Disclaimer: alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben. Fast alles ist nur geliehen und bringt kein Geld.

11.Kapitel

„Du hättest sehen sollen, wie die Pfeile über die Schlucht schwirrten. Ich wünschte, wir hätten solche Bogen." Dingis Stimme begleitete ihre Gedanken wie ein steter Strom. Seit sie im Felsenfall eingetroffen waren, belegte er seinen Anführer mit Beschlag und erzählte von der kurzen Auseinandersetzung in der Schlucht. Dabei gestikulierte er so heftig, dass er eigentlich vom Rücken seines neuen Pferdes hätte fallen müssen. Nach Dra-Baran waren genug Reittiere für alle vorhanden. Selbst Melja, der sie nach Arenor begleiten würde, hatte nun zwar nicht Glormir, dafür aber leihweise Adrims Pferd, das besser zu seiner Statur passte als sein eigenes. Breill, Levarin, vielleicht noch die Ihainym, mit leeren Händen kamen sie nicht zurück. Es mochte stärkere Verbündete geben, aber in Escalonde konnte man nicht wählerisch sein.

Ayla ließ sich von Glormirs gleichmäßigem Gang fast in einen leichten Schlaf tragen. Die Müdigkeit, die ihr in den Knochen steckte, stammte nicht von den vielen Stunden, die sie seit Dra-Baran und Felsenfall im Sattel saßen, den Verhandlungen mit Melja und seinen Levarin-Ratgebern oder dem Weg zurück Richtung Taurhoss, der sie bald an Barcanem im Schutz der Dunkelheit vorbeiführen würde.

Wie sie diese Stadt verfluchte!

Zwei Arenai und beinahe auch den Waldelb hatte sie das Leben gekostet. Etwas nagte an ihr und das war nicht der Verlust Boyars, den hatte sie tief in eine Ecke ihres Gedächtnisses verbannt, um ihn erst dann wieder vor sich auszubreiten, wenn sie es sich erlauben konnte, seinen Tod wirklich zu empfinden. Sie ahnte, dass noch viel Zeit bis dahin verstreichen würde. Trotzdem setzte sich immer mehr das Gefühl in ihr fest, dass es noch eine unerledigte Sache gab, die keinen Aufschub duldete.

„Ich wünschte, einer dieser Pfeile würde sich direkt in Orbaths Herz bohren."

Dingis musste zum Zeichen seiner Verachtung wieder diesen widerlichen Pflanzensaft ausgespuckt haben, denn Glormir tänzelte einen Schritt zur Seite und weckte Ayla damit aus ihrer Versunkenheit.

„Entschuldigung", murmelte der kleine Breill. „Aber nach dem, was er mit den Wirtsleuten gemacht hat, ist der Tod eigentlich noch zu schade für ihn."

Ayla brauchte einen Moment, um ihm folgen zu können. „Nachdem wir weg waren?"

„Sicher. Ich habe es gesehen, der Rote Busch ist geschlossen, enteignet. Ich habe mich umgehört und man erzählt, dass am Tag nach unserer Flucht Stadtwachen auftauchten. Der verletzte Wirt wurde eingekerkert. Er hat es nicht überlebt."

„Und Rony?" Die Frage kam von Gilawan.

„Verkauft zusammen mit den Kindern." Dingis bewegte betrübt den Kopf hin und her. „Awyne, die hübsche Kleine, hat er für sich selber genommen."

Aylas Augen suchten in der Dunkelheit des Landes die Lichter Barcanems, die südlich von ihnen jetzt gut zu erkennen waren. Dieses dumme Weib, dachte sie, zu den Breill hätte sie fliehen sollen, sofort. Orbath ist niemand, dem man lange Zeit lassen kann.

 Es war so offenkundig gewesen, dass er den Tod seiner Fänger im Hof des Gasthauses nicht ungesühnt lassen würde. Schon bei ihrem ersten Zusammentreffen hatte sie ihn so abstoßend gefunden, wie sonst noch nichts zuvor in ihrem ganzen, langen Leben. Seine äußere Ähnlichkeit mit den Elben, verbunden mit einer abgrundtiefen Bosheit in seinem Innern umhüllten ihn so deutlich wie der Gestank der Straßen, durch die sie zum Gasthaus gezogen waren.

Sie bedeutete den anderen, weiter zu reiten, während sie einfach stehen blieb, auf Barcanem konzentriert. Orbath, der Sklavenhändler, ein Bergherrenbastard....Er lebte, andere sehr viel Bessere waren dafür tot. Sie versuchte, sich an den Weg zu seinem Haus zu erinnern. Vom Stadttor aus wäre es nicht weiter schwer, doch sie müsste den anderen Weg nehmen, den sie zur Flucht benutzt hatten. Außerdem konnte man sie leicht erkennen, Barcanems Wachen waren sicherlich angehalten, Ausschau nach diesen ‚Südländern' zu halten.

„Über die Dächer." Gilawan rückte seinen Bogen zurecht. „Und nicht alleine."

Jeder Versuch, sich ahnungslos zu stellen, scheiterte an seinem entschlossenen Gesichtsausdruck. Er wusste genau, was sie vorhatte. Nicht nur er, auch sein Bruder wartete gespannt auf ihre Entscheidung. Sie wollte schon nicken, als sie Andoris und Lemna entdeckte. So sehr es sie auch danach verlangte, Orbath seine gerechte Strafe zu erteilen, das Risiko war zu hoch. Die Enttäuschung brachte einen bitteren Geschmack auf ihre Zunge.

„Er wird auf die Pferde achten", erklärte Elcaran. „Nur mein Bruder und ich begleiten dich. Andoris versteht es – wenigstens diesmal."

„Es geht nicht nur um Orbath", sagte Gilawan. „Als wir sie verließen, habe ich Awyne etwas versprochen."

Daran erinnerte sich Ayla und auch daran, dass in seiner Familie Versprechen wohl sogar über den Tod hinaus gehalten wurden. Diese Verpflichtung verstand sie, auch wenn es ihr nicht wirklich begreiflich war, was ihn überhaupt getrieben hatte, sie abzugeben. Sie hatte nie den Eindruck gehabt, dass Elben für die schwächeren Kinder Iluvatars großes Mitgefühl empfanden. Jedenfalls nicht genug, um sich in die Lage zu begeben, in der sie sich wenige Stunden später dann befanden, nachdem sie so weit wie möglich an Barcanem herangeritten und dann zu Fuß über die zerfallene Stelle in der Stadtmauer geklettert waren.

Ayla hatte alle schwereren Teile ihrer Kleidung bei Lemna und Andoris gelassen. Selbst ihr Mantel wäre ihr bei diesem Vorhaben nur im Weg. Einzig die leichte, mit eingenähten, dünnen Metallringen versehene Weste konnte sie jetzt noch bei einem Angriff schützen. Sie hatte noch ihr Schwert und den Dolch, der zuletzt Boyars Leben beendet hatte. Mit zwei Elben an ihrer Seite benötigte sie auch keinen Bogen, es war ohnehin nicht ihre bevorzugte Waffe. Ungehindert von derartigem Ballast bemühte sie sich, den leichtfüßigen Elben in der Dunkelheit über die Dächer Barcanems zu folgen.

Der leichte Nachteil, den Arenai ihnen gegenüber schon von Natur aus hatten, vervielfältigte sich durch die Verletzung ihres Armes. Nachdem sie scheinbar mehr Dächer überquert hatten, