KAPITEL 1
Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute
müssen sich nicht jetzt zugetragen haben. Diese trug sich vor Jahren zu und ich schreibe sie jetzt nieder um der Nachwelt das Vergessen auszutreiben.
Es war etliche Jahre her, da der dunkle Herrscher Macht über die Lande
Mittelerdes ausübte. Der Ringträger war alt geworden, aber noch nicht gebrechlich. Seine Freundschaft zu Samweis Gamdschie, dem Tapferen, ist inniger denn je zuvor. Denn er kam nur Sams wegen zurück aus den schönen Landen. Niemand außer Frodo wusste wie er zurückkam und er redete nie darüber, doch er war wieder da. Im Auenland, dem Land in das er gehörte.
Elben wandeln nicht mehr in den grünen Landen Mittelerdes. Gefahren sind sie
in die wundervollen Lande Valinors und wenn noch einige dieser wunderbaren
Geschöpfe Mittelerde mit Reichtum beglücken sollten, so sah sie kein Mensch,
kein Hobbit und kein anderes Lebewesen.
Die Welt ist im Wandel. Vieles änderte sich nach der Vernichtung des Einen.
Nicht alles änderte sich zum Guten.
Man spricht nicht mehr über Ihn. Der dunkle Herrscher ist in völlige
Vergessenheit geraten. Kein gesungenes Lied hält Kunde über Ihn.
Aragorn der große Herrscher Gondors weilt nicht mehr in seinem Land. Sein
eigenes Volk stürzte ihn und er zog sich voll Kummer zurück in die Wälder.
Nun herrscht kein König über das Königreich, ein schrecklicher Truchsess
regiert von Minas Tirith. Trotz der Beliebtheit und der Besonnenheit des Königs Aragorn setzte sich ein kleines Heer von Machtstrebenden gegen Aragorn und seine zahlreichen Anhänger durch und banden diese Unwissenden durch Wort und Traum an sich.
Eine schrecklichere Macht als die Macht Saurons ist mit seinen Truppen auf
dem Vormarsch. Niemand weiß woher sie entstammt, niemand weiß wie sie
hineingeboren wird, und niemand weiß wie mächtig sie ist. Doch eines das Wissen so
manche Geschöpfe Mittelerdes: Sie ist unaufhaltsam.
Kein Ring, kein Zauber und kein Schwert treibt sich voran.
Die Welt ist im Wandel.
"So sprecht nun, Baumbart, König der Ents!"
"Zeit, mein Freund, ist kostbar in diesen Tagen der Zerstörung. Ihr müsst
zurückkehren und euren vorgesehenen Platz wieder einnehmen."
"Mein Platz ward nicht länger der meinige zu sein. Übernommen und besetzt
wurde er von einem anderen, einem der Wünsche verspricht." "Ich sehe Kampf in euren Augen, ihr müsst ihn nur anwenden."
"Ihr sprechet in Rätseln, Herr Baumbart, meine Augen zeigen weder Kampf noch
Hoffnung, mein Schicksal ist besiegelt."
"Die Welt ist im Wandel, Herr Aragorn, Isildurs Erbe, KÖNIG von Gondor!", sprach Baumbart mit gehobener Stimme.
"Die Welt ist immer im Wandel und zu kämpfen vermag ich nicht mehr. Mein
Volk ließ mich fallen und es ist vielleicht gut so."
"Sprechet nicht die Unwahrheit, Herr Aragorn. Sein Gefühl kann man nicht
Lügen strafen, nicht einmal ihr vermögt dies zu tun."
Die dritte Stunde ward angebrochen seit Beginn dieses Gesprächs. Es war
bereits das zweite Treffen der Beiden. Doch das Erste war nicht in dieser
misslichen Lage abgehalten worden.
Aragorn hatte damals Baumbart aufgesucht. Er sollte ihm die Ereignisse
während des Ringkrieges aus seiner weisen Sicht schildern und natürliche die
Zerstörung des Reiches von Saruman. Schon ihr erstes Treffen währte lang, von
Sonnenaufgang bis hin zum Untergang, denn der Ent hatte einiges an Bericht zu
liefern und musste sich immer wieder von seinem vielen Sprechen ausruhen. Das war
er natürlich nicht gewohnt. Nach dem Ringkrieg sprach er über Jahre nicht ein
Wort und dann diese Mühe des stundenlangen Sprechens.
Doch dieses zweite Treffen wurde von Baumbart gewünscht. Er hatte zwei
Sommer mit der Suche nach Aragorn verbracht und er begann seine Suche, direkt
nachdem ihm zu Ohren kam, dass Aragorn nicht länger König sei.
Der weise Baumbart verspürte welche Folgen es haben würde, wenn Aragorn
nicht mehr über Gondor regierte. So standen sie nun zusammen im Fangorn, in dem
schon gar keine Huorns mehr lebten, die zogen fast alle nach Mordor, und
stritten über Recht und Unrecht.
Indes stieg irgendwo in Mittelerde der Geruch von Kaninchenragout und
Töfften auf.
An welchem Ort dies geschah, ist wohl jedem bekannt. Im Auenland saßen Frodo
Beutlin, Samweis Gamdschie, Peregrin Tuk und Meriadoc Brandybock zusammen auf
einer sich endlos erstreckenden, grünen Wiese. Auf einer kleinen Feuerstelle
kochten sie ihr letztes Mahl vor dem Aufbruch.
