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7. Kapitel

Sobald man den Wald verließ, schlug die ganze Trostlosigkeit des Landes wieder über einem zusammen wie eine hungrige Flutwelle. Auch wenn Tox behauptet hatte, dass die Valar Escalonde eine Gnade erwiesen hatten, indem sie das Land und seine Bewohner vor der endgültigen Vernichtung bewahrt hatten, so war der Preis dafür doch die Existenz in Jahrtausende währender Verzweiflung, die aus jedem Ding, ob es nun Pflanze, Tier oder Mensch war, förmlich heraustropfte. Die Valar hatten wohl sicher gehen wollen, dass es niemanden zu leicht gemacht wurde, alle Spuren Melkors zu tilgen.

Es schien, als wäre die Ankunft Arenors sogar noch zu früh erfolgt, denn anstatt alles Trachten darauf zu richten, den Valar zu beweisen, dass sie mit ihrer Entscheidung wohlgetan hatten, war das Wirken der Escalonder voller Schlechtigkeit und ohne jede Hoffnung. Wenn die Bewohner nicht von Hungersnöten und Krankheiten dahingerafft wurden, dann rotteten sie sich zusammen und fielen über ihre Nachbarn her, um Vorräte zu plündern.

Die Rudagon oder von den Breill Jindas genannt, beherrschten den Süden mit seinen Felswüsten. Sie mieden den Kontakt zu den anderen Escalondern und wagten sich nur in deren Städte vor, um Cronn zu tauschen, mit denen hier allenthalben die Feuerstellen betrieben wurden, da Holz rar war. An Taurhoss wagte sich niemand heran, denn der Wald und die Ihainym hatten in der Vergangenheit wohl für jeden Übergriff auf einen der Bäume grässliche Vergeltung geübt. Die übrigen Wälder Escalondes waren nur klein und das Holz ihrer niedrigen, verkrüppelten Bäume brannte zudem auch noch schlecht.

In den Marschen im Süden hatten die Weißzwerge, Nimjinds, gelebt, dem Sumpf Land abgetrotzt, im feuchten Boden ein widerstandsfähiges Korn angebaut und an den Küsten unter der ständigen Gefahr der Meerschnecken Fische aus der Brandung gezogen. Es nur noch wenige von ihnen. Beldoin, ihr König, suchte noch immer nach Überlebenden in den Grotten entlang der Küste, doch wie Tox es so hart ausgesprochen hatte, würden sie die Angriffe der Meerschnecken, die von unstillbarem Hunger angetrieben wurden und die Wächter der Zwischensee waren, immer weiter dezimieren. Nur Taurhoss konnte den Resten dieses Volkes Schutz gewähren, denn einen anderen Ort gab es nicht mehr für sie.

 Auch der Westen, in dem sich die meisten der Menschen angesiedelt hatten, war keine Zuflucht. Dort war es wohl am schlimmsten. Der Überlebenskampf tobte in den Herzen seiner Bewohner. Nur der Stärkste überlebte und das bedeutete, dass wilde Horden durch das Land zogen und sich nahmen, was immer ihnen gefiel.

In den zwei Städten, die im Laufe der Jahrtausende entstanden waren, herrschte Anarchie. Die Bewohner hauchten ihr kurzes, erbärmliches Leben in den Rinnsteinen aus und niemanden kümmerte es. Barcanem war die kleinere der beiden, sie hatte Tribut zu leisten an Naubar, die westlichste und größte aller Ansiedlungen Escalondes, die zu Füßen des Amon Naith lag.

Dort lebten auch die, die nach Dorians Worten die Quelle der Verdammnis dieser Welt waren, die Bergherren in ihrer Festung Angram, die keiner mehr lebend verließ, nachdem er die steilen Rampen zu ihrem schwarzen Tor hinaufgetrieben wurde. Auch wenn ihre Drakan-Krieger ständig durch das Land schwärmten und jeden töteten, der in seinem geringsten Wirken verriet, wie sehr er sich nach Erlösung sehnte, so hatten nur wenige bislang die wirklichen Bergherren zu Gesicht bekommen. Es stand wohl fest, dass sie weder Menschen noch Zwerge waren, wohl eher hatten sie Ähnlichkeit mit den Elben, wenn auch auf eine dunkle Art und Weise.

Diese fast widerwillig von Dorian gegebene Beschreibung war nichts, was Haldir nicht schon im Stillen befürchtet hatte. Escalonde war ein wildes Gemisch aller Völker Mittelerdes und gerade unter der Elben der ersten Zeitalter hatte es einige gegeben, die Melkor anheim gefallen waren. Auch bei den Ihainym war er fast sicher, dass sie einst Elben gewesen waren. Vielleicht hatte Melkor sie in seiner Grausamkeit zu einer Karikatur gemacht, vielleicht hatte der Wald sie auch sich selbst und seinen Bedürfnissen angepasst. Es hätte ihn sogar eher gewundert, niemanden seiner Art hier anzutreffen. Schmerzlich war nur, dass es ausgerechnet sein Volk war, das von allen Escalondern das Schlimmste zu sein schien.

Auch Elrond würde auf diese Nachrichten nicht erfreut reagieren, wenn er es nicht bereits schon wusste, was Haldir diesmal aber für unwahrscheinlich hielt. Escalonde hatte die innere Verbindung zum Herrn von Gildanna mit jedem Schritt geschwächt, den er tiefer in dieses Land eingedrungen war. Seit mehreren Tagen nun war sie gänzlich erloschen, was nicht dazu beitrug, dass Haldir diesem Land sehr wohlgesonnen war.

Er vermisste das Licht Arenors und ganz besonders fehlten ihm in der Nacht die Sterne, die nicht durch den immer wolkenverhangenen Nachthimmel Escalondes hindurch drangen. Am Tag war es fast noch schlimmer, denn die geschundene Natur erfüllte ihn mit tiefer Trauer. Allein dieser verkrüppelte Hain in den Hügeln vor Barcanem hatte ihm fast die Tränen in die Augen getrieben, so greifbar war der Schmerz der niedrigen, kaum belaubten Bäume, zwischen denen nun die Breill und die Arenai im Schlaf lagen.

Eigentlich hätten sie schon längst auf dem Rückweg sein können, denn alle Informationen, zu deren Beschaffung dieses ganze Unternehmen überhaupt begonnen worden war, hatte ihnen Dorian bereits geben können. Es war nur der Starrsinn der Arenai, der sie weiter voran trieb, mitten hinein in eine Abfallgrube voller Verbrechen und Gestank. Auch sie mit ihren ebenso scharfen Sinnen konnten die Stadt in der Ferne bereits sehen, die schrillen Geräusche hören und insbesondere den atemberaubenden Gestank riechen, aber ihre Schildmeisterin hatte den Vorschlag aller drei Elben, wieder umzukehren, mit einem entschiedenen Kopfschütteln abgelehnt.

„Wir sind aufgebrochen, um uns dieses Dreckloch anzusehen und genau das werden wir auch tun."

„Obwohl wir auffallen werden wie Petais mit goldenem Geweih?" hatte er ihr die eigenen Worte in Erinnerung gerufen.

 „Bah, so schlimm wird es nicht. Dorian meinte, dass die absonderlichsten Gestalten sich dort versammeln. Wenn du es wünschst, übergieße ich dich vorher noch zur besseren Tarnung mit einem Eimer Jauche, Waffenbruder."

Grimmig war sie davon gestapft und hatte sich neben ihren Arenai auf dem steinigen Boden zur Ruhe begeben. Wenigstens in der Nacht vertrauten sie den Elben ihr Leben an, so wie die Breill es den Grauwölfen überließen, zu wachen. Wahrscheinlich war der Hintergedanke, dann am Tage alle Kraft für die von ihnen so leidenschaftlich ausgefüllte Beschützerrolle zur Verfügung zu haben, die Haldir ein stetes Ärgernis war.

