Disclaimer: Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben.

10. Kapitel

Nach dem ersten Moment der Überraschung stieß Elrond einen herzhaften Fluch aus und beide Männer stürzten fast gleichzeitig hinter ihr her, mitten hinein in einen Feuerregen aus immer schneller fallenden glühenden Steinen. Hivia war bereits erstaunlich weit gekommen. Behende wie eines ihrer Fohlen hüpfte sie über die wachsenden Haufen der Othuns, wich dem tödlichen Regen aus und erreichte schließlich den Alkoven. Während sie sich noch bemühte, den großen, bewegungslosen Krieger von seinem Lager zu zerren, erreichten sie sie endlich.

„Verschwindet!" schrie sie. „Das schaffe ich alleine."

Haldir stieß sie wortlos in Elronds Arme und wuchtete Theriadors Körper hoch, um ihn sich über die Schulter zu werfen und endlich aus dieser Hölle rauszuschaffen. Einmal noch entwischte Hivia dem Elbenlord, als sie die Stelle passierten, an der Gilgrim langsam unter der Glut verschwand. Sie stürzte sich regelrecht auf das Schwert, bevor Elrond sie erneut packen und durch den Feuerregen hindurch nach draußen zerren konnte. Diesmal blieben sie nicht am Höhleneingang stehen, sondern flohen vor der heißen Luft, die dort in einem breiten Strom nach draußen drängte, wieder abwärts. Außer Atem und mit deutlichem Brandgeruch in der Kleidung erreichten sie weit unterhalb des Höhleneingangs eine flache Mulde, in der keine Gefahr mehr drohen konnte.

Haldir legte vorsichtig den immer noch bewegungslosen Mann ab und ließ sich dann erst einmal erschöpft auf einem kleinen Felsen nieder. Schweigend sah er zu, wie sich Elrond bemühte, wenigsten jetzt an Theriador heran zu kommen, doch der Elbe schien unerlösbar in seinem Schlaf. Kein Wunder, dass Sirgal eher gestorben war, als ohne ihn zu sein, dachte Haldir beeindruckt. Selbst in tiefem Schlaf war offenkundig, dass Theriador einer der Allerersten war. Bislang hatte nur Galadriels Gegenwart ihn so nachhaltig beeindruckt, die alte Macht, die sie umgab wie ein Schein aus Sternenlicht.

„Er ist auf dem Weg zurück", stellte Elrond schließlich fest. „Es wird noch eine Weile dauern, aber seine Ruhe ist endgültig gestört. Ich werde Hilfe aus Gildanna rufen."

Haldir vernahm den stillen Ruf und auch die Antwort der Elben des Tals. Sie würden sich gleich auf den Weg machen. Jetzt konnten sie nur noch abwarten und nach diesem ungewollten Abenteuer wieder zu Atem kommen. Elrond beabsichtigte offenbar, diese Zeit zu nutzen, um Hivia eine der furchterregenden Strafreden zu halten, von denen seine Tochter bei ihren Besuchen in Lothlorien einmal berichtet hatte. Bevor er jedoch überhaupt anfangen konnte, hielt ihm die Arenai das mühsam gerettete Schwert entgegen.

„Ich dachte, er braucht es", erklärte sie sehr leise. „Nehmt es mir bitte ab, denn lange kann ich es nicht mehr halten."

Das Geräusch, als sich der Griff und die mithrilverzierte Hülle aus ihren verbrannten Händen lösten, war entsetzlich. Verstärkt wurde es durch das unwillkürliche Wimmern, mit dem Hivia die verkrümmten Hände an ihren Körper zog und versuchte, den Schmerz durch bloße Willenskraft zu beherrschen. Noch immer einen dunklen Sturm in den Augen, zerriss Elrond wortlos sein Halstuch, tränkte es mit dem noch vorhandenen Wasser und wickelte den provisorischen Verband um die offenen Brandwunden, um sie wenigsten etwas zu schützen.

„Alles weitere wird warten müssen", bestimmte er kalt. „Vielleicht erinnerst du dich beim nächsten Mal daran, wenn du uns alle in Gefahr bringst."

„Ich konnte ihn doch nicht sterben lassen", widersprach sie mit dem letzten Rest Starrsinn.

Nun entlud sich doch Elronds Zorn über ihr. Seine Stimme wurde so laut, dass man sie wahrscheinlich bis Ithuris hören konnte, während Hivia förmlich zu schrumpfen schien.

„Du bist das dümmste Geschöpf, das jemals als Arenai wiedergeboren wurde! Theriador war zu keinem Zeitpunkt in Gefahr. Wie blind muss man eigentlich sein, um das nicht zu bemerken? Er selber hat diesen Feuerregen beschworen und kein einziger Stein ist in dem Schutzkreis vor seiner Ruhestätte niedergegangen." Selbst das Bergmassiv über ihnen schien sich vor dieser Wut zu ducken, ganz zu schweigen von der leichenblassen Frau, die bei jedem seiner Worte wie unter einem Schlag zusammen zuckte. „Erst als du an ihm herumgezerrt hast, war er wirklich in Lebensgefahr. Drei Elben, Hivia, sofort drei Elben hätten deinetwegen sterben können. Was meinst du, was deine Schildmeisterin zu diesem Glanzstück wohl sagen wird?"

Die letzte Frage, in voller Absicht mitten in das Herz der arenorischen Denkweise geführt, war dann wohl der tödliche Streich, befand Haldir und Hivia musste es ähnlich ergehen. Mit den traurigen Überresten ihrer Würde rappelte sie sich auf und stapfte unsicher bergabwärts.

„Lass sie!" befahl Elrond, als Haldir sich seufzend erhob. „Man wird sie auf halbem Wege in Empfang nehmen und sicher ins Tal bringen."

„Ihre Hände..."

„Ich habe nicht vor, die Heilung zu beschleunigen", lautete die gnadenlose Antwort. „Jeder Tag, den sie darunter leidet, gibt ihr genug Zeit zum Nachdenken. Kein Wunder, dass Ayla ihr die Pferde und kein Schwert anvertraut hat. Mit dieser Närrin an ihrer Seite könnte sie sofort aufgeben."

„Ich hatte den Eindruck, die beiden schätzen einander sehr."

Elrond wischte den Einwand mit einer knappen Handbewegung beiseite. „Ich schätze Arwen auch sehr und würde sie trotzdem nicht mit in einen Krieg nehmen."

Dem war nichts mehr hinzuzufügen. Aus sehr unterschiedlichen Gründen schweigend warteten die Männer, bis tief in der Nacht die Hilfe aus dem Tal bei ihnen angelangt war und sie sich an den nun leichteren Abstieg machen konnten.

***

Sie hatten bereits die Hälfte der Höhle durchquert, vorbei an den schweigenden Levarin, die ihnen nicht in die Augen sahen, als Meljas laute Stimme sie aufhielt.

„Wir hatten einen Handel!"

Langsam drehte sich Ayla wieder um. „Du weißt, dass wir dafür jetzt keine Zeit haben. Wir werden dir von Arenor erzählen, wenn wir wieder zurück sind."

„Ohne unsere Hilfe kehrt ihr niemals zurück."

„Es werden andere kommen, um den Handel zu erfüllen."

„Ich würde es lieber von deinem hitzköpfigen Begleiter hören." Der Levarin neigte den Kopf etwas zur Seite. „So viel schuldet er uns doch wohl, wenn wir euch bei diesem Irrsinn helfen."

Prüfend sah sie ihn an. Er war nicht begeistert von dem, was er da gerade angeboten hatte, aber dieser Mann würde ein einmal gegebenes Wort nicht mehr brechen. „Also zeigst du uns den Weg in die Garnison?"

„Ich werde noch etwas mehr tun", sagte er leise. „Ihr seid trotz eurer Gaben und Waffen zu wenige, um innerhalb der Mauern an euer Ziel zu gelangen."

Ayla nickte wortlos. Das war ihre Hoffnung gewesen, auch wenn sie ihn niemals darum gebeten hätte.