Frodo verabschiedete sich noch kurz von den anderen Hobbits, er wollte noch
seine Frau Liliane vor dem Aufbruch treffen. Er hatte sie erst vor kurzem geheiratet. Viele Jahre musste er um seine große Liebe kämpfen, da Liliane ihn erst nicht liebte oder er dem Glauben verfiel sie täte es nicht, aber das viele Leid und die unzähligen Tränen hatten sich gelohnt. Sie trafen sich an der Stelle an der sie sich kennen und lieben gelernt hatten, an der Brandyweinbrücke, an diesem wunderschönen Fluß. Hier saßen sie unzählige Male zusammen redeten oder genossen einfach nur den Anblick der fast unberührten Natur. Auch diesmal redeten sie nicht. Es gab nichts zu sagen, Beide wussten was der andere dachte, auch ohne Worte. Schweigend verabschiedeten sie sich auch. Frodo gab seiner Frau einen zärtlichen Kuss und konnte von ihren Augen ablesen, dass sie ihn vermisste, obwohl er noch nicht weg war. Doch weit mehr sprachen Lilianes Augen in diesem Moment, nur wollte es Frodo nicht sehen. Furcht, Angst, Panik und große Trauer sprachen aus den Augen. Sie wusste das sie ihren Mann nicht von der Reise abhalten könnte, doch sie wusste auch um die Gefahren einer solchen Reise für einen Halbling. Ihr Blick wich dem Frodo´s und schweifte über das kurze Schwert. Frodo hatte Glück diese Frau getroffen zu haben, sie war verständnisvoll und einfühlsam und auch jetzt tat sie das, was Frodo brauchte um seine Reise ruhigen Gewissens angehen zu können. Liliane nickte ihm zu. Frodo lächelte und küsste sie wieder. Wortlos drehte er sich um und wanderte zu seinen Freunden zurück.
"Es ist Zeit, Herr Frodo, wir sollten uns auf den Weg machen.", sagte Sam, der gerade vor Frodos Haustür stand. Es war mittlerweile Abend geworden. Die Hobbits wollten in der frühen Nacht aufbrechen. Frodo trat nur mit einem kleinen ledernen Sack ausgerüstet aus der Tür. Sam war da schon anders gerüstet. Er hatte zwei Kochtöpfe und eine Pfanne dabei und Frodo wettete insgeheim, dass sein Freund auch Töfften mitgenommen hatte. Merry und Pippin erschienen nur wenige Minuten später. Sie trugen dieselbe Last die auch Sam trug. Frodo begutachtete die Runde kurz und sprach dann:
"Auf, auf meine Freunde! Lasst uns die Reise beginnen."
Seltsame Personen waren sie diese vier! Ja, verrückt oder besessen könnte man meinen! Mich dünkt, die haben zuviel Pfeifenkraut und Bier getrunken! So sprach man über die vier Hobbits im Auenland. Denn trotz des Gedenkens an große Taten, vor allem auch der Lieder über die Taten der Halblinge, war es den anderen Hobbits noch immer zuwider, Abenteuer zu bestehen oder auch nur ihr schönes Auenland zu verlassen.
Denn das Auenland ward noch schöner geworden nach dem Krieg des Ringes.
Samweis Gamdschie, der wohl als berühmtester Gärtner in die Geschichte der Hobbits und überhaupt in die Gesänge aller Völker eingehen wird, bepflanzte das Auenland in neuer Pracht. Natürlich hatte er da seine Geheimnisse, wie z. B. elbische Hilfe, aber darüber ist nur wenig bekannt. Außerdem züchtete er die größte Töffte die das Auenland jemals gesehen hatte: Sie war fast ein Gros Pfund schwer.
So wanderten die vier Hobbits durch das Auenland, immer südwestlich und mit dem Wissen, 500 Meilen vor sich zu haben. Doch nichts und niemand konnte sie von ihrem Wagnis abhalten. Auch zeigten sie keine Trauer über diese Reise, ihre Stimmung war fröhlich und ausgelassen. Es war fast so wie früher, dachte Merry. Der gerade über seine Streiche mit Pip nachdachte und darüber wie viel Gemüse sie den Bauern im Auenland wohl abgenommen hatten.
Sam und Pippin stritten friedlich über die beste Zubereitung von Kaninchen
und Frodo wanderte mit einem Lächeln im Gesicht voran. Er war glücklich sich
wieder auf eine Reise begeben zu können ohne den Schmerz des Ringes zu fühlen.
Nach wenigen Meilen legten sie ihre erste Rast ein. Merry und Pippin bestanden auf ein Mitternachtsmahl. Frodo stimmte zwar zu, wollte aber nicht, dass ein Feuer gemacht wurde. So begnügten sich alle mit frischem Obst, das Merry geklaut hatte. Nach der kurzen Rast wanderten sie weiter und redeten über ihre unbeschwerten Kindheitstage. Lange schien ihnen das Wandern schon nicht mehr so leicht gefallen zu sein wie in dieser Nacht.
Die Nacht war klar, die Luft rein und die Sterne funkelten am Firmament. Also eine wundervolle Nacht, die, die Hobbits mit wandern verbrachten. Sie wollten erst wieder in der nächsten Nacht schlafen. Wenn es keine Störungen gebe hofften sie am zweiten Tag ihrer Reise den Grünweg zu erreichen und dann ihm zu folgen.
So wanderten und wanderten sie und rasteten erst wieder in der nächsten Nacht an einem kleinen Waldstück. Merry und Pip richteten ihr kleines Lager auf und Frodo und Sam sammelten Holz für ein Feuer. Es sollte die ganze Nacht brennen um Tiere fernzuhalten. Frodo und Sam nutzen die gemeinsame Zeit um über
ihre Familien zu sprechen.
"Ich will ja nicht zu neugierig sein Herr Frodo, aber wie sieht es denn bei
euch aus?"
"Wovon sprichst du Sam?", fragte Frodo mit einem Lächeln auf den Lippen.
"Ich meine Kinder."
"Ach so!" Frodo lachte und klopfte seinem Freund auf die Schulter. "Du bist
wirklich zu neugierig."
"Psssst!!! Herr Frodo, hörst du das?"
"Was denn, Sam???"
Dann erblickte auch Frodo es. Wenige Fuß von ihnen entfernt stand ein Wildschwein und es schien kampfbereit zu sein.
Instinktiv zogen Frodo und Sam ihre Schwerter. Schon geschah es: Das Wildschwein rannte unter lautem Grunzen auf die Beiden zu und bohrte seine Keiler in Sams Bein. Dieser schrie laut auf und fiel zu Boden.
Mit einem beherztem Sprung fiel Frodo über das Schwein her und bohrte die scharfe Klinge in den Rücken des aggressiven Keilers. Doch es schien zwecklos, der Keiler warf Frodo von sich ab und bohrte sich immer tiefer in das Bein des Halblings, dessen Schreie durch Herz und Mark gingen. Wieder stach Frodo zu.
Diesmal traf er den Kopf des Schweins und es fiel und ließ von Sam ab.
Nun rannten auch Merry und Pippin, aufgeschreckt durch Sams Schreie, zu der Stelle.
"Frodo, Sam!!! So sprecht doch!"
"Kommt hierher!", rief Frodo zurück.
Er lag schon neben Sam und versuchte ihm gut zuzureden.
Samweis jedoch hörte diese Worte nicht. Die Pein hatte ihn sein Bewusstsein verlieren lassen. Endlich erreichten auch die beiden anderen Hobbits den Kampfplatz und reagierten sofort auf Frodos Anweisungen.
"Merry, Pippin, fasst ihn an den Füßen, wir ziehen ihn zum Waldrand!"
Kaum sprach Frodo diese Worte, erwachte Sam wieder aus der Dunkelheit. Seine Schreie verstummten, einzig ein klägliches Wimmern konnte von den anderen vernommen werden.
Es verstrichen wenige Augenblicke bis Sam auf mehreren Stoffdecken gebettet vor einem kleinen Feuer lag. Auch wenn das Hobbitvolk gerne als faul bezeichnet wird, so ist es doch flink mit Rat und Tat, wenn es der Moment fordert. Frodo wich nicht von Sams Seite und versorgte ihn so gut es ging. Die klaffende Wunde zeichnete Sam nicht durch Größe, sondern durch Tiefe. Die Haut lag wie ein Fetzen neben der schon jetzt eiternden Wunde.
Merry reichte Sam einen Krug.
"Trink das, Sam. Es möge dir nützen."
Ohne jedes Wort ließ der schwer atmende Sam sich das Gebräu einflößen.
Frodo stellte sich auf seine Füße und ging zu Merry.
"Es sieht schlecht aus. Ich glaube nicht, dass wir weiter wandern können. Ich hoffe, dass Sam es überlebt."
"Er ist ein Kämpfer..."
"Auch Kämpfer sterben bei Zeiten lieber Merry."
Schon Tage wanderte der Ent durch den Fangorn, ohne auch nur einen seiner Freunde gesehen zu haben. Noch lagen etliche Meilen vor ihm und dann wieder etliche Meilen für den Rückweg. Viel Arbeit lag noch vor ihm.
Langsam, Schritt für Schritt, schleppte er sich weiter vorwärts. Dann erspähten seine vom Alter geschwächten Augen einen Bach. Baumbart wollte die Gelegenheit nutzen und etwas Wasser aufnehmen. Dabei konnte er gleich etwas über die Lebewesen hier erfahren. Er lief zwischen den hohen Bäumen, es waren meist Buchen und Erlen, her und gelangte zu der Stelle die ihm kühles Nass versprach.
Natürlich fragt man sich warum der Ent seine langen Wurzeln nicht einfach irgendwo im Waldboden vergrub, doch das wäre für den eilenden Ent zu viel der verschenkten, kostbaren Zeit.
Baumbart vernahm das Leid der Pflanzen und Bäume in diesem Stück des Waldes.
Sie riefen um Hilfe, baten um Vergebung.
Baumbart schleppte seinen müden Stamm wieder voran, seinem Ziel immer weiter
entgegen. Vorbei an kranken, gefällten und toten Bäumen...
Was vernahm ich doch für Schreie? Die Pein meiner stummen Freunde war deutlich zu hören! Doch wen rufen sie? Was geschieht in diesen Landen? Ich vermag es nicht zu deuten. Doch die Zeichen sprechen Wahrheit...Homm, das tun sie immer. Wenig Ents gibt es hier, ihre Zahl ist Null. Wo sind sie hin, warum zogen sie von dannen? Homm, man kann Millionen Jahre überleben, doch alles Wissen, das ist und bleibt ausgeschlossen. Fragen stellen sich immer und Antworten gibt es wenig. Sie zu klären wird meine Aufgabe sein....
Mit diesen Gedanken legte er vier weitere Meilen zurück und dann stoppte er.
Er hielt einfach aus dem lauf an und schärfte seine Sinne.
Er roch etwas...es war Feuer!!
So schnell wie es einem Ent nun möglich war lief er zu der Stelle, von der der Geruch kam. Da sah er es schon.
Eine große Fläche des Waldes brannte. Die Schreie, die für Baumbart klar und deutlich zu hören waren, quälten ihn. Da brannten zwei Dutzend seiner Freunde bei lebendigem Leib und schrien aus ihren stummen Mündern. Sie baten um das Ende ihrer Qual, wollten lieber den Tod, als dies weiter zu erleben.
Rat- und machtlos stand Baumbart drei Meilen von diesem schaurigen Schlachtfeld entfernt, ohne eine geringe Chance Hilfe aufbringen zu können. Er musste mit ansehen wie seine Freunde verbrannten, bei lebendigem Leib.
Da geschah es....
Die Sonne verfinsterte sich und wurde von dunklen Wolken bedeckt. Diese ließen ihr ganzes Nass ab, doch es war zu wenig um die lodernden Flammen zu bändigen. Drei Stunden strichen durchs Land ehe auch die letzte Flamme besiegt war. Überlebende fand Baumbart nicht und man konnte sogar froh sein, dass sich die Höllenflammen nicht weiter ausbreiteten. Es war ein Bild des Schreckens für den Ent. Ein Bild der Zerstörung und Verwüstung, das ihm fast den Kopf zerberste.
Er verspürte keine Trauer, auch verspürte er keine Wut. Alles was er zu spüren vermochte war Leere, bittere, eisige Leere.
Doch in einem glaubte er Gewißheit gefunden zu haben. Dies war nicht das Handwerk der Mutter, dies war der Streich der Menschen. Die Flammen loderten aus einem Kreis nach innen und fraßen alles lebende.
Die Mutter hätte solch Präzision nicht walten lassen.
Schweren Herzens und Tränen vergießend drehte Baumbart sich um. Er glaubte, genügend zu wissen. Er wollte sich einen Rastplatz suchen. Weit weg von diesem Leid, dass ihm den klaren Sinn raubte. So wanderte er wieder einige Meilen tiefer in den Fangorn...
So so, die Menschen also. Homm, ich vermag nicht zu Erkennen warum, doch dies wird sich aufklären. Kommet Zeit, kommet Rat... Nie wieder möchte mein Herz solch sinnlose Pein spüren, nie wieder sollen meine Augen diesen Schrecken erblicken, so wahr ich Baumbart, Herr der Ents bin!