Vielleicht wäre es klüger gewesen, ihr im Ihainym-Hort das Handgelenk einfach zu brechen, dann wären sie jetzt auf dem Rückweg. Andererseits war es auch gut möglich, dass sie die Verletzung ignoriert und genauso weitergemacht hätte, wie sie es nun tat. Den Groll, den sie seit diesem Abend auf ihn hegte und pflegte, hätte sie sicherlich beflügelt. Dort hatte sie ihn auch zum erstenmal ‚Waffenbruder' genannt, mit von Waldbeerenwein verschleiertem Blick, den Arm um seine Schultern gehängt und ätzendem Spott in der Stimme. Selbst sturzbetrunken war sie eine wahre Pest.

Haldir unterdrückte einen Seufzer, der tief aus der Einsamkeit seines Herzens aufsteigen wollte. Er vermisste Caras Galadhon und er vermisste noch schmerzlicher seine Brüder Rumil und Orophin, mit denen er zusammen die Grenzen Loriens geschützt hatte. So viele Jahrhunderte hatte er ein Leben voller Licht und Einklang mit der Natur geführt, bis die Ankunft der Gefährten alles geändert hatte. Die Erinnerung, wie Celeborn ihm den Befehl über so viele seiner Elbenkrieger anvertraut hatte, um sie nach Osten in den Tod zu führen, war noch frisch.

Er sah wieder die Uruk'hai vor sich, wie sie ihn einkesselten, geifernd vor unbändiger Wut über den nahen Untergang. Die Tore Dol Guldurs standen bereits offen, Galadhrim streben mit gezogenen Waffen hinein, um zuende zu bringen, was schon vor langer Zeit hätte getan werden sollen. Selbst im schlimmsten Gemetzel, das diesem Sieg vorausgegangen war, hatte er niemals daran gezweifelt, dass sie am Ende erfolgreich sein würden. Seltsamerweise war ihm nie der Gedanke gekommen, dass er diesen Moment nicht erleben würde. Inmitten der Schlacht war der Tod dennoch für ihn eine Überraschung gewesen.

Haldirs Körper erinnerte sich noch deutlicher an den Moment der Endgültigkeit. Ein Ahnung des Schmerzes kam zurück. In seinem Rücken spürte er den schwarzen Stahl, der tief in seinen Brustkorb fuhr, eine weitere Klinge bohrte sich in sein linkes Bein und zertrennte die lebenswichtige Ader. Haldir unterdrückte ein Stöhnen.

Was immer er auch vom Tod erwartet hatte, es war genau das Gegenteil eingetreten. Keine Ruhe, kein Frieden und besonders kein Valinor – stattdessen Arenor mit seinen grimmigen, wortkargen Kriegern und einer Schildmeisterin, die von seltenen Momenten abgesehen das Naturell einer Streitaxt hatte.

Der Zutritt zu Mandos Hallen wurde ihm verwehrt. Er hatte sich auf einem Schwanenschiff wiedergefunden, umgeben von einigen, die gleich ihm Dol Guldur nicht lebend verlassen hatten. Während lautlose Stimmen ihm von Arenor berichteten und welche Aufgabe dort für ihn vorgesehen war, hatte er sich selbst mit Fragen gequält, wo er in seinem langen Leben so gefehlt hatte, dass ihm die Erlösung verweigert wurde.

An diesem Punkt angelangt schalt sich Haldir wegen seines Selbstmitleids einen Narren. Immerhin gab es auf Arenor auch Gildanna und Ithuris, die jede Mühe wert waren, sogar einen Besuch in dieser verrotteten Stadt vor ihm. In stiller Eintracht mit seinen beiden Begleitern und den Grauwölfen wachte er also weiter über das Leben der Schlafenden, bis die Dunkelheit der Nacht langsam von der steingrauen Dämmerung eines neuen Tages abgelöst wurde.

Da diese Art Schlaf einem Elben fremd war, war es recht unterhaltsam, andere Wesen dabei zu beobachten. Insbesondere der Moment, wenn er sie verließ und sie in die Wirklichkeit zurückkehrten, konnte sehr fesselnd sein. Zumindest was die Menschen anging, denn die Arenai schlugen die Augen auf und waren so wach, als hätten sie zuvor nur kurz die Lider gesenkt.

Die Geister der Menschen hingegen stolperten wie betäubt aus ihren Träumen und brauchten eine Zeit, bis sie überhaupt zu klaren Gedanken fähig waren.  Gähnend und steif von einer Nacht auf dem harten Boden staksten sie herum und sammelten ihre Habseligkeiten zusammen, während sie darauf warteten, dass die Cronn heiß genug glühten, damit sie ihr karges Frühstück darauf bereiten konnten.

Selbst die Arenai-Krieger, die sonst immer von ihnen belagert wurden, weil sie ihnen mit dem halbherzigen Ingrimm großer Brüder wenigstens eine Ahnung ihrer Waffenkunst zu vermitteln versuchten, wurden nicht behelligt und konnten sich um die Pferde kümmern. Diese wunderbaren Geschöpfe Bremdals würden sie nun nicht länger begleiten, sondern unter der Obhut einiger Breill, Elcarans und Adrims auf sie warten. Pferde wie diese gab es hier nicht und in Barcanem würde sich die Gier aller auf sie richten und ständige Bewachung erforderlich machen. Eine Komplikation, die sie sich nicht leisten konnten.

„Sie brauchen ewig", beschwerte sich Ayla, als sie sich abmarschbereit zu ihm gesellte. „Für jemanden, der eine so kurze Lebensspanne hat, vertrödeln sie eine Menge davon mit Unsinn. Sag mir, warum sie nicht unterwegs essen."

„Vielleicht drängt es sie nicht sehr nach Barcanem"

„So wie dich, nehme ich an."

„So wie mich", bestätigte er und wusste genau, was als nächstes kam.

„Dann solltest du einfach hier auf unsere Rückkehr warten." Den Vorschlag machte sie nun zum dritten Mal. Ein Gespräch mit ihr konnte recht ermüdend sein.

„Die Wahl ist bereits auf Elcaran gefallen. Gilawan und ich begleiten dich."

„Wie du willst. Hast du dir den Vorschlag mit dem Eimer Jauche noch einmal überlegt?"

„Versuch es und du ertrinkst darin."

„Für einen Elben bist du sehr gewalttätig."

„Das liegt an meinem Umgang." Haldir dreht sich zu Dorian um, der einmal mehr erfolglos versucht hatte, sich ihnen lautlos zu nähern. „Bist du bereit?"

Der Breill nickte. „Ich verstehe zwar immer noch nicht, warum ihr unbedingt dort hin wollt, aber da es euch so wichtig ist, können wir aufbrechen."

Haldir sagte nichts dazu, doch die Geste, mit der er der Arenai den Vortritt ließ, sprach Bände.

Geführt wurden sie von Dorian und einem mageren, kleinen Breill namens Dingis, in dessen Mund nur noch braune Stummel an sein früheres Gebiss erinnerten. Er sollte ihnen in Barcanem die größte Hilfe sein, hatte Dorian versichert, da er dort geboren war und erst später den Mut gefunden hatte, die Stadt zu verlassen, um sich den Breill anzuschließen. Dingis selber sagte nichts dazu, sondern beschränkte sich darauf, auf einer Handvoll Blätter aus einem Beutel an seinem Gürtel herumzukauen und in regelmäßigen Abständen eine schwärzliche Flüssigkeit gezielt auf den Boden zu speien.

Sie hielten sich abseits der verschlammten Straßen, mieden jeden Kontakt zu den reizlosen Gestalten, die dort mit Karren und mageren Ochsen auf die Stadt zustrebten, um Handel mit Dingen zu treiben, die Haldir sich gar nicht erst näher ausmalen zu versuchte. Da sie früh genug aufgebrochen waren, erreichten sie Barcanem gegen Mittag. Erst kurz vor den Stadttoren verließen sie ihre Deckung und mischten sich unter die anderen Reisenden in der Hoffnung, in der Menge unterzutauchen. Ein vergebliches Unterfangen, denn obwohl die Elben die Kapuzen ihrer Umhänge über ihre goldglänzenden Haare gedeckt hatten, überragten sie alle durch ihre Größe. Auch die Arenai waren nicht unauffälliger, so bedrohlich wirkten sie in ihrer schwarzen Kleidung. Kein Wunder, dass die anderen Reisenden von ihnen deutlich Abstand hielten, auch wenn ihre Blicke immer wieder gerade zu Ayla huschten, die ungefähr so leicht zu übersehen war wie ein faustgroßer Diamant auf einem Misthaufen.

