Disclaimer: Tolkiens Werke gehören ihm bzw. seinen Erben, es ist nur geliehen, wird auch wieder zurückgegeben und bringt auch kein Geld – jedenfalls nicht mir.

5. Kapitel

In dieser Nacht träumte Ayla zum erstenmal in ihrem Leben einen wirklichen Traum.

Sie hatte sich über Arenor erhoben, Wind umspielte ihren Körper, der zusammen mit dem weißen Vogel langsame Kreise über die Insel zog. Solange sie diesen Ort schon kannte, so schön wie aus ihrer luftigen Höhe war er ihr noch nie erschienen.

Sie sah Elrond, der zusammen mit Temlar an dem Wasserfall stand, an dem sie Oryns Stein geschnitten hatte. Das edle Haupt des Elben war dem Beobachter neben ihm zugewandt, tief in ein Gespräch versunken. Der ernste Ausdruck ließ die Weisheit seiner ebenmäßigen Gesichtszüge so eindringlich sein, dass Ayla sich fragte, wie sie jemals hatte annehmen können, ihn vor irgendetwas schützen zu müssen.

Ayla zog weiter, zuerst hinauf in die Sternenberge, der Sonne entgegen zu den schneebedeckten Gipfeln. Kurz unterhalb der Schneegrenze glitzerte ein juwelenbesetzter Schild in der Sonne. Neugierig ging sie tiefer und entdeckte neben dem Schild den Eingang zu einer Höhle. Obwohl sie neugierig war, wusste sie, dass es nicht an ihr war, diesen Ort zu betreten. Der, der dort ruhte, sollte durch andere Hand geweckt werden.

Sie ließ die Sternenberge hinter sich, Arenor wurde zu einem vielfarbigen Juwel umgeben von einem weißen Ring aus Nebel. Bald verdüsterte sich die Welt. Dämmerlicht beherrschte die Küste, der sie sich näherte, alle Farben, die Arenor zu einem Kleinod machten, waren verschwunden. Nur Dämmerung lag über dem Land, das der sonnenbeschienen Insel so nahe war und doch unendlich in seinem Elend von ihr entfernt. Sie flog über verkrüppelte Wälder, über denen grauschwarze Vogelschwärme kreisten, erreichte flache Moore und hügelige Länder mit verstreuten Siedlungen. Schließlich erblickte sie eine mächtige Festung an einem Berg. Als sie sich näherte, erklang mit einemmal ein Rauschen und Ayla erhielt einen schmerzhaften Schlag, der ihr fast die Schulter zerschmetterte.

Mit einem Aufschrei erwachte sie und schlug instinktiv noch im Schlaf nach Boyar, der sie an der Schulter gerüttelt hatte. Verwirrt hörte sie auf und starrte ihren Vertrauten nach Atem ringend an.

„Ich habe gerufen", verteidigte er sich und rieb sich das schmerzende Kinn, wo sie ihn getroffen hatte. „Du hast geschlafen wie eine Tote. Vielleicht solltest du abends nicht so viel Wein trinken."

„Idiot!" fauchte sie und stand ächzend auf. Jeder Knochen in ihrem Leib schien zu protestieren. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass es noch sehr früher Morgen sein musste. „Greifen diese Schleimmonster wieder an oder hattest du Sehnsucht nach mir?"

„Es gibt eine neue Veränderung", erklärte er freudlos. „Der Nebel scheint sich zurückzuziehen."

Hastig warf sie sich ihre Kleidung über. Den Silberhelm unter den Arm geklemmt, umgürtet mit ihrem Schwert eilte sie dann an Boyars Seite zum Hafen. Ihre Schritte hallten laut in den verlassenen Straßen, in denen die meisten Bewohner noch in tiefem Schlaf lagen. Am Hafen angekommen blieb Ayla dann wie angewurzelt stehen. Es war nicht der Anblick des zurückweichenden Nebels, der eine graue, unruhige See enthüllte. Auch nicht die seltsame breite Landbrücke, die den Anleger ersetzt hatte und nun auf kurvigem Weg bis in den Nebel reichte.

Was Ayla wirklich für einige lange Atemzüge zur Erstarrung brachte, waren die vollbewaffneten und gerüsteten Elben, von denen mindestens einhundert die Hafenanlage und einen Teil der Landbrücke bewachten. Mit einem langen Fluch kehrte sie aus ihrer Erstarrung zurück, begleitet von einem heftigen Schlag gegen Boyars muskelbepackten Arm.

„Wofür war das denn?" empörte er sich.

Ayla machte eine Geste in Richtung der Elben, an deren Spitze wie nicht anders erwartet Haldir, ein froh lächelnder Andoris und eine sehr unbehaglich dreinschauende Lemna standen. „Ich habe gestern Abend mühsam den einzigen Elben in Arengard wegschaffen lassen und nun kommt er mit einer ganzen Horde wieder zurück. Das ist ganz alleine deine Schuld, weil du diesem Burschen einfach nicht klar machst, dass wir hier versuchen, seine Haut zu retten, auch ohne dass er uns dauernd vor die Füße stolpert. Wo kommt er eigentlich schon wieder her? Er dürfte gerade erst in Ithuris angekommen sein."

Ohne weiter auf ihn zu achten, marschierte sie auf die Wartenden zu, wobei sie halbwegs erfolgreich ihre Wut niederkämpfte. Trotzdem flackerte noch einmal die Drohung größten Ärgers in ihrer Miene auf, als sie Lemna mit einer Kopfbewegung begrüßte, dann wandte sie sich dem Herrn der Waldelben zu, der zugegebener Maßen in seinem braunen Lederharnisch und voller Bewaffnung eine eindrucksvolle  Erscheinung war. Wenn er so gut kämpfte wie er gerade eben aussah, sollte sie sich um ihn wohl keine Sorgen machen.

„Einen sicheren Weg, Haldir. Ich nehme an, Ihr habt eine Erklärung dafür, was Euch und so viele Eurer Krieger nach Arengard führt."

„Begleitet mich ein Stück", forderte er sie überraschender Weise auf und deutete hinaus auf die Landbrücke. „Es spricht sich besser unter vier Augen zu diesem Thema."

Sie hasste seinen Hang zur Dramatik. Wie weit sollten sie denn hinaus laufen, damit niemand sie verstehen konnte? Oder wollte er, dass sie ihm die Worte von den Lippen ablas? Bevor sie eine entsprechende Bemerkung machen konnte, hatte er sich auch schon umgewandt und marschierte energisch voran. Wenn sie sich nicht ihrerseits wie ein Kind verhalten wollte, blieb ihr kaum eine andere Wahl, als ihm zu folgen.

Ayla konnte nicht verhindern, dass sie misstrauisch das Meer zu beiden Seiten der sicher fünfzig Schritt breiten Landbrücke absuchte, ob nicht eines der Schleimungeheuer dort tückisch lauerte. Doch sie konnte beruhigt sein, denn eine undurchdringliche Barriere messerscharfer Felsen umgab nun die Insel und zog sich auch an der Landbrücke entlang. Sie ragten zum Teil übermannshoch aus dem Wasser und erklärten das Brandungsgeräusch, das sich am Vorabend nach dem Angriff erstmalig bemerkbar gemacht hatte. Niemand würde mehr über die See Arenor erreichen können, sie auf diesem Wege zu verlassen war allerdings ebenso unmöglich. Es blieb nur diese Landbrücke, die an ihren steilabfallenden Seiten mit niedrigen Büschen bewachsen und auf ihrer Krone ebenso gepflastert war wie die Hafenanlage.

Ungefähr einhundert Schritte war der Weg bereits sichtbar und soweit ging Haldir dann auch. Mit vor der Brust verschränkten Armen wartete Ayla düster, was er nun so Geheimnisvolles mitzuteilen hatte. Der Elbe ließ sich Zeit, betrachtete den Nebel, zog seine ledernen Unterarmschoner zurecht, die mit mattsilbernen Blattornamenten aus den Werkstätten der Arenai verziert waren und seufzte schließlich kurz.

„Ihr seid ungerecht zu Andoris Leibwächterin gewesen", meinte er dann ruhig. „Und Ihr solltet auch nicht glauben, dass Andoris der Grund für unser Hiersein ist."

Dieses Spiel beherrschte sie auch, deswegen hob sie nur fragend die Augenbrauen.

„Meine Krieger und ich lagerten bereits seit zwei Tagen in den Hügelwäldern", erzählte er beinahe heiter. „Ihr dachtet nicht wirklich, dass wir Arengard sich selbst überlassen, nachdem klar war, dass der Hafen der erste Ort sein würde, an dem sich unsere neue Bestimmung enthüllen wird."

„So, klar war das also", schnaubte sie. „Und wenn schon. In Arengard sind fast eintausend Arenai versammelt, von denen jeder einzelne den Kampf gewöhnt ist. Ihr seid sehr überheblich, Herr Elb, wenn Ihr meint, Ihr müsstet Euch dort oben verstecken, um uns dann zu Hilfe zu eilen."

„Das haben wir schließlich auch nicht getan", widersprach er und die Anzeichen beginnender Verärgerung verschafften ihr eine gewisse Genugtuung. „Darum geht es auch nicht."

„Es geht nur darum. Wir sind hier, um Euch zu schützen und Ihr erleichtert unsere Aufgabe nicht unbedingt, wenn Ihr Euch in vorderster Linie postiert. Da draußen ist irgendetwas, das sicherlich nicht über unsere Ankunft erfreut ist. Diese Ungeheuer waren nur der Vorgeschmack, das wisst Ihr ebenso gut wie ich. Mir scheint eher, Ihr seid mir nach Eurem ersten Tod sehr versessen darauf, aller Welt zu beweisen, dass Ihr auch einen Kampf überleben könnt, sonst würdet Ihr Euch nicht hier aufstellen wie eine Zielscheibe."

Bei ihren Worten waren seine Augen schmal geworden, ohne dass er ein recht bedrohliches Schimmern darin wirklich verbergen konnte.

„Ich hätte nicht Übel Lust, etwas Verstand in Euren steinernen Arenai-Schädel zu prügeln, aber Ihr wisst, wie Elrond dazu steht" stieß er mit zusammengebissenen Zähnen hervor. „Also hört mir jetzt genau zu, denn ich werde keines der Wort mehr wiederholen. Arenor gehört Elben und Arenai gleichermaßen und wir werden nicht zulassen, dass Ihr, die Ihr unsere Bestimmung teilen müsst, alleine auch den Blutzoll weiter dafür zahlt.

Wir werden diese Aufgabe gemeinsam meistern, egal wie viele Leben es beide von uns kosten soll. Ihr habt nicht als einzige Schmerz, Trauer und Verlust kennen gelernt, er ist uns wohlvertraut, genauso wie der Kampf und das Töten. Wir werden uns nicht hinter Euch verstecken, Schildmeisterin, mögen Eure Schultern auch noch so breit und gutgerüstet sein und Eure Arme noch so sehr den Umgang mit dem Schwert gewöhnt."

Ayla wandte sich ab und ließ abwesend ihren Blick über die graue, unfreundliche See wandern. Ihr war klar, dass er hier nicht nur für sich sprach, sondern dass diese Worte gleichermaßen von Elrond stammten. Seit sie dem Elbenlord bei seiner Ankunft gegenüber gestanden hatte, wusste sie, dass das friedliche Zeitalter auf Arenor seinem Ende zuging. Plötzlich erinnerte sie sich an ihre ersten Lebensjahre bei Agir, zu dem sie als kleines Mädchen gekommen war, ohne ein Wissen um die Zeit davor. Eine unwillkommene Erinnerung in diesem Moment.

„Ich war noch sehr klein, als ich hierher kam", erzählte sie widerstrebend und deutete mit der Hand eine Größe an, wonach sie ihm gerade bis zur Hüfte gereicht hätte. „Zwei Jahre nach meiner Ankunft weckte mich Agir eines Abends und nahm mich mit zum Hafen, mich ganz alleine. Erst war alles ganz still und dunkel, aber dann bemerkte ich das Leuchten draußen in der Zwischensee und ich entdeckte die Gestalten, die den Langen Weg hinunter kamen. Mithuviel, die Gefährtin Enuidils, trat damals endgültig den Weg nach Westen an."

Ayla verstummte wieder. Es war ihr nicht gegeben, mit Worten diesen Augenblick zu schildern, als ihr erstmals leibhaftige Schönheit begegnete. Sie erinnerte sich, wie sich die Elbin zu ihr herunterbeugte, sie in ihren hellblauen Augen voller Weisheit und Güte ertrinken ließ. Auf den Grund ihrer Seele reichte dieser Blick, in Zeiten, an die sie selber keine Erinnerung hatte und in die Ferne, die sich ihr noch gar nicht enthüllt hatte. Dann hatte sie einen Mithril-Ring vom Finger gezogen, geformt wie ein zerfließender Stern mit einem blaugrauen, glitzernden Stein in der Mitte. Selbst Agir hatte nicht eingegriffen, als sie den Ring behutsam in die kleine Hand hatte fallen lassen, die Ayla ihr vorsichtig entgegenstreckte.

„Agir verbot mir, den Ring, den mir Mithuviel damals schenkte, offen zu tragen." Sie zuckte die Achseln. „Ich habe keine Ahnung warum, aber so war es nun einmal. Aber eines ist mir damals sehr klar geworden: Ich werde nicht zulassen, dass irgendetwas oder jemand Leid über die Elben Arenors bringt."

Sie nahm die Kette ab, an der sie den Ring unter der schweren Kleidung trug und hielt sie zwischen sich und dem Elb hoch. Trotz des grauen Lichtes, das in der Nähe des Nebels herrschte, glitzerte der Ring wie befreit auf.

„Ihr solltet ihn tragen, Schildmeisterin", forderte Haldir sie auf. „Wenn er an Euch weitergegeben wurde, dann dürft Ihr ihn nicht verbergen. Dieser Ring wurde vor sehr langer Zeit von Elben für einen der unseren gefertigt."

„Für Elben? Sehe ich aus wie eine Elbin?"

Zu ihrer Verwunderung lächelte er. „Wenn Ihr nicht gerade diese seltsamen Dinge mit Euren Haaren macht, seid Ihr so elbisch wie ich auch. Steckt den Ring an Euren Finger und befreit Euch von Agirs wohlgemeinter, aber irregeleiteter Lehre über den Schutz Arenors. Das, was am Ende dieser Landbrücke auf uns wartet, braucht die vereinte Kraft von Elben und Arenai."

Mit deutlichem Unbehagen kam sie seiner Aufforderung nach. Sie hielt es für falsch, aber trotzdem verschaffte es ihr Vergnügen, kaum spürte sie das kühle Metall an ihrem linken Ringfinger. „Ihr Elben seid wirklich besessen von Ringen."

„Glaubt mir, das hat auch seine guten Gründe."

„Ich kenne die Geschichten", winkte sie ab. „Und glaubt ausnahmsweise mir, dieser hier hat wahrlich keine Zauberkräfte. Wahrscheinlich werde ich beim nächsten Kampf irgendwo damit hängen bleiben und getötet werden."

„Eher nicht", befand Haldir. „Nun gut, gehen wir dieses Unternehmen also gemeinsam an."

Wie auf Kommando blickten sie beide Richtung Insel zurück. Andoris schlanke Gestalt zwischen Boyar und Lemna brachte eine Sorgenfalte auf Aylas Stirn zurück. „Mit Einschränkungen, Haldir. Da Ihr offenbar nicht gewillt seid, den Jungen an einen Eurer Mellyrn zu ketten, bestehe ich darauf, dass er Lemnas Schutz unterstellt wird. Er ist sicherlich ein guter Bogenschütze und kann bestimmt auch wunderbar singen, aber er ist einfach zu unerfahren."

Der Waldelb deutete eine Verbeugung an. „Dieser Vorsichtsmaßnahme werde ich mich gerne beugen, Schildmeisterin. Ebenso sehr habe ich es gestern begrüßt, dass Ihr ihn mit einem so wichtigen Auftrag aus Arengard fortschicktet."

„Könnt Ihr niemals den Spott aus Eurer Stimme lassen?"

„Es war mir todernst", versicherte er, aber seine Augen lachten dabei. „Wenn man bedenkt, dass er gerade jetzt erst ankommen würde, wäre Unterstützung aus Ithuris bei einem ungleich stärkeren Angriff ganz sicher noch rechtzeitig gekommen."

„Eure Zunge ist so spitz wie Eure Ohren."

„Schildmeisterin, nicht spitzer als die Euren."

 Ayla kam nicht mehr zu einer Antwort, denn zeitgleich hatten alle Elben die Bogen hochgenommen und einen Pfeil eingelegt. Auch Boyar hielt nun sein Schwert in der Hand. Ayla und Haldir fuhren herum, folgten damit der Blickrichtung der Krieger. Der Nebel hatte sich während ihres Disputs noch weiter zurückgezogen und nun enthüllte er langsam die Umrisse eines mächtigen Bauwerks, das völlig die Landbrücke einnahm. Fassungslos glitt Aylas Blick über die schlanken, aber mächtigen Türme, die sich zu beiden Seiten der Landbrücke aus dem Meer erhoben, die breiten Fundamente wuchsen aus dem Meer und verbanden sich mit dem Land. Zwischen den Türmen schien eine massive, hohe Mauer aus weißem Stein zu stehen, keine Fuge, keinen Spalt konnte sie darin erkennen. Die Landbrücke war verschlossen, man musste ein Vogel sein, um hier einen Weg zu finden.

„Das kann nicht sein", murmelte Ayla verwirrt. „Sie können uns hier nicht einsperren."

„Es ist Elbenwerk", behauptete Haldir. „Die Form, das Material, genau wie der Hafen. Also muss es für uns errichtet worden sein und nicht, um uns den Weg zu erschweren. Betrachten wir es näher."

Sie wünschte sich, ebenso sicher zu sein, behielt ihre Bedenken aber für sich. Auf ein knappes Handzeichen setzte sich Boyar in Bewegung. Auch Andoris folgte ihm, was Lemna mit einem leichten Kopfschütteln bemerkte und sie ebenfalls in Bewegung brachte. Begleitet von den aufrückenden Bogenschützen näherten sie sich mit gebotener Vorsicht diesem neuen Zeichen der baldigen Ankunft an ihrem Ziel.

Bei genauer Betrachtung verrieten die breiten Furchen auf den Innenseiten der Türme, dass es wohl eine Möglichkeit gab, dieses ansonsten fugenlose Steintor nach oben zu bewegen und damit einen Durchlass zu schaffen. Der Mechanismus dafür konnte nur in den Türmen zu finden sein. Haldir wandte sich nach links, begleitet von Andoris und Lemna während Ayla nach rechts schritt, nur begleitet von Boyar. Je näher sie dem Turm kamen, desto mehr enthüllte seine Oberfläche, dass es wirklich Elbenwerk war, wunderschön in seiner Ausführung, die den Stein wie die Rinde eines Baumes aussehen ließ.

An einer Stelle hatten die Bildhauer Wurzeln herausgearbeitet, die sich rechts und links um eine Tür zu winden schienen. Bedauerlicherweise schien es nur so, denn statt einer Tür gab es nur Stein und eine Aufschrift darüber, die zwar lesbar aber nicht unbedingt hilfreich war.

„Der ersten Melodie Iluvatars zum Schutze und zum Glanze", las Boyar und runzelte die Stirn. „Soll das heißen, dass ich jedes Mal einen Elb rufen soll, wenn ich in diesen Turm will?"

Ayla betrachtete abwechselnd die ganze Tür und die Schrift. Warum eigentlich nicht? dachte sie und legte ihre Hand auf den glatten Stein. Es verwunderte sie nicht einmal, als die Tür ohne jedes Geräusch nach innen aufschwang und den Weg in einen weitläufigen, von Lichtschalen erleuchteten Raum freigaben.

„Frag Haldir, es liegt an den Ohren", brummte sie auf Boyars unausgesprochene Frage hin und trat dann vorsichtig ein.

Nach den ersten Schritten blieb sie erst einmal stehen und hielt den Atem an. Nichts geschah, kein göttliches Feuer ging auf sie nieder, kein unsichtbarer Wächter durchbohrte sie mit ebenso unsichtbaren Pfeilen, sie war offenbar willkommen.

Nachdenklich sah sie sich um. Mobiliar gab es keins, nur in die Wände eingelassene Nischen mit darin herausgearbeiteten Bänken. Torwächter brauchten offenbar wenig Bequemlichkeit. Dafür lagerten auf einfachen Regalen Dutzende von Köchern voller frischer, schneeweißer Pfeile, Schwerter in der typischen geschwungenen Form der elbischen Waffenschmiede und arenorische Sicheläxte mit Ebenholzschäften und schwarzer Klinge, die verheerende Wunden schlagen konnte, wenn sie richtig eingesetzt wurden.

Gegenüber dem Eingang fand sich eine weitere Tür, die wohl auf die andere Seite des Torbaus hinausging. Ayla hütete sich, sie jetzt schon zu öffnen, solange sie nicht einen Blick von oben auf die verborgene Seite der Landbrücke hatte werfen können.

Zur Rechten führte eine Wendeltreppe nach unten in den tieferen, unterhalb der Landbrücke liegenden Fuß des Turms und eine weitere hinauf auf seine Spitze und da es hier nichts mehr zu entdecken gab, nahm Ayla den Weg nach oben. Auch die Treppe war von Lichtschalen erhellt, deren warmes Licht den Ankömmlingen jedenfalls nichts Böses verhieß. Die Treppe reichte weit hinauf bis in die Spitze, doch Ayla trat auf halber Höhe in einen Raum hinaus, der zu allen Seiten hin hohe, schmale Fenster aufwies. Eines davon reichte bis zum Boden und war eher ein Ausgang auf einen umlaufenden Sims hinter einer hohen Brüstung und mit einem weiteren Durchlass auf die Torkrone, die in der Mitte einen so breiten Weg auswies, dass zwei Wächter dort bequem nebeneinander von einem Turm zum anderen patrouillieren konnten. Große Schilde hingen sorgfältig aufgereiht an der seezugewandten Torkrone, die Wächter brauchten sie im Falle eines Angriffs nur aufzunehmen.

Im Wachraum selber befand sich in der Mauer in einer Nische ein kurzer Hebel, der nach unten zeigte. Ayla rührte ihn zwar nicht an, aber sie war sicher, dass man damit das Tor würde heben können. Sie wandte sich davon ab und trat auf die Torkrone hinaus, auf der ihr Haldir bereits langsam entgegenkam. Fast genau in der Mitte trafen sie sich.

„Wart Ihr schon oben im Turm?" erkundigte sich der Elb, während er nachdenklich den Weg unter sich in den Nebel hinein beobachtete.

„Nein, Ihr?"

„Soeben. Es gibt große Feuerschalen, die mit einer Art Othun-Öl gefüllt sind und in der Dunkelheit bis nach Ithuris zu sehen sein werden."

„Aber auch in die andere Richtung", ergänzte sie ohne große Begeisterung. „Fragt sich, ob sie Freunde begrüßen oder Feinde verschrecken sollen."

„Der wahre Zweck wird wie immer in der Mitte liegen."

Sie zuckten beide zusammen, als sich das Tor unter ihren Füssen ohne Vorwarnung und begleitet von einem dunklen Scharren nach oben bewegte. Ayla fuhr herum, aber Boyar stand noch immer auf dem Sims und hob zur Beteuerung seiner Unschuld die Hände.

„Bring es nach unten!" hörte sie dann hinter sich Haldir aufgebracht schreien und im nächsten Moment stoppte die Bewegung, um wieder in die andere Richtung einzusetzen. Im anderen Turm erschien Andoris, den Lemna an seinem Umhang gefasst hatte und nun aus dem Wächterraum herausbeförderte. Haldir schien nicht zu wissen, ob er lachen oder weinen sollte, schließlich entschied er sich für ein eher schmerzliches Lächeln. „Ich werde ihn nach Gildanna schicken, dort kann er kein Unheil anrichten."

Ein Ruf ertönte von der Arengard zugewandten Seite des Tores und die Stimme war Ayla sehr vertraut. Sie beugte sich über die Brüstung und winkte der Arenai, die mit in den Seiten gestützten Händen dicht vor dem Tor stand, freudig zu. „Hivia, wir hatten dich noch nicht erwartet."

„Dachtest du, ich lasse mir das hier entgehen?" lachte die Pferdeherrin der Arenai und winkte so heftig zurück, dass die mit langen, bunten Bändern verzierten Zöpfe an ihren Schläfen auf und ab wippten. „Bist du unter die Baumeister gegangen oder hat das dein Elbenfreund ganz nebenbei mit einer Handbewegung hergezaubert?"

„Mit solchen Kleinigkeiten gibt er sich nicht ab", antwortete Ayla grinsend. „Dieses Ding hier war einfach da, wer weiß, was noch alles kommt. Hast du schon von gestern Abend gehört?"

„Ich habe die ekligen Flecken auf der Pier gesehen. Du solltest wirklich besser aufpassen, wenn du Ungeheuer im Hafen abschlachtest, wahrscheinlich wird der Stein nie wieder sauber." Hivia schüttete sich sofort aus vor Lachen. Sie war nicht nur die hübscheste und zierlichste Arenai, die je Arenor betreten hatte, sondern auch die fröhlichste. Vielleicht lag es an dem Umgang mit den Pferden, dass ihr jede Grimmigkeit fehlte. „Komm schon, Ayla, mir wird der Nacken steif, hier unten spricht es sich besser."

Ayla beugte sich noch etwas vor, um den Abstand zum Boden besser einschätzen zu können, wenn sie den direkten Weg nähme, aber eine Hand schloss sich von hinten um ihren Schwertgürtel und zog sie zurück.

„Nein!" befand Haldir und drängte sie Richtung Wächterraum. „Ich bin mir sicher, Ihr würdet den Sprung überleben, aber auch die Beine einer Arenai können brechen und das ist das Letzte, was jetzt gebraucht wird."

Ayla beeilte sich, den Torbau zu verlassen. Nur nebenbei registrierte sie, dass sich Haldirs Bogenschützen anschickten, es dauerhaft zu besetzen. Sie drängte sich an einigen von ihnen im Treppenhaus vorbei und lief dann hinaus. Hivia schloss sie lachend in die Arme, hielt sie dann ein Stück von sich, um sie näher zu betrachten. Was sie sah, schien sie zufrieden zu stellen, denn ihre hellblauen Augen erstrahlten.

„Es geht dir also gut, teure Freundin. Ich hatte Schlimmes befürchtet, als ich von den Träumern hörte. Andererseits kenne ich dich und es braucht schon mehr als einen Elb, um dich aus der Bahn zu werfen. – Ihr seid also der Übeltäter." Hivia wandte sich Haldir zu, der Ayla langsamer gefolgt war und musterte ihn grinsend. „Als es geschah, hatten wir nur einen Träumer, der schreiend erwachte und er hat Euch recht gut beschrieben. Schön und grausam, bis zu den Knöcheln in Blut watend und so weiter. Im Laufe der letzten Tage wurde die Geschichte allerdings immer blumiger, Bengor ist eben noch ein halbes Kind.

Hah, ein Elbe in Rüstung, das war die Reise von Bremdal alleine schon wert. Was Euch jetzt noch fehlt, ist das passende Pferd dazu. Mal überlegen, ich glaube, ich habe genau das richtige mitgebracht. Sie wird Euch gefallen, eine gutausgebildete Stute aus der Linie Helefins. Ein bisschen überheblich ist sie, so gut sind Heleloths Begabung und Aussehen. Ihr werdet fabelhaft miteinander auskommen." Zufrieden tätschelte sie seinen Arm und hakte sich dann bei Ayla unter, um sie mit sich zu ziehen. „Angenehm, dass wir die Elben jetzt berühren können. Komm schon, für dich habe ich auch einen vierbeinigen Freund dabei. Dein Mellivil ist schon zu alt, für was jetzt auf uns zukommt. Es wäre eine Schande, ihn in die Kämpfe zu reiten. Besser wir stellen ihn auf die Weide zu ein paar hübschen Stuten, damit er weitergibt, was ihn immer auszeichnete. Das wird ihn glücklich machen wie ein Nonuk in der Höhle.

Hör auf, dich nach Haldir umzudrehen, der Elb ist alt genug und wird sowieso erst mal diese Torgeschichte organisieren wollen. Du hast heute Abend noch genug Zeit, die ganzen wichtigen Strategie-Sachen mit ihm zu besprechen. Er ist doch Gast im Großen Haus? Natürlich ist er das, selbst mit Agir als Vater hast du ein Minimum an Höflichkeit erlernt. Ich habe sein Lager oben in den Hügeln gesehen und ein paar Männer hingeschickt, damit sie alles einladen und nach Arengard bringen."

Ayla erinnerte sich jetzt wieder daran, dass Hivia – wenn sie aufgeregt war – auch die schwatzhafteste Arenai war, die jemals einen Fuß auf die Insel gesetzt hatte. Für die nächsten Stunden sorgte Hivia für ununterbrochene Betriebsamkeit, währenddessen sie nur von wenigen Augenblicken abgesehen Ayla mit Nachrichten aus Bremdal, von ihrem Weg hierher und von den Bewohnern des Gestütes versorgte. Hivias helle Stimme umhüllte die Schildmeisterin wie ein angenehmer Sommerregen und wusch gleichsam die Anspannung der letzten Tage von ihr herunter.

Erst als am Abend erstmals der Schein der Wachfeuer auf den Tortürmen Arengard ungewohnt erleuchtete, holte die Wirklichkeit die Schildmeisterin wieder ein. Ayla stand am seewärtigen Fenster der Traumkammer, die sie am Nachmittag zu ihrem Schlafraum umfunktioniert hatte, da durch die von Hivia verursachte Anwesenheit der vielen Elben im Großen Haus der Platz ein wenig eng geworden war. Die Träume waren hier nicht einmal mehr Erinnerung, kein Hauch von ihnen war noch zu bemerken. Vor der Wirklichkeit schauderte ihr sehr viel mehr.

Es würde wohl im Laufe der Nacht passieren, dass der Nebel endgültig verschwand und das Land, in dem sie nun zu wirken hatten, den scharfen Augen der Elben und Arenai freigab. Sie waren der neuen Küste sehr nah, alle spürten es. Das Tor war mit der anderen Hälfte von Haldirs Männern besetzt, sie patrouillierten auf der Torkrone und hielten sich in den Türmen auf. Arenai waren keine unter ihnen, sie bewachten den Hafen und die seewärtigen Grenzen Arengards. Nicht nur, dass es ohnehin keinen sehr reizte, eine ganze Nacht in einem Elbenbauwerk zu verbringen, der Gedanke, dies auch noch in Gesellschaft von Elben zu tun, wirkte erst recht abschreckend. In dieser Frage gab es jedenfalls keine Unstimmigkeiten.

Es würde noch genug andere geben, erkannte sie mit einem unmerklichen Seufzer, kaum hatte sie den großen Speisesaal betreten. Die elbischen Gäste bevölkerten die linke Seite der u-förmigen Tafel, die Arenai die rechte. Vor Kopf saßen bereits Hivia, Boyar, Haldir, Andoris und Romin, einer der Beobachter. Der einzige freie Platz war noch zwischen Haldir und Andoris und so fügte sie sich in ihr Schicksal, erneut von Elben eingekreist zu sein.

Dies wird ein wirklich wunderbarer Abend werden, überlegte sie missmutig, während die gesamte Gesellschaft in tiefem Schweigen das Essen einnahm.

Offenbar hatte die Köchin des Großen Hauses ein ungewohnter Anfall von Ehrgeiz gepackt, denn was aufgetischt wurde, unterschied sich stark von dem, was sie sonst ihrer Schildmeisterin präsentierte. Möglicherweise hatte auch einer der Elben kurzerhand die Küche übernommen, zuzutrauen war es ihnen. Ayla schob die eigentlich sehr appetitlich aussehenden Speisen auf ihrem Teller herum, denn die Tischgesellschaft, die eher einer Schlachtaufstellung zweier verfeindeter Stämme glich, hatte ihre Kehle zu eng werden lassen.

Schließlich war es die große Menge Wein, die in den sicherlich nicht vom vielen Reden durstigen Kehlen verschwand, die dafür sorgte, dass sich die Stimmung langsam hob. Hivia war ohnehin nicht von solchen Äußerlichkeiten zu beeindrucken und hatte sich in eine lebhafte Unterhaltung mit Andoris vertieft. Sie schien den jungen Elben recht amüsant zu finden und immer wieder durchbrach ihr Lachen wie ein Lichtstrahl die gedrückte Atmosphäre. Haldir nutzte die Gelegenheit, Romin auszufragen und zu Aylas Verwunderung gab der Beobachter mit nie gekannter Bereitwilligkeit Auskunft.

Selbst Boyar, wenn er nicht gerade Wein in sich hineinschüttete oder riesige Portionen Essen vernichtete, erzählte so laut von seiner Mitra-Jagd mit Andoris, dass sich nach und nach die Aufmerksamkeit von Elben und Arenai gleichermaßen auf ihn richtete. Da Boyar seinen elbischen Jagdbegleiter mit Lob geradezu überschüttete, endete es damit, dass die Arenai dem jungen Mann schließlich doch wohlwollend zunickten.

Nur das nicht auch noch! heulte Ayla innerlich auf, als es kam wie es kommen musste: einer der Elben erhob sich am Ende der Geschichte und stimmte ein heiteres Lied über Jäger und das Jagdglück an. Zwei Strophen so ziemlich am Ende waren offenbar gerade eben hinzugedichtet und handelten von der ungleichen Verbindung Boyars und Andoris und verströmten Witz und Frohsinn.

Ayla verspürte den dringenden Wunsch, ihre Stirn einige Male gegen die handdicke Tischplatte zu schlagen, um diesem Alptraum zu entfliehen.

„Ein Balrog ist gegen Euch eine Frohnatur", raunte ihr Haldir amüsiert zu. „So düster habe ich Euch nicht mehr erlebt, seit ich Euch das Steinmesser wegnahm."

„Glaubt Ihr, mit dieser Bemerkung hellt Ihr meine Stimmung unbedingt auf?"

„Sollte ich das denn?"

„Ihr könntet Euch wenigstens bemühen, immerhin sind wir durch unser Blut verbunden", erwiderte sie ätzend.

Mit einem kaum weniger boshaften Lächeln beugte er sich zu ihr hinüber und Ayla konnte nicht weiter zurückweichen, ohne sich Andoris an den Hals zu werfen. „In der Tat, Schildmeisterin, eine perfekte Verbindung. Schade, dass Ihr Euch nicht erinnert, wie Ihr da in meinen Armen lagt, auf dieser sonnendurchfluteten Lichtung."

„Es hat geschneit."

„Das war davor." Spöttisch hob er seinen Weinpokal in ihre Richtung. „Ich habe Euch schon erstaunlich oft in meinen Armen gehalten. Ihr verliert bereits den Überblick."

„Und jedes einzige Mal davon war ich entweder halb erfroren, fast tot oder sonst wie nicht bei Sinnen."

„Da Ihr gerade dabei seid, Euch in Wein zu ertränken, stehen meine Aussichten für den heutigen Abend auch ganz gut."

Angewidert starrte sie ihn an, bis sie merkte, dass er kaum noch seine Heiterkeit unterdrücken konnte und musste selber lachen. „Es würde sich nicht gut machen, oder? Die Schildmeisterin sinnlos betrunken und ein ermüdeter Waldelb, der sie den Turm raufzerrt."

„Boyar würde mir die Kehle durchschneiden."

„Die Gefahr ist gering, denke ich", murmelte sie, da ihr treuer Gefährte bereits fast das Stadium der Trunkenheit erreicht hatte, in dem er sich gewöhnlich zum Schlafen niedersacken ließ. Fast beneidete sie ihn darum, dass er so einfach das Leben hinnahm.

„Schon wieder Düsterkeit", stellte Haldir fest. „Was ist es nun?"

„In ein paar Stunden geht die Sonne auf und wir werden sehen, an welche Küste es Arenor getrieben hat."

„Die Ausschau alleine wird uns kaum weiterbringen."

Ein kalter Schauer kroch über ihren Rücken. „Ich habe Arenor noch nie verlassen."

Haldir schenkte sich Wein nach, als ob er die Antwort hinauszögern wollte. „Die neue Welt hier kenne ich auch nicht, aber nach dem, was sie uns gestern Abend zur Begrüßung schickte, wird sie mir nicht gefallen. Wir sollten es vorsichtig angehen lassen und zunächst kleinere Beobachtungstrupps aussenden. Sobald wir mehr wissen, können wir uns eine andere Strategie überlegen."

„Gildanna muss informiert werden."

„Elrond weiß Bescheid." Auf das ‚Wie' ging er nicht weiter ein. „Er teilt meine Meinung, überlässt die Entscheidung jedoch Euch."

„Tatsächlich?" wunderte sie sich. „Und Ihr?"

„Ebenso. Ich schätze Euch hoch, Schildmeisterin, auch wenn Ihr es nicht glauben mögt.  Bis auf diese Besessenheit von gefährlichen Steinen handelt Ihr umsichtig und klug. Außerdem versteht Ihr es zu kämpfen, was wohl in der Zukunft sehr vorteilhaft sein wird."

Ayla schüttelte sich leicht. „Es war einfacher, als Elben und Arenai noch getrennte Wege gingen, viel einfacher. Also gut, Haldir von Ithuris, dann verfahren wir so, wie Ihr es vorgeschlagen habt und schicken Kundschafter aus. In den Krieg können wir noch früh genug ziehen."

Zustimmend neigte er den Kopf.

***

Nachdem der Morgennebel sich verzogen hatte, lag die neue Küste vor ihnen. Nichts daran ließ im Betrachter den Wunsch entstehen, sie näher kennen zu lernen. Das Land fiel rau und zerklüftet in eine unruhige, bleigraue See, die sich unter lautem Tosen an die Felsen warf. Jenseits des Wachtores war alle Sonne verschwunden, graues Licht umhüllte den Landstrich, den man von der Spitze der Wachtürme erkennen konnte. Der Anblick war Ayla aus ihrem Traum vertraut, der sich auch in der zurückliegenden Nacht wiederholt hatte. Sie wusste, dass die Kundschafter verwundetes Land finden würden, gefangen in einem ewigen Dämmerlicht, bewohnt von Kreaturen, denen Licht und Farbe göttlich erscheinen mussten. Mithrain, Graue Grenze, hatten sie diesen Küstenstreifen Escalondes genannt, da ihnen ein anderer Name noch nicht bekannt war.

Die sechs Kundschafter, die zu drei Gruppen aufgeteilt waren, würden sich nach Westen, Norden und Süden wenden und drei Tagesritte weit erkunden, wer Mithrain bewohnte. Es gab strikte Anweisung, den Kontakt mit den Bewohnern zu meiden und sich unbemerkt im Land zu bewegen. Die Pferde würden die Kundschafter nur einige Stunden weit tragen, dann hatten sie bei einem ihnen vertrauten Hüter zurückzubleiben, den Hivia persönlich instruierte.

Ayla beobachtete den Aufbruch vom Wachturm aus. Mit undurchdringlicher Miene sah sie zu, wie sich zum ersten Mal das Tor hob und die Reiter in schnellem Galopp hinausritten. Niemanden erschien es ratsam, sich länger als nötig auf der Landbrücke aufzuhalten, wo es keine Deckung vor welchem Feind auch immer gab. Alle Reiter trugen unter ihren grauen Umhängen Harnisch und Waffen, die sie auch einsetzen sollten, wenn sie in Gefahr gerieten. Trotzdem hoffte die Schildmeisterin, dass es nicht dazu käme, denn zunächst war das Verborgene ihr größter Schutz.

Ayla war nicht alleine auf dem Turm, Romin hatte sich zu ihr gesellt. Sein altes, aber immer sehr rosiges Gesicht war mit unverkennbaren Sorgenfalten überzogen. Ab und zu seufzte er vernehmlich, bis sie sich mit hochgezogenen Brauen zu ihm umdrehte und ihm ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte.

„Sie werden schlechte Nachrichten mitbringen", erklärte er sofort. „Escalonde ist von Unglück überschattet."

Das ist offensichtlich, Meister Romin, sonst wären wir nicht hier."

„Krieg zieht herauf."

Sie fragte nicht, woher er das wusste, er war ein Beobachter. „Zwischen wem?"

„Die Kundschafter werden es dir vielleicht berichten, Schildmeisterin."

„Dann warten wir eben ab", schloss sie sofort das Thema, denn im Vergleich zu Temlar liebte es der rundliche Beobachter noch sehr viel mehr, sich in geheimnisvollen Andeutungen geradezu zu suhlen. „Gibt es schon neue Nachrichten von Temlar?"

„Nicht viel." Romin legte den Kopf etwas zur Seite, als würde er in sich hineinlauschen. „Er erwartet noch immer Oryns Rückkehr, doch der Herr der verlorenen Quellen lässt sich Zeit. Temlar wird noch in Gildanna bleiben."

„Was macht Elrond?"

„Gildanna ist erstarkt, die Elben machen sich bereit. Du brauchst dich um das Binnenland nicht zu sorgen."

„Wie beruhigend", spottete sie und wandte sich ab.

 Es wäre nicht sehr hilfreich, auf dem Wachturm zu bleiben. Sechs Tage blieben ihr, bis man die Kundschafter zurückerwartete und diese wusste sie zu nutzen, um ihre Krieger darin zu üben, auch in Gemeinschaft mit anderen zu kämpfen. Beim Angriff auf den Hafen hatten sie sich zwar bewährt, doch wer wusste schon, was noch alles kam. Hivia teilte Pferde zu, behielt aber eine Herde von einhundert Tieren zurück. Diese würden bald nach Lichtfall geschickt werden, um den Bestand der Elben zu ergänzen.

„Ich werde sie selbst zu Elrond bringen", erklärte sie Ayla beim Abendessen am vierten Abend nach dem Aufbruch der Kundschafter. „Aber erst muss ich wissen, was die Kundschafter gefunden haben. Du weißt, dass ich neugierig bin."

„Andoris wird dich begleiten."

Der junge Elb öffnete den Mund, um sofort zu protestieren, doch Haldir brachte ihn mit einer Handbewegung zu schweigen.

„Wie schön", lächelte Hivia und nahm der Anordnung die versteckte Kränkung. „Wir werden uns gut unterhalten, junger Herr. Ich bin sehr neugierig auf Ithuris und Gildanna, alles müsst Ihr mir erklären."

Haldir erhob sich abrupt. Als Ayla seinem Blick folgte, stand auch sie auf. Einer der Hafenwächter war eingetreten und durchmaß schnellen Schrittes den Saal. Vor Ayla neigte er knapp den Kopf. „Die Torwächter melden die Ankunft der Nord-Kundschafter."

‚Vor der Zeit' dachte Ayla immer wieder, während sie im Laufschritt zum Wachtor stürmte. Eine große Menge Elben und Arenai fand sich schließlich ein, als das Tor sich hob und die zwei Reiter ihre Pferde zügelten. Im Schein der großen Wachfeuer war ihre Erschöpfung deutlich und sie waren völlig verdreckt. Trotzdem ließ es sich der Elb nicht nehmen, erst Ayla und dann Haldir höflich einen Gruß zu entbieten. Sein arenorischer Begleiter verzichtete auf lange Vorreden.

„Unüberwindlicher Sumpf", erklärte Drangar, der schon aus vielen Träumen lebend aber nicht ohne tiefe Wunden zurückgekehrt war, die ihn hart gemacht hatten. „Dort gibt es kein Durchkommen, weder für uns noch für ein Tier, das größer als ein Nonuk ist. Es beginnt ohne Vorwarnung. Ich bin bis zu den Schultern in diesem stinkenden Matsch versunken und Gilawan hat mich nur mit Mühe wieder auf festes Land ziehen können. Fast wären wir beide gestorben."

Der Elb neigte nur leicht den Kopf. „Das Land im Norden ist tot, Herrin. Weder Baum noch Getier scheinen eine Seele zu haben, sie sind innerlich erstarrt."

„So ungefähr", brummte Drangar und schüttelte sich. „Es ist dieses verdammte graue Licht, das einem das Leben aussaugt."

Ayla schickte beide fort, um sich den eingetrockneten Schlamm vom Körper zu waschen und etwas zu ruhen. Trotzdem war sie nicht überrascht, als es spät am Abend an ihre Tür klopfte und Drangar eintrat. Stumm deutete sie auf einen Krug noch warmen Gewürzweins und wartete, bis er sich eingeschenkt und einen tiefen Schluck genommen hatte.

„Mithrains Luft ist zwar warm, aber trotzdem fährt einem Kälte in die Knochen", erklärte er kopfschüttelnd. „Ein schlechtes Land, Schildmeisterin, Tod in jedem Sandkorn."

„Was hast du wirklich gesehen, Drangar?"

„Zerstörung", schnaubte er. „Keine Ahnung, ob der Elbe es auch bemerkt hat, wir sprachen nicht darüber, aber Gilawan ist schließlich nicht blind. Wir sind mit den anderen zuerst vier Stunden landeinwärts geritten. Das Gelände war ganz ordentlich, etwas felsig, aber nicht schwierig. In einer Landsenke trennten wir uns dann und gingen zu Fuß weiter. Die Landschaft ähnelt in ihrem Bewuchs den Hügelwäldern, nur wie aus einem Alptraum entsprungen. Dürre knochenweiße Bäume mit kleinen, schlaffen Blättern, viel Strauchwerk voller langer Dornen und dazwischen kurzes Gras, so scharf wie Dolche. Kaum Tiere und wenn, dann kleine Nager, kieselgroße blasse Käfer und einige recht armselige Vögel." Allein die Erinnerung daran verdüsterte seine Miene. „Die erste Nacht lagerten wir an einem kleinen Fluss, dessen Wasser trüb und tot waren. Am nächsten Tag zogen wir dann weiter und fanden die ersten Aschekreise."

„Was fandet ihr?"

„Große runde Flecken in der Landschaft, in denen alles verbrannt war. Es war nicht mehr frisch, aber die Orte sind verflucht, glaub mir. Dort wird nie wieder Leben sein."

„Aber es war dort welches?"

„Als wir den letzten auf unserem Weg verließen, ging der Elb schon voraus. Ich blieb noch und scharrte etwas tiefer in der Asche herum."

„Wieso?"

Drangar entblößte seine Zähne in einem freudlosen Grinsen. „Wenn etwas so genau brennt, hat jemand Feuer gelegt und niemand legt Feuer, um einfach nur einen Aschekreis in die Landschaft zu zeichnen. Knochen, Schildmeisterin, die Überreste von mindestens einem Dutzend lebender Wesen, die auf zwei Beinen gingen und Schädel wie wir hatten."

Er griff in seine Gürteltasche und warf einen handlangen Gegenstand auf den Tisch. Ayla beugte sich vor und betrachtete das noch immer mit Asche überzogene Etwas voller Interesse. Sie hatte zwar eine Ahnung, was es sein könnte, forderte aber Drangar mit einem Nicken zum Weitersprechen auf.

„Ein Schwertgriff, so klein, dass er für eines unserer Kinder gemacht sein könnte. Gut gearbeitet ist er auch nicht, aber es ist eindeutig der Rest einer Waffe. Dort wurde gekämpft und ich verwette mein Pferd, dass es für die anderen Aschekreise ebenso gilt."

„Du solltest keine aussichtslosen Wetten schließen, die Hivias Zorn erregen könnten", murmelte sie, noch immer fasziniert von dem kleinen Schwertgriff. „Und ihr seid niemandem begegnet?"

„Keiner einzigen Seele." Müde wandte er sich wieder der Tür zu. „War vielleicht auch besser so. Mag sein, dass die anderen beiden Trupps mehr Erfolg haben."

Oder sie sind selber schon unter einer Schicht Asche verschwunden, dachte Ayla beunruhigt. Feuer und Asche, tote Bewohner Escalondes, die mit Schwertern für Kinder fochten und ihren Kampf verloren. Dieses Land schickt sich an, meine schlimmsten Erwartungen zu erfüllen.

Zwei Tage später dann trafen die übrigen Kundschafter gemeinsam wieder in Arenor zusammen mit dem Pferdehüter ein, der augenblicklich von Hivia in Beschlag genommen wurde, da sie wissen wollte, wie die Tiere den Aufenthalt in Escalonde vertragen hatten. Auf Ayla jedenfalls machten die Pferde einen ungleich gelasseneren Eindruck als die vier Männer, die sehr müde und auch etwas niedergeschlagen wirkten.

Es war mitten in der Nacht nach ihrer Rückkehr, dass Ayla einen der Tortürme bis zu seiner Krone erstieg, über der in einer breiten flachen Schale das Wachfeuer ruhig brannte. Sie sah hinaus auf die ferne Küste und dachte über das nach, was man ihr berichtet hatte. Auf eine Steinwüste waren die Kundschafter im Süden getroffen und auf Leben.

Sie hatten eine Gruppe Männer, Frauen und Kinder entdeckt, die ihr gesamtes Hab und Gut in winzigen Hütten mit sich herumtrugen, die auf Karren montiert waren und von grobschlächtigen, behörnten Tieren gezogen wurden, die ihnen gleichzeitig als Lasttier, Milchlieferant und wohl auch Fleischquelle dienten. Mithrains Bewohner waren deutlich kleiner als Elben oder Arenai, mit aschblonden, struppigen Haaren und massigen Körpern. Fast wie das bartlose Schattenbild eines Zwerges, hatte der Elb erklärt, der zusammen mit seinem arenorischen Begleiter diesen Nomaden einen ganzen Tag lang im Verborgenen gefolgt war.

Rudagon ‚Steinsammler' hatten sie sie genannt, denn immer wieder hatten sie sich mit kleinen Körben aufgemacht, um faustgroße, knollenartige Steine aufzusammeln und sie nachher in ihren Hütten zu verstauen.

Sie waren den Kundschaftern nah genug gekommen, dass sie ihre Sprache vernommen und verstanden hatten. Eine einfache, schmucklose Art des Sindarin und auf eine Art gesprochen, dass sogar die Arenai dagegen wohl wie Sänger klangen. Aus ihren wenigen Gesprächen hatte sich ergeben, dass die Steinsammler offenbar ihre Schätze zu einer größeren Stadt im Westen bringen würden. Barcanem hieß der Ort, von dem sie nur mit Abscheu sprachen und dessen Bewohner in ihren Gesprächen immer das laute Volk genannt wurden. Es ließen sich kaum Rückschlüsse aus diesem Namen ziehen, da die Rudagon nur sehr wenig sprachen und sie wohl auch Elben und Arenai ähnlich bezeichnen würden.

Auch die letzten Kundschafter hatten nicht wirklich hilfreiche Kunde gebracht, denn auf dem Weg nach Westen erstreckte sich ein Wald, den sie in den wenigen Tagen nicht zur Gänze durchqueren konnten. Trotzdem gab gerade Taurhoss Anlass zur Hoffnung, denn im Gegensatz zum Land in Norden und Süden zweifelten weder Elcaran, der Elb noch sein arenorischer Begleiter Adrim daran, dass er lebendig war. Das Geräusch unterschiedlichster Vögel und anderen Getiers hatte ihn mit einem stetigen Flüstern erfüllt und ihm auch seinen Namen gegeben. Auch die Bäume, die den Mellyrn in Größe und Beschaffenheit sehr ähnlich waren, schienen gesund zu sein.

Die beiden Kundschafter hatten keine feindlichen Geschöpfe ausmachen können, auch wenn sie beide das Gefühl hatten, ständig von fremden, neugierigen Augen beobachtet zu werden. Es gab Pfade durch den Wald und sie hatten Lagerplätze gefunden, die allerdings schon vor einiger Zeit verlassen worden waren. Alle Schattierungen von Grün, Braun und Gold hatten die Kundschafter zu ihrer Erleichterung gefunden, denn Mithrains bleigrauer Schleier drückte sonst jedem, der an Sonnenlicht gewöhnt war, auf die Seele.

„Noch scheint man uns nicht entdeckt zu haben."

Sie hatte ihn zwar nicht gehört, aber bereits gespürt, dass sie nicht länger alleine war. „Wir könnten abwarten, bis dieser Moment kommt."

Haldir lehnte sich neben ihr an die Brüstung und versank eine Weile in die Betrachtung der Dunkelheit. „Das wäre sicherlich die vorsichtigste Strategie."

„Wirklich?"

„Eigentlich nicht", schmunzelte er und wandte sich ihr zu. „Aber mir schien, Ihr wolltet diese Antwort hören."

„Sie klingt zumindest am angenehmsten. Andererseits ist es nie gut, von einem Land wie Escalonde überrascht zu werden."

„Warum nennt Ihr es so?"

„Die Beobachter benutzen diesen Namen schon seit Anbeginn Arenors. Es hieß immer, wenn Arenor die Zwischensee verlässt, erklingt die geheime Melodie und alles, was Melkor an Disharmonie erzeugte, wird wieder in Einklang mit Iluvatars großem Lied gebracht." Ayla seufzte und rieb sich über die Augen. „Solche geschwungenen Worte gefallen wahrscheinlich Euren Elbenohren, nicht wahr? Tatsächlich ist es wohl eher eine typische Beschreibung unserer Beobachter dafür, dass uns hier eine Menge Ärger erwartet. Nichts, in dem Melkor seine Finger hatte, kann gut und friedlich sein."

„Umso mehr ein Grund, freiwillig keinen Fuß an diese Küste mehr zu setzen."

„Haben unsere Seelen die Körper getauscht, ohne dass ich es bemerkte oder treibt Ihr einfach nur wieder eines Eurer Spiele?"

„Ich treibe niemals Spiele mit Euch, Schildmeisterin."

„Gut zu wissen." Entschlossen schlug sie mit den flachen Händen auf die Brüstung. „Wir sind hier, um Escalonde die Harmonie zurückzugeben und wenn das nur mit Hilfe unserer Schwerter gelingt, dann soll es eben so sein. Morgen werde ich Hivia und Euren enttäuschten Andoris auf die Reise nach Gildanna schicken, am Tag danach brechen wir auf."

„Nach Barcanem nehme ich an."

„Bislang haben wir von keinem anderen Ort gehört", bestätigte sie. „Wir werden dort wohl auffallen wie ein Petai mit goldenem Geweih, aber das ist nicht zu ändern. Eine ruhige Nacht wünsche ich Euch, Haldir von Ithuris, viele werden wir wohl vorerst nicht mehr haben."

***

Dafür war diese Nacht wirklich sehr ruhig. Sogar ihr Traum kam nicht und Ayla, die sehr dankbar war, dass ihr der regelmäßige Absturz kurz vor der Bergfestung erspart blieb, erwachte frisch und beinahe gutgelaunt. Um Andoris den Abschied zu versüßen, begleiteten sie, Boyar und Haldir ihn noch ein Stück des Weges. Ayla ritt ihr neues Pferd, das Hivia immer wieder in den höchsten Tönen lobte. Schon als sie es ihr übergeben hatte, war Ayla klar gewesen, dass dieser goldfarbene Hengst ein außergewöhnlicher Vertreter seiner Art war. Glormir übertraf Mellivil nicht nur an Kraft und Größe, sondern auch sein Wesen war augenscheinlich von hoher Klugheit und stiller Würde. Im Gegensatz zu Mellivil, der jeder Stute nachgerannt war und Ayla mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht hatte, interessierte er sich auch nur am Rande für Haldirs Heleloth.

Gelegentlich ließ Glormir seinen Blick zu Hivia schweifen und jedes Mal erschien es Ayla, als würden ihn die Hymnen der Pferdeherrin insgeheim amüsieren, so wie es einem mit einem allzu begeisterten Kind ergeht. Ayla verbiss sich dann ein Lächeln, genauso hielt sie sich zurück, wenn sie Lemna sah, die neben dem noch immer schmollenden Andoris herritt und offenbar mit ihrem andauernden Schicksal als Leibwächterin gerade jetzt schwer haderte. Zum Glück trafen sie nicht weit hinter Arengard auf eine weitere Gruppe Waldelben, deren Anführer Haldir freudig begrüßte.

„Cimriel, mein Stellvertreter", wurde er dann von Haldir den Arenai vorgestellt. „Er wird den Befehl über die Torwächter übernehmen, solange ich in Escalonde bin."

„Ahja", machte Ayla und betrachtete den dunkelhaarigen Elben interessiert. „Und wer übernimmt den Befehl in Ithuris, solange er in Arengard ist?"

„Meine Gemahlin Elawen", erklärte Cimriel mit einer leichten Verbeugung. „Sorgt Euch nicht, Schildmeisterin, kein Teil des Binnenlandes bleibt in diesen Zeiten ohne Führung. Sie ist eine vortreffliche Frau, die mit sanfter aber unnachgiebiger Hand regiert."

„Ich nehme an, Ihr sprecht aus Erfahrung", schmunzelte Ayla und ignorierte Haldirs Hüsteln. „Dann ist ja alles bestens geregelt. Hivia, wir verabschieden uns hier und denk an meine Bitte. Elrond wird sich sicherlich über die Pferde freuen, denn mir scheint, du hast die Besten zu einer Herde zusammengefasst. "

„Alle Pferde Bremdals sind die Besten!" Hivia lachte und warf sich ihre Zöpfe mit einer schwungvollen Bewegung über die Schulter. „Also, Freundin, ich wünsche dir Glück dort draußen, du wirst es brauchen. Kommt schon, Andoris, sonst ist die Herde bereits in Gildanna und verwüstet ohne meine Aufsicht Elronds Gärten. Das wird mein erster Besuch dort und ich will ihn nicht mit einem elbischen Donnerwetter beginnen."

Auf ein unauffälliges Zeichen hin schloss sich Lemna den beiden noch nicht an, sondern ritt an die Seite ihrer Schildmeisterin. „Ich weiß", kam sie Ayla zuvor. „Sorg dich nicht, ich werde ihn keinen Atemzug aus den Augen lassen, auch wenn es mir davor graust, seiner Singerei dauernd lauschen zu müssen. Seine Gedichte sind auch nicht die besten, wenn du mich fragst."

„Du sollst über sein Leben wachen, Lemna, nicht über seinen Geschmack. Richte Temlar meine Grüße aus und sag ihm, dass hoch in den Sternenbergen, nordöstlich von Gildanna ein Juwelenschild ruht. Ich weiß zwar auch nicht, ob uns das weiterhilft, aber Temlar wird schon wissen, was er damit anfangen soll."

Da Lemnas Arenai-Seele für Rätsel nichts übrig hatte, nahm sie die Worte als schlichte Botschaft hin und stob nach einem kurzen Abschiedsgruß an ihre Schildmeisterin davon. Elben und Arenai warteten, bis die Reisenden hinter den ersten Hügeln verschwunden waren und traten dann den Rückweg an.

Sie überließ die Elben sich selbst, da sie annahm, dass Cimriel und Haldir genug zu besprechen hatten und verbrachte den Rest des Tages im Großen Haus, um ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln. Boyar folgte ihr dabei so hartnäckig, wie er es schon lange nicht mehr getan hatte. Eine Weile nahm sie es schweigend hin, aber schließlich ließ sie sich in den Ställen auf einem Heuballen nieder und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, sich zu ihr zu setzen.

„Hältst du es für eine richtige Entscheidung?" platzte er heraus.

„Was?"

„Arenor zu verlassen. Noch hat man uns nicht einmal bemerkt, wir könnten doch einfach abwarten und unsere Kräfte sammeln."

„Um was zu tun?"

„Was immer Iluvatar für uns bestimmt hat."

Ayla ließ einen Strohhalm durch ihre Finger gleiten. Boyar war mit dieser Meinung sicherlich nicht alleine und sie selbst konnte sie verstehen, sehr gut sogar. „Agir würde es wohl so halten, wobei er gar nicht erst in diese Situation gekommen wäre. Da wir aber nun mal leider hier an dieser Küste gelandet sind, haben wir keine andere Wahl. Ich werde nicht darauf warten, dass dort an der Küste ein Belagerungsheer auftaucht und versucht, dieses Juwel zu erobern."

„Da draußen ist nichts Gutes."

„Du könntest hier in Arengard bleiben, Boyar, wahrscheinlich wäre es sogar sehr sinnvoll."

„Ich danke dir", meinte er nach kurzem Überlegen. „Aber dich dort draußen alleine zu wissen, ließe mir keine Minute Ruhe."

„Boyar, es werden zwei Arenai und drei Elben bei mir sein. Alleine kann man das nicht nennen."

„Drangar und Agrim sind gute Krieger."

„Vergiss die Elben nicht. Nach dem, was man mir erzählte, fielen sie alle drei in einer großen Schlacht. Sie sind nicht wie Enuidil." Ayla berührte ihn sanft an der Schulter. „Ich hätte dich gerne bei mir, Freund, aber ich verstehe auch, wenn du mich nicht begleiten willst."

Mit finsterer Miene stand er auf. „Ich will gar nicht erst, dass du Arenor verlässt, aber da dies nicht zu verhindern ist, bin ich an deiner Seite. Deinem Vater versprach ich vor seiner letzten Traumwanderung, mit meinem Leben über dich zu wachen und dies gilt noch immer. Agir wusste durchaus, dass dir ein besonderes Schicksal bevorstand."

„Was redest du da, Boyar?"

„Der Kummer fraß ihn auf, seit er dich das erste Mal erblickte. An dem Tag, als du hier vor Großen Haus erschienst, ritt er hinaus an die Küste und wollte mit Iluvatar selbst um dein Schicksal streiten. Er stand am Strand, schrie und bettelte, es war zum Fürchten."

Allein die Erinnerung ließ ihn noch erblassen. Ayla, die ihren Vater nur wenige Male erzürnt erlebt hatte, konnte ihn verstehen.

„Ach, Ayla, ich fühlte mich wie er. Du warst so klein, so wunderschön. Einfach dagestanden hast du, nicht den Schimmer von Furcht in diesen großen Augen, die wie der Nebel um ein Elbenschiff leuchteten. Iluvatars Atem war so deutlich in dir, dass es uns allen die Sprache verschlug." Er lächelte bei der Erinnerung daran. „Doch selbst Agir war nicht groß genug, am Lauf der Dinge etwas zu ändern. Am Ende gab er nach und er machte es zu meiner Aufgabe, über dich zu wachen, so wie er es zu seiner Aufgabe machte, dir so viel Zeit wie möglich zu verschaffen."

„Ihr habt beide eure Sache gut gemacht", sagte sie langsam. „Und doch ändert sich nichts. Morgen werde ich durch dieses Tor reiten und du wirst feststellen, dass Arenor auch ohne mich bestehen bleibt. Ich bin nicht Arenor, mein Freund, nur eure Schildmeisterin."

Boyar wollte noch etwas sagen, aber schließlich nickte er nur stumm und verließ sie. Sie wartete, bis er verschwunden war, dann stützte sie die Ellbogen auf die Knie und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Angst umhüllte sie wie ein dunkler Mantel. Sie wusste nicht, ob es für die Arenai eine Existenz nach dem Tod gab, doch sollte es so sein und sie versagte hier in diesem Leben, würde Agir sie dort in alle Ewigkeit mit seinem Zorn verfolgen.

Tbc

@Shelley: Am besten fragt man Haldir, wie er dort gelandet ist, der müsste es schließlich wissen – oder auch nicht...Aber der ist noch gar nicht dran mit erzählen (Ist er nicht ein armer Kerl? Alle dürfen aus dem Nähkästchen plaudern, nur Haldir wird dauernd nach hinten geschubst).

Blätter...jaja diese Blätter. Der Frühling war schon wieder da und dann sprießen diese verdammten Dinger, die jetzt tonnenweise wieder runterfallen, irgendwie alle in unserem Garten landen und weggefegt werden wollen. Freiwillige vor – warum schaut jeder auf die bedauernswerte Autorin, he?

Und die Bogenschützen: Haldirs Jungs können bestimmt gut schießen, fast so perfekt wie der Chef selbst, aber im allgemeinen Getümmel wollen wir doch nicht aus Versehen den Falschen erwischen. Das ist fast so peinlich wie der Silberbecher auf dem Schädel. Vielleicht sind die Arenai auch vorsichtiger, wie die Igel.

Was die anderen Elben-Völker angeht interessiert die Arenai ganz Mittelerde wohl recht wenig. Es ist halt der Ort, von dem ohnehin nur diese ganzen Elben herkommen, die wie die Touristen die Insel überschwemmen, auf die man auch noch aufpassen muss und die jetzt so richtig Ärger machen. Wenn da nicht die Devisen wären...Das Leben könnte so schön sein, gäbe es die Elben nicht.

@Mystic Girl: Nee, jetzt fehlen mir die Worte, alle weg. Moment, ein paar habe ich wieder eingefangen, schwirrten hektisch an der Decke herum. Also, tiefLufthol...nein, waren die falschen Worte. Grübel, na geht doch.

Haldir, bring sie um. Ayla hilft dir. Nein, sag jetzt nichts, Elrond. Wir verwursten sie auch danach und dann gibt's Mystic-Burger im Angebot nur für kurze Zeit.

Im Ernst, war doch ein netter Angriff, nicht wahr? Und so erfolgversprechend...Dreißig gegen ein paar Hundert, mit Vorankündigung und Beleuchtung. Kein Wunder, dass Madame Es-wird-kein-Elb-angerührt-es-sei-denn-ich-sag-es-oder-mach-es-sowieso-gleich-selbst stinksauer war.

Meine Erkältung bringt mich um und weit und breit kein Heiler in Sicht.