Disclaimer: Tolkiens Werke gehören ihm bzw. seinen Erben. Charaktere etc. sind nur geliehen.
2. Kapitel
Im ersten Licht des neuen Tages brachen sie erneut auf und erreichten um die Mittagszeit den Mithris, der Ithuris von Gildanna trennte. Elrond hatte Bruchtal geliebt, doch dem Zauber Gildannas konnte er sich nicht verschließen.
Das Tal, sicher eingebettet zwischen den Flanken der blaugrauen, schneebedeckten Riesen, die die Sternenberge genannt wurden und sich wie eine Sichel an den südlichen, inneren Rand Ithuris schmiegten, wurde beherrscht von unzähligen Wasserfällen. Sie fielen aus den Wänden der Berge oder suchten sich einen Weg über grüne nicht ganz so steile Hänge. Dazwischen fanden sich die Häuser der Elben, Paläste in weiß, beherrscht von Bogengängen und verschmolzen mit der Natur. Die Fälle waren von Nebeln winziger Wassertropfen begleitet, die mit dem Lauf der Sonne ihre Farbe änderten.
Elronds Haus beherrschte den Hintergrund des Tals, unzählige verschlungene Wege führten darauf zu. Während sie Gildanna durchquerten, fiel Elrond auf, wie farbenprächtig und schön die Elben hier gekleidet waren.
„Arenai", brummte Haldir auf seine Frage hin. „Wir weben die Stoffe, denn dazu sind sie nicht fähig. Dann werden sie zu ihnen gebracht und von ihnen gefärbt. Auch darin sind sie Meister, selbst wenn sie sie selbst wohl niemals tragen würden."
Erst am Tor zu seinem Haus begegnete Elrond dem ersten von den Arenai aus Winterstein gefertigten Bildnis und es zog ihn in seinen Bann. Es war die Darstellung einer Elbenfrau, die neben einem Korb kniete und tief in Gedanken versunken seinen Inhalt betrachtete. Auch wenn der Stein weiß wie Marmor war, so schien doch Leben in ihm zu sein. Jeden Moment musste sie sich erheben, den Korb ergreifen und ihres Weges ziehen. Elrond stieg von seinem Pferd und legte die Hand an die Statue, ein verwunderter Laut kam über seine Lippen, als er Wärme unter seinen Fingern spürte. Haldir hob nur die Schultern, es schien keine Erklärung für die Lebendigkeit des Steins zu geben.
Im Hof dann fand sich eine Statue Enuidils. Er saß vorgebeugt in einem Lehnstuhl, sein Gesicht von Müdigkeit und Gram gezeichnet. Der arenorische Künstler musste tiefer in die Seele des alten Herrschers geblickt haben, als dieser selbst es vermochte. Elrond fragte sich, ob Enuidil die Statue wirklich gefallen haben mochte oder ob er sie als Mahnmal seines Scheiterns hatte aufstellen lassen.
Doch trotz dieser Melancholie war es ein schöner Ort und Elrond brauchte nur kurze Zeit, um sich dort heimisch zu fühlen. Auch Imladris war seine Heimat gewesen, doch hier in Gildanna fand er wahren Frieden. Es gab keine Bedrohung und keine Not, keine beunruhigenden Nachrichten von Menschen und Orks, keinen Feind, der Ithuris zerstörte so wie es Düsterwald ergangen war oder am anderen Ufer des Mithris lauerte. Es war so leicht, in Gildanna die Zeit zu vergessen.
Der Winter kam mit Schnee einher, doch niemand fror. Heiße Quellen aus den Tiefen der Sternenberge speisten die Häuser in Lichtfall und füllten sie mit Wärme.
Schon vor dem ersten Schnee erschienen Arenai und brachten wärmende, in den Farben des Winters bedruckte Stoffe, die keine Kälte, keinen Regen und keinen Wind durchließen. Sie tauschten gegen große Krüge mit Fruchtwein, Kräuter und Gewürze, die Elbenhände im Laufe des Sommers gesammelt und hergestellt hatten. Auch stand das geschöpfte Papier der Elben, das nach den Sommerblumen roch, hoch im Kurs. Elrond beobachtete die wortkargen Tauschhandel mit einigem Interesse und so konnte es ihm nicht verborgen bleiben, wie sorgfältig die Arenai darauf bedacht waren, sich immer mehrere Schritte von jedem Elben entfernt zu halten.
‚Wie eine ansteckende Krankheit' erinnerte er sich an Haldirs Worte, in denen viel Wahres lag.
Im Frühling und im Sommer wiederholte sich das Schauspiel im Tal. Während die Natur erwachte und vor Leben barst, zogen die düsteren, grimmigen Arenai über den Mithris, diesmal mit den neuen Stoffen, die bereits den Sommer in sich trugen. Silberschmuck brachten sie ebenfalls mit sich, der Elrond bezauberte. Während der ganzen Zeit suchte er gleichwohl in Enuidils Aufzeichnungen nach des Rätsels Lösung. Doch weit brachten ihn die umfangreichen Werke nicht. Viele davon handelten nur von den Elben, wer kam und welche Kunde er von Mittelerde brachte. Wer Arenor glücklich verlassen konnte, um Valinor zu erreichen.
Im Sommer dann, an einem der warmen Abende, an dem die Gesänge durch das Tal schwebten und in ihrer Reinheit die Vögel zum verstummen brachten, fand er eine dünne Schrift, in der Enuidil kurz vor seinem Aufbruch nach Valinor zusammengefasst hatte, was er in all den langen Jahren über die Arenai zu erfahren geglaubt hatte.
Als ich in Arenor eintraf, begrüßte mich der Schildmeister der Arenai auf dem Kai. Er war ein großer, grobschlächtiger Mann wie alle Arenai. Selbst ihre Frauen sind ungewöhnlich kriegerisch und tragen niemals Frauenkleidung. Nur an ihrer Größe und an ihren seltsam schönen Gesichtern kann man das Geschlecht der Arenai unter der bei beiden gleichen Kleidung unterscheiden. Agir war selbst unter den Arenai ein Riese. Seine Stimme, der niemals ein wirkliches Gefühl innewohnen zu schien, verkündete mir die Regeln von Arenor. Es war ihm das Wichtigste, dass Elben und Arenai zu trennen waren. Als ich ihn fragte, was der Grund dafür sei, schwieg er lange, um schließlich zu antworten: „Es ist so bestimmt, dass unser beider Völker hier auf Arenor nur in Frieden weiter leben können, wenn jeder seines eigenen Weges geht."
Mehr sagte er nicht und keine Frage, kein Bitten konnte ihn erweichen.
So lebten wir denn nebeneinander aber nicht miteinander. Die Arenai scheuen jede Berührung mit uns. Nur einmal in all der Zeit schien ein Wandel sich anzubahnen. Sirgal, die Tochter Agirs verliebte sich in den Herrn der Waldelben, eine Verbindung, die ich sehr begrüßt hätte, doch es endete in einer Tragödie. Nicht lange danach suchte mich Agir in Lichtfall auf. Ein Ereignis, das der Erwähnung wert ist, denn es geschah niemals wieder. Der Tod seiner Tochter hatte ihn schwer getroffen, er war sichtlich gealtert und bewegte sich schwer, das Haupt unter einer Last gebeugt.
„Enuidil, es darf nicht sein", sprach er bei unserem Zusammentreffen. „Wir Arenai sind die Wächter, auch Eure Wächter. Du magst es nicht verstehen, doch das Leben der Elben wird auch durch uns bewahrt. In unseren Träumen führen wir die Kämpfe, die uns zu dem machen, was wir sind, was die Valar für uns bestimmten. Glaube mir, Enuidil, ihr Elben würdet diese Träume nicht teilen wollen. Ihr habt bereits ein langes und schweres Leben gelebt, erfreut euch nun an Arenor bis der Tag kommt, an dem die Valar euch nach Valinor holen. Uns Arenai wird dies nie vergönnt sein, aber es ist gut so, wir haben den Weg aus freien Stücken gewählt. Es darf keine Verbindung zwischen uns geben, denn nicht wir würden euer Leben teilen, sondern ihr das unsere. Gib mir dein Wort, Enuidil, dass nicht noch eines unserer Kinder dafür den Tod findet."
Und so gab ich ihm mein Wort, die Arenai niemals zu bedrängen und daran halte ich mich, bis ich abberufen werde. Dennoch erfuhr ich einiges über sie, allein dadurch, dass ich sie in den langen Jahren beobachtete.
An dieser Stelle hätte sich Elrond beinahe fassungslos gegen die Stirn geschlagen. Enuidil war ein solcher Narr! Es war offensichtlich, dass der Arenai vor dem Hintergrund der Tragödie die Gelegenheit gesucht und auch gefunden hatte, den Elb in seinem Sinne zu manipulieren. Aber der Elb war noch nie mit solchen Ränken vertraut gewesen. Schon in Lindon hatte es ihn immer mehr zu seinen Gärten und Büchern gezogen, als seinem Groß-König zur Seite zu stehen. Das Versprechen an Agir war eine zu bequeme Lösung aller Probleme und Fragen, die sich auf Arenor zwangsläufig stellen mussten.
Mit mühsam unterdrücktem Ärger konzentrierte sich Elrond wieder auf die Schrift.
Die seltsamsten unter ihnen sind die, die sie ihre Beobachter nennen. Niemals wechselte ich ein Wort mit einem der ihren und nur zufällig begegnete mir einmal einer an einer Quelle in Ithuris, vor der er schweigsam kniete und das Wasser beobachtete. Mag sein, dass es ihre Zauberer sind, aber was genau sie wirken, ist mir nie enthüllt worden. Es sind ihre Ältesten, die einzigen, die keine Waffen bei sich führen. Auch sind sie nicht so grimmig wie der gewöhnliche Arenai, eher erscheinen sie mir gebeugt unter einer Last, die zu schwer für die Schultern eines einzigen Mannes ist.
Arenai lachen wenig, eigentlich in Gegenwart eines der unseren nie. Unser Gesang verwundert sie, es scheint sie niemals zu drängen, etwas über unsere Lebensart zu erfahren. Ich kann mir nicht erklären, wie es ihnen trotzdem gelingt, soviel Schönheit mit ihren Händen zu erschaffen.
Nur ein einziges sah ich einen von ihnen wirklich glücklich. Am Grünen Fall hatte der Schnee einen Winterstein enthüllt. Zu groß war er, um nach Arengard gebracht zu werden und so schickte ich Kunde dorthin. Kurz darauf traf Ayla, Agirs Tochter ein, die zu ihm gekommen war, bald nachdem er Sirgal verloren hatte. Ayla ist nicht wie Sirgal, aber auch nicht wie die anderen Arenai, fast könnte man sie höflich nennen und auch interessiert. Ich führte sie zum Grünen Fall und ein Licht schien in ihrem steinernen Arenai-Herzen zu erglühen. Sie hatte nur noch Augen für den Stein, tagelang betrachtete sie ihn, vergaß alles andere um sich herum und schließlich begann sie mit dem Werk. Sie war mehrere Wochen hier in Lichtfall, doch wir begegneten uns selten. Ihr Lager hatte sie in der Nähe des Grünen Falls aufgeschlagen, Essen und Trinken nahm sie von uns, doch keine Gesellschaft. Aber eines Tages erschien sie am frühen Morgen in meinem Haus, ihre Kleidung war verschmutzt mit weißem Steinstaub, sie trug nicht einmal eine Waffe. Ich dachte schon, es sei ein Unglück passiert, aber dann bemerkte ich, dass sie lächelte, eigentlich lachte sie sogar. Ihre Augen glitzerten vor Freude und ihr Gesicht glühte regelrecht aus einem inneren Glück hinaus.
„Es ist gelungen", rief sie lachend. „Seht es Euch an, Enuidil, jetzt sofort."
