Disclaimer: Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben, der Rest ist im weitesten Sinne abgeleitet und dient nicht meinem Broterwerb.

9. Kapitel

Die Natur hatte mittlerweile vor der Höhe, die sie erreicht hatten, kapituliert. Nur hier und da fanden sich in dem ausgedehnten Geröllfeld noch Moose und andere niedere Pflanzen, die das raue Hochgebirgsklima auszuhalten vermochten. Der Untergrund wurde sehr viel schwerer gangbar, auch wenn er für die Elben nicht wirklich ein Problem darstellte. Haldir machte sich eher Gedanken um Hivia, die angestrengt versuchte, mit ihnen mitzuhalten. Mehr als einmal rutschte sie ab und musste dann erneut über den losen Untergrund hinter ihnen her stolpern. Da Elrond offenbar entschlossen war, die Arenai zu ignorieren, blieb es dem Waldelben überlassen, ein Auge auf sie zu haben und sie mit sich zu ziehen, wo es über kleinere Spalten oder Felsgruppen ging.

„Ihr müsst keine Rücksicht auf mich nehmen", meinte sie nach Atem ringend, als er sie wieder einmal kurzerhand über eine Felsspalte gehoben hatte. „Mit Bergen kenne ich mich aus."

„Ihr wart schon einmal hier oben?"

Zu seiner Verwunderung lachte sie. „Himmel, nein! Keine zehn Pferde hätten mich freiwillig hier rauf gebracht. Meine Erfahrungen habe ich in einer anderen Felswand gesammelt."

„Ein Traum", vermutete er.

„Was sonst?" Verbissen nahm sie die Wanderung wieder auf, um nicht ganz den Anschluss an Elrond zu verlieren, der nur noch ein kleiner Punkt weit über ihnen war.

Haldir musterte die Arenai verstohlen. Von allen ihres Volkes schien sie am wenigsten unter den Erfahrungen gelitten zu haben, die diese Träume wohl mit sich gebracht hatten. Viel wussten die Elben selbst jetzt nicht darüber, denn die Arenai schwiegen, wann immer das Gespräch darauf kam.

„Ich hätte gar nicht davon anfangen sollen", seufzte Hivia einige Minuten gespannten Schweigens später. „Jetzt wollt Ihr natürlich wissen, was das für ein Traum war und ich kann meinen Mund einfach nicht halten."

„Wart Ihr auf vielen Traumwanderungen?" fragte Haldir.

„Zehn." Sie zog eine Grimasse. „Das ist bei meiner Lebensspanne sehr wenig. Ayla zum Beispiel ist nicht viel älter und wurde dreimal so oft gerufen. Ist Euch aufgefallen, dass sie trotzdem so gut wie keine Narben hat?"

„Nicht wirklich", antwortete er gedehnt. Die Schildmeisterin war kein Thema, das er gerne anschnitt. „Ist das so ungewöhnlich?"

„Aber ja, wenn man bedenkt, in was die Valar sie nach und nach hineinschickten. Ich hätte wahrscheinlich keinen einzigen dieser Träume überstanden. Aber ich bin auch nur eine lausige Kämpferin. Selbst dieser Gebirgstraum hätte mich fast umgebracht und das war einer meiner ersten. Es steigert sich, wisst Ihr, je mehr man überlebt, desto grauenhafter werden sie." Hastig griff sie nach seiner Hand, als der lockere Boden wieder unter ihr nachgab. „Danke, Ihr seid wirklich freundlich. Wenn es nach unser aller Herr und Meister da vorne ginge, würde ich jetzt Kopf über bis nach Gildanna rutschen."

„Ihr geht ihm auf die Nerven", schmunzelte er unwillkürlich.

Hivia schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Ich weiß, aber Ayla meinte vor ihrer Abreise, dass Elrond ein bisschen Aufheiterung gebrauchen könnte, da uns so schwere Zeiten bevorstehen."

Hivia auf den Elbenlord anzusetzen war eine so boshafte Taktik, dass Haldir ihr das sofort glaubte. „Tatsächlich?"

Mittlerweile war es so steil geworden, dass die zierliche Arenai nur noch zu einem zustimmenden Laut fähig war und sich ansonsten darauf konzentrierte, sicher einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Erleichterung, als sie endlich auf einem kleinen Plateau rasteten, war ihr so deutlich anzumerken, dass selbst Elrond versöhnlicher wurde.

„Es kann nicht mehr weit sein", erklärte er ungefragt. „Wenn Ihr wollt, könnt Ihr hier auf uns warten, Hivia."

„Schon gut", wehrte sie ab. „Es ist eben nicht jedem gegeben, durch Steilwände zu turnen. Gibt es hier eigentlich Raubvögel?"

„In den westlichen Felswänden nisten einige Adler", überlegte Haldir. „Aber Berichte von anderen Raubvögeln sind mir nicht zu Ohren gekommen."

„Oh gut. Ich hasse Raubvögel. Der aus meinem Traum war widerlich und groß und hat mir fast den Kopf abgerissen, als ich dieses verdammte silberne Ei aus seinem Horst stehlen wollte." Offenbar fiel ihr auf, dass ihre Zuhörer ihr nicht ganz folgen konnten. „Es ist so mit den Traumwanderungen: wenn man gerufen wird, begibt man sich auf den Weg und während man ihn geht, versteht man ganz von selbst, was man zu tun hat. Mein Weg führte mich damals in ein ziemlich ödes Gebirge und ich wusste, dass ich hoch hinauf muss zu einem Vogelnest, um ein Ei zu stehlen. Es konnte doch niemand ahnen, dass dieses Vieh, dem das Ei gehörte, so groß wie ein Haus war und unbedingt an der steilsten Stelle nistete."

Elrond bedachte sie mit einem so langen und nachdenklichen Blick, dass sie nervös hin und her rutschte. „Ich nehme an, dieser Vogel war auch nicht sehr erfreut, als Ihr dort auftauchtet."

Die Erinnerung war so stark, dass sie für kurze Zeit die Maske steter Heiterkeit auslöschte. Hivia war eine Arenai wie die anderen auch, geprägt von mörderischen Erinnerungen. Mit einem Händeklatschen vertrieb sie den Eindruck wieder. „In letzter Zeit ist kaum einer bei meinem Anblick erfreut, Ihr am allerwenigsten. Aber das macht nichts, Meister Elrond, dafür ist Haldir unelbisch nett zu mir."

Der nahm das zweideutige Lob mit einer Grimasse hin und gab ihr einen leichten Stoß, damit sie sich wieder in Bewegung setzte.

Er konnte das Ziel, was immer es auch war, ganz in ihrer Nähe spüren. Sie waren noch nicht sehr viel weiter gekommen und bewegten sich nun unterhalb der Schneelinie, als Elrond stoppte und auf einen glitzernden Fleck unterhalb eines Felsüberhangs deutete. „Dort muss es sein."

Als sie näher kamen, wurde der Fleck zu einer gleißenden, ovalen Scheibe, von der man den Blick abwenden musste. Erst wenige Meter vor dem Überhang legte sich der Felsschatten darauf und so erkannten sie einen der prächtigsten Schilde, die es jemals gegeben haben musste. Er schien aus reinem Mithril sein, so schimmerte er, vollständig bedeckt mit handgroßen Figuren kämpfender Elben. Dazwischen glitzerten große Edelsteine in den unterschiedlichsten Formen und Farben. Es konnte nur einer der großen Krieger der Alten Zeit gewesen sein, der ihn einstmals besessen hatte, denn diese Art wurde nicht mehr gefertigt. Eine Aura der Trauer haftete ihm an, so verlassen wie er hier stand. Einfach aufgegeben von seinem Krieger, dem er gute Dienste geleistet haben musste.

Elrond hielt sich nur sehr kurz bei ihm auf, dann wandte er sich ab und nahm das letzte Stück auf die kleine Fläche unter dem Überhang. Tief darunter verborgen öffnete sich der Zugang in den Berg hinein.

„Wollt Ihr etwa da rein?" erkundigte sich Hivia alarmiert. „Alles mögliche kann da auf Euch lauern."

„Dann wartet eben draußen."

Brüsk ließ Elrond sie stehen und verschwand in dem Felsloch. Selbst Haldir war nicht unbedingt angetan von diesem Vorhaben, folgte ihm aber schweigend, wenn auch mit der Hand am Griff seines Dolches. Während er einem schmalen Gang folgte, der sich nur langsam verbreiterte, hörte er bald Hivias leichte Schritte und gemurmelten Beschimpfungen. Allerdings kam sie zur Ruhe, als sich vor ihnen eine weite Höhle öffnete, deren glatte Wände in einem geheimnisvollen Glühen leuchteten und die ganze Pracht dieses Ortes enthüllten. Elrond war in ihrer Mitte stehen geblieben, den Blick auf etwas gerichtet, das sich ganz am anderen Ende dieses Felsendomes befand.

Als Haldir neben ihn trat, atmete er scharf die Luft ein und konnte sich von dem Anblick ebenso wenig losreißen. Steinerne, mannshohe Säulen mit Feuerschalen auf ihrer Spitze umgaben im Halbkreis einen Alkoven in der Rückwand der Höhle, in dem eine einfache Steinliege stand. Ein Mann lag dort, scheinbar in tiefem Schlaf versunken, so entspannt ruhte er auf dem harten Bett, das er sich bereitet hatte.

„Mich trifft der Schlag!" Hivia zerstörte unbarmherzig jegliche Ergriffenheit. „Lebt der etwa tatsächlich noch?"

***

 „Der Weg ist gar nicht so steil", meinte Andoris und trat von der breiten Erdspalte zurück, die Escalonde in zwei Hälften zu teilen schien. „Wir könnten auch ein Seil spannen, mehr als einhundert Meter dürfte die Spalte kaum sein. Wir schießen es mit einem Pfeil hinüber. Auf der anderen Seite steht ein Baum, den ich als Ziel nehmen könnte."

„Wollt Ihr drüben zu Fuß weitergehen?" erkundigte sich Ayla harmlos. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Glormir hier über ein Elbenseil tänzeln will." Wie zur Bestätigung schnaubte der Hengst kurz und bedachte den Elb mit einem Blick tiefster Verachtung. „Dann wäre das also geklärt. Wir werden die Pferde in die Schlucht hinunter führen. Elcaran, ich möchte, dass du dich hinter uns hältst. Andoris, Ihr bleibt bei mir. Nehmt Euren Bogen, ich befürchte, wir werden ihn brauchen."

Nacheinander machten sie sich auf den in die Felswand geschlagenen Weg, der sich nur langsam dem tief unter ihnen liegenden Boden zuwandte. Es war eigentlich kein schwieriger Abstieg, so wie Andoris vermutet hatte. Der Weg war breit und gut gearbeitet, in regelmäßigen Abständen waren Eisenhaken für Fackeln in die Wände eingelassen, die zu anderer Zeit den Reisenden nach Naubar genug Licht geben würden, jetzt jedoch leer waren. Ein Werk Levarens, vermutete Ayla, um zuerst Angst in der zunehmenden Dunkelheit und dann Wehrlosigkeit zu verursachen. Weder Elbenaugen noch die der Arenai waren davon zu beeindrucken. Klar zog sich die Linie des Weges vor ihnen dahin und auch Hivias Prachtpferde nahmen gelassen Meter um Meter.

Sie waren schon halb auf dem Grund der Schlucht angelangt, als sie die ersten Bewegungen in der Wand gegenüber ausmachten. Gut getarnte Gestalten bezogen Stellung hinter Felsvorsprüngen, sich der Dunkelheit einfach zu sicher. Auch weiter vor sich, doch einige Meter über dem Weg entdeckten sie einige der umherhuschenden Wegelagerer, die offenbar vorhatten, sie mit Steinen zu beregnen.

