Disclaimer: Keine Änderung, fast alles Tolkien und kein Geld für mich.
6.Kapitel
Im Morgengrauen hob sich das Tor und erneut verließen sieben Reiter den sicheren Hort der Insel. Sie nahmen den gleichen Weg wie acht Tage zuvor die Kundschafter, nur trennten sie sich diesmal nicht in der Talsenke, sondern ritten gemeinsam weiter, bis sie Taurhoss erreichten. Es war eine schweigsame Gesellschaft, die in drei Reihen hintereinander ihre Pferde durch die karge Landschaft lenkte, zielgerichtet auf die mächtige dunkle Linie des Waldes zu.
Für harmlose Reisende, wenn es auf Escalonde so etwas überhaupt gab, würde niemand, der geistig gesund und sehenden Auges war, sie halten können, dafür war ihre Bewaffnung zu schwer und ihre Kleidung zu stark gepanzert. Am wenigsten konnten die Elben ihre Fremdheit verbergen, auch wenn sie schmuckloses Braun und Grau trugen. Es war die ihnen innewohnende Schönheit an Geist und auch Gestalt, die die Trübheit Escalondes wenigstens in ihrer Nähe mit einem unverkennbaren Schimmern durchdrang. Es wirkte umso mehr, als die Arenai in ihrem Schwarz und Silber sie einrahmten.
Bis zum Mittag waren sie bis auf wenigen Vögel noch niemandem begegnet. Dies würde sich bald ändern, denn Taurhoss umschloss nun alle Himmelsrichtungen bis auf den Osten, aus dem sie kamen. Der Wald hatte keine Ausläufer oder lichte Ränder, er begann sofort mit der dichten Allgegenwart eines Mellyrnwaldes. Sie betraten ihn auf einem Pfad, der scheinbar schon seit Urzeiten zwischen den Baumriesen verlief und schnurgerade nach Westen zeigte.
„So bleibt es nicht", erklärte Adrim. „Einige Stunden Fußmarsch und er verzweigt sich wie ein Stern in alle Richtungen außer direkt weiter nach Westen. Die, die ihn anlegten, scheint es nie wirklich dorthin gezogen zu haben."
Unter seiner und Elcarans Führung nahmen sie an der Wegzweigung denjenigen Pfad, der in seinem weiteren Verlauf wohl ihrem Ziel am nächsten kommen müsste. Da ihre Pferde auch ohne ihre ständige Aufmerksamkeit diesem Weg folgen würden, hatten die Reisenden Zeit, ihre Umgebung sehr genau in Augenschein zu nehmen. Taurhoss war eine geschlossene Welt, die sich so sehr von Mithrain unterschied, dass es nur verwundern konnte. Einige der Pflanzen und Tiere, die am Rand des Weges und zwischen den mächtigen Stämmen zu entdecken waren, gab es genauso auch auf Arenor und offenbar auch auf Mittelerde, wie die Elben bestätigten.
Andere hingegen waren so fremd, dass die Reiter einige Male anhielten, um sie näher zu betrachten. Besonders die farbenfrohen Blumenteppiche im tieferen Wald, die im Dämmerlicht immer wieder aufleuchteten, hatten es den Elben angetan. Boyar hingegen sah diesen Wald mit dem Auge eines leidenschaftlichen Jägers. Er war fast versöhnt mit diesem Unternehmen, als in einer Lichtung vor ihnen eine Gruppe petai-ähnlicher Geschöpfe erschien, angeführt von einem wirklich riesigen Hirsch, dessen Geweihschaufeln so groß wie Waschschalen waren und ganz von silbrigem Flaum überzogen, der an den Rändern in langen Fäden herunterhing. Als sich die Reiter näherten, stob die ganze Herde davon, zuletzt gefolgt von ihrem Anführer.
„Denk gar nicht erst daran", warnte Ayla ihren Begleiter, bevor Boyar auch nur den Mund aufmachen konnte. „Du wirst nicht ein einziges Tier anrühren, bevor wir nicht wissen, ob die Herren dieses Waldes das auch gutheißen."
Ein zustimmendes Flüstern schien durch die Wipfel zu wandern, das Ayla höchst beunruhigend fand. Natürlich gab es hier irgendwo Bewohner, die die Geschicke Taurhoss lenkten. Dieser Wald war eine in sich geschlossene Welt, die deutlich eine schützende Hand erkennen ließ. Es gefiel ihr nur nicht, dass man offenbar sie genau hören konnte, sie selber aber nicht einmal eine Ahnung hatte, mit wem sie es dort zu tun hatte.
Sie warf Haldir einen fragenden Blick zu, doch der Elb schüttelte nur bedauernd den Kopf. Auch er konnte niemanden entdecken, obwohl er noch mehr als die Arenai seine Aufmerksamkeit auch auf die Baumkronen gerichtet hatte. Doch in dem dichten Geflecht von Ästen und großblättrigem Laub hätte sich wahrscheinlich ein ganzes Heer verstecken können, wenn es nur ruhig genug war.
Unbehelligt, aber nicht unbeobachtet zogen sie bis zum Abend weiter und schlugen dann zwischen den Wurzeln eines Mallorn, ganz in der Nähe eines kleinen Baches ihr Lager auf. Aus toten Ästen und Zweigen wurde ein Feuer entzündet, das weniger der Wärme als des vertrauten Gefühls der Sicherheit wegen brannte. Lembas, das Elawen durch Cimriel hatte überbringen lassen, machte die Runde und sorgte für die nötige Sättigung aller. Mit Kräutern versetztes Wasser, das sich auch bei größten Temperaturen in den Sattelschläuchen sehr lange Zeit frisch halten würde, löschte ihren Durst.
„Wir sollten Wachen aufstellen", überlegte Ayla, als sich tiefe Dunkelheit über den Rest des Waldes gelegt hatte.
„Ruht Euch aus." Haldir zeigte auf sich und seine Begleiter. „Wir werden über Euren Schlaf wachen."
Auf diese Antwort hatte sie vertraut und gähnte ausgiebig. „Wenn Ihr darauf besteht."
„Mit aller Entschiedenheit, Schildmeisterin. Ihr müsstet uns schon niederschlagen, um uns daran zu hindern."
„Was sicherlich geschieht, wenn Ihr irgendwelche Lieder singt."
„Vielleicht fördert es sogar Euren Schlaf."
„Das Jägerlied war gar nicht so übel", brummte Boyar unter seiner Decke. „Die Strophen über die Mitra-Jagd haben mir gut gefallen."
Ayla gab einen erstickten Laut von sich und zog sich hinter eine hohe Wurzel zurück. Sollten die Elben wirklich singen, würde sie sich Blätter in die Ohren stopfen. Zum Glück machte Haldir seine Drohung nicht wahr und die einzigen Geräusche waren die des Waldes, die aus einer vielstimmigen Harmonie unterschiedlichster Tiere und Blätterrascheln bestand. Selbst den Bach konnte man bald heraushören, der mit einem friedlichen Plätschern durch sein Bett floss. Sie sank schnell in einen ruhigen Schlaf und einen seltsamen Traum, der sie in die Kronen der Bäume hob, tiefer in das Herz des Waldes hinein, wo sie noch dichter standen. Samtweiche Blätter strichen über ihr Gesicht und ein sanfte Stimme raunte ihr beruhigende Laute zu.
Der Traum gefiel ihr sehr viel besser als der vom Flug über Escalonde, denn das schmerzhafte Erwachen blieb ihr diesmal erspart. Sie war erholt und zufrieden, als sie einige Stunden später die Augen aufschlug und in die wenigen Lichtstrahlen blinzelte, die durch die Baumkrone fielen. Eine Baumkrone, die ungewöhnlich nah über ihr war, eigentlich sogar um sie herum...
Mit einem Satz war sie auf den Beinen und klammerte sich im nächsten Moment an einen dicken Ast neben ihr, da sie sich hoch über dem Erdboden befand, auf einer schmalen Plattform aus zusammengebundenen Stämmen, die zwischen mehrere Astgabeln gebaut war. Hastig erforschte sie ihre nähere Umgebung, ob ein Feind zwischen den Ästen lauerte und als sie nichts entdeckte trat sie vorsichtig an den Rand der Plattform, um einen Weg nach unten zu suchen.