Dorian wirkte mehr als nur besorgt. „Das wird keinen guten Ausgang nehmen", flüsterte er Haldir zu. „In Barcanem ist eine solche Frau ein Vermögen wert. Wir werden Mühe haben, sie vor dem Gesindel zu schützen."

Haldir betrachtete die Schildmeisterin mit Dorians Augen und musste ihm zustimmen. Sie mochte nicht die Anmut einer Elbin haben, doch für die Escalonder war sie sicherlich eine Offenbarung. Von den Escalondern konnte schließlich niemand ahnen, dass sich ihre Sanftmut darin erschöpfen würde, ihren Feinden wenigstens einen schnellen Tod zu gewähren. Der Elb seufzte leicht und schloss zu ihr auf. Unaufgefordert glitt Gilawan an ihre andere Seite, während die Arenai sie alle vor einem Hinterhalt schützten.

Je näher sie der Stadt kamen, desto schlimmer wurde es. Einst musste ein breiter Wassergraben die Stadt, die gänzlich von einer nicht sehr hohen und auch recht zerfallenen Stadtmauer umgeben war, vor Angreifern geschützt haben. Nun war er auf weiten Strecken verlandet, an anderen zugewachsen mit braungrünem hohem Schilf und wuchernden Schlingpflanzen, die den trügerischen Eindruck festen Bodens hervorriefen. Nur vor dem großen Stadttor, das allerdings schief in seinen verrosteten Angeln hing und in den letzten tausend Jahren wohl nicht mehr bewegt worden war, lag der Graben noch frei und zwang Besucher der Stadt eine breite Steinbrücke zu benutzen, die direkt vor dem Tor endete.

Während sie darüber schritten, konnten sie kleine Gestalten ausmachen, die in den Böschungen herumturnten und den Graben von Unrat, Schlingpflanzen und allen möglichen Gegenständen säuberten, deren ihre Besitzer wohl überdrüssig geworden waren. Im Graben selber paddelten andere in der dreckigen, trüben Brühe herum, die ein Hort von Krankheiten sein musste und tauchten nach weiterem Abfall, den sie dann zum Ufer schafften.

„Grabenkinder", erklärte Dingis leise. „Der Stadtrat lässt sie dafür in einem verfallenen Haus hinter der Mauer wohnen und zahlt ihnen einen Kupferpfennig für jeden vollen Korb Abfall, den sie rausholen. Die Aufgabe ist heiß begehrt."

Und sicherlich gab es oft freie Stellen, denn niemand konnte es lange überleben, in dieser Pestbrühe zu schwimmen und zu tauchen, ohne bald an Krankheiten und Blutvergiftung zu sterben. Es war eine Vergeudung von Leben, die nur daher kommen konnte, dass Menschen ihre Kinder nicht als Reichtum sondern als Last erachteten, von der es mehr als genug gab.

Der Strom der Reisenden stockte vor dem Stadttor, an dem eine Handvoll abenteuerlich gekleideter Wachen mit großer Geduld das Gepäck filzten, auf der Suche nach einer lohnenden Beute, die sie sich als Wegezoll unter den Nagel reißen konnten.

Dingis setzte sich an die Spitze der kleinen Gruppe, während sich die Elben noch tiefer in ihre Kapuzen zurückzogen und die Umhänge enger um ihre Gestalt schlossen. Auch die Schildmeisterin hatte die Kapuze ihres schwarzen Ledermantels hochgeschlagen und ihr Schwert längst mit Stoffstreifen umwickelt auf ihren Rücken gehängt, so dass sie es jederzeit erreichen konnte. Ein Blick der Torwachen auf den silberverzierten Griff und die Edelsteine, die ihn schmückten, hätte genügt, großen Ärger auszulösen. Gleiches galt für die Elbenbögen, die ebenfalls mit Stoffstreifen umwickelt waren, denn obwohl sie nur schlicht gearbeitete Ausführungen von Arenor mit genommen hatten, waren diese noch immer auffällig genug. Die beiden Arenai hingegen trugen ihre einfacheren Waffen offen zu Schau und füllten die Rolle der schweigsamen, aber beeindruckenden Leibwächter glanzvoll aus.

„Ihr da!" Wie nicht anders erwartet, hielt die Wache sie auf. „Euch habe ich hier noch nie gesehen."

„Wundert mich nicht." Dingis verwandelte sich in ein grinsendes, rühriges Männlein. „Besucher aus dem Süden, Herr, die Geschäfte machen wollen. Gute Geschäfte."

„Im Süden gibt es nur Jindas." Die Torwache kam näher, auch einer seiner Kameraden gesellte sich nun zu ihm. „Die hier sehen aber nicht wie Jindas aus."

„Weiter im Süden", erklärte Dingis schnell. „Sie handeln sonst mit Naubar, aber seit Melja Levaren auch den Tiefenweg in der Nähe des Felsenfalls kontrolliert, suchen sie sicherere Quellen."

„Melja Levaren!" Der Wächter spie aus und verfehlte nur knapp Haldirs Stiefelspitze. „Dranguru soll ihn holen. Womit handelt ihr?"

„Mit vielem", wich der Breill heftig gestikulierend aus. „Jetzt sind sie hier, weil sie kräftige Burschen für ihre Bergwerke brauchen."

„Ah, Sklaven", nickte die Wache. „Morgen findet ein Markt statt. Orbath hat Nimjinds erwischt. Die passen in die kleinsten Stollen."

„Wer Sklaven kaufen kann, ist reich", ließ sich nun erstmals sein Kamerad vernehmen. „Ihr müsst Marktsteuer entrichten."

Auch damit hatten sie gerechnet. Dorian trat vor und zog einen Beutel vom Gürtel, der mit ungeprägten Goldscheiben gefüllt war, die Elrond in weiser Voraussicht hatte anfertigen lassen. Dorians Gesichtsausdruck, als Haldir ihm den Beutel überlassen hatte, wäre durchaus mehrere Zeilen in einem amüsanten Lied wert gewesen. „Wie hoch ist die Steuer bei euch?"

„Ein Silberpfennig für jeden Südländer."

„Den haben wir nicht." Der Breillführer nahm eine Goldscheibe aus dem Beutel und hielt sie dem Mann vor die Nase. Den Schimmer des fast reinen Metalls konnte selbst Escalondes trübes Licht nicht entstellen. „Ich gebe dir und deinem Freund einen halben Goldtaler. Das ist genug, um euch einen ganzen Monat in Bier zu ersäufen."

Hastig schnappten die beiden nach dem Gold und stritten, wer einen Moment, wer es in Verwahrung nehme sollte. Doch anstatt sie nun ziehen zu lassen, schien ihre Gier nur noch mehr angefacht. Einer versuchte sogar, nach Dorians Beutel zu greifen. In diesem Moment jedoch schoben sich die beiden Arenai-Krieger nach vorne. Boyar, mit einer Miene so düster wie schon lange nicht mehr, packte den vorwitzigen Wegelagerer am Kragen.

„Soll ich dir die Arme aus den Gelenken reißen, du Wurm?" erkundigte er sich leise. „Du musst es nur sagen. Meine Herren hier würden auch dafür bezahlen, denn sie lieben solche Vergnügungen."

„Ich bin ein Torwächter", stammelte der Mann, während Boyar ihn etwas anhob, bis er mit den Füßen zappelte.

„Da macht es doch gleich doppelt Spaß", sagte der Arenai. „Ich könnte auch deine Eingeweide auf der Straße verteilen und auf ihnen herumtrampeln."

Nicht einmal Haldir bezweifelte, dass es ihm damit ernst war, doch bevor die Drohung in die Tat umgesetzt wurde, winkte der andere Mann sie hektisch durch. Boyar ließ seinen Kameraden los, der sofort zitternd gegen das Holztor zurückwich. Sie hatten schon genug Aufmerksamkeit erregt, stellte Haldir nach einem schnellen Blick in die Runde fest und mit raschen Schritten verließen sie diesen Platz.

Barcanem zu betreten stellte nicht gerade eine Verbesserung dar, eher das genaue Gegenteil. Es war eine große Probe seiner Selbstbeherrschung, den Gestank zu ertragen, der in den schmalen, belebten Gassen wie Nebel waberte. Haldir hatte das Gefühl, mit jedem Schritt tiefer in eine Hölle aus Pestilenz und menschlichem Abschaum einzudringen. Unrat türmte sich in den Rinnsteinen und zwischen den faulenden Bergen huschten Ratten und anderes Ungeziefer umher. In dunklen Torwegen lungerten zwielichtige Gestalten herum, die nur darauf warteten, ungeschützte Reisende in die Schatten zu ziehen und auszurauben.

„Platz für den Sammler!" ertönte eine laute Stimme. Im nächsten Moment bog um eine Ecke ein großer Ochsenkarren, auf dem sich Leichen türmten. Zwei Männer begleiteten ihn, wobei einer eine Eisenglocke läutete. In einem der Häuser öffnete sich eine Tür, durch die eine schmutzige alte Frau und ein magerer Junge ein Stoffbündel heraus schleppten. Der Sammler-Karren hielt an und ein heftige Diskussion zwischen der Alten und den beiden Leichensammlern um den Preis für ihre Dienste begann.

‚Was habe ich erwartet?' verspottete Haldir seinen eigenen Abscheu vor diesem Spektakel. ‚Sie leben im Unrat und im Tod sind sie ihm noch näher.'

Dingis führte sie rasch weiter, bis sie in ein etwas besseres Viertel gelangten, was eigentlich nur bedeutete, dass die Häuser größer und der Unrat nicht so hoch lag. Wer hier herkam, wollte sich offenbar amüsieren, denn ein Wirtshaus löste das nächste ab. Betrunkene Männer wankten an ihnen vorbei, unter ihnen viele Bewaffnete. Vor einigen der Häuser spazierten Frauen auf und ab.

Haldir konnte sich nicht erinnern, jemals in der Öffentlichkeit ein so unzureichend bekleidetes weibliches Wesen erblickt zu haben. Er erstarrte, als sich ein besonders unerfreuliches Exemplar davon an ihn drückte und ihm ihren nach Bier stinkenden Atem ins Gesicht hauchte.

„Suchst du mich, mein Hübscher?" Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie, unter der Kapuze einen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Grelle Farbe verunstaltete ihre noch viel zu jungen, doch verwüsteten Züge.

Aylas Hand schoss vor und grub sich in das verfilzte Haar der Frau. Grob zerrte sie sie von ihm fort und stieß sie gegen die Häuserwand. „Pack dich, du dreckige Schlampe!" zischte sie bösartig. „Wenn du ihn noch einmal anrührst, schlitz ich dir die Kehle auf."

„Reg dich nicht auf, Schätzchen", zeterte die andere los. „Ich konnte nicht wissen, dass er dir gehört. Er sollte Manns genug für uns beide sein."

Zum Glück bemerkte Haldir Aylas Griff zu ihrem Dolch schon im Ansatz, sonst hätte eine tote Dirne im Rinnstein gelegen. Er fing ihren Arm ab und zog sie rasch mit sich fort. „Schmeichelhaft, aber etwas heftig", raunte er ihr zu, als sie genug Entfernung zwischen sich und die kreischende Frau gebracht hatten. „Wir werden bald in Blut waten, wenn du dich nicht beherrscht."

„Dieses Weib war widerlich." Ayla schüttelte sich. „Angepinselt wie ein Farbkasten und sie hatte überhaupt nichts an."

„Etwas schon", lächelte Haldir unwillkürlich. „Es war nur nicht ausreichend."

„Alle Kleidung Arenors wäre nicht ausreichend, diese Schlampen hier anständig zu bedecken." Schnaubend wandte sich die Herrin Arengards und aller Arenai ab, weshalb ihr zum Glück die belustigten Blicke entgingen, die die beiden Elben tauschten, bevor sie ihr und ihren Breill-Führern folgten.

Dafür, dass sie sich unauffällig unter die Menschen hatten mischen wollen, folgte ihnen mittlerweile eine Spur aus Ärger und Zerstörung. Mehrere Betrunkene hatten sie angepöbelt, ein Dieb sich an Drangars Geldbeutel vergreifen wollen und dies mit einem gebrochenen Kiefer bezahlt. Am schlimmsten erwischte es jedoch den betrunkenen Söldner, der die Schildmeisterin in eindeutiger Absicht angefallen hatte. Dass er nicht ihren Dolch im Bauch hatte, verdankte er lediglich der Tatsache, dass Boyar etwas schneller gewesen war und ihn sich persönlich vorgenommen hatte. Nach den Geräuschen, die aus dem dunklen Torweg gedrungen waren, in den der Arenai ihn gezerrt hatte, würde er lange Zeit niemandem mehr zu Nahe treten.

Als sie endlich ihr Ziel erreichten, war Dingis nur noch ein nervöser Schatten seiner selbst. Mit hektischen Bewegungen nötigte er sie durch einen breiten Torweg, über dem ein grauenhaft schlecht gemaltes Schild hing. ‚Zum roten Busch' hieß das Gasthaus, das einen kleinen Hof umschloss und über Ställe und Unterstände verfügte. Das Haus selber war recht groß und der Hof sauber, was Hoffnung machte. Dingis stieß die schwere Holztür auf und sie betraten einen überfüllten Schankraum, der von den Stimmen seiner zahlreichen Gäste nur so summte.

Auch wenn er noch nie in seinem langen Leben ein Wirtshaus von Innen kennen gelernt hatte, so waren Haldir doch einige Erzählungen über diese menschlichen Versammlungsorte zu Ohren gekommen. Offenbar zählte der ‚Rote Busch' nicht zu den schlechtesten seiner Art, denn es war beinahe sauber und nirgendwo lagen Betrunkene oder Tote herum. Mit dem Instinkt des wahren Geschäftsmannes erkannte der Wirt sofort die lukrative Einnahmequelle, die soeben sein Haus betreten hatte. Er verließ den schlichten Schanktisch an der Stirnwand des Gastraumes und kam freudestrahlend auf sie zu.

„Neuankömmlinge", rief er händereibend. „Was führt euch in mein Haus, ihr Herren?"

„Geschäfte", erklärte Dingis mit einer großspurigen Geste. „Meine Herren wollen Sklaven erwerben. Wir hörten, es findet morgen ein Markt statt."

„Das ist wahr, jaja." Die roten Wangen des Mannes färbten sich noch mehr. „Dann werden deine Herren eine Übernachtung brauchen. Ich habe Zimmer im oberen Geschoss für Gäste wie sie. Schöne Räume, keine Ratten oder Ungeziefer."

Das wagte Haldir zu bezweifeln, überließ es aber weiterhin Dingis, den Preis auszuhandeln, während er aufmerksam die Schankstube und die Gäste musterte. Die meisten schienen Reisende zu sein, einige wenige Söldner, die wahrscheinlich darauf hofften, in die Dienste eines ängstlichen Händlers genommen zu werden. Es war angenehm dämmrig in dem niedrigen Raum mit der rauchgeschwärzten Holzdecke, da durch die winzigen, mit buntem Glas verschlossenen Fenster kaum Tageslicht hereindrang. Nur Kerzen auf den grobgezimmerten Tischen beleuchteten die Gesichter der Gäste und das Feuer eines enorm großen Kamins, in dem sich auf einem Spieß so lang wie eine Lanze ein fettglänzender Braten drehte, der wohl einmal einer der allgegenwärtigen Ochsen gewesen sein musste.

„Frau!" brüllte der Wirt über seine Schulter und zog damit wieder Haldirs Aufmerksamkeit auf sich. „Rony, beeil dich, die großen Zimmer müssen hergerichtet werden."

Ein Wesen, so rund und rosig wie eine Klatschmohnblüte kam aus einem Korridor, umweht von Essensgerüchen, angetan mit einem langen, blassgrünen Kleid und einer blitzsauberen weißen Schürze. Glänzende himmelblaue Augen richteten sich auf die Besucher und dann, mit sehr viel weniger Freundlichkeit auf den Gastwirt.

„Was schreist du so, Mann? Ich habe sie schon gesehen, als sie durch das Tor kamen. Awyne ist bereits oben mit frischem Tuch und Wasser, damit die Zimmer bald bereit sind. Du solltest lieber dafür sorgen, dass die kleine Stube eingedeckt wird. Ich glaube nicht, dass diese Herren sich zu den anderen setzen wollen. Oder?"

Die Frage richtete sich an Haldir, der unwillkürlich auf die kleine Frau hinunterlächelte. „Eher nicht, Frau Wirtin."

Beim Klang seiner Stimme fuhr ihre Hand an ihre Kehle und sie seufzte beinahe schmerzlich auf. „So war doch nicht alles vergebens", murmelte sie dann und winkte sie hastig eine steile Treppe hinauf.

Sie folgten ihr in einen dunklen Korridor, von dem mehrere Türen abgingen. Drei waren geöffnet und junge Mädchen, eigentlich noch Kinder, hasteten mit Stapeln von Laken und Wasserschüsseln geschäftig hin und her. Das älteste Mädchen unter ihnen, das auf Befehl der Wirtin sofort die Vorhänge vor die Butzenfenster zog, musste die Tochter der Wirtsleute sein, denn sie war die jüngere und sehr viel anmutigere Ausgabe ihrer Mutter.

„Hilf deinem Vater mit der kleinen Stube", befahl Rony und scheuchte alle hinaus. Dann wandte sie sich den Breill zu. „Was ist nur in euch gefahren, sie herzubringen? Dingis, ich wusste schon immer, dass du als Kind deinen Verstand im Stadtgraben gelassen hast. Wenn erst bekannt wird, dass die Lichtbringer eingetroffen sind, wird jeder Verbrecher dieser Stadt nach ihnen suchen."

Etwas ähnliches hatte Haldir befürchtet, nachdem Rony so aufgebracht reagiert hatte. Wieder bereute er, dass er sich Ayla gebeugt und den Ausflug in diese Stadt zugelassen hatte.

„Sie wollten es unbedingt", verteidigte sich der Breill. „Außerdem glauben die Schwachköpfe am Tor, dass sie Südländer sind, die Sklaven kaufen wollen."

„Drangurus Atem soll dich verbrennen!" fauchte die Wirtin. Im nächsten Moment weiteten sich ihre Augen, denn die Elben hatten im Schutz des Zimmers die Kapuzen zurückgeschlagen. Ächzend plumpste sie auf einen Hocker. „Oh, Himmel! Ich werde Awyne festbinden müssen, dass sie euch zufrieden lässt. Südländer, so ein Unsinn!"

„Nun sind wir aber hier", ließ sich Ayla erstmals vernehmen und legte ebenfalls die Kapuze ab. „Und wir bleiben bis morgen, um zu erfahren, was es mit den gefangenen Nimjinds auf sich hat. Mach dir keine Sorgen, Frau, wir werden gut Acht geben."

Die Worte, in einem für die Arenai ungewöhnlich sanften und beruhigenden Tonfall gesprochen, erreichten allerdings genau das Gegenteil. Rony schlug die Hände vor die Wangen und schüttelte heftig den Kopf. „Ach herrjeh, das auch noch! Jeder Sklavenhändler der Ebene wird dir nachstellen, Herrin. Die Bergherren zahlen ein Vermögen für eine Frau wie dich."

Einen winzigen Moment blitzte in Haldir der Gedanke auf, dass es wahrscheinlich ein fabelhafte Idee wäre, die Arenai zu den Bergherren zu schicken. Es würde nicht lange dauern, und sie hätte sie in den Wahnsinn getrieben.

„Niemand rührt sie an", erklärte Boyar so selbstsicher, dass auch die Wirtsfrau neues Vertrauen schöpfte.

 Mit einem kleinen Schnaufer stemmte sie sich auf die Füße zurück und strich ihre Schürze glatt. „Wenn du es sagst. Nun, ich werde mich jetzt um euer Abendessen kümmern. Kommt herunter, wenn die Dämmerung beginnt. Ihr geht besser nicht über die Innentreppe. Vorne am Korridor ist eine Tür, die über die Hintertreppe direkt neben die kleine Stube führt. Wir werden den Durchgang zum Schankraum verhängen. Das ist nichts Ungewöhnliches und niemand wird sich etwas dabei denken."

Das nachfolgende Schweigen wurde nur von den Geräuschen unterbrochen, mit denen sich die Schildmeisterin aus ihrem Harnisch befreite. Es waren lange geübte Bewegungen, die eigentlich keine Zweifel daran aufkommen ließen, dass ihr das Kriegshandwerk nur zu vertraut war und sie sich ihrer Haut wehren würde, dennoch konnte Haldir nicht umhin, dass ihn zunehmend Sorge überkam. Auf offenem Feld war ihr Trupp gewiss einer großen Anzahl Angreifer überlegen, doch hier in dieser Stadt bewegten sie sich auf einem Schlachtfeld, das auch ihm völlig fremd war.

Dorian räusperte sich. „Dingis und ich werden uns etwas umhören. Bei den Nimjinds kann es sich nur um Angehörige von Beldoins Volk handeln. Vielleicht finde ich vertraute Gesichter unter ihnen."

„Drangar, begleite ihn", befahl Ayla. „Die Diebe hier scheinen Gold auch durch einen Lederbeutel hindurch zu erkennen."

„Sie riechen es", grinste Dingis im Hinausgehen.

Boyar und Gilawan folgten ihnen. Sie würden im Korridor Wache halten, damit niemand aus dem Schankraum auf die Idee kam, sich die geheimnisvollen neuen Gästen doch einmal näher anzusehen. Haldir schob die Vorhänge des zweiflügligen Fensters etwas zurück und beobachtete, wie die Breill und der Arenai das Gasthaus verließen und über den Hof wieder auf die Straße zurückgingen. Es wunderte ihn nicht einmal, dass sich aus dem Schatten der Stallungen eine abgerissene, kleine Gestalt löste und ihnen sofort folgte. Obwohl Dingis hier geboren war, konnte es für ihn und Dorian auch nicht ungefährlich sein, sich in Barcanem aufzuhalten. Der Breill-Führer dürfte unter den Menschen ein gesuchter Gesetzloser sein, auch wenn er wohl mehr Ehre in sich trug als jeder andere, dem er hier in Barcanem begegnet war. Sie konnten nur hoffen, dass niemand ihn erkannte.

Er setzte sein Vertrauen in diesem Fall auf Drangar, der während der kurzen Erkundung der Marsch Eindruck bei Gilawan hinterlassen hatte. ‚Kommt es irgendwann zum Kampf, möchte ich ihn doch neben mir wissen', hatte der Elbe bei seiner Rückkehr gesagt. ‚Er redet nicht viele Worte, doch sein Herz spricht von Treue und Tapferkeit. Es wundert mich, dass die Arenai es so lange vor uns verbergen konnten.'

Haldirs Blick wanderte zu seiner Zimmergenossin, die mit unter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Bett lag und offenbar an der niedrigen, dunklen Balkendecke nach einem Zeichen der Erleuchtung forschte. Ihre Abneigung gegen ihn war nicht groß genug, ihn aus den Augen zu lassen.

Sie würde sich nicht aus diesem Raum rühren und auch kein Wort sprechen, bis entweder die Breill zurückkehrten oder es Zeit war, den Gastraum aufzusuchen. Am besten ohne ihn und Gilawan, gut genug kannte er sie und ihre Gedankengänge inzwischen schon. Nicht, dass er ihr Schweigen nicht begrüßte. Es war allemal besser, als die spitzen Bemerkungen, mit denen sie jedes Gespräch mit ihm zu würzen pflegte.

Aber Elrond hatte ihn schließlich gewarnt. In diesen Zeiten trug der Herr von Gildanna schwer an seinen Gaben, die ihm die Zukunft enthüllten, denn er teilte sein Wissen nur selten mit anderen, auch wenn dies die Last gelindert hätte. Temlar mochte ihm eine Hilfe sein, war ihm der Blick in das, was da kommen würde, doch ähnlich eröffnet. Haldir beneidete keinen der beiden.