„Es sind drei", meinte Andoris gedämpft. „Und ungefähr fünfzehn auf der anderen Seite bislang."

„Ich frage mich, ob sie in der Dunkelheit so gut sehen wie wir."

„Kaum", grinste Andoris sie an.

„Traut Ihr Euch die drei vor uns zu?" Dumme Frage, dachte sie sofort, er traut sich wahrscheinlich auch die gleiche Anzahl Balrogs zu.

Doch Andoris antwortete nicht sofort. Aufmerksam schätzte er den Abstand und die Höhe des Hinterhalts ein und nickte schließlich. „Nicht aus diesem Winkel, sie könnten sich zu leicht wieder auf die andere Seite des Vorsprungs zurückziehen. Ich muss höher kommen."

Ayla setzte bereits zu einem Nein an, als sie hinter sich das Geräusch fallender Steine hörte. Man war dabei, ihnen den Rückweg abzuschneiden und sie auf die Falle vor ihnen zuzutreiben. „Geht, aber-„

„Ich bin vorsichtig", nickte er, bevor er so sicher wie eine arenorische Bergziege, aber ungleich eleganter und schneller in die Felswand aufstieg.

Viel Zeit blieb ihr nicht, ihn zu beobachten, denn von der gegenüberliegenden Seite schwirrten die ersten Pfeile heran, schlecht gezielt und ausgesprochen kraftlos. Die Qualität der Bogen war offenbar nicht die Beste und die Weite der Schlucht zu überwinden das Letzte, was aus ihnen herauszuholen war. Ein großer Teil erreichte sie nicht einmal und segelte schon weit vor dem Ziel Richtung Schluchtboden.

Ayla lächelte unwillkürlich, als das so vertraute Geräusch eines Elbenbogens am Ende ihres Trosses erklang, gefolgt von einem Schmerzensschrei auf der gegenüberliegenden Felswand. Auch die acht Arenai hielten sich nicht lange damit auf, auf einen Befehl ihrer Schildmeisterin zu warten. Während ein Teil es übernahm, die ankommenden Pfeile mit ihren Schwertern abzulenken, damit nicht versehentlich einer der ihren oder womöglich Hivias Pferde getroffen wurde, hatten die anderen ebenfalls die Bogen vom Rücken genommen und ein gut gezielter und nach den Schreien zu urteilen tödlicher Regen flog durch die Schlucht. Mehrere Gestalten taumelten herum und stürzten in den Abgrund.

Trotzdem fand Ayla die Lage alles andere als zufriedenstellend. Selbst wenn sie ihren Weg weiter fortsetzen konnten, würden sie den Attacken hilflos ausgeliefert sein, wenn sie erst einmal den Grund der Schlucht erreicht hatten. Den Pfeilen ihrer Angreifen konnten sie hier in der Wand ausweichen, so wie dem, der eigentlich auf ihre Stirn gerichtet war und nun klappernd an den Felsen hinter ihr auftraf, aber bis sie die gegenüberliegende Seite der Schlucht erreichten, könnten sie sogar diese Bergbewohner abschießen wie Nonuks.

„Der Junge kommt zurück", seufzte hinter ihr Lemna erleichtert und kurz darauf löste sich Andoris aus den Felsen, um sicher neben ihr zum Stehen zu kommen.

„Hast du dir Sorgen gemacht?" Fröhlich stieß er die Arenai vor die Schulter, bevor er sich Ayla zuwandte. „Vorne ist nichts mehr. Die drei sind tot und die beiden anderen, die ein Stück weiter auf uns warteten, auch."

Das mussten deren Kumpane in der gegenüberliegenden Wand wohl ebenfalls festgestellt haben, denn nach einigen eher halbherzigen neuen Versuchen, sie vielleicht doch noch zu treffen oder zumindest die Pferde, was Ayla zunehmend verärgerte, verebbte der Angriff schließlich ganz.

„Was werden sie jetzt tun?" fragte Andoris, nachdem eine Weile Stille herrschte.

„Beraten, wie sie uns besser besiegen können", vermutete Ayla und beobachtete stirnrunzelnd eine rege Betriebsamkeit auf der anderen Seite. Vielleicht waren sie bislang auch nur auf die schlechtbewaffnete Vorhut getroffen. Wie es auch war, an dieser Stelle konnten sie jedenfalls nicht bleiben.

„Ihr da drüben!" Die laute, tiefe Stimme rollte wie Donner durch die Schlucht. „Niemand geht ohne unsere Zustimmung den Tiefenweg."

Also verhandeln... Ayla trat an den Rand des Weges und suchte die gegenüberliegende Felswand nach dem Rädelsführer ab. Sie erkannte auf einem Vorsprung einen selbst aus der Entfernung betrachtet hünenhaften Mann. „Wer sagt das?"

„Wer fragt danach?"

Sie verdrehte leicht die Augen. „Ayla von den Arenai."

„Du sprichst mit Melja Levaren", bekam sie nun eine Antwort auf ihre Frage. „Weißt du nicht, dass die Levarin niemanden mehr passieren lassen?"

„Wir haben es eilig und dies ist der kürzeste Weg."

„Er führt dich direkt in den Tod."

„So ein Unfug!" schrie sie nun endgültig wütend. „Wir müssen einen Freund aus Dra-Baran retten. Mir fehlt wirklich die Geduld, noch lange mit dir zu diskutieren. Wenn du uns nicht in Ruhe weiterziehen lässt, sorge ich dafür, dass die Levarin bald Geschichte sind."

„Das war nicht sehr diplomatisch", ächzte Andoris und fing sich dafür einen bitterbösen Blick ein.

„Aber irgendwie Arenai", kommentierte Elcaran vom Ende des Trosses aus.

