KAPITEL 2
Vier weitere Sonnenaufgänge zogen durch die Lande, bis die Hobbits den Gwathlo erreichten und ihn überquerten. Sams Wunde verheilte gut, sie legten jeden Tag mehr als 30 Meilen zurück und wollten ihr Tempo noch steigern. Sie verspürten trotz der Strapazen keine Müdigkeit. Vom frühen Morgen an bis hin zum späten Abend wanderten und wanderten sie rastlos. Teils redeten sie, frei nach Hobbitart, unbeschwert und fröhlich, teils sprachen sie Stunde um Stunde kein Wort. Aber sie genossen jede Minute ihrer Wanderung.
Es war wohl auch ein Zeichen ihrer Lastlosigkeit, dass sie keine Müdigkeit verspürten.
"So, liebe Freunde, wir werden nun über die Brücke schreiten und den Gwathlo überwinden. Dann wandern wir auf der Nord - Süd Straße durch das Dunland und in einer Woche sollten wir unsere nächste Station erreichen.", verkündete Frodo feierlich.
"Wie viel Meilen waren das jetzt noch mal?", fragte Merry mit einem Apfel im Mund.
"Über dreihundert, mein Freund!", antwortete Frodo, eine Karte studierend.
"Wie viel?" Entsetzen über diese weite Strecke war aus Merrys Stimme zu vernehmen.
"Jawohl und dann noch mal gut 100 Meilen:", sprach Frodo lachend. Merry verschlug es die Sprache. Auch Sam lachte nun. Er wusste um Frodos Vorhaben.
"Ja ja, lieber Merry. Ein weiter Weg liegt noch vor uns, doch werden wir ihn sicherlich bewältigen."
Ein Apfel flog durch die Luft. Merry hatte es nun den Appetit verschlagen.
"Wir sollten es ihnen erzählen, Herr Frodo. Wir hatten unser Vergnügen.", sagte Sam, immer noch innerlich lächelnd.
"Du hast Recht."
"Was ist denn los? Was plant ihr?", mischte sich jetzt auch Pippin ein.
"Ihr werdet es gleich sehen!"
Da geschah es auch schon.
Aus Richtung des Glanduin galoppierten zwei prächtige Ponys auf die Hobbits zu. Sie staunten. Das hatten sie erst einmal gesehen, damals mit Schattenfell. Doch diese beiden Ponys galoppierten aus dem Nichts über die weiten, kargen Landen auf sie zu und hielten direkt vor ihnen. Sie waren nicht von solch majestätischer Eleganz wie es Schattenfell war, auch vermochten sie nicht ihre Beine so schnell wie Schattenfell zu werfen, doch sie waren hübsch, von brauner Farbe, mit weißer Blesse.
"Darf ich bitten."
Mit einladender Handbewegung bedeutete Frodo seinen drei Freunden, aufzusteigen.
"Wie hast du das gemacht, Frodo?", fragte Merry völlig erstaunt.
"Sei nicht so neugierig, Merry."
"Aber,...aber..."
"Kein "aber" wird dir helfen, alter Freund. Mein Geheimnis soll es sein und soll es bleiben und nun reiten wir."
So ritten sie los bis weit nach Einbruch der Dunkelheit. Frodo und Pippin teilten sich ein Pferd und Sam und Merry ritten auf dem zweiten. Als Sam und Merry einige Schritte hinter Frodos Pferd zurückfielen, fragte Merry Sam über das plötzliche Auftauchen der Pferde aus:
"Nun sag´ schon, Sam. Wie hat Frodo das gemacht? Dir hat er es doch bestimmt
gesagt."
"Leider weiß ich von nichts, Merry. Herr Frodo hat auch mir nichts gesagt. Es soll wohl auf ewig unausgesprochen sein."
"So sei es denn.", sprach Merry und fiel erschöpft in tiefen Schlaf.
Sam trieb sein Ross kurz an und die gehorsame Stute schloss sofort auf.
"Herr Frodo, wie lange sollen wir heute noch reiten? Die Nacht ist längst über uns hereingebrochen und wir legten mindestens 60 Meilen zurück. Wir sollten rasten, gleich hier."
"Du sprichst aus, was ich dachte, lieber Sam. So lasst uns rasten!"
Eine knappe Meile vom Wegrand entfernt errichteten sie ihr Lager. Bis hin zum Horizont erstreckte sich nur weites, kahles Land vor den Hobbits. Es war kein guter Platz zum Rasten, sie waren hier nicht sicher. Doch auch den tapfersten Krieger überkommt zeitweilen Müdigkeit und so blieb ihnen keine Möglichkeit. Sie sammelten einiges an Feuerholz zusammen und entzündeten ein Feuer, das Freund und Feind auf zwanzig Meilen sehen konnten.
"Wir müssen Wachen einteilen. Sam und ich übernehmen die erste Wache.", sprach Frodo.
"Orks lauern in dieser Gegend. Ich spüre es, Herr Frodo, wir sollten wachsamen Auges sein!"
Kaum ward dies gesprochen, vernahm man den ruhigen, schlaf zeigenden Atem der beiden Hobbits Peregrim und Meriadoc.
Doch Schlaf wurde ihnen nicht lange gewährt.
"Wacht auf. Wir haben Orks gesehen.", zischte eine Stimme in die Ohren der beiden Halblinge.
Sofort schraken sie hoch und zogen ihre Schwerter aus der Scheide.
Nach der Zerstörung des Ringes wurden zwar die Heere Mordors zerstört, doch Orks lebten immer noch in den Landen Mittelerdes. Sie waren verstreut, traten nur in kleinen Gruppen von bis zu zwei Dutzend an der Zahl auf und versuchten zu plündern und fressen wo es nur ging.
"Pssssst! Legt euch wieder hin.", kam wieder die flüsternde Stimme Frodos.
"Er soll nicht wissen, dass wir ihn bemerkt haben."
Zur Erleichterung der Hobbits war die Zahl der Orks wirklich auf einen beschränkt. Wohl ein Späher, der irgendwo hier seine Truppe hatte.
"Wir müssen ihn angreifen.", sprach Sam mit fester Stimme. "Sonst werden wir gleich von einer ganzen Horde belagert."
"Wir können ihn nicht einholen, Sam.", resignierte Frodo.
"Oh doch, Herr Frodo. Wir haben Ponys!"
"Auf die Pferde!"
Nun verlief alles schnell. Frodo und Sam bestiegen ihre Ponys mit gezogenem Schwert und ritten mit hoher Geschwindigkeit auf den Ork zu. Dies ward wohl der erste Angriff eines Hobbits auf einem Pferd, der nicht der Verteidigung zu nütze war und doch hielten sich die Halblinge gut auf dem Rücken der Pferde.
Aber der Ork bemerkte sie früh und begann zu rennen. Doch er konnte den Pferden nicht entkommen. Sam presste seine kleinen Beine noch enger um den Bauch des Ponys und erreichte so den Ork zuerst.
Sam schrie auf. Sein Schwert fiel zu Boden. Mit ihm ein Kopf.
Sam hatte dem verwunderten Ork den Kopf abgeschlagen und sein Schwert vor Freude über diesen Sieg aus seiner Hand gleiten lassen.
Im Osten des Waldes traf er ihn. Baumbart begrüßte seinen Freund in der alten Sprache. Er war verwundert, ihn hier anzutreffen. Meist hielt sein alter Freund Zweigschild sich nicht in diesem Teil des Fangorn auf. Doch es war gut ihn zu sehen. In diesen Jahren war es immer gut einen Artgenossen zu sehen.
"Baumbart, alter Freund. Ich dachte du seiest schon mit den anderen gegangen..."
Wobei Zweigschild hiermit den Tod der vielen anderen Ents meinte. Ein Ent sprach nicht gern über das Verderben ihrer Art. Jeder von ihnen wusste, dass es bald soweit sein würde, doch sprechen darüber wollt niemand. Dazu war die Zeit, die ihnen noch verblieb zu kostbar. Trotz dessen versuchten sie zu erfahren wer von ihnen nicht mehr unter ihnen weilte. Zweigschild sprach weiter:
"Blattfuß, Laubbauch, Zwitha, Esen,... immer mehr von ihnen sind fort. Unsere Liste wird immer kürzer."
"Unsere Zeit ist noch nicht gekommen. Nur der, der verzagt und nicht zu hoffen wagt ist geweiht zu gehen. Ich verspüre Hoffnung(geniale Namen) mein Freund.", sprach Baumbart mit ruhiger Stimme.
"Doch Hoffnung ist vergänglich."
"Nicht, wenn man sie im Herzen trägt. Doch lass uns nun das Trauern beenden..."