Außer ihrem Dolch hatte sie nichts Hilfreiches bei sich, das Schwert lag sicher noch sorgsam verstaut neben ihrer Decke und wo die sich befand, wusste sie nicht. Noch nicht, schwor sie sich, und machte sich daran, nach einem Abstieg zu suchen. Vorsichtig verließ sie die Plattform und balancierte über den breiten Ast in Richtung des Baumstammes. Bis zum Stamm würde sie noch recht einfach gelangen, wie es dann weiterging blieb noch zu entscheiden.
„Diesen Weg würde ich nicht nehmen", erklang eine helle, flüsternde Stimme über ihr.
Aylas Kopf fuhr hoch, sie verlor das Gleichgewicht und ruderte mit den Armen in der Luft. Gerade als sie dachte, dass sie nun den direkten, endgültigen Weg zum Boden nahm, schloss sich eine große Hand mit unglaublich langen, dünnen Fingern um ihr Arm und setzte sie mit spielerischer Leichtigkeit auf die Plattform zurück. Ayla blieb, wo sie war und starrte auf das Blattgewirr über sich, in der die Hand wieder verschwunden war. Es kostete sie Mühe, ihr rasch schlagendes Herz zu beruhigen und ihren lauten Atem wieder zu zügeln.
So verging einige Zeit, bis ein Zittern durch die Blätter ging und sich sehr langsam zunächst zwei lange, wirklich dünne Beine mit unglaublich großen Füssen durch die Blätter schoben, gefolgt von einem ebenso mageren Körper, zwei Armen und schließlich folgte ein Kopf, in dem große, rotgoldene Augen sie neugierig musterten. Ayla wusste selber, dass sie einen wirklich dummen Gesichtsausdruck machte, aber dieses Geschöpf war so seltsam, dass sie es nur anstarren konnte. Er, denn ein Er musste es sein, hatte sich mittlerweile zu seiner vollen, spindeldürren Größe aufgerichtet und musterte sie ebenfalls mit schiefgelegtem Kopf von oben herab.
Braune Lederkleidung umschlotterte seinen Körper und auf seinem länglichen Kopf thronte über kinnlangen, glatten Haaren in glänzendem Kupferrot eine ebenfalls braune, wie ein Kegel geformte Lederkappe, an der eine lange schwarze Feder fröhlich wippte. Die Beine und Arme waren eigentlich viel zu lang, fast wie die einer Spinne, genauso war es mit seinen Händen und seinen Füssen, an denen die Lederstiefel in vielen Falten herunterhingen. Der seltsame Kerl hatte eine faltige Haut von der Farbe hellen Kupfers, die für eine viel massigere Person gedacht zu sein schien und sein langgezogenes Gesicht glich einer Wachsmaske, die zu nah ans Feuer geraten und geschmolzen war. Gleiches war wohl seinen Ohren passiert, deren Spitzen traurig aus den Kupferhaaren hinausstanden und nach unten zeigten.
„Ich bin Cric von den Ihainym. Die Völker in den Ebenen nennen uns auch Ungoloth, doch der Name gefällt uns nicht sehr." Sein langer Körper klappte zu einer grotesken Verbeugung vor, während seine Arme nach hinten wedelten. Ebenso schwungvoll richtete er sich wieder auf und verzog die schmalen Lippen zu einem wirklich breiten Grinsen, das bedenklich spitze Zähne enthüllte. „Fürchtest du dich vor mir, Ayla von der Lichtinsel?"
Langsam schüttelte sie den Kopf. Nein, Furcht war es nicht, was er in ihr bewirkte. Sie war wohl vorsichtig, denn es bedurfte einiger Gaben, um eine Arenai so einfach von ihrem Nachtlager in eine Baumkrone zu entführen, ohne dass sie selbst oder auch die Elben in ihrer Begleitung es bemerkten. Außerdem wusste er, woher sie kam, so wie er sie angeredet hatte. „Du hast mich entführt."
Sein Nicken war so ruckhaft wie das eines Vogels. „Ich war neugierig. Einer der Vögel berichtete von dir und deinesgleichen auf eurer Insel. Sie erzählten, dass ihr gegen die Meerschnecken gekämpft und gewonnen habt. Ah, ein schönes Volk seid ihr."
Ganz langsam streckte er die Hand aus und strich mit einem seiner Spinnenfinger zuerst über das weiche Leder ihres Mantels, dann über ihre Wange und schließlich folgte er dem Schwung einer ihrer Locken. Es war keine unangenehme Berührung und seiner Haut haftete der Geruch von Zimtblüten an.
„Der Wald mag euch, denn ihr achtet ihn. Auch die, die vor einigen Tagen kamen, waren sorgsam mit dem Leben hier. Auch der Name, den ihr ihm gabt, gefällt ihm, Taurhoss..."
„Dein Volk lebt hier?" Wo sonst, beantwortete sie ihre Frage gleich selbst. Er war so offensichtlich ein Teil seiner Umgebung, das jede andere Antwort eine Lüge sein müsste.
Prompt nickte er. „Wir kamen mit dem Wald. Das ist so lange her, dass fast keiner mehr weiß, wo wir vorher waren. Der Wald hat wohl noch eine Erinnerung daran, doch er verrät nichts. Es war, glaube ich, kein schöner Ort. Soll ich dir mehr von Taurhoss zeigen?"
„Meine Begleiter..."
Cric kicherte leise. „Sie suchen dich ganz aufgeregt, dabei bist du gar nicht fern von ihnen. Die mit den langen, hellen Haaren und den singenden Stimmen-„
„Elben", half sie aus.
„Auch ein schöner Name", nickte er. „Die Elben sind schlau, sie wollen dich in den Baumkronen suchen."
„Es sind Waldelben, sie können sich dort sehr gut bewegen."
„Wir könnten hier auf sie warten", schlug er mit einem Augenzwinkern vor. „Oder ich bringe dich zu unserem Hort und hole dann deine Freunde."
„Cric, sie machen sich Sorgen. Sie denken, dass ich in Gefahr bin."
„Aber das bist du nicht. Wenn du natürlich einer von diesen Firimar wärst, würde ich dich hinunterstürzen." Ein dunkler Schatten glitt über sein Gesicht. „Sie kommen aus der Ebene und haben nur Zerstörung im Sinn. Manchmal sind es sehr viele und sie fällen Bäume am Rand des Waldes, manchmal wagen sie sich auch tiefer hinein, um Lorilin-Hirsche zu jagen. Wir vertreiben sie, einige töteten wir auch. Hm, eigentlich töten wir alle. Sie sterben recht schnell, so zerbrechlich wie sie sind."
Ayla unterdrückte ein leichtes Frösteln, doch dann wurde ihr klar, was er da gerade gesagt hatte. „Hier gibt es Menschen, sterbliche Wesen?"
Zuvorkommend nickte er. „In den Ebenen, sie bewohnen stinkende, leblose Städte, die so verunreinigt sind, dass Krankheiten sie heimsuchen und sie noch früher sterben, als ihnen ohnehin vorbestimmt ist. Ihr Leben ist die Flucht vor dem Tod, als ob er für sie so etwas Schreckliches sein könnte. Auch leben sie in ständiger Angst vor den Drakan der Bergherren aus dem Westen, die ihre Sklaven unter ihnen fangen. Du solltest wirklich hier bleiben oder wenigstens auf deine wunderschöne Insel zurückkehren."
„Zunächst wäre ich schon glücklich, wenn ich zu meinen Begleitern zurück könnte", erinnerte sie ihn vorsichtig, da ihn das Thema Firimar doch sehr erregte. „Vielleicht suchen wir dann alle zusammen deinen Hort auf und du erzählst uns mehr von den Firimar und den Bergherren."
Er überlegte, wobei er angelegentlich seine große Nase knetete, die das Gesicht wie ein Segel teilte. Schließlich erhellte sich seine Miene wieder und er streckte ihr die Hand auffordernd entgegen. „Der Gedanke gefällt mir, Ayla. Halte dich an mir fest, denn diesen Baum hier wirst du alleine nicht verlassen können."