Mit diesem gedachten Schwur begann er zu rasten.
"Du solltest dich nicht verausgaben, Sam!", sprach Frodo mit fröhlicher Stimme.
"Ich muss wieder laufen Herr Frodo. Mein Herz drängt mich."
Sam humpelte, gefesselt an einen hölzernen Stab, den Merry und Pippin angefertigt hatten, über den Weg.
"Er ist sehr tapfer.", sprach Merry zu Pippin und Frodo, die allesamt versammelt waren um ihren Freund zu beobachten. Langsam kam Sam zu den anderen Hobbits zurück.
"Ich schätze, wir können unsere Reise fortsetzen meine, Freunde! Ich werde euch zwar aufhalten, doch ich werde mich nicht zurücklassen lassen!" ,rief Sam mit einem Lachen auf dem Gesicht.
"Sam, du kannst den weiten Weg mit der Verletzung nicht bewältigen. Wir werden unsere Reise alle abbrechen.", antwortete Frodo streng.
"Ich widerspreche dir ungern, Herr Frodo, aber diesmal ist es angebracht. Wir werden unsere Reise zu viert beginnen und zu viert beenden."
Nach kurzem Disput war es dann beschlossene Sache:
Die Reise solle fortgesetzt werden.
So machten sich die Hobbits nach ausgiebigem Frühstück auf den Weg. Noch am selbigen Tag, vor Einbruch der Nacht, wollten sie den Grünweg erreichen und dieses Ziel wurde auch, mit wenigen Stunden Verspätung, erreicht. Sie wanderten bis tief in die Nacht und kamen so an ihr Ziel. Mit am Wegrand gefundenem Holz entzündeten sie ein kleines Feuer, dass ihnen Wärme und eine Mahlzeit verschaffte. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich, was nicht zuletzt an dem Bier lag, was Merry mitgenommen hatte. Wie, wussten die Hobbits auch nicht, er kramte es einfach aus seinem Rucksack hervor.
Sie erzählten sich alte Hobbitgeschichten und sangen fröhliche Lieder von Bier, Weib und Töfften. Frodo ergänzte die Geschichten immer wieder mit Anekdoten über Mensch und Elb. Er war noch belesener geworden nach dem Ringkrieg, studierte Karten und las weitaus mehr als es sich für einen Hobbit ziemte.
Da fiel ihm eine weitere Geschichte ein:
"Mein Gedächtnis lässt mich nicht an die Einzelheiten der Geschichte, doch ich will sie euch im Groben schildern: Einst lebte ein König unter den Menschen. Er legte einen Schwur ab. Nie wieder wollte er in den Wald jagen gehen, wenn nicht jeder Ork in seinem Reich getötet wurde. Jahre strichen so ohne Jagd durchs Land und irgendwann wurde auch der letzte Ork von seinen Mannen niedergestreckt. Voller Freude machte sich der König noch am selbigen Tag auf den Weg in den Wald um zu jagen..."
Frodo trank einen großen Schluck Bier, während die anderen Halblinge ihn gespannt ansahen.
"...so ging er nun in den Wald und jetzt kommt der spannende Teil der Geschichte, so gesehen hattest du viel Glück, Samweis Gamdschie, der Tapfere."
"Warum, Herr Frodo? Nun sag es schon!"
"Er ging in den Wald und wollte jagen. Dabei wurde er von einem Wildschwein niedergestreckt."
Die Hobbits brachen in Gelächter aus und verstummten nur wenige Augenblicke später wieder. Das schlechte Gewissen nagte an ihnen. Es war schon komisch, ein starker König der Menschen, gefallen im Kampf mit einem Schwein, aber er war immerhin gefallen und darüber sollte man schließlich nicht in Gelächter verfallen, es sei denn es wäre ein Ork.
Der nächste Morgen ereilte die Hobbits schneller als gedacht. Viel schlaf ward ihnen in dieser Nacht nicht vergönnt, doch das störte sie nicht besonders. Der Ringkrieg hatte die kleinen Halblinge zäh und sehr tapfer gemacht.
Immer noch schwer bepackt machten sich die Vier auf den Weg. Bis zum Gwathlo waren es gut 150 Meilen und die wollten sie in vier Tagen zurücklegen. Hätte ihnen vor dem Ringkrieg jemand prophezeit, sie würden 150 Meilen in vier Tagen zurücklegen, wären die Hobbits wohl vor Lachen über diese unmöglich zu bewältigende Aufgabe umgefallen, doch jetzt, jetzt wanderten sie und pfiffen fröhlich Lieder.
Sam verzog des öfteren das Gesicht vor Schmerz, doch er war nicht umsonst Samweis, der Tapfere! So schleppte er sich weiter auf seinen Stab gestützt voran und versuchte nach Kräften den Schmerz im Bein zu vergessen, der trotz der Strapazen schon abgenommen hatte.
Weitere Überraschungen sollten die Hobbits in den nächsten Tagen der Wanderung nicht ereilen.
Ein Pferd, von Schönheit gesegnet, legte Meter um Meter im Galopp zurück. Die Leichtigkeit des Ganges wirbelte kaum Staub auf und die endlose Landschaft
vor ihm schien nicht länger endlos.
Schattenfell trug Gandalf von Lorien aus gen Süden. Der Weiße war in Eile.
Viele Nachrichten wurden ihm kundgetan in letzter Zeit. Viel nachgedacht hatte
er und viele Schlüsse gezogen. Nun war es Zeit. Denn ein Zauberer kam immer, wenn er es für richtig hielt. Die Zeit war reif für das Handeln von Mithrandir. Er hatte viel Arbeit vor sich. Musste verschiedene Freunde treffen, sich selbst ein Bild der Zeit schaffen und Rat geben, wenn dieser denn von ihm verlangt wurde.
Das erste Ziel seiner Reise lag noch 50 Meilen von ihm entfernt, doch die würde er dank Schattenfell schnell überwinden. Doch die Suche würde wohl mehr Zeit in Anspruch nehmen und Zeit war kostbar in Tagen des Krieges. Gandalf hoffe das die Zeit in diesen Tagen nicht allzu Kostbar wäre.
Doch das Böse vermag nicht ausgerottet zu werden.
Die Welt ist im Wandel.
Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute
müssen sich nicht jetzt zugetragen haben. Diese trug sich vor Jahren zu und ich schreibe sie jetzt nieder um der Nachwelt das Vergessen auszutreiben.
Es war etliche Jahre her, da der dunkle Herrscher Macht über die Lande
Mittelerdes ausübte. Der Ringträger war alt geworden, aber noch nicht gebrechlich. Seine Freundschaft zu Samweis Gamdschie, dem Tapferen, ist inniger denn je zuvor. Denn er kam nur Sams wegen zurück aus den schönen Landen. Niemand außer Frodo wusste wie er zurückkam und er redete nie darüber, doch er war wieder da. Im Auenland, dem Land in das er gehörte.
Elben wandeln nicht mehr in den grünen Landen Mittelerdes. Gefahren sind sie
in die wundervollen Lande Valinors und wenn noch einige dieser wunderbaren
Geschöpfe Mittelerde mit Reichtum beglücken sollten, so sah sie kein Mensch,
kein Hobbit und kein anderes Lebewesen.
Die Welt ist im Wandel. Vieles änderte sich nach der Vernichtung des Einen.
Nicht alles änderte sich zum Guten.
Man spricht nicht mehr über Ihn. Der dunkle Herrscher ist in völlige
Vergessenheit geraten. Kein gesungenes Lied hält Kunde über Ihn.
Aragorn der große Herrscher Gondors weilt nicht mehr in seinem Land. Sein
eigenes Volk stürzte ihn und er zog sich voll Kummer zurück in die Wälder.
Nun herrscht kein König über das Königreich, ein schrecklicher Truchsess
regiert von Minas Tirith. Trotz der Beliebtheit und der Besonnenheit des Königs Aragorn setzte sich ein kleines Heer von Machtstrebenden gegen Aragorn und seine zahlreichen Anhänger durch und banden diese Unwissenden durch Wort und Traum an sich.
Eine schrecklichere Macht als die Macht Saurons ist mit seinen Truppen auf
dem Vormarsch. Niemand weiß woher sie entstammt, niemand weiß wie sie
hineingeboren wird, und niemand weiß wie mächtig sie ist. Doch eines das Wissen so
manche Geschöpfe Mittelerdes: Sie ist unaufhaltsam.
Kein Ring, kein Zauber und kein Schwert treibt sich voran.
Die Welt ist im Wandel.
"So sprecht nun, Baumbart, König der Ents!"
"Zeit, mein Freund, ist kostbar in diesen Tagen der Zerstörung. Ihr müsst
zurückkehren und euren vorgesehenen Platz wieder einnehmen."
"Mein Platz ward nicht länger der meinige zu sein. Übernommen und besetzt
wurde er von einem anderen, einem der Wünsche verspricht." "Ich sehe Kampf in euren Augen, ihr müsst ihn nur anwenden."
"Ihr sprechet in Rätseln, Herr Baumbart, meine Augen zeigen weder Kampf noch
Hoffnung, mein Schicksal ist besiegelt."
"Die Welt ist im Wandel, Herr Aragorn, Isildurs Erbe, KÖNIG von Gondor!", sprach Baumbart mit gehobener Stimme.
"Die Welt ist immer im Wandel und zu kämpfen vermag ich nicht mehr. Mein
Volk ließ mich fallen und es ist vielleicht gut so."
"Sprechet nicht die Unwahrheit, Herr Aragorn. Sein Gefühl kann man nicht
Lügen strafen, nicht einmal ihr vermögt dies zu tun."
Die dritte Stunde ward angebrochen seit Beginn dieses Gesprächs. Es war
bereits das zweite Treffen der Beiden. Doch das Erste war nicht in dieser
misslichen Lage abgehalten worden.
Aragorn hatte damals Baumbart aufgesucht. Er sollte ihm die Ereignisse
während des Ringkrieges aus seiner weisen Sicht schildern und natürliche die
Zerstörung des Reiches von Saruman. Schon ihr erstes Treffen währte lang, von
Sonnenaufgang bis hin zum Untergang, denn der Ent hatte einiges an Bericht zu
liefern und musste sich immer wieder von seinem vielen Sprechen ausruhen. Das war
er natürlich nicht gewohnt. Nach dem Ringkrieg sprach er über Jahre nicht ein
Wort und dann diese Mühe des stundenlangen Sprechens.
Doch dieses zweite Treffen wurde von Baumbart gewünscht. Er hatte zwei
Sommer mit der Suche nach Aragorn verbracht und er begann seine Suche, direkt
nachdem ihm zu Ohren kam, dass Aragorn nicht länger König sei.
Der weise Baumbart verspürte welche Folgen es haben würde, wenn Aragorn
nicht mehr über Gondor regierte. So standen sie nun zusammen im Fangorn, in dem
schon gar keine Huorns mehr lebten, die zogen fast alle nach Mordor, und
stritten über Recht und Unrecht.
Indes stieg irgendwo in Mittelerde der Geruch von Kaninchenragout und
Töfften auf.
An welchem Ort dies geschah, ist wohl jedem bekannt. Im Auenland saßen Frodo
Beutlin, Samweis Gamdschie, Peregrin Tuk und Meriadoc Brandybock zusammen auf
einer sich endlos erstreckenden, grünen Wiese. Auf einer kleinen Feuerstelle
kochten sie ihr letztes Mahl vor dem Aufbruch.