Zweigschild bemerkte die Veränderung seines Freundes. Er war nicht wie sonst und noch nie hatte ein Ent eine Trauerrede unterbrochen wegen etwas anderem. Ents neigten sehr zu Trauer- und Leidgedanken, diesen Gedanken widmeten sie viel Zeit. So suchten sie Antwort auf das, was mit ihnen geschah und was ihr Schicksal befahl. Warum hatten sie nicht die Möglichkeit fortzubestehen in ihren Kindern? Warum mussten sie diese Welt verlassen und wann würde sich der letzte Tag der Ents in den Landen Mittelerdes neigen?
Antwort ward nie gefunden.
"...ich sah ein Feuer lodern, Zweigschild. Es nahm mehr als ein Dutzend Stumme von uns."
Auch die Bezeichnung Stumme hatte für die Ents eine besondere Bedeutung. Sie waren dem Glauben verfallen, alle Bäume und alle Pflanzen wären wie sie, sie seien nur in wenigen Sachen anders, sie sprächen nicht und können den Ort ihres Verweilen nicht frei wählen. Baumbart berichtete ausführlich von seinen Erlebnissen und gemeinsam trauerten sie um die Ermordeten und vergossen Tränen.
Ihm wurde das Herz erleichtert, als Zweigschild ihm erzählte, dass er dies nicht erlebt hatte und dass er nicht wie Baumbart befürchtete, die Menschen wären im Wandel.
"...doch die Welt ist im Wandel. Das ist gewiss...", sprach Baumbart und setzte seine Reise fort.
Drei Tage und Nächte strichen so durchs Land.
Baumbart wanderte immer tiefer in den Fangorn hinein, lauschte den Bäumen und Pflanzen und versuchte seine Gedanken über den Untergang der Ents zu vertreiben. Baumbart war für die Verhältnisse eines Ents noch recht fröhlich, einige trauerten fast den ganzen Tag. Die meisten Tränen vergossen Ents wegen ihrer Frauen. Weil sie keine hatten. Ents sehnten sich seit Jahr und Tag nach Liebe, doch bekamen sie keine, außer der freundschaftlichen.
Nun da sein alter Freund ihm sagte, dass er keine Besonderheiten bemerkte, war er beruhigt und eine seiner vielen Sorgenfalten legte sich. Ein Ziel hatte er nicht. Er wollte nur durch diesen Wald wandern und hoffen noch viele Ents anzutreffen.
Ein beschwerlicher Weg lag hinter Gandalf dem Weißen und seine Befürchtungen wurden bestätigt. Nun war er auf dem Ritt zu den Bergen am Nimrodel. Aragorn sollte sich dort aufhalten, warum, war Gandalf nicht bewusst, aber ihm wurde schon kundgetan, dass Aragorn, Isildurs Erbe, rechtmäßiger Herrscher Gondors, nicht länger König sei. Diese Nachricht verwunderte ihn nicht nur, er konnte sie auch nicht einordnen. Doch um dies zu tun, ließ er sich von Schattenfell zu Aragorn tragen.
Er sah ihn schon von weitem. Aragorn lag am Flussbett und rauchte. Sein Pferd trank und badete im Fluß. Nun bemerkte auch er Gandalf. Doch seine Freude über den Besuch des Weißen war geringer, als es die Erwartung geweissagt hätte.
Auch regte er sich nicht. Er lag nur da und rauchte.
"Aragorn! Welch freudiger Anblick! Schön, dich zu sehen."
"Alae Gandalf."
Immer noch regte sich Aragorn nicht. Auch wand er seinen Kopf nicht um Gandalf zu sehen.
"Stehe auf, König von Gondor."
Aragorn erhob sich nicht.
"König von Gondor...", sprach er mit leiser Stimme. "...das war einst ich. Doch die Zeit hat Veränderung mit sich gebracht, Mithrandir. Ich bin nicht länger König. Ich wurde von meinem Volk verbannt."
"Diese Botschaft gelangte auch an mein Ohr, alter Freund. Doch eines vermag ich nicht zu wissen. Das Warum quält meine Gedanken."
"Antwort ist nicht mehr von Nutzen, Gandalf. Meine Tage sind gezählt. Man nennt mich Streicher in diesen Landen und in allen anderen Landen auch. Selbst wenn ich Antwort auf die Fragen geben oder hören könnte, ich wollte es nicht. Mein Schicksal ist vom Siegel beschlossen."
"Sei nicht so dumm, König von Gondor!", sprach Gandalf mit erhobener Stimme.
Nun erhob sich auch Aragorn.
"Meine Hoffnung ist schon vor Tagen erloschen, Gandalf."
Nun wirkte Aragorn nicht mehr abweisend. Gandalf sah Trauer in Aragorns Augen, auch wenn er versuchte sie so gut wie möglich zu verbergen.
"Wenn dem so wäre, wieso weilst du dann noch in den Landen Mittelerdes? Was hält dich am Leben, wenn du keine Aufgabe hast, wenn doch alle Hoffnung erloschen ist?"
Darauf wusste Aragorn nichts zu sagen und Gandalf senkte seine Stimme.
"Ich werde dir Antwort auf meine Fragen geben."
Nun zündete auch Gandalf sich eine Pfeife an.
"Die Welt ist im Wandel, Aragorn. Es droht Schreckliches. Schrecklicheres als der Ringkrieg, doch wartet nicht der Tod von unzähligen Menschen. Es wartet Schlimmeres. Reite mit mir und ich erkläre es dir."
"Mein Verstand kann noch nicht verarbeiten, was du sagst, doch du bist Mithrandir der Weiße und ich kann dir vertrauen, so sei es meine Aufgabe als Begleitung zu dienen.", sprachs und stieg auf sein Pferd.
Mehrere Stunden ritten sie ohne ein gesprochenes Wort, dann durchbrach Aragorn die Laute der Natur:
"Sag, Gandalf, meine Ohren vernahmen, dass die Zwerge bis auf den letzten tot seien, ist dies der Wahrheit entsprechend?"
"Ja, Aragorn. Deine Ohren vernahmen die Wahrheit."
"Doch warum ereilte sie dieses Schicksal?"
"Eine schreckliche, ungeheure Macht umhüllte ihren Verstand. Dies dürfte dir schon bekannt sein. Doch die Macht nahm immer weiter zu. Sie benebelte ihre Sinne. Gier, die Gier verschlang ihren Verstand. Immer tiefer gruben sie und immer weniger ward gefunden. Jeder versuchte mehr abzubauen als der andere, Streit entbrannte. Immer heftiger stritten sie, arbeiteten immer mehr. Einige starben vor Erschöpfung, andere erschlugen sich gegenseitig. Es ward von Tag zu Tag schlimmer. Sie arbeiteten unzählige Stunden am Stück und starben so alle miteinander. Weile über diese Worte Aragorn."
Wieder schweigend ritten sie weiter.
Erst nach zwei Nächten wurde das nächste Wort gesprochen. Aragorn weilte lange über Gandalfs Worte, doch konnte er sich keinen Reim darauf bilden, aber er war sich sicher, dass diesen Worten Bedeutung zugemessen werden musste.
"Sprich, Aragorn, wo befindet sich deine Frau?"
"Es ist mir unbekannt."
"Was ist geschehen?"
Längst wusste Gandalf, dass sich Aragorn seiner schämte und so Arwen nicht unter die schönen Augen treten konnte. Er hatte sie wohl heimlich verlassen.
"Ich verließ sie. Bitte, Gandalf, nun verrate mir endlich welchen Weg du für uns vorgesehen hast."
"Längst solltest du es wissen, König von Gondor."
Nun wusste Aragorn es auch. Der Ritt sollte zu Arwen führen. Gandalf plante, die beiden wieder zusammenzuführen.
Jeder Protest sollte zwecklos sein, so ließ Aragorn es auf sich beruhen. Er folgte dem Zauberer einfach nur still und gedankenversunken. Wie würde Arwen reagieren? Er hatte sie in der Nacht verlassen, sich nicht einmal verabschiedet. Sicherlich wäre ihre Liebe geschwächt, geschwächt von Enttäuschung und Leid und Trauer.
Tagelang waren die Hobbits auf der Nord - Süd Straße gewandert, vorbei an Isengard, das noch immer nicht aufgebaut worden war. Wenige Pflanzen vermochten es hier zu gedeihen. Der Boden hier schien versetzt zu sein von Gift. Doch es schien keine Gefahr mehr von diesem Ort auszugehen. Keine Dunkelheit. Kein Schatten.
Des Morgens erreichten sie die Pforte von Rohan.
Plötzlich blieben Merry und Frodo stehen.
"Da sind mindestens hundert Reiter!", sprach Frodo erschrocken und überrascht.
Jetzt sahen es auch die anderen.
An der Brücke die über den Angren in das Reich Rohan führte waren Dutzende Reiter postiert. Allesamt schwer bewaffnet durch Schild, Schwert und Lanze. Was erwartete man in Rohan?
Die Tage des Krieges waren doch schon lange gezählt und Rohan hatte aus dem Westen keine Feinde zu fürchten.
Mit großer Angst in den Knochen gingen die Halblinge, die sich nun noch kleiner fühlten, einige Schritte voran. Die Wachen sahen nicht freundlich aus.
Keiner von ihnen sprach ein Wort und keiner verzog nur eine Miene.
Merry nahm all seinen Mut zusammen und führte die Hobbits voran. Er war schließlich einst Diener Theodens, Königs von Rohan.
Vor der Brücke, die über den Fluß führte waren ein Dutzend Reiter in Reih und Glied postiert. Alle trugen schwere Kriegsrüstung und hielten Schwerter in der Hand.
Die Hobbits erreichten diese erste Gruppe und hielten an. Ein Reiter sprang elegant von seinem stolzen Ross und trat den Hobbits entgegen.
"Wer seid ihr?"
Frodo trat vor und übernahm das Reden. Er war der Wortgewandteste der Halblinge und noch dazu bekannt in den Landen Mittelerdes.
"Mein Name ist Frodo Beutlin, Herr. Das sind meine Freunde und Begleiter Samweis Gamdschie, Meriadoc Brandybock und Peregrin Tuk."
"Was ist euer Ziel?", fragte der Reiter in angsteinflössendem Tonfall weiter.
"Wir müssen eure Lande passieren um den Fangorn zu erreichen."
"Was wollt ihr dort?"
"Wir wollen einen alten Freund treffen."
Der Reiter entschied, dass die Hobbits nicht gefährlich werden könnten und ließ sie passieren. Mit ungutem Gefühl überquerten sie die Brücke. Alle gingen hintereinander und hielten eine genaue Reihe ein. Selbst auf der Brücke standen Reiter und die Hobbits gingen mittendurch. Immer wieder sahen sie kurz nach oben und bemerkten die aus der Höhe auf sie herabblickenden Gestalten.
Finster sahen sie aus. Es schien als wäre jegliche Unbeschwertheit aus ihren Gesichtern verschwunden. Selbst ihre Pferde schienen nicht dieselben zu sein. Sie ließen nicht einen Schnauber verlauten und schienen nervös. Ihre Herren hatten Sporen an den Füßen befestigt und die Pferde schwitzen, als wären sie einen langen Weg vorangetrieben worden.
Endlich hatten die Hobbits den Weg über die Brücke hinter sich gebracht. Nun standen sie vor weiteren Reitern. Erneut sprang einer von seinem Pferd herab und sprach die Hobbits an. Man brachte ihnen keine Freundlichkeit entgegen, keine Anerkennung, kein Lob und keine Fragen.
"Ihr könnt passieren, sobald ihr das Silber bezahlt habt."
"Das Silber???!!!", platzte es aus den Hobbits heraus. Damit wussten sie nun wirklich nichts anzufangen.
"Ja, ein Pfund Silber müsst ihr zahlen. Tut ihr dies nicht, Halblinge, so könnt ihr nicht passieren."
"Aber wir haben kein Silber. Alles, was wir bei uns tragen, sind Töpfe, geringe Mengen an Verpflegung und unsere Schwerter."
Der Mann wandte sich um und besprach sich mit einem anderen Reiter.
"Ein Beschluss wurde gefasst. Ihr seid uns wohlbekannt, Halblinge. Ihr habt diese und alle Landen vor dem Schrecken beschützt. Uns sind eure Taten noch nicht in Vergessenheit geraten, doch vielen anderen. Drum gehet. Gehet und findet euer Ziel. Wir wünschen euch viel Erfolg."
Ohne weiteres gesprochenes Wort gingen die Hobbits.
Bis in den tiefen Abend gingen sie, ohne zu sprechen. Doch gedacht wurde viel und jeder einzelne versuchte seine Gedanken zu ordnen.
Seltsam waren die Männer, ernst, mit sorgenvollen Mienen und nicht wie die Rohirrim, die die Hobbits einst gekannt hatten. Allen voran Merry machte sich Sorgen. Als er mit König Theoden ritt, befanden sie sich in Zeiten des Kriegs und selbst dann schienen die Männer befreiter gewesen zu sein als jetzt.
Eine schwere Last lag auf ihnen, das merkte der kleine Hobbit sofort.
Das "Warum" musste nun geklärt werden.
Doch wie sollte er es klären? Er war nur ein kleiner Hobbit und jeder Anhaltspunkt fehlte ihm.
Was dachten wohl seine Freunde darüber? Er musste es einfach wissen und so sprach er nun:
"Wirklich merkwürdig die Männer."
"Pssssst!", zischte Sam ihm zu.
Einige Meilen von ihnen entfernt brannte ein großes Feuer.
"Seht da!"
Sam zeigte Richtung Nordwesten.
Der Blick der Hobbits haftete nun auf dem Feuer.
Es war kein einfaches Feuer, kein Lagerfeuer oder ähnliches. Hier wurde etwas verbrannt.
Nur was? Und Warum?
Frodo hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend.
"Das sollten wir uns ansehen."
Gefesselt von Neugierde und wiederentdecktem Tatendrang liefen sie los, das Feuer war einige Meilen entfernt, doch es lag in Richtung des Fangorn und da wollten sie sowieso hin.
Ihre behaarten Füße trugen sie schneller als vermutet. So erreichten sie das Feuer innerhalb einer halben Stunde.
Eine Meile mussten ihre Augen noch bis zum Licht blicken.
"Was machen die da?", fragte Pippin, dem bei diesem Anblick überhaupt nicht wohl war.
Niemand beantwortete diese Frage, doch alle sahen es.
Da arbeiteten mindestens drei Dutzend Männer des Nachts in einem kleinen Waldstück. Bäume fielen, niedergestreckt von den starken Rohirrim; gezogen von mächtigen Vollblut Pferden und geschlagen von spitzen Äxten.
"Die fällen die Bäume!", schrie Merry.
Was war bloß geschehen in Rohan?
In der Nacht, lange nach dem letzten Blinzeln der Sonne, fällten die Männer Bäume und ließen sie von Pferden abtransportieren. Wieder andere verarbeiteten die Bäume zu kleineren, transportableren Stücken und wieder andere jagten davon laufende Tiere mit Pfeil und Bogen. Es war ein schreckliches Bild für die Hobbits.
Nichts vom Handeln der Rohirrim schien nützlich. Alles schien zerstörerisch, vernichtend, unnütz.
Dieser Anblick hätte einem Elben wohl das Herz gesprengt. "Los wir gehen noch ein Stück näher ran.", befahl Frodo.
Die Hobbits krochen über den von der Nacht feuchten Boden, immer näher heran, näher und näher.
Abrupt stoppte Frodo. Er war gegen etwas gestoßen.
"Was wollt ihr hier?", sprach eine Stimme zu ihnen.
Mit der Geschwindigkeit eines Blitzes schafften es die Hobbits wieder auf ihre Füßen. Sie standen nun vor einem großen Menschen, mit blondem Haar und von kräftiger Statur. Er hielt ein Schwert in der Hand, ein Eineinhalbhänder, und zeigte mit besagtem auch immer von einem zum anderen Hobbit.
Frodo dachte an die Chancen einer raschen Flucht, doch sie würden nicht besonders groß sein. Also verwarf er die Idee. Der Rohirrim war sicherlich schneller als sie.
Aber sie waren doch zu viert! Der Mensch war alleine und zu viert könnten sie ihn sicherlich überwältigen! Bei diesen Gedanken schöpfte Frodo wieder neue Hoffnung.
Doch halt!
Was dachte er da bloß? Sie gingen doch nur durch Rohan und sie waren einem Rohirrim seltsam vorgekommen, was ja auch verständlich war. Schließlich krochen sie auf dem Boden herum und waren Halblinge! Doch sie waren weder im Land des gefürchteten Feindes, noch erblickten ihre Augen eine Horde Orks, nein, sie waren in friedlichen Gefilden, in Rohan.
Unter Freunden.
"Wir sind auf dem Weg zum Fangorn.", antwortete Frodo.
"Mitkommen."
Der Mann zeigte mit dem Schwert in Richtung ihres Lagers.
Er ließ die Hobbits vorgehen und trieb sie von hinten mit dem gezückten Schwert voran. Nach kurzem Marsch erreichten sie das Lager. Einige Fuß von dem großen Feuer entfernt wurde ein großer Unterschlupf aufgestellt. Getragen von schwerem Gehölz lag ein riesiges Geflecht aus verschiedenen Tierfellen darauf und gab Schutz vor Nässe und Kälte.