„Sprichst du für sie alle?" erkundigte sich Melja nicht mehr ganz so drohend.

„Was denkst du wohl?" giftete sie zurück.

„Treffen wir uns unten in der Schlucht, nur wir beide."

Ayla brauchte nicht erst lange zu überlegen. Sie mussten auf die andere Seite und dies ging offenbar nur über diesen Levarin. Wenn er also direkt verhandeln wollte, würde sie ihm eben seinen Wunsch erfüllen. „Einverstanden. Wenn du mich hereinlegen willst, stirbst du mit einem Pfeil in der Kehle."

Da sie nicht vorhatte, den gesamten Abstieg zu laufen, stieg sie wieder auf Glormirs Rücken.

Elcaran stand mittlerweile neben Andoris am Rand des Weges und begutachtete den Schluchtboden. „Da unten sind sehr viele Felsgruppen. Du musst darauf achten, dass wir immer ein freies Schussfeld auf euch haben, sonst können wir dir nicht helfen. Er wird nicht wirklich alleine sein."

Ayla nickte nur und schlug Glormir dann leicht gegen den Hals. „Bring uns beide dort runter, mein Freund, auch wenn es ein ungemütlicher Ort sein wird."

***

Haldir streckte einen Arm zur Seite und hielt damit Hivias neugierigen Vormarsch auf. Egal, welche Kräfte Elrond nun entfesseln würde, die Arenai wäre ihnen kaum gewachsen. Aufmerksam beobachtete er, wie Elrond sehr langsam den Rest der Höhle durchquerte und an den Alkoven trat. Schon jetzt war zu spüren, dass hier zwei starke Willen aufeinander trafen. Der Mann, der dort wie tot auf der Liege ruhte, würde nicht in diese Welt zurückkehren wollen und Elrond konnte nicht zulassen, dass er weiter in seinem tiefen Schlaf verharrte. Sie brauchten diesen Schläfer, auch wenn er sich so weit vom Leben abgewandt hatte, wie es einem Elben auf Arenor nur möglich war. Äußerlich war von dieser Auseinandersetzung der beiden Männer nicht viel zu bemerken, die Luft flirrte in ihrer Umgebung nur etwas, aber auf einer anderen Ebene fochten sie einen erbitterten Kampf, der Haldirs feine Sinne überflutete.

Hivia hingegen zeigte sich nur wenig beeindruckt und bald auch die ersten Anzeichen von Langeweile. Nachdem sie eine ganze Weile den statuenhaften Elrond beobachtet hatte, begann sie, in der Höhle herumzuwandern. Gefangen zwischen den zwei Welten seiner Wahrnehmung konnte Haldir sich nur darauf beschränken, sie aus den Augenwinkeln zu beobachten und zu hoffen, dass sie nichts Verrücktes anstellte. Gerade als sich der Schlafende zum erstenmal rührte, langte die Arenai in eine schmale Felsnische und drehte sich dann mit einem Schwert in der Hand wieder um.

„Seht Euch das an, Haldir!" rief sie triumphierend und zog an dem reich verzierten Heft, bis die runenbedeckte Mithril-Klinge schimmerte. „Das muss Gilgrim, Theriadors Schwert sein. Temlar erzählte, dass es so ein Teil von ihm war, dass ihm die Valar gestatteten, es auf seine Reise mitzunehmen."

Das Beben, das daraufhin die unsichtbare Welt der Elbensinne erschütterte, brachte Haldir zum Straucheln. Elrond fuhr herum, unbändige Wut spiegelte sich auf seinen Zügen.

„Leg es sofort wieder hin!" donnerte er die verschreckte Arenai an, die augenblicklich ihre Hände öffnete.

Das Geräusch, mit dem das Schwert auf dem Felsboden landete, war noch nicht verklungen, als neue Laute zu hören waren. Erst tief im Berg selbst, dann immer näher kommend, machte sich eine Art Rumpeln bemerkbar, gleichzeitig wurde es wärmer und ein heißer Luftzug strich durch die Höhle.

„Wir müssen hier raus!" rief Haldir beschwörend, dem Elronds Zögern nicht entgangen war.

Es waren die ersten Othun-Steine, die glühend aus sich auftuenden Spalten von der Decke fielen, die die Entscheidung brachten. Elrond wandte sich von dem Schlafenden ab und setzte sich endlich in Bewegung.

Hivia war noch immer wie erstarrt und Haldir musste sie neben sich her schleifen, damit sie nicht einfach in diesem beginnenden Inferno stehen blieb. Theriador wollte nicht wieder in die Welt der Lebenden, er wollte auch nicht, dass sie eines seiner Besitztümer anrührten, das wurde mehr als deutlich, als sie sich einen Weg durch die immer stärker fallenden Steine bahnten, die mit ihrer Hitze die Luft zum Kochen brachten.

Haldir dankte seinem Schicksal, dass er heil aus dieser Hölle entkommen war, als er endlich den Ausgang erreicht hatte und seine überhitzten Lungen mit der kühlen Bergluft füllen konnte.

„Er will nicht", keuchte Elrond und lehnte sich erschöpft an die Felswand. „Wir werden einen anderen Weg finden müssen, Escalondes Licht zu finden."

„Wollt Ihr ihn etwa da verbrennen lassen?" Hivias Stimme zitterte vor Empörung. „Erst stört Ihr seine Ruhe und jetzt lasst Ihr ihn sterben?"

Wir haben das nicht getan!" herrschte Elrond sie an. „Wenn Ihr Eure Finger von Gilgrim gelassen hättet, würden dort jetzt keine Othun-Steine von der Decke fallen. Wenn also irgend jemand hier an seinem Ende schuld ist, dann sicherlich kein Elb."

In diesem Moment hätte Haldir schwören können, dass sie den Tränen nahe war, wenn das bei einer Arenai überhaupt möglich war. Bebend vor was auch immer stand sie vor Elrond, die Hände zu Fäusten geballt und ein bedenkliches Schimmern in ihren großen, himmelblauen Augen. Haldir wollte gerade irgendwelche tröstenden Worte murmeln, als sie sich mit einem wütenden Schrei umdrehte und in die Höhle zurücklief.

***

Sehr viel schneller, als sie selber das Tempo gewählt hätte, legte Glormir die restliche Strecke zurück und bewegte sich dann zielstrebig durch den Schluchtgrund auf eine einzelne Gestalt mit einer Fackel in der Hand zu, die wie eine Statue auf einem Felsen stand. Einige Meter entfernt ließ Ayla ihn anhalten und musterte eingehend ihren Widersacher, der schon aus der Entfernung imposant gewirkt hatte. Aus der Nähe war er Riese, gekleidet in eine bunt zusammengewürfelte Mischung aus kostbaren Stoffen, Leder und eine Rüstung, die er wohl aus den Überbleibseln erbeuteter Stücke seiner Feinde zusammengesetzt hatte, damit sie seinen massigen Körper überhaupt etwas bedecken konnte. Auf seinem Kopf war kein einziges Haar, stellte sie verblüfft fest, dafür aber wildverschlungene, schwarze Tätowierungen, die sich an seinem Hals fortsetzten und auch auf den Armen zu erkennen waren.

„Ayla von den Arenai", begrüßte er sie mit einer sehr viel wärmeren Stimme, als sie nach der Schreierei von Felswand zu Felswand erwartet hätte.

„Melja Levaren." Sie legte den Kopf etwas zur Seite. „Entweder bist du ein Dummkopf oder du meinst es ehrlich."

„Weil ich hier auf dem Felsen stehe?" lachte er dröhnend. „Ich weiß, dass deine magischen Bogenschützen dort oben lauern, die sogar im Dunkeln treffen. Wahrscheinlich können sie auch durch Steine schießen, es brächte also keinen Vorteil, mich zu verstecken."

„Du könntest mich als Geisel nehmen", schlug sie vor. „Oder versuchen, mich niederzustechen, bevor meine ‚magischen' Bogenschützen ihr Ziel getroffen haben."

„Ich glaube nicht, dass du eine angenehme Geisel wärst", grinste er sie breit an. „Dein Pferd wäre mir da schon lieber."

Glormir wandte ihm den Kopf zu und sein Gesichtsausdruck wurde zum Inbegriff von Arroganz.

„Er mag mich nicht." Melja Levaren schien nicht wirklich betrübt, sonst hätte er Glormir nicht zugezwinkert. Abrupt wurde er wieder ernst und verschränkte die muskelbepackten Arme vor seiner Brust. „Du willst also nach Dra-Baran?"

„Das sagte ich."

„Weil ein Freund dort gefangen gehalten wird?"

„Auch das sagte ich bereits."

„Den Weg kannst du dir sparen." Er schüttelte den Kopf. „Niemand verlässt Dra-Baran wieder als ein lebender Mensch."

„Er ist kein Mensch", berichtigte sie ihn. „Boyar ist auch kein Zwerg oder was sonst noch hier alles rumläuft. Wir sind Arenai, so leicht sterben wir nicht."

„Umso schlimmer", meinte er. „Wenn er so ist wie du oder deine Kämpfer, werden sie ihn sofort für die Drakan-Truppen aussondern. Er wird schon jetzt einer der ihren sein."

„Boyar kann man nicht einfach dazu zwingen."

„Ah, du weißt gar nichts. Ahnungslosigkeit und Mut sind keine guten Bettgefährten, Ayla von den Arenai." Mit einem Seufzer sprang er von dem Felsen und kam die wenigen Schritte zu ihr. „Lass uns ein Geschäft machen."

Fragend wölbte sie die Brauen, sagte aber nichts.

„Ich erzähle dir von Dra-Baran", begann er und strich gleichmäßig mit seiner riesigen Hand über Glormirs seidenweiche Mähne. Ayla ließ ihn gewähren. Wenn es dem Hengst zu viel würde, biss er dem Levarin wahrscheinlich ein Ohr ab. „Dafür erklärst du mir, wie man solche Waffen fertigt, die deine Krieger benutzt haben."

„Das soll der ganze Tausch sein?"

Sein Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Und du kannst den Tiefenweg benutzen, wann immer es dir gefällt."

„Ich bin kein Waffenschmied", seufzte sie. „Außerdem würden dir die Bogen, die wir benutzen, nicht helfen. Deine Männer könnten sie gar nicht erst spannen."

„Du bist so hochmütig wie dein vierbeiniger Freund." Aus schmalen Augen betrachtete er sie nochmals eingehend. „Doch eine Lügnerin bist du wohl nicht. Fremde Waffen, fremde Rüstung und diese Art zu sprechen...Es ist etwas Seltsames an dir, wie eine vertraute Erinnerung, die aber schon sehr lange zurückliegt. Alte Legenden fallen mir ein, an die ich nie geglaubt habe. Woher kommt ihr?"

„Osten."

„Aus dem grimmigen Wald?" überlegte er zweifelnd. „Du bist keine Ihainym."

„Weiter im Osten." Ihre Geduld war nicht sehr ausgeprägt. Sie verloren einfach zu viel Zeit. „Ist das so wichtig?"

„Es entscheidet darüber, ob wir Freunde oder Feinde sind. Weiter im Osten ist nichts, nur die Küste und die graue See, die niemand befahren kann."

Für einen Mann, der in einer Felsspalte lebte, kannte er sich recht gut aus. „Inzwischen ist dort doch etwas."

Melja Levaren schien zu einem Entschluss gekommen zu sein. „Dann lass uns unseren Handel ändern: erzähle mir von dem Ort, von dem du kommst."

„Jetzt?"