Ihre Gruppe wuchs danach über Nacht zu einer kleinen, berittenen Kampftruppe von mehr als fünfzig Köpfen an. Auf struppigen, kleinen Escalonde-Pferden, die die Levarin mit Pfiffen herbeigerufen hatten, nachdem sie die Höhlenstadt einige hundert Meter jenseits des Felsenfalles verlassen hatten, gaben Meljas Kämpfer das Tempo vor, mit dem sie auf kaum erkennbaren Pfaden die graue Landschaft Richtung Dra-Baran durchquerten. Sie hielten sich deutlich entfernt von jedem Zeichen der Karawanenstraße und erreichten um Mittag herum die Hügelwälder, von denen Melja gesprochen hatte.

Auch für jemanden, der nicht das Herz eines Jägers hatte und Wälder liebte, war dies ein düsterer, verfluchter Ort voller verkrüppelter Bäume, die ihre langen Äste nach den Reitern auszustrecken schienen, um ihnen das Leben auszusaugen, das sie selber kaum noch in sich trugen. Lange Moosfäden hingen von den Bäumen, ein schimmliger Geruch ging von ihnen aus. Sie hafteten sofort an allem, das sie berührten und erzeugten ein leichtes Brennen auf der bloßen Haut.

Sie ritten bis zu Escalondes eigenartiger Dämmerung weiter, um dann am Fuße eines felsigen Hügels anzuhalten, der nur von wenigen Bäumen bestanden war. Die Levarin packten Fackeln aus und schichteten sie neben einem dichten Gestrüpp auf. Angezündet wurden sie noch nicht.

„Wir müssen vorsichtig sein", erklärte Melja mit gesenkter Stimme. „Der Waldrand ist nicht mehr weit. Schon hinter diesem Hügel beginnt die abgebrannte Ebene. Die Drakan patrouillieren regelmäßig am Waldrand entlang."

„Dann solltet ihr nicht wie eine Horde Orks herumtrampeln", ließ sich eine leise, vertraute Stimme über ihnen vernehmen.

Melja hatte zu seinem Dolch gegriffen, doch Ayla hielt seinen Arm fest. Mit einem Lächeln hob sie den Kopf und sah zu, wie Gilawan geräuschlos zwischen den flechtenbewachsenen Felsen zu ihnen herunterkletterte. Er neigte kurz den Kopf vor seinem Bruder, dann wandte er sich ihr zu, eine einzige Frage in den Augen.

„Wir haben es rechtzeitig bis Arengard geschafft", antwortete sie. „Elrond erwartete uns schon. Haldir lebt."

„Boyar auch", knurrte eine zweite, bekannte Stimme. Rutschend folgte Dorian dem Elb. „Du bringst seltsame Verbündete, Ayla. Melja Levaren!"

Der Levarin verschränkte die Arme vor der Brust. „Dorian, der Anführer der Wolfsmenschen. Das gleiche könnte ich dir vorwerfen, Breill. Ich dachte, ihr seid nie weiter als einen Tagesmarsch vom Grimmigen Wald entfernt zu finden."

„Und ihr kommt aus eurer Felsspalte sonst nicht heraus." Auch wenn Dorian im Vergleich zu Melja deutlich kleiner war, wirkte seine Haltung kaum weniger angriffslustig. „Du musst dir von den Lichtbringern fette Beute versprechen, wenn du ihnen hilfst."

„Die gleiche wie du und ich habe immer weniger Lust, sie zu teilen."

„Genug jetzt!" zischte Ayla. Langsam ahnte sie, wie Elrond sich bei ihren Streitereien mit Haldir gefühlt haben musste. „Es gibt überhaupt nichts zu teilen, weil ich euch beiden das Herz aus der Brust reiße und es Arn überlasse, wenn ihr nicht sofort damit aufhört."

Beide Männer starrten sie einen Moment verblüfft an.

„Ich denke, sie meint es ernst", sagte Melja dann gedehnt.

„Deines würde sie zuerst nehmen", grinste Dorian und schlug dem anderen heftig mit der Faust vor die Brust. „Auch wenn Arn lieber verhungern würde, als dein verrottetes Fleisch anzurühren, Bruder."

Ayla war selten zu überraschen, doch diesmal verschlug es ihr die Sprache. Die beiden Männer wiesen keinerlei Ähnlichkeit auf, die Verwandtschaft andeutete. Doch es war offenkundig, dass sie sich zumindest sehr gut kannten.

„Arn fand mich damals, als ich den Drakan entkommen bin", löste Melja nach einer kurzen Umarmung des Breill das Rätsel. „Ohne ihn und die Breill wäre ich jämmerlich verendet."

„Wäre wahrscheinlich besser gewesen", lachte Dorian. „Wir mussten getrennte Wege gehen, weil für uns zwei bei den Breill kein Platz gewesen ist."

„Dann ist das wohl geklärt." Ayla wandte sich an Gilawan. Er wirkte etwas müde und ungewöhnlich bedrückt. „Dorian sagt, Boyar lebt noch?"

„Er ist in dieser Festung", bestätigte der Elbe. „Wir folgten ihnen, sobald sie Barcanem verließen. Dies geschah noch am gleichen Tag. Orbath ließ ihn so schwer bewachen, dass wir keine wirkliche Gelegenheit bekamen, ihn zu befreien. Es gibt auch nur einen Weg in die Festung hinein und er wurde noch nicht wieder fort gebracht."

Etwas in seiner Stimme, eher Worte, die in ihm brannten aber nicht gesagt wurden, war der Grund, dass ein kaltes Gefühl nach Ayla griff. „Wo sind meine Arenai?"

„Drangar wartet am Waldrand", antwortete Gilawan. Sein Blick schweifte kurz zu seinem Bruder, als ob er sich von dort Hilfe erhoffte. „Adrim ist nicht mehr bei uns."

„Habt ihr euch getrennt?" fragte Andoris.

Ayla hätte fast gelacht, so unschuldig kam diese Frage heraus. Stattdessen atmete sie einmal tief durch. Sie hatte ohne Traumwanderung einen Arenai verloren, zum erstenmal seit sie denken konnte. „Wie?"

„Er versprach sich eine Möglichkeit, in der Dunkelheit Orbath Fänger zu überlisten", sagte Gilawan. Selbst jetzt noch war ihm anzumerken, wie sehr er dagegen gewesen sein musste. „Da wir uns anders entschlossen, versuchte er es in der ersten Nacht ganz alleine. Wir merkten es erst, als unter den Fängern große Unruhe ausbrach. Am nächsten Morgen war er fort und unter den Gefangenen auch nicht zu entdecken. Drangar sagte, er sei vergangen."

Also tot, Drangar wusste, wovon er redete. Einsame Entscheidungen wie diese würde sie in Zukunft verhindern. Die Zeit der Traumwanderungen war vorbei. Gilawan hatte die Führung der Verfolger gehabt und es hatte Adrim nicht zugestanden, sich über seinen Befehl hinwegzusetzen. Der Preis, den er hatte zahlen müssen, konnte allen nur eine Lehre sein. Ayla schloss das ganze Unglück durch eine entschiedene Geste ab. „Wir können seine Dummheit später beklagen. Was ist nun mit Boyar?"

„Er machte sich gut auf dem Weg hierher", berichtete Gilawan. „Seine Verletzung war versorgt und sie behandelten ihn nicht schlecht. Offenbar hat er beschlossen, seine Kräfte zu sammeln."

„Es kann noch einen anderen Grund geben", meinte Melja. „Hast du ihnen davon erzählt, Dorian?"

Der Breill schüttelte den Kopf. „Wir wissen nicht, ob sie es nehmen werden. Boyar ist sicher mehr wert, wenn sie ihn nach Angram zur Befragung bringen. Hat er erst das schwarze Blut, taugt er nicht mehr dafür."

Ayla merkte selbst, dass sie langsam am Rande ihrer Selbstbeherrschung angekommen war. Die Geheimniskrämerei der Escalonder zehrte zunehmend an ihren Nerven. Alles schien man Wort für Wort aus ihnen herauskitzeln zu müssen, ein Luxus, den sie sich nicht erlauben konnte. „Dorian!"

„Die Drakan gehen ohne Furcht für die Bergherren in den Tod", sagte er widerstrebend. „Das liegt an ihrem schwarzen Blut. Wir wissen nicht, wie sie es bewerkstelligen, aber wer für die Drakan zum Dienst gezwungen wird, verändert sich. Nicht nur äußerlich, meine ich, auch sein Inneres ist nicht mehr so wie zuvor. Es dauert eine Weile, aber schließlich gibt es kein Zurück mehr. Wenn sie Boyar dieser Prozedur unterzogen haben, wirst du ihn nicht mehr retten können, Ayla. Er ist dann einer von ihnen und er wird dich töten, wenn er nur die Gelegenheit dazu hat."

Ayla war froh, dass sie dies nicht vorher gewusst hatte. Ob sie im Wissen um diese schreckliche Falle für Boyar wirklich den Rückweg nach Arenor angetreten hätte, wollte sie gar nicht genauer erfragen. „Wir werden es bald feststellen, nicht wahr?"

Melja musterte sie einen Moment mit seinen dunklen, nachdenklichen Augen, dann nickte er. „Also gut, ihr habt sie gehört. Macht den Eingang frei und bereitet den Weg mit Fackeln vor. Zehn bleiben hier und bewachen diesen Ort und die Pferde. Dorian, du wirst sie anführen. Schick deinen graufelligen Freund, damit er diesen Arenai vom Waldrand wegholt. Es fehlt uns noch, dass er einer Drakan-Streife in die Hände fällt. Los, steht hier nicht so rum, wir haben Drakan zu töten heute nacht."

Die Levarin arbeiteten schnell und still. Das Dornengestrüpp vor ihnen wurde weggeräumt, einige kleinere Felsen beiseite geschoben und sofort nahmen mehrere von ihnen die bereitgelegten Fackeln auf und verschwanden in der niedrigen Höhlung, die nun vor ihnen lag. Als der erste Lichtschein hervordrang, setzte sich Melja an die Spitze ihrer Gruppe und sie folgten ihm alle schweigend hinein in einen langen, grob gearbeiteten Gang, der sich durch das gleiche poröse Gestein bohrte wie die Höhlen am Felsenfall. Es war breit genug, um einen Mann gerade durchlaufen zu lassen und hoch genug, dass die Levarin darin stehen konnten.

Melja, die Arenai und die Elben mussten die Köpfe einziehen und zusätzlich aufpassen, wenn sie die Wandfackeln passierten, die nach und nach vor ihnen entzündet wurden. Der Weg war lang und zuerst abschüssig, bis sie das Niveau der Ebene erreicht hatten. Dann ging es noch viel weiter geradeaus und schließlich erreichten sie Treppenstufen. Es war eine Meisterleistung, die die Levarin regelrecht unter den Augen der Drakan vollbracht hatten. Ayla fragte sich, was mit dem überschüssigen Gestein passiert war und wie es ihnen gelungen war, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, zu Füssen der Drakan den Fels zu schlagen.

„Wir brauchten Jahre", erriet Melja ihre Gedanken. „Und hier unter der Garnison haben wir uns durch die Steine durchgekratzt, damit sie nichts merkten."

Die Stufen schienen endlos zu sein, doch schließlich gelangten sie in einen niedrigen Raum, in dessen Decke eine Falltür war, die einen massiven Riegel aufwies. Nach und nach sammelten sie sich alle in diesem Raum, schweigend und merklich angespannt.

„Über uns ist ein altes Zeughaus", erklärte Melja.

Er ließ offen, aus welchem bedauernswerten Reisenden sie diese Informationen ursprünglich herausgepresst hatten. Ayla konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Mann noch lebte, um vom Interesse der Levarin am Grundriss der Garnison zu berichten. „Ich werde euch zu den Lagerräumen führen, in denen die Sklaven untergebracht werden. Außer den Drakan ist niemand zu dieser Stunde auf den Straßen unterwegs. Wir dürfen also auf keinen Fall entdeckt werden, sie wüssten sofort, dass wir Eindringlinge sind. Einige meiner Männer werden an der Nordmauer ein Ablenkungsmanöver starten. Wir haben nur wenig Zeit, wenn es losgeht. Kannst du deinen Freund nicht sofort finden, hast du keine zweite Chance."

Geräuschlos ließ sich der Riegel beiseite schieben und ebenso still wurde die Falltür hochgeklappt. Im Innern des Zeughauses bahnten sie sich vorsichtig einen Weg durch ausrangiertes Gerümpel, auf dem bereits dick der Staub lag. Es war fast stockdunkel, nur durch gerade handbreite Scharten in einer der Wände fiel ein winziger Lichtschimmer, der sie ihren Weg bis zur massiven Holztür finden ließ, durch die sie auf die Straßen gelangen könnten.

Als Melja Männer an die Scharten schicken wollte, damit sie die Straße auf nahende Wachen absuchen sollten, hielt Ayla ihn zurück.

„Überlass es ihnen", sagte sie und deutete auf die Elben, die in stiller Konzentration auf die Geräusche lauschten, die von draußen hereindrangen.

Schließlich richtete Gilawan den Blick auf den Levarin und nickte nur. Melja zog die Tür auf und dicht an der Wand entlang drängte die Gruppe nach draußen. Einige Männer trennten sich sofort von ihnen und schwenkten nach rechts ab, während Melja sie hastig im Schatten der niedrigen, langgestreckten Steinhäuser mit ihren vorgezogenen Dächern nach links führte. Gegen Dra-Baran verströmte sogar Arengards Architektur elbische Schönheit und Eleganz. Es war dunkel und menschenleer, lediglich auf der Wehrmauer bewegten sich schwerbewaffnete, in ihren Silhouetten äußerst bedrohlich wirkende Gestalten mit geradezu unheimlicher Präzision. In der ganzen Anlage herrschte eine Atmosphäre voller Angst und Gewalt, die in den Steinen der Gebäude zu stecken schien und dafür sorgte, dass Ayla den Griff ihres Schwertes noch etwas fester umfasste. Dies war kein Ort, an dem man seinem Feind Zeit geben konnte.

Melja bewegte sich sehr sicher, er konnte nicht das erste Mal innerhalb dieser Mauern sein. Ohne auch nur ein einziges Mal zu stocken leitete er sie durch schmale Durchgänge immer tiefer in die Garnison hinein. Gelegentlich waren hinter verhängten Fenster leise Stimmen zu hören, die den Händlern gehören mussten. Von den Drakan kam kein Laut. Selbst die wenigen Wachen, die in Zweiergruppen langsam durch die Straßen strichen, redeten nicht miteinander.

Zumeist versteckten sich die Eindringlinge hastig hinter Häuserecken, wenn die Elben signalisierten, dass sich Drakan näherten. Nur einmal blieb Ayla dicht an eine Häuserwand gedrückt im tintenschwarzen Schatten stehen und warf einen näheren Blick auf ihre Gegner. Wie Melja gesagt hatte, waren dies keine wilden Krieger sondern disziplinierte Soldaten, ihre dunkelgraue einheitliche Kleidung war ordentlich, die Waffen sehr gepflegt. Erst als sie in die Gesichter unter den geschwungenen, mit dunkelroten Ornamenten verzierten Helmen sah, schnürte sich ihr die Kehle zusammen. Eine blässliche von schwarzen Adern durchzogene Haut spannte sich straff in völlig ausdruckslosen Gesichtern, die Lippen waren fast dunkelgrau wie bei Toten.

Sie rang unwillkürlich nach Luft und einer der Männer wandte den Kopf, um den Schatten prüfend zu mustern. Kälte erfasste Aylas Geist, jeder Atemzug brachte flüssiges Eis in ihre Lungen, während der Blick aus den völlig schwarzen, leeren Augen auf der Stelle ruhte, an der sie im Dunkeln stand. Da war nichts in diesen Wesen, die äußerlich einmal Menschen gewesen sein mussten. Augen mochten der Spiegel der Seele sein, hier gab es nur einen glänzenden schwarzen Stein anstelle des Augapfels, der nicht einmal die Iris oder Pupille unterscheiden ließ. Wie diese Geschöpfe die Welt wahrnahmen, mochte sich Ayla gar nicht erst vorstellen.