Sie wurden von dem Mann hereingeführt, er zeigte in eine Ecke und die Hobbits gingen dort hin. Nun hatten sie einen weiteren Mann vor sich.
Er saß auf einem prunkvollen Stuhl und labte sich an Wildschwein und Töfften. Sofort begannen die Mägen der Hobbits zu knurren. Seit Tagen hatten sie kein Fleisch mehr gegessen, doch es machte nicht den Anschein, als würde der Herr mit ihnen speisen wollen.
"Halblinge also. Vier an der Zahl...", sprach er mit vollem Mund.
"Herr wir wollten nur,...", platzte es aus Pippin heraus, doch er wurde unterbrochen.
"Schweig still, Halbling!"
Der Herr nahm einen weiteren Bissen zu sich. Sam fiel auf, dass er gar nicht wie ein Mann der Rohirrim aussah. Er war nicht muskulös, nein eher dicklich. Es schien also könne er keinen Kampf für sich entscheiden, da ihn sein eigenes Fleisch zu langsamen Handlungen zwingen würde.
"Was macht ihr nun denn hier, Halblinge?"
Frodo übernahm erneut das Reden und begann:
"Wir sind Hobbits aus dem Auenland, Herr, und auf der Reise in den Fangorn."
"Und was machet ihr dann in meinem Lager, liebe Halblinge?", fragte der Herr, wobei das "liebe" sich eher wie ein "verhasste" vernehmen ließ.
"Wir sahen ein Feuer und waren verwundert, Herr."
"Verwundert also.... Was ist euer Ziel im Fangorn?"
"Wir wollen Baumbart, unseren alten Freund, aufsuchen."
Der König aß und schien zu denken.
"Baumbart, ja der Ent. Ich fürchte ich muss euch eine traurige Nachricht überbringen, liebe Hobbits."
Wieder zeigte der Klang seiner Stimme tiefe Verachtung gegenüber den Hobbits. Frodo versuchte trotzdem freundlich zu bleiben. Dieser Mann war ihm nicht lieb geworden und er wollte schnellst möglich wieder aufbrechen.
"Es ist lange her das Ents in den Wäldern des Fangorn, oder in irgendwelchen Wäldern der Welt hausten. Allesamt sind sie verstorben."
"Was??", schrie Merry verzweifelt.
Auch Pippin konnte es nicht glauben. Nein! Das konnte nicht wahr sein! Frodo und Sam konnten die Verzweiflung aus den Gesichtern ihrer Freunde ablesen, ihnen war sie nicht anzumerken, aber sie erlebten auch nicht die Zerstörung Isengards mit den Ents.
"Sprecht, Herr, wie könnt ihr euch dessen sicher sein?", fragte Frodo um letzte Hoffnung aufrecht zu erhalten.
"Ich selbst kannte den letzten von ihnen. Er ist nun dahin."
Nun sagte Frodo kein Wort mehr. Er wollte seine Freunde nur in ihrer Trauer stützen und ihnen Halt geben und vor allem fort von diesem widerwärtigen Ort.
Dem Mann war bewusst, dass er die Hobbits hier nicht weiter festhalten durfte und wie Spione erschienen sie ihm auch nicht, also wollte er sie gehen lassen.
"So gehet nun hin in eurer Trauer, Halblinge. Machet euren Weg."
"Ihr sprecht die Unwahrheit!", schrie Merry und stand auf einmal genau vor dem überraschten Herrn. Schon zog er sein Schwert und hielt es dem Mann an den fetten Hals.
"Ihr lügt!"
Frodo und Sam wollten ihn zurückhalten, doch dafür war es zu spät. Ein starker Rohirrim rannte mit gezogenem Schwert auf Merry zu.
Da fiel dieser schon zu Boden. Niedergestreckt von einem Pfeil.
Frodo sah es zuerst.
Ein Pfeil hatte sich durch Merrys Schulter gebohrt und Blut quoll nun aus ihr.
"Nehmt sie gefangen! Nehmt sie endlich gefangen!", schrie der in Panik versetzte Herr, in Panik versetzt von einem Halbling.
Es ward ihnen keine Zeit gegönnt, zu reagieren. Drei weitere Männer hielten die nicht außer Gefecht gesetzten Hobbits in Schach.
Merry wand sich vor Schmerz auf dem Boden. Der brennende Schmerz zehrte ihn von innen auf und er verschwand in Dunkelheit.
Plötzlich hörte man überall nur noch Schreie. Männer rannten wie wild durcheinander und flüchteten. Schrecken und Angst machte sich überall breit und jeder rannte um sein kostbares Leben.
Einer der drei Wachen ging nun nach draußen, um zu schauen was geschehen sein mochte. Nicht lange stand er dort, auch er begann zu laufen.
Ein großer Stein krachte in den Unterschlupf und nun brach auch hier Panik aus. Der dickliche Herr wurde nun doch schnell und schien nicht mehr durch überflüssiges Fleisch behindert. Nun eilten sich auch die Wachen und die drei Hobbits waren wieder frei. Sie rannten zu Merry, der in seiner Dunkelheit nichts bemerkte. Doch Sam bemerkte etwas und das raubte ihm viel Hoffnung.
"Seht!", sagte er verzweifelt.
Merrys linkes Bein wurde unter dem Stein begraben.
Die anderen Hobbits sahen es auch und Erinnerungen an längst geschlagene Schlachten wurden erwacht.
Das Bein Ihres Freundes schien verloren und er auch. Er hatte schon sehr viel Blut verloren, das Bein war nicht mehr als solches zu erkennen.
Es gab keine Wunden, es war eine Wunde. Hautstücke hingen schlaff herab und Blut floss aus den durchtrennten Adern.
Mit dem letzten Mut der Verzweiflung versuchten die Hobbits den Stein zu heben, doch es war sinnlos. Nie hätten sie es geschafft. Zehn Männer der Rohirrim hätten dies nicht zu tun vermocht.
Da rannte Pippin hinaus.
Schon flog die Decke des Unterschlupfs davon und der Stein wurde angehoben.
"Baumbart!", rief Sam, ohne zu wissen, ob dieser es wirklich war.
Der Ent hob den schwer verwundeten Merry hoch und ging einige Schritte in den Wald hinein. Die drei Hobbits beachtete er nicht.
Es musste gehandelt werden.
Zusammen hockten die Hobbits da und warteten auf Baumbart, immer in der Hoffnung, er könne Merry heilen. Pippin versuchte sich und seinen Freunden Mut zuzusprechen:
"Ents sind sehr weise und mit der Heilkunst sehr vertraut. Sie kennen alle Kräuter und Pflanzen, er wird ihn heilen."
Noch beim Sprechen rollten Tränen über seine Wangen.
Es schien eine endlose Zeit zu vergehen, bis Baumbart wieder auftauchte.
Sofort sprangen die Drei auf.
Baumbart legte Merry auf den Boden und sprach zum ersten Mal seit Wochen:
"Es tut mir leid."
Die Hobbits wussten was geschehen war, doch wollten es nicht wahrhaben. Sie stürzten zum regungslosen Merry.
"Merry!!"
"Sag doch was Merry!"
"Merry..."
Ein Meer aus Tränen rollte über ihre Wangen.
Ihr Freund war tot.
"Wie weit wird der Weg noch sein, Gandalf?", fragte ihn Arwen.
"Das liegt nicht in unserer Hand, es können drei Wegstunden oder drei Nächte sein."
Arwen hatte Aragorn verziehen. Sie ahnte, warum ihr Mann sie verließ. Doch ihres Nutzens bei dieser Reise war sie sich nicht bewusst.
Bleibt zu berichten, dass sie die Einzige auf dieser Welt war mit reinem Elbenblut.
Gandalf hatte nicht die Mühen auf sich genommen, ohne einen Nutzen in diesen zu sehen. Darauf mussten sie vertrauen.
Tagelang waren sie nun geritten und jetzt kam die Zeit, da Gandalf die Herrin Arwen zum ersten Mal ansprach.
"So berichtet, Frau Arwen, was hat sich gewandelt in Gondor, seit euer Gemahl die Lande verließ?"
"Ich vermag es nicht zu beschreiben, Mithrandir. Sicherlich geschah Wandel, doch konnte ich es nicht ertragen, diesen zu sehen. Es zerbrach mir das Herz. Das einzige, was mich am Leben hielt, waren die Erinnerungen an bessere Zeiten mit meinem Mann. So versuchte ich mich zurückzuziehen und einsam und abgeschieden zu leben, als er mich aus unnutzer Scham verließ."
"Sicherlich entschiedest du nicht falsch, Arwen. Doch eines ist sicher: Die Welt ist im Wandel."
