Disclaimer: Wie gehabt, so ziemlich alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben. Die Elben sind nur geliehen und werden am Ende unversehrt zurückgegeben (hm, zumindest lebend...die meisten jedenfalls).
3. Kapitel
Ayla kam wieder zu Sinnen. Sie fuhr herum und brachte Boyar mit einem einzigen Blick zum Schweigen. „Es ist in Ordnung, Lord Elrond, er hat nicht die geringste Ahnung davon. Der Stein wird mich keineswegs töten, es wird nur eine ganze Weile dauern, bis sein Wesen enthüllt ist."
Der Elbenlord neigte kurz den Kopf, doch der Blick seiner Augen verriet, dass ihm Boyars Bemerkung zu denken gab. „Ihr seid Gast in meinem Haus, Schildmeisterin, wie lange es auch immer dauern mag. Alles, was Ihr für Euer Werk benötigt, werden wir Euch zur Verfügung stellen."
„Da ist nicht viel", winkte sie ab. Es zog sie wieder zu ihrem Stein. „Ich bleibe hier draußen, das habe ich schon einmal getan. Nahrung reicht. Ihr werdet mich gar nicht bemerken."
Unerwartet fiel ihr Boyar in den Rücken, indem er entschieden den Kopf schüttelte. „Damals war Sommer, Ayla. Während des Tages mag es angehen, aber nachts musst du das Haus aufsuchen, das habe ich Temlar versprechen müssen. So viele Wärmebecken gibt es in ganz Lichtfall nicht, dass du hier bleiben kannst."
Die außergewöhnliche Eintracht, mit der ihr hier von Arenai und Elben die Stirn geboten wurde, ließ sie einlenken, wenigstens für den Moment. Sie würde sich mit Boyar nicht vor den Augen der beiden Elben streiten. „Wenn es sein muss. Aber jetzt lasst mich allein, ich muss seine Form ergründen."
Erleichterung durchströmte sie, als sie wieder fort waren. Mit einem tiefen Atemzug wandte sie sich wieder dem Stein zu, legte ihre Handschuhe ab und presste die bloßen Handflächen gegen die raue Oberfläche. Tief im Innern konnte sie eine Spur der Wärme erfassen, die dem fertigen Stein dann zur Gänze zu Eigen sein würde. Wie würde er sein? Ungewöhnlich, soviel war klar, einzigartig in seiner Form und beängstigend in seiner Kraft. Sie versenkte sich in ihn und ahnte dabei, dass es ein langer Weg werden würde.
Ayla bemerkte nur in ihrem Unterbewusstsein, dass ein reges Kommen und Gehen auf der Lichtung einsetzte. Wärmebecken mit den glimmenden Othun-Steinen aus den Tiefen der wärmenden Quellen Gildanna wurden herangeschafft. Eine steinerne Lehnbank stellte jemand so auf, dass sie nur einige Schritte zurücktreten musste und ihrem Stein noch nahe genug war, wenn sie sich darauf ausruhte. Auch eine wärmende Decke lag auf der Bank, doch Ayla verspürte nichts mehr. Essen und Trinken nahm sie zwar zu sich, aber nur weil sie genau wusste, dass sie ohne Nahrung nicht lange genug durchhalten würde.
Abends erschien Boyar auf der Lichtung und zerrte sie fast mit grober Gewalt mit sich. Die Abende und Nächte in Elronds Haus wurden zur Qual, auch wenn ihr Gastgeber vorbildlich in seinem Bemühen war, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Nur den einen erfüllte er ihr nicht. Jeder Versuch, auch nach Einbruch der Dunkelheit bei der Quelle zu bleiben, wurde von ihm höflich, aber gnadenlos unterbunden. Die Tage verstrichen und sie wurden zu ihrem Leidwesen immer kürzer. Noch immer war sie sich über die Form nicht wirklich sicher, hatte das Messer noch nicht einmal ansetzen können.
An einem klirrend kalten Morgen stand sie schließlich vor diesem nun schweigenden Koloss und starrte ihn wütend an.
„Was bist du?" zischte sie aufgebracht. „Du bist kein Tier, du bist kein Elb. Nichts davon ruht in dir. Deine Form weicht vor mir zurück. Soll ich etwa in dich hineinkriechen?"
Ein Geräusch wie ein Seufzer erklang in ihr und der Vorhang zerriss. Ayla schloss aufatmend die Augen. Also das hatte er gewollt, in sein Innerstes musste sie vordringen, ohne sein Äußerstes zu sehr zu nehmen. Glasklar stand das Bild vor ihren Augen, auf dem er sich von Innen nach außen erschloss. „Du bist ein seltsamer Geselle, weißt du das? Also soll ich eine Quelle in deinem Herzen schneiden und einen Wald an deinem Rand. Keine Tiere? Nun, wie du es magst."
Bedächtig zog sie das Steinmesser aus seiner schlichten Hülle. Es war ebenfalls aus Winterstein gefertigt, denn kein anderes Material konnte dem Stein seine Form geben. Alle Steinmesser entstammten einem einzigen Ursprung, eines zerborstenen recht kleinen Winterstein, der an der Stelle gelegen hatte, an der nun der Hafen der Elben errichtet war. Neue waren niemals wieder hergestellt worden, denn es gab keine Bruchstücke mehr. Erst wenn ein Arenai, der ein Steinschneider gewesen war, verging, konnte ein neuer nachkommen. Aylas stammte von einem jungen Arenai, der niemals dazu gekommen war, es zu benutzen. Noch bevor er den ersten Winterstein seiner Bestimmung gefunden hatte, war er von einer Traumwanderung sterbend zurückgekehrt.
Sie schob ihren Ärmel hoch und führte einen kurzen Schnitt über den Unterarm. Das Messer nahm das Blut sofort auf und Wärme strömte durch die Klinge. Fast ebenso schnell schloss sich auch die Wunde wieder. Dies war immer so, wenn die Steinschneider ihr Werk begonnen. Es würde auch keine Narbe bleiben, das geschah ohnehin nur bei den Verletzungen, die sie aus ihren Träumen mitbrachten.
Ayla hielt das Messer kurz in die Wintersonne, genoss sein Schimmern und wandte sich dann wieder dem Stein zu. Es wurde Zeit für den ersten Schnitt an seinem Rand. Dem ersten Schnitt folgten Tausende weitere. Schwer war es nicht, den Stein zu schneiden, solange die Schnitte klein waren und die Schneide scharf gehalten wurde. Ayla war entspannter, seit sie an der Form arbeiten konnte. Sie bemerkte auch, dass Boyar sich zunehmend Sorgen um sie machte, sodass sie es wenn möglich vermied, in seiner Gegenwart die Klinge zu schärfen. Es fehlte noch, dass er anfing, die Male mitzuzählen. Boyard war ihr einfach zu sehr verbunden. In seiner Not würde er ihr noch Elrond auf den Hals hetzen. Der Elbenherrscher war der letzte, den sie jetzt noch um sich brauchte.
Jeden Morgen erwartete sie am Fenster ihres Schlafzimmers stehend die Dämmerung, eilte dann hinaus, um bis zum letzten Tageslicht zu arbeiten. Während der Nächte schlief sie nur wenig, denn in ihren Gedanken setzte sie schon die Schnitte des kommenden Tages. Meistens schob sie sich achtlos mit der einen Hand etwas Nahrung in den Mund, während sie mit der anderen das Messer erneut ansetzte, um eine neue Linie zu ziehen oder einen Teil abzutragen, der den Blick ins Innere verdeckte.
Schneeflocken tanzten durch die Luft, als Ayla den äußeren Rand endlich so weit hatte, dass sie sich zufrieden auf die Bank hinter ihr sinken ließ. Er war wirklich schön geworden. Wasser in seinen ruhigen Linien bildete den unteren Teil des Ganzen. Zu beiden Seiten wuchs je ein kräftiger, aber dennoch schlanker Baum empor, folgte dem äußeren Rand und entfaltete sich im oberen Teil zu einer perfekten Krone, die sich mit der des Baumes auf der anderen Seite traf und ineinander verwand. Nur die Mitte des Steines war eine einzige Qual, unbearbeitet, hervorstehend in all ihren wüsten Rillen und Bruchstellen. Wenn man sie nur lassen würde, dann genügten wenige Tage und Nächte, um ihn zu vollenden. Es war wirklich eine Schande.
„Schildmeisterin."
Sie musste genau die Mitte treffen, was sicherlich nicht ganz so einfach war.
„Ayla!" Elronds hohe Gestalt schob sich zwischen sie und den Stein. Eine merkwürdige Verärgerung hatte seine Brauen zusammen gezogen. „Ihr werdet heute nicht weitermachen, habt Ihr mich verstanden?"
Sie begriff erst gar nicht, was er von ihr wollte. Auch in ihrem Verstand schienen Schneeflocken zu tanzen. Aber dann machte sie eine heftige Bewegung mit dem Steinmesser. „Es ist noch Tageslicht, Elrond. Natürlich werde ich weitermachen."
Eine behandschuhte, schlanke Hand schloss sich um ihr Gelenk und entwand ihr das Messer aus den kältestarren Fingern.
„Nicht heute und auch nicht morgen", erklärte Haldir, zu dem die Hand gehörte und der ihr Messer nun in seinen Gürtel steckte.
„Das könnt Ihr nicht machen!" Sie wäre aufgesprungen, aber irgendwie waren ihr die Beine bei dieser Rast eingeschlafen, anders war es nicht zu erklären, dass sie sich kaum rühren konnte.
„Habt Ihr über all dem vergessen, wo Ihr Euch aufhaltet?", erkundigte sich Elrond mit einem recht bedrohlichen Lächeln. „Dies ist Gildanna, teure Schildmeisterin, das Herz des Elbenreichs auf Arenor und Ihr seid Gast in meinem Haus, seid meinem Schutz unterstellt und wenn das bedeutet, dass ich Euch vor Eurer eigenen Besessenheit bewahren muss, dann soll es eben so sein."
„Ah ja?" Wütend kam sie nun doch auf die Beine. Allerdings schien die Tatsache dazu beigetragen zu haben, dass Haldir sie am Kragen ihrer Weste gefasst und mit unangenehmer Leichtigkeit einfach hochgezogen hatte. Hektisch sah sie sich nach ihren Handschuhen um, denn mit bloßen Händen konnte sie sich kaum gegen ihn zur Wehr setzen. Sie hatte einmal einen Elb direkt berührt, dass würde ihr bestimmt nicht mehr passieren.
„Sucht Ihr die?" Der Waldelbe wedelte ein wenig mit ihren Handschuhen vor ihrer Nase herum und warf sie dann mit einer eleganten Geste in die Büsche. „Gehen wir."
Sie griff zwar unwillkürlich zu ihrem Schwert, doch sie konnte sich nicht einmal wirklich erinnern, wann sie es das letzte Mal getragen hatte. Diese Demütigung würde sie den Elben nie verzeihen, die Schildmeisterin Arenors, mitgezerrt wie ein ungezogenes Kind. Sie war aufgebracht genug, es diesmal wirklich auf einen Kampf ankommen zu lassen. Wenn sie ihr Schwert hätte finden können, hätte Elbenblut den Schnee getränkt. So blieb ihr nichts anderes übrig, als sich von ihrem Stein weg zum Haus führen zu lassen.
„Gebt mich endlich frei", forderte sie zähneknirschend. „Ich werde Euch ja folgen."
„Sicher", nickte Haldir und sein Griff verstärkte sich noch. „Offenbar ist Euer Verstand in den letzten Wochen gänzlich in diesen unseligen Stein gesickert. In den Schatten unter Euren Augen könnte sich ein Ork verstecken und es grenzt selbst für unsere Maßstäbe an Irrsinn, stundenlang in so dünner Kleidung bewegungslos hier draußen zu hocken. Eure Lippen sind blau wie ein Sommerhimmel und Eure Haut so kalt, dass die Schneeflocken darauf kaum schmelzen. Wollt Ihr einen Krieg zwischen Elben und Arenai entfesseln, indem Ihr hier unter der Obhut Lord Elronds wie ein Petai einfach verendet?"
Ayla hatte vor Elronds Haus Boyar entdeckt. Aber die Hilfe, die sie sich von ihm erhoffte, erhielt sie überraschenderweise nicht. Als sie bei ihm anlangten, nickte er den Elben erleichtert zu. „Ich wusste mir nicht mehr zu helfen, Lord Elrond."
„Boyar!" kreischte sie empört. „Schaff mir endlich diesen Waldelb vom Hals. Du siehst doch, was er mir antut."
Ihr Paladin wich verlegen ihrem Blick aus. „So ist es besser, Ayla. Diese Elben wissen, was zu tun ist und sie handeln auch nicht, ohne dass Temlar es gebilligt hätte. Du hättest auf mich hören sollen, der Stein ist zu gewaltig."
„Sorgt Euch nicht weiter", erklärte Elrond mit hinterlistiger Freundlichkeit, so empfand Ayla es zumindest. „Sie wird wieder zu Kräften kommen. Den Stein werden wir bewachen lassen und erst wenn es ihr besser geht, lassen wir sie wieder zu ihm. Warum sucht Ihr nicht Andoris auf, der gestern mit Haldir hier eintraf? Er erzählte, dass er bereits einmal mit Euch auf der Jagd war und dies gerne wiederholen würde. Offenbar seid Ihr ein ausgezeichneter Jäger und die Mitra-Katze, deren Spur er entdeckte, sollte auch für Euch beide zusammen noch eine Herausforderung sein. Möglicherweise könntet Ihr diesmal sogar einige Worte miteinander wechseln."
Dieser verführerische Elb, fluchte Ayla in Gedanken. Eine Mitra-Katze war für einen begnadeten Jäger wie Boyar die Krönung der Jagd und es würde Tage brauchen, das riesige Tier aufzuspüren und zu stellen. Haldir hätte jetzt gleich beginnen können, ihr die Haut in Streifen vom Körper zu ziehen, Boyar wäre trotzdem nicht mehr zu halten gewesen. Treuer Paladin, von wegen. Ayla schrie ihm einen bösartigen Fluch hinterher.
Der Elbenlord baute sich bedrohlich vor ihr auf und musterte sie eingehend, dann wandte er sich Haldir zu. „Tau sie auf, mein Freund."
Ayla erahnte erst, was er mit diesen Worten wirklich meinte, als der Waldelb sie energisch neben sich her durch das Haus schleifte, bis sie einen erdrückend warmen Raum erreichten, in dessen Fußboden ein großes ovales Wasserbecken eingelassen war, aus dem Dampf aufstieg.
„Das werdet Ihr nicht wagen!" brüllte sie ihn an, kaum hatte er am Rand des Beckens endlich angehalten. Einen Atemzug später erhielt sie einen Stoß in den Rücken und tauchte in dem heißen Wasser ein. Hustend und spuckend kam sie wieder an die Oberfläche. Die Hitze war ein regelrechter Schock, ihre Kleidung hatte sich vollgesogen und zog sie sofort wieder nach unten. Es war reines Glück, dass ihre Füße den Grund des Beckens erreichten, während ihr Kopf noch an der Oberfläche war. Also konnte sie wenigstens stehen, denn die Kunst des Schwimmens beherrschten Arenai nicht. So schnell es ging watete sie auf den Beckenrand zu und hielt sich dort mit den immer noch rechts kraftlosen Fingern fest.
„Lasst mich raus", keuchte sie entsetzt. „Ich werde hier ertrinken oder schmelzen."
„Ich denke, Ihr werdet einfach nur wieder lebendig und warm", meinte Haldir und lachte schallend. Er war wirklich kein normaler Elb. „Es ginge allerdings schneller, wenn Ihr Euch etwas entspannen würdet."
„Niemals!" erklärte sie laut und schlug mit der Faust auf den Beckenrand. Ihre halberfrorenen Finger rächten sich mit einem rasenden Schmerz, der bis in die Schulter lief.
Stirnrunzelnd hatte er die Aktion verfolgt, dann nahm er eine Karaffe vom Boden auf und schüttete irgendeine Elbenessenz in das Wasser, das sich sofort in undurchdringliches Hellblau verfärbte. Außerdem breitete sich ein Geruch nach Kräutern aus, den sie zu jedem anderen Zeitpunkt als angenehm empfunden hätte, nur jetzt eben nicht. „So besser?"
„Nein."
Haldir ging in die Hocke und musterte sie eine ganze Weile sehr ernst. „Betrachtet es vom Standpunkt des Kriegers aus, Ayla. Wir sind in der Überzahl, Eure Bewaffnung nicht vorhanden und der einzige erreichbare Mitstreiter befindet sich auf der Jagd nach einer rudellosen Mitra-Katze. Entweder Ihr gebt diese Schlacht verloren, verhandelt mit dem Feind und gewinnt vielleicht noch den Krieg oder Elrond wird seine nicht unbeträchtlichen Kräfte nutzen und noch heute den Stein zum Bersten bringen."
„Das kann selbst er nicht."
„Nun, dann steigt heraus und lasst es darauf ankommen." Beinahe müßig erhob er sich wieder und suchte einen Lehnstuhl an einem der vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster auf, wo er es sich gemütlich machte. Misstrauisch beobachtete sie ihn, er war sich einfach zu sicher. Außerdem wusste sowieso niemand ganz genau, über welche Kräfte die Elben wirklich verfügten. Zweifel daran, dass es welche gab, hatte es unter den Arenai allerdings niemals gegeben. Selbst der Stein schwieg nun, was noch beunruhigender war. Als hat er Angst, dachte sie nervös, Angst vor Elrond.
Eine Arenai wusste, wann sie besiegt war. Während sie eine Weile durch das heiße Wasser tappte, beruhigte sie sich wieder. Es würde nur für eine kleine Weile sein, die sie nicht weiter an ihrem Stein schaffen könnte. Wahrscheinlich war es sogar ganz gut, sich ein wenig aufzuwärmen. Außerdem tanzten die Schneeflocken vor den Fenstern immer dichter und sie hätte gar nicht mehr erkennen können, welche Schnitte sie setzte. Der deutliche Schmerz, mit dem das Leben in ihre Glieder zurückkehrte, machte ihr langsam klar, wie nah sie ernsthaften Verletzungen gewesen war. Nicht auszudenken, wenn sie die Tauglichkeit ihrer Hände eingebüßt hätte.
Ayla stellte fest, dass der Beckengrund zu einer Seite hin anstieg. Dorthin begab sie sich, setzte sich hin und lehnte den Kopf an den Rand. Sie schloss die Augen, um in Gedanken die Form weiter zu spinnen, aber diesmal gelang es ihr nicht. Noch immer hielt sich der Stein weg von ihr. Es war schon verrückt, ging es ihr durch den Kopf. Schließlich konnte er ihr nicht weglaufen und sie ihm nicht, eine Pause sollte also durchaus möglich sein. Sie war die Schildmeisterin Arenors und hatte sich aufgeführt wie eine Wahnsinnige. So kannte sie sich selber nicht und es beunruhigte sie langsam. Etwas an diesem Stein war nicht so, wie es sein sollte.
„Ich spüre ihn nicht mehr", murmelte sie versonnen.
„Ist das so ungewöhnlich?"
„Seit Ihr ihn freilegtet war er in meinen Gedanken. Dies ist immer so, auch wenn dieser hier doch sehr stark war. Doch jetzt ist er weg."
„Vielleicht braucht er genauso Ruhe wie Ihr."
Wohlige Müdigkeit durchströmte ihre Glieder. „Haldir?"
„Ja?"
„Wie sieht ein Uruk'hai genau aus?"
„Ich glaube nicht, dass Ihr das wirklich wissen wollt."
„Doch."
„Es war nur ein Vergleich Eurer Stärke, Ayla."
Sie schlug die Augen auf. „Also habt Ihr mich mit einem Scheusal verglichen und ich dachte immer, Elben seien höflich."
„Und mir wurde erzählt, Arenai seien sehr vernünftig."
„Das sind wir auch."
„Ihr ward es nicht in den vergangenen Wochen."
„Das könnt Ihr nicht beurteilen."
„Ich denke doch", erklang seine Stimme dicht hinter ihr.
Aus altem Reflex heraus schoss Ayla regelrecht vom Beckenrand weg und fuhr herum. Der angenehme Moment war vorbei. Diese Nähe war einfach zu gefährlich. „Es ist nun genug", befand sie nach einem Räuspern. „Ich habe die Temperatur eines Othun-Steines erreicht. Reicht mir trockene Kleider und seid dann wenigstens so höflich, dass Ihr den Raum verlasst."
Wortlos deutete er auf einen niedrigen Tisch ganz in ihrer Nähe und verließ sie dann mit einer leichten Verbeugung. Ayla erhob sich aus dem Wasser und verließ das Bad über den flachen Teil. Die Kleidung war elbisch, wie sie befürchtet hatte. Zumindest hatte man darauf Rücksicht genommen, dass Arenai keine Roben trugen. Trotzdem begeisterte es sie nicht gerade, diese grausilberne Gewandung anzulegen, die nur wie ein Hauch auf der Haut lag und mit Schlaufen, Schließen und samtgefassten Rändern bestückt war. Allein die mit weißgrauem Mitra-Pelz gefütterten Stiefel hatten es ihr wirklich angetan. Es dauerte eine Weile, bis sie schließlich soweit angezogen war, dass sie sich aus diesem Baderaum traute. Eines musste sie den Elbenkleidern allerdings zugute halten, sie passten wie angegossen und obwohl sie so leicht und dünn waren, hielten sie warm.
Müde, aber dennoch nicht zum Schlafen bereit, wanderte sie mit gebührender Vorsicht durch die vielen Räume des Hauses, die irgendwie alle miteinander verbunden waren. Es gelang ihr nicht einmal richtig, den Weg in ihren eigenen Schlafraum zu finden. Noch etwas, das ihr zu denken gab. Genauso wenig wusste sie, wie lange sie eigentlich nun in Lichtfall war. Sicher schon einige Wochen, denn das dichte Schneetreiben sprach für sich. In einem der Wandelgänge hing ein kunstvoll gefasster Spiegel an der Wand und es zog sie zu ihm.
Eine Fremde starrte ihr mit weitgeöffneten steingrauen Augen entgegen, fast zu groß für das totenblasse schmale Gesicht, das von mehr als schulterlangen schwarzen Haaren umrahmt war. Die Haare der Arenai wuchsen gewöhnlich zwar recht rasch, aber es mussten doch einige Wochen vergangen sein. Vorsichtig strich sie sich über die hervortretenden Wangenknochen und berührte die dunklen Schatten unter ihren Augen. Viel hatte nicht mehr gefehlt und es hätte sie wirklich umgebracht, noch weiter an dem Stein zu arbeiten. Kein Wunder, dass sich Boyar mit den Elben zusammengetan hatte, um sie mit Gewalt aus ihrer Besessenheit zu reißen. Wie oft hatte sie wohl die Klinge mit ihrem Blut geschärft? Sie konnte sich nur an das erste Mal erinnern, dann herrschte Leere in ihrem Gedächtnis. Das war kein gutes Zeichen und plötzlich war ihr der Stein unheimlich.
„Ihr habt diesem Stein fast mehr von Eurem Blut gegeben, als meine Krieger in der Schlacht am Schicksalsberg ließen." Hinter ihrem eigenen Spiegelbild entdeckte sie das Elronds. Trotz seiner Worte lag nur ein milder Tadel in seiner Stimme. „Oh, Boyar hat Euch nicht verraten, Schildmeisterin, er ist treu ergeben. Ich war nur oft genug dort draußen auf der Lichtung und habe Euch beobachtet. Nicht einmal verbergen musste ich mich, denn Eure Aufmerksamkeit war so an den Stein gefesselt, dass Ihr selbst die Ankunft der Valar nicht bemerkt hättet."
Ayla drehte sich zu ihm um. Sie war sich nicht sicher, wie sie reagieren sollte, also schwieg sie einfach. Elrond schien ihr das nicht zu verübeln, denn mit einer einladenden Geste bedeutete er ihr, ihm zu folgen.
„Ich nehme an, nun seid Ihr etwas zur Ruhe gekommen", vermutete er in regelrechtem Plauderton. „Der Stein wird still sein, denn Elben wachen darüber, dass er seine Kräfte bei sich behält. Ich hätte schon viel eher reagieren sollen, doch hielt mich der Respekt vor den mir noch unbekannten Gebräuchen Eures Volkes zurück. Erst als Euer Begleiter zusehends fahriger wurde und sich schließlich hinreißen ließ, mich um einen Boten zu bitten, der eine Nachricht zu einem Mann namens Temlar bringt, ahnte ich, dass dieser Stein wohl doch recht ungewöhnlich ist."
„Was hat Temlar geantwortet?"
„Schützt sie vor ihm und sich selbst", zitierte Haldir, der sie in dem weiten freundlichen Raum erwartete, in den Elrond sie geführt hatte.
Ayla konnte nicht umhin, sie nahm ihm die Sache mit dem unfreiwilligen Bad immer noch übel. „Ihr habt mein Messer gestohlen!"
„Es ist gut verwahrt", antwortete statt seiner Elrond und Ayla hatte den Eindruck, dass er nur mühsam ein Lachen verbarg. „Wenn Ihr Euch erholt habt, bekommt Ihr es zurück. Aber Ihr werdet Euch zügeln müssen, auch eine Anerai hat nicht unbegrenzt Blut in ihren Adern. Es werden Elben stets zugegen sein, um die Kraft des Steins zu begrenzen."
„So kann ich nicht arbeiten."
„Habt Ihr es jemals versucht?" Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern deutete auf die wohlgedeckte Tafel hinter ihm. „Außerdem ist es keine Angelegenheit mehr, über die Ihr noch entscheiden könntet. Es wird einfach so sein. Jetzt stärkt Euch, Ayla, denn im Moment habt Ihr nur noch sehr wenig Ähnlichkeit mit der Frau, die mich vor einem Jahr am Kai so, hm, knapp begrüßte."
Eine Schlacht verlieren, mit dem Feind verhandeln und vielleicht den Krieg noch gewinnen, wiederholte sie im Stillen für sich, während sie mit den Elben an die Tafel setzte und beim Essen eher einsilbig dem Gespräch folgte. Die beiden tauschten Neuigkeiten aus Ithuris und Gildanna aus, sprachen über den ungewöhnlich harten Winter und darüber, dass in Enuidils Aufzeichnungen keiner gleicher Art verzeichnet war.
Einige hat es aber schon so gegeben, dachte sie müde, Temlar und ihr Vater hatten ihr davon erzählt. Genauso, wie es einige wenige ungewöhnlich heiße Sommer gegeben hatte, an die sie sich selbst erinnerte. Von denen hatte man natürlich hier in Lichtfall mit seinem satten Grün und den unzähligen Wasserfällen nur wenig bemerkt, in Ithuris mit dem dichten Blätterdach wohl gar nichts. Arengard hingegen schien in der Hitze damals fast zu schmelzen und die Arenai suchten ihr Heil in erfrischenden Bädern in der Zwischensee. Auch die Pferde, die sie in Bremdal züchteten, brachten die Pfleger an die Strände, damit sie sich im Wasser abkühlen konnten. Selbst die Valar schienen diese Sommer anzustrengen, denn keinen Arenai rief es auf eine Traumwanderung. Wahrscheinlich wären die Wanderer in den Kammern erstickt.
Ayla behielt dieses Wissen für sich, so wie es das Gesetz ihres Vaters war. Außerdem hätten die Elben ihren Beitrag zur Unterhaltung kaum gebraucht, so gleichmäßig floss das Hin und Her ihrer melodischen Stimmen dahin. Es war erstaunlich, wie verschieden die gleiche Sprache bei den Arenai und den Elben klang. Das Gespräch zweier Arenai hätte in Aylas Gliedern niemals diese wohlige Schwere auslösen können, die vor dem Hinübergleiten in den Schlaf stand. Eigentlich hätte sie sich jetzt den Weg in ihren Schlafraum zeigen lassen sollen, da sie auch ihn vergessen hatte, aber es war der Mühe irgendwie nicht wert. Der Lehnstuhl war ziemlich bequem und sie konnte sich einfach nicht überwinden, die Augen erneut zu öffnen und sich zu erheben.
~*~
„Ich denke nicht, dass es nach heute nacht noch weiteren Schnee geben wird", antwortete Elrond auf Haldirs Frage, ohne Ayla dabei aus den Augen zu lassen. Elben brauchten den Schlaf in dieser Art nicht, doch er hatte gelernt, wie wichtig er für die Menschen war. Da auch die Arenai gelegentlich schliefen, musste er für sie ähnlich bedeutsam sein. Für das, was sie sich in den letzten Wochen zugemutet hatte, war sie noch lange auf den Beinen geblieben.
„Die Ähnlichkeit ist gespenstisch", meinte Haldir mit gedämpfter Stimme. „Als du vorhin mit ihr den Raum betratest, war sie von einem Elb kaum zu unterscheiden. Es kann keinen Zweifel geben, dass wir gemeinsamen Ursprungs sind."
Elrond stützte die Ellbogen auf die Armlehnen und verschränkte die Hände. „Sie verbergen es durch ihre Art, sich zu kleiden, die Haare kurz zu halten und stete Kampfbereitschaft. Bei den Frauen gelingt es ihnen nicht so ganz und unsere teure Freundin hier hat in den letzten Wochen ohnehin viel von ihrer kriegerischen Pracht eingebüßt."
„Der Grund erschließt sich mir jedoch immer noch nicht. Es gibt keinen Feind auf Arenor."
„Noch nicht."
„Nun, ihr größter Feind dürfte zurzeit diese unselige Besessenheit von diesem Stein sein." Haldir runzelte die Stirn. „Ich bin mir nicht sicher, ob du sie weitermachen lassen sollst. Mit jedem Stück, das von ihm weg geschnitten wird, scheint irgendetwas näher an die Oberfläche zu kommen."
„Ich weiß. Andererseits bleibt uns kaum eine andere Wahl, wenn wir die Dinge vorantreiben wollen", meinte Elrond und seufzte. „Es ist besser, wir wecken sie auf. Dies ist nicht der Ort, um sich zu erholen."
Sie reagierte nicht und schließlich beugte sich Haldir vor und berührte leicht ihre Hand, die auf der Stuhllehne ruhte. Der Waldelb erstarrte. Ein Schatten glitt über sein Gesicht, gefolgt von einem Zittern des Körpers. Schließlich zog er gequält seine Hand weg.
„Es ist, wie Enuidil es beschrieben hat", keuchte er unterdrückt. „So viel Leid, aber ich kann den Grund nicht erkennen."
Bevor Elrond nachfragen konnte, richtete sich die Arenai abrupt auf. „Ich bin eingeschlafen", stellte sie das Offensichtliche fest. „Das lag an Eurer Unterhaltung."
„Wie schmeichelhaft", murmelte Haldir und stand auf. „Folgt mir, Schildmeisterin. Ihr macht auf mich den Eindruck, als würdet Ihr sonst morgen früh noch durch die Gänge irren."
Es sprach für ihre Erschöpfung, dass sie ihn lediglich mit einem Blick bedachte, der einen angreifenden Ork im vollen Lauf gestoppt hätte, sich aber mit einem kurzen Nicken in Elronds Richtung erhob und ihm tatsächlich folgte.
Besorgt sah Elrond Haldir nach. Er hatte im Stillen die ganze Zeit gehofft, dass Enuidil zu viel seiner eigenen Gefühle für die Arenai in den kurzen Moment der Berührung hineingelesen hatte, doch Haldirs Reaktion war ohne Zweifel unbelastet von solchen Beweggründen. Der Waldelb wurde nicht von Mitleid mit den Arenai getrieben, dafür war er noch nicht lange genug auf Arenor und es war auch nicht seine Art. Allenfalls freundliche Neugierde und Unverständnis für ihre seltsamen Angewohnheiten war in ihm.
Es galt, das Geheimnis der Arenai zu ergründen und sie waren ihm schon näher gekommen, davon war der Elbenlord überzeugt. In eine Rüstung des zweiten Zeitalters gekleidet, hätte man die Arenai vorhin wirklich nur schwer erkennen können. Gil-Galad hätte seine wahre Freude an diesem Volk gehabt. Vielleicht aber auch nicht…Wenn sie wirklich Wächter waren, so wie Agir gegenüber Enuidil behauptet hatte, wäre der Großkönig nicht einmal in Sichtweite des Schicksalsberges gekommen. Ein zorniger Ereinion, umgeben von einem dichten Ring waffenstarrender Arenai. Elrond lächelte.
Dennoch waren sie weder Vanyar, Noldor noch Sindar. Wie es auch sei, zunächst hatte sich Elrond um das naheliegende Rätsel zu kümmern und das war der Stein, der jetzt von den Kräften der Elben im Zaum gehalten wurde. Vielleicht hätte er ihn schon eher bannen sollen, doch er war das Risiko eingegangen, um zu erfahren, zu welcher Besessenheit die Arenai fähig war. Bis zum äußersten, so viel wusste er jetzt. Nach den Wochen, in denen die Kraft merklich gewachsen und zuletzt in ganz Gildanna zu spüren gewesen war, hatte es etwas Wohltuendes, ihn gefesselt zu wissen im Bann vierer Elben, die die Lichtung bewachten und mit ihrem Willen zurückdrängten.
So blieb es auch, als Ayla nach zwei Tagen und Nächten tiefen Schlafs wieder auf die Lichtung zurückkehrte und aus Elronds Händen ihr Steinmesser zurückerhielt, begleitet von Ermahnungen, für die er sich den Atem hätte sparen können. Trotz der Fesseln der Elben war der Einfluss auf die Arenai nicht wirklich gebrochen. Setzte sie das Messer an den Stein, schien sie diese Welt zu verlassen und Elrond gestand ein, dass sie ein überirdisches Werk erschuf.
Sie arbeitete sich immer tiefer in die Mitte des Steins. So unvollkommen wie das Bild noch war, so hatte man doch den Eindruck, immer weiter in einen steinernen Hain gezogen zu werden, der einen zauberhaften Weiher umgab. Die Tiefe, bis zu der sie sich mit diesem lächerlich winzigen Messer vorarbeitete, bereitete die meisten Sorgen. Diese Arbeit verlangte viel von der Klinge und sie wurde häufiger stumpf, als ihm lieb sein konnte. Anfangs ließ er zu, dass sie während eines Tages dreimal mit ihrem Blut die Klinge wieder zum schimmern brachte, doch die Arenai schwand förmlich dahin. Ayla merkte nicht einmal, dass immer mehr Heilmittel in ihr Essen gemischt wurden, um diesen Raubbau an ihren Kräften wenigstens etwas aufzufangen.
„Zweimal dieses blutige Schauspiel am Tag muss reichen", befand Haldir ebenfalls, nachdem er sich das Ganze eine Weile angeschaut hatte.
„Das wird ihr nicht gefallen."
„Wie gewöhnlich", lächelte der Waldelb und streckte beinahe genüsslich die Arme. „Du könntest es mir überlassen, darüber zu wachen. Sie droht mir schon seit unserer ersten Begegnung einen Kampf an und es wäre eine interessante Abwechslung. Ich würde ohnehin gerne in Erfahrung bringen, wie gut diese Arenai-Krieger wirklich sind."
„Sie wäre jetzt kein angemessener Gegner für dich", wehrte Elrond ab, ohne sich dessen wirklich sicher zu sein. „Versuch dein Glück an ihrem Begleiter, wenn er endlich wieder auftauchen sollte."
„Er weilt zur Zeit in Arengard", erklärte Haldir. „Andoris schickte Nachricht, dass sie die Mitra-Katze erlegen konnten und nun das Fell in die Arenai-Stadt brächten, damit es hergerichtet wird. Danach bringen sie es nach Ithuris, damit dort ein hübsches Geschenk für die Schildmeisterin Arengards gefertigt werden kann. Offenbar hat Boyar fast schon begeistert die Befähigungen und Gaben seiner Herrin geschildert, sodass Andoris einer unerklärlichen Schwärmerei zu ihr anheim gefallen ist."
Elrond wölbte zweifelnd die Brauen, doch Haldir nickte bestätigend. „Erklären kann ich es mir auch nicht recht, doch die beiden Jäger sind ihr nun in Treue verbunden. Der Junge war schon immer leicht zu begeistern. Er hat eine romantische Ader, die auch die geduldigste Seele in den Wahnsinn treiben kann. Ich hoffe nur, er behält die Lieder und Verse, die er ihr sicher widmen wird, in ihrer Gegenwart für sich. Nach meiner Erfahrung reicht allein die Ankündigung, ein Gedicht über sie zu verfassen, dass sie dem Dichter ernsthaft an den Kragen will."
„Ich frage mich, welche Befähigungen Boyar so gelobt haben will."
„Nun, offenbar gilt sie unter ihresgleichen als große Kriegerin."
„In keiner Aufzeichnung Enuidils werden Auseinandersetzungen erwähnt, auch nicht unter den Arenai selber."
„Dann wird Enuidil wohl einiges entgangen sein."
Zumindest hatte der alte Elbenherrscher wohl nie erlebt, wie eine Arenai einen Krug Wein nach einem Elben warf. Genau das geschah nämlich, als Haldir ihr erstmals mitteilte, dass Elrond entschieden hatte, ihr selbstzerstörerisches Werk noch weiter zu begrenzen. Vorsichtshalber ließ Elrond ihr Schwert unauffällig in sein Arbeitszimmer schaffen. Es war ein wahres Kunstwerk und zu edel, um mit der Schuld am Tod des Herrn von Ithuris belastet zu werden.
***
Der Schnee verschwand so rasch wie er gekommen war und mit den ersten Frühlingsboten trafen Tauscher aus Arengard ein. Sie brachten etwas Ungewöhnliches mit sich, ein Geschenk Temlars, das in seiner Großzügigkeit kaum zu überbieten war.
Viele Elben versammelten sich vor Elronds Haus, als die Tauscher diesmal direkt zu ihm zogen und ihm einer der Arenai die Zügel eines mächtigen, silbergrauen Hengstes übergab.
„Das ist Ithilion aus den Ställen Bremdals", erklärte der Arenai unfreundlich. „Meister Temlar sendet ihn als Dank, dass Ihr unsere Schildmeisterin so behütet."
Elrond kannte die wunderbaren Pferde Rohans, aber dieses hier übertraf sie noch. Die Klugheit und das edle Wesen, dass in den klaren Augen schimmerte rührten ihn. „Richtet Meister Temlar meinerseits Dank aus. Es wäre mir eine Ehre, wenn ich ihm beizeiten hier in Gildanna ebenfalls Gastfreundschaft gewähren könnte."
Das knappe Nicken, mit dem der Arenai reagierte und dann wortlos mit seinen Begleitern wieder abzog, ließ allerdings nicht viel Hoffnung aufkeimen, Temlar persönlich kennen zu lernen.
Elrond schlug in Enuidils Aufzeichnungen nach, ob er etwas über Bremdal erfahren könnte, doch der alte Elbenherrscher erwähnte den Ort nicht einmal, auch wenn er sich eher am Rande wohlwollend über die Pferde der Arenai äußerte. Es stellte sich die Frage, ob Enuidil nicht ein bisschen zu zurückhaltend, vielleicht auch etwas überheblich gegenüber den Arenai gewesen war. Möglicherweise hatte er sogar Angst vor dem gehabt, was er in ihnen entdecken könnte. Das Leben im Binnenland, so wie er es lange Zeit geführt hatte, war sicherlich nicht das schlechteste gewesen, eine Art Einstimmung auf Valinor. Elrond konnte das Verhalten zwar verstehen, aber immer weniger gutheißen. Er spürte zusehends sicherer, dass Arenor mit der Gemeinschaft aus Elben und Arenai eine wichtige Aufgabe zugedacht war, deren Erfüllung durch das vorsichtige Verhalten beider Seiten nur herausgezögert und vielleicht sogar erschwert wurde.
„Neuigkeiten von Andoris?", erkundigte er sich beinahe regelmäßig bei Haldir, den augenblicklich wenig nach Ithuris zog.
„Er fand seinen Aufenthalt in Arengard recht unterhaltsam", erzählte der Waldelb bereitwillig. „Offenbar haben die Arenai ihn schließlich hingenommen und sind nicht jedes Mal in ein Haus geflüchtet, wenn er in ihre Nähe kam. Das schien ihnen auf Dauer dann doch zu mühsam. Es scheint keinen Mann und keine Frau zu geben, die nicht Narben aus Kämpfen hat. Er sah auch einen frischverwundeten Jüngling, der äußerst kunstvoll von einem Heiler behandelt wurde. In der Wundversorgung haben sie wohl große Erfahrung."
„Erscheint dir das nicht auch seltsam?"
„Es ist sehr vieles seltsam. Man weiß gar nicht, wo man beginnen soll."
Die Entscheidung wurde ihnen jedoch aus der Hand genommen, als einer Elben, die den Stein bewachen sollten, zu ihnen kam. „Ihr solltet zur Quelle kommen, Herr", verlangte der Wächter mit leichter Irritation in der Stimme. „Die Schildmeisterin ist in Raserei verfallen."
Nun, Raserei hätte Elrond es nach seinen Erfahrungen mit ihr nicht gerade genannt, aber unter den verwunderten Blicken der Wächter hatte sie offenbar ein neues Ziel ihres Ingrimms gefunden, den Stein selbst. Den Kopf zornig vorgereckt, fuchtelte sie mit ihrem Messer vor dem halbfertigen Kunstwerk herum.
„Ich werde auf gar keinen Fall weiter in dich hineinsehen!" schrie sie ihn an. „Es würde alles zerstören, die ganze Harmonie wäre dahin. Spar dir deinen Ärger, du Blutsauger. Was willst du denn dagegen machen, hm? Du bist ein Stein, ein verdammter unbeweglicher Stein."
Was nicht bedeutete, dass ihm keine Macht verliehen war, stellte Elrond zu seinem Entsetzen fest. Noch wurde er durch die Kraft der Elben gehalten, aber sein Geist spürte, dass sich dort vor ihm Unheil zusammenbraute. Etwas sammelte seine Kräfte, um Aylas Widerstand zu überwinden. Die Wächter stemmten sich dieser anwachsenden Woge entgegen, auch Elrond fügte sich ein. Leider war es Ayla selbst, die alle Bemühungen mit einem Schlag zunichte machte.
„Du willst es so?" Mit einem wütenden Knurren hieb sie auf die Mitte des Steins ein. „Alles wird damit ruiniert, aber du willst es so? Bitte, ich werde dich in winzige Teile schneiden und in die Zwischensee werfen."
Elrond konnte sie nicht mehr aufhalten. Beim zweiten Hieb brach sie genau in der Mitte mit dem Messer in einen Hohlraum und stolperte dann entgeistert zurück. Das Messer hatte sie in der Höhlung verloren und starrte jetzt abwechselnd von ihrer leeren Hand auf das dunkle Loch vor ihr. Ein Zittern ging durch den Koloss und Elrond krümmte sich unter dem Eindruck eines wilden triumphierenden Geheuls, das jeden Elben im Umkreis mehrerer Meilen erreichen musste. Das Wesen im Innern des Steins war frei und es fuhr mit solcher Macht heraus, dass es einen Teil des Steins mit sich riss.
Splitter, schnell und scharf, jagten über die Lichtung. Elrond konnte gerade noch die Arme schützen vor sein Gesicht reißen, damit sie ihn nicht blendeten. Zwei der Wächter brachen mit einem Aufschrei zusammen und landeten verkrümmt vor Schmerzen auf dem Boden. Ayla, die dem Stein am nächsten gewesen war, wurde fast über die ganze Lichtung geschleudert. Haldir, ebenfalls von den Splittern verletzt, fing sie gerade noch auf, bevor sie mit dem Rücken gegen die Lehnbank prallte und sich wohl das Rückgrat gebrochen hätte. Dies alles nahm Elrond während eines Atemzuges wahr und auch, dass er und die zwei noch aufrecht stehenden Wächter den Stein nicht länger bändigen konnten.
Tbc
@mysticgirl: Ich werde dich von Haldir in Elronds Pool ertränken lassen! Und zwar gaanz langsam...Jetzt tanzt mir immer das Bild einer fahrbaren Imbiss-Bude vor den Augen rum, irgendwo zwischen Arengard und Ithuris am Wegesrand. Aufschrift: „Elronds Imbiss - die letzten Fritten zwischen Mittelerde und Valinor".
Und, nein! Kein Haldir auf der Weihnachtsfeier. Nachher streitet er sich noch mit meinem Rauschgoldengel um dem Platz auf der Baumspitze.
@Shelley: Da war dein Finger auf dem Punkt! Alter Mann...hm, zumindest sieht er so aus, nicht wahr? Schafft doch eine gewisse Autorität, wenn man alt und weißhaarig durch die Gegend zieht. Temlar hat wohl schon gewusst, warum er sich ausgerechnet dieses Äußere ausgesucht hat.
@darkstardragon: Freut mich. Ich hoffe, der Rest gefällt dich ebenso.
@Loriel: Du hast den Tippfehler-Teufel entdeckt. Das ist so ähnlich wie die Sache mit Heibelderg...man ergänzt einfach automatisch beim Lesen und dann schleicht sich so ein Dreher einfach ein. Wenn sich die Arenai selber noch einen anderen Namen gegeben hätten, würde ich mich erschießen. Es kommen in den nächsten drei, vier Kapiteln noch genug dazu. Mein Gedächtnis stand sowieso kurz davor, einen nervösen Zusammenbruch einzuleiten.