„Du kannst zumindest heute nacht damit anfangen", meinte er und trat wieder einen Schritt von Glormir zurück. „Wir werden uns abwechseln, dann hilft es uns beiden."

Sie hatte wohl kaum eine andere Wahl, wenn sie noch in diesem Leben die Schlucht verlassen wollte und so nickte sie. Zufrieden erwiderte er das Nicken und schwenkte dann seine Fackel. Sofort erhoben sich hinter ihm ein halbes Dutzend Männer, die in Mulden am Boden gekauert und sich mit Decken von der Farbe des felsigen Bodens getarnt hatte. Wenn er erwartet hatte, dass sie nun überrascht war, wurde er von ihrer Reaktion enttäuscht. Seine Männer hätten schon aufhören müssen zu atmen, um wirklich unentdeckt zu bleiben.

Sie wunderte sich eher darüber, dass die Aufmerksamkeit der Männer nicht ihr galt, sondern einem Punkt hinter ihr. Selbst Melja bewegte unruhig den Kopf und seine Hände schlossen und öffneten sich unbewusst. Mit einer dunklen Ahnung drehte sie sich um. Die unverwechselbaren Silhouetten von Elben malten sich auf zwei Felsen gut zwanzig Schritte hinter ihr ab.

„Wolltest du nicht alleine kommen?" erkundigte sich Melja mit einem recht sparsamen Lächeln.

„So wie du." Sie würde eine lange Unterhaltung mit Lemna führen, wenn das hier erst einmal beendet war. Andoris in die Felswand zu schicken war die eine Sache, ihn zu ihrer Rückendeckung herumschleichen zu lassen, eine ganz andere. Es war ein eher geringer Trost, dass Elcaran bei ihm war.

„Vielleicht war es kein guter Beginn", stellte der Levarin fest. „Lass uns essen, trinken und Geschichten erzählen, Ayla von den Arenai. Es kann nicht so viel geben, dass uns wirklich trennt. Sorge dich nicht wegen der Zeit, die dabei vergeht, die Levarin kennen nicht nur hier Wege, die dich schneller an Dra-Baran heranbringen, als es sich ein vernünftiger Geist wünschen sollte."

Sie sammelten sich in der Schlucht und durchquerten sie dann unter der Führung der Levarin. Der Tiefenweg begann auf der anderen Seite genau so, wie sie ihn bislang kennen gelernt hatten, doch nach kaum einem Drittel Aufstieg führte Melja Levaren sie durch einen geschickt verborgenen Durchgang in die Felswand hinein. Auch wenn er versicherte, dass die Wege im Innern für die Pferde gangbar waren, traute ihm Ayla noch nicht. Sie schickte einen Teil ihrer Arenai und Dingis mit ihnen den Tiefenweg hinauf, um sie dann später wieder dort zu treffen. Die Bremdal-Pferde waren nicht für einen Aufenthalt in einem umschlossenen Raum geboren worden, sie würden unruhig werden. Außerdem hatte sie in der Vergangenheit zu schlechte Erfahrung mit der Gier der Escalonder gemacht. Jedes einzelne dieser Geschöpfe war es wert, das Abkommen in Frage zu stellen.

Der Fels war nicht so massiv, wie es von außen den Anschein hatte. An manchen Stellen war er porös wie ein Schwamm. Dies hatten die Levarin genutzt und ein System von Tunneln und Höhlen hinein geschnitten, durch das die Gruppe nun geführt wurde. Alles war sauber und gut beleuchtet. Der Rauch der Fackeln zog durch dünne Kamine ab, die eher natürlichen Ursprungs zu sein schienen.

Sie begegneten einigen der Levarin auf ihrem Weg. Es waren allesamt schmale, hellhäutige Gestalten, ebenso abenteuerlich gekleidet wie ihr Anführer, mit schrägstehenden dunklen Augen, die neugierig über die Besucher glitten und sich an den Gestalten der Elben nicht sattsehen konnten. Den Arenai begegneten sie eher mit Scheu und wichen hastig aus, wenn diese dunklen Krieger sich ihnen näherten. Eines fiel Ayla am deutlichsten auf: auch wenn sie ebenso wild tätowiert waren wie ihr Anführer und Waffen bei sich trugen, so wirkten sie nicht wirklich wie die Horde gefährlicher Räuber, als die sie wohl allgemein verrufen waren. Je mehr sie von ihnen trafen, desto klarer wurde auch, dass Melja kein Levarin durch Geburt war.

Ihr Weg endete in einer recht großen Höhle, in der die Levarin offenbar lebten. Cronnfeuer glimmten, über denen Frauen Essen bereiteten. In den Wänden, erreichbar durch Leitern, waren Nischen gehauen. Einige waren mit Vorräten gefüllt, andere offenbar Orte zum Ruhen oder um sich aus dem Gewirr der Gemeinschaft zurückzuziehen. Auch Kinder gab es hier, die ohne jede Disziplin herumtobten und mit ihrem aufgeregten Kreischen die Luft füllten. Etwas, dass es auf Arenor nie gegeben hatte. Melja wurde von ihnen fröhlich begrüßt und er griff sich einen dieser kleinen Wilden, um ihn sich für eine Weile auf die Schultern zu setzen. An einem der größeren Cronnfeuer im Hintergrund der Höhle setzte er den Winzling wieder ab und schickte ihn fort.

„Setzt euch", forderte er seine Gäste auf und deutete mit großer Geste auf mehrere mit Fellen bedeckte Bänke, die rund um das Feuer gestellt waren. Beinahe erleichtert riss er sich die Rüstung vom Leib und warf sie auf einen Haufen ähnlich seltsamer Dinge in einer Ecke. „Und jetzt werden wir essen und trinken."

Ayla ließ sich widerstrebend auf der Bank nieder, eingerahmt von den beiden Elben und hinter sich Lemna und zwei weitere Arenai.

„Dra-Baran", murmelte er mehr zu sich selbst, während mehrere Frauen erschienen und Schüsseln und Krüge brachten. „Ich würde meinen rechten Arm dafür geben, wenn die Garnison dem Erdboden gleich gemacht werden könnte. In Dra-Barans dunklen Kammern warten die Elendsten unter den Sklaven auf den Tod im Amon Naith. Die Bergherren zwingen sie, immer tiefer in den Berg hinein zu graben. Sie schürfen nach Metallen und Edelsteinen für ihre unstillbare Gier nach Kostbarkeiten und die Waffen und Rüstungen der Drakan. Es heißt auch, an seiner dunkelsten Stelle verbirgt sich das Geheimnis, das ihnen endgültig die Macht über Escalonde sichern wird. Sie suchen seit Anbeginn der Zeit danach."

„Ich dachte, diese Macht besäßen sie schon", sagte Ayla.

„Sieht das hier für dich aus, als wären wir den Bergherren unterworfen?" fragte er. „Die Drakan sind eine schreckliche Waffe, aber auch sie können nicht jeden bekommen. Ihre Stärke ist ihre große Zahl und die Grausamkeit, die sie erfüllt. Sie sind die einzige wirkliche Armee, die es hier gibt. Alle anderen sind dagegen wilde Horden, schlecht ausgebildet und bewaffnet. Doch ihre Disziplin ist auch ihre größte Schwäche. Greift man sie aus dem Hinterhalt an, wenn sie in kleineren Abteilungen das Land durchstreifen, hat man durchaus Aussicht, sie zu besiegen."

„So gehst du wohl vor?" vermutete sie.

„Wir kommen gut damit zurecht", bestätigte er. „Die Levarin lebten früher nur in den Höhlen am Schluchtgrund. Ab und zu überfielen sie eine Händlerkarawane, um die Waren zu erbeuten. Eine wirkliche Gefahr waren sie nicht. Dabei ist der Tiefenweg der Schlüssel zum Handel mit Naubar. Es dauert viele Tagesreisen, den Felsenfall zu umgehen und der Weg führt weit vom Schutz Dra-Barans weg."

„Die Drakan werden dein Verhalten kaum lange dulden."

Meljas dunkle Augen erinnerten an die Cronn. „Das will ich hoffen. Hier in den Felsen können wir sie schlagen. Sollen sie uns angreifen, sie werden viele Männer verlieren."

„Du hasst sie."

„Nein", lautete die überraschende Antwort. „Die Drakan kann man nicht hassen. Es sind die Bergherren, denen ich dieses Gefühl schulde."

„Was haben sie dir angetan?"

Melja schwieg. Dafür beugte sich Andoris auf einmal ein Stück vor, Überraschung auf seinen feinen Zügen. „Du bist einer von ihnen", rief er. „Ich kann es spüren."

„So wie ich es bei dir und deinem Freund spüren kann", knurrte der Levarin-Führer. „Es ist anders als bei ihnen, aber dafür sehr viel stärker. Auch bei dir ist es da, Ayla von den Arenai. Als ich dich zuerst dort unten traf, dachte ich, sie hätten euch geschickt, doch dann merkte ich, dass das Dunkle fehlte, der böse Schatten, der ihre Seelen verzerrt und sie immer mehr entstellt."

Sie hatte es befürchtet, seit sie zum erstenmal von den Bergherren gehört hatten. Alle Völker waren auf Escalonde vertreten, nur Elben schien es nicht zu geben. Ayla hatte nicht einmal gewagt, mit Haldir oder Elrond über diesen Verdacht zu reden, selbst nachdem sie Orbath begegnet waren, in dem offenkundig Elbenblut floss.

„Die Bergherren sind Elben", murmelte Elcaran nachdenklich. „Und du bist ein Halbblut?"

Melja hatte sich wieder gefasst. „Weniger als das. Selbst unter ihnen gibt es nur noch eine Handvoll, die fast reinen Blutes sind, der Rest ist vermischt mit den Menschen, den einzigen, mit denen sie sich fortpflanzen können. Sie versuchen verzweifelt, ihre Blutlinien zu erhalten, sind immer auf der Suche nach geeigneten Exemplaren, von denen sie sich eine Erneuerung erhoffen. Meine Mutter war so eine Frau, doch ich bin nicht das, was sie haben wollten, also sollte ich zu den Drakan. Es war auf dem Weg dorthin, als mir die Flucht gelang und ich mich am Ende zu den Levarin durchschlagen konnte. Seitdem bin ich hier und kämpfe, dass das Zeitalter der Bergherren ein Ende findet."

„Widerstand scheint nicht sehr erfolgversprechend zu sein", sagte Ayla langsam. „Wir lösten in Barcanem eine Gruppe Nimjinds aus, die es ebenfalls versucht hatten. Uns wurde erzählt, dass ihr Volk von den Drakan aufgerieben wurde und nun auf der Flucht zu den Ihainym war."

„König Beldoins letztes Aufgebot", bestätigte Melja. „Im Gegensatz zu den Jindas wollte er sich nie den Bergherren wirklich beugen. Er liebt das Land und hasst sie dafür, dass sie ihm die Seele gestohlen haben. Warum habt ihr die Nimjinds freigekauft?"

„Wir wurden darum gebeten."

„Ihr wurdet-„ Melja lachte schallend. Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich wieder beruhigt hatte, doch dann ließ er seine Blicke voller Wärme über seine Gäste schweifen. „Was seid ihr für ein seltsames Volk! Kein Wunder, dass die Bergherren so danach lechzen, euch wieder zu gleichen. Jetzt wird mir erst wirklich klar, was sie verloren haben. Es ist nicht die Schönheit eurer Gestalt, so unterschiedlich ihr auch seid, sondern auch eure Seele, die euch weit über sie hebt."

