KAPITEL 3
"Es kann keinen Ersatz geben für diesen Verlust. Doch er schied nicht als einfacher Hobbit, er schied als königlicher. Wichtige Taten konnten nur durch seine Hilfe vollbracht werden. Die Zeit des Helden ist gekommen und wir sollten ihm in ewiger Erinnerung Ehre und Respekt zollen.", so sprach Gandalf als er vor dem Grab des Toten kniete.
Aragorn kniete neben ihm und Arwens Herz ward tief ergriffen.
Gerade ein Sonnenaufgang verging, da Merry starb. Trauer war überall zu spüren. Die Hobbits wussten nicht, wie sie ohne ihren Freund weiterleben sollten.
Er war ein so wunderbarer Freund und nun war er tot.
Gandalf erhob sich und ging einige Schritte.
"So lasset uns nun fortgehen von diesem Ort. Wir müssen einiges aussprechen und wir müssen viel denken."
So folgten sie dem Weißen. Doch er machte nicht viele Schritte, nur so viele wie nötig waren, um der Betrübtheit des Ortes zu entfliehen. An einer kleinen Lichtung stoppte er und versammelte seine Freunde im Kreis um sich.
Da saßen sie nun. Gandalf, Samweis Gamdschie, Frodo Beutlin, Peregrin Tuk,
Aragorn, Arwen und Baumbart.
Sieben Wesen, die nur da saßen und warteten, dass Gandalf wieder etwas sagen würde. Versunken in Trauer. Versunken in Schmerz um den tragischen Verlust eines Freundes.
"Wir haben einiges zu bereden. Lasset uns sprechen."
"Gandalf...", fragte Frodo zwischen zwei Schluchzern, zitternd und ängstlich.
"Was begehrt dein Herz zu wissen, kleiner Freund?"
"...was passiert gerade?"
Gandalf war von der Spitzfindigkeit Frodos leicht überrascht. Frodo hatte fürchterliche Angst und sein Schmerz stieg weit über den der anderen hinaus. Er verspürte große Angst. Eine Last lag auf ihm.
Er spürte, dass die Welt im Wandel war.
"Ich werde es dir erklären, Frodo, sobald die Zeit dafür reif ist. Ich werde es euch allen erklären."
Gandalf entzündete das Pfeifenkraut.
"Sprich, Baumbart, ich glaube du kannst meinem alten Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen. Und ihr Hobbits solltet in der Zeit eure Gedanken beiseite schieben und Feuerholz sammeln, wir werden hier übernachten müssen und etwas essbares wäre auch angebracht."
Ohne jedes Wort machten sich die Hobbits an die Arbeit. Baumbart begann zu sprechen.
"Ich habe es zuerst nicht geahnt. Homm, meine Gedanken kreisen um andere Dinge. Doch nun weiß ich es. Deine Vermutung muss ich bestätigen Mithrandir. Zuerst sah ich, wie sie zwei Dutzend der Stummen verbrannten."
Baumbart stockte. Die Bilder bereiteten ihm noch immer Kummer.
"Doch dann sprach ich mit einem Freund und er berichtete mir nicht von Ereignissen wie diesen. So verwarf ich meine Gedanken und sinnte wieder über entische Themen. Du musst wissen, es gibt nur noch wenige von uns."
Wieder stoppte er und Gandalf wusste um den Schmerz den Baumbart durchlitt. Es war nicht leicht für einen Ent, über Schmerz zu reden. Zumindest nicht, wenn der Schmerz nicht auf der Trauer um den Niedergang ihrer Rasse beruhte.
"Doch dann sah ich es wieder. Mitten in der Dunkelheit wachte ich auf. Ich hatte einen Freund gehört. Einen Entfreund..."
Baumbart brach in Tränen aus.
"...er schrie verzweifelt und ich rannte los. Doch es war zu spät, er lag schon in Flammen und die Männer schlugen mit Äxten auf ihn ein...."
Wieder unterbrach er. Gandalf spürte die Qualen des Ents. Er litt unter einem immensen Druck, er alterte durch die Qualen.
"...es war zu spät. Alles zu spät."
Stille kehrte ein. Die Hobbits kehrten zurück und legten das Feuerholz und die gesammelten Beeren und Kräuter auf zwei Haufen.
Baumbart vermochte nicht mehr zu sprechen. Er war verstummt. Augenblick um Augenblick verstrich in trauernder Stille. Aragorn zog an einer Pfeife.
Plötzlich sprach Baumbart weiter und zwar wieder in festem Tonfall. Ja, er wirkte gefasst und seine Trauer schien verflogen.
"Dann nahm ich einen Felsbrocken und warf ihn, ich warf ihn so weit ich konnte und ich traf diese mir verhassten Biester!"
Jetzt sprach nur noch Wut aus Baumbart. Pure Wut, die ihn auch zu dem Angriff getrieben hatte.
"Mindestens ein Dutzend von ihnen traf es, der Rest wird nie wieder auch nur einem Ent Schaden zufügen! Dies sage ich sowar ich Baumbart heiße!"
Gandalf hatte bereits gesehen, dass Baumbart ihm genau das berichten würde und so bestätigten sich seine Befürchtungen und wurden zu Erkenntnis.
"Ich muss denken bevor wieder gesprochen wird.", sagte Gandalf und zog sich mit einer Pfeife zurück.
Aragorn sprach mit den Hobbits über Merry und alle versuchten ihren Schmerz zu überwinden und wieder Hoffnung in ihre Gedanken zu bringen.
Währenddessen wich Arwen nicht von Aragorns Seite. Ihre einzige Angst lag nicht im Tod, nicht im Krieg, einzig darin ihren geliebten Mann erneut zu verlieren.
Baumbart blieb einfach stehen und schloss seine Augen. Er musste denken. Viel wurde gesprochen und viele neue Ansichten eröffneten sich ihm. Schlechte Ansichten. Er wusste mehr als die Anderen, er wusste was auch Gandalf wusste.
Gandalf tauchte des Nachts nicht mehr auf. Die Fünf legten sich zur Ruhe und Baumbart wachte über sie.
In der Nacht tauchten immer wieder Vögel auf die sich kurz auf Baumbart niederließen und dann wieder verschwanden. Sie brachten ihm Kunde über Gefilde, die in der Ferne lagen.
Der nächste Morgen wurde durch starke Sonnenstrahlen eingeleitet.
Nach einen kurzen Frühstück versammelten sich die Sieben. Gandalf wollte nun allen kund tun was er längst wusste:
"Meine lieben Freunde, wir müssen nun Trauer und Schmerz um von uns Geschiedene beiseite schieben, auch wenn es schwer fällt, auch wenn es nicht richtig sein möge. Große Aufgaben liegen vor uns, größere als wir es uns jetzt vorstellen können. Die Welt ist im Wandel."
Sam, der neben Frodo saß, bemerkte, dass dieser die Augen verdrehte. Er litt. Sein Gesicht wurde bleich und er führte seine Hand zu der Stelle, an der ihn einst einer der Nazgul verletzte.
"Was ist mit dir, Herr Frodo?", flüsterte Sam zaghaft.
"Nichts, mein Lieber, nichts.", lautete die ebenfalls geflüsterte Antwort.
"Ihr alle wisst nun was geschehen ist und das, was geschehen ist, hat Merry das Leben genommen. Gerächt werden soll es nicht."
Er legte eine Pause ein, denn Gandalf waren die Lasten seiner Worte bewusst.
"Es droht ein Krieg. Kein Krieg, wie es der Ringkrieg war, doch ihm in Schmerz und Tod ebenbürtig. Es gilt Schlachten zu kämpfen. Doch diesmal werden WIR keine Unterstützung von verschiedenen Heeren haben."
Dies war das erste Mal, dass Gandalf es aussprach. "WIR". Das bedeutete für alle, dass sie wieder in das Ungewisse ziehen müssten. Dass wieder Lasten auf ihnen ruhen würden. Dass wieder Leid und Trauer über sie kommen würde. Dass wieder Freunde von ihnen genommen würden.
Allesamt hatte Gandalf sie ausgesucht, in den Krieg zu ziehen. In einen Krieg, den es nicht gab. Denn zu diesem Zeitpunkt herrschte Friede über allen Ländern Mittelerdes.
"Wir sind allein verbündet gegen die menschlichen Völker Mittelerdes. Elben wandeln nicht mehr in den Landen Mittelerdes, Zwerge sind allesamt verschollen und Orks werden uns den Weg nicht erleichtern. Ich möchte von niemandem hier verlangen diese Bürde auf sich zu nehmen, ich kann es von jedem nur als gute Entscheidung annehmen, der gehen möchte. Wer möchte dieses Bündnis verlassen?"
Gandalf ließ seinen Blick mehrfach durch die Runde schweifen.
"Ich möchte gehen."
"So sei es denn. Ich bin dir nicht böse, ich habe Hochachtung vor dir, dass du es wagst hier auszuscheiden und es ist sicher die weiseste Entscheidung, lieber Freund. So gehe nun hin und finde Frieden, du hast ihn dir verdient.", sprach Gandalf.
Peregrin Tuk stand auf und verabschiedete sich von seinen Freunden unter Tränen.
"Es tut mir Leid, Frodo. (warum er?) Doch ich kann dies nicht ein zweites Mal verkraften. Zuviel Leid musste mein Hobbitherz schon durchstehen. Es tut mir Leid...", sprachs und fiel in Frodos Arme.
"Nichts muss dein Herz erschweren lieber Pip. Du handelst richtig. Doch einen Auftrag habe ich für dich."
Pippin sah Frodo erwartungsvoll an.
"Berichte meiner Frau, dass ich sie liebe und pass gut auf sie auf, während ich weg bin."
Er lächelte Pippin an und nun konnte sich der immer noch weinende Hobbit ein kleines Lächeln abringen.
"Kümmere dich auch gut um Rosie, Freund!"
Pippin verabschiedete sich von Arwen und Aragorn und dann von Baumbart.
"Unser Wiedersehen hätte anders verlaufen sollen lieber Freund."
Baumbart sagte nichts, er nickte dem kleinen Hobbit nur zu und das gab ihm mehr Kraft als alles andere.
Zuletzt fiel er auch Gandalf um den Hals.
"Wir werden uns wiedersehen, Peregrin Tuk. Gib Acht, der Weg wird gefährlich für einen kleinen Hobbit. Aber Schattenfell wird dich sicher tragen."
Tatsächlich lief Schattenfell auf der Lichtung und Pippin verschlug es die Sprache. Schattenfell ließ ihn aufsitzen und trabte davon.
Gandalf ließ nicht lange Zeit den Abschied zu bedenken.
"Damit hätten wir Sechs. So soll es sein."
Er blickte zufrieden durch die Runde.
Einzig Sam wirkte nervös.
"Was bedrückt dich, Sam?"
"Ich glaube nicht das es eine gute Idee ist, wenn Herr Frodo mitkommt. Unzählige Lasten musste er nun schon tragen. Ich fürchte das diese dich umbringen wird, Herr Frodo!"
"Lass gut sein, Sam. Ich werde kämpfen. Es ist wohl meine ewige Bestimmung."
"Kampf wird nicht von Nöten sein, Frodo.", sprach Gandalf an einer Pfeife ziehend. "Unser Gegner besticht nicht durch Waffen und schwerer Rüstung. Unser Gegner ist stärker als Saurons gesamten Heere je waren und doch ist unser Gegner nicht nach Waffen auszumachen."
Nun war auch Aragorn, der bisher alles erahnt hatte, verwundert.
"Doch auf welche Stärken kann sich der Feind berufen, Gandalf?", fragte Aragorn.
"Es sind keine Stärken, Aragorn. Es sind Schwächen auf die sich der Feind beruft."
"Schwächen?", platzte es aus Frodo heraus, der sich wieder von seiner Pein erholt hatte. "Jawohl, junger Freund. Es sind tatsächlich Schwächen, die dem Feind Stärke verleihen."
Er ließ allen einige Momente, um darüber nachzudenken, doch niemand wusste des Rätsels Lösung. Dabei schien es so einfach.
"Sie sind besessen. Von einem schrecklichen Bann besessen. Einer hat in ihnen Schwächen geweckt. Die schrecklichste Schwäche. Nur Menschen und Zwerge sind empfindlich für sie. Die Zwerge hat die Schwäche dahingerafft. Hobbits sind aus mangelndem Eifer immun und Elben wüssten nicht einmal von dieser Schwäche.", löste Gandalf das Rätsel für alle. "Die Menschen sind besessen von einem Wunsch..."
Gandalf legte eine kurze Pause ein um eine Pfeife zu entzünden.
"...es verlangt ihnen nach Reichtum."
So sprach Gandalf es denn die erste Zeit aus.
Sam meldete sich als Erster wieder zu Wort:
"Sprich, Gandalf, warum konnte das passieren?"
"Wir können uns darüber später darüber beraten. Dringenderes gibt es zu tun für uns."
Aragorn übernahm nun das Sprechen. Er sprach aus dem Tiefsten seiner Seele heraus und Gandalf bemerkte, dass Aragorn auf dem Weg der Besserung war.
Sein Kampfeswille war wieder erwacht.
"Nun sollen wir kämpfen. Kämpfen gegen einen Gegner, den wir nicht kennen, gegen einen Gegner, den wir nicht töten dürfen. Gegen mein eigenes Volk soll ich in den Kampf ziehen. Dies vermag ich nicht zu tun!"
Er stand auf und wandte sich von der Gruppe ab. Schreckliche Bilder hatten sich in seinem Kopf festgesetzt.