Er setzte sich auf die Bank unter dem Fenster und beobachtete, wie zahllose Gäste des ‚Roten Buschs' kamen und auch wieder gingen. Ein unruhiges Leben führten die Menschen, angefüllt mit so vielen unwichtigen Dingen und noch mehr Vorhaben, die ihnen nur Schlechtes brachten. Es musste an der kurzen Zeitspanne liegen, die ihnen nur vergönnt war, dass sie nie die Ruhe fanden, den Stimmen ihrer Umgebung zu lauschen und sich in den langsamen Lauf der Natur einzufinden.

Haldir versenkte sich in seine Erinnerungen, um der wirren Atmosphäre wenigstens eine kleine Weile zu entgehen. Noch einmal durchstreifte er in Gedanken Lothlorien, begleitet von seinen Brüdern, fand sich wieder in der Gegenwart seines Herrn Celeborn und seiner Gemahlin Galadriel in Caras Galadhon, umgeben von Lichtern und Stimmen seiner Freunde, die die alten Lieder zwischen den Telayn zu feinen Teppichen der Schönheit woben.

„Du summst." Ayla hatte sich aufgerichtet und musterte ihn nun missbilligend. „Entweder bist du jetzt still oder du singst, aber fang nicht auch noch an zu summen."

Abrupter hätte sie ihn nicht in die Wirklichkeit zurückbringen können. „Ich sollte dir brennende Kerzen in die Ohren stopfen, dann hättest du ein für allemal Ruhe."

Zu seiner Verwunderung hob sie beinahe entschuldigend die Schultern. „Ich kann nichts dafür, dass mich die Valar damit geschlagen haben."

„Womit?"

„Völlig unmusikalisch zu sein. Selbst Boyar findet inzwischen Gefallen an einigen euer Lieder. Kannst du Winterstein schneiden?"

„Wohl kaum."

„So hat jeder von uns seine Stärken und Schwächen, nicht wahr?" Sie trat zu ihm und warf einen prüfenden Blick durch die Scheibe. „Dämmerung. Es wird Zeit, Ronys Kochkünste auszuprobieren. Ich schlage vor, Gilawan und du macht es euch bei einem Bissen Lembas hier oben gemütlich, während wir unten auf die Breill warten."

Statt einer Antwort griff er zu seinem Umhang und ging auf den Korridor hinaus.

„Es war nur ein Vorschlag", hörte er sie hinter sich eher halbherzig schimpfen.

Die Hintertreppe ermöglichte es ihnen, unbemerkt von den übrigen Gästen den abgeteilten Raum zu erreichen, den Rony so zutreffend als kleine Stube bezeichnet hatte. Er war gerade groß genug für einen runden Tisch, der mit Steingut eingedeckt war und eine genügende Anzahl bequemer Armsessel aus einfach gearbeitetem Holz. Den Durchgang zum Schankraum hatte die Wirtin mit straff gespannten Decken verschließen lassen, damit auch nicht ein zufälliger Luftzug den Vorhang bewegte und womöglich ihre ungewöhnlichen Gäste den neugierigen Blicken weniger Wohlgesinnter preisgab.

Rony selber übernahm es, mit großer Geschäftigkeit Schüsseln und Teller mit dampfenden Gerichten aufzutragen, die sie durch eine zweite Tür direkt aus der Küche heranschleppte. Einzig Awyne durfte ihr helfen und das Mädchen schleppte eifrig gleich mehrere Zinnhumpen frisch gezapftes Bier herein. Langsam wurde klar, warum die Wirtin so besorgt gewesen war, denn Awyne war kaum von Gilawans Anblick loszureißen. Ständig strich sie um ihn herum, knetete verlegen ihre Schürze oder zupfte an ihren hellroten Locken, die sich aus der weißen Haube herauskringelten. Rony schob ihre hingerissene Tochter energisch wieder hinaus und schloss die Tür hinter sich.

„Wie kannst du nur so schamlos sein?" hörten sie sie in den Tiefen des Hauses zetern. „Einen so feinen Herrn mit den Augen zu verschlingen. Er wird denken, dass ich eine Dirne aufgezogen haben."

„Hübsches Ding, Gilawan", grinste Boyar zwischen zwei Bissen aus einer Hühnerkeule. „Kein Vergleich mit den Weibsbildern von der Straße."

Der Elb wölbte die Brauen. „Höre ich da Neid, Boyar?"

„Bah, ich bin sicher, dort draußen gibt es genug hübsche Jungfern für uns beide."

„Jungfern eher nicht", murmelte Haldir und begutachtete seinen Bierkrug. Das Gebräu schien trinkbar zu sein. Ayla jedenfalls ließ es sich schmecken. „Ist es gut?"

„Kommt drauf an, was du erwartest", erwiderte sie achselzuckend und wandte sich ihrem Essen zu. „Wir hätten Andoris vielleicht doch mitnehmen sollen, dann hättest du deine Ruhe, Gilawan."

„Aber Awyne wohl eher nicht", kam es gutmütig von Boyar. „Der Junge würde kaum Gilawans noble Zurückhaltung an den Tag legen."

„Wer sagt dir, dass ich zurückhaltend bin?" war die amüsierte Gegenfrage.

Ein Geräusch an der Hintertür beendete das Geplänkel. Unterdrücktes Keuchen war zu hören, dann ein Würgen. Irgendjemand übergab sich dort und das würde Rony kaum erfreuen. Im nächsten Moment flog die Tür auf und Drangar stieß Dingis mit einem lauten Fluch vor sich her. Wie ein welkes Blatt im Herbstwind segelte der Breill durch den Raum, prallte an die gegenüberliegende Wand und rutschte wie ein nasser Sack daran herunter, ein seliges Lächeln auf den Lippen. Dorian quetschte sich hinter Drangar in die Stube und schloss hastig die Tür.

„Zu viel Bier und andere Sachen", grollte der Arenai. „Er hat sich eine von den Goldscheiben geangelt und sich vollaufen lassen, während Dorian und ich auf dem Sklavenmarkt waren."

„Doch es ist nichts passiert", beeilte sich Dorian zu versichern. „Wahrscheinlich hat er so hastig getrunken, dass er noch niemandem aufgefallen war."

In Momenten wie diesen bewunderte Haldir die Schildmeisterin widerwillig. Anstatt sich aufzuregen, streifte sie den sabbernden Dingis nur mit einem kurzen Blick und zog dann mit dem Fuß einen Stuhl für Dorian heran. „Setz dich und iss erst mal, du musst hungrig sein. Hattet ihr Erfolg, Drangar?"

Ihr Krieger hatte sich an Boyars Bierkrug bedient und wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. „Es sind fünfzehn und so wie der Junge sagt, gehören sie alle zu Beldoin. Frauen und Kinder sind darunter. Komische Figuren übrigens. Jetzt verstehe ich auch, warum das Schwert so klein war."

„Zwerge, Drangar, ob nun weiß oder eine sonstige Farbe. Natürlich sind die klein." Ayla runzelte die Stirn, als Dingis erneut zu würgen begann. „Wenn er mir das Abendessen verdirbt, ist er tot."

Dingis biervernebeltes Gehirn musste einen Rest Überlebenskraft enthalten, denn das furchterregende Geräusch aus den Tiefen seiner Kehle verstummte endlich.

„Was werdet ihr unternehmen?" fragte Dorian in die abwartende Stille.

„Wir? Warum denkst du, dass wir etwas tun sollten?"

„Es sind meine Freunde! Außerdem wird Beldoin es euch danken."

Mit einem Seufzer schob die Arenai ihren Teller beiseite. „Ich denke, die Entscheidung überlasse ich Haldir."

Vier Augenpaare richteten sich nun gespannt auf ihn und ein fünftes, steingrau und boshaft glitzernd, kam noch hinzu. Er stand langsam auf, erwischte in einer raschen Bewegung ihr Handgelenk und zerrte sie dann mit sich durch die Hintertür. Eigentlich war ihm danach, sie anzuschreien, doch dafür hörten die Ohren hinter der Tür einfach zu gut. „Was bezweckst du damit?"

Zumindest besaß sie soviel Anstand, jetzt keine Überraschung zu heucheln. „Seit Wochen werde ich mit guten Ratschlägen versorgt, mich nicht länger als eure Beschützerin aufzuspielen. Erst Temlar, dann Elrond, du natürlich und selbst Elcaran konnte sich nicht zurückhalten. Also bitte, mein elbischer Waffenbruder, was immer du wegen dieser bedauernswerten Kreaturen auf dem Sklavenmarkt entscheidest, ich werde dir folgen."

„Du willst also die Verantwortung auf meine Schultern abwälzen?"

Ayla zog die Hintertür wieder auf. „Nur teilen, Waffenbruder, nur teilen. Außerdem sind deine Schultern breit genug, diese Last zu tragen."

Haldir verabscheute Zwerge, selbst der Tod hatte daran nichts ändern können. Sie wühlten und gruben in der Erde, waren in ihrer Gier auf Juwelen und Edelmetalle den Menschen sogar noch überlegen und die schlimmsten Bundesgenossen, die man sich vorstellen konnte. Viel besser konnten diese Nimjinds kaum sein, auch wenn es ihn aus Dorians Erzählungen wunderte, dass sie offenbar wie Bauern lebten. Doch sie mussten sich die Unterstützung der Breill erhalten und dies ging offenbar nur über die Nimjinds.

Orome steh mir bei, dachte er nur, als er sich den geballten Erwartungen der Männer in der kleinen Stube stellte. Sogar Dingis hatte es trotz Vollrausch fertig gebracht, wenigstens ein Augenlid zu heben und ihn sabbernd wie ein Schwachsinniger anzublinzeln.

„Wir werden den Markt aufsuchen. Wenn es gefahrlos möglich ist und unsere Mittel dafür reichen, werden wir deine Freunde auslösen." Er ignorierte Dorians glühende Dankbarkeit und bemühte sich auch nicht, die Strenge seiner Stimme zu mildern. „Sollte ich auch nur die Ahnung einer Gefahr dort haben, ist sofort alles vorbei."

***

Schon nach dem ersten Schritt auf diesen Markt, der mehr eine überdachte Halle mit hohen Holzbänken an den Seiten war, hätte er den Befehl zur Umkehr geben sollen. Wenn Barcanem die Hölle war, so konnte dies nur ihr Zentrum sein. Menschen und Zwerge in Käfigen, dem Tod in ihrer Angst näher als dem Leben, füllten das sandgestreute Rund, aus dem sich eine Art Kanzel erhob, in der ein grobschlächtiger Mann brüllend die Waren anpries. Gehilfen liefen zwischen den Käfigen umher, zerrten gelegentlich eines dieser verlorenen Geschöpfe hinauf auf die Kanzel, damit die Käufer, die dichtgedrängt die Ränge füllten, es besser begutachten konnten. Der Lärm hier war ohrenbetäubend, alle schrieen durcheinander und es war Haldir ein Rätsel, wie überhaupt eine Versteigerung in diesem Hexenkessel einen ordentlichen Verlauf nehmen sollte.

Sie waren auf den wieder ernüchterten Dingis angewiesen, da auch Dorian sich in diesem Geschäft nicht auskannte. Bewacht von Drangar, dessen oberste Aufgabe es nun war, den Breill von den zahllosen Bierständen fernzuhalten, die sich rund um die Ränge drängten, schlenderte Dingis zwischen den Käfigen umher, sprach hier mit einem Käufer, da mit einem Verkäufer und kreiste dabei immer mehr den einen Käfig ein, in dem sich die Nimjinds drängten. Die Männer schlossen in ihrer Mitte die Frauen und Kinder ein und schreckten mit ihren grimmigen Mienen die meisten Käufer schon im Vorfeld ab.

Haldir kannte Zwerge und diese hier unterschieden sich deutlich von denen Mittelerdes. Zum einen mussten sie unter den Schmutz- und Blutschichten eine sehr viel hellere Haut als ihre schürfenden Brüder haben, zum anderen waren sie bartlos. Eine Eigenart, durch die ihre groben Züge bei Frauen und Männern gleichermaßen auch nicht unbedingt ansprechender wurden. Flachsblond oder hellrot leuchteten ihre kurzgeschorenen Haare, die nur am Hinterkopf so lang waren, dass sie in einem dicken Zopf zusammengefasst und mit breiten Bändern umwickelt waren. 

Es waren die Kinder unter ihnen, die mit weitaufgerissenen Augen verstört am Boden kauerten und durch die alte Abneigung hindurch sein Herz rührten.

„Orbath wird nicht viel Freude mit ihnen haben", vernahm Haldir den Kommentar eines Mannes zwei Reihen unter ihnen. „Es heißt, sie sind mit ihrem verlausten König in den Kampf gegen die Drakan gezogen und jetzt wollen nicht einmal die Bergherren sie für den Amon Naith. Kein Wunder, dass er sie nicht nach Naubar geschafft hat."

„Sonst taugen sie für nichts", stimmte ihm sein Sitznachbar zu. „Stur wie ein Holzklotz und in Gedanken immer bei einer Flucht. Man kann sie nur in Ketten legen und in die Wassermühlen schicken."

„Das macht es nicht leichter", raunte Gilawan aus dem Dunkel seiner Kapuze. „Wir werden die einzigen sein, die an ihnen Interesse zeigen."

„Aber billiger", kommentierte Ayla ungefragt und mitleidlos. „Und hoffentlich schneller. Wenn ich das hier noch lange ertragen muss, fange ich an zu schreien."

Offenbar hatten sich die Valar wirklich noch nicht völlig von Escalonde abgewandt und zumindest die Worte der Schildmeisterin waren an ihr Ohr gedrungen. Dingis kam nun die Ränge hinauf und ein Mann folgte ihm, der sein Bruder hätte sein können. Haldir hatte ihn schon zuvor bemerkt, da er sich ständig bei den Nimjinds aufgehalten und die gelegentlichen Fragen der Käufer beantwortet hatte.

„Das ist Braccin", wurde er von Dingis vorgestellt. „Orbaths Vermittler. Er hat vernommen, dass ihr an der kompletten Ware interessiert seid. Möglicherweise lässt sich der Handel ohne die Versteigerung schließen."

„Eine Preisfrage", grinste Braccin mit eifrigem Nicken. „Mein Herr Orbath bittet euch in sein Lager, dort können wir in Ruhe verhandeln."

Ein Geschenk des Himmel, doch trotzdem empfand Haldir ein seltsames Widerstreben, als er sich nun erhob und sie alle dem kleinen, dünnen Mann die Ränge hinunter folgten. Zum Glück kam gerade eine größere Anzahl kräftiger Bauernburschen zur Versteigerung und lenkte die Aufmerksamkeit weg von der geheimnisvollen Gruppe, die das Versteigerungsrund betrat und an seiner Seite entlang ging, bis sie durch eine schmale Tür in den Eingeweiden der Tribünen verschwand. Es ging durch das Gewirr der Holzbalken und schließlich in einen ebenfalls hölzernen Gang, der nach kurzer Zeit wohl eines der Häuser am Rande des Marktes erreichte, denn eine Tür öffnete sich vor ihnen und sie standen in einem recht großen, wenn auch niedrigen Raum mit steinernen Mauern und verhängten Fenstern. Zwei bis an die Zähne bewaffnete Hünen erwarteten sie dort. Drangar und Boyar, beide mit der Hand am Schwertgriff standen sofort wie hergezaubert zwischen den Wächtern und dem Rest der Gruppe.

„Nur Ruhe", meinte eine sanfte Stimme aus dem Hintergrund des Raumes. „Lasst meine Kunden passieren, ihr Hohlköpfe."

Die Wächter, von denen noch drei weitere durch eine Tür zur Linken traten, zogen sich an die Wände zurück und gaben den Blick auf einen großen, mit Silber eingedeckten Tisch im Hintergrund frei. Ein Mann erhob sich dort, prächtig gekleidet und größer als jeder andere, dem sie bislang hier begegnet waren.

Haldir fühlte einen kurzen Schmerz, als er seinen Blick über das schmale Gesicht ihres Gastgebers wandern ließ. Elbenblut floss in diesen Adern und es war stark, doch auch so verdorben, dass es den Mann wie ein dunkler Schatten umhüllte.

„Tretet näher", wurden sie nun aufgefordert. „Aus der Entfernung macht es sich schlecht Geschäfte. Legt doch bitte eure Mäntel ab."