Kurz darauf wünschte sie, sie hätte es trotzdem versucht. In einer unmöglichen Drehung hatte er den Arm um sie geschlungen und sie gegen seinen Rücken gedrückt, bevor er sich wie eine Spinne auf den Weg durch das Geäst machte. Er hielt sich nicht nur an den Ästen fest, sondern schien regelrecht an der Rinde festzukleben. Es ging in rasender Schnelle durch die dichten Kronen und nach einem ersten Versuch vermied es Ayla angestrengt, nach unten zu sehen, wo sehr weit entfernt der Waldboden dahinglitt.
Eher als sie dachte, stieg er aus der Höhe herab und setzte sie ganz vorsichtig inmitten von sattgrünen Moospolstern wieder ab.
„Deine Freunde sind da vorne am Bachbett", raunte er und lächelte sanft. „Du wirst sie gleich hören können. Folgt dem Bach zu seiner Quelle, dort treffen wir erneut zusammen und ich führe euch zu unserem Hort. Trinkst du gerne Waldbeerenwein?"
Kaum hatte sie verblüfft genickt, war er auch schon wieder den Mallorn hinauf geglitten und in der Baumkrone verschwunden. Noch etwas benommen von dieser Begegnung folgte sie der Richtung, in die er gezeigt hatte und schon bald entdeckte sie ihre Begleiter, die offenbar in eine heftige Diskussion verstrickt waren.
„Ich werde jeden Stein umdrehen, bis wir sie gefunden haben!" brüllte Boyar gerade Haldir an, der seine Attacken mit großer Gelassenheit über sich ergehen ließ. „Und wenn Ihr Euch tausendmal sicher seid, dass ihr nichts geschehen ist, warte ich nicht. Eine große Hilfe ward Ihr bislang nicht, sie wurde unter Euren Augen weggeschleppt."
„Dessen bin ich mir bewusst", nickte der Elbe. „Doch werden wir sie in diesem Wald nicht finden, wenn ihre Entführer es nicht wollen."
Boyar wollte ihn erneut anschreien, doch Drangar, der in Aylas Richtung gesehen hatte, rüttelte ihn an der Schulter. „Sie ist wieder da."
Sechs Augenpaare starrten mehr oder minder verblüfft zu ihr, wie sie die letzten Meter über die dichten Moospolster stapfte.
„Wo in Iluvatars Namen warst du?" knurrte Boyar, nachdem er sich etwas gefangen hatte. „Wir erwachten heute morgen und du warst einfach fort. Die Elben haben nicht einmal gemerkt, dass du entführt wurdest. Du wurdest doch entführt, nicht wahr? Ich meine, du bist nicht einfach für einige Stunden hier spazieren gegangen."
„Oh bitte!" stöhnte sie. „Für wen hältst du mich eigentlich? Natürlich bin ich nicht einfach hier rumgewandert und habe Blumen gepflückt. Trage ich etwa seit neuestem lange Haare und singe Lieder?"
Haldirs Stirnrunzeln ignorierend berichtete sie von ihrer Begegnung mit Cric und nach einer recht kurzen Debatte holten sie ihre Pferde und machten sich auf, seiner Einladung zu folgen. Nach Crics Worten hatte Ayla eigentlich damit gerechnet, schon recht bald auf die Quelle des Baches zu treffen, doch sie waren fast zwei Tage bachaufwärts unterwegs, bis sie ihr Ziel endlich erreichten. Der Wald war immer dichter geworden und längst gab es keine der angelegten Pfade mehr, auch wenn der Boden selbst für die Pferde noch gut gangbar war.
In der Nacht nach ihrer Entführung schlief sie nicht mehr abseits von den anderen. Sie lagen alle dicht in der Nähe des Feuers und am nächsten Morgen erwachte sie mit der verschwommenen Erinnerung daran, dass während der Nacht ein Elb neben ihr gesessen hatte, eine Hand federleicht auf ihre Schulter gelegt. Sie grübelte einige Male im Laufe des Tages darüber nach und war fast erleichtert, als irgendwann Elcaran sein Pferd neben sie lenkte und auf ihren misstrauischen Blick hin leicht den Kopf neigte.
„Ich wollte Euren Schlaf nicht stören", erklärte er leise. „Doch so erschien es uns sicherer, falls Cric erneut das Verlangen nach Eurer Gesellschaft verspüren würde."
„Und? Habt Ihr ihn bemerkt?"
„Er oder andere seines Volkes waren dort, doch Haldir und Gilawan wachten von den Baumkronen aus und keiner der Ihainym wagten sich zu nah heran. Sie waren wohl nur neugierig."
Es war ein weiterer Tag ohne Zwischenfälle, der damit endete, dass sie die Quelle des kleinen Baches fanden, was eigentlich ein Glück war, denn in seinem Ursprung war der Bach nicht mehr als ein handbreites Rinnsal, das zwischen moosbewachsenen Findlingen aus einem Loch aus dem Boden strömte, sich zwischen den Felsen in einem kleinen Becken sammelte und dann seinen Weg durch den Wald begann.
„Sie lebt", behauptete Haldir, nachdem er sich daneben auf ein Knie niedergelassen und den kleinen Wasserstrom mit den Fingerspitzen berührt hatte. Er hatte die Augen geschlossen und schon bald verdunkelte sich seine Miene. Schließlich stand er wieder auf und wandte sich ab.
„Was war das jetzt?" erkundigte sich Boyar bei Ayla. „Erst unterhält er sich stundenlang mit einem Bachlauf und dann verrät er uns nicht einmal, was er erfahren hat."
„Du könntest selbst einen Finger ins Wasser stecken", schlug sie grinsend vor. „Vielleicht werdet ihr gute Freunde, du und die Quelle meine ich."
„Ich verstehe mich besser mit Steinen", antwortete ihr treuer Freund ebenfalls mit einem breiten Grinsen, wobei er einen der Findlinge tätschelte. „Die sind nicht so geschwätzig."
„Du solltest es dann auch mit Bäumen versuchen", raunte eine Stimme über ihnen und Cric löste sich aus dem Blätterdach eines Baumes, um bedächtig den Stamm hinunter zu gleiten. Auf dem Boden angekommen, vollführte er wieder seine schwungvolle Verbeugung, die jedoch nur von den Elben in der ihnen eigenen Eleganz und mit großer Ernsthaftigkeit erwidert wurde. Die Arenai, ausgenommen Ayla, zeigten sich in ihrem natürlichen Misstrauen völlig unbeeindruckt von seiner seltsamen Art.
„Ist er das?" vergewisserte sich Boyar bei Ayla, um sich dann vor dem Ihainym aufzubauen, der ihn zwar überragte, aber durch seine Magerkeit ungleich schwächlicher wirkte. „Wir sollten eines klarstellen, mein Freund, bevor es hier weitergeht. Dies ist zwar euer Wald und wir respektieren das mit ganzem Herzen, aber du solltest auch respektieren, dass das da unsere Schildmeisterin ist. Man kann sie nicht einfach entführen, weil man neugierig auf sie ist."
„Schon gut", wehrte Cric ab, da Ayla ihren Beschützer zur Ordnung rufen wollte. Der Ihainym betrachtete Boyar eingehend und nickte schließlich. „Treue ist ein hohes Gut und sehr selten hier. Willkommen in Taurhoss, ihr alle, die Ihainym sind geehrt von eurer Gegenwart und bieten euch Gastfreundschaft an."
Als Ayla ihre Begleiter vorstellen wollte, kam ihr Cric zuvor, indem er mit seinen Spinnenfingern auf jeden einzelnen zeigte und den Namen nannte. Mit einem entschuldigenden Augenaufschlag wandte er sich dann wieder Ayla zu. „Wir haben euch belauscht, die ganze Zeit. Ah, eure Stimmen sind so schön, besonders die ihren."
Die so gelobten Elben neigten dankend den Kopf. Haldir trat neben Ayla und zeigte auf die Quelle. „Es gibt viel Leid in Escalonde. Hier mag Leben sein, doch draußen im Land sind die Flüsse vergiftet und tot. Weißt du etwas darüber, Cric?"
„Nicht viel." Cric bewegte unbehaglich den Kopf hin und her. „Escalonde ist altes Land, zusammengesetzt aus Zerstörung und Verderben. Ihr müsst mit dem Lei-Tox sprechen. Seine Sinne wandern hinaus aus dem Wald und wissen, was dort geschieht. Ich bin nur Cric, der Wächter."
Er würde ihnen nicht mehr verraten, ob er es nun nicht wollte oder einfach nicht konnte, war belanglos. Cric zeigte an der Quelle vorbei und führte sie dann noch weiter hinein in den Wald. Schon jetzt wären sie einem Angriff aus den Bäumen gar nicht mehr gewachsen, doch niemand fühlte sich bedroht. Tiefer ging ihr Weg in eine grün-goldene Welt, bis sie den Rand einer großen, von mächtigen Bäumen umringten Lichtung erreichten, die jedoch nur an den Rändern einen Ausblick auf den Himmel gewährte, da sich über ihr ein ungewöhnlich dichtes Flechtwerk von dicken Ästen erstreckte.
„Der Hort", verkündete Cric und deutete mit einer großartigen Geste nach oben. Alle betrachteten die Lichtung, waren aber zu höflich, um nachzufragen, was davon nun der Hort war.
Schließlich konnte sich Boyar nicht länger beherrschen. „Treibst du hier deine Spiele mit uns, Feuerkopf? Wir haben nicht die Zeit, tagelang einher zu stapfen, um deine Bäume zu bewundern."
Wie auf ein geheimes Zeichen erklang von den Bäumen ein Knirschen und Krachen, als würden sie alle zur gleichen Zeit den Halt im Boden verlieren und drohen, in die Lichtung zu stürzen. Unwillkürlich traten Elben und Arenai vom Rand der Lichtung zurück, um jedoch wie unter einem Bann wieder zu verharren und Zeuge eines unglaublichen Schauspiels zu werden, das sich direkt vor ihnen abspielte. Das dichte Blätterdach der Lichtung, getragen von den Ästen der sie umstehenden Bäume senkte sich langsam herab. Je tiefer es kam, umso mehr war zu erkennen, dass dieses Dach in Wirklichkeit der Boden einer kleinen Stadt in den Kronen war, die dichtverwobenen Äste das Fundament, auf dem schmale, aber hohe Häuser aus Holzstämmen sich erhoben, deren Dächer aus verflochtenen mit lebendem Blattwerk versehenden Matten bestanden.
Die spinnengleichen Gestalten Dutzender Ihainym bewegten sich zwischen den Häuser und Hütten, um sich auf dem langsamen Weg nach unten am Rand dieses ungewöhnlichen lebenden Talans einzufinden und die Wartenden auf dem Boden mit der gleichen, freundlichen Neugierde zu betrachten, wie es auch Cric getan hätte. Sie waren wirklich ein Volk wie aus einem Guss mit ihren dünnen langaufgeschossenen Körpern, den Kupferhaaren und der schlotternden Kleidung, die Männern, Frauen und Kindern mit gleicher Lächerlichkeit an den Gliedern hing. Einige von ihnen verließen ihren Platz am Rande des Talans und turnten wie Eidechsen die Bäume hinunter, um die Besucher näher zu betrachten. Am Boden angekommen blieben sie jedoch ein Stück entfernt, auch wenn die brennende Neugierde ihre Gesichter mit lebhaften Bewegungen füllte.
Die Bäume hatten ihre so außergewöhnlich genutzten Kronen bis zum Boden geneigt und kamen mit einem langen Seufzer zur Ruhe.
Drangar stieß den sprachlosen Gilawan mit dem Ellbogen an. „Könnt Ihr das in Ithuris auch?"
„Ich wünschte es", hauchte der Elb beeindruckt.
„Vielleicht schenken sie Euch ein paar Schösslinge, dann könnt Ihr Euch in tausend Jahren ein neues Haus bauen."
„Der Wald denkt darüber nach", erklärte Cric sehr ernsthaft. „Der Gedanke gefällt ihm."
„Danke", knirschte Ayla mit einem bösen Blick zu ihrem Krieger. „Doch zuvor sind dringendere Fragen zu klären. Du sagtest, wir sollen mit Lei-Tox reden."
„Ach ja", seufzte er und bedeutete ihnen zu folgen. „Er wird Euch in seinem Haus empfangen, so viel ist gewiss."
Sie folgten ihm auf die Plattform zu, doch unterwegs hielt Haldir Ayla zurück. „Drängt ihn nicht", riet er mit leiser Stimme. „Wir werden die ersten Außenstehenden sein, die seit sehr langer Zeit diesen Ort betreten, vielleicht sind wir sogar überhaupt die ersten. Zu leicht genügt ein falsches Wort, ein Missverständnis, um Gastfreundschaft in Zorn zu verwandeln."
„Wofür haltet Ihr mich eigentlich?" Ayla machte sich ärgerlich von ihm los. „Oh, sagt nichts, ein Uruk'hai, das war es doch wohl?"
„Manchmal könnte ich-„ Haldir unterbrach sich mit einem Kopfschütteln und folgte dann den anderen, während Ayla ihnen etwas langsamer nachging.
Er war ihr ein Rätsel, sie selbst war sich in Situationen wie diesen auch ein Rätsel und dieser Ihainym-Talan ebenfalls. Nun, sie würde jedes einzelne davon lösen, vielleicht in anderer Reihenfolge, aber sie würde sie alle lösen. Sie war unsterblich, sie hatte genug Zeit.
Auch wenn der Talan nun am Boden ruhte, war es keineswegs einfach, ihn zu betreten. Die verzweigten, belaubten Äste waren im Weg und Treppen oder Leitern gab es keine, denn für die Ihainym stellte dieser Wall kein wirkliches Hindernis dar. Den Elben fiel es noch recht leicht, den Rand zu erklimmen, doch den Arenai in ihren schweren Panzerungen lag die Kletterei nicht so sehr. Es waren die hilfreichen Hände freundlich lächelnder Ihainym, die fest aber doch behutsam zugriffen und sie in Windeseile über die Hindernisse hoben. Umringt von den dünnen Riesen fanden sie sich schließlich allesamt auf dem Talan wieder, der sich beinahe augenblicklich nach oben bewegte.
Cric bemerkte Aylas Unbehagen und strich ihr besänftigend über den Arm. „Du bist unser Gast, Ayla mit den Nebelaugen. Niemals würde ich zulassen, dass dir hier ein Leid geschieht."
Zustimmendes Nicken unzähliger kupferfarbener Haarschöpfe schloss sich seinen Worten an. Unter Gemurmel und vorsichtigen Berührungen wurden die Neuankömmlinge weiter hinein in die kleine Stadt in den Baumkronen geleitet. Die Häuser, die sehr hoch, doch auch recht schmal waren, standen so dicht, dass die frischen Triebe, die aus ihren offenbar lebenden Wänden sprossen, sich ineinander verwoben. Vor jedem Haus türmten sich bunte Körbe mit leuchtenden Früchten und hohe Holzkrüge, die sorgsam mit Tuch und Moos verschlossen waren. Neugierige Gesichter, rötlich, faltig und beherrscht von staunenden Kupferaugen lugten zwischen farbenfrohen Vorhängen aus den ansonsten ungeschützten Fenstern. Ein freundliches Lächeln war ihnen allen zu eigen.
Eingeschlossen in die raunende, aufgeregte Menge der Ihainym ging es durch enge Gassen, die schließlich zu einer bemoosten, leicht schiefen Hütte in der Mitte des Fletts führten. Die Ihainym, die ihnen vorangegangen waren, zogen sich zu den Seiten zurück und plötzlich standen die Neuankömmlinge ganz alleine vor einer schmalen, hohen Türöffnung, die mit einem kunstvollen, aber schon verblichenen Webteppich verhängt war. Stille senkte sich über die Menge.
„Der Lei", erklärte Cric mit gesenkter Stimme, während er ihnen bedeutete, die Hütte zu betreten. „Er wartet."
Es war eine tief in ihr verwurzelte Reaktion, dass Ayla sich mit Boyar an den Kopf ihrer kleinen Gruppe stellte. Adrim und Drangar reagierten ebenso verlässlich und übernahmen es, ihre Rücken zu schützen. Nun, da sich die Elben zwischen ihnen in vielleicht auch nur trügerischer Sicherheit befanden, fühlte sie sich gewappnet genug, den Teppich zur Seite zu schieben und sehr langsam das dämmrige Innere der Hütte zu betreten.