"Keinen Kampf wird es geben.", sagte Gandalf in fast unhörbarer Lautstärke.
"Aber wie sollen wir dann gewinnen, Gandalf?"
Ein Lächeln verlief über das Gesicht des Weißen:
"Aus euch spricht stets Hochmut und Unbekümmertheit liebe Hobbits."
Dann sagte er nichts mehr. Er gab nur die Anweisung essen zu fangen und zu sammeln. Es werde ein anstrengender Tag für den Kopf und man müsse Kraft haben um über den Problemen zu weilen.
Die Hobbits sorgten für Feuerholz und Aragorn jagte. Arwen und Baumbart tauschten Geschichten aus.
Als die zwei Hobbits nun allein waren, sprachen sie endlich wieder. Frodo sprach mit einem Satz das aus, was sie die ganze Zeit über dachten:
"Merry ist tot und auch Pip ist fort, was uns bleibt sind wir, mein Freund."
Sie hatten versucht ihre Trauer zu verbergen, doch sie steckte noch tief in ihnen. Sam wechselte das Thema:
"Es ist schon seltsam, was Gandalf uns berichtet hat."
"Da hast du Recht, doch er weiß, dass etwas geschieht. Sonst hätte er es nicht gesagt. Ich hoffe, es wird uns nicht eine solch große Bürde auferlegt wie ich fürchte."
"Ich hoffe und fürchte mit dir, Herr Frodo."
"Das glaube ich gerne, Sam. Es könnte keinen treueren Freund geben als dich!"
"Herr Frodo, ich fürchte mich vor der drohenden Gefahr. Es ist nicht die Angst vor Krieg oder Tod. Es ist anders."
"Sag es mir, Sam. Mir kannst du vertrauen."
"Nun ja. Ich habe gemerkt, dass auch Gandalf keine Lösung bei der Hand hatte. Das ist noch nie passiert. Ich meine, er wusste immer was zu tun ist und er war immer der, der ruhig blieb und...."
Frodo unterbrach ihn und legte einen Arm um Sams Schulter.
"Hör auf zu sprechen, Sam. Ich weiß, was dir auf dem Herzen liegt, doch Gandalf wird etwas einfallen. Er muss nur erst nachdenken."
Schweigend sammelten sie weiter. Es gab nichts mehr zu bereden. Die Gedanken waren ausgetauscht worden und nun mussten sie auf eine Entscheidung warten.
Erst zu einer späten Stunde des Tages kam Gandalf zurück.
Ein Feuer wurde angezündet, Fleisch gebraten und frisches Wasser getrunken.
"Es gilt einiges für uns zu klären. Die Macht, die uns gegenüber steht, ist zerstörerisch. Viele Geschichten wurden mir kundgetan, grausame Geschichten.
Kein Krieg ist gefochten worden und kein Krieg wird gefochten. Und doch herrscht Krieg in ganz Mittelerde. Den Menschen verlangt es nach Reichtum, es verlangt ihnen nach Macht und dafür tun sie alles."
"Aber was tun sie denn, Gandalf?", fragte Frodo, dem dies alles Sorgen bereitete.
"Sie zerstören sich selbst. Sie sind nicht mehr vom inneren Frieden besetzt.
Sie streben nur noch nach Reichtum und das wird sie von innen zerstören." Frodo hakte wieder nach:
"Aber wieso werden sie von innen zerstört, Gandalf? Auch die Zwerge wollten immer mehr Reichtum haben und das hat sie auch nicht niedergestreckt. Mir schien es eher so, dass sie dadurch lebendiger und ehrgeiziger wurden."
"Ehrgeiz, junger Hobbit, ist nicht immer gut. Auch Sauron war ehrgeizig, ebenfalls Saruman. Keiner der dunklen Herrscher hätte seine Macht erlangt, ohne ehrgeizig zu sein. Bei den Zwergen richtete sich der Ehrgeiz auch in die falsche Richtung."
Gandalf legte einen weiteren Scheit auf das lodernde Feuer.
"Doch bei den Menschen ist die Gefahr größer, Frodo Beutlin. Ihre Schwächen sind noch ausgeprägter als die Schwächen der Zwerge oder die Schwächen irgendwelcher anderen Völker und Rassen. Menschen sind starke Wesen, doch sie sind verletzlicher als andere. Viel verletzlicher. Wenn man ihren Willen einmal für sich gewonnen hat, sind sie unter Kontrolle. Sauron hatte nie an diese Möglichkeit gedacht, dazu war er zu machtbesessen. Doch jemand hat sich auf die Macht des Wortes berufen und so gewonnen."
Jetzt löste Sam Frodo als Nachfragenden ab.
"Aber er könnte doch nie ein ganzes Volk auf seine Seite ziehen. Das würde doch eine lange Zeit dauern."
"Vor einigen Wochen weilte ich in über alten Schriften, lieber Sam, da kam
mir ein Spruch zu Gesichte, der mich erst hier hinbrachte:
Menschen soll man versprechen um ihren Willen zu brechen!
Sei dies geschehen, mögest du gehen, dein Werk ist vollbracht, nun hast du absolute Macht!
Dieser Spruch stammte von einem Zauberer, der in früheren Zeiten Mittelerde bewohnte. Ein weiser Mann mit zu geringem Verstand, als dass er der Nachwelt diese Sprüche vorenthalten hätte."
Aragorn weilte noch tief in der Nacht über diesem Spruch. War auch er ein schwächlicher Mensch? Konnte man auch seinen Willen leicht beeinflussen? War auch er für Schandtaten zu gewinnen? Selbstzweifel nagte an ihm, fraß ihn auf.
Es war ungewöhnlich für Aragorn, der von seinen Untergebenen immer als willensstarker Mann und großer König bezeichnet wurde. Zu dieser Zeit quälten ihn Selbstzweifel und er strotzte auch nicht vor Mut wie sonst.
Er war nur noch ein Schatten seiner selbst.
Gandalf berichtete weiter:
"Einer hat sich den Spruch zu Herzen genommen. Einer hat die Menschen für sich gewonnen. Einer war es. Nur ein einziger."
"Wie kannst du dir da sicher sein Mithrandir?", fragte nun Baumbart, den andere Kunde erreicht hatte.
"Nur einer kann es gewesen sein. Einer reicht aus."
"Und wie soll einer den Willen von zwei großen Völkern beeinflussen?", fragte Frodo immer noch ungläubig.
"Sei nicht ein solcher Narr, Frodo. Ich weiß, dass du viel studiert hast nach dem Ringkrieg, du kennst die Geschichten Mittelerdes."
"Trotzdem weiß ich nicht, wie es möglich sein sollte..."
"Wenn man erst einmal ein Dutzend Menschen überzeugt hat, hat man ein Gros Menschen überzeugt. Menschen, die überzeugt sind, überzeugen andere. Sie sind leichtsinnig, Frodo. Von Natur aus sind sie gute Geschöpfe, doch ihr Geist ist zu schwach."
"Doch warum sollte man sich von dem Guten des Reichtums überzeugen? Wer könnte daraus schon Nutzen ziehen?", fragte Frodo weiter.
"Das Streben nach Reichtum wird den Menschen die Sinne vernebeln, sie werden immer weiter danach streben. Wenn er ihnen Reichtum gibt, oder zumindest das was er als Reichtum festgelegt hat, so werden sie ihm gehorchen, um immer mehr zu erlangen."
Gerade wollte Frodo weiterfragen, da unterbrach Gandalf ihn auch schon.
"Viele Fragen stellen sich dir, Frodo. Auch mir stellen sich viele Fragen.
Die Antworten sind nicht alle gefunden, wir sollten mit der Suche beginnen und dann werden einige Fragen sich von selbst erklären."
Gandalf stand auf und gab Anweisungen. Das Feuer wurde gelöscht und das Lager für die Nacht errichtet. Es sollte bis zur Morgendämmerung genächtigt werden und dann weiter beraten. Gandalf verschwand wieder zwischen den Bäumen und ward des Nachts nicht mehr gesehen.
Seltsame Vögel tauchten auch diese Nacht wieder auf.
Der nächste Sonnenstrahl weckte alle.
Der übliche Ablauf wurde fortgesetzt. Aragorn jagte, die Hobbits sammelten Holz und Arwen suchte nach Früchten.
Gandalf tauchte erst wieder auf als alle mit ihrem Frühstück fertig waren.
"Lange weilte ich über den neuen Erkenntnissen. Versuchte eine Lösung zu finden, versuchte herauszufinden wie die nächsten Schritte von statten gehen sollten."
Er atmete tief durch.
"Nun, ich habe einen Entschluss gefasst. Ich werde gehen. Ich muss gehen."
"Nein!", sprudelte es aus Frodo heraus. "Du darfst nicht gehen, Gandalf!"
"Ich muss, junger Freund."
"Und was sollen wir dann machen?", fragte Frodo verzweifelt weiter.
"Ihr junge Hobbits werdet bei Baumbart bleiben und mit ihm reisen. Er weiß, was zu tun ist. Aragorn und Arwen, ihr werdet nach Gondor reisen. Dort wartet Arbeit auf euch. Alles weitere besprechen wir, wenn wir auf Reisen sind. Die Zeit drängt. Noch ist der Wille der Menschen nicht in seiner Hand."
Alle fanden sich mit Gandalfs Entscheidung ab.
"So gehet nun hin, Hobbits. Gehet mit Baumbart und tut, was ihr zu tun habt."
Gandalf rief Schattenfell zu sich und ritt mit Aragorn und Arwen davon. Die Hobbits ließen sich, wie damals Merry und Pippin, auf Baumbart nieder und gingen mit ihm.
"Wohin werden wir gehen, Baumbart?", fragte Sam, der vom Gefühl, so hoch oben zu sein, noch völlig mitgenommen war.
"Wir begeben uns auf die Suche, kleiner Hobbit."
"Erzähl mir von euch Ents, Baumbart. Merry und Pip haben schon viel von dir erzählt, doch mich begehrt es mehr zu erfahren.", sprach Frodo völlig unbeschwert.
Im Moment spürte er keine Last, keine Gefahr, doch das sollte sich noch ändern.
"Homm, Berichte von uns Ents sind nicht die Fröhlichsten. Ich möchte eure jungen Hobbitherzen nicht belasten. Eines sei gesagt. Ihr seid ein fröhliches Volk und das ist beneidenswert. Achtet das immer, junge Freunde."
Frodo gab es fürs erste auf. Er wollte Baumbart nicht mit seinen Fragen wütend machen. Sicherlich würden sie noch einiges über Ents erfahren.
"Doch sag, Baumbart, wen oder was suchen wir?"
"Zeit bringt Rat, wie wir Ents immer sagen, obwohl dies nicht immer stimmt. Doch diesmal wird die Zeit euch aufklären, liebe Hobbits."
Langsam schritten sie voran. Immer tiefer hinein in den Fangorn.
Gandalf und das Königspaar Gondors ritten immer weiter Richtung Süden. Immer dem Onodlo, oder auch Entwasser, entlang.
Arwen konnte die Spannung nicht mehr ertragen. Stundenlang waren sie nun nebeneinander her geritten und hatten kein Wort gesprochen.
"Sprich, Gandalf. Viele Fragen bedrücken mein Herz."
"So stelle sie mir."
"Immer noch fand ich keine Antwort auf die Frage, welche Rolle ich in diesem Kampf spiele."
"Das kann auch ich nicht beantworten. Es möge sich herausstellen. Doch eine große Rolle wird euch gewiss zugeteilt, Arwen."
"Doch was werden wir in Gondor tun, Gandalf? Wir können keine Waffengewalt gegen sie führen, doch sie gegen uns. Der Gegner ist uns an Zahl, Waffen und Willen überlegen."
"Der Gegner kann keine Waffen tragen, Frau Arwen. Der Gegner kann sich nicht fortbewegen. Der Gegner ist nur ein Gespinst des Hirns."
Aragorn verlangsamte das Tempo.
Seine Augen hatten seltsames gesichtet. Dort waren, drei Meilen von ihnen entfernt, Orks an der Arbeit. Sie schlugen Steine. Ihre Anzahl betrug mehrere Dutzend.
Doch das Seltsame war, dass die Orks von Menschen zur Arbeit angetrieben wurden. Viele Menschen mit Schwertern, auf Pferden, trieben die Kreaturen zur Arbeit und verhinderten ihre Flucht.
"Seht!"
Sie stoppten die Pferde und betrachteten das verworrene Schauspiel.
"Es schreitet schnell voran.", sprach Gandalf als Bestätigung zu sich selbst.
Nach kurzer Betrachtung sprach Gandalf weiter:
"Es eilt! Wir müssen unsere Wege trennen. Ihr werdet reiten gen Minas Tirith, mein Weg wird mich nach Helms Klamm führen. Eure Aufgabe wird es nun sein Minas Tirith zu befreien. Befreit die Menschen dort von dem Schrecken, befreit sie von ihrem Wahn.", er drehte seinen Kopf Richtung Aragorn und schaute tief in seine Auge um aus ihnen zu lesen:
"Aragorn, Isildurs Erbe, du wirst dein Erbe wieder antreten."
Hilflosigkeit sprach aus Arwen und Angst:
"Sagt, Gandalf, was sollen wir tun um unsere Aufgabe zu erfüllen? Wie soll dies möglich sein?"
"Ihr werdet einen Weg finden. Doch eilt euch!"
Dies waren Gandalfs letzte Worte, bevor er davon ritt und auf viele Tage nicht mehr von ihnen gesehen ward.