Als ich ihr nicht schnell genug folgen konnte, da fasste sie mich am Arm und zog mich mit sich. Es war dieser Moment, als ich das spürte, was sie wohl vor uns verbergen wollten. Sie sind aus gleichem Ursprung, doch von anderer Art. Es gibt eine Verbindung, unglaublich tief und gut, doch erfüllt von einer unendlichen Traurigkeit und Schmerz. Sie leiden unseretwegen, aber sie fügen sich freiwillig in ihr Schicksal. Es währte nur einen Atemzug lang, doch seitdem wünschte ich, ich könnte ihnen helfen.
Sie kam nie wieder nach Lichtfall, hat ihr Wunder nie wieder gesehen. Jahrhunderte mied sie mich, erst als sie die Schildmeisterin Arenors wurde, begegneten wir uns wieder. Agir war dahingeschwunden, wie so viele vor ihm. Eines Tages fehlen vertraute Gesichter und werden ersetzt durch Kinder, so geht es immer. Ich hoffe, der Weg der Arenai führt sie dann nach Valinor, wo sie lernen zu singen und zu lachen.
Elrond legte die Schrift beiseite und versank in Gedanken. Was trieb die Arenai, sich selbst so zu quälen und wovor glaubten sie sein Volk schützen zu müssen? Die gleiche Frage stellte er Haldir, als dieser ihn bald darauf besuchte.
„Was es auch ist, sie gehen fehl", meinte dieser entschieden. „Das Elbenvolk besteht nicht aus hilflosen Kindern, wir haben uns immer schützen können, wie groß die Gefahr auch war. Es kann nicht sein, dass die Arenai uns von unserer Bestimmung fernhalten, egal wie gut sie es meinen."
Elrond wiegte den Kopf. „Ich stimme dir zu, Freund Haldir, doch wie willst du es ändern? Die Schildmeisterin wird mir kaum eine Antwort geben, wenn ich sie danach frage."
Bedächtig drehte der Waldelbe den silbernen Pokal in seiner Hand. „Vielleicht kommt es darauf an, wo du sie fragst. Nach Enuidils Bericht gibt es durchaus Momente im Leben auch einer Schildmeisterin, die sie in Euphorie versetzen."
„Du warst zu lange unter Menschen", schmunzelte Elrond vergnügt. „Ihre abwegigen Schliche und Unternehmungen sind dir nur zu vertraut."
So zogen schon am nächsten Tag die Elben aus Lichtfall und Ithuris aus, einen Winterstein zu finden, der zu groß war, dass man ihn nach Arengard bringen konnte. Das Unterfangen klang einfacher als es wirklich war, denn Winterstein liegt nur selten frei an der Oberfläche und wenn, dann versteckt er sich unter Moosen und Ranken. Doch schließlich, der Herbst hatte bereits lange begonnen, war es Elrond selbst, dem an einer kleinen Quelle, nicht weit entfernt von seinem Haus das Finderglück zuteil wurde. Es war ein mächtiger Stein, eher geeignet für ein Relief denn für eine Statue, der sich direkt neben der schattigen Quelle in den Fels schmiegte und sich unter einem Vorhang dichter Ranken verborgen gehalten hatte. Die tiefstehende Herbstsonne hatte einen Weg durch das schwindenden Blattwerk gefunden und seine makellose Oberfläche zum Erstrahlen gebracht.
„Du bist perfekt", erklärte der Elbenlord dem schweigenden Koloss. „Nun schicke ich Kunde nach Arengard und wir werden sehen, was passiert."
***
Seufzend erhob sich Ayla von ihrer Ruhestätte. Auch noch so langes Starren auf den sternenbestreuten Baldachin brachte sie dem Traum nicht näher. Sie marschierte zur Tür und öffnete sie. „Boyar!" schrie sie in den Gang hinein. „Hol mir Temlar her oder einen der anderen."
Während sie auf die Ankunft des Beobachters wartete, schritt sie wild auf und ab. Seit Tagen nun verspürte sie diesen Ruf in sich, diese Unruhe. Sie hatte jahrelang den Moment gefürchtet, wenn es die Valar erneut nach ihr verlangte. Nun war sie regelrecht erzürnt, weil es ihr einfach nicht gelang, die Wanderung zu beginnen. Das war ihr noch nie passiert, das war überhaupt noch keinem Arenai passiert. Wenn sie schon den Weg der Gefahren beschreiten sollte, der einen Arenai auch in seinem Traum töten konnte, dann wollte sie dies wenigstens rasch tun, bevor sie der Mut verließ.
Es dauerte eine Weile, bis Temlar zu ihr kam. Allerdings nicht so lange, dass man ihn von der Quelle geholt haben konnte, von der aus er ihren Traum hätte beobachten sollen. Anklagend ging sie auf den ausnahmsweise einmal würdevollen alten Mann zu, der sich schwer auf einen silbernen Stab stützte.
„Erkläre es mir", forderte sie heftig. „Ich spüre den Ruf in mir, gelange aber nicht auf den Pfad. Wo warst du überhaupt? Du hättest bei der Quelle sein sollen."
Der Beobachter ließ sich von ihr nicht beunruhigen, dafür kannte er sie einfach zu lange. Gemächlich suchte er sich eine Sitzgelegenheit und ordnete den langen, dunkelblauen Mantel um sich herum. Seine blaugrauen Augen in diesem zerklüfteten Gesicht musterten sie mit einem erheiterten Funkeln. „Seit wann gierst du wieder danach, eine Wanderung zu beginnen, Ayla?"
„Das tue ich gar nicht", schnappte sie. „Doch ich werde gerufen und habe keine Lust, es lange aufzuschieben."
„Tatsächlich?" Er nahm einen Becher warmen Honigwein, trank einen Schluck und schmatzte genüsslich. „Mir scheint, du bist so erschüttert von diesem Ruf, dass du gar nicht darauf achtest, wer ihn ausgestoßen hat."
Sie erstarrte mitten in der Bewegung. Temlar sprach zwar selten deutliche Worte, aber auch niemals überflüssige. Erneut horchte sie in sich und diesmal endlich fiel ihr auf, dass es nicht so wie sonst war, wenn ein Traum sich näherte. Sie verspürte den Drang aufzubrechen, aber nicht in einen Traum. Es galt etwas zu erschaffen, aber keine neue Erinnerung für die Beobachter.
Verwundert sank sie neben Temlar auf die Bank. „Was hat das zu bedeuten? Diese Art von Ruf ist mir neu."
„Wohl kaum", erklärte das lebende Gedächtnis der Arenai und füllte sich Honigwein nach. „Natürlich kennst du diesen Ruf, es ist nur schon sehr lange her."
Angestrengt durchforstete sie ihre Erinnerung. Weit zurück dann traf sie auf etwas Vertrautes, etwas Schmerzliches und auch sehr Schönes. Ayla schüttelte wild den Kopf. „Das kann nicht sein. Nicht wieder Gildanna."
Temlar beugte sich vor und stieß ihr einen seiner langen Finger gegen die ausnahmsweise ungepanzerte Schulter. Es tat richtig weh. „Ah, die Tochter Agirs wird sich doch wohl nicht fürchten, oder?"
„Unfug!"
„Ts", machte er zweifelnd. „Du hast Angst, weil du damals fast die ehernen Gesetze deines Vaters gebrochen hättest. Enuidil kam dem Verborgenen zu nahe."
„Es sind nicht nur Agirs Gesetze, die Valar gaben sie uns auf den Weg."
„Bist du dir da so sicher, junge Anerai?" Temlar schien auf den Grund ihrer Seele zu blicken. „Nein, bist du nicht. Du hast von jeher gezweifelt. Wir Beobachter konnten es spüren, schon an dem Tag, als du als kleines Mädchen zu uns kamst. Großes war dir vorherbestimmt und bisher hast du uns nicht enttäuscht."
Ayla lächelte müde. „Obwohl ich Zweifel an unserem Weg habe?"
„Gerade deswegen", lautete seine fröhliche Antwort. „Die Zeichen mehren sich, dass uns Veränderung bevorsteht. Damals warst du noch zu jung und Enuidil nicht der König, den es brauchte. Wahrscheinlich hättest du dich ihm sogar um den Hals hängen können und er hätte nicht wirklich begriffen, was uns von ihnen fernhält. Aber der neue Elbe, der vor einem Jahr hier ankam, er ist ein wahrlich Großer seiner Art. Ein Kriegsfürst, wie ihn die Elben sonst niemals hier hatten. Wusstest du eigentlich, dass Elrond Gil-Galads Herold war? Hätte der Mensch Isildur damals nicht gefehlt, so wäre Mittelerde viel Leid erspart geblieben."
„Ich glaube nicht, dass mich das zurzeit sonderlich interessiert." Mit einem schiefen Blick auf ihre Ruhestätte erhob sie sich. „Ich werde die Gesetze nicht einfach so verletzen, Temlar, aber ich werde vor der Herausforderung auch nicht davonlaufen. Also gut, weißt du schon, wo man den Stein gefunden hat?"
„Ganz in der Nähe seines Bruders in Lichtfall. Er soll sehr groß sein, aber auch recht flach. Er wartet nur auf deine Hände, mein Kind, kein anderer könnte ihm sein Geheimnis entlocken." Temlar klemmte sich die Karaffe mit Honigwein in den Arm und stand nun auch auf. „Du wirst sofort aufbrechen müssen, denn man erwartet dich im Binnenland."
„Woher weißt du das?"
„In der Halle steht ein Elb."
„In der Halle..." Ihre Stimme erstarb und ihre Kinnlade klappte herunter.
Der Beobachter schnalzte tadelnd mit der Zunge. „Du machst ein Gesicht wie ein verblödeter Fisch, mein Kind. Nun spute dich, er erwartet die Schildmeisterin Arenors und keine Närrin. Dein Gepäck ist bereits aufgeladen, Boyar wird dich begleiten. Du musst dich nur noch in die Zeichen deines Amtes kleiden."
Ihr blieb gar keine andere Wahl. Vor der Tür der Kammer erwarteten sie zwei Bedienstete, die ihren pelzgefütterten Mantel, die Handschuhe und den Helm bei sich hatten. Gefolgt von einem vor sich hin murmelnden Temlar stürmte sie den Turm hinunter in die Eingangshalle. Fast wäre sie in Boyar hineingelaufen, der sich vor der Treppentür aufgestellt hatte und ihr zunächst die Sicht auf den einmaligen Gast versperrte.
„Er war auf einmal da", erklärte ihr Vertrauter verstimmt. „Neue Sitten sind das, wenn Elben einfach Arengard betreten. Zu Enuidils Zeiten schickten sie eine schriftliche Botschaft über einen unserer Tauscher."
Dem Elben schien diese Anklage wenig auszumachen. Unbeweglich wartete er einfach in der Mitte der Halle. Es war ein Waldelbe, nach seiner einfachen grünen-braunen Kleidung aus weichem Leder zu urteilen. Auch war er bewaffnet, über seiner rechten Schulter schauten die Federn der Pfeile seines Köchers hervor und einen Bogen hatte er ebenfalls über der Schulter. An seiner Seite hing sogar ein Schwert und im Gürtel des Gewandes steckte einer der kunstvollen Elbendolche, die auch bei den Arenai so beliebt waren. Es war eine Erscheinung, die einer Statue würdig war. Ayla juckte es in den Fingern, ein neues Werk zu beginnen, in dem sich dieser Elbenkrieger wiederfand. Aber stattdessen trat sie langsam auf ihn zu.
„Schildmeisterin", begrüßte er sie mit einem achtungsvollen Nicken. „Haldir von Ithuris schickt mich mit einer Nachricht von Lord Elrond."
„Nun?" Ayla hatte ihre Fassung wiedergewonnen. Sie kannte die Elben immerhin schon eine recht lange Zeit.
„Lord Elrond lässt Euch mitteilen, dass in Gildanna ein Winterstein gefunden wurde, der der Hände eines wahren Meisters würdig ist. Er kann nicht hierher nach Arengard gebracht werden, doch für unseren Herrn und das Volk der Elben wäre es eine große Ehre, wenn Ihr Euch nach Gildanna begeben und dort eines Eurer Wunder entstehen lassen könntet. Ihr wärt der geschätzte Gast unseres Herrn und hättet kein Leid zu befürchten."