Der Raum hinter dem Teppich war überraschend groß, die Decke über ihr hoch und nirgendwo eine Treppe hinauf in den nächsten Stock zu entdecken. Nur an einer Stelle zu ihrer Rechten war eine Öffnung, zu der eine nicht sehr vertrauenerweckende Leiter hinauf führte. Das Dämmerlicht war für Arenai-Augen kein Schwierigkeit und die wenigen Einrichtungsgegenstände, allesamt aus Holz oder Korb enthüllten sich ihr in wenigen Atemzügen. Offene Gefahr wartete nicht und so ging sie weiter, bis sie im hinteren Teil des Raumes vor einen schmalen, aber sehr niedrigen Tisch anlangte, um den dicke Kissen gruppiert waren. Hinter dem Tisch glimmten in einer von der Decke hängenden Tonschale glühende Steine, den Othun nicht unähnlich. Es stieg jedoch in einer schmalen Säule Rauch von ihnen auf, der unangenehm in Augen und Nase war. Von einem der Kissen winkte ihr nun ungeduldig eine groteske Gestalt zu, die fast wie eine riesige, bunte Heuschrecke aussah.
„Du bist wachsamer als ein Lorilin", murrte eine Stimme wie knisterndes Papier. „Ich bin ein alter Mann und kaum eine Gefahr für eine kräftige, junge Kriegerin, die bis an die Zähne bewaffnet meinen Schlaf stört. Setzt euch endlich, es strengt mich zu sehr an, den Kopf so lange zu heben. Du, Mädchen, kommst an meine Rechte und den goldhaarigen Krieger, dessen Blut du teilst, will ich zu meiner Linken. Der Rest von euch soll sich selber einen Platz suchen."
Temlars Bruder im Geiste und wohl auch in seinen Gaben, denn nur ein Beobachter konnte von dem unseligen Zwischenfall mit dem Winterstein wissen. Wortlos gehorchten sie und nahmen ihre Plätze ein. Der uralte Ihainym, der mit angezogenen Beinen auf seinem Kissen hockte, eine bunte Decke um die Schultern und einen Kegelhut mit gleich zwei Federn daran auf dem Kopf, der ihm bedenklich in die runzlige Stirn gerutscht war, hantierte eine Weile schimpfend mit Bechern und einem Krug, bis endlich alle ein Getränk in den Händen hielten. Boyar schnupperte misstrauisch daran, dann hellte sich seine Miene auf und er nahm einen kräftigen Schluck.
„So ist es recht", kicherte ihr Gastgeber. „Die Gaben des Waldes soll man nie zurückweisen. Trinkt!"
Entschieden stellte Ayla gleichzeitig mit Haldir, der die Unhöflichkeit der Geste wenigstens durch ein entschuldigendes Lächeln zu überdecken versuchte, den Becher auf den Tisch zurück. „Nach dir, Meister Tox und auch nicht sofort."
„Du beleidigst mich!" fauchte er böse. „Du beleidigst die Ihainym."
Mit einem müden Brummen kippte Boyar zur Seite und begann sofort zu schnarchen. Die Ablenkung war nur kurz, doch als sich Ayla wieder dem Lei zuwandte, schimmerte neben Haldirs Becher die silberne Klinge eines Elbendolches auf dem Tisch, die Spitze auf den Ihainym gerichtet. Die schlanken Finger des Elben bewegten sich gelassen über den Verzierungen des Griffs.
„Keine Spielereien", erklärte der Elbe kühl. „Wir sind nicht deine Feinde, Lei-Tox, behandle uns wie es Gästen gebührt."
Zu ihrer Verwunderung lachte der Lei so herzhaft, dass es seinen ganzen Körper schüttelte. Es war fast zu befürchten, dass er in seine dürren Einzelteile zerfiel, so vibrierte er. Bevor dieses Unglück jedoch passieren konnte, beruhigte er sich wieder etwas und klatschte in die Hände. „Waldbeerenwein für unsere Gäste."
Sofort wurde der Teppich am Eingang beiseite geschoben und eine Ihainym-Frau brachte auf einem Tablett einen neuen Krug und saubere Becher. Die alten räumte sie kichernd ab und stakste dann wieder hinaus. Diesmal trank Tox zuerst, ließ einige Zeit verstreichen und prostete ihnen dann erneut zu. Der Wein war fruchtig und erfrischend, eine Wohltat für seine Gäste, die sich langsam entspannten. Auch Haldirs Dolch wanderte an die Stelle zurück, an der er unter einem gastlichen Dach sein sollte.
„Ihr seid wirklich erfahrene Krieger", begeisterte sich Tox. „Selbst Dorian, der Anführer der Breill, hat schon schnarchend auf diesen Kissen gelegen. Das hat ihn gelehrt, mit einem alten Mann nicht überheblich zu sein. Aber das ist bei den Firimar nichts besonderes, nicht wahr? Schwach und sterblich sind sie, doch ihr Haupt tragen sie so hoch, dass ihre Nasen fast die Baumkronen berühren. Nun, auch Dorian ist heute ein Freund der Ihainym, einer der wenigen Firimar, dem der Wald Schutz gewährt."
„Ihr scheint die Firimar hier nicht sonderlich zu schätzen", meinte Haldir langsam.
„Ah, so kann man das nicht sagen. Ihre Zeit hier ist so kurz bemessen, dass sie nur selten dazu kommen, das Leben zu verstehen." Es klang bedauernd. „Sie taumeln durch ihre eigene Vergänglichkeit und meinen, die Zeit bemisst sich danach. Es ist schwer für sie, das Schicksal, das sie nach Escalonde brachte, zu begreifen und aus dem Unheil der Vergangenheit zu lernen."
„Außerdem neigen sie dazu, ihre eigene Vergänglichkeit durch Kriege noch zu beschleunigen", nickte Haldir. „Das ist mir vertraut."
„Aber mir nicht", murmelte Ayla. „Es interessiert mich eigentlich auch nicht so sehr wie das Land selbst. Taurhoss lebt, aber der Rest Escalondes scheint ein grauer, toter Ort zu sein. Was ist passiert, Tox, dass Iluvatar euch so gestraft hat?"
„Das hat er nicht", lächelte der Ihainym. „Im Gegenteil, er hat uns genau wie dein Volk unter seinen besonderen Schutz gestellt."
Ayla verglich Arenor mit Escalonde. Das Ergebnis fiel recht eindeutig aus und war ihr wohl auch vom Gesicht abzulesen, denn Tox Lächeln vertiefte sich noch. „Du musst weit zu den Anfängen der Zeit zurückgehen, Arenai, um zu begreifen, dass Escalonde für uns der Weg aus der Dunkelheit ist.
Melkor zerstörte damals die Harmonie, sein Trachten ging nur dahin, die Werke der Valar zu vernichten, zu entstellen und nach seinem eigenen dunklen Wesen zu verändern. Wo die Valar sich daran machten, Arda nach Iluvatars Willen für die Ankunft der Erstgeborenen und Nachkömmlinge zu gestalten, verdarb er ihr Werk, wann immer er konnte. Vieles war für immer verloren, doch einige wenige Dinge trugen noch Hoffnung in sich und so entschied der Eine, dass sie an einem besonderen Ort zusammenkommen sollten und dort ihrer Rettung harren durften.
Gleiches gilt für die Bewohner Escalondes. Es sind die Geschlagenen, die Schwachen und die Verführten, die hier versammelt wurden, wenn sie noch einen Abklang der großen Melodie ganz tief in sich verborgen trugen und die Valar wussten, dass dieser winzige Funke zu neuer Stärke erweckt werden kann, wenn die Zeit dafür gekommen ist."
„Und Taurhoss?" fragte Haldir. „Der Wald ist nicht wie der Rest dieser Welt."
„Er war es fast", erklärte Tox traurig. „Einst lebte er auf Arda, war ein geliebtes Werk Yavannas, ein Geschenk für die Erstgeborenen. Doch Melkor verdarb sein Wesen und bevölkerte ihn später mit denen, die er zu seiner Belustigung verdreht und gequält hatte. Yavanna ertrug dies nicht und bat Manwe, ihn hierher zu senden, damit er der Dunkelheit nicht völlig anheim fallen konnte. So kamen wir her, gezeichnet vom dunklen Grauen, aber noch immer mit Yavannas Liebe in uns, die seitdem nicht versiegte. Das hat uns gerettet, hat den Wald gerettet. In den langen Zeitaltern erholten wir uns wie von einer schweren Krankheit. Auch in einigen der anderen lebt noch ein Hauch der Liebe der Valar zu ihren Werken und Iluvatars Kindern, sodass Escalonde nicht völlig ein Ort der Hoffnungslosigkeit werden konnte."
„Und Arenor?" Eigentlich wollte Ayla seine Antwort gar nicht hören, sie ahnte bereits, wie sie ausfallen würde.
„Die Hoffnung für alle." Der alte Mann seufzte tief. „Die Valar verhießen uns Rettung, wenn wir nur zeigten, dass Melkors Werk nicht gänzlich alles Licht in unseren Herzen verdorben hatte. Sie versprachen, die zu versammeln, in denen die Erinnerung an die Anfänge noch am hellsten brennt und sie dann, wenn es an der Zeit ist, zur Rettung Escalondes zu schicken. Das haben sie nun getan."
Ayla wandte ihren Blick von dem zufriedenen Ihainym und richtete ihn auf Haldir, der noch nie zuvor eine so undurchdringliche Miene zur Schau gestellt hatte. Einzig seine Aquamarinaugen waren so ausschließlich auf sie gerichtet, dass der Rest ihrer Umgebung ausgeschlossen war. Genau wie sie krümmte er sich innerlich unter der Last, die ihnen dieser dürre alte Mann gerade angedeutet hatte. Kämpfe, Kriege, Ordnung in Chaos zu bringen – damit hatten sie wohl alle gerechnet. Doch Tox sprach davon, ein ganzes Land mit dem Licht Iluvatars zu heilen, seine Bewohner aus einer Dämmerung zu führen, die einer der mächtigsten Valar selber geschaffen hatte. Sie hatten beide nicht die geringste Ahnung, wie das vollbracht werden konnte.
„Elrond?" Ayla musste sich erst räuspern, bevor sie überhaupt einen Ton herausbekam.
Der Elb runzelte die Stirn. „Vielleicht, ich bin mir nicht sicher."
„Temlar und Elrond zusammen?"
„Was sorgt ihr euch denn so?" wunderte sich der Lei. „Das Licht Iluvatars ist für uns Ihainym greifbar in eurer Nähe. Ihr werdet es nach Escalonde bringen, so viel ist gewiss."
Nun, dagegen kam man nicht an, so viel war auch gewiss. Sie würden eben warten müssen, bis sie das ganze Problem bei den beiden weisesten Männern Arenors abladen konnten. Ayla beschloss, sich nun auf naheliegendere Schwierigkeiten zu konzentrieren. „Wer ist Dorian?"
„Der Anführer der Breill."
„Und das sind?"
„Wolfsmenschen."
„Was?" Aylas Blick irrlichterte hilflos zu Haldir, der sich in elbische Gelassenheit versenkt hatte, genau wie seine zwei Begleiter. Aylas Männer hingegen schienen die existierende Welt dieser Hütte verlassen zu haben, so angestrengt beschäftigten sie sich mit dem Inhalt ihrer Becher. Sie waren nutzlos, alle wie sie da saßen.
„Keine wirklichen Wolfsmenschen. Eigentlich leben sie am Rand des Waldes und haben sich mit den Grauwölfen aus den Ebenen verbunden. Sie jagen gemeinsam und sie kämpfen gemeinsam. Manchmal suchen sie auch alle Schutz hier im Wald. Ihm, den Breill und ihren Wölfen ist es zu verdanken, dass ihr hier nicht eine Welt vorgefunden habt, die endgültig der Dunkelheit anheim gefallen ist. Naja, ein bisschen haben wir Ihainym wohl auch dazu beigetragen." Tox spitzte die Lippen. „Und natürlich die Weißzwerge, die nicht länger den Drakan dienen wollen. Aber von denen gibt es nur noch wenige, nachdem sie sich den Bergherren im Marschland unbedingt im offenen Kampf entgegenstellen mussten."
„Wovor ich sie gewarnt hatte." Die Stimme kam vom Eingang, vor dem sich jetzt die Silhouette eines hochgewachsenen Mannes abzeichnete. Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Arenai und Elben bereits auf den Beinen waren. Der Neuankömmling griff zu seinem Schwert, das in einer schmucklosen Lederscheide an seiner linken Seite baumelte.
„Untersteh dich!" donnerte Tox unerwartet kräftig. „Wenn du die Waffe gegen sie erhebst, wird keiner deiner Männer den Wald lebend verlassen."
Offenbar hatte der andere genug Erfahrung mit dem Einfluss des Lei-Tox, denn augenblicklich nahm er in einer beruhigenden Geste die Hände mit den Handflächen nach vorne hoch. Dennoch atmete seine ganze Haltung Misstrauen und die Bewegungen, mit denen er nun näher kam, waren die eines kampfbereiten Mannes. Allerdings würde er eine Auseinandersetzung mit ihnen nicht lange überleben, denn er war offenkundig ein Mensch und weder Elben noch Arenai in Schnelligkeit und Kraft gewachsen.
Es war die erste Begegnung der Arenai mit diesen Zweitgeborenen und dementsprechend interessiert verfolgten sie seine Annäherung. Ein seltsames Gefühl war es, den Sterblichen zu beobachten, der sich mit trotzig-verschlossener Miene vor ihnen aufbaute. Seine braun-grüne Kleidung war die eines Jägers, ohne jede Verzierung, genauso grob gearbeitet wie der Körper, den sie bedeckte. Die strähnigen, dunklen Haare fielen ihm in sein kantiges Gesicht, in dem nur die gelben Wolfsaugen etwas Besonderes waren. Ein starker Wille ließ sie im Dämmerlicht beinahe glühen, Zorn und sicherlich auch Verwirrung stand in ihnen, als er nun seinerseits zuerst die Elben, dann die Arenai und schließlich den schlafenden Boyar musterte.
„Du hast ihm auch diesen Trank gegeben", stellte er fest.
„Ich gab ihn allen", berichtigte der Lei. „Doch nur er war genauso dumm wie du, ihn auch zu nehmen. Du hast mich warten lassen, Dorian."
„Wir waren schon auf dem Weg in die Marsch. Beldoin hat die Hoffnung nicht aufgegeben, noch Überlebende zu finden. Er glaubt, dass sich einige in die Grotten geflüchtet haben könnten."
„Und wenn schon, die Meerschnecken und Grottenmolche werden sie holen", tat der Ihainym diese Hoffnung ab. „Sie sind genauso dumm wie der Steinschädel, der sich ihr König schimpft."
„Wenigsten hat er versucht, den Bergherren die Stirn zu bieten. Wer sind diese Leute?"
„Hoffnung, Gesandte der Valar."
Wenn er überrascht war, ließ er es sich nicht anmerken. Jedenfalls beeindruckte es ihn nicht sonderlich. „Ach, hatten sie ein Schreiben dabei, dass sie als Gesandte auswies oder nimmst du es einfach nur an, weil sie kostbare Kleidung und Waffen tragen?"
„Vielleicht nehme ich es an, weil sie sauberer sind als ein Breill es jemals sein wird", antwortete Tox boshaft. „Möglicherweise weiß ich es aber auch einfach nur, weil ich schon lebte, als der erste deiner jämmerlichen Vorfahren aus dem stinkenden Schlamm gekrochen ist, in dem sich dein Volk noch heute am wohlsten fühlt."
Der Wortwechsel war recht unterhaltsam, doch zu Aylas Enttäuschung hatte Haldir beschlossen, dem nun ein Ende zu bereiten.
„Wir kommen nicht als Feinde."
Es war der Klang der Elbenstimme, der Dorian sichtlich aus der Fassung brachte. „So seid ihr also wirklich gekommen, um uns von den Drakan zu befreien", murmelte er fasziniert.
„Nicht so schnell", mischte sich Ayla ein. „Sieht das hier aus wie eine Befreiungsarmee? Bis jetzt wissen wir nicht einmal, wer die Drakan sind und offen gestanden, weiß ich nicht einmal wirklich, wer du bist."