Frodo verabschiedete sich noch kurz von den anderen Hobbits, er wollte noch
seine Frau Liliane vor dem Aufbruch treffen. Er hatte sie erst vor kurzem geheiratet. Viele Jahre musste er um seine große Liebe kämpfen, da Liliane ihn erst nicht liebte oder er dem Glauben verfiel sie täte es nicht, aber das viele Leid und die unzähligen Tränen hatten sich gelohnt. Sie trafen sich an der Stelle an der sie sich kennen und lieben gelernt hatten, an der Brandyweinbrücke, an diesem wunderschönen Fluß. Hier saßen sie unzählige Male zusammen redeten oder genossen einfach nur den Anblick der fast unberührten Natur. Auch diesmal redeten sie nicht. Es gab nichts zu sagen, Beide wussten was der andere dachte, auch ohne Worte. Schweigend verabschiedeten sie sich auch. Frodo gab seiner Frau einen zärtlichen Kuss und konnte von ihren Augen ablesen, dass sie ihn vermisste, obwohl er noch nicht weg war. Doch weit mehr sprachen Lilianes Augen in diesem Moment, nur wollte es Frodo nicht sehen. Furcht, Angst, Panik und große Trauer sprachen aus den Augen. Sie wusste das sie ihren Mann nicht von der Reise abhalten könnte, doch sie wusste auch um die Gefahren einer solchen Reise für einen Halbling. Ihr Blick wich dem Frodo´s und schweifte über das kurze Schwert. Frodo hatte Glück diese Frau getroffen zu haben, sie war verständnisvoll und einfühlsam und auch jetzt tat sie das, was Frodo brauchte um seine Reise ruhigen Gewissens angehen zu können. Liliane nickte ihm zu. Frodo lächelte und küsste sie wieder. Wortlos drehte er sich um und wanderte zu seinen Freunden zurück.
"Es ist Zeit, Herr Frodo, wir sollten uns auf den Weg machen.", sagte Sam, der gerade vor Frodos Haustür stand. Es war mittlerweile Abend geworden. Die Hobbits wollten in der frühen Nacht aufbrechen. Frodo trat nur mit einem kleinen ledernen Sack ausgerüstet aus der Tür. Sam war da schon anders gerüstet. Er hatte zwei Kochtöpfe und eine Pfanne dabei und Frodo wettete insgeheim, dass sein Freund auch Töfften mitgenommen hatte. Merry und Pippin erschienen nur wenige Minuten später. Sie trugen dieselbe Last die auch Sam trug. Frodo begutachtete die Runde kurz und sprach dann:
"Auf, auf meine Freunde! Lasst uns die Reise beginnen."
Seltsame Personen waren sie diese vier! Ja, verrückt oder besessen könnte man meinen! Mich dünkt, die haben zuviel Pfeifenkraut und Bier getrunken! So sprach man über die vier Hobbits im Auenland. Denn trotz des Gedenkens an große Taten, vor allem auch der Lieder über die Taten der Halblinge, war es den anderen Hobbits noch immer zuwider, Abenteuer zu bestehen oder auch nur ihr schönes Auenland zu verlassen.
Denn das Auenland ward noch schöner geworden nach dem Krieg des Ringes.
Samweis Gamdschie, der wohl als berühmtester Gärtner in die Geschichte der Hobbits und überhaupt in die Gesänge aller Völker eingehen wird, bepflanzte das Auenland in neuer Pracht. Natürlich hatte er da seine Geheimnisse, wie z. B. elbische Hilfe, aber darüber ist nur wenig bekannt. Außerdem züchtete er die größte Töffte die das Auenland jemals gesehen hatte: Sie war fast ein Gros Pfund schwer.
So wanderten die vier Hobbits durch das Auenland, immer südwestlich und mit dem Wissen, 500 Meilen vor sich zu haben. Doch nichts und niemand konnte sie von ihrem Wagnis abhalten. Auch zeigten sie keine Trauer über diese Reise, ihre Stimmung war fröhlich und ausgelassen. Es war fast so wie früher, dachte Merry. Der gerade über seine Streiche mit Pip nachdachte und darüber wie viel Gemüse sie den Bauern im Auenland wohl abgenommen hatten.
Sam und Pippin stritten friedlich über die beste Zubereitung von Kaninchen
und Frodo wanderte mit einem Lächeln im Gesicht voran. Er war glücklich sich
wieder auf eine Reise begeben zu können ohne den Schmerz des Ringes zu fühlen.
Nach wenigen Meilen legten sie ihre erste Rast ein. Merry und Pippin bestanden auf ein Mitternachtsmahl. Frodo stimmte zwar zu, wollte aber nicht, dass ein Feuer gemacht wurde. So begnügten sich alle mit frischem Obst, das Merry geklaut hatte. Nach der kurzen Rast wanderten sie weiter und redeten über ihre unbeschwerten Kindheitstage. Lange schien ihnen das Wandern schon nicht mehr so leicht gefallen zu sein wie in dieser Nacht.
Die Nacht war klar, die Luft rein und die Sterne funkelten am Firmament. Also eine wundervolle Nacht, die, die Hobbits mit wandern verbrachten. Sie wollten erst wieder in der nächsten Nacht schlafen. Wenn es keine Störungen gebe hofften sie am zweiten Tag ihrer Reise den Grünweg zu erreichen und dann ihm zu folgen.
So wanderten und wanderten sie und rasteten erst wieder in der nächsten Nacht an einem kleinen Waldstück. Merry und Pip richteten ihr kleines Lager auf und Frodo und Sam sammelten Holz für ein Feuer. Es sollte die ganze Nacht brennen um Tiere fernzuhalten. Frodo und Sam nutzen die gemeinsame Zeit um über
ihre Familien zu sprechen.
"Ich will ja nicht zu neugierig sein Herr Frodo, aber wie sieht es denn bei
euch aus?"
"Wovon sprichst du Sam?", fragte Frodo mit einem Lächeln auf den Lippen.
"Ich meine Kinder."
"Ach so!" Frodo lachte und klopfte seinem Freund auf die Schulter. "Du bist
wirklich zu neugierig."
"Psssst!!! Herr Frodo, hörst du das?"
"Was denn, Sam???"
Dann erblickte auch Frodo es. Wenige Fuß von ihnen entfernt stand ein Wildschwein und es schien kampfbereit zu sein.
Instinktiv zogen Frodo und Sam ihre Schwerter. Schon geschah es: Das Wildschwein rannte unter lautem Grunzen auf die Beiden zu und bohrte seine Keiler in Sams Bein. Dieser schrie laut auf und fiel zu Boden.
Mit einem beherztem Sprung fiel Frodo über das Schwein her und bohrte die scharfe Klinge in den Rücken des aggressiven Keilers. Doch es schien zwecklos, der Keiler warf Frodo von sich ab und bohrte sich immer tiefer in das Bein des Halblings, dessen Schreie durch Herz und Mark gingen. Wieder stach Frodo zu.
Diesmal traf er den Kopf des Schweins und es fiel und ließ von Sam ab.
Nun rannten auch Merry und Pippin, aufgeschreckt durch Sams Schreie, zu der Stelle.