Ganz bestimmt nicht, dachte Haldir und gab Dorian ein Zeichen. Der Breill trat nun alleine einige Schritte vor.

„Meine Herren zeigen Fremden niemals ihr Gesicht", behauptete Dorian mit entschiedener Stimme. „Du kannst ihr Gold sehen, Herr Orbath, mehr braucht es nicht für ein Geschäft."

Anstatt beleidigt zu sein schmunzelte der Sklavenhändler. „Wahr gesprochen, Bursche. Nun, ich hörte, ihr interessiert euch für die Nimjinds."

„Die Gruppe in Käfig drei", warf Braccin beflissen ein.

„Ich weiß, wer gemeint ist", zischte Orbath, um sofort wieder ein Lächeln über seine kalten Züge zu decken. „Kräftige Burschen, sehr emsig. Es dauert zwar eine Weile, bis man Gehorsam in ihre Schädel geprügelt hat, aber dann schuften sie ohne Murren."

„Es heißt, sie haben sich gegen die Drakan erhoben", sagte Dorian gedehnt.

Mit einer eleganten Geste verwarf Orbath diesen preismindernden Einwand. „Und wurden geschlagen. Sie sind der kümmerliche Rest und werden deinem Herrn keine Schwierigkeiten machen."

„Gut genährt sehen sie ebenfalls nicht aus." Dorian wurde nun hartnäckig. „Außerdem sind Kinder dabei."

„Das hält die anderen bei der Stange." Orbath goss sich einen Becher Wein ein, seinen Gästen bot er erst gar nichts an. „Wir stopfen sie noch einmal mit Essen voll, dann halten sie ohne Schwierigkeiten bis zur Südküste durch. Daher kommt ihr doch wohl, wie man mir berichtete."

„Nenn den Preis", wich Dorian aus. „Für alle zusammen."

Mit einem Zungenschnalzen lehnte sich der Händler gegen die Tischkante. Scheinbar nachdenklich drehte er seinen Silberpokal in der Hand und seufzte schließlich. „Es fällt mir schwer, sie aus der Versteigerung zu nehmen. Sie würden sehr viel einbringen."

Von wegen, dachte Haldir, dem dieses erbärmliche Theaterspiel langsam auf den Magen schlug.

„Also gut, drei Goldstücke für jeden."

Auch fünf Goldstücke hätte Haldir gezahlt, um endlich diesen Raum und die ganze Stadt verlassen zu können, doch offenbar gab es Spielregeln, die nun befolgt werden mussten.

„Bah!" schnappte Dorian. „Du beleidigst meine Herren. Drei Goldstücke für jeden! Wir geben höchstens zwei für die Männer und je eines für Frauen und Kinder."

„Das deckt nicht einmal die Kosten ihrer Gefangennahme."

Ein ermüdendes Geplänkel ging hin und her, an dessen Ende Dorian sogar den Anschein erweckte, Haldir von dem Geschäft abzuraten. Eine Entscheidung, die der Elb an diesem Punkt nicht mehr so getroffen hätte, denn lieber würde er einen Trupp Zwerge freikaufen, bevor er sie diesem gnadenlosen Geschöpf vor ihm überließ.

„Nicht einen Ton sprecht ihr, doch seid ihr harte Genossen", beschwerte sich Orbath und lächelte dabei. „Also dann, drei für die Männer, zwei für die Frauen und eins für die Kinder. Mein letztes Wort."

Haldir nickte nur und Dorian zückte sofort den Beutel, um das Gold abzuzählen.

„Braccin wird sich darum kümmern, dass sie sofort aus der Versteigerung geholt werden und zu eurer Abreise bereit stehen. Ich schicke einen Boten in den Roten Busch, wenn es soweit ist."

„Ich bleibe hier, dann kann ich sie mitnehmen und die Herren werden nicht länger damit belästigt", erklärte Dingis schnell und zog den Gehilfen mit sich hinaus.

„Wie lange wollt ihr eigentlich noch in unserer schönen Stadt verweilen?", erkundigte sich Orbath beiläufig, während das Gold sorgsam auf den Tisch gestapelt wurde. „Es gibt viel Abwechslung für reiche Kaufleu-!" Mit einem Ruck hatte sich der Mann von der Tischkante gelöst, sein Blick war an Haldir vorbei gerichtet und blanke Gier verzerrte seine Züge.

Es gab nur eines in Haldirs Rücken, das diese Reaktion auslösen konnte. Ein rascher Blick über die Schulter bestätigte seine Befürchtung. Wie es geschehen war, würde wohl ein Rätsel bleiben, doch Aylas Kapuze war heruntergerutscht. Vielleicht hatte sie sich unruhig bewegt, vielleicht war es auch einfach eine kleine Boshaftigkeit der Valar, doch der Schaden war angerichtet. Orbath und mit ihm seine Männer rückten einige Schritte näher.

„Kein Wunder, dass du sie verbirgst", murmelte der Sklavenhändler. „Du willst sie nach Naubar bringen und den Agenten der Bergherren anbieten, nicht wahr? Diese dunkle Blüte werden sie dir in Gold aufwiegen."

In einer einzigen fließenden Bewegung rückten die beiden Elben zusammen, schlugen ihre Umhänge über die linke Schulter und legten die Hände auf die Schwerter. Boyar und Drangar nahmen zu den Seiten Aufstellung, während Dorian sich beeilte, vom Tisch wegzukommen und wieder zu ihnen zu gelangen. Haldir vernahm das scharrende Geräusch, mit dem Ayla ihren Dolch zog. Die Männer hatten den schützenden Kreis um sie so eng geschlossen, dass sie mit einem Schwertstreich nur einen der ihrigen verletzt hätte.

Tbc

@Shelley: Ich denke auch, dass Glorfindel und Glorfindel ein und derselbe sind. Es wäre nett, wenn er hier auch noch Unruhe stiftet, aber hat er nicht ein kleines bisschen Ruhe auf Valinor verdient? Beim letzten Mal ist er ja nicht mal übers Foyer hinausgekommen. Nachher stiehlt er Elrond die ganze schöne Aufmerksamkeit beim Herummetzeln.

@Loriel: Autsch, Zahn ist wirklich übelst. So hart kann man gar nicht sein, dass man dann nicht flachliegt. Mein Mitleid schleicht dir nach. Ach ja, angefangene Gesichten pflastern den Weg jedes Autors. Da hat man eine so nette Idee, schreibt heftigst Wort um Wort und dann geht einem irgendwann die Puste aus. Anfänge sind noch übler, weil man eigentlich sofort zum Punkt kommen will und sich erst mit allem möglichen abmühen muss...tiefer Seufzer...solltest du jedoch einen Anfang haben, mail mir...smile... Neugierde ist mein zweiter Vorname und ich liebe Haldir-Geschichten.

@MysticGirl: Glorfindel hat gar keine Zeit für Petitionen. Der schleicht in Begleitung seines treuen Suchhundes Purzel über Valinor und forscht nach dem kurzfristig über Bord gegangenen Elrond. Lass den Balrog-Töter seine Arbeit machen. Mitteilung von Elrond: Wer hat behauptet, Arenor ist eine Demokratie? Was ich sage, wird auch gemacht. Jagd wieder freigegeben...nazgul-Augenbraue zuckt hoch...und lass Haldir zufrieden...einmal mit dem neuen Zauberstab aus der Winkelgasse gewedelt...so, nu sieht er wieder aus wie er aussehen soll...nochmal gewedelt und gewuscht...ab nach hause, Jungs, ihr sollt auf Imladris aufpassen...Zwillinge verpuffen in kleinen rosa Wölkchen... Noch Fragen?

@Amelie: Elrond kommt und wie er kommt...stutz...äh, so war das nicht gemeint. Jedenfalls bekommt er genug zu tun, gleich im nächsten Chap. Heilen, reden, retten,  planen. Irgendeiner muss schließlich in dem Trupp einen klaren Kopf behalten. Kämpfen darf er auch, später. Mdme d'Escalonde?...kicher…Ayla mit Puderperücke und Seidenkleid...noch mehr kicher...eigentlich habe ich es aus esgal (Versteck, geheim) und londe (Hafen) etwas frei zusammen gebastelt.