass sie eine Tochter haben, und ich weiß nicht, ob sie dieses Wissen jemals wiedererlangen werden. Jedes Mal, wenn ich meine Augen schließe, sehe ich Menschen kämpfen und sterben. Also tu nicht so, als wären deine Probleme größer als die der anderen, oder als würden sie dich wichtiger machen, denn so funktioniert das nicht."
Draco starrte sie nur an. Er war sich bewusst, dass ihm das Blut in den Kopf schoss und dass Blaise ihn wahrscheinlich umbringen würde, wenn er zu spät zum Unterricht käme, zumal er sich früh auf den Weg gemacht hatte, aber er fand nicht die Energie, sich um all das zu kümmern. Er schluckte schwer.
„Du hast ihre Erinnerungen ausgelöscht.", war alles, was er sagte. Er blinzelte. „Das habe ich nicht gewusst. Es tut mir leid."
Granger sah überrascht aus, dass ihr ein so vernichtender Teil ihrer Trauer entglitten war, und sie blickte stirnrunzelnd auf den Boden. „Ich hatte keine Wahl. Es war ihr Leben oder ich."
„Ich verlange nicht, dass du mich reinlässt, Malfoy.", fuhr sie leise fort. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, sie auszublenden. „Ich möchte nur, dass du weißt, dass du nicht allein durch diese Dunkelheit gehst. Abgesehen von allen Differenzen kann ich sehen, wenn jemand trauert, und es schmerzt mich zu sehen, wie du so nahe an den Abgrund getrieben wirst –"
„Mach dir nichts vor, Granger. Niemand schert sich um mich. Sie alle wissen, wie meine Geschichte endet."
Ihre Hand war kühl auf der glühenden Hitze seiner Haut, und sie ließ ihn zusammenzucken, so dass er keine andere Wahl hatte, als sie anzuschauen. Sie schüttelte den Kopf und sagte eindringlich: „Nichts ist in Stein gemeißelt, Malfoy. Wenn du etwas willst, wirklich willst, dann musst du dafür kämpfen. Niemand kann dich retten, wenn du nicht bereit bist, dich selbst zu retten."
Draco sah ihr in die Augen, so beharrlich und besorgt, und er dachte, vielleicht glaubte er ihr. Vielleicht war seine Zeit noch nicht vorbei. Vielleicht würde er es nicht allein tun müssen, während er den Druck ihrer Hände und die zittrige Hitze ihres Atems spürte und das Morgenlicht etwas Gutes für diesen Tag verheißen ließ.
„Granger.", begann er, schluckte und die Worte blieben ihm im Hals stecken. Sie nickte erwartungsvoll, und Draco überlegte, was er ihr sagen sollte, aber er konnte nicht sagen, was er ihr sagen wollte. Er hatte zu große Schmerzen und es war zu viel, was er von ihr verlangen wollte, und zu viel von sich selbst, um es preiszugeben: „Kannst du mich bitte in den Krankenflügel bringen?"
Hier wieder ein neues Kapitel, ich hoffe es hat euch gefallen. :)
Das nächste wird leider eine Weile dauern, da ich in ca. 3 Wochen von Deutschland nach Südkorea ziehe und jetzt privat zu viel Stress habe, um neue Kapitel hochzuladen. Sobald ich aber in Korea bin und der erste Stress vorbei ist, werde ich wieder jeden Dienstag ein neues Kapitel posten! (So in ca. 1,5 -2 Monaten)
Ich hoffe ihr habt dafür Verständnis und lest trotzdem weiter meine Übersetzungen. Ich werde in der Zwischenzeit Manacled nochmal überarbeiten, um die Rechtschreib- und Grammatikfehler zu verbessern, die sich noch eingeschlichen haben.
Vielen Dank aber trotzdem an alle die bis jetzt meine Übersetzung gelesen haben!