"Frodo, Sam!!! So sprecht doch!"
"Kommt hierher!", rief Frodo zurück.
Er lag schon neben Sam und versuchte ihm gut zuzureden.
Samweis jedoch hörte diese Worte nicht. Die Pein hatte ihn sein Bewusstsein verlieren lassen. Endlich erreichten auch die beiden anderen Hobbits den Kampfplatz und reagierten sofort auf Frodos Anweisungen.
"Merry, Pippin, fasst ihn an den Füßen, wir ziehen ihn zum Waldrand!"
Kaum sprach Frodo diese Worte, erwachte Sam wieder aus der Dunkelheit. Seine Schreie verstummten, einzig ein klägliches Wimmern konnte von den anderen vernommen werden.
Es verstrichen wenige Augenblicke bis Sam auf mehreren Stoffdecken gebettet vor einem kleinen Feuer lag. Auch wenn das Hobbitvolk gerne als faul bezeichnet wird, so ist es doch flink mit Rat und Tat, wenn es der Moment fordert. Frodo wich nicht von Sams Seite und versorgte ihn so gut es ging. Die klaffende Wunde zeichnete Sam nicht durch Größe, sondern durch Tiefe. Die Haut lag wie ein Fetzen neben der schon jetzt eiternden Wunde.
Merry reichte Sam einen Krug.
"Trink das, Sam. Es möge dir nützen."
Ohne jedes Wort ließ der schwer atmende Sam sich das Gebräu einflößen.
Frodo stellte sich auf seine Füße und ging zu Merry.
"Es sieht schlecht aus. Ich glaube nicht, dass wir weiter wandern können. Ich hoffe, dass Sam es überlebt."
"Er ist ein Kämpfer..."
"Auch Kämpfer sterben bei Zeiten lieber Merry."
Schon Tage wanderte der Ent durch den Fangorn, ohne auch nur einen seiner Freunde gesehen zu haben. Noch lagen etliche Meilen vor ihm und dann wieder etliche Meilen für den Rückweg. Viel Arbeit lag noch vor ihm.
Langsam, Schritt für Schritt, schleppte er sich weiter vorwärts. Dann erspähten seine vom Alter geschwächten Augen einen Bach. Baumbart wollte die Gelegenheit nutzen und etwas Wasser aufnehmen. Dabei konnte er gleich etwas über die Lebewesen hier erfahren. Er lief zwischen den hohen Bäumen, es waren meist Buchen und Erlen, her und gelangte zu der Stelle die ihm kühles Nass versprach.
Natürlich fragt man sich warum der Ent seine langen Wurzeln nicht einfach irgendwo im Waldboden vergrub, doch das wäre für den eilenden Ent zu viel der verschenkten, kostbaren Zeit.
Baumbart vernahm das Leid der Pflanzen und Bäume in diesem Stück des Waldes.
Sie riefen um Hilfe, baten um Vergebung.
Baumbart schleppte seinen müden Stamm wieder voran, seinem Ziel immer weiter
entgegen. Vorbei an kranken, gefällten und toten Bäumen...
Was vernahm ich doch für Schreie? Die Pein meiner stummen Freunde war deutlich zu hören! Doch wen rufen sie? Was geschieht in diesen Landen? Ich vermag es nicht zu deuten. Doch die Zeichen sprechen Wahrheit...Homm, das tun sie immer. Wenig Ents gibt es hier, ihre Zahl ist Null. Wo sind sie hin, warum zogen sie von dannen? Homm, man kann Millionen Jahre überleben, doch alles Wissen, das ist und bleibt ausgeschlossen. Fragen stellen sich immer und Antworten gibt es wenig. Sie zu klären wird meine Aufgabe sein....
Mit diesen Gedanken legte er vier weitere Meilen zurück und dann stoppte er.
Er hielt einfach aus dem lauf an und schärfte seine Sinne.
Er roch etwas...es war Feuer!!
So schnell wie es einem Ent nun möglich war lief er zu der Stelle, von der der Geruch kam. Da sah er es schon.
Eine große Fläche des Waldes brannte. Die Schreie, die für Baumbart klar und deutlich zu hören waren, quälten ihn. Da brannten zwei Dutzend seiner Freunde bei lebendigem Leib und schrien aus ihren stummen Mündern. Sie baten um das Ende ihrer Qual, wollten lieber den Tod, als dies weiter zu erleben.
Rat- und machtlos stand Baumbart drei Meilen von diesem schaurigen Schlachtfeld entfernt, ohne eine geringe Chance Hilfe aufbringen zu können. Er musste mit ansehen wie seine Freunde verbrannten, bei lebendigem Leib.
Da geschah es....
Die Sonne verfinsterte sich und wurde von dunklen Wolken bedeckt. Diese ließen ihr ganzes Nass ab, doch es war zu wenig um die lodernden Flammen zu bändigen. Drei Stunden strichen durchs Land ehe auch die letzte Flamme besiegt war. Überlebende fand Baumbart nicht und man konnte sogar froh sein, dass sich die Höllenflammen nicht weiter ausbreiteten. Es war ein Bild des Schreckens für den Ent. Ein Bild der Zerstörung und Verwüstung, das ihm fast den Kopf zerberste.
Er verspürte keine Trauer, auch verspürte er keine Wut. Alles was er zu spüren vermochte war Leere, bittere, eisige Leere.
Doch in einem glaubte er Gewißheit gefunden zu haben. Dies war nicht das Handwerk der Mutter, dies war der Streich der Menschen. Die Flammen loderten aus einem Kreis nach innen und fraßen alles lebende.
Die Mutter hätte solch Präzision nicht walten lassen.
Schweren Herzens und Tränen vergießend drehte Baumbart sich um. Er glaubte, genügend zu wissen. Er wollte sich einen Rastplatz suchen. Weit weg von diesem Leid, dass ihm den klaren Sinn raubte. So wanderte er wieder einige Meilen tiefer in den Fangorn...
So so, die Menschen also. Homm, ich vermag nicht zu Erkennen warum, doch dies wird sich aufklären. Kommet Zeit, kommet Rat... Nie wieder möchte mein Herz solch sinnlose Pein spüren, nie wieder sollen meine Augen diesen Schrecken erblicken, so wahr ich Baumbart, Herr der Ents bin!