Vier weitere Sonnenaufgänge zogen durch die Lande, bis die Hobbits den Gwathlo erreichten und ihn überquerten. Sams Wunde verheilte gut, sie legten jeden Tag mehr als 30 Meilen zurück und wollten ihr Tempo noch steigern. Sie verspürten trotz der Strapazen keine Müdigkeit. Vom frühen Morgen an bis hin zum späten Abend wanderten und wanderten sie rastlos. Teils redeten sie, frei nach Hobbitart, unbeschwert und fröhlich, teils sprachen sie Stunde um Stunde kein Wort. Aber sie genossen jede Minute ihrer Wanderung.
Es war wohl auch ein Zeichen ihrer Lastlosigkeit, dass sie keine Müdigkeit verspürten.
"So, liebe Freunde, wir werden nun über die Brücke schreiten und den Gwathlo überwinden. Dann wandern wir auf der Nord - Süd Straße durch das Dunland und in einer Woche sollten wir unsere nächste Station erreichen.", verkündete Frodo feierlich.
"Wie viel Meilen waren das jetzt noch mal?", fragte Merry mit einem Apfel im Mund.
"Über dreihundert, mein Freund!", antwortete Frodo, eine Karte studierend.
"Wie viel?" Entsetzen über diese weite Strecke war aus Merrys Stimme zu vernehmen.
"Jawohl und dann noch mal gut 100 Meilen:", sprach Frodo lachend. Merry verschlug es die Sprache. Auch Sam lachte nun. Er wusste um Frodos Vorhaben.
"Ja ja, lieber Merry. Ein weiter Weg liegt noch vor uns, doch werden wir ihn sicherlich bewältigen."
Ein Apfel flog durch die Luft. Merry hatte es nun den Appetit verschlagen.
"Wir sollten es ihnen erzählen, Herr Frodo. Wir hatten unser Vergnügen.", sagte Sam, immer noch innerlich lächelnd.
"Du hast Recht."
"Was ist denn los? Was plant ihr?", mischte sich jetzt auch Pippin ein.
"Ihr werdet es gleich sehen!"
Da geschah es auch schon.
Aus Richtung des Glanduin galoppierten zwei prächtige Ponys auf die Hobbits zu. Sie staunten. Das hatten sie erst einmal gesehen, damals mit Schattenfell. Doch diese beiden Ponys galoppierten aus dem Nichts über die weiten, kargen Landen auf sie zu und hielten direkt vor ihnen. Sie waren nicht von solch majestätischer Eleganz wie es Schattenfell war, auch vermochten sie nicht ihre Beine so schnell wie Schattenfell zu werfen, doch sie waren hübsch, von brauner Farbe, mit weißer Blesse.
"Darf ich bitten."
Mit einladender Handbewegung bedeutete Frodo seinen drei Freunden, aufzusteigen.
"Wie hast du das gemacht, Frodo?", fragte Merry völlig erstaunt.
"Sei nicht so neugierig, Merry."
"Aber,...aber..."
"Kein "aber" wird dir helfen, alter Freund. Mein Geheimnis soll es sein und soll es bleiben und nun reiten wir."
So ritten sie los bis weit nach Einbruch der Dunkelheit. Frodo und Pippin teilten sich ein Pferd und Sam und Merry ritten auf dem zweiten. Als Sam und Merry einige Schritte hinter Frodos Pferd zurückfielen, fragte Merry Sam über das plötzliche Auftauchen der Pferde aus:
"Nun sag´ schon, Sam. Wie hat Frodo das gemacht? Dir hat er es doch bestimmt
gesagt."
"Leider weiß ich von nichts, Merry. Herr Frodo hat auch mir nichts gesagt. Es soll wohl auf ewig unausgesprochen sein."
"So sei es denn.", sprach Merry und fiel erschöpft in tiefen Schlaf.
Sam trieb sein Ross kurz an und die gehorsame Stute schloss sofort auf.
"Herr Frodo, wie lange sollen wir heute noch reiten? Die Nacht ist längst über uns hereingebrochen und wir legten mindestens 60 Meilen zurück. Wir sollten rasten, gleich hier."
"Du sprichst aus, was ich dachte, lieber Sam. So lasst uns rasten!"
Eine knappe Meile vom Wegrand entfernt errichteten sie ihr Lager. Bis hin zum Horizont erstreckte sich nur weites, kahles Land vor den Hobbits. Es war kein guter Platz zum Rasten, sie waren hier nicht sicher. Doch auch den tapfersten Krieger überkommt zeitweilen Müdigkeit und so blieb ihnen keine Möglichkeit. Sie sammelten einiges an Feuerholz zusammen und entzündeten ein Feuer, das Freund und Feind auf zwanzig Meilen sehen konnten.
"Wir müssen Wachen einteilen. Sam und ich übernehmen die erste Wache.", sprach Frodo.
"Orks lauern in dieser Gegend. Ich spüre es, Herr Frodo, wir sollten wachsamen Auges sein!"
Kaum ward dies gesprochen, vernahm man den ruhigen, schlaf zeigenden Atem der beiden Hobbits Peregrim und Meriadoc.
Doch Schlaf wurde ihnen nicht lange gewährt.
"Wacht auf. Wir haben Orks gesehen.", zischte eine Stimme in die Ohren der beiden Halblinge.
Sofort schraken sie hoch und zogen ihre Schwerter aus der Scheide.
Nach der Zerstörung des Ringes wurden zwar die Heere Mordors zerstört, doch Orks lebten immer noch in den Landen Mittelerdes. Sie waren verstreut, traten nur in kleinen Gruppen von bis zu zwei Dutzend an der Zahl auf und versuchten zu plündern und fressen wo es nur ging.
"Pssssst! Legt euch wieder hin.", kam wieder die flüsternde Stimme Frodos.
"Er soll nicht wissen, dass wir ihn bemerkt haben."
Zur Erleichterung der Hobbits war die Zahl der Orks wirklich auf einen beschränkt. Wohl ein Späher, der irgendwo hier seine Truppe hatte.
"Wir müssen ihn angreifen.", sprach Sam mit fester Stimme. "Sonst werden wir gleich von einer ganzen Horde belagert."
"Wir können ihn nicht einholen, Sam.", resignierte Frodo.
"Oh doch, Herr Frodo. Wir haben Ponys!"
"Auf die Pferde!"
Nun verlief alles schnell. Frodo und Sam bestiegen ihre Ponys mit gezogenem Schwert und ritten mit hoher Geschwindigkeit auf den Ork zu. Dies ward wohl der erste Angriff eines Hobbits auf einem Pferd, der nicht der Verteidigung zu nütze war und doch hielten sich die Halblinge gut auf dem Rücken der Pferde.
Aber der Ork bemerkte sie früh und begann zu rennen. Doch er konnte den Pferden nicht entkommen. Sam presste seine kleinen Beine noch enger um den Bauch des Ponys und erreichte so den Ork zuerst.
Sam schrie auf. Sein Schwert fiel zu Boden. Mit ihm ein Kopf.
Sam hatte dem verwunderten Ork den Kopf abgeschlagen und sein Schwert vor Freude über diesen Sieg aus seiner Hand gleiten lassen.
Im Osten des Waldes traf er ihn. Baumbart begrüßte seinen Freund in der alten Sprache. Er war verwundert, ihn hier anzutreffen. Meist hielt sein alter Freund Zweigschild sich nicht in diesem Teil des Fangorn auf. Doch es war gut ihn zu sehen. In diesen Jahren war es immer gut einen Artgenossen zu sehen.
"Baumbart, alter Freund. Ich dachte du seiest schon mit den anderen gegangen..."
Wobei Zweigschild hiermit den Tod der vielen anderen Ents meinte. Ein Ent sprach nicht gern über das Verderben ihrer Art. Jeder von ihnen wusste, dass es bald soweit sein würde, doch sprechen darüber wollt niemand. Dazu war die Zeit, die ihnen noch verblieb zu kostbar. Trotz dessen versuchten sie zu erfahren wer von ihnen nicht mehr unter ihnen weilte. Zweigschild sprach weiter:
"Blattfuß, Laubbauch, Zwitha, Esen,... immer mehr von ihnen sind fort. Unsere Liste wird immer kürzer."
"Unsere Zeit ist noch nicht gekommen. Nur der, der verzagt und nicht zu hoffen wagt ist geweiht zu gehen. Ich verspüre Hoffnung(geniale Namen) mein Freund.", sprach Baumbart mit ruhiger Stimme.
"Doch Hoffnung ist vergänglich."
"Nicht, wenn man sie im Herzen trägt. Doch lass uns nun das Trauern beenden..."