Selbst nachdem die Wache sich wieder abgewandt hatte, zitterte sie innerlich noch und hatte Mühe, tief durchzuatmen. Sie zuckte zusammen, als sie eine Berührung fühlte.

„Alles in Ordnung?" erkundigte sich Gilawan.

Ayla nickte hastig. „Hast du-?"

„Ja und meine Sorge um Boyar vergrößert sich." Der Druck seiner Hand wurde kurz fester, dann wandte er sich wieder ab. Sie mussten den anderen folgen.

Bis zu den Unterkünften der Gefangenen war es nicht mehr weit. Sie hätten auch ohne Melja einfach nur dem Geruch und den Geräuschen folgen müssen, die viele verzweifelte Menschen auf kleinem Raum erzeugten. Das Gebäude lag in der Nähe der Begrenzungsmauer und vor der breiten Eisentür standen wie Statuen zwei Drakan. Dies waren keine Wächter, die in ihrer Aufmerksamkeit nachließen. Man konnte sie nicht weglocken oder auf andere Art ablenken. Sie mussten sie wegräumen.

Die beiden Elben nahmen geräuschlos ihre Bogen auf und zogen einen Pfeil aus dem Köcher. Ebenso langsam spannten sie die Sehnen aus Elbenhaar, die das leise Singen erzeugten, wenn ein Pfeil die Sehne verließ. Gilawan und Andoris warteten, die gespannten Bogen machten ihnen nichts aus. Wahrscheinlich hätten sie eine Ewigkeit so stehen können, doch es vergingen nur wenige Minuten, bis erste Anzeichen der Unruhe die Garnison erfüllten. Ein heller Schein stieg vor der nördlichen Begrenzung auf. Als die Wachen auf der Begrenzungsmauer sich in diese Richtung wandten, trafen die Pfeile die Drakan vor der Eisentür direkt in die Kehle und warfen sie zu Boden. Einige Levarin rannten sofort los und zerrten die Leichen in den Schatten einer Gasse. Zwei Arenai griffen die Helme der Toten und setzten sie auf, bevor sie sich vor der Tür postierten, um einem nicht so aufmerksamen Blick von der Begrenzungsmauer herunter wenigstens kurz zu täuschen. Melja hatte inzwischen den Riegel gelöst und der Rest ihrer Gruppe huschte eilig in das Gefängnis.

Was sie vorfanden, war nicht das Erwartete. In einer von Aylas Erinnerungen, mitgebracht aus einem lange zurückliegenden Traum, gab es Bilder eines dunklen feuchten Kerkers mit winzigen Zellen, verkrusteten Gitterstäben und isolierten Gefangenen, die das Gefühl für Zeit und Leben längst verloren hatten. Dies hier jedoch war ein einziger großer Raum, dunkel bis auf das Licht einer einzigen Fackel neben der Tür. Die Gefangenen lagen einfach auf dem Boden, kreuz und quer, nicht gefesselt aber so teilnahmslos, dass nur wenige von ihnen überhaupt mit einem Kopfheben auf die Krieger reagierten, die jetzt hastig zwischen ihnen umherstreiften und Boyars bekanntes Gesicht suchten.

Er war nicht unter ihnen, Ayla hatte es schon gewusst, als sie den Raum betrat. Sie hätte ihn spüren müssen, einfach so, doch hier war nichts außer menschlicher stummer Verzweiflung.

Andoris winkte ihr heftig von einer schmalen Tür an der linken Seite des Raumes zu. Mit Gilawan und Melja lief sie zu ihm und nach einem Nicken zog er die Tür vorsichtig auf. Dahinter herrschte von dem winzigen Viereck der geöffneten Tür abgesehen so absolute Schwärze, dass selbst Ayla nichts mehr erkennen konnte. Trotzdem trat sie einen Schritt vor, bis an den Rand des Lichtes. Geräusche drangen an ihr Ohr, seltsames Kratzen und Scharren von unzähligen Beinen, die versuchten, gegen gläserne Barrieren anzurennen. Über all dem lag ein vielstimmiges Wispern, gierig, boshaft, aber unverständlich. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie ihren Dolch gezogen hatte, doch die Klinge schimmerte leicht in ihrer vorgestreckten Hand, während sie sich weiter in den Raum hineintastete.

Mit einem Schlag war alles in das gelbliche Licht der Fackel getaucht, die Lemna aus dem Hauptraum geholt hatte. Ayla wich unwillkürlich einen Schritt zurück und prallte gegen Melja, der einen Fluch von sich gab und sie in einem instinktiven Anflug von Beschützerinstinkt hinter sich schieben wollte. Es blieb bei dem Versuch und so standen sie nebeneinander, angewidert die Blicke auf die deckenhohen, grobgezimmerten Holzregale gerichtet, in denen dicht an dicht gläserne Behälter standen. Handgroße, pechschwarze Spinnen krochen in ihren Glasgefängnissen umher, die winzigen Augen auf die Neuankömmlinge gerichtet. Selbst Ayla konnte spüren, wie etwas nach ihrem Geist griff, ein unsichtbares Spinnennetz webte, dunkel und fordernd. Hinter ihr stöhnten die Elben unterdrückt auf und zogen sich hastig aus dem Raum zurück. Für ihre sehr viel feinen Sinne mussten diese unsichtbaren Netze eine einzige Qual sein.

Angewidert, aber von der geistigen Attacke nicht betroffen näherte sich Melja einem Stuhl an der Wand neben ihm, in dem ein bewegungsloser Mann angebunden war. Er zeigte bereits die ersten dunklen Adern unter seiner Haut. In seinen Augen, die in stillem Grauen aufgerissen waren, bewegten sich dunkle Schleier über das Weiß des Augapfels. Unterhalb seiner Kehle befand sich eine kleine Wunde. Das Blut, das dort heraustropfte, färbte sich vor ihren Augen von hellem Rot zu Schwarz. Melja trat an den fast vollendeten Drakan heran, strich ihm beinahe sanft über die Stirn. Bevor irgend jemand erahnen konnte, was er vorhatte, legten sich seine riesigen Hände um den Kopf des anderen und in einer schnellen Bewegung brach er ihm das Genick. Dann drehte er sich zu Ayla um, als erwarte er Vorwürfe.

Die Arenai hatte gar nicht die Kraft, auf ihn zu reagieren. Die Spinnen waren alarmiert von dem, was sich auf der anderen Seite ihrer Glaskäfige abspielte und auf einer für Melja unsichtbaren Ebene machten sie sich zur Verteidigung bereit. Sie hatten Angst und das aus gutem Grund. Lemna hatte ein Bündel aufgehoben, das achtlos in der Ecke gelegen hatte. Sie hielt es näher an die Fackel, in deren Licht winzige Figuren in allen Varianten der Jagd auf schwarzer Seide silbrig aufleuchteten. Das Innenfutter von Boyars Lederhemd, seine heimliche Eitelkeit, von der nur Ayla wusste. Elbenhände hatten die Silberfäden in den Stoff gewirkt nach einer Vorlage, die sie auf seinen verlegenen Wunsch hin vor langer Zeit gezeichnet hatte. Er hatte immer behauptet, die Figuren würden ihm Glück bringen.

Vielleicht bei der Jagd, dachte sie und nahm Lemna Fackel und Hemd ab. Bei der Jagd und in deinen Träumen, nicht hier in diesem Leben.

Den Blick starr auf die Spinnen gerichtet, hielt sie die Fackel an den Stoff. Flammen fraßen sich sofort hinauf, voller Furcht von den schwarzen Biestern beobachtet. Ayla wartete, bis die Flammen fast ihre Hand erreicht hatten, dann warf sie die Fackel und das brennende Stück Stoff gegen die Regale. Das Holz war pulvertrocken und reagierte sofort. Vom inneren Schreien der achtbeinigen Ungeheuer begleitet, verließen sie den Raum. Lemna verschloss die Tür sorgfältig, damit keiner darin dem Feuer entgehen konnte.

***

Auch wenn Elrond sich sicher war, dass Theriador den Schlaf verlassen würde und Haldir keinen Grund zu Zweifeln an diesen Worten hatte, dauerte es Tage, bis sich die ersten Zeichen bemerkbar machten. Sie hatten ihn so untergebracht, dass er durch die weit geöffneten Türen seines Raumes einen ungehinderten Ausblick auf das gesamte Tal haben würde, wenn er denn endlich die Augen öffnete. Ein leichter Wind bewegte stetig die hauchfeinen Vorhänge und ließ die süßen Gerüche des beginnenden Sommers in den prächtigen Raum, der Tag und Nacht bewacht wurde. Niemand wusste, wie der Elb reagieren würde, nachdem er gegen seinen Willen zurück in eine Wirklichkeit geholt worden war, die ihm einen so großen Schmerz zugefügt hatte.

Gilgrim ruhte auf einem Tisch am Fußende des Bettes, den Schild hatten sie nicht mehr finden können. Vielleicht hatte er nie existiert, war nur eine Illusion gewesen, um das Versteck zu enthüllen. Elrond verbrachte einen Großteil seiner Zeit in Theriadors Nähe, ließ ihm nie die Ruhe, sich vollständig wieder zurückzuziehen. Wenn ihn überhaupt jemand erreichen konnte, dann der Elbenfürst. Wenn auch nur kurz verband sie eine gemeinsame Zeit in Doriath, weit zurück in der Mitte des ersten Zeitalters.

Auch Temlar gesellte sich gelegentlich zu ihm, betrachtete den Schlafenden mit ärgerlich gerunzelter Stirn und schimpfte bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Art der Elben, des Lebens einfach überdrüssig zu werden. Dazwischen schlich Hivia umher, die sich nur dann ins Zimmer traute, wenn Elrond weit und breit nicht zu entdecken war. Dabei war seine Wut schon längst verraucht und er hätte die schmerzhaften Verbrennungen ihrer Hände mit Leichtigkeit lindern können. Doch als Haldir sie in den Ställen aufsuchte, in denen sie sich eingeigelt hatte, um das Angebot zu überbringen, schüttelte sie störrisch den Kopf.

„Eher lasse ich meine Finger abfallen", schnappte sie und versuchte verbissen, einen verhedderten Zügel zu entwirren. Ein recht sinnloses Unternehmen mit ihren verbundenen Händen. „Ich weiß selber, dass ich einen Fehler gemacht habe, auch ohne dass er es gleich durch das ganze Binnenland brüllen musste. Sagt ihm, er soll mich in Frieden lassen."

Temlar schien diese Reaktion nicht sonderlich zu wundern, als ihm davon berichtet wurde. „Sie sind alle vom gleichen Schlag", behauptete er kopfschüttelnd. Respektlos klopfte der alte Arenai mit seinem Stab gegen die Seite des Bettes. „Selbst der da ist nicht besser, sonst hätte er längst diesen Unfug beendet und würde sich der Aufgabe stellen, die hier auf ihn wartet. Unsere Pferdeherrin hatte wenigstens Mumm in den Knochen, auch wenn ihr Verstand wohl in der Höhle verdunkelt war. Wenn ich schon dieses schluchzende Lied über ihn und Sirgal höre, wird mir übel. Kannte hier außer mir eigentlich einer Agirs Tochter?"

Langsam schüttelten seine Zuhörer, die im wesentlichen aus Elrond und Haldir bestanden, den Kopf. Zumindest im Binnenland war niemand der alten Vertrauten Theriadors mehr da, der die Tragödie miterlebt haben könnte.

„Das dachte ich mir. Oh, das Mädchen war wirklich eine Augenweide und eine begnadete Jägerin. Wenn sie durch die Wälder streifte, hätte sie Orome in Versuchung führen können."

Elrond verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. „Aber?"

„Dumm wie ein Nonuk und weich wie ein Moospolster", fauchte Temlar ihn an. „Die lächerlichen drei Traumwanderungen, die man ihr aufbürdete, hat sie mit mehr Glück als Verstand überlebt. Ein viertes Mal wäre es ihr bestimmt nicht gelungen. Selbst die Valar schienen zu verzweifeln und ließen sie zufrieden. Anstatt vor Scham im Boden zu versinken, hüpfte sie beglückt durch die Wälder und lief dann diesem Narr dort in die Arme. Es passte zu ihrer dramatischen Art, sich einfach in die Tiefe zu stürzen, als sie ihren Willen nicht erfüllen konnte. Was wahrscheinlich das Beste war, denn sonst hätten wir Beobachter das wohl übernehmen müssen."

„Und es mit eurem Leben bezahlt, alter Mann."

Temlar schloss für einen tiefen Atemzug die Augen, Erleichterung glitt über sein Gesicht. Doch dann kehrte die übliche, ärgerliche Grimasse zurück und er wandte sich dem Mann auf dem Bett zu, dessen Augen nun weit geöffnet waren und wie smaragdgrüne Feuer loderten. „Ah, ist der Herr endlich aufgewacht? Ich dachte schon, Ihr wollt ewig hier liegen bleiben und uns allen die Zeit stehlen."

Elrond legte dem Beobachter beschwichtigend die Hand auf die Schulter und neigte grüßend den Kopf. „Willkommen in Gildanna, Theriador."

Der andere schien in sich hineinzuhorchen. „Es ist lange her, dass ich dieser Mann war. Nennt mich nicht weiter so, Herr von Gildanna, auch wenn Ihr mich mit diesem Ruf aus meinem Frieden reißen konntet. Der einsamste Mann Arenors wurde ich, als sie mich verließ und nichts kann die Leere in meinem Herzen wieder füllen."

Ein abgrundtiefer Seufzer erfüllte den Raum. Er kam von Hivia, die sich an eine der Terrassentüren klammerte und Theriador hingerissen ansah. Seltsamerweise schien ihn ihr Anblick mit neuer Energie zu füllen. Noch etwas unbeholfen richtete er sich auf und konnte seinen Blick nur schwer von ihr lösen. „Ihr beherbergt eine Arenai hier in Gildanna? Sie meiden uns doch sonst wie den Tod."

„Nicht mehr", antwortete Elrond gedehnt. „Es ist viel Zeit vergangen und die Dinge sind in Fluss geraten."

„Behandelt ihn nicht wie ein zerbrechliches Kind!" knurrte Temlar und zeigte mit einem seiner knochigen Finger auf Haldir. „Der jetzige Herr von Ithuris hatte etwas mehr Erfolg, auch wenn es nicht in seiner Absicht lag. Mittlerweile ist es wirklich unser geringstes Problem, wenn eine Arenai in Gildanna herumläuft und Unruhe stiftet. Arenor liegt schon seit Wochen vor Escalonde und wartet darauf, dass Ihr aus Eurem Schlaf erwacht, damit wir endlich zum Ziel kommen können."

„Meister Temlar!" Elronds Stimme war leise, aber sie duldete keinen Widerspruch. „Es war eine lange Zeit und es ist auch zu viel passiert. Gönnt ihm Ruhe."

„Bah, als hätte er nicht genug davon gehabt." Verärgert schlurfte der alte Arenai hinaus, die Pferdeherrin trieb er dabei mit seinem Stab vor sich her, während er sie mit nicht sehr schmeichelhaften Schimpfworten belegte. Für einen kurzen Moment fühlte sich Haldir an Rony erinnert, die Awyne von Gilawan wegscheuchte.

***

„Wir müssen uns beeilen", drängte Melja. „Es wird schon jetzt nicht so einfach werden."

 ‚Nicht so einfach' drückte in keiner Weise aus, was sie vor der Tür erwartete. Das von den Levarin gelegte Ablenkungsfeuer an der Nordmauer musste völlig außer Kontrolle geraten sein. Fast die halbe Garnison stand bereits in Flammen und es breitete sich mit rasender Geschwindigkeit über die dicht an dicht stehenden Holzdächer immer weiter aus. Ablenkung war jetzt genug. Die Ruhe der Garnison war dahin, überall rannten Gestalten durch den dichten Rauch, einige in Panik, andere konzentrierten sich darauf, das Feuer einzudämmen und ein weiteres Überspringen zu verhindern. Dazwischen bewegten sich die nächtlichen Eindringlinge zielstrebig wieder auf das Zeughaus zu. Sie liefen in kleinen Gruppen, um nicht so aufzufallen, trotzdem tauchten immer wieder aus dem Rauch Drakan auf, die doch misstrauisch geworden waren. Gnade erwartete sie keine. Nach dem, was sie gerade gesehen hatten, töteten die Arenai jeden, der auch nur in die Nähe ihrer Schwerter kam. Es gab keine langen Gefechte, die Suche war beendet, sie befanden sich auf dem Rückzug.

Das Dach des Zeughauses brannte bereits an mehreren Stellen, als sie es endlich erreichten. Vor der Tür zögerte Ayla ein letztes Mal. Durch den Rauch versuchte sie, unter den umherlaufenden Gestalten doch noch Boyars vertraute Umrisse zu entdecken.

„Du kannst ihm nicht mehr helfen!" Melja stieß sie grob weiter. Mitten hinein in ein neues Chaos. Im Zeughaus wurde gekämpft. Offenbar waren die Levarin an der Nordmauer auf ihrem Rückweg entdeckt und bis hierher verfolgt worden. Ein gutes Dutzend Drakan hatte sie schon fast aufgerieben. Mit lautem Gebrüll stürzte sich Melja unter die Kämpfenden, um seinen Männern zu Hilfe zu kommen. Ayla schlug hinter ihm die Tür zu und verriegelte sie von innen, damit nicht noch Verstärkung durch die Drakan nachrücken konnte.

Der Platz innerhalb des Zeughauses machte den Kampf schwierig, ständig wurden sie in die Enge getrieben, stolperten über das Gerümpel oder die Leichen der Levarin, die den Drakan nicht wirklich gewachsen waren. Rauch leckte durch den offenen Dachstuhl und die ersten Feuerzungen krochen die schweren Stützbalken herunter. Wenn das Feuer erst auf das Gerümpel übergreifen würde, wären sie hier eingeschlossen.  Erst mit der Ankunft der Arenai und Elben schlug die Lage um.

„Melja!" rief Ayla dem Levarin über das Rauschen des Feuers zu. „Lass deine Leute abrücken. Wir kümmern uns um die Drakan."

Zum Zeichen des Verstehens hob er die Hand und begann dann, seine Männer Richtung Tunnel zu treiben.

Aylas Wut gab ihr zusätzliche Kraft. Mit mörderischen Schlägen trieb sie einen Drakan vor sich her durch die Reihen aufgestapelter Kisten bis sie ihn in einer Sackgasse hatte. Sie wich einem ohne jedes Gefühl geführten Angriff gegen ihre Schulter aus, holte dann aus und zog die Schwertklinge über die gesamte Länge durch seine Körpermitte. Die leichte  Lederweste des Drakan bot ihm keinen Schutz gegen die runenbedeckte Klinge. Sein Schwert fiel ihm aus den Händen, die er gegen seinen Magen drückte. Noch bevor er nach vorne zu Boden fiel, hatte sie sich schon wieder umgedreht und lief in das Getümmel zurück.

Als sie zwischen zwei Kistenstapeln hervorkam, schlug vor ihr Andoris rücklings auf dem Boden auf. Einen Moment war er von dem harten Aufprall benommen und im dichter werdenden Raum war ein Drakan zu erkennen, das Schwert bereits zum Schlag erhoben. Ayla konnte ihre Klinge im letzten Moment dazwischen halten. Der Schlag, den sie so unglücklich abfangen musste, sandte ein schmerzhaftes Zucken über ihr Handgelenk bis hinauf in ihre Schulter. Halb in den Knien tastete sie mit der anderen Hand nach dem Elb, um ihn zur Seite zu ziehen. Zum Glück tauchte wie aus dem Nichts Lemna auf, packte den Jungen an den Schultern und zerrte ihn weg. Ayla kam wieder hoch und drehte sich ihrem Angreifer zu.

Seelenlose Schwärze, wo vorher strahlendes Blau und klares Weiß den Himmel Arenors gespiegelt hatten, ausdruckslose Linien in einem Gesicht, das nie wirklich die Gefühle des Mannes hatte verbergen können, zu dem es gehörte. Boyar, der Freund, der begeisterte Jäger, der Liebhaber langer Gelage, löste die gerade Klinge seiner Drakan-Waffe von der sanft gebogenen Schneide ihres Schwertes, das er selbst ihr als Vermächtnis ihres Vaters vor langen Jahrtausenden übergeben hatte. 

Hastig wich Ayla vor ihm zurück. Ihr Handgelenk war noch fast taub, einen neuen Schlag würde sie so einfach nicht parieren können. Wenn noch ein Rest Erinnerungen in Boyar waren, dann brachten sie ihn nur dazu, sie als sein Hauptziel auszumachen. Es würde keine freundlich dargebotene Hand mehr geben, wenn einer von ihnen am Boden lag.

Entschlossen rückte er nach, trieb sie regelrecht vor sich her mit heftigen Schlägen, die jeden Gegenstand, den sie trafen, in Teile spalteten. Jeder Schlag zerstörte einen Teil von Aylas Unsicherheit, wie sie dem Freund begegnen sollte, mit dem sie sich so oft im Kampf geübt hatte.

Sie konnte sich nicht ewig von ihm herum hetzen lassen. Ayla bemerkte aus den Augenwinkeln, dass Andoris sich gegen den Griff seiner Leibwächterin zur Wehr setzte. Wenn der Elb ihr entkam, würde er sich zwischen sie und Boyar stellen, voller Hoffnung, dass Elrond auch eine geraubte Seele wieder heilen könnte.

Auf einer kleinen, freien Fläche inmitten des Chaos stellte sie sich. Die ersten heftigen Attacken wehrte sie mit beiden Händen am Schwertgriff ab. Boyars Technik war noch nie sehr gut gewesen, das schwarze Blut hatte sie noch verschlechtert. Er versuchte, sie mit bloßer Kraft zu besiegen. Ayla verließ die Verteidigung, entging seinen Angriffen durch Wegducken, verletzte ihn leicht an der Schulter. Dann verwanden sich die Waffen umeinander. Die Hebelwirkung, sonst kein Problem, fand in ihrem angeschlagenen Handgelenk keine Gegenkraft. Ihre Finger lösten sich vom Heft, mit einem unheilverkündenden Klirren landete das Schwert auf dem Boden und rutschte außer Reichweite. Boyar zeigte nicht einmal Triumph, sondern holte sofort erneut aus. Sie konnte sich nur noch zur Seite werfen und auf allen Vieren hastig auf ihr Schwert zukriechen. Gilawan schrie ihr eine Warnung zu und sie drehte sich um. Ihr blieb nichts anderes mehr, als den linken Arm hoch zu reißen, um den neuen Schlag abzuwehren. 

Die Klinge schnitt durch die Silberfiguren, das gehärtete Leder, wurde von den darunter eingearbeiteten Metallschienen verlangsamt, traf auf die zweite Lederschicht ihres Armschutzes und fuhr dann tief in das Fleisch ihres Armes, bis sie den Knochen erreichte. Einen Moment schien die Zeit stillzustehen, kein Schmerz war da. Er selbst hatte diese Armschützer angefertigt, sorgfältig und in vielen Stunden, die er deswegen auf seine geliebte Jagd hatte verzichten müssen.

Wie gelähmt blinzelte sie zu ihm auf. Boyar machte sich bereit, sie zu töten. Es wäre ihm auch gelungen, wenn nicht direkt neben ihm ein Stapel brennender Kisten eingebrochen wäre. Funkensprühend stürzten einige der Kisten direkt auf ihn, ließen ihn blind in Rauch und Flammen zurückstolpern. Ayla dachte überhaupt nicht mehr nach. Mit einem Satz war sie wieder auf den Beinen und stürmte dann durch den Vorhang aus Feuer und Rauch auf den umhertaumelnden Schemen zu. Sie traf ihn vor der Brust und riss ihn mit ihrem eigenen Schwung zu Boden. Boyar schlug schwer mit dem Hinterkopf auf und bewegte sich benommen, während sie auf seiner Brust saß und ihren Dolch zog. Mit beiden Händen umklammerte sie den Griff und hielt ihn mit der Klinge gerade nach unten. Einen Atemzug lang zögerte sie noch, suchte in Boyars Gesicht nach einem letzten Rest des Mannes, der er gewesen war, den es sich zu retten lohnte. Seine grauen Lippen bewegten sich, doch die unverständlichen Worte waren nicht die Boyars, es war nicht einmal mehr seine Stimme.

Ayla stieß den Dolch mit aller Kraft nach unten.

Sie hatte lange gelernt zu töten und die Klinge fand sicher ihren Weg in sein Herz.

***

Theriador mochte äußerlich unversehrt sein, doch es stellte sich bald heraus, dass er keine Ahnung von der Dauer seines Schlafes hatte. Für ihn waren nur wenige Jahre vergangen, nicht Jahrtausende. Agir war ihm eine vertraute Person, Enuidil natürlich auch. Nur in kleinen Bissen konnte ihm Elrond die bittere Wahrheit verabreichen und es geschah mehr als einmal, dass der Heimkehrer abrupt ein Gespräch abbrach und sich in seine Gemächer zurückzog, wo er stundenlang auf der Terrasse stand und seine Blicke durch das Tal wandern ließ. Nach Ithuris schien ihn rein gar nichts zu ziehen, eine Einladung Haldirs lehnte er beinahe heftig ab und so wurde sie auch nicht wiederholt.

„Es ist zuviel", erklärte er an einem der angenehmeren Abende, an dem er Elrond und Haldir auf einer der Dachterrassen Gesellschaft leistete. „Zweimal zu sterben ist einfach zu viel. Erst ließ ich mein Leben, als ich meinen König nicht vor den Zwergen von Nogrod schützen konnte und dann wurde mir die wunderbarste Blume entrissen, die Arenor je gesehen hat. Ich weiß, dass Temlar keine hohe Meinung von ihr hat, doch das mag daran liegen, dass er nur die Arenai in ihr sieht. Sie hatte nichts von diesen dunklen Kriegern, gar nichts. Nur eine Frau hat sie übertroffen und das war die wundervolle Luthien, die wir verloren, weil unser König dem Licht des Silmaril nicht widerstehen konnte."

„Arenor braucht Euch."

„Arenor?" Er richtete den Blick seiner ungewöhnlichen Smaragdaugen auf den Elbenlord, ein leichtes Lächeln ohne jede Freude umspielte seine Lippen. „Ich denke nicht, dass ich diesem Ort etwas schulde, am allerwenigsten wohl den hartherzigen Geschöpfen, die Arengard bevölkern."

„So, meint Ihr?" Eigentlich war es eine Unmöglichkeit, doch Temlar hatte sich ihnen genähert, ohne dass sie es bemerkt hatten. „Ihr seid ein Narr, Elb."

Theriador erhob sich, um den Alten einfach stehen zu lassen, doch der Beobachter streckte seinen Stab aus und ließ ihn nicht passieren. Er wirkte keineswegs mehr gebrechlich, hoch aufgerichtet stand er dem Elben Auge in Auge gegenüber. „Euer Hochmut entehrt das Opfer jedes einzelnen Arenai, der auf den Traumwanderungen den Tod gefunden hat."

„Ich habe nicht darum gebeten."

„Nein, aber sie haben trotzdem ihr Leben gegeben." Mit einem leichten Kopfschütteln nahm er seinen Stab wieder hoch. „Geht und vergrabt Euch in Eurem Kummer. Womöglich haben wir Beobachter uns geirrt, als wir uns von Euch so viel erhofften. Es gibt genug Elben und Arenai, die die Liebe des Einen in alle seine Geschöpfe nicht enttäuschen werden."

Temlar sank regelrecht in sich zusammen, als Theriador nach einem kurzen Zögern an ihm vorbei ging und die Dachterrasse verließ. Kraftlos ließ er sich den Korbsessel fallen, in dem zuvor der andere gesessen hatte. „Es ist schwieriger als ich dachte."

„Er braucht immer noch Zeit", meinte Elrond und reichte dem Arenai einen Becher Wein.

„Die wir nicht haben." Temlar rieb sich über die Stirn. „Wenn sie erst heimgekehrt ist, bleiben uns nur noch Tage, Oryns Reise anzutreten."

„Noch ist sie nicht da."

„Aber sie ist auf dem Rückweg." Der Beobachter stieß Haldir mit einem boshaften Grinsen an. „Ihr habt keine Ahnung, wovon wir reden, was? Fragt ihn, er weiß es schon lange."

Unwillkürlich richtete sich Haldirs Aufmerksamkeit auf Elrond, der plötzlich sehr müde wirkte.

„Es fällt mir schwer, die Verbindung zu Escalonde zu halten", murmelte er. „Ihr sagt, sie kehren bereits zurück?"

„In wenigen Tagen werden sie da sein", nickte Temlar. „Mit den Ihainym und den Nimjinds sind noch Dinge zu regeln, aber dann kehren sie heim. Es eilt nicht so wie beim letzten Mal, als Euer Waldelb meinte, Mandos wäre doch ein lieblicherer Ort als Arenor."

Unwillkürlich glitt Haldirs Hand an seine Seite, wo das Schwert ihn verletzt hatte. Temlar war diese Geste nicht entgangen, aber anstatt in seiner üblichen Art zu spotten, hob er leicht den Becher in seine Richtung. „Es stand schlecht um Euch, Waldelbe. Offen gestanden hatte ich meine Zweifel, ob Ihr es wirklich schaffen werdet. Für einen Elben seid Ihr recht zäh. Das macht Hoffnung."

„Ein Lob aus Eurem Mund ist selten", nickte Haldir friedlich.

„Gewöhnt Euch nicht daran." Temlar blinzelte freundlich. „Außerdem hattet Ihr Hilfe. Ayla hätte niemals zugelassen, dass Ihr unter ihrer Obhut einfach sterbt."

„Daran erinnere ich mich."

„Gut, denn bei dem, was nun auf Euch wartet, könnt Ihr Eure Schuld tilgen." Temlar richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Elrond. „Sagt es ihm, Meister Elrond, erzählt ihm, dass der Weg mitten hinein in die Dunkelheit Angrams führt und dass sie ganz alleine dort das Licht finden müssen, weil dieser Narr von Theriador in einem Meer von Tränen schwimmt."

„Ihr nehmt mir gerade diese Aufgabe ab", antwortete Elrond gereizt. „Es muss auch nicht jetzt sein. Wenn wir morgen nach Arengard aufbrechen, bleibt noch genug Zeit."

„Gestern oder morgen. Das sind die beiden Zeiten, in denen ihr Elben lebt. Dabei ist es immer nur die Gegenwart, die uns töten kann."

***

„Kannst du gehen?" Langsam drang die Frage zu ihr vor. Sie drehte den Kopf weg von dem toten Gesicht unter ihr und ließ sich von Gilawans vertrauten Saphiraugen aus ihrer Erstarrung leiten. „Wir müssen hier weg, Ayla."

Als sie nickte und ihren Dolch aus Boyars Brust zog, half er ihr auf die Füße. Erst jetzt merkte sie, dass das Zeughaus lichterloh brannte. Tote Levarin und sehr viele tote Drakan lagen überall, Lebende waren nur noch wenige da. Die meisten hatten bereits den Rückweg angetreten. Einige ihrer Krieger waren Zeuge des Kampfes geworden. Trauer lag auf ihren Gesichtern, als sie sich jetzt abwandten, um vor dem Zusammenbruch des Gebäudes in den Tunnel zu flüchten. Andoris, leichenblass vor Kummer, mühte sich nun, Boyars Leichnam aufzunehmen. Lemna, die es eigentlich besser wissen musste, ersparte sich voller Mitleid jedes Wort und half ihm schließlich.