Boyar schnaubte abweisend, doch sowohl der Elb als auch Ayla ignorierten ihn. „Mir wird wohl keine andere Wahl bleiben. Ihr könnte gehen. Richtet diesem Haldir aus, dass er Lord Elrond mein Kommen melden kann. Aber ich brauche keine Führer durch das Binnenland, der Weg nach Gildanna ist mir durchaus bekannt."
Kaum hatte der Elb sich mit einem kurzen Gruß verabschiedet, hielt Boyar es nicht länger aus. „Was soll das?", tobte er los. „Erst sagt Temlar, dass du gehen sollst und nun auch du. Es ist später Herbst. Einen Winterstein zu bearbeiten dauert Wochen. Du kannst unmöglich im Winter in Lichtfall bleiben. In den Wäldern mehren sich die Zeichen für einen kalten Winter mit sehr viel Schnee. An den Sternenbergen wird es noch schlimmer sein und auch du kannst nicht jeder Kälte trotzen."
„Ich glaube nicht, dass Elrond sie erfrieren lassen wird", brummelte Temlar. „Jetzt steh ihr nicht im Weg, du Dummkopf. Euer Gepäck ist bereits auf die Pferde verladen. Ihr müsst aufbrechen, dieser Stein ist wichtig für uns alle. Sie muss ihn schneiden und wenn ihr dabei die Finger zu Eis gefrieren."
Mit einem wütenden Aufschrei stapfte Boyar hinaus, Ayla folgte ihm mit einem Achselzucken. Schöne Aussichten waren das, die der alte Mann mit der Weinkaraffe im Arm soeben prophezeit hatte.
Schon auf dem Weg Richtung Ithuris fand sie überall die Anzeichen, dass Boyar mit seiner Vorhersage Recht behalten würde. Nur selten gab es so früh im Jahr bereits durch leichten Nachtfrost abgestorbene Pflanzen. Auch die wenigen Tiere, die sie zu Gesicht bekamen, hatten sich mächtige Vorräte angefressen und trugen zottiges Fell. Andererseits waren die Arenai hart im Ertragen jeglicher Unbill der Natur und ihre Kleidung tat ein Übriges.
Die kleine Karawane aus den beiden berittenen Arenai und einem robusten Packpferd erreichte Ithuris noch vor der Dämmerung, obwohl sie in stiller Übereinkunft kein sehr zügiges Tempo eingeschlagen hatten. Schon vorher waren nur wenige Worte zwischen ihnen gewechselt worden, doch im Elbenwald verstummten sie ganz. Der Weg war nicht zu verfehlen und bald waren sie von den Demothian umgeben, die ihnen zusätzlich Sicherheit gaben, auch wenn sie in der Kälte einen Teil ihrer Leuchtkraft einbüßten.
Eigentlich hätten sie sie sehen müssen, doch wie aus dem Erdboden gewachsen standen auf einmal drei berittene Waldelben vor ihnen. Boyar stieß einen Fluch aus, während Ayla einfach nur stumm ihr Pferd zügelte.
„Willkommen in Ithuris", begrüßte der mittlere der drei sie und ritt ihnen noch ein Stück entgegen. „Wir hatten Euch früher erwartet."
„Trotzdem waren wir wohl schneller als Euer Bote", blaffte Boyar ihn an. „Die Schildmeisterin ließ ausrichten, dass sie keine Eskorte benötigt. Euer Herr scheint wohl taub zu sein."
Nur einen Moment verengten sich die Augen des Elben, aber es reichte, um ihn zu verraten. Ayla unterdrückte einen Seufzer. Noch ein Elb, der die alten Regeln nicht akzeptierte ...Sie konnte sich nicht einmal erinnern, wann er in Arenor angekommen war. Lange war es jedenfalls nicht her.
„So seid Ihr also Haldir", stellte sie fest und er neigte bestätigend den Kopf. „Eure Gastfreundschaft in Ehren, Haldir, aber wir werden auf dem Weg nach Gildanna nicht rasten."
„Doch, das werdet Ihr."
Ihr verschlug es schlichtweg die Sprache. Selbst Boyar schnappte nur noch nach Luft, als die Elben ihre Pferde neben sie dirigierten und sie dann mit einer höflichen, aber unnachgiebigen Geste zum Weiterritt aufforderten. Ayla bewegte leicht den Kopf, um wieder zu klaren Gedanken zu kommen. Zum erstenmal in ihrem Leben drängte es sie, die Hand gegen einen Elben zu heben, um ihm die alten Regeln notfalls mit Gewalt beizubringen.
Haldir schien ihre Gedanken zu erraten, denn ein mildes Lächeln erhellte seine schönen Elbenzüge. „Meint Ihr wirklich, Ihr würdet gewinnen, Herrin?" raunte er ihr zu.
„Meint Ihr denn, Ihr würdet es?" zischte sie zurück.
Er ließ sich Zeit für seine Antwort. Ausgiebig musterte er sie von Kopf bis Fuß, dann vertiefte sich sein Lächeln. „Ich denke schon. Ihr dürftet die Kräfte eines Uruk'hai haben – verzeiht mir den ungerechten Vergleich – und es brauchte damals mehrere von ihnen, um mich in Mittelerde zu töten."
Das brachte sie zum Schweigen. Seine Antwort hatte ihre Befürchtungen über die neuen Elben aus Mittelerde endgültig zur Gewissheit werden lassen. Mit Kämpfern begannen die Valar Arenor nun zu bevölkern und auch in tausend Jahren würden diese Elben nicht den inneren Weg nach Valinor erreichen, auf den das friedliche Leben im Binnenland schon so viele gebracht hatte.
Ayla hatte Ithuris bislang erst einmal in aller Eile durchquert, getrieben von dem Wunsch, den Stein, den es so sehr nach ihr verlangte, zu erreichen. Diesmal hatte sie jedoch Muße, etwas von der Schönheit dieses Waldes in sich aufzunehmen. Es würde sich in ihren Zeichnungen wiederfinden, da war sie ganz sicher. Dennoch war dieser Gedanke nur ein schwacher Trost, als sie die Mellyrn mit den Wohnstätten erreichten. Hunderte der Elben schien es hier versammelt zu haben und Ayla fühlte sich so beengt, dass sie nach Atem ringen musste.
„Ihr seid meine Gäste", wiederholte Haldir nochmals, dem ihre Anspannung offenbar war. „Zwischen Elben und Arenai besteht kein Händel, Schildmeisterin, also gebt mir einfach nur die Möglichkeit, meine Gastfreundschaft zu zeigen."
Ayla befand diese Bemerkung keiner Antwort würdig. Ihr Gesicht verwandelte sich in eine lange geübte starre Maske grimmiger Entschlossenheit, die Elben als lästige Begleiterscheinung einer ansonsten perfekten Welt hinzunehmen. Boyars Proteste, als sie nicht zu Füßen der Riesenbäume schlafen sondern hinauf in die Telain steigen sollten, brachte sie mit einem kurzen Knurren zum Verstummen. Der Aufstieg war lang, aber nicht anstrengend. Sie hätte eigentlich Zeit gehabt, den immer besseren Ausblick auf Ithuris und die Wohnstätten zu genießen, doch sie tat es nicht. Haldirs Haus, wenn man von diesem Kunstwerk überhaupt so sprechen konnte, war elbisch bis zur Grenze des Erträglichen.
„Die Bäume ziehen die Wärme mit ihren Wurzeln aus der Tiefe der Erde", erklärte er mit gleichbleibender Höflichkeit. „Sie geben die Wärme auf dem Talan weiter. Ihr werdet ein behagliches Nachtlager vorfinden."
Ayla stapfte mit ihren schweren Stiefeln in den Raum oder besser Saal, den man ihr zugedacht hatte, betrachtete das ausladende, mit einer schimmernden Decke bezogene Bett und atmete einmal tief durch die Nase ein. Es roch nach Blumen und sonstigen ätherischen Ölen. Boyars Unbehagen äußerte sich in einem lautstarken Niesen, gefolgt von einem grollenden Laut. Sie ließ sich in voller Montur in einem der Armlehnstühle nieder und starrte den Elben herausfordernd an.
„Gefällt es Euch?" erkundigte er sich harmlos.
Ayla schwieg so lange, bis er sich mit einer leichten Verbeugung zurückzog. Boyar wartete erst gar nicht, bis er außer Hörweite war, dafür hätte der Elbe bis in die Sternenberge laufen müssen. Er warf ihr Gepäck auf den Boden und schleppte die Blumendekoration hinaus. Als ob das helfen würde, dachte sie beinahe erheitert. Diese Gerüche lagen überall in der Luft, man konnte ihnen sowieso nicht entgehen.
„Heute nacht mache ich kein Auge zu", erklärte der Arenai, während er ihre eigenen Decken ausrollte. „Wahrscheinlich fangen sie bald auch noch an zu singen."
„Das werden sie mit Sicherheit tun", nickte Ayla. „Und Gedichte vortragen, vergiss das nicht."
„Ich kann mein Glück kaum fassen." Trotz seines Ingrimms ließ er sich jedoch nicht davon abhalten, dem von einer entspannend schweigsamen Elbin gebrachten Mahl alle Ehre angedeihen zu lassen, indem er es zusammen mit Aylas Teil davon vollständig verzehrte. Dabei schüttete er eine Karaffe Wein in sich hinein, noch eine zweite und sank schließlich schnarchend auf seiner Decke in den Schlaf, den Ayla nicht finden konnte.
Lange saß sie fast bewegungslos in der Dunkelheit. Die Demothian ließen sich durch lautes Händeklatschen leicht verscheuchen, denn sie pflegten nur den Lichtsuchenden zu begleiten und die Lampen hatte niemand in diesem Raum entzünden wollen. Schließlich nahm sie sich einen Becher Wein, den sie vor Boyars verzweifeltem Besäufnis gerettet hatte und trat auf den Balkon hinaus. Natürlich sangen sie, wahrscheinlich machten sie noch ganz andere Dinge, die ein Arenai als Zeitverschwendung erachten würde: Gedichte vortragen zum Beispiel, Instrumente bauen, um ihren Gesang zu begleiten, damit die ganze Angelegenheit noch lauter wurde.
Ayla verschloss ihre Ohren diesem Unfug und hörte in sich hinein. Der Ruf des Wintersteins war lauter geworden, es verlangte ihn genauso nach ihr wie es sie zum ihm zog. Er musste schon sehr lange gewartet haben, dass das Wesen in ihm so unbedingt in seine ihm zugedachte Form drängte. Natürlich wollte jeder von ihnen zu der Hand kommen, die ihm vor langer Zeit bestimmt war, doch nur wenige erreichten eine solche Eindringlichkeit. Sein Bruder vor langer Zeit war sehr viel sanfter gewesen, unbestimmter, was es anfangs schwierig gemacht hatte, ihm seine ureigene Form zu verleihen. Doch dieser hier....schon jetzt erahnte sie eine befremdliche Form voller unklarer Linien. Sie wusste, dass er aufrecht stand, aus der Felswand hinter ihm herauswachsend und so würde er auch bleiben wollen. Etwas an ihm war anders, befremdlich und sie fühlte in sich einen Anklang von Furcht.
Ayla stellte den Becher ab und umklammerte mit den behandschuhten Händen die Balkonbrüstung. Ohne wirklich zu sehen blickte sie in die Tiefe hinab. Dieser Stein würde ihr keine Gnade gewähren bis sie seine Form vollendet hatte.
„Noch eine Arenai, die sich von dieser Stelle in den Tod stürzt?"
Ayla hatte sich fast in der Gewalt, nur ihre rechte Hand zuckte und kippte den Becher in die Tiefe. „Wenn es jetzt einen der Euren erschlägt, tragt Ihr die Schuld."
Haldir trat langsam aus dem Schatten am Rand des Balkons und warf einen kurzen Blick nach unten. „Nun, es braucht schon etwas mehr als einen Becher Wein, um einen Elb zu töten."