Zweigschild bemerkte die Veränderung seines Freundes. Er war nicht wie sonst und noch nie hatte ein Ent eine Trauerrede unterbrochen wegen etwas anderem. Ents neigten sehr zu Trauer- und Leidgedanken, diesen Gedanken widmeten sie viel Zeit. So suchten sie Antwort auf das, was mit ihnen geschah und was ihr Schicksal befahl. Warum hatten sie nicht die Möglichkeit fortzubestehen in ihren Kindern? Warum mussten sie diese Welt verlassen und wann würde sich der letzte Tag der Ents in den Landen Mittelerdes neigen?
Antwort ward nie gefunden.
"...ich sah ein Feuer lodern, Zweigschild. Es nahm mehr als ein Dutzend Stumme von uns."
Auch die Bezeichnung Stumme hatte für die Ents eine besondere Bedeutung. Sie waren dem Glauben verfallen, alle Bäume und alle Pflanzen wären wie sie, sie seien nur in wenigen Sachen anders, sie sprächen nicht und können den Ort ihres Verweilen nicht frei wählen. Baumbart berichtete ausführlich von seinen Erlebnissen und gemeinsam trauerten sie um die Ermordeten und vergossen Tränen.
Ihm wurde das Herz erleichtert, als Zweigschild ihm erzählte, dass er dies nicht erlebt hatte und dass er nicht wie Baumbart befürchtete, die Menschen wären im Wandel.
"...doch die Welt ist im Wandel. Das ist gewiss...", sprach Baumbart und setzte seine Reise fort.
Drei Tage und Nächte strichen so durchs Land.
Baumbart wanderte immer tiefer in den Fangorn hinein, lauschte den Bäumen und Pflanzen und versuchte seine Gedanken über den Untergang der Ents zu vertreiben. Baumbart war für die Verhältnisse eines Ents noch recht fröhlich, einige trauerten fast den ganzen Tag. Die meisten Tränen vergossen Ents wegen ihrer Frauen. Weil sie keine hatten. Ents sehnten sich seit Jahr und Tag nach Liebe, doch bekamen sie keine, außer der freundschaftlichen.
Nun da sein alter Freund ihm sagte, dass er keine Besonderheiten bemerkte, war er beruhigt und eine seiner vielen Sorgenfalten legte sich. Ein Ziel hatte er nicht. Er wollte nur durch diesen Wald wandern und hoffen noch viele Ents anzutreffen.
Ein beschwerlicher Weg lag hinter Gandalf dem Weißen und seine Befürchtungen wurden bestätigt. Nun war er auf dem Ritt zu den Bergen am Nimrodel. Aragorn sollte sich dort aufhalten, warum, war Gandalf nicht bewusst, aber ihm wurde schon kundgetan, dass Aragorn, Isildurs Erbe, rechtmäßiger Herrscher Gondors, nicht länger König sei. Diese Nachricht verwunderte ihn nicht nur, er konnte sie auch nicht einordnen. Doch um dies zu tun, ließ er sich von Schattenfell zu Aragorn tragen.
Er sah ihn schon von weitem. Aragorn lag am Flussbett und rauchte. Sein Pferd trank und badete im Fluß. Nun bemerkte auch er Gandalf. Doch seine Freude über den Besuch des Weißen war geringer, als es die Erwartung geweissagt hätte.
Auch regte er sich nicht. Er lag nur da und rauchte.
"Aragorn! Welch freudiger Anblick! Schön, dich zu sehen."
"Alae Gandalf."
Immer noch regte sich Aragorn nicht. Auch wand er seinen Kopf nicht um Gandalf zu sehen.
"Stehe auf, König von Gondor."
Aragorn erhob sich nicht.
"König von Gondor...", sprach er mit leiser Stimme. "...das war einst ich. Doch die Zeit hat Veränderung mit sich gebracht, Mithrandir. Ich bin nicht länger König. Ich wurde von meinem Volk verbannt."
"Diese Botschaft gelangte auch an mein Ohr, alter Freund. Doch eines vermag ich nicht zu wissen. Das Warum quält meine Gedanken."
"Antwort ist nicht mehr von Nutzen, Gandalf. Meine Tage sind gezählt. Man nennt mich Streicher in diesen Landen und in allen anderen Landen auch. Selbst wenn ich Antwort auf die Fragen geben oder hören könnte, ich wollte es nicht. Mein Schicksal ist vom Siegel beschlossen."
"Sei nicht so dumm, König von Gondor!", sprach Gandalf mit erhobener Stimme.
Nun erhob sich auch Aragorn.
"Meine Hoffnung ist schon vor Tagen erloschen, Gandalf."
Nun wirkte Aragorn nicht mehr abweisend. Gandalf sah Trauer in Aragorns Augen, auch wenn er versuchte sie so gut wie möglich zu verbergen.
"Wenn dem so wäre, wieso weilst du dann noch in den Landen Mittelerdes? Was hält dich am Leben, wenn du keine Aufgabe hast, wenn doch alle Hoffnung erloschen ist?"
Darauf wusste Aragorn nichts zu sagen und Gandalf senkte seine Stimme.
"Ich werde dir Antwort auf meine Fragen geben."
Nun zündete auch Gandalf sich eine Pfeife an.
"Die Welt ist im Wandel, Aragorn. Es droht Schreckliches. Schrecklicheres als der Ringkrieg, doch wartet nicht der Tod von unzähligen Menschen. Es wartet Schlimmeres. Reite mit mir und ich erkläre es dir."
"Mein Verstand kann noch nicht verarbeiten, was du sagst, doch du bist Mithrandir der Weiße und ich kann dir vertrauen, so sei es meine Aufgabe als Begleitung zu dienen.", sprachs und stieg auf sein Pferd.
Mehrere Stunden ritten sie ohne ein gesprochenes Wort, dann durchbrach Aragorn die Laute der Natur:
"Sag, Gandalf, meine Ohren vernahmen, dass die Zwerge bis auf den letzten tot seien, ist dies der Wahrheit entsprechend?"
"Ja, Aragorn. Deine Ohren vernahmen die Wahrheit."
"Doch warum ereilte sie dieses Schicksal?"
"Eine schreckliche, ungeheure Macht umhüllte ihren Verstand. Dies dürfte dir schon bekannt sein. Doch die Macht nahm immer weiter zu. Sie benebelte ihre Sinne. Gier, die Gier verschlang ihren Verstand. Immer tiefer gruben sie und immer weniger ward gefunden. Jeder versuchte mehr abzubauen als der andere, Streit entbrannte. Immer heftiger stritten sie, arbeiteten immer mehr. Einige starben vor Erschöpfung, andere erschlugen sich gegenseitig. Es ward von Tag zu Tag schlimmer. Sie arbeiteten unzählige Stunden am Stück und starben so alle miteinander. Weile über diese Worte Aragorn."
Wieder schweigend ritten sie weiter.
Erst nach zwei Nächten wurde das nächste Wort gesprochen. Aragorn weilte lange über Gandalfs Worte, doch konnte er sich keinen Reim darauf bilden, aber er war sich sicher, dass diesen Worten Bedeutung zugemessen werden musste.
"Sprich, Aragorn, wo befindet sich deine Frau?"
"Es ist mir unbekannt."
"Was ist geschehen?"
Längst wusste Gandalf, dass sich Aragorn seiner schämte und so Arwen nicht unter die schönen Augen treten konnte. Er hatte sie wohl heimlich verlassen.
"Ich verließ sie. Bitte, Gandalf, nun verrate mir endlich welchen Weg du für uns vorgesehen hast."
"Längst solltest du es wissen, König von Gondor."
Nun wusste Aragorn es auch. Der Ritt sollte zu Arwen führen. Gandalf plante, die beiden wieder zusammenzuführen.
Jeder Protest sollte zwecklos sein, so ließ Aragorn es auf sich beruhen. Er folgte dem Zauberer einfach nur still und gedankenversunken. Wie würde Arwen reagieren? Er hatte sie in der Nacht verlassen, sich nicht einmal verabschiedet. Sicherlich wäre ihre Liebe geschwächt, geschwächt von Enttäuschung und Leid und Trauer.
Tagelang waren die Hobbits auf der Nord - Süd Straße gewandert, vorbei an Isengard, das noch immer nicht aufgebaut worden war. Wenige Pflanzen vermochten es hier zu gedeihen. Der Boden hier schien versetzt zu sein von Gift. Doch es schien keine Gefahr mehr von diesem Ort auszugehen. Keine Dunkelheit. Kein Schatten.
Des Morgens erreichten sie die Pforte von Rohan.
Plötzlich blieben Merry und Frodo stehen.
"Da sind mindestens hundert Reiter!", sprach Frodo erschrocken und überrascht.
Jetzt sahen es auch die anderen.