Mit diesem gedachten Schwur begann er zu rasten.
"Du solltest dich nicht verausgaben, Sam!", sprach Frodo mit fröhlicher Stimme.
"Ich muss wieder laufen Herr Frodo. Mein Herz drängt mich."
Sam humpelte, gefesselt an einen hölzernen Stab, den Merry und Pippin angefertigt hatten, über den Weg.
"Er ist sehr tapfer.", sprach Merry zu Pippin und Frodo, die allesamt versammelt waren um ihren Freund zu beobachten. Langsam kam Sam zu den anderen Hobbits zurück.
"Ich schätze, wir können unsere Reise fortsetzen meine, Freunde! Ich werde euch zwar aufhalten, doch ich werde mich nicht zurücklassen lassen!" ,rief Sam mit einem Lachen auf dem Gesicht.
"Sam, du kannst den weiten Weg mit der Verletzung nicht bewältigen. Wir werden unsere Reise alle abbrechen.", antwortete Frodo streng.
"Ich widerspreche dir ungern, Herr Frodo, aber diesmal ist es angebracht. Wir werden unsere Reise zu viert beginnen und zu viert beenden."
Nach kurzem Disput war es dann beschlossene Sache:
Die Reise solle fortgesetzt werden.
So machten sich die Hobbits nach ausgiebigem Frühstück auf den Weg. Noch am selbigen Tag, vor Einbruch der Nacht, wollten sie den Grünweg erreichen und dieses Ziel wurde auch, mit wenigen Stunden Verspätung, erreicht. Sie wanderten bis tief in die Nacht und kamen so an ihr Ziel. Mit am Wegrand gefundenem Holz entzündeten sie ein kleines Feuer, dass ihnen Wärme und eine Mahlzeit verschaffte. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich, was nicht zuletzt an dem Bier lag, was Merry mitgenommen hatte. Wie, wussten die Hobbits auch nicht, er kramte es einfach aus seinem Rucksack hervor.
Sie erzählten sich alte Hobbitgeschichten und sangen fröhliche Lieder von Bier, Weib und Töfften. Frodo ergänzte die Geschichten immer wieder mit Anekdoten über Mensch und Elb. Er war noch belesener geworden nach dem Ringkrieg, studierte Karten und las weitaus mehr als es sich für einen Hobbit ziemte.
Da fiel ihm eine weitere Geschichte ein:
"Mein Gedächtnis lässt mich nicht an die Einzelheiten der Geschichte, doch ich will sie euch im Groben schildern: Einst lebte ein König unter den Menschen. Er legte einen Schwur ab. Nie wieder wollte er in den Wald jagen gehen, wenn nicht jeder Ork in seinem Reich getötet wurde. Jahre strichen so ohne Jagd durchs Land und irgendwann wurde auch der letzte Ork von seinen Mannen niedergestreckt. Voller Freude machte sich der König noch am selbigen Tag auf den Weg in den Wald um zu jagen..."
Frodo trank einen großen Schluck Bier, während die anderen Halblinge ihn gespannt ansahen.
"...so ging er nun in den Wald und jetzt kommt der spannende Teil der Geschichte, so gesehen hattest du viel Glück, Samweis Gamdschie, der Tapfere."
"Warum, Herr Frodo? Nun sag es schon!"
"Er ging in den Wald und wollte jagen. Dabei wurde er von einem Wildschwein niedergestreckt."
Die Hobbits brachen in Gelächter aus und verstummten nur wenige Augenblicke später wieder. Das schlechte Gewissen nagte an ihnen. Es war schon komisch, ein starker König der Menschen, gefallen im Kampf mit einem Schwein, aber er war immerhin gefallen und darüber sollte man schließlich nicht in Gelächter verfallen, es sei denn es wäre ein Ork.
Der nächste Morgen ereilte die Hobbits schneller als gedacht. Viel schlaf ward ihnen in dieser Nacht nicht vergönnt, doch das störte sie nicht besonders. Der Ringkrieg hatte die kleinen Halblinge zäh und sehr tapfer gemacht.
Immer noch schwer bepackt machten sich die Vier auf den Weg. Bis zum Gwathlo waren es gut 150 Meilen und die wollten sie in vier Tagen zurücklegen. Hätte ihnen vor dem Ringkrieg jemand prophezeit, sie würden 150 Meilen in vier Tagen zurücklegen, wären die Hobbits wohl vor Lachen über diese unmöglich zu bewältigende Aufgabe umgefallen, doch jetzt, jetzt wanderten sie und pfiffen fröhlich Lieder.
Sam verzog des öfteren das Gesicht vor Schmerz, doch er war nicht umsonst Samweis, der Tapfere! So schleppte er sich weiter auf seinen Stab gestützt voran und versuchte nach Kräften den Schmerz im Bein zu vergessen, der trotz der Strapazen schon abgenommen hatte.
Weitere Überraschungen sollten die Hobbits in den nächsten Tagen der Wanderung nicht ereilen.
Ein Pferd, von Schönheit gesegnet, legte Meter um Meter im Galopp zurück. Die Leichtigkeit des Ganges wirbelte kaum Staub auf und die endlose Landschaft
vor ihm schien nicht länger endlos.
Schattenfell trug Gandalf von Lorien aus gen Süden. Der Weiße war in Eile.
Viele Nachrichten wurden ihm kundgetan in letzter Zeit. Viel nachgedacht hatte
er und viele Schlüsse gezogen. Nun war es Zeit. Denn ein Zauberer kam immer, wenn er es für richtig hielt. Die Zeit war reif für das Handeln von Mithrandir. Er hatte viel Arbeit vor sich. Musste verschiedene Freunde treffen, sich selbst ein Bild der Zeit schaffen und Rat geben, wenn dieser denn von ihm verlangt wurde.
Das erste Ziel seiner Reise lag noch 50 Meilen von ihm entfernt, doch die würde er dank Schattenfell schnell überwinden. Doch die Suche würde wohl mehr Zeit in Anspruch nehmen und Zeit war kostbar in Tagen des Krieges. Gandalf hoffe das die Zeit in diesen Tagen nicht allzu Kostbar wäre.
Doch das Böse vermag nicht ausgerottet zu werden.
Die Welt ist im Wandel.