„Außerdem käme er in Mandos Hallen, wenn auch auf etwas peinliche Art", ergänzte sie trocken.
Der Elb musterte sie mit leicht zur Seite geneigtem Kopf. „Man sagte mir, dass Eure Art keinen Sinn für Humor habe, doch es scheint ein Irrtum zu sein."
„Dasselbe sagt man über Eure Art, doch allein mein Hiersein spricht zumindest für einen Sinn für das Groteske, nicht wahr?"
Haldir schlenderte heran, doch nicht so nah, dass sie einen Grund gehabt hätte, sich wieder zurückzuziehen. „So denkt Ihr also über uns, dass wir humorlos sind?"
„Kein Arenai denkt wirklich viel über Euch nach, Herr Elb", erklärte sie kalt. „Ihr seid hier, wir sind hier, es ist der Wille der Valar. Das sollte doch reichen, oder?"
„Sucht Ihr niemals nach einem tieferen Sinn, Schildmeisterin?"
Ayla wandte sich wieder ab. Als ob die Arenai danach suchen müssten, sie kannten den Sinn, sie hielten ihn einfach nur verborgen. Ihre nächsten Worte waren also die alte Lüge, die ihr so lange schon leicht über die Lippen kam. „Nein, nie. Ihr etwa?"
Haldir lächelte, was bei diesem Elb schon fast beängstigend war. „Immer, teure Herrin. Die Suche betreiben wir auch mit großer Beharrlichkeit und sind zumeist erfolgreich."
Es war eine Drohung, so schien es ihr wenigstens. Nun, sie erhielten schon seit Anbeginn ihrer Existenz den Zustand aufrecht, der der Beste schien, daran würde sich trotz Temlars Prophezeiungen vorerst nichts ändern. Jedenfalls wenn es nach ihr ginge.
„Wir haben nie erfahren, welche Nachricht Euer Vater damals überbringen ließ."
Trotz seines Gedankensprunges konnte sie auf Anhieb folgen. ‚Diese Verbindung bringt Tod und Leid über die Elben', war ihr kurzer Wortlaut gewesen. Während ihrer Miene nichts anzumerken war, spürte sie Agirs Schmerz, den er den Rest seines Lebens tief in seiner Seele verschlossen hatte. Er hatte geglaubt, eine wenn auch unglückliche Tochter damit wieder heim nach Arengard zu bringen, auf immer verloren durch den Kummer für die Traumwanderung aber doch am Leben. Agir hatte einfach nicht erahnen können, dass einen der ihren so etwas Befremdliches wie unumschränkte Liebe erfasst hatte.
„Es war nichts, was Sirgal nicht schon wusste, sie hatte es nur vergessen", erwiderte sie ruhig.
„Fühlt Ihr gar kein Mitleid mit ihr?"
„Ich kannte sie nicht, Haldir." Selbst das ging ihn eigentlich nichts an, aber die alten Gesetze schienen ohnehin niemanden zu interessieren.
„Wir haben ein Lied über sie und Theriador."
„Ah."
„Wollt Ihr es hören?"
„Nein, erspart Euch die Mühe", wehrte sie rasch ab, was ein erneutes Lächeln auf seine Züge brachte.
„Ich denke, ich werde ein Lied über Euch und Euren Begleiter verfassen."
„Das werdet Ihr nicht!"
„Es wäre ein sehr fröhliches Lied. Es kommt doch recht selten vor, dass in einer einzigen Nacht nicht nur ein Silberbecher über den Balkon fliegt, sondern auch noch eine ganze Zahl Blumengebinde. Es wundert mich, dass er das Bett nicht hinterhergeschmissen hat. Auch die seltsamen Geräusche, die er gerade von sich gibt, wären eine Strophe wert."
Ayla wandte sich von ihm ab. Der Elb zeigte sehr viel Gleichmut, doch ihr wurde klar, wie beleidigend ihr Verhalten während der ganzen Zeit gewesen sein musste. Andererseits war ihr Gastfreundschaft fremd, jedem Anerai war sie das. An wem hätten sie sie auch erlernen sollen? Den Elben? Gerade diese Gäste wären die schlechtesten gewesen, um sich in Freundlichkeit zu üben.
„Vielleicht schreibe ich auch ein Gedicht über eine Arenai, der eine geheime Last die Seele umwölkt", sprach Haldir leise weiter. „Als Ihr eben alleine an der Brüstung standet, erschient Ihr mir das einsamste Wesen auf ganz Arenor zu sein."
Bei seinen ersten Worten war sie insgeheim erschrocken, doch dann entspannte sie sich wieder. „Zumindest bin ich die einsamste Arenai in ganz Ithuris, umgekehrt würde es Euch in Arengard nicht viel besser ergehen. Besonders, wenn man die Art und Weise Eurer Einladung bedenkt."
„Einer anderen wärt Ihr nicht gefolgt."
„Warum war es denn überhaupt so wichtig, Haldir?"
„Der erste wirklich tiefe Frost ist heute nacht über Ithuris gekommen."
Sie wartete noch einen Moment, aber mehr Gründe folgten nicht und so machte sie ihrem Unmut mit einem Stirnrunzeln Luft. „Wir schüren um diese Jahreszeit nicht einmal die Feuer in unseren Häusern. Ich bin keine Blume auf einer Waldlichtung."
„Nein,... nein, das seid Ihr wahrlich nicht."
„Das ist das gleiche wie mit diesem Uruk'hai-Vergleich", vermutete sie ohne wirklichen Groll. „Ich weiß, dass es eine Beleidigung ist, aber noch nicht, wie schwer ich sie wiegen soll."
„Überlegt Ihr schon wieder, ob Ihr mir Schläge verpassen sollt?"
„Ihr ward Euch dort unten sehr sicher, mich zu besiegen."
„So scheut Ihr also den aussichtslosen Kampf."
„Seid vorsichtig, Herr der Waldelben, ich könnte Euch vielleicht doch noch in die Pflicht nehmen."
„Niemals", erklärte er mit beunruhigender Gewissheit.
