Disclaimer: Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben und wird nach Ablauf der Ausleihzeit auch wieder zurückgegeben. Einiges gehört mir, bringt aber trotzdem kein Geld.
4. Kapitel
‚Lasst ab, Elbenfürst, niemandem wird ein Leid durch mich erwachsen', erklang eine Stimme in seinem Kopf. ‚Ich bin Oryn, der Herr der verlorenen Quellen, die ihren Ursprung in Escalonde haben. Ich werde nun meine Kinder suchen und dann zurückkehren.' Ein sanftes Rauschen folgte diesen Worten, dann war die Kraft nicht mehr zu spüren.
Elrond erwachte aus seiner Erstarrung und fuhr herum. Die Lichtung bot den Anblick eines Schlachtfeldes. Die Wächter, die sich hatten aufrecht halten können, kümmerten sich nun um die beiden Schwerverletzten. Haldir kniete im Gras und hielt Ayla im Arm. Eine Hand presste er auf eine tiefe Schnittwunde, die ein scharfkantiger Steinsplitter in ihren Hals geschlitzt hatte. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor und färbte das Gras unter ihr hellrot. Unablässig bewegten sich seine Lippen und raunten die Heilsprüche. Elrond eilte zu ihm und stimmte mit seinen vielfach stärkeren Kräften in die Heilung mit ein.
Der Schnitt war so lang und tief, dass sie großes Glück haben würde, wenn sie ihre Stimme nicht verlor, geschweige denn ihr Leben. Es kostete die beiden Männer alle Kraft und Erfahrung, die Blutung zu stoppen, aber schließlich erreichten sie die Arenai, deren gurgelnder Atem immer leiser geworden war und holten sie zurück. Sie waren selber nicht gänzlich unversehrt geblieben, doch ihre Wunden waren kaum erwähnenswert. Elrond hatte nur unbedeutende Kratzer an den Armen, die er schützend erhoben hatte und Haldir einige im Gesicht. Nur einer auf seiner Stirn blutete heftiger und als der Waldelb am Ende der Heilung erschöpft den Kopf neigte, löste sich ein Tropfen seines Blutes. Ein Sonnenstrahl erfasste ihn und brachte ihn auf seinem Weg zum Leuchten. Als er genau auf Aylas Mundwinkel traf, aus dem ebenfalls ein winziger Tropfen Blut quoll, strich ein Windhauch über die Lichtung und in den ersten Blättern der Bäume und Sträucher erhob sich ein entzücktes Rascheln. Haldir hatte es auch bemerkt, denn er warf Elrond einen verwunderten Blick zu.
„Später", befand der Elbenlord müde. „Wir müssen die Verletzten ins Haus bringen und die Wunden endgültig versorgen. Auch du solltest dich um deine eigenen kümmern und Kunde nach Ithuris schicken, dass es dir gut geht. Es wird keinem Elben im Binnenland entgangen sein, dass hier Beunruhigendes geschehen ist."
Unruhe beherrschte Gildanna danach. Den feinen Sinnen der Elben konnte nicht entgehen, dass sich etwas verändert hatte. Ein fremder Klang schien sich in die Melodie dieser Welt geschlichen zu haben. Es war nicht unangenehm, aber eben anders. Elrond hätte gerne diesen Oryn befragt, doch er schien einfach verschwunden. Da er jedoch seine Rückkehr angekündigt hatte, war es für den Elbenlord nur eine Frage der Zeit, wann er seine Antworten bekommen würde.
Der Winterstein war zerstört und nichts würde ihm seine alte Schönheit zurückgeben können. Er hatte nicht nur dieses hässliche Loch an der Stelle, an der die Mitte des von Ayla gestalteten Weihers gewesen war, sondern tiefe Risse durchzogen ihn zur Gänze. Außerdem schien er zu Staub zu zerfallen. Schon zwei Tage nach der Befreiung Oryns war seine Oberfläche stark verwittert und mit jedem Windhauch löste sich glitzernder Staub. Aber nicht nur Oryns Stein ging es so, alle Wintersteine in Lichtfall zeigten die gleichen Zerfallserscheinungen. Die Elbenfrau vor dem Portal seines Hauses konnte Elrond am dritten Tag nur noch anhand ihrer Umrisse erkennen, ihre Gesichtszüge waren bereits verschwunden. Enuidil im Hof schien widerstandsfähiger, aber auch bei ihm war es wohl nur eine Frage wenige Tage. Inmitten dieser Zerstörung mehrten sich allerdings auch Anzeichen für eine Erneuerung. Die Farben des Tals wirkten noch lebhafter als zuvor, eine gleichmäßige Brise strich unablässig zwischen den Bäumen umher und bewegte Wolken glitzernden Steinstaubs. Elrond wurden Nachrichten aus dem gesamten Binnenland zugetragen, dass Blumen und Tiere vor Lebensfreude zu bersten schienen.
„War es das?" überlegte er zusammen mit Haldir, während sie am Abend den neuen Geräuschen des Tales lauschten. „Ich kann daran nichts Übles entdecken und auch keinen Grund, warum die Arenai es so lange hätten verhindern sollen."
„Jedenfalls scheint es ihnen nicht zu gefallen. Es traf Nachricht ein, dass sie sich in aller Hast in Arengard versammeln. Ich habe nach Andoris schicken lassen. Durch seine Nähe zu Boyar wird er noch am besten wissen, was die Arenai treibt."
Ihr Kundschafter erreichte Elronds Haus mitten in der Nacht und wirkte so aufgelöst, wie es bei einem Elben nur selten vorkam. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich in Gegenwart der beiden Elbenherrn so weit gefasst hatte, dass er einen zusammenhängenden Satz herausbrachte. „Ist die Schildmeisterin unversehrt?"
Verblüfft wechselten die beiden einen Blick. „Wie kommst du darauf, sie könnte es nicht sein?" fragte Elrond dann.
„Die Arenai sind davon überzeugt, dass ihr etwas Schreckliches hier zugestoßen sein muss", erwiderte der junge Waldelb heftig. Tiefes Unglück spiegelte sich auf seinen feinen Zügen, als er sich Haldir zuwandte. „Und sie glauben, dass du es warst, der es verschuldete."
„Ich?" echote sein Herr merklich um Fassung ringend. „Ich würde niemals Hand an sie legen."
„Das sagte ich Boyar auch", seufzte Andoris mit unverkennbarer Erleichterung. „Er ist von Zweifeln geplagt, aber die Arenai sahen Zeichen, die mir verborgen blieben. Ganz Arengard ist in heller Aufregung und glaube mir, Herr, sie sind beängstigend in ihrem Zorn. Es wird nicht lange dauern, bis Boyar mit einigen Kriegern hier eintrifft. Er ist selber nicht glücklich darüber, deshalb schickte er mich auch voraus, damit ich dich warne."
Elrond bedeutete einer Elbin, Ayla zu wecken. Es widerstrebte ihm zwar, aber sie würden die Schildmeisterin brauchen, um dieses völlig unverständliche Missverständnis aufzuklären.
„Wie weit sind sie hinter dir?" wollte Haldir wissen.
„Wenige Stunden. Ich warnte bereits Cimriel in Ithuris und er wird ihren Weg überwachen."
„Wie viele sind es?"
„Es werden dreißig sein, bewaffnet und auf Rache aus."
Das war für Ithuris und Gildanna keine wirkliche Bedrohung, doch wenn sie die Arenai niederstreckten, würden andere kommen, in noch größerer Zahl, immerhin gab es fast eintausend von ihnen auf Arenor und Elrond hatte nicht die geringsten Zweifel, dass sie zu kämpfen verstanden. Es durfte auch nicht sein, dass Krieg zwischen Arenai und Elben ausbrach, es konnte einfach nicht die Absicht der Valar sein. Gleichwohl hielten ihn diese Überlegungen nicht davon ab, Gildanna auf die Ankunft der Arenai vorzubereiten. Die Arenai würden sie erst bemerken, wenn sie Elronds Haus erreichten und dort sollte der Anblick der elbischen Bogenschützen wenigsten genug ihren Mut kühlen, dass man reden konnte.