Ayla wehrte Gilawans Hilfe ab. Sie holte ihr Schwert und folgte der traurigen Prozession zur Falltür. Erst als sie die Leiter ergreifen wollte, fehlte ihr die Kraft. Dann kamen die Schmerzen in ihrem linken Arm wie ein Schlag in den Magen. Zum Glück stand Melja am Fuß der Leiter und half ihr. Wenn er gesehen hatte, was dort oben passiert war, dann ließ er sich nichts anmerken.

„Um deinen Arm kümmern wir uns später", sagte er knapp. „Wenn wir es schnell genug zu den Pferden schaffen, sind wir außer Gefahr. Sie werden eine Weile brauchen, bis sie wissen, woher wir kamen."

So rasch es ging, hetzten sie durch den Tunnel. Der Weg schien endlos zu sein. Ayla versuchte unterwegs, ihr Halstuch um den Arm zu winden. Den Lederschutz ließ sie einfach um. Wahrscheinlich verhinderte er sogar, dass die Wunde noch stärker blutete, als sie es ohnehin schon tat. Sie konzentrierte sich auf den Schmerz, der von ihrem Arm bei jedem Schritt in Wellen ausging, um das andere, viel schrecklichere Gefühl in ihrem Innern zu verdrängen. Nachgeben wollte sie nicht, sie waren noch lange nicht in Sicherheit.

Die Überlebenden erwarteten sie bereits. Die meisten saßen schon auf den Pferden, einige mit Blessuren, andere einfach nur erschöpft. Unter den Arenai kam leichte Unruhe auf, als Boyars Leichnam aus dem Tunnel gebracht wurde, aber Drangar sorgte mit einem scharfen Befehl dafür, dass die Männer sich still verhielten.

„Bis sie merken, dass der Angriff von hier kam, sind wir wieder in den Höhlen", sagte Melja und gab das Zeichen zum Aufbruch. „Hältst du bis dahin durch?"

Ayla nickte nur stumm.

Dorian, der schon mehr Zeit mit den Arenai verbracht hatte, spürte, dass etwas im Gange war. „Reitet schon vor. Ich führe sie hinter euch her."

Boyars toter Körper lag wie ein Fremdkörper zwischen den Zurückbleibenden. Stumm sahen die Männer zu, wie Andoris daneben kniete und mit gesenktem Kopf nicht verständliche Worte murmelte. Es war kaum zu ertragen und sein Schmerz würde sich noch vergrößern. Ayla lehnte nicht weit davon an einem der Felsen und ließ es geschehen, dass Drangar ihren Unterarm untersuchte.

„Kein Bruch", stellte er zufrieden fest. „Mit etwas Heilsalbe und einem festen Verband lässt sich der Schaden beheben."

Während er den Armschoner entfernte und mit der Versorgung begann, beobachtete Ayla weiterhin den jungen Elben. Lemna gesellte sich zu ihr. Gilawan und Elcaran standen in Andoris Nähe, warfen jedoch immer wieder einen nachdenklichen Blick zu ihnen herüber.

„Die Dämmerung kommt", meinte Lemna sehr leise. „Jemand muss es ihm sagen, Schildmeisterin."

„Was ist überhaupt passiert?" erkundigte sich Drangar, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. Ein fester Verband lag nun um die tiefe Wunde, nur noch wenig Blut färbte ihn. Mit vorsichtigen Bewegungen legte er den Armschoner wieder an, um den Druck auf die Wundränder zu verstärken. Er stockte auch nicht, als Lemna ihm in wenigen Worten schilderte, was sie in der Garnison aufgefunden hatten.

„So, das hält bis Arengard." Drangar hob den Kopf und sah Ayla offen ins Gesicht. „Es war recht so. Jeder, der ihn kannte, hätte ihm diesen Dienst erfüllt. Boyar hätte so nicht leben wollen."

Sie zog ihren Handschuh wieder an und bewegte kurz die Finger. Bis auf den dunklen Schmerz, der unter dem blutbefleckten Armschutz pochte, ging es gut. Kein Grund mehr, weiter hier zu sitzen und nichts zu tun. Mit einem leisen Seufzer stand sie auf und ging langsam zu den Elben hinüber, versuchte dabei, Boyars Körper zu ignorieren. Bevor sie auch nur ein Wort sagen konnte, nickte ihr Elcaran wie zur Bestätigung zu. Dann trat er an Andoris heran und sprach ihn leise an. Sehr langsam stand der junge Elb auf und zog sich einige Schritte zurück. Vielleicht dachte er, dass Ayla nun bei Boyar trauern wollte, obgleich er die Arenai inzwischen besser kennen sollte.

„Wir müssen aufbrechen", sagte sie ruhig. „Verabschiede dich von ihm, Andoris."

Es dauerte eine Weile, bis ihre Worte durch seinen Kummer hindurch drangen. „Ihr könnt ihn nicht zurücklassen!" brach es dann aus ihm hervor. „Ihr müsst ihn in Arenors Erde bestatten, soviel seid Ihr ihm schuldig."

„Habt Ihr nicht zugehört, was Gilawan von Adrim erzählte?" Sie nahm ihm den vorwurfsvollen Tonfall nicht einmal übel. „Er wird vergehen. Das ist nicht einfach nur dahingesagt, Andoris. Mit dem ersten Licht eines neuen Tages verlassen die Toten uns. Es ist nur eine Handvoll glitzernder Staub, der verweht. Nichts bleibt."

Arenai, die in ihren Träumen starben, wurden hinauf auf die Türme gebracht, um dort den Sonnenaufgang zu erwarten. Die Vorstellung, wie sie im ersten Sonnenlicht glitzernd ihren Frieden fanden, hatte immer etwas Tröstliches gehabt. Selbst das wurde Boyar verwehrt. Ein langer Weg lag vor ihm bis nach Arenor und von dort an den Ort, der den Gefallenen vorbehalten war. Nun richtete sie ihre Augen doch auf den Toten. Schon jetzt war nichts mehr von ihm da, nur eine entstellte Hülle. Vielleicht hatte er den Weg bereits angetreten, als man ihm die Seele vergiftete, sie hoffte es für ihn.

Elcaran bedeutete ihr mit einer Handbewegung, sie mit Andoris alleine zu lassen. Insgeheim war sie erleichtert, diese Last bei den beiden erfahreneren Männern abladen zu können. Sie hatte sich nie Gedanken gemacht, wie Elben mit dem Tod und der Trauer umgingen, weil noch niemals ein Elbe auf Arenor gestorben war. Sie verließen die Insel, um nach Valinor zu gelangen, aber sie starben nicht.

Tbc

@MysticGirl: Habe ich irgendwo geschrieben, dass Hivia größer ist als ein Dackel? Ist sie überhaupt so groß wie ein Dackel? Jedenfalls macht sie genug Ärger für jemanden von der Größe eines Balrogs. Hivias Zwilling, hm?

Es ist sehr früh, ich bin müde und habe mir auf der Extended Haldirs Sterbeszene angetan. Schön war's, bitter war's. Ich zitiere jemanden und weiß nicht mehr wen...Mir geht irgendwie die Luft aus.

@Loriel: Lange Autorinnen-Umarmung! Tiefer Dank und Versprechen, bis zum letzten Chap zu posten. Ursprünglich habe ich die Geschichte nur für mich geschrieben. Wenn sie dir gefällt, ist das doch schon eine Menge wert. Vielleicht sind da auch noch ein paar stille Leser....

Stille Leser? Bitte melden, ein einfaches Ja reicht.

@Shelley: Danke wie immer. Todfeinde ist beendet – was kommt jetzt? Ausreden gelten nicht, von wegen Weihnachtshektik und so.

@Amelie: Ich weiß, dass da noch ein Strich auf das erste e gehört, aber ich trau den Symbolen nicht so ganz. Elrond kann wirklich böse werden, bei den Söhnen lernt man das. Dagegen ist Hivia eine leichte Übung.