An der Brücke die über den Angren in das Reich Rohan führte waren Dutzende Reiter postiert. Allesamt schwer bewaffnet durch Schild, Schwert und Lanze. Was erwartete man in Rohan?
Die Tage des Krieges waren doch schon lange gezählt und Rohan hatte aus dem Westen keine Feinde zu fürchten.
Mit großer Angst in den Knochen gingen die Halblinge, die sich nun noch kleiner fühlten, einige Schritte voran. Die Wachen sahen nicht freundlich aus.
Keiner von ihnen sprach ein Wort und keiner verzog nur eine Miene.
Merry nahm all seinen Mut zusammen und führte die Hobbits voran. Er war schließlich einst Diener Theodens, Königs von Rohan.
Vor der Brücke, die über den Fluß führte waren ein Dutzend Reiter in Reih und Glied postiert. Alle trugen schwere Kriegsrüstung und hielten Schwerter in der Hand.
Die Hobbits erreichten diese erste Gruppe und hielten an. Ein Reiter sprang elegant von seinem stolzen Ross und trat den Hobbits entgegen.
"Wer seid ihr?"
Frodo trat vor und übernahm das Reden. Er war der Wortgewandteste der Halblinge und noch dazu bekannt in den Landen Mittelerdes.
"Mein Name ist Frodo Beutlin, Herr. Das sind meine Freunde und Begleiter Samweis Gamdschie, Meriadoc Brandybock und Peregrin Tuk."
"Was ist euer Ziel?", fragte der Reiter in angsteinflössendem Tonfall weiter.
"Wir müssen eure Lande passieren um den Fangorn zu erreichen."
"Was wollt ihr dort?"
"Wir wollen einen alten Freund treffen."
Der Reiter entschied, dass die Hobbits nicht gefährlich werden könnten und ließ sie passieren. Mit ungutem Gefühl überquerten sie die Brücke. Alle gingen hintereinander und hielten eine genaue Reihe ein. Selbst auf der Brücke standen Reiter und die Hobbits gingen mittendurch. Immer wieder sahen sie kurz nach oben und bemerkten die aus der Höhe auf sie herabblickenden Gestalten.
Finster sahen sie aus. Es schien als wäre jegliche Unbeschwertheit aus ihren Gesichtern verschwunden. Selbst ihre Pferde schienen nicht dieselben zu sein. Sie ließen nicht einen Schnauber verlauten und schienen nervös. Ihre Herren hatten Sporen an den Füßen befestigt und die Pferde schwitzen, als wären sie einen langen Weg vorangetrieben worden.
Endlich hatten die Hobbits den Weg über die Brücke hinter sich gebracht. Nun standen sie vor weiteren Reitern. Erneut sprang einer von seinem Pferd herab und sprach die Hobbits an. Man brachte ihnen keine Freundlichkeit entgegen, keine Anerkennung, kein Lob und keine Fragen.
"Ihr könnt passieren, sobald ihr das Silber bezahlt habt."
"Das Silber???!!!", platzte es aus den Hobbits heraus. Damit wussten sie nun wirklich nichts anzufangen.
"Ja, ein Pfund Silber müsst ihr zahlen. Tut ihr dies nicht, Halblinge, so könnt ihr nicht passieren."
"Aber wir haben kein Silber. Alles, was wir bei uns tragen, sind Töpfe, geringe Mengen an Verpflegung und unsere Schwerter."
Der Mann wandte sich um und besprach sich mit einem anderen Reiter.
"Ein Beschluss wurde gefasst. Ihr seid uns wohlbekannt, Halblinge. Ihr habt diese und alle Landen vor dem Schrecken beschützt. Uns sind eure Taten noch nicht in Vergessenheit geraten, doch vielen anderen. Drum gehet. Gehet und findet euer Ziel. Wir wünschen euch viel Erfolg."
Ohne weiteres gesprochenes Wort gingen die Hobbits.
Bis in den tiefen Abend gingen sie, ohne zu sprechen. Doch gedacht wurde viel und jeder einzelne versuchte seine Gedanken zu ordnen.
Seltsam waren die Männer, ernst, mit sorgenvollen Mienen und nicht wie die Rohirrim, die die Hobbits einst gekannt hatten. Allen voran Merry machte sich Sorgen. Als er mit König Theoden ritt, befanden sie sich in Zeiten des Kriegs und selbst dann schienen die Männer befreiter gewesen zu sein als jetzt.
Eine schwere Last lag auf ihnen, das merkte der kleine Hobbit sofort.
Das "Warum" musste nun geklärt werden.
Doch wie sollte er es klären? Er war nur ein kleiner Hobbit und jeder Anhaltspunkt fehlte ihm.
Was dachten wohl seine Freunde darüber? Er musste es einfach wissen und so sprach er nun:
"Wirklich merkwürdig die Männer."
"Pssssst!", zischte Sam ihm zu.
Einige Meilen von ihnen entfernt brannte ein großes Feuer.
"Seht da!"
Sam zeigte Richtung Nordwesten.
Der Blick der Hobbits haftete nun auf dem Feuer.
Es war kein einfaches Feuer, kein Lagerfeuer oder ähnliches. Hier wurde etwas verbrannt.
Nur was? Und Warum?
Frodo hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend.
"Das sollten wir uns ansehen."
Gefesselt von Neugierde und wiederentdecktem Tatendrang liefen sie los, das Feuer war einige Meilen entfernt, doch es lag in Richtung des Fangorn und da wollten sie sowieso hin.
Ihre behaarten Füße trugen sie schneller als vermutet. So erreichten sie das Feuer innerhalb einer halben Stunde.
Eine Meile mussten ihre Augen noch bis zum Licht blicken.
"Was machen die da?", fragte Pippin, dem bei diesem Anblick überhaupt nicht wohl war.
Niemand beantwortete diese Frage, doch alle sahen es.
Da arbeiteten mindestens drei Dutzend Männer des Nachts in einem kleinen Waldstück. Bäume fielen, niedergestreckt von den starken Rohirrim; gezogen von mächtigen Vollblut Pferden und geschlagen von spitzen Äxten.
"Die fällen die Bäume!", schrie Merry.
Was war bloß geschehen in Rohan?
In der Nacht, lange nach dem letzten Blinzeln der Sonne, fällten die Männer Bäume und ließen sie von Pferden abtransportieren. Wieder andere verarbeiteten die Bäume zu kleineren, transportableren Stücken und wieder andere jagten davon laufende Tiere mit Pfeil und Bogen. Es war ein schreckliches Bild für die Hobbits.
Nichts vom Handeln der Rohirrim schien nützlich. Alles schien zerstörerisch, vernichtend, unnütz.
Dieser Anblick hätte einem Elben wohl das Herz gesprengt. "Los wir gehen noch ein Stück näher ran.", befahl Frodo.
Die Hobbits krochen über den von der Nacht feuchten Boden, immer näher heran, näher und näher.
Abrupt stoppte Frodo. Er war gegen etwas gestoßen.
"Was wollt ihr hier?", sprach eine Stimme zu ihnen.
Mit der Geschwindigkeit eines Blitzes schafften es die Hobbits wieder auf ihre Füßen. Sie standen nun vor einem großen Menschen, mit blondem Haar und von kräftiger Statur. Er hielt ein Schwert in der Hand, ein Eineinhalbhänder, und zeigte mit besagtem auch immer von einem zum anderen Hobbit.
Frodo dachte an die Chancen einer raschen Flucht, doch sie würden nicht besonders groß sein. Also verwarf er die Idee. Der Rohirrim war sicherlich schneller als sie.
Aber sie waren doch zu viert! Der Mensch war alleine und zu viert könnten sie ihn sicherlich überwältigen! Bei diesen Gedanken schöpfte Frodo wieder neue Hoffnung.
Doch halt!
Was dachte er da bloß? Sie gingen doch nur durch Rohan und sie waren einem Rohirrim seltsam vorgekommen, was ja auch verständlich war. Schließlich krochen sie auf dem Boden herum und waren Halblinge! Doch sie waren weder im Land des gefürchteten Feindes, noch erblickten ihre Augen eine Horde Orks, nein, sie waren in friedlichen Gefilden, in Rohan.
Unter Freunden.
"Wir sind auf dem Weg zum Fangorn.", antwortete Frodo.
"Mitkommen."
Der Mann zeigte mit dem Schwert in Richtung ihres Lagers.
Er ließ die Hobbits vorgehen und trieb sie von hinten mit dem gezückten Schwert voran. Nach kurzem Marsch erreichten sie das Lager. Einige Fuß von dem großen Feuer entfernt wurde ein großer Unterschlupf aufgestellt. Getragen von schwerem Gehölz lag ein riesiges Geflecht aus verschiedenen Tierfellen darauf und gab Schutz vor Nässe und Kälte.