Einen Moment maßen sie einander schweigend, dann legte er die Hand auf sein Herz und deutete eine Verbeugung an. „Geht, Schildmeisterin, und versucht, auf Eurem harten Lager etwas Ruhe zu finden."
So wird es auch am besten sein, dachte Ayla und ließ ihn ihrerseits ohne Abschiedsgruß stehen. Nun doch ermüdet streckte sie sich auf dem Boden aus und hüllte sich in die Decke, der ein wenig Vertrautheit von Arengard anhaftete, die ihr schließlich den Schlaf brachte.
Sie erwachte im Morgengrauen davon, dass Boyar unter erheblicher Geräuschentwicklung bereits seine Sachen packte. Arenai pflegten von einem Atemzug zum anderen aus ihrem tiefen, traumlosen, aber auch recht kurzen Nachtschlaf zu erwachen und es dauerte nur wenige Augenblicke, bis auch sie zum Aufbruch bereit war. Während Boyar den restlichen Wein aus seinen Adern vertrieb, indem er schlicht seinen Kopf im Hinausgehen in eine große Wasserschale tauchte, die sicherlich von ihren Gastgebern nicht zu diesem Zweck aufgestellt worden war, machte sich Ayla an den Abstieg. Elben begegnete sie keinen, doch wunderte sie sich nicht, als sie neben ihren gesattelten Pferden Haldir und seine zwei Begleiter, ebenfalls zum Aufbruch bereit vorfand. Wortlos brach die Gesellschaft Richtung Gildanna auf und erreichte es gegen Mittag.
Es ist so lange her, dachte Ayla, als sie den Mithris überschritten. Schönheit gesellt sich zu seinesgleichen und kein größeres Unrecht kann es geben, als diese Verbindung zu überschatten, geschweige denn zu zerstören.
Das Gleichgewicht musste erhalten blieben und sie würde Gildanna ein weiteres Juwel hinzufügen, wenn sie endlich zu diesem Stein gelangen konnte. Sein Ruf war unüberhörbar, sie konnte sich kaum noch auf ihre Umgebung konzentrieren, so schmerzlich drängte es sie zu ihm. Jetzt hätte sie keinen Führer mehr gebraucht, um ohne jeden Umweg den Ort zu finden, an dem er sich nach ihr verzehrte und umgekehrt sie sich nach ihm.
Nur undeutlich nahm sie wahr, dass der Elbenlord sie in seinem Haus empfing. Seine Stimme erklang in ihren Ohren, aber den Sinn der Worte erfasste sie gar nicht mehr.
„Der Stein?" Suchend blickte sie sich um, bis sie den nach Nordwesten gerichteten Pfad entdeckte, zerrte das Steinmesser aus ihrem Gepäck und ließ Elrond und alle anderen einfach stehen. Sie ging rasch, am Ende lief sie sogar und gelangte schließlich vor die überhängende Felswand, unter der eine Quelle entsprang, die sich in ein fast kreisrundes, aber natürlich entstandenes Felsbecken ergoss und von dort aus über eine schmale Rinne abfloss. Alles war von dichten Büschen und kleinen, mit hängenden Zweigen beschirmten Bäumen umstanden. Nun sehr langsam trat sie über den weichen Grasboden an die Stelle neben der Quelle, an der sich der Stein erhob.
Da war er also, fast als wäre eine übermannshohe Kugel von einem Riesen in den Fels getrieben worden, bis sie nur noch zu einem Drittel hinausschaute. Trotz seines gleichmäßigen Umrisses war seine Oberfläche sehr rau, an manchen Stellen sogar scharfkantig. Ayla empfand Erleichterung, ihn zu sehen, erschrak aber fast zu Tode über seine Größe und seine Form. Sie wog das Steinmesser in ihrer Hand, die Klinge war winzig im Vergleich zu dem Werk, das sie hier vollbringen sollte.
„Das ist nicht Euer Ernst!" hörte sie hinter sich Boyars unverkennbar wütende Stimme. „Ihr spracht von einem Stein, nicht von einem ganzen Berg. Allein die Klinge zu schärfen, wird sie mehr Blut kosten, als selbst einer unserer Art entbehren kann. Wusstet Ihr etwa davon, Haldir?"
tbc
@Shelley: Meine erste review...hach, seufz. Ich danke dir und hoffentlich hat dir dieses Kapitel ebenso gefallen. Die Arenai sind unsterblich – vorausgesetzt, sie werden nicht auf einer dieser Traumwanderungen abgestochen, was recht häufig vorkommt. Es erschien mir sinnvoll, andere Unsterbliche als Wächter zu wählen. Übrigens, wenn meine Schreiberei die Logik oder historische Genauigkeit verlässt, bin ich für jeden Hinweis dankbar.
@mysticgirl1: Ebenfalls Danke – für die review und noch einiges anderes. Nein, die Insel heißt Arenor und um nicht bei den Bezeichnungen ins Trudeln zu geraten, habe ich die Stadt der Arenai, die wohl so gemütlich ist wie ein Nato-Bunker, Arengard genannt. So, Haldir ist richtig nett? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Den Preis für den freundlichsten Elb in der Nachbarschaft gewinnt er jedenfalls noch nicht. Aber ich arbeite daran.
@Loriel: Hallo, hier spricht der fröhliche Guten-Morgen-Dornröschen-Wecker! Nö, Slash kommt nicht vor. Die Insel-Truppe hat ganz andere Probleme vor sich. Buch oder Film? Ich denke eher Buch, auch wenn ich schlecht gegen die Beschreibung von Haldir und Elrond ankomme, die der Film geliefert hat. War ja auch nicht die Schlechteste. Haldir wird wohl mit den anderen Galadhrim gegen Dol Guldur vorgerückt sein und die Wahrscheinlichkeit, dort zu sterben, war sicherlich hoch. Genau wie bei Elrond habe ich ihn gar nicht erst an seinem Ziel ankommen, sondern per Umleitung auf der Insel landen lassen. Die Valar haben noch etwas mit ihnen vor, sozusagen eine unerledigte Sache, für die die passenden Gehilfen zusammen gesucht werden.