"Es kann keinen Ersatz geben für diesen Verlust. Doch er schied nicht als einfacher Hobbit, er schied als königlicher. Wichtige Taten konnten nur durch seine Hilfe vollbracht werden. Die Zeit des Helden ist gekommen und wir sollten ihm in ewiger Erinnerung Ehre und Respekt zollen.", so sprach Gandalf als er vor dem Grab des Toten kniete.
Aragorn kniete neben ihm und Arwens Herz ward tief ergriffen.
Gerade ein Sonnenaufgang verging, da Merry starb. Trauer war überall zu spüren. Die Hobbits wussten nicht, wie sie ohne ihren Freund weiterleben sollten.
Er war ein so wunderbarer Freund und nun war er tot.
Gandalf erhob sich und ging einige Schritte.
"So lasset uns nun fortgehen von diesem Ort. Wir müssen einiges aussprechen und wir müssen viel denken."
So folgten sie dem Weißen. Doch er machte nicht viele Schritte, nur so viele wie nötig waren, um der Betrübtheit des Ortes zu entfliehen. An einer kleinen Lichtung stoppte er und versammelte seine Freunde im Kreis um sich.
Da saßen sie nun. Gandalf, Samweis Gamdschie, Frodo Beutlin, Peregrin Tuk,
Aragorn, Arwen und Baumbart.
Sieben Wesen, die nur da saßen und warteten, dass Gandalf wieder etwas sagen würde. Versunken in Trauer. Versunken in Schmerz um den tragischen Verlust eines Freundes.
"Wir haben einiges zu bereden. Lasset uns sprechen."
"Gandalf...", fragte Frodo zwischen zwei Schluchzern, zitternd und ängstlich.
"Was begehrt dein Herz zu wissen, kleiner Freund?"
"...was passiert gerade?"
Gandalf war von der Spitzfindigkeit Frodos leicht überrascht. Frodo hatte fürchterliche Angst und sein Schmerz stieg weit über den der anderen hinaus. Er verspürte große Angst. Eine Last lag auf ihm.
Er spürte, dass die Welt im Wandel war.
"Ich werde es dir erklären, Frodo, sobald die Zeit dafür reif ist. Ich werde es euch allen erklären."
Gandalf entzündete das Pfeifenkraut.
"Sprich, Baumbart, ich glaube du kannst meinem alten Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen. Und ihr Hobbits solltet in der Zeit eure Gedanken beiseite schieben und Feuerholz sammeln, wir werden hier übernachten müssen und etwas essbares wäre auch angebracht."
Ohne jedes Wort machten sich die Hobbits an die Arbeit. Baumbart begann zu sprechen.
"Ich habe es zuerst nicht geahnt. Homm, meine Gedanken kreisen um andere Dinge. Doch nun weiß ich es. Deine Vermutung muss ich bestätigen Mithrandir. Zuerst sah ich, wie sie zwei Dutzend der Stummen verbrannten."
Baumbart stockte. Die Bilder bereiteten ihm noch immer Kummer.
"Doch dann sprach ich mit einem Freund und er berichtete mir nicht von Ereignissen wie diesen. So verwarf ich meine Gedanken und sinnte wieder über entische Themen. Du musst wissen, es gibt nur noch wenige von uns."
Wieder stoppte er und Gandalf wusste um den Schmerz den Baumbart durchlitt. Es war nicht leicht für einen Ent, über Schmerz zu reden. Zumindest nicht, wenn der Schmerz nicht auf der Trauer um den Niedergang ihrer Rasse beruhte.
"Doch dann sah ich es wieder. Mitten in der Dunkelheit wachte ich auf. Ich hatte einen Freund gehört. Einen Entfreund..."
Baumbart brach in Tränen aus.
"...er schrie verzweifelt und ich rannte los. Doch es war zu spät, er lag schon in Flammen und die Männer schlugen mit Äxten auf ihn ein...."
Wieder unterbrach er. Gandalf spürte die Qualen des Ents. Er litt unter einem immensen Druck, er alterte durch die Qualen.
"...es war zu spät. Alles zu spät."
Stille kehrte ein. Die Hobbits kehrten zurück und legten das Feuerholz und die gesammelten Beeren und Kräuter auf zwei Haufen.
Baumbart vermochte nicht mehr zu sprechen. Er war verstummt. Augenblick um Augenblick verstrich in trauernder Stille. Aragorn zog an einer Pfeife.
Plötzlich sprach Baumbart weiter und zwar wieder in festem Tonfall. Ja, er wirkte gefasst und seine Trauer schien verflogen.
"Dann nahm ich einen Felsbrocken und warf ihn, ich warf ihn so weit ich konnte und ich traf diese mir verhassten Biester!"
Jetzt sprach nur noch Wut aus Baumbart. Pure Wut, die ihn auch zu dem Angriff getrieben hatte.
"Mindestens ein Dutzend von ihnen traf es, der Rest wird nie wieder auch nur einem Ent Schaden zufügen! Dies sage ich sowar ich Baumbart heiße!"
Gandalf hatte bereits gesehen, dass Baumbart ihm genau das berichten würde und so bestätigten sich seine Befürchtungen und wurden zu Erkenntnis.
"Ich muss denken bevor wieder gesprochen wird.", sagte Gandalf und zog sich mit einer Pfeife zurück.
Aragorn sprach mit den Hobbits über Merry und alle versuchten ihren Schmerz zu überwinden und wieder Hoffnung in ihre Gedanken zu bringen.
Währenddessen wich Arwen nicht von Aragorns Seite. Ihre einzige Angst lag nicht im Tod, nicht im Krieg, einzig darin ihren geliebten Mann erneut zu verlieren.
Baumbart blieb einfach stehen und schloss seine Augen. Er musste denken. Viel wurde gesprochen und viele neue Ansichten eröffneten sich ihm. Schlechte Ansichten. Er wusste mehr als die Anderen, er wusste was auch Gandalf wusste.
Gandalf tauchte des Nachts nicht mehr auf. Die Fünf legten sich zur Ruhe und Baumbart wachte über sie.
In der Nacht tauchten immer wieder Vögel auf die sich kurz auf Baumbart niederließen und dann wieder verschwanden. Sie brachten ihm Kunde über Gefilde, die in der Ferne lagen.
Der nächste Morgen wurde durch starke Sonnenstrahlen eingeleitet.
Nach einen kurzen Frühstück versammelten sich die Sieben. Gandalf wollte nun allen kund tun was er längst wusste:
"Meine lieben Freunde, wir müssen nun Trauer und Schmerz um von uns Geschiedene beiseite schieben, auch wenn es schwer fällt, auch wenn es nicht richtig sein möge. Große Aufgaben liegen vor uns, größere als wir es uns jetzt vorstellen können. Die Welt ist im Wandel."
Sam, der neben Frodo saß, bemerkte, dass dieser die Augen verdrehte. Er litt. Sein Gesicht wurde bleich und er führte seine Hand zu der Stelle, an der ihn einst einer der Nazgul verletzte.
"Was ist mit dir, Herr Frodo?", flüsterte Sam zaghaft.
"Nichts, mein Lieber, nichts.", lautete die ebenfalls geflüsterte Antwort.
"Ihr alle wisst nun was geschehen ist und das, was geschehen ist, hat Merry das Leben genommen. Gerächt werden soll es nicht."
Er legte eine Pause ein, denn Gandalf waren die Lasten seiner Worte bewusst.
"Es droht ein Krieg. Kein Krieg, wie es der Ringkrieg war, doch ihm in Schmerz und Tod ebenbürtig. Es gilt Schlachten zu kämpfen. Doch diesmal werden WIR keine Unterstützung von verschiedenen Heeren haben."
Dies war das erste Mal, dass Gandalf es aussprach. "WIR". Das bedeutete für alle, dass sie wieder in das Ungewisse ziehen müssten. Dass wieder Lasten auf ihnen ruhen würden. Dass wieder Leid und Trauer über sie kommen würde. Dass wieder Freunde von ihnen genommen würden.
Allesamt hatte Gandalf sie ausgesucht, in den Krieg zu ziehen. In einen Krieg, den es nicht gab. Denn zu diesem Zeitpunkt herrschte Friede über allen Ländern Mittelerdes.
"Wir sind allein verbündet gegen die menschlichen Völker Mittelerdes. Elben wandeln nicht mehr in den Landen Mittelerdes, Zwerge sind allesamt verschollen und Orks werden uns den Weg nicht erleichtern. Ich möchte von niemandem hier verlangen diese Bürde auf sich zu nehmen, ich kann es von jedem nur als gute Entscheidung annehmen, der gehen möchte. Wer möchte dieses Bündnis verlassen?"
Gandalf ließ seinen Blick mehrfach durch die Runde schweifen.
"Ich möchte gehen."
"So sei es denn. Ich bin dir nicht böse, ich habe Hochachtung vor dir, dass du es wagst hier auszuscheiden und es ist sicher die weiseste Entscheidung, lieber Freund. So gehe nun hin und finde Frieden, du hast ihn dir verdient.", sprach Gandalf.
Peregrin Tuk stand auf und verabschiedete sich von seinen Freunden unter Tränen.
"Es tut mir Leid, Frodo. (warum er?) Doch ich kann dies nicht ein zweites Mal verkraften. Zuviel Leid musste mein Hobbitherz schon durchstehen. Es tut mir Leid...", sprachs und fiel in Frodos Arme.
"Nichts muss dein Herz erschweren lieber Pip. Du handelst richtig. Doch einen Auftrag habe ich für dich."
Pippin sah Frodo erwartungsvoll an.
"Berichte meiner Frau, dass ich sie liebe und pass gut auf sie auf, während ich weg bin."
Er lächelte Pippin an und nun konnte sich der immer noch weinende Hobbit ein kleines Lächeln abringen.
"Kümmere dich auch gut um Rosie, Freund!"
Pippin verabschiedete sich von Arwen und Aragorn und dann von Baumbart.
"Unser Wiedersehen hätte anders verlaufen sollen lieber Freund."
Baumbart sagte nichts, er nickte dem kleinen Hobbit nur zu und das gab ihm mehr Kraft als alles andere.
Zuletzt fiel er auch Gandalf um den Hals.
"Wir werden uns wiedersehen, Peregrin Tuk. Gib Acht, der Weg wird gefährlich für einen kleinen Hobbit. Aber Schattenfell wird dich sicher tragen."
Tatsächlich lief Schattenfell auf der Lichtung und Pippin verschlug es die Sprache. Schattenfell ließ ihn aufsitzen und trabte davon.
Gandalf ließ nicht lange Zeit den Abschied zu bedenken.
"Damit hätten wir Sechs. So soll es sein."
Er blickte zufrieden durch die Runde.
Einzig Sam wirkte nervös.
"Was bedrückt dich, Sam?"
"Ich glaube nicht das es eine gute Idee ist, wenn Herr Frodo mitkommt. Unzählige Lasten musste er nun schon tragen. Ich fürchte das diese dich umbringen wird, Herr Frodo!"
"Lass gut sein, Sam. Ich werde kämpfen. Es ist wohl meine ewige Bestimmung."
"Kampf wird nicht von Nöten sein, Frodo.", sprach Gandalf an einer Pfeife ziehend. "Unser Gegner besticht nicht durch Waffen und schwerer Rüstung. Unser Gegner ist stärker als Saurons gesamten Heere je waren und doch ist unser Gegner nicht nach Waffen auszumachen."
Nun war auch Aragorn, der bisher alles erahnt hatte, verwundert.
"Doch auf welche Stärken kann sich der Feind berufen, Gandalf?", fragte Aragorn.
"Es sind keine Stärken, Aragorn. Es sind Schwächen auf die sich der Feind beruft."
"Schwächen?", platzte es aus Frodo heraus, der sich wieder von seiner Pein erholt hatte. "Jawohl, junger Freund. Es sind tatsächlich Schwächen, die dem Feind Stärke verleihen."
Er ließ allen einige Momente, um darüber nachzudenken, doch niemand wusste des Rätsels Lösung. Dabei schien es so einfach.
"Sie sind besessen. Von einem schrecklichen Bann besessen. Einer hat in ihnen Schwächen geweckt. Die schrecklichste Schwäche. Nur Menschen und Zwerge sind empfindlich für sie. Die Zwerge hat die Schwäche dahingerafft. Hobbits sind aus mangelndem Eifer immun und Elben wüssten nicht einmal von dieser Schwäche.", löste Gandalf das Rätsel für alle. "Die Menschen sind besessen von einem Wunsch..."
Gandalf legte eine kurze Pause ein um eine Pfeife zu entzünden.
"...es verlangt ihnen nach Reichtum."
So sprach Gandalf es denn die erste Zeit aus.
Sam meldete sich als Erster wieder zu Wort:
"Sprich, Gandalf, warum konnte das passieren?"
"Wir können uns darüber später darüber beraten. Dringenderes gibt es zu tun für uns."
Aragorn übernahm nun das Sprechen. Er sprach aus dem Tiefsten seiner Seele heraus und Gandalf bemerkte, dass Aragorn auf dem Weg der Besserung war.
Sein Kampfeswille war wieder erwacht.
"Nun sollen wir kämpfen. Kämpfen gegen einen Gegner, den wir nicht kennen, gegen einen Gegner, den wir nicht töten dürfen. Gegen mein eigenes Volk soll ich in den Kampf ziehen. Dies vermag ich nicht zu tun!"
Er stand auf und wandte sich von der Gruppe ab. Schreckliche Bilder hatten sich in seinem Kopf festgesetzt.
"Keinen Kampf wird es geben.", sagte Gandalf in fast unhörbarer Lautstärke.
"Aber wie sollen wir dann gewinnen, Gandalf?"
Ein Lächeln verlief über das Gesicht des Weißen:
"Aus euch spricht stets Hochmut und Unbekümmertheit liebe Hobbits."
Dann sagte er nichts mehr. Er gab nur die Anweisung essen zu fangen und zu sammeln. Es werde ein anstrengender Tag für den Kopf und man müsse Kraft haben um über den Problemen zu weilen.
Die Hobbits sorgten für Feuerholz und Aragorn jagte. Arwen und Baumbart tauschten Geschichten aus.
Als die zwei Hobbits nun allein waren, sprachen sie endlich wieder. Frodo sprach mit einem Satz das aus, was sie die ganze Zeit über dachten:
"Merry ist tot und auch Pip ist fort, was uns bleibt sind wir, mein Freund."
Sie hatten versucht ihre Trauer zu verbergen, doch sie steckte noch tief in ihnen. Sam wechselte das Thema:
"Es ist schon seltsam, was Gandalf uns berichtet hat."
"Da hast du Recht, doch er weiß, dass etwas geschieht. Sonst hätte er es nicht gesagt. Ich hoffe, es wird uns nicht eine solch große Bürde auferlegt wie ich fürchte."
"Ich hoffe und fürchte mit dir, Herr Frodo."
"Das glaube ich gerne, Sam. Es könnte keinen treueren Freund geben als dich!"
"Herr Frodo, ich fürchte mich vor der drohenden Gefahr. Es ist nicht die Angst vor Krieg oder Tod. Es ist anders."
"Sag es mir, Sam. Mir kannst du vertrauen."
"Nun ja. Ich habe gemerkt, dass auch Gandalf keine Lösung bei der Hand hatte. Das ist noch nie passiert. Ich meine, er wusste immer was zu tun ist und er war immer der, der ruhig blieb und...."
Frodo unterbrach ihn und legte einen Arm um Sams Schulter.
"Hör auf zu sprechen, Sam. Ich weiß, was dir auf dem Herzen liegt, doch Gandalf wird etwas einfallen. Er muss nur erst nachdenken."
Schweigend sammelten sie weiter. Es gab nichts mehr zu bereden. Die Gedanken waren ausgetauscht worden und nun mussten sie auf eine Entscheidung warten.
Erst zu einer späten Stunde des Tages kam Gandalf zurück.
Ein Feuer wurde angezündet, Fleisch gebraten und frisches Wasser getrunken.
"Es gilt einiges für uns zu klären. Die Macht, die uns gegenüber steht, ist zerstörerisch. Viele Geschichten wurden mir kundgetan, grausame Geschichten.
Kein Krieg ist gefochten worden und kein Krieg wird gefochten. Und doch herrscht Krieg in ganz Mittelerde. Den Menschen verlangt es nach Reichtum, es verlangt ihnen nach Macht und dafür tun sie alles."
"Aber was tun sie denn, Gandalf?", fragte Frodo, dem dies alles Sorgen bereitete.
"Sie zerstören sich selbst. Sie sind nicht mehr vom inneren Frieden besetzt.
Sie streben nur noch nach Reichtum und das wird sie von innen zerstören." Frodo hakte wieder nach:
"Aber wieso werden sie von innen zerstört, Gandalf? Auch die Zwerge wollten immer mehr Reichtum haben und das hat sie auch nicht niedergestreckt. Mir schien es eher so, dass sie dadurch lebendiger und ehrgeiziger wurden."
"Ehrgeiz, junger Hobbit, ist nicht immer gut. Auch Sauron war ehrgeizig, ebenfalls Saruman. Keiner der dunklen Herrscher hätte seine Macht erlangt, ohne ehrgeizig zu sein. Bei den Zwergen richtete sich der Ehrgeiz auch in die falsche Richtung."
Gandalf legte einen weiteren Scheit auf das lodernde Feuer.
"Doch bei den Menschen ist die Gefahr größer, Frodo Beutlin. Ihre Schwächen sind noch ausgeprägter als die Schwächen der Zwerge oder die Schwächen irgendwelcher anderen Völker und Rassen. Menschen sind starke Wesen, doch sie sind verletzlicher als andere. Viel verletzlicher. Wenn man ihren Willen einmal für sich gewonnen hat, sind sie unter Kontrolle. Sauron hatte nie an diese Möglichkeit gedacht, dazu war er zu machtbesessen. Doch jemand hat sich auf die Macht des Wortes berufen und so gewonnen."
Jetzt löste Sam Frodo als Nachfragenden ab.
"Aber er könnte doch nie ein ganzes Volk auf seine Seite ziehen. Das würde doch eine lange Zeit dauern."
"Vor einigen Wochen weilte ich in über alten Schriften, lieber Sam, da kam
mir ein Spruch zu Gesichte, der mich erst hier hinbrachte:
Menschen soll man versprechen um ihren Willen zu brechen!
Sei dies geschehen, mögest du gehen, dein Werk ist vollbracht, nun hast du absolute Macht!
Dieser Spruch stammte von einem Zauberer, der in früheren Zeiten Mittelerde bewohnte. Ein weiser Mann mit zu geringem Verstand, als dass er der Nachwelt diese Sprüche vorenthalten hätte."
Aragorn weilte noch tief in der Nacht über diesem Spruch. War auch er ein schwächlicher Mensch? Konnte man auch seinen Willen leicht beeinflussen? War auch er für Schandtaten zu gewinnen? Selbstzweifel nagte an ihm, fraß ihn auf.
Es war ungewöhnlich für Aragorn, der von seinen Untergebenen immer als willensstarker Mann und großer König bezeichnet wurde. Zu dieser Zeit quälten ihn Selbstzweifel und er strotzte auch nicht vor Mut wie sonst.
Er war nur noch ein Schatten seiner selbst.
Gandalf berichtete weiter:
"Einer hat sich den Spruch zu Herzen genommen. Einer hat die Menschen für sich gewonnen. Einer war es. Nur ein einziger."
"Wie kannst du dir da sicher sein Mithrandir?", fragte nun Baumbart, den andere Kunde erreicht hatte.
"Nur einer kann es gewesen sein. Einer reicht aus."
"Und wie soll einer den Willen von zwei großen Völkern beeinflussen?", fragte Frodo immer noch ungläubig.
"Sei nicht ein solcher Narr, Frodo. Ich weiß, dass du viel studiert hast nach dem Ringkrieg, du kennst die Geschichten Mittelerdes."
"Trotzdem weiß ich nicht, wie es möglich sein sollte..."
"Wenn man erst einmal ein Dutzend Menschen überzeugt hat, hat man ein Gros Menschen überzeugt. Menschen, die überzeugt sind, überzeugen andere. Sie sind leichtsinnig, Frodo. Von Natur aus sind sie gute Geschöpfe, doch ihr Geist ist zu schwach."
"Doch warum sollte man sich von dem Guten des Reichtums überzeugen? Wer könnte daraus schon Nutzen ziehen?", fragte Frodo weiter.
"Das Streben nach Reichtum wird den Menschen die Sinne vernebeln, sie werden immer weiter danach streben. Wenn er ihnen Reichtum gibt, oder zumindest das was er als Reichtum festgelegt hat, so werden sie ihm gehorchen, um immer mehr zu erlangen."
Gerade wollte Frodo weiterfragen, da unterbrach Gandalf ihn auch schon.
"Viele Fragen stellen sich dir, Frodo. Auch mir stellen sich viele Fragen.
Die Antworten sind nicht alle gefunden, wir sollten mit der Suche beginnen und dann werden einige Fragen sich von selbst erklären."
Gandalf stand auf und gab Anweisungen. Das Feuer wurde gelöscht und das Lager für die Nacht errichtet. Es sollte bis zur Morgendämmerung genächtigt werden und dann weiter beraten. Gandalf verschwand wieder zwischen den Bäumen und ward des Nachts nicht mehr gesehen.
Seltsame Vögel tauchten auch diese Nacht wieder auf.
Der nächste Sonnenstrahl weckte alle.
Der übliche Ablauf wurde fortgesetzt. Aragorn jagte, die Hobbits sammelten Holz und Arwen suchte nach Früchten.
Gandalf tauchte erst wieder auf als alle mit ihrem Frühstück fertig waren.
"Lange weilte ich über den neuen Erkenntnissen. Versuchte eine Lösung zu finden, versuchte herauszufinden wie die nächsten Schritte von statten gehen sollten."
Er atmete tief durch.
"Nun, ich habe einen Entschluss gefasst. Ich werde gehen. Ich muss gehen."
"Nein!", sprudelte es aus Frodo heraus. "Du darfst nicht gehen, Gandalf!"
"Ich muss, junger Freund."
"Und was sollen wir dann machen?", fragte Frodo verzweifelt weiter.
"Ihr junge Hobbits werdet bei Baumbart bleiben und mit ihm reisen. Er weiß, was zu tun ist. Aragorn und Arwen, ihr werdet nach Gondor reisen. Dort wartet Arbeit auf euch. Alles weitere besprechen wir, wenn wir auf Reisen sind. Die Zeit drängt. Noch ist der Wille der Menschen nicht in seiner Hand."
Alle fanden sich mit Gandalfs Entscheidung ab.
"So gehet nun hin, Hobbits. Gehet mit Baumbart und tut, was ihr zu tun habt."
Gandalf rief Schattenfell zu sich und ritt mit Aragorn und Arwen davon. Die Hobbits ließen sich, wie damals Merry und Pippin, auf Baumbart nieder und gingen mit ihm.
"Wohin werden wir gehen, Baumbart?", fragte Sam, der vom Gefühl, so hoch oben zu sein, noch völlig mitgenommen war.
"Wir begeben uns auf die Suche, kleiner Hobbit."
"Erzähl mir von euch Ents, Baumbart. Merry und Pip haben schon viel von dir erzählt, doch mich begehrt es mehr zu erfahren.", sprach Frodo völlig unbeschwert.
Im Moment spürte er keine Last, keine Gefahr, doch das sollte sich noch ändern.
"Homm, Berichte von uns Ents sind nicht die Fröhlichsten. Ich möchte eure jungen Hobbitherzen nicht belasten. Eines sei gesagt. Ihr seid ein fröhliches Volk und das ist beneidenswert. Achtet das immer, junge Freunde."
Frodo gab es fürs erste auf. Er wollte Baumbart nicht mit seinen Fragen wütend machen. Sicherlich würden sie noch einiges über Ents erfahren.
"Doch sag, Baumbart, wen oder was suchen wir?"
"Zeit bringt Rat, wie wir Ents immer sagen, obwohl dies nicht immer stimmt. Doch diesmal wird die Zeit euch aufklären, liebe Hobbits."
Langsam schritten sie voran. Immer tiefer hinein in den Fangorn.
Gandalf und das Königspaar Gondors ritten immer weiter Richtung Süden. Immer dem Onodlo, oder auch Entwasser, entlang.
Arwen konnte die Spannung nicht mehr ertragen. Stundenlang waren sie nun nebeneinander her geritten und hatten kein Wort gesprochen.
"Sprich, Gandalf. Viele Fragen bedrücken mein Herz."
"So stelle sie mir."
"Immer noch fand ich keine Antwort auf die Frage, welche Rolle ich in diesem Kampf spiele."
"Das kann auch ich nicht beantworten. Es möge sich herausstellen. Doch eine große Rolle wird euch gewiss zugeteilt, Arwen."
"Doch was werden wir in Gondor tun, Gandalf? Wir können keine Waffengewalt gegen sie führen, doch sie gegen uns. Der Gegner ist uns an Zahl, Waffen und Willen überlegen."
"Der Gegner kann keine Waffen tragen, Frau Arwen. Der Gegner kann sich nicht fortbewegen. Der Gegner ist nur ein Gespinst des Hirns."
Aragorn verlangsamte das Tempo.
Seine Augen hatten seltsames gesichtet. Dort waren, drei Meilen von ihnen entfernt, Orks an der Arbeit. Sie schlugen Steine. Ihre Anzahl betrug mehrere Dutzend.
Doch das Seltsame war, dass die Orks von Menschen zur Arbeit angetrieben wurden. Viele Menschen mit Schwertern, auf Pferden, trieben die Kreaturen zur Arbeit und verhinderten ihre Flucht.
"Seht!"
Sie stoppten die Pferde und betrachteten das verworrene Schauspiel.
"Es schreitet schnell voran.", sprach Gandalf als Bestätigung zu sich selbst.
Nach kurzer Betrachtung sprach Gandalf weiter:
"Es eilt! Wir müssen unsere Wege trennen. Ihr werdet reiten gen Minas Tirith, mein Weg wird mich nach Helms Klamm führen. Eure Aufgabe wird es nun sein Minas Tirith zu befreien. Befreit die Menschen dort von dem Schrecken, befreit sie von ihrem Wahn.", er drehte seinen Kopf Richtung Aragorn und schaute tief in seine Auge um aus ihnen zu lesen:
"Aragorn, Isildurs Erbe, du wirst dein Erbe wieder antreten."
Hilflosigkeit sprach aus Arwen und Angst:
"Sagt, Gandalf, was sollen wir tun um unsere Aufgabe zu erfüllen? Wie soll dies möglich sein?"
"Ihr werdet einen Weg finden. Doch eilt euch!"
Dies waren Gandalfs letzte Worte, bevor er davon ritt und auf viele Tage nicht mehr von ihnen gesehen ward.