Sie wurden von dem Mann hereingeführt, er zeigte in eine Ecke und die Hobbits gingen dort hin. Nun hatten sie einen weiteren Mann vor sich.
Er saß auf einem prunkvollen Stuhl und labte sich an Wildschwein und Töfften. Sofort begannen die Mägen der Hobbits zu knurren. Seit Tagen hatten sie kein Fleisch mehr gegessen, doch es machte nicht den Anschein, als würde der Herr mit ihnen speisen wollen.
"Halblinge also. Vier an der Zahl...", sprach er mit vollem Mund.
"Herr wir wollten nur,...", platzte es aus Pippin heraus, doch er wurde unterbrochen.
"Schweig still, Halbling!"
Der Herr nahm einen weiteren Bissen zu sich. Sam fiel auf, dass er gar nicht wie ein Mann der Rohirrim aussah. Er war nicht muskulös, nein eher dicklich. Es schien also könne er keinen Kampf für sich entscheiden, da ihn sein eigenes Fleisch zu langsamen Handlungen zwingen würde.
"Was macht ihr nun denn hier, Halblinge?"
Frodo übernahm erneut das Reden und begann:
"Wir sind Hobbits aus dem Auenland, Herr, und auf der Reise in den Fangorn."
"Und was machet ihr dann in meinem Lager, liebe Halblinge?", fragte der Herr, wobei das "liebe" sich eher wie ein "verhasste" vernehmen ließ.
"Wir sahen ein Feuer und waren verwundert, Herr."
"Verwundert also.... Was ist euer Ziel im Fangorn?"
"Wir wollen Baumbart, unseren alten Freund, aufsuchen."
Der König aß und schien zu denken.
"Baumbart, ja der Ent. Ich fürchte ich muss euch eine traurige Nachricht überbringen, liebe Hobbits."
Wieder zeigte der Klang seiner Stimme tiefe Verachtung gegenüber den Hobbits. Frodo versuchte trotzdem freundlich zu bleiben. Dieser Mann war ihm nicht lieb geworden und er wollte schnellst möglich wieder aufbrechen.
"Es ist lange her das Ents in den Wäldern des Fangorn, oder in irgendwelchen Wäldern der Welt hausten. Allesamt sind sie verstorben."
"Was??", schrie Merry verzweifelt.
Auch Pippin konnte es nicht glauben. Nein! Das konnte nicht wahr sein! Frodo und Sam konnten die Verzweiflung aus den Gesichtern ihrer Freunde ablesen, ihnen war sie nicht anzumerken, aber sie erlebten auch nicht die Zerstörung Isengards mit den Ents.
"Sprecht, Herr, wie könnt ihr euch dessen sicher sein?", fragte Frodo um letzte Hoffnung aufrecht zu erhalten.
"Ich selbst kannte den letzten von ihnen. Er ist nun dahin."
Nun sagte Frodo kein Wort mehr. Er wollte seine Freunde nur in ihrer Trauer stützen und ihnen Halt geben und vor allem fort von diesem widerwärtigen Ort.
Dem Mann war bewusst, dass er die Hobbits hier nicht weiter festhalten durfte und wie Spione erschienen sie ihm auch nicht, also wollte er sie gehen lassen.
"So gehet nun hin in eurer Trauer, Halblinge. Machet euren Weg."
"Ihr sprecht die Unwahrheit!", schrie Merry und stand auf einmal genau vor dem überraschten Herrn. Schon zog er sein Schwert und hielt es dem Mann an den fetten Hals.
"Ihr lügt!"
Frodo und Sam wollten ihn zurückhalten, doch dafür war es zu spät. Ein starker Rohirrim rannte mit gezogenem Schwert auf Merry zu.
Da fiel dieser schon zu Boden. Niedergestreckt von einem Pfeil.
Frodo sah es zuerst.
Ein Pfeil hatte sich durch Merrys Schulter gebohrt und Blut quoll nun aus ihr.
"Nehmt sie gefangen! Nehmt sie endlich gefangen!", schrie der in Panik versetzte Herr, in Panik versetzt von einem Halbling.
Es ward ihnen keine Zeit gegönnt, zu reagieren. Drei weitere Männer hielten die nicht außer Gefecht gesetzten Hobbits in Schach.
Merry wand sich vor Schmerz auf dem Boden. Der brennende Schmerz zehrte ihn von innen auf und er verschwand in Dunkelheit.
Plötzlich hörte man überall nur noch Schreie. Männer rannten wie wild durcheinander und flüchteten. Schrecken und Angst machte sich überall breit und jeder rannte um sein kostbares Leben.
Einer der drei Wachen ging nun nach draußen, um zu schauen was geschehen sein mochte. Nicht lange stand er dort, auch er begann zu laufen.
Ein großer Stein krachte in den Unterschlupf und nun brach auch hier Panik aus. Der dickliche Herr wurde nun doch schnell und schien nicht mehr durch überflüssiges Fleisch behindert. Nun eilten sich auch die Wachen und die drei Hobbits waren wieder frei. Sie rannten zu Merry, der in seiner Dunkelheit nichts bemerkte. Doch Sam bemerkte etwas und das raubte ihm viel Hoffnung.
"Seht!", sagte er verzweifelt.
Merrys linkes Bein wurde unter dem Stein begraben.
Die anderen Hobbits sahen es auch und Erinnerungen an längst geschlagene Schlachten wurden erwacht.
Das Bein Ihres Freundes schien verloren und er auch. Er hatte schon sehr viel Blut verloren, das Bein war nicht mehr als solches zu erkennen.
Es gab keine Wunden, es war eine Wunde. Hautstücke hingen schlaff herab und Blut floss aus den durchtrennten Adern.
Mit dem letzten Mut der Verzweiflung versuchten die Hobbits den Stein zu heben, doch es war sinnlos. Nie hätten sie es geschafft. Zehn Männer der Rohirrim hätten dies nicht zu tun vermocht.
Da rannte Pippin hinaus.
Schon flog die Decke des Unterschlupfs davon und der Stein wurde angehoben.
"Baumbart!", rief Sam, ohne zu wissen, ob dieser es wirklich war.
Der Ent hob den schwer verwundeten Merry hoch und ging einige Schritte in den Wald hinein. Die drei Hobbits beachtete er nicht.
Es musste gehandelt werden.
Zusammen hockten die Hobbits da und warteten auf Baumbart, immer in der Hoffnung, er könne Merry heilen. Pippin versuchte sich und seinen Freunden Mut zuzusprechen:
"Ents sind sehr weise und mit der Heilkunst sehr vertraut. Sie kennen alle Kräuter und Pflanzen, er wird ihn heilen."
Noch beim Sprechen rollten Tränen über seine Wangen.
Es schien eine endlose Zeit zu vergehen, bis Baumbart wieder auftauchte.
Sofort sprangen die Drei auf.
Baumbart legte Merry auf den Boden und sprach zum ersten Mal seit Wochen:
"Es tut mir leid."
Die Hobbits wussten was geschehen war, doch wollten es nicht wahrhaben. Sie stürzten zum regungslosen Merry.
"Merry!!"
"Sag doch was Merry!"
"Merry..."
Ein Meer aus Tränen rollte über ihre Wangen.
Ihr Freund war tot.
"Wie weit wird der Weg noch sein, Gandalf?", fragte ihn Arwen.
"Das liegt nicht in unserer Hand, es können drei Wegstunden oder drei Nächte sein."
Arwen hatte Aragorn verziehen. Sie ahnte, warum ihr Mann sie verließ. Doch ihres Nutzens bei dieser Reise war sie sich nicht bewusst.
Bleibt zu berichten, dass sie die Einzige auf dieser Welt war mit reinem Elbenblut.
Gandalf hatte nicht die Mühen auf sich genommen, ohne einen Nutzen in diesen zu sehen. Darauf mussten sie vertrauen.
Tagelang waren sie nun geritten und jetzt kam die Zeit, da Gandalf die Herrin Arwen zum ersten Mal ansprach.
"So berichtet, Frau Arwen, was hat sich gewandelt in Gondor, seit euer Gemahl die Lande verließ?"
"Ich vermag es nicht zu beschreiben, Mithrandir. Sicherlich geschah Wandel, doch konnte ich es nicht ertragen, diesen zu sehen. Es zerbrach mir das Herz. Das einzige, was mich am Leben hielt, waren die Erinnerungen an bessere Zeiten mit meinem Mann. So versuchte ich mich zurückzuziehen und einsam und abgeschieden zu leben, als er mich aus unnutzer Scham verließ."
"Sicherlich entschiedest du nicht falsch, Arwen. Doch eines ist sicher: Die Welt ist im Wandel."