Melja war ein wahrer Quell an Informationen, doch Ayla drängte die Zeit. Mit jeder Minute wurde es unwahrscheinlicher, Boyar retten zu können. Nach dem, was sie gehört hatte, würden sie auf einen starken Gegner treffen, doch sie brauchte endlich verläßliche Informationen über die Garnison selbst. „Melja, wir wurden geschickt, um Escalonde zu helfen. Doch das hat mich heute nicht hergeführt. Boyar ist ein treuer Freund seitdem ich denken kann. Er wurde vor Barcanem von Orbaths Häschern überwältigt, und wir haben erfahren, dass man ihn nach Dra-Baran schickte. Wir müssen ihn befreien, bevor er nach Angram gelangt. Wenn es einen Weg in die Garnison hineingibt, dann sag ihn uns und lass uns weiterziehen."

„So einfach ist das nicht, Ayla. Selbst mit tausend deiner Krieger könntest du Dra-Baran nicht einnehmen. Sieh her!" Er nahm einen Dolch mit langer gerader Klinge und ritzte schnell einige Linien auf den staubigen Boden. „Dra-Baran ist errichtet auf einem nicht sehr hohen Tafelberg inmitten einer baumbestandenen Hügellandschaft. Bis auf Sichtweite an die Garnison heranzukommen ist eigentlich nicht schwer, doch rund um den Tafelberg wurde das Gelände abgebrannt. Es gibt keinerlei Deckung. Nur eine Straße führt auf die Garnison zu und sie wird von den Drakan schwer bewacht. Selbst wenn es euch gelingen sollte, bis vor den Berg zu kommen, so ist es unmöglich, die Mauern der Garnison zu überwinden. Sie sind fast so hoch wie die Wände dieser Schlucht, absolut glatt und auf ihren Zinnen patrouillieren die Drakan Tag und Nacht. Wer von den Handelskarawanen hineingelassen wird, muss alle Waffen abgeben und wird gründlich durchsucht. Auch in der Garnison selbst wimmelt es von Wachen, die jeden sofort festsetzen, der sich seltsam verhält."

Die Linien im Staub verschwammen zu einem wirren Durcheinander vor Aylas Augen. Sie hatte bislang immer noch Hoffnung gehabt. Vertrauen in sich selbst, in ihre Männer und besonders in Boyar, der bis zu seinem letzten Atemzug nach einem Weg suchen würde, sich seinen Häschern zu entziehen.

„Woher weißt du das alles?" erklang Elcarans ruhige Stimme.

Die Dolchspitze bohrte sich mit einem heftigen Stoß in den weichen Stein. „Ich war dort."

Aylas Kopf fuhr hoch. „Du sagtest, du wärst auf dem Weg dorthin geflohen."

„Das stimmt." Melja hielt nur einen Moment ihrem Blick stand, dann rieb er sich mit den Händen über das Gesicht und seufzte tief. „Du verlangst zuviel, Ayla von den Arenai. Wir haben uns lange auf den Tag vorbereitet, an dem wir die Garnison nehmen wollen. Nur für einen einzelnen Mann kann ich das nicht aufs Spiel setzen."

„Boyar ist mein Freund!" Andoris sprang auf und baute sich zornbebend vor dem Levarin auf. „Wir werden ihn befreien."

„Du weißt nicht, wovon du sprichst", wehrte Melja ab.

„Denkst du? Ich bin gestorben für eine Sache, die nicht die meine hätte sein müssen." In diesem Moment umhüllte ihn der ganze edle Geist seiner Vorfahren wie ein Schimmer aus Sternenstaub. Andoris hatte nicht laut gesprochen, doch in der Höhle verstummte das Stimmengewirr und aller Augen richteten sich auf den hochaufgerichteten jungen Elb. „Er würde nie danach fragen, ob es für einen einzelnen Mann oder ein ganzes Volk ist. Wenn ihr nicht anfangt, das Leben eines einzelnen hochzuhalten, könnt ihr niemals dieses ganze, von den Valar verlassene Land erretten."

Melja erwiderte nichts. Stumm, aber mit den unterschiedlichsten Gefühlen auf seinen kantigen Zügen, hielt er die Verachtung des anderen aus. Schließlich stand Ayla auf und legte dem Elben leicht eine Hand auf die Schulter.

 „Lasst es gut sein, Andoris. Escalonde ist ein hartes Land, das andere Tugenden hervorgebracht hat als wir sie kennen. Wir werden einen Weg finden, Boyar zu befreien, auf unsere Art." Sie nickte dem Levarin zu. „Ich danke dir für die Informationen, Melja Levaren. Sie werden uns gewiss nützlich sein."

Tbc

@Shelley: Da habe ich nun so lange über die Anzahl nachgegrübelt, dass ich sie am Ende nicht mehr eingesetzt habe...Sind das Anzeichen für vorzeitige Alterung?...Jedenfalls Danke. Es waren zehn, acht Arenai, zwei Elben und Ayla selbst. Bevor ich nun das ganze Kapitel nochmal runternehme, dann wieder hochlade, dabei wahrscheinlich daraus einen Hubschrauber mache, habe ich es hier oben irgendwo eingesetzt.

Was die andere Sache angeht, E duzt H (künstlerische Freiheit grins). An dieser Stelle bezieht er sich jedoch auf die drei Reiter. ‚für euch drei' wäre deutlicher gewesen, ansonsten hätte ich aber ‚Euch' geschrieben.

@Amelie: Freut mich, dass du aus der Ecke wieder rausgekommen bist. Elrond ist es aber auch wert. Ich dachte mir, er hat es verdient, mal aus dem Haus zu dürfen. Und die Nervensäge tut ihm auch ganz gut.

@Mystic Girl: Erestor ist die Wunderwaffe Elronds. 00Erestor, der Elb hätte eigentlich eine eigene Geschichte verdient. Mal sehen. Und was die andere Sache angeht...Wer hat denn Finadan abgemurkst, he? Rache ist Blutwurst und diesmal muss eben Elrond dran glauben. Hah!