Arenors Schildmeisterin waren die Kriegsvorbereitungen offenbar nicht verborgen geblieben. Äußerlich erinnerte nur der blütenweiße Verband um ihren Hals an ihre Verletzung. Sie trug zwar blausamtene Elbenkleidung, doch an ihrer Seite hing ihr Schwert. Elrond fragte sich irritiert, wie sie es sich wieder beschafft hatte. Er hatte es ihr jedenfalls nicht aushändigen lassen.
Andoris, der ihr zum ersten Mal begegnete, neigte tief den Kopf vor dieser gar nicht mehr so unelbischen Erscheinung, die sich breitbeinig vor den Männern aufbaute. Die Schildmeisterin bedachte Elrond mit fragend hochgezogenen Brauen.
„Andoris", stellte der Elbenlord ihn vor. „Er war in den letzten Wochen der Weggefährte Boyars. Ihr wisst schon, die Mitra-Jagd."
„Eure Leute glauben, ich hätte Euch etwas angetan", teilte Haldir ihr mit, bevor Andoris noch zu irgendeiner unpassenden Ehrerbietung in die Knie sinken würde. „Habt Ihr vielleicht eine Erklärung dafür, Schildmeisterin?"
Ihre plötzliche Blässe verriet mehr als jedes Wort, dass sie genau verstand. Sie fasste sich an die Kehle und schluckte mehrfach, bevor ihre angegriffene Stimme überhaupt Worte hervorbrachte. „Was genau sagte Boyar?" bedrängte sie Andoris dann mit selbst für Elben kaum hörbaren Flüstern.
„Ich habe ihn nicht verstanden, Herrin."
Ayla machte eine ungeduldige Geste. „Auf Euer Verständnis kommt es hier auch nicht an. Also, was sagte er?"
„Haldir sei den Wanderern in einem Meer von Blut erschienen."
Ihre linke Hand umfasste krampfhaft das Heft ihres Schwertes. „Was noch?"
„Dunkelheit verberge den Weg und Euch mit ihm."
Mit einem gequälten Gesichtsausdruck wandte sie sich ab und lange Zeit senkte sich Stille über den Raum. Elrond wartete geduldig, auch wenn die Gefahr durch die Arenai mit jedem Atemzug näher rückte.
„Ich hätte es wissen müssen", erklang ihre zerbrochene Stimme schließlich. „Die Zeichen waren kaum zu übersehen, doch ich schob es auf Oryn. So dumm!"
„Meint Ihr nicht, dass es langsam Zeit für eine Erklärung ist?", fragte Haldir mit übergroßer Höflichkeit. „Immerhin sind dort draußen einige Krieger, die offenbar meinen Kopf verlangen. Ich wüsste gerne, weshalb ich wieder sterben soll."
Ayla trank einen Schluck Wasser. Die Erklärung würde also länger dauern. „Als Oryn sich befreite, wurdet Ihr eigentlich ebenfalls verletzt?"
„Nur einige Kratzer."
„Aber sie bluteten, nicht wahr?"
„Es war nichts Ernstes."
Doch es hat gereicht, dachte Elrond mit plötzlicher Klarheit. Ein einziger Tropfen hat alles geändert.
Er erinnerte sich, wie dieser Tropfen von Haldirs Stirn sich mit dem an ihrem Mund vermengt hatte, an das seltsame Rauschen danach und an die Veränderungen, die Arenor seitdem erlebte. Blut zu Blut, Elben mit Arenai, so hatte sich das Schicksal wohl erfüllt und Veränderung ging damit einher. Möglich, dass es einen unerwarteten Weg genommen hatte, anders als die Arenai befürchtet hatten. Sirgals freiwilliger Abschied aus dem Leben, als sie erkannte, dass sie sich niemals mit Theriador vereinen durfte, bekam nun einen Sinn. Die Vorsicht, mit der die Arenai jede Nähe zu den Elben mieden, passte ebenfalls in dieses Mosaik. „Was wird nun geschehen?"
„Arenor wird die Zwischensee verlassen", murmelte sie voller Trauer. „Ihr werdet einer neuen Bestimmung in dunkle Zeiten folgen müssen. Erst wenn Eure Aufgabe getan ist, wird der Weg nach Westen für Euch wieder offen. Wir wollten es Euch ersparen, haben es bei vielen Eurer Art sogar geschafft. Je länger der Frieden für Arenor bestand, desto größer wurde Euer innerer Frieden und auch die Valar konnten Euch den Weg in den Westen nicht länger verweigern. Doch die Möglichkeit besteht nun nicht mehr. Der Wille der Valar lässt es nur noch zu, dass wir zu Eurem Schutz an Eurer Seite kämpfen. So viele werden sterben, Elrond, so unendlich viele."
„Und Ihr wusstet es?"
„Seit Anbeginn der Zeit."
„Meint Ihr nicht, wir hätten ein Recht gehabt, es auch zu erfahren?"
Sie lächelte kurz. „Wenn Ihr der erste Elbenfürst gewesen wärt, hätte mein Vater es Euch wohl gesagt. Doch vor Enuidil kam Diowen, erfüllt von Schönheit und Güte. Agir brachte es nicht über sich, ihr dieses grausame Schicksal zu enthüllen. Später schien es, als machte es keinen Unterschied mehr."
„Und Ihr dachtet wirklich, die Valar würden sich an der Nase herumführen lassen von Euch?"
„Sie merkten es schon, doch ihre Strafe seitdem war durchaus noch zu ertragen."
Haldir gab einen undefinierbaren Laut von sich. „Unsterblich in Eurem kargen, freudlosen Leben nennt Ihr erträglich? Das mag für Euch die einfachste Lösung sein, aber Euer Vater hat große Schuld auf sich geladen, als er diesen Entschluss traf, Ayla, und Ihr habt sein Wirken auch noch weitergeführt. Selbst jetzt war es nicht Eure eigene Entscheidung, dass endlich der Wille der Valar erfüllt wird."
„Ihr wisst nicht einmal annähernd, wovon Ihr da gerade redet, Waldelb", zischte sie zornig. „Aber da der Bund nun gebrochen ist, könnten wir vielleicht endlich den Streit ausfechten, der zwischen uns ansteht."
Mit einem lauten Befehl erstickte Elrond diese überflüssige Streiterei im Keim. Ein Bogenschütze hatte die Halle betreten und zeigte durch ein Nicken an, dass die Arenai Gildanna erreicht hatten. Vor dem Haus hatten sich weitere Bogenschützen eingefunden, die zu beiden Seiten der vergehenden Enuidil-Statue eine dichte Linie bildeten. Die Elben und die Schildmeisterin traten vor das Portal und beobachteten schweigend, wie sich der Arenai-Trupp in raschem Tempo durch Gildanna auf Elronds Haus zubewegte. Umschwirrt von den Demothian zog sich die leuchtende Linie durch den ungewöhnlich dunklen Talgrund. In dieser Nacht brannten nur wenige Lampen in den Häusern, deren Bewohner sich auf Elronds Geheiß still verhielten. Rund um das Haus Elronds harrten weitere Krieger aus, hoffentlich verborgen durch ihre Fähigkeiten vor den aufmerksamen Blicken der Arenai. Nur der Hof war von Fackeln hell erleuchtet. Die Arenai sollten sehen, wem sie da gegenüber traten.
Als die Reiter aus Arengard in vollem Galopp in den Hof sprengten, hoben die Elben auf ein Wort Elronds gleichzeitig ihre Bögen und spannten die Sehnen. Den Arenai gelang es kaum, ihre Pferde zu zügeln und für eine kurze Zeit war die Luft erfüllt von wilden Flüchen, den schlagenden Hufen der sich aufbäumenden, wiehernden Pferde. Schließlich kehrte wieder Ruhe ein und beide Seiten maßen sich mit Blicken, die der Arenai wild und kampfdurstig, die der Elben gelassen aber siegesgewiss.
Am Ende war es Boyar, der von seinem Pferd stieg und auf die Reihe der Bogenschützen zuging. Die Furchtlosigkeit, mit der dieser Hüne sich vor den bewegungslosen Pfeilen aufbaute, die auf sein Herz und das seiner Krieger zielten, nötigte Elrond Respekt ab. Er sprach einen kurzen Befehl und man ließ Aylas Vertrauten durch, sofort hinter ihm schloss sich die Reihe jedoch wieder. Wenige Schritte vor Elrond blieb der Arenai stehen. Es war kaum möglich, doch seine Miene verdüsterte sich noch mehr, als er Ayla entdeckte und seinen Blick über ihre langgewachsenen Haare und die elbische Kleidung wanderte.
„Ihr seid immer willkommen in meinem Haus", sagte Elrond freundlich und irritierte ihn damit nicht wenig. „Was führt Euch diesmal her?"
Boyar war offenbar nicht gewillt, sich mit langen Reden aufzuhalten. „Blut zu Blut, der alte Weg ist dahin. Es endete für alle gleichzeitig vor vier Tagen und jeder Wanderer kehrte mit Haldirs Bild vor Augen aus seinem Traum zurück", knurrte er in Aylas Richtung. „Was hat der Waldelb dir angetan? Sirgals Dummheit war dir nie zu Eigen, also kann er sich nur mit Gewalt genommen haben, was du einem Elben niemals freiwillig geben würdest."
Das, was er mit seinen Worten andeutete, war geeignet, auch die Beherrschung eines Elben auf eine schwere Probe zu stellen. Haldir trat einen Schritt vor, kalter Zorn durchbrach die Zurückhaltung seiner Züge und seine Hand war bereits auf dem Weg zu seinem Schwert. Auch Boyar hatte das Schwert ergriffen, willens diesen Kampf für die offenbar verlorene Ehre seiner Schildmeisterin zu führen.
„Aufhören!" fuhr Ayla mit scharfer Stimme dazwischen, um sich sofort gequält an die Kehle zu greifen. Als sie weitersprach, war es nur noch ein schmerzliches Flüstern. „Ihn trifft keine Schuld, Boyar. Etwas zerriss den Stein, als wir alle dort auf der Lichtung weilten. Die Splitter verletzten jeden von uns, mir trennte es fast den Kopf von den Schultern. Es war ein unglücklicher Zufall, der geschah, als Elrond und Haldir mir das Leben retteten. Wenn überhaupt musst du mich verdammen, weil ich nicht eher die wahre Natur des Steins erkannte. Elrond, ich kann nicht länger.."
Ihre Stimme brach unter der Anstrengung erneut zusammen, doch sie brauchte auch nichts mehr weiter erklären, so eindringlich hatte sie zuvor gesprochen. Boyar schüttelte immer wieder den Kopf, fassungslos rang er die Hände. Schließlich schien es ihm zu helfen, ausgiebig den Stein zu verfluchen, bevor er sich zu seinen Kriegern umdrehte und ihnen befahl, den Hof zu verlassen, um vor dem Tor auf ihn zu warten. Auch die Elben hatten auf Geheiß Elronds die Bögen wieder gesenkt und die Pfeile in die Köcher zurückgesteckt.
„Seid Ihr nun Gast in meinem Haus?" erkundigte sich Elrond ein zweites Mal und diesmal folgte ihm der Arenai. Ihm blieb auch wenig über, denn Ayla hatte sich auf dem Absatz umgedreht und zielstrebig den Ruheraum aufgesucht, in dem sie sich vor der Ankunft der Arenai versammelt hatten. Ein Trank stand für sie bereit, der ihrer geschundenen Stimme Linderung verschaffen würde. Sie stürzte ihn hinunter und verzog sofort das Gesicht. Elrond wusste um den schrecklichen Geschmack seiner Ingredienzien, aber die Heilkunst war in diesen Fragen nicht zimperlich.
Er hatte eigentlich beabsichtigt, Boyar nun in Ruhe die Geschehnisse zu erzählen, doch die Arenai folgten wie immer ihren eigenen Regeln.
„Dreißig Krieger?" Ayla warf den Becher nach Boyar. „Wenn du schon unbedingt Gildanna angreifen willst, hättest du sie alle herführen sollen. Es gibt alleine hier über sechshundert Elben, die in Ithuris nicht mitgezählt. Dann schickst du noch deinen Freund voraus, damit er auch bloß alle warnt. Was ist nur in dich gefahren, Boyar?"
„Die Beobachter verboten es", antwortete der Hüne kleinlaut. „Sie riefen zur Ruhe auf, weil sie die Worte der Wanderer anders deuteten."
„Ihr hättet auf sie hören sollen", bemerkte Haldir kühl. „Ein Elb würde niemals-„
„Ach, seid still!" herrschte sie ihn an. „Ich habe Boyar eben nur abgehalten, Euch zu töten, weil ich ältere Rechte darauf habe."
„Ich würde Euch mit geschlossenen Augen besiegen." Haldir bedachte sie mit einem arroganten Lächeln. „Und mit einem Arm auf den Rücken gefesselt."
„Vergesst nicht, dass mir durch die alten Gesetze jetzt nicht mehr die Hände gebunden sind."
„Genug!" donnerte Elrond, am Ende seiner Geduld. „Ihr kühlt Eure Stimme, bevor sie Euch endgültig verlässt und du, Freund Haldir, deinen Mut. Es mag Veränderungen gegeben haben, doch Elben und Arenai werden niemals im Kampf gegeneinander antreten, dafür werde ich Sorge tragen. Schon gar nicht, wenn der Grund dafür so lächerlich ist. Wichtigere Dinge sind zu besprechen."
„Das solltet Ihr mit Temlar machen", warf Boyar vorsichtig ein. „Er ist auf dem Weg hierher, doch sah er keinen Grund zur Eile."
„Ein wahrhaft kluger Mann", nickte Elrond. „Zeit für alle hier, zu ruhen. Wir sehen uns erneut, wenn Meister Temlar eingetroffen ist."
Was noch etwas dauerte. Wie man Elrond berichtete, forderte Meister Temlar auf seinem einsamen Weg nach Gildanna mit großer Selbstverständlichkeit die Gastfreundschaft Cimriels in Ithuris ein. Es habe ihn schon immer gereizt, einmal die Telain zu betreten und den Wald von oben zu betrachten, gab der Bote Cimriels Bericht mit der gleichen Verwunderung wieder, die auch Haldirs Stellvertreter empfinden musste.
Elrond entschloss sich, dem Beobachter entgegen zu reiten. Es war gleichzeitig eine gute Gelegenheit, Ithilions Gesellschaft zu genießen und dem Arenai zu zeigen, wie sehr er das Geschenk schätzte. Außerdem war Ithilion ein weitaus angenehmerer Umgang als die Kampfhähne in seinem eigenen Haus. Und er hatte tatsächlich geglaubt, mit dem Verlassen Mittelerdes würde er den verdienten Frieden finden. Frieden! Wenn es so weiterging, musste er in Büchern nachschlagen, was das Wort eigentlich bedeutete.
Kurz hinter den Wassern des Mithris traf er auf eine Gruppe Waldelben, die einen Arenai begleiteten. Er musste einer der ältesten Männer sein, die auf Arenor lebten und Elrond grüßte ihn mit großem Respekt.
„Elbenlord", schmunzelte der alte Mann vergnügt. „Ihr wenigstens seht recht unversehrt aus. Wie geht es dem Herrn meiner unterhaltsamen Begleiter hier? Haldir müsste sein Name sein."
„Ihm geht es gut, Meister Temlar, Eure Schildmeisterin hat recht schnell den Zorn Eurer Krieger zum Erlöschen gebracht."
„Daran hatte ich niemals Zweifel", nickte der Beobachter und winkte Elrond näher heran. „Da nun kein Grund zur Entfernung mehr besteht, könnt Ihr auch neben mir reiten. Es ist recht mühsam in meinem Alter, so laute Gespräche zu führen."
„Wie alt seid Ihr?" Die Gebrechlichkeit Temlars verwunderte ihn. Sie konnte nicht wirklich sein.
„Wie alt ist Arenor?" Ein verschmitzter Blick traf den Elben. „Das ist eine Frage, die Enuidil immer sehr interessiert hat. Er beschränkte sich gerne auf solche unwichtigen Dinge, damit er die wirklichen Rätsel besser ignorieren konnte. Ihr seid anders, ganz gewiss. Wir haben lange auf Euch gewartet, Elrond, zumindest wir Beobachter. Ayla hingegen wird wohl gerade mal wieder den Tag verfluchen, an dem Ihr Euren Fuß auf die Insel setztet. Eine kluge Frau, sehr tapfer, das könnt Ihr mir glauben, aber auch so stur wie ihr Vater es war."
Meister Temlar hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem Beobachter wie Enuidil ihn beschrieben hatte, so freigiebig war er mit Worten. Als sie sein Haus erreichten, kannte Elrond den wahren Preis, den die Arenai für ihr Schweigen gezahlt hatten. Es war nun kein Geheimnis mehr, warum sie so sehr im Kampf geübt waren und weshalb immer wieder welche verschwanden. Die Vorstellung, in einen Traum voller unbekannter Feinde und grausamer Kämpfe gerufen zu werden, aus dem man mit blutenden Wunden erwachte oder sogar seinen Tod fand, ließ Elrond schaudern.
„Es hatte durchaus seinen Sinn", meinte Temlar tröstend, als er die Reaktion des Elben bemerkte. „Agir glaubte zwar immer, die Valar mit ihren eigenen Waffen geschlagen zu haben, doch in Wahrheit geschah es alles genauso, wie sie es bestimmt hatten. Einen wahrhaftigen Krieger zu formen braucht lange Zeit und viele Kämpfe. Die Herausforderungen, die uns jetzt bevorstehen, hätten keinesfalls früher kommen dürfen."
„Und welche werden das sein?"
Meister Temlar hob die Hände. „Das allerdings ist sogar uns Beobachtern verborgen geblieben." Als er die zweifelnde Miene des Elben bemerkte, gluckste er. „Nun, Ihr wisst selber, wie das mit Prophezeiungen so im Allgemeinen ist. Manchmal dringt wie ein Sonnenstrahl die Erkenntnis durch den dichten Nebel, in den Iluvatar seine Melodie gerne zu hüllen pflegt. Das Bisschen, was wir in all der Zeit erhaschen konnten, war nicht für empfindliche Gemüter geeignet. Nicht für Elben und auch nicht für Arenai, wobei – wie Ihr wohl bereits vermutet – es da eigentlich keine wirkliche Unterscheidung gibt."
Elrond neigte bestätigend den Kopf. „Ich werde die Schmiede anhalten, ihre Aufmerksamkeit wieder mehr auf Schwerter und Dolche zu richten."
„An den Waffen wird es kaum scheitern, Meister Elrond, Gildannas Felsenkeller sind voll davon, wie Ihr feststellen werdet. Eher an der..hm..Einstellung."
„Bei Elben oder Arenai?"
„Beide!" bellte Temlar so laut, dass nicht nur Elrond zusammenzuckte. „Ihr Elben lebt in Euren Gedanken entweder im Goldenen Zeitalter vor dem Brudermord oder bereits wieder in Valinor, die Zeit dazwischen war Euch so eine Last, dass Ihr in lähmender Melancholie badet. Eine wirklich ermüdende Einstellung, die Euch hier kaum weiterhelfen wird, denn bis Ihr die Aufgabe in Escalonde nicht erfüllt habt, gibt es keine Reise mehr nach Westen. Wir Beobachter gingen immer davon aus, dass Iluvatar nur die Lebhaftesten von Euch hierher schickte. Eine Annahme, die stark erschüttert wurde, als Enuidil erschien. Nun, vielleicht glaubte Iluvatar, wir benötigten noch eine lange Zeit der Reifung und Ruhe."
Der alte Arenai verzog unwillkürlich das Gesicht. „Ein wahrhaft edler Geist, der gute Enuidil, aber so in sich gefangen, dass seine Statue gegen ihn eine unruhige Erscheinung war. Agir strahlte vor Wonne, als ihm dies bewusst wurde. Nur gut, dass der sture Narr bei Eurer Ankunft schon lange dahingeschwunden war, er hätte sein Unglück verflucht und sich die Haare ausgerissen."
Die Worte fanden nicht wirklich Elronds ungeteilte Zustimmung, aber er hielt sich zurück. „Und was stimmt nicht an der Einstellung der Arenai?"
„Ah!" Das neue Thema gefiel Temlar offenbar recht gut. „Zuviel Hingabe in das, was ihnen Agir, dieser Blinde, als ihr Schicksal verkündete. Sie werden keine Opfer scheuen, für Euch zu kämpfen, doch Ihr werdet viel Kraft brauchen, damit sie mit Euch kämpfen. Wenn es nach unserer wunderbaren, tapferen Schildmeisterin ginge, würde sie Euch alle im Binnenland hinter wolkenhohen Mauern einschließen, damit nur keines Eurer kostbaren Elbenleben in Gefahr käme. Agir hat bei ihr wirklich ganze Arbeit geleistet. Von dem Tag, an dem sie als seine Tochter in sein Haus kam, überflutete er ihren bemerkenswerten Verstand mit der unmöglichen Aufgabe, das Elbentum als etwas ganz und gar Heiliges zu schützen und jeden Elben als Lebewesen vollständig abzulehnen. Nach Agir hat sie es sogar geschafft, es allen Arenai mit noch größerer Eindringlichkeit einzupflanzen. Ein geistiges Kunstwerk, wenn Ihr mich fragt."
„Und wie erklärt Ihr Euch dann, dass sie ständig davorsteht, sich im Kampf auf Haldir zu stürzen?"
„Pah, sie würde ihn nicht einmal besiegen können, wenn er die Ungeschicklichkeit eines Nonuk hätte, weil sie es einfach nicht über sich bringt." Temlar stach einen seiner langen, dürren Finger in Elronds Oberarm. „Macht dies Eurem Haldir klar, damit es nicht zu einem Unglück kommt. Wisst Ihr, wenn es etwas gibt, das die Arenai fast noch mehr verehren als das Elbentum, dann ist es ihre Schildmeisterin. Nur ihretwegen würden sie die Hand im Kampf gegen Euch heben, das haben diese Narren vor zwei Nächten wohl bewiesen."
„Sie waren recht beeindruckend."
„Es reichte, um sie zu beruhigen, sonst hätten ich und die anderen Beobachter sie nicht ziehen lassen. Zu behaupten, sie hätten Euch wirklich gefährlich werden können, diese dreißig wütenden Gestalten, wäre zwar sehr höflich von Euch, aber unzweifelhaft gelogen. Ah, Gildanna, welch ein prächtiger Anblick!"
Für weitere Auskünfte war Temlar nicht länger zu haben, musste Elrond bedauernd feststellen. Davon abgesehen, dass der alte Mann mit geradezu kindlichem Vergnügen alles in sich aufsog, was ihm unter die Augen kam, wurde er bereits von den Arenai erwartet. Das auffälligste Zeichen, dass keiner von ihnen mehr lange in Gildanna bleiben würde, war Ayla selbst. Was von ihrer Reisekleidung noch übrig war, hatte sie am Leib, ebenso trug sie ihre Waffen und Handschuhe wieder. Aber das war nicht alles…
„Bei Iluvatar!" ächzte Temlar. „Was hast du mit deinen Haaren gemacht, Mädchen? Du schaust aus wie ein verrücktes Nonuk"
Haldir, der schräg hinter ihr stand, grinste boshaft. Bei einem Gespräch kurz nach seiner Ankunft hatte er Elrond erklärt, dass die Nonuks die wahrscheinlich eigentümlichsten Tiere Arenors waren. Etwas größer als ein Hase lebten sie zumeist in tiefen Erdhöhlen, die durch unzählige Gänge miteinander verbunden waren. Da ein Nonuk gelegentliche Fälle von Verwirrung erlebte, gruben sie immer wieder versehentlich an die Oberfläche, wo sie unglücklich und halb blind herumwanderten, bis sie entweder den Eingang zu einer anderen Erhöhle fanden – was recht selten geschah – oder von einem der Raubtiere Arenor gefressen oder einem zweibeinigen Jäger erlegt wurden – was fast immer geschah. Ihr dichtes Fell hatte die gleiche blauschwarze Farbe wie das Haar der Arenai und war ebenso zerzaust wie das Aylas, nachdem sie ihm in der Wartezeit auf Temlar wohl mit einem völlig ungeeigneten Schneidwerkzeug und unter Verzicht auf einen Spiegel zu Leibe gerückt war.
Da die Schildmeisterin bar jeder Eitelkeit war, tat sie Temlars Bemerkung mit einer ungeduldigen Geste ab. „Hast du unterwegs eine Chronik Arenors zu Papier gebracht oder gab es vielleicht einen Grund, warum du erst jetzt eintriffst?"
„Ungeduld ist das Privileg der Jugend", schmunzelte der Beobachter, um sofort wieder ernst zu werden. „Meine Anwesenheit ist in Arengard nicht so erforderlich wie die deine. Du tust also gut daran, dich zu sputen. Große Veränderung stehen bevor und die Schildmeisterin kann ihnen in Gildanna kaum begegnen."
„Das weiß ich auch", herrschte sie den alten Mann mit irritierender Unhöflichkeit an. „Ich wäre auch schon längst auf dem Rückweg, wenn du nicht so wild darauf gewesen wärst, hierher zu kommen. Gibt es bereits Anzeichen in Arengard?"
„Nur die, die hier auch zu bemerken sind."
„Nun gut." Sie wandte sich an Elrond. „Ich habe Boyars Rachetrupp in kleine Gruppen eingeteilt, die Arenor in allen Richtungen erkunden werden. Wenn es Neuigkeiten gibt, erhaltet Ihr sofort Nachricht."
Elrond brauchte nicht erst Haldirs vielsagenden Blick zu bemerken, um zu wissen, dass es deswegen bereits einen Disput gegeben hatte. Eingedenk der Worte Temlars lächelte er sanft. „Das wird nicht nötig sein, denn jeder Gruppe wird sich ein Elb hinzugesellen."
„Das ist noch unnötiger."
„So wird es aber geschehen, oder wir werden Arenor getrennt durchstreifen, was immer Euch lieber ist." Dieses erste Kräftemessen gewann Elrond, auch wenn sich ihre Miene verdüsterte.
Bald darauf verließen die Reitergruppen aus je vier Arenai und einem Elben Gildanna in alle Himmelsrichtungen. Es waren fünf davon und eine sechste, die aus zehn Mann und zwei Elbenkriegern bestand, machte sich auf den Weg nach Bremdal, das wie Elrond nun erfuhr im nordwestlichen Randland lag. Diese Gruppe sollte nichts erkunden, sondern nur den Schutz des Gestüts übernehmen, vor was auch immer ihm gefährlich werden konnte. Ayla selber wurde von Boyar und einem hingerissenen Andoris begleitet, als sie nach einer knappen Verabschiedung Richtung Arengard aufbrach.
***
Es mochte am Entsetzen der Arenai darüber liegen, dass ihre Träumer mit den schrecklichen Bildern des Elben und der Schildmeisterin erwacht waren, dass sie anfangs nicht bemerkten, welche Veränderungen sich direkt vor ihnen einstellten. Zunächst weit draußen in der Zwischensee bildete sich der Nebel zuerst. Wie ein heller Streifen glimmte er zwischen dem Wasser und dem Horizont, aber mit jeder Stunde schob er sich näher an Arenors Küste heran, türmte sich höher hinauf in den strahlend blauen Frühlingshimmel. Auch der schlichteste unter den Arenai nahm nicht an, dass es mit der Ankunft eines der großen Elbenschiffe zusammenhängen konnte, denn es war eine andere Art von Nebel, die dann den Hafen in Windeseile einzuhüllen pflegte.
Dieser hier, der unaufhaltsam näher kroch, war keine der gleichsam zu Boden gesunkenen Wolken, aus denen die Pracht eines Elbenschiffes hervorgleiten würde. Es war eine silbrige Front, undurchdringlich und erfüllt mit einem fremdartigen Leben, so zielsicher nahm er Arengard die Sicht auf die See und den Himmel. Als Temlar in Gildanna eintraf, hatte dieser Nebel bereits die Küste erreicht. Direkt am Ufer hielt er an und verdichtete sich weiter, bis er das Geräusch der Wellen und des Windes, das Arengard seit Jahrtausenden unablässig durchflutet hatte, zum Erliegen brachte. Fremde Stille legte sich über die Stadt, die angefüllt war mit Arenai aus allen Himmelsrichtungen der Insel.
Die Arenai sprachen nur gedämpft, während sie daran gingen, sich auf den Kampf vorzubereiten. Seit die Träumer erwachten waren, wussten sie, dass die Zeit des Wartens vorüber war. Die Beobachter, von denen sich alle fünf, die es außer Temlar noch gab, ebenfalls in Arengard eingefunden hatten, ließen keinen Zweifel daran, dass die Veränderung nun kam. Auch wenn niemals darüber gesprochen worden war, so wusste doch jeder, dass mit dem Schlimmsten zu rechnen war.
Die kleineren Gruppen auf den Gehöften sammelten ihre Habe zusammen, luden die Vorräte auf und zogen nach Arengard, um bei einem möglichen Angriff durch einen Feind, den noch niemand kannte, bereit zu stehen. In Bremdal ließ Hivia, die Pferdeherrin der Arenai, die trächtigen Stuten und diejenigen, die Fohlen zu versorgen hatten, von den anderen Pferden trennen und auf die Hügel bringen, damit sie in Sicherheit waren. Die übrigen, von denen es noch mehr als siebenhundert gab, wurden in gleich große Herden von je einhundert Pferden geteilt und unter der Obhut der Pferdehüter langsam Richtung Arengard geschickt. Wagen wurden mit Futter, Sätteln und Zaumzeug beladen und folgten den Herden.
Es war ein seltsamer Anblick, der sich Ayla und ihren Begleitern bot, als sie das Hügelland verließen und an einer erhöhten Stelle, nur noch einen kurzen Ritt von Arengard entfernt verharrten. Alles strebte der Stadt zu, die sich trotzig vor der Nebelwand erhob und dieser Dämmerung, die davon ausging, durch helle Lichter in jedem Fenster die Stirn bot.
„Das ist kein Elbennebel", stellte Boyar überflüssigerweise fest. „Er scheint die ganze Insel zu umhüllen."
„Wahrscheinlich sollen wir nicht sehen, welchen Weg Arenor nimmt", vermutete Andoris. „Was meint Ihr, Schildmeisterin, wie lange wird es noch dauern, bis wir an unserem Ziel angekommen sind?"
„Nicht lange genug", murmelte sie. Die Schmerzen in ihrem Hals hatten sich auf ein erträgliches Kratzen reduziert.
„Ich frage mich, wie diese Welt sein wird."
Statt einer Antwort vertiefte sich nur ihr Stirnrunzeln. Andoris war eine wirklich sanfte Seele, ein wunderschönes Geschöpf, innerlich wie äußerlich und sie hatte nicht vor, ihm die Schrecken zu berichten, die die Arenai in ihren Träumen bekämpft hatten. Selbst wenn nur ein Teil davon in dieser neuen Welt zu finden war, würde es ihn zutiefst entsetzen. Zum Glück war Elrond jetzt Herr in Gildanna und er war aus einem anderen Holz geschnitzt, als der junge, sanfte Elbe neben ihr oder auch Enuidil in seiner stillen Vergeistigung.
In Gildanna hatte Elrond wahrscheinlich schon Anweisung gegeben, die Befestigung des Tals zu beginnen. Nicht, dass sie vorhatte, diese neuen Befestigungsanlagen jemals einer ernsten Probe auszusetzen, aber sie war sich nicht sicher, ob ihr der Schutz der Elben noch länger gelingen würde. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob sie Arengard schützen konnte.
Aus einem Grund, den sie sich gerade jetzt einfach nicht erklären konnte, hatte Agir es nie für nötig gehalten, Arengard eine Verteidigungsmauer zu geben. Auch sie selbst hatte eine derartige Befestigungsanlage nie auch nur in Betracht gezogen, so sehr war sie immer in den Traditionen ihres Vaters gefangen gewesen. Es würde sich rächen, dessen war sie sich mit erschreckender Klarheit sicher. Arengard mochte zurzeit voller wehrhafter Arenai bersten, aber es war von allen Seiten offen und dementsprechend nur mit Mühe zu verteidigen. Ihnen würde auch nicht die Zeit bleiben, ein derartiges Bauwerk zu errichten, es hätte Jahre gedauert. Andererseits war niemandem damit geholfen, wenn sie sich über verpasste Möglichkeiten grämte. Sie würden Arengard eben mit den Mitteln schützen müssen, die ihnen zur Verfügung standen.
Die Stadt schien neuen Mut zu fassen, als sie in sie zurückkehrte. Jetzt, wo ihnen so viel bevorstand, verließen sich die Arenai auf ihre Schildmeisterin. Immerhin war sie die beste unter ihnen, so war es durch die Valar bestimmt, die sie vor so langer Zeit in das Haus Agirs gebracht hatten. Selbst Ayla verspürte eine gewisse Erleichterung, wieder von den ihren umgeben zu sein. Hier wusste sie, was zu tun war und kein Elbenlord, mochte er auch noch so erfahren und weise sein, redete ihr dazwischen. Sie organisierte den Ameisenhaufen, der aus Arengard durch die Ankunft der Bauern und Jäger geworden war, schnell und straff. Die mitgebrachten Vorräte wurden genau erfasst und eingelagert. Die Neuankömmlinge erhielten jeder einen Schlafplatz in den festen Steinhäusern und niemand der alten Bewohner murrte darüber. Es galt, zusammenzurücken und der Gefahr zu trotzen.
„Wahrlich bemerkenswert", stellte Andoris wenige Tage nach ihrer Ankunft fest, als er Ayla bei einem Gang an den Hafen begleitete. „Obwohl wir alle großer Ungewissheit entgegengehen, bleibt alles hier so ruhig."
Ayla löste ihren Blick kurz von der Nebelwand, um ihn eingehend zu mustern. Er war erst vierhundert Jahre alt gewesen, als ihn das Schicksal des Ringkrieges aus Mittelerde geführt hatte. Ein halbes Kind, nicht nur nach den Maßstäben der Arenai. Seit er ihr das erzählt hatte, wünschte sie sich, ihn in Gildanna gelassen zu haben. „Glaubt Ihr, in Gildanna ist es jetzt etwa unruhiger?"
Ein wahrhaft sonniges Lächeln erhellte seine Züge. „Wohl kaum."
Die Antwort sollte sie eigentlich weder verwundern noch ärgern. Ayla seufzte. „Oder in Ithuris?"
„Gewiss nicht", meinte er mit einem entschiedenen Kopfschütteln. Er vergötterte Haldir, wie sie zu ihrem Leidwesen festgestellt hatte. Wenn man bedachte, dass er unter seinem Befehl gestorben war, kam es einem schon merkwürdig vor. Ayla kannte mittlerweile jede Einzelheit der Schlacht um Dol Guldur. Sie hätte die Festung aufzeichnen können, so ausführlich hatte Andoris sie ihr beschrieben einschließlich der Kampfaufstellung der Galadhrim. Andoris redete gern, sehr gern.
„Warum also sollte es hier in Arengard anders sein?"
Nach einem Moment tiefen Überlegens setzte er zu einer Antwort an, die Ayla bereits mit leichtem Schaudern erwartete. Als er jedoch den Mund öffnete, ertönte ein so fremdartiges Geräusch, dass alles andere vergessen war. Sie hatte instinktiv ihr Schwert gezogen und suchte den Nebel vor ihr nach der Quelle dieses Schreis ab. Der Ruf eines Tieres oder eines anderen nicht minder unbekannten Wesens war es, dessen war sie sich jedenfalls gewiss. Ein weiterer Schrei erklang, näher diesmal und lauter, auch von einer anderen Stelle. Es waren keine freundlichen Geschöpfe, die sich da ankündigten und sie waren nicht klein.
„Ich kann nichts erkennen", stellte Andoris zögernd fest und langte nach seinem Bogen.
Das brauchst du auch gar nicht, mein Junge, dachte sie und vergewisserte sich, dass bereits eine der Wachen, die entlang des Hafens jeweils neben einer Fackeln postiert waren, auf dem Weg zu ihr war. „Eilt zu meinem Haus und schickt Boyar mit einigen Kriegern hierher. Dann lasst Euch Euer Pferd satteln und reitet nach Ithuris. Richtet Haldir aus, dass es beginnt."
„Ihr werdet meine Hilfe brauchen", beharrte er und war schön und rührend zugleich in seinem noch so jungen Elbenstolz.
Ayla lächelte etwas gequält, denn neue Schreie ertönten. Es mussten gut dreißig verschiedene Wesen sein, die sich dem Hafen näherten. Bevor sie die Geduld mit Andoris verlieren konnte, fasste die Arenai-Wache, die jetzt bei ihnen angelangt war, den jungen Elben unbarmherzig am Ellbogen. Lemna, eine beeindruckende Frau, die ihn in Höhe und Breite überragte, nickte der Schildmeisterin beruhigend zu. Eine tiefe Narbe zerteilte ihre rechte Wange, die sie aus einem lange zurückliegenden Traum mitgebracht hatte. Trotzdem entstellte sie ihr Gesicht nicht wirklich, als sie nun zuvorkommend lächelte.
„Ich werde Euch begleiten", erklärte sie ihm mit ihrer dunklen, warmen Stimme, in der nicht nur für Ayla hörbar ein eherner Unterton lag. „Die Schildmeisterin wird noch früh genug Eure Hilfe an ihrer Seite brauchen. Jetzt ist es wichtiger, Euren Herrn zu benachrichtigen."
Ohne auf seine weiteren Proteste zu achten, schob sie den Elben vor sich her. Ayla wandte sich wieder dem Nebel zu, Andoris aus ihren Gedanken verdrängend, denn Lemna würde über ihn wachen, bis er sicher in Ithuris angekommen war.
Die Schreie waren in Arengard nicht ungehört verhallt und es geschah schnell, bis sich eine geschlossene Front der Arenai entlang des Hafens geformt hatte. Die Schwerter erhoben und an den Körper gezogen warteten sie, hinter sich eine weitere Reihe Bogenschützen, die den ersten Pfeil bereits angelegt, die Bogensehne aber noch nicht gespannt hatten. Niemand sprach oder rührte sich, auch Ayla atmete ruhig aber flach und lauschte auf die Geräusche aus dem Nebel. Außer den Schreien war nur das Meer leise zu hören. Lauter jedoch als zuvor, als würde sie der Wellenschlag von etwas erreichen, das mit großer Geschwindigkeit auf das Ufer zupflügte und dabei eine Bugwelle vor sich her schob.
„Es ist nur hier", berichtete Boyar, der sich bald zu ihr gesellte. „Außerhalb des Hafens ist alles ruhig, aber ich habe trotzdem die Wachen verstärken lassen."
Das Warten zog sich dahin und stellte eine erste Probe für die Gelassenheit der Arenai dar. Immer wieder durchdrangen die Schreie den Nebel, ein Geräusch, tief in einer zornigen und blutrünstigen Seele voller Schatten geboren. Ayla beobachtete ihre Krieger und fand zu ihrer Erleichterung nur Ruhe und Konzentration. Vielleicht gab es ihnen Kraft, dass sie diesmal an der Seite ihrer Freunde kämpften, erstmals in allen diesen Leben.
Plötzlich kehrte völlige Stille ein, auch der Wellenschlag verebbte langsam. Sie warteten, aber nichts war zu hören, nichts zu erkennen. Gerade als Ayla glaubte, nur einen Spuk erlebt zu haben, schossen dunkle riesige Gestalten aus dem Nebel. An jeder Stelle des Hafens landeten diese Wesen von den Umrissen eines kleinen Hauses mit einem hässlichen, weichen Platschen auf den weißen Steinen der Elbenanlage. Es waren unförmige Gebilde mit vier langen dünnen Armen, die sie zum Abstützen gebrauchten, da die kurzen, dicken Stummel an den hinteren Seiten ihres länglichen Körpers nicht ausreichten. Gelber Schleim bedeckte diese Geschöpfe und tropfte an ihnen herunter. Rund um ihre paddelgroßen, flachen Hände bildeten sich Lachen dieser widerlichen Substanz und besudelten die makellose Reinheit des Hafens. Die Wesen hielten sich nicht lange mit einer Umschau auf, sondern nahmen sofort mit ungelenken, aber riesigen Sätzen Richtung auf die wartenden Arenai.
„Bogenschützen!" Ayla ließ sich gleichzeitig mit der Phalanx der Schwertkrieger auf ein Knie nieder, um den Schützen ein freies Feld zu bieten. Ihr Blick erfasste die schleimigen Kreaturen, die mit vorgereckten, flachen Köpfen, in denen riesige silbrige Augen mit einer quergeschlitzten Pupille leuchteten, bereits die Hälfte der Distanz zur Mauer zurückgelegt hatte. Hinter ihr wurden die Bögen gespannt und mit einem Rauschen verließ die erste Salve die Sehnen. Sie trafen alle ihr Ziel, aber sie zeigten außer dem dumpfen Geräusch des Aufpralls auf die schleimgeschützten Körper keine Wirkung.
„Zielt auf die Augen!" schrie Ayla und fasste ihr Schwert fester. Noch ein Schuss und diese Kreaturen waren für die Bogenschützen zu nah. Wieder fanden die Pfeile ihre Ziele und diesmal fielen fünf der Schleimwesen unter ohrenbetäubendem Brüllen um. Mehrere ihrer Artgenossen stürzten sich auf sie und begannen, sie vor den Augen der Arenai zu zerreißen und sich ihre Stücke in ein fassgroßes, mit mehreren Reihen spitzer Zähne ausgestattetes Loch unterhalb ihrer Augen zu schieben, das zuvor zwischen Hautfalten und Schleim verborgen gewesen war. Doch es waren noch immer genug übrig, die nun die Steinmauer erreichten und dort auf die ersten Schwertkrieger trafen.
„Auf die Dächer!" befahl Ayla den Bogenschützen, die sofort losrannten, um sich auf die angrenzenden Häuser zu verteilen.
Zusammen mit Boyar und drei anderen erwartete sie eine der Kreaturen, die sich direkt vor ihr an die Kaimauer herangearbeitet hatte. Sie hieb auf die riesigen Hände ein, die sich am Boden festzusaugen schienen. Dabei wich sie einem anderen Arm aus und sprang beiseite, als sie die Hand oberhalb des Gelenks abtrennte und eine Fontäne bläulich-roten Blutes hervor schoss. Das Wesen stieß einen entsetzlichen Schrei aus, der sie in einen Schwall so übelriechenden Atems hüllte, dass ihr Magen revoltierte. Boyar riss sie zurück, als sich das riesige Maul über sie senkte und stieß sein Schwert dem Wesen in den aufgedunsenen Leib. Nur mühsam trennte die Klinge die Schleimschicht und rutschte über eine Haut, die so fest war wie ein Lederpanzer der Arenai. Die Klinge hinterließ eine tiefe Scharte, mehr nicht.
So würden sie nicht weiter kommen, erkannte sie, jetzt drängten auch noch die nach, die zuvor ihre Artgenossen verspeist hatten. Von oben legte sich wieder ein Pfeilhagel über die Kämpfenden, aber es war gefährlich für die Schwertkämpfer und so mussten die Bogenschützen bei jedem Pfeil besondere Sorgfalt walten lassen, wollten sie nicht einen der ihren versehentlich treffen.
Ayla rannte die Kaimauer entlang, um sich einen Überblick zu verschaffen. Sie hatten gut die Hälfte der Angreifer abgeschlachtet, der Rest von ihnen hing jedoch an der Mauer und schickte sich an, durchzubrechen. Ein Segen war nur, dass offenbar keine von ihnen aus dem Meer nachkamen. Als Ayla wieder zu ihrer alten Position zurückkehrte, ergriff direkt vor ihr eines der Wesen einen Schwertkämpfer und riss ihn von den Füßen. Schreiend hieb er um sich, während er immer weiter auf das weit geöffnete Maul zu bewegt wurde. Die Bogenschützen konnten nicht anlegen, ohne ihn selbst zu treffen und Aylas Reichweite war zu gering, um eine wirkliche Gefahr zu sein. In ihrer Verzweiflung ergriff sie eine der langschaftigen Fackeln von der Kaimauer und schleuderte sie wie einen Speer auf den Kopf der Kreatur zu.
Sie traf weder die Augen noch den Schlund, aber das Othun-Pulver aus dem Fackelkopf verteilte sich auf dem Körper des Wesens und der glimmende Docht entzündete es. Die Schleimschicht war empfänglich für die Hitze und binnen eines Augenblicks stand das ganze Geschöpf in Flammen. Ayla zog den Schwertkrieger fort, der aus den krampfenden Klauen gerutscht und auf die Kaimauer geschlagen war. Das Ungeheuer verfiel in blinde Raserei. Ohne sich noch um die Arenai zu kümmern, ließ es sich von der Kaimauer fallen und taumelte blind und kreischend durch den Hafen auf der Suche nach dem rettenden Wasser der Zwischensee. Wo es seine Artgenossen berührte, legte es neuen Brand und bald loderten haushohe lebende Flammen durch den Elbenhafen. Wer von den Arenai dies erblickte, ergriff sofort eine der Fackeln und warf sie auf diejenigen, die dem Feuer bislang entgangen waren.
Das Geschrei dieser Wesen war entsetzlich, während sie immer wilder versuchten, das Hafenbecken zu erreichen. Ölige, schwarze Qualmwolken verhüllten fast ganz die Sicht, in denen die Feuer der brennenden Angreifer umhertaumelten. Der Gestank war ekelerregend und Ayla zog ihr Halstuch vor Mund und Nase, um weiter atmen zu können. Schließlich kündeten platschende Geräusche von denjenigen, die das Wasser erreicht hatten und nun diese gefährliche Küste flohen. Andere, die nicht mehr so weit gekommen waren, brachen noch auf der Pier zusammen und brannten weiter, bis die Flammen keine Nahrung mehr fanden und die Feuer erloschen, verkohlte mannshohe Kadaver unendlichen Gestanks zurücklassend.
Als sich der Rauch endlich verzogen hatte, wanderte Ayla von schmierigem Ruß bedeckt über den Kai und untersuchte vorsichtig die schwelenden Kadaver. Sie konnte sich nicht erinnern, dass einer der Beobachter jemals von einem Traum berichtet hatte, in dem eine derartige Monstrosität vorgekommen war. Boyar, der sich darum gekümmerte hatte, dass genug Männer und Frauen zusammenkamen, um die Kadaver mit Seilen und Stangen zurück in die Zwischensee zu schieben, kam kopfschüttelnd auf sie zu. Vorsichtig umrundete er dabei die Schleimlachen, die noch immer bestialisch stanken.
„Das fängt nicht gut an, Ayla", stellte er fest und reichte ihr einen Weinkrug, um den unangenehmen Geschmack zu vertreiben, den der Rauch in Mund und Kehle verursachte. „Wir haben zwar keinen verloren, aber es gibt ein Dutzend Verletzte. Wenn das nur die Vorhut war und sie bald mit einer größeren Anzahl wiederkommen, werden wir uns etwas Besseres einfallen lassen müssen. Die Küste Arenors ist verdammt lang."
„Sie werden wohl nicht so schnell wiederkommen", erklärte Ayla. „Ich glaube auch nicht, dass sie an anderen unbewohnten Stellen die Insel betreten werden. Sie scheinen Wasser zu brauchen, so schleimig wie sie waren. Wahrscheinlich hat die Ansammlung lebenden Fleisches sie angezogen, die sie hier in Arengard witterten. Außerdem wissen wir jetzt, was ihnen Angst macht. Lass einen Boten nach Gildanna reiten, wir brauchen Othun-Pulver so viel es geht."
Sie wollte noch etwas sagen, aber Boyar hatte den Kopf schief gelegt und lauschte in den Nebel hinaus. Als sie es ihm gleichtat, vernahm sie verwundert das Geräusch einer mächtigen Brandung. Das hatte es so zuvor nicht gegeben, denn Arenor lag mit sanft ansteigender Strandlinie in der Zwischensee und die Wellen liefen nur leise an die Strände und den Hafen.
Sie verwünschte den Nebel, der sie blind an neue Ufer trieb, an denen offenbar schleimbedeckte Ungeheuer hungrig ihr Unwesen trieben. Ein weiterer Laut gesellte sich zu dem der Brandung, hell und durchdringend und von weit über ihren Köpfen kommend. Die beiden Arenai zuckten zusammen, als direkt vor ihnen ein Schatten im Nebel sichtbar wurde. Eine helle Linie, die den Nebel durchbrach und über ihren Köpfen hinwegzog. Es war ein Vogel, schneeweiß, mit weiten schmalen Schwingen, mit denen er über den Hafen segelte und sich dann voller Selbstvertrauen auf dem Steingeländer des Anlegers niederließ. Schwarze, knopfrunde Augen musterten die beiden Arenai einen Moment interessiert, dann begann das Tier, sich mit seinem langen, vorne gebogenen Schnabel das Gefieder zu putzen.
„Ich denke nicht, dass er uns gefährlich wird", meinte Ayla kopfschüttelnd, als Boyar nach seinem Bogen langte. Der Vogel bedachte Boyar mit einem hämischen Schnabelklappern und fuhr dann mit seiner Federpflege fort.
„Wenn er so weitermacht, werde ich ihm gefährlich", knurrte der Hüne ärgerlich. „Er würde einen guten Braten abgeben."
Aylas Blick glitt unwillkürlich zu den schwelenden Kadavern und sie schluckte heftig. Für eine Weile würde sie auf Gebratenes gerne verzichten. Vorerst gab es nichts mehr zu tun hier und so stapfte sie mit entschlossenen Schritten zum Großen Haus, um sich den Lagerbestand an Othun-Pulver berichten zu lassen. Außerdem mussten Boten nach Ithuris und Gildanna geschickt werden, die eine angemessene Version der Ereignisse zu schildern hatten. Es durfte nicht zu harmlos sein, denn die beiden Elbenherren waren keine Dummköpfe und auch nicht zu dramatisch, damit sich keiner veranlasst fühlte, Hilfe zu entsenden.
Ohne die Elben wäre alles sehr viel einfacher, seufzte sie im Stillen, als sie später am Abend wieder sauber, wenn auch noch mit dem Geruch des Feuers in der Nase, aus dem Baderaum kam und müde auf ihr Bett sank.
Tbc
Reviews sind erwünscht *blinzel unschuldig*
@MysticGirl: Autorin starrt einen Moment auf Review und bricht in hysterische Schreie aus.
Tür geht auf, Ayla steckt den Kopf mit Punk-Frisur herein, wedelt mit ihrem Schwert. *Darf ich sie umbringen?*
Autorin winkt ab: *später…*
Ayla runzelt die Stirn: *darf ich Haldir solange umbringen?*
Autorin schüttelt abwesend den Kopf: *jetzt nicht.*
Ayla grinst: *später?*
Autorin seufzt: *wir finden schon jemanden zum Umbringen. Verzieh dich. Geh dein Schwert polieren.*
Ayla: *ich könnte alle beide ein Bisschen verprügeln. Nur so zum Spaß!*
Autorin wirft mit Kaffeetasse, da kein Silberbecher oder Weinkaraffe im Arbeitszimmer herumsteht und betrachtet danach die Wand. Milchkaffeebraun ist auch eine nette Farbe. Es muss sowieso neu gestrichen werden. Mystic, ich hoffe, du kannst mit einer Farbrolle umgehen.
@Shelley: Jaaahaaa, irgendwie wie Istari…Ich finde die Elrond-Methode (alt, weise und trotzdem ganz ansehnlich) allerdings auch kundenfreundlicher. Das Auge isst schließlich mit, ähem. Das mit der kalten Hand und dem heißen Wasser war mal ein unbeabsichtigter Selbstversuch, den ich ganz bestimmt nicht wiederholen werde. Haldirs Tod…ich winde mich unbehaglich. Gefällt mir gar nicht, wenn ich ihm wehtun soll. Gib mir Zeit und Koffein, dann klappt's auch mit dem Waldelb.
@Loriel: Haldir + Ayla? Sollen wir es optimistisch in eine Baumrinde ritzen? Besser nicht, die Waldelben stehen nicht auf solche brutalen Übergriffe auf ihre besten Freunde. Nachher hängen wir beide noch kopfüber an einem Ast zehn Meter über dem Boden und Haldirs Jungs üben Zielschießen auf uns.
Warten wir einfach ab. Loriel, Story in Sicht? Du hast doch bestimmt eine in der Schublade äh im PC.
@Amelie: Danke, aber ich bin nicht sadistisch, ich doch nicht.