Langsam trat er nun näher. „Du bist ein Weib! Und du trägst Waffen."
„Mit denen sie umgehen kann", ließ sich der Elbe vernehmen. „Du solltest also vorsichtig sein mit deinen Worten."
„Ja sicher", grinste er breit und zweideutig. „Du musst es wohl wissen."
Der Mensch ist kein wirklicher Gegner, entschied Ayla im Stillen. Sie waren gleich groß und mindestens auch gleich stark. Sein Alter konnte sie nicht schätzen, doch er erschien überraschend jung, wohl auch für menschliche Maßstäbe. Sie war nicht einmal verärgert, nur ungeduldig, als sie ihm mit dem Handballen einen Schlag gegen die Brust versetzte, der ihn von den Beinen hob und den halben Weg durch die Hütte wieder zurückbeförderte.
So schnell wie sie den Schlag geführt hatte, so langsam schlenderte sie zu ihm hinüber und sah einen Moment mit gerunzelter Stirn auf ihn herab. „So, fangen wir nochmals von vorne an, Dorian von den Breill. Ich bin Ayla von Arenor, Schildmeisterin der Arenai und Hüterin der Elben in Gildanna und Ithuris. Der einzige, dessen Befehle ich entgegennehme, ist Lord Elrond von Arenor."
„Und das auch nur ungern", kommentierte Haldir ungefragt.
Ayla zeigte über ihre Schulter. „Dieser Mann dort ist Haldir aus Ithuris, der Herr der Waldelben auf Arenor. Ihn begleiten seine Krieger Gilawan und Elcaran. Jeder einzelne von ihnen könnte dich in der Zeit eines Wimpernschlages töten. Die beiden anderen Männer sind Arenai-Krieger, Adrim und Drangar, die dich nicht nur in der gleichen Zeit töten könnten, sondern dir dabei auch noch so starke Schmerzen zufügen würden, dass der Tod eine Erlösung wäre. Dort am Boden schläft Boyar, der Treueste aller Arenai, stell dich gut mit ihm, denn er hat als einziger deinen erbärmlichen Auftritt hier nicht mitbekommen." Sie beugte sich noch etwas zu ihm hinunter und fing den Blick seiner Wolfsaugen ein. „Haben wir uns verstanden?"
Als er nickte, streckte sie ihm die Hand entgegen und zog ihn dann auf die Füße zurück. Er klopfte an seiner ohnehin nicht sehr sauberen Kleidung herum, rückte seinen Schwertgürtel zurecht und folgte ihr schließlich zum Tisch.
Tox klopfte Ayla anerkennend auf die Schulter. „Du wärmst mein altes Herz, Schildmeisterin. In all den Jahrtausenden habe ich die Schnelligkeit und Überheblichkeit der Erstgeborenen am allermeisten vermisst."
„Du hast nie gesagt, wie schnell sie wirklich sind", beschwerte sich Dorian, dessen gekränkter Stolz noch immer nicht gänzlich geheilt war.
„Jetzt weißt du es doch wohl, oder? Außerdem hättest du mir nicht geglaubt."
„Seid ihr alle so-„
„Schnell?" ergänzte Haldir. „Ich denke schon."
„Wir nicht", brummte Drangar. „Ayla ist besser, aber sie ist auch älter."
„Dafür ist sie schwächer", sagte Adrim und strahlte seine Schildmeisterin an. „Das hat Temlar gesagt, nicht ich. Wir sind aber auch größer."
„Und dümmer", winkte sie ab. „Was wird das hier? Haldir, wie waren doch gleich Eure weisen Ratschläge für diese Begegnung?"
Er hob spöttisch die Brauen. „Jedenfalls bestanden sie nicht darin, den Anführer der Breill niederzuschlagen, auch wenn ich Euch meinen tiefsten Respekt zolle, wie Ihr ohne lange Umschweife die Fronten geklärt habt."
„Kannst du mir diese Art zu kämpfen beibringen?" erkundigte sich Dorian vorsichtig bei Ayla.
„Nein."
„Warum nicht? Gegen die Drakan könnten wir es brauchen."
„Wahrscheinlich, aber es würde zu lange dauern." Jahrhunderte und er würde niemals wirklich diese Schnelligkeit entwickeln können, aber das sagte sie ihm in einem Anfall von Mitleid lieber nicht.
Der Teppich am Eingang wurde erneut zur Seite geschoben und diesmal steckte Cric seinen schon vertrauten Schädel hindurch. „Sie werden unruhig, Lei-Tox."
„Das werden sie immer", murrte der Alte. „Sag ihnen, er wird gleich wieder bei ihnen sein."
„Deine Männer?" erkundigte sich Haldir bei Dorian.
„Natürlich. Dachtest du etwa, ich bin alleine hergekommen?" Ein böser Blick traf Ayla. „Du dachtest es mit Sicherheit."
„Offengestanden habe ich mir über dich keine großen Gedanken gemacht", lautete ihre niederschmetternde Antwort.
„Unter den Breill findest du die besten Bogenschützen, die es gibt."
Die Arenai grinsten unwillkürlich und Adrim stieß den neben ihm stehenden Gilawan mit dem Ellbogen in die Seite. Ausgerechnet Bogenschießen, die Königsdisziplin der Waldelben. Selbst Ayla beherrschte sich nur mühsam, als Haldirs Gesichtsausdruck plötzlich sehr stark dem ähnelte, mit dem er vor Tagen noch die Schleimflecken auf der Pier bedacht hatte.
„Wartet noch!" kommandierte Dorian. „Ich werde zuerst hinausgehen. Als uns Lei-Tox Nachricht erreichte, haben wir nicht mit dieser Wendung gerechnet. Ich will ihnen erst sagen, was geschehen ist."
Kaum war er hinaus, atmete Ayla tief aus. „Sind sie alle so?"
„Die Menschen oder die Breill?"
„Gibt es einen Unterschied?"
Tox nickte ernst. „Die Breill haben Ehre und das Ziel, Escalonde in bessere Zeiten zu führen. Die meisten anderen Firimar leben ohne jede Hoffnung in den Tag hinein. Die Drakan haben ihnen alles genommen. Dorian wird euch von ihnen erzählen. Geht mit ihm, er wird euch führen. Auch wenn er sich eben wie ein störrischer Junge benommen hat, so ist er doch ein großer Anführer seines Volkes – naja, er ist es beinahe, die Erfahrung fehlt noch."
„Wohl wahr." Haldir deutete auf Boyar. „Weck ihn nun auf."
Zu Aylas Verwunderung griff der Ihainym ohne jeden Protest hinter sich und zupfte von einem vertrockneten Blumenstrauß an der Wand einige Blätter ab. Ein schnelles Kneten seiner Spinnenfinger zermalmte sie zu einem feinen Pulver, das er von der offenen Handfläche einfach in Boyars Richtung blies. Kaum hatte der Schlafende es eingeatmet, erwachte er mit einem lauten Niesen.
„Ich will keinen Ton hören!" warnte Ayla, die ihn nur zu gut kannte. „Daran trägt niemand anderer die Schuld als du allein mit deinem unseligen Weindurst. Drangar, berichte ihm, was vorgefallen ist und halte ihn eine Weile von mir fern."
„Das war hart", raunte ihr Haldir im Hinausgehen zu. „Es ist kein Unheil geschehen."
„Diesmal nicht. Aber beim nächsten Mal könnte es sein Schwertarm sein, der zwischen Euch und dem Tod steht." Verärgert stellte sie fest, dass er sie genug abgelenkt hatte, um vor ihr die Hütte zu verlassen.
Todessehnsucht, das musste es ein, was ihn immer wieder trieb, den Arenai ins Handwerk zu pfuschen. Wäre dies nicht der Hort der Ihainym gewesen, hätte er dieses Mal gute Karten gehabt, Mandos Hallen zu erreichen. Düster konzentrierte Ayla ihre Aufmerksamkeit auf das gute Dutzend wilder Gestalten, die sich vor ihnen versammelt hatten. Im Vergleich zu diesen hünenhaften, ungepflegten Gesellen war sogar Dorian eine königliche Erscheinung. Am schlimmsten jedoch erschien ihr das ganze Rudel struppiger, grauer Wölfe, die zwischen ihnen und den Breill lagerten und sie mit angespannter Aufmerksamkeit aus den gleichen gelben Augen musterten, die auch die Breill so einzigartig machten. Zu ihrer Beunruhigung wirkten diese Wolfsaugen klüger als die ihrer menschlichen Begleiter.
Schließlich standen sie sich lange schweigend gegenüber, auf der einen Seite Elben und Arenai, auf der anderen die Breill und in der Mitte erhoben sich nun die Wölfe und trotteten gemächlich auf die Neuankömmlinge zu. Bevor Ayla reagieren konnte, trat Haldir einige Schritte vor und suchte ohne langes Zögern den Blick des Leitwolfes. Zu ihrer Überraschung ließ er sich auf ein Knie nieder und war dem beeindruckend großen Tier damit auf Augenhöhe. Der Wolf kam so nahe heran, dass Ayla bei einer Attacke niemals schnell genug dazwischen gekommen wäre. Doch anstatt seine Zähne in Haldirs Kehle zu schlagen, nahm er vorsichtig die Witterung des Elben auf, schüttelte verwundert den Kopf und schnaubte dann. Haldir lächelte und strich dem Tier sanft über die Ohren, dann stand er wieder auf und kam zu Ayla zurück, die vor Zorn über seinen gefährlichen Alleingang kaum noch Luft bekam.
Dorian zeigte sich jedenfalls beeindruckt genug, dem Elben die Hand zu reichen. „Wenn Arn dir vertraut, bleibt mir nur, euch unter den Breill willkommen zu heißen. Dann lasst uns heute Abend unter Freunden feiern, der nächste Morgen kann den Tod bringen."
Diesmal war es Ayla, die den Elben zurückhielt, während alle anderen durcheinander liefen, um sich mitten in ein von den Ihainym offenbar bereits vorbereitetes Fest zu stürzen. „Was war das da eben?"
Erstaunt neigte Haldir den Kopf zu ihr herunter. „Ich nahm an, das sei Euch klar."
„Ich sah einen Elb, der sich vor einen riesigen, gefährlichen Wolf gekniet hat, als wäre er ein harmloses Eichhörnchen."
„Dieser Wolf ist wichtiger für die Breill als Dorian. Es erschien mir angeraten, mit ihm Freundschaft zu schließen."
„Seine Kiefer sind kräftig genug, Euren Schädel wie ein Hühnerei zu zerquetschen. Wenn Ihr das nächste Mal den Drang verspürt, Euch mit einem solchen Wesen anzufreunden, sagt mir Bescheid." Vor lauter Wut stieß sie bei jedem Wort mit dem Zeigefinger gegen seinen Brustharnisch. „Es wäre mir ein Vergnügen, Euch den Weg in Mandos Hallen mit meinem Schwert schneller zu öffnen."
Haldir umfasste ihr Handgelenk und hielt sie ohne sichtbare Anstrengung davon ab, weiter auf ihn einzustechen. „Ihr werdet Euch noch den Finger brechen, teure Freundin."
„Versteht Ihr eigentlich, was ich Euch sagen will?" Ayla konnte schlecht inmitten des beginnenden Festes mit ihm um ihre Freiheit ringen. Außerdem hatte er einen Griff wie ein Schraubstock und ihre Hand wurde langsam taub. „Und lasst mich endlich los!"
Anstatt dies zu tun, zog er sie nah an sich heran. „Dann hört endlich auf, Euch wie mein ganz persönlicher, lebender Schutzschild aufzuführen!" herrschte er sie mit gedämpfter Stimme an. „Ich bin mir sicher, Ihr werdet mir irgendwann das Leben retten und meine Dankbarkeit ist Euch schon heute gewiss. Aber bis es soweit ist, behandelt mich als Waffenbruder und nicht als Euren Schutzbefohlenen." Damit ließ er sie los und wandte sich ab, doch nach wenigen Schritten drehte er sich wieder um. „Ach ja, wenn Ihr noch einmal versucht, mit dem Finger ein Loch in diesen Harnisch zu stechen, vergesse ich, dass Ihr die Schildmeisterin Arenors sein."
„Was sollte das jetzt wieder heißen?" überlegte sie, während sie ihr schmerzendes Handgelenk rieb.
„Ich denke, es war eine Drohung", erklang hinter ihr Elcarans leise Stimme. Der Elb trat neben sie und betrachtete gleich ihr Haldir, der von Dorian mit Beschlag belegt wurde. „Er war ein Galadhrim, Schildmeisterin, hochgeschätzt in Lothlorien. Haldir erhielt von Galadriel den Befehl über viele der unsrigen, die im Ringkrieg Dol Guldur angriffen. Stellt Euch nicht vor ihn, sondern neben ihn."
Mit einer knappen Verbeugung ließ er sie stehen. Ayla schüttelte mit zusammengebissenen Zähnen ihr Handgelenk, um den Schmerz und die Taubheit zu vertreiben. Offenbar wollte niemand wirklich verstehen, was sie antrieb.
Agir, schickte sie einen stummen Hilferuf an ihren Vater. Du hast uns darauf eingeschworen, sie zu schützen. Vielleicht hättest du sie darauf einschwören sollen, dies auch zuzulassen.
Jemand drückte ihr einen Becher in die Hand. Zuerst wollte sie ablehnen, aber dann stürzte sie den Inhalt hinunter. Möglicherweise half es, sich zu betrinken und zwar gründlich.
Tbc
@Shelley: Ohja, die Rüstung war wirklich schön, aber ich dachte mir, die Luxusrüstung lassen wir für später(?) im Schrank. Gehärtetes Leder kann auch recht widerstandsfähig sein, insbesondere wenn Metall eingearbeitet ist. Er gibt schon genug an, da reicht dann erst einmal die normale Alltagskleidung.
Du hast Escalonde noch nicht gefunden? Das beruhigt mich...erleichtertes Nicken... Solltest du es doch noch finden, warne mich, damit ich in den Keller gehen und eine Runde schreien kann. Ich hoffe jedenfalls nicht, dass es der Name von Oromes Lieblingspferd oder so etwas ist.
Im wesentlichen steht die Geschichte. Allerdings kommen Änderungen dazu und zwar nicht zuletzt durch die Reviews. Erst wenn andere sie lesen, fallen Fehler auf oder einfach nur Auslassungen, die eigentlich wichtig sind. Glorfindel vermisse ich inzwischen auch, aber da der Fährverkehr zu Arenor mittlerweile eingestellt ist, muss ich ohne ihn leben. Schnüff.
@MysticGirl: Zweitgeborene der Gattung Homo mystic sind mit sofortiger Wirkung von der Zentralregierung Arenors mit besonderer Erlaubnis von Lord Elrond, dem Unbeschreiblichen, zum Abschuss freigegeben worden. Hauptmann Haldir wurde der Befehl über den Mystic-Eliminierungstrupp übertragen. Der Hauptmann kommentierte dazu nur: Das wurde auch Zeit, diese Mystics sind eine Gefahr für jeden ernsthaften Elben.
Schildmeisterin Ayla, Leiterin des Geheimdienstes in Arengard, hat dem Hauptmann ihre volle Unterstützung zugesichert. Weiterer Kommentar war nicht von ihr zu erhalten, sie ist beim Schwertschärfen.
Da die Mystics sich zumeist in der Nähe von Imbissbuden und in Begleitung tanzender Balrogs, kegelnder Orks und sonstigem Gesocks aufhalten, ist Lord Elrond, der Unvergleichliche, hoffnungsvoll, dass die Gefährdung der tiefen Ernsthaftigkeit aller Inselbewohner bald aus der Welt geschafft ist. Solange sollen sich jedoch Elben und Arenai in ihren Häusern aufhalten und die Ruhe bewahren.
@HecateTriformis: Hi, vielen Dank. Ich hoffe, der Rest gefällt dir auch noch.
@Amelie: Noch einer, dem der Name bekannt vorkommt? Langsam werde ich nervös. Also gut, da muss ich jetzt durch. Aber ich freue mich, dass du es noch spannend findest. Hoffentlich gefallen dir die Spinnenleute genauso gut. Beim nächsten Kapitel geht es mit Haldir weiter. Der muss doch auch mal zu Wort kommen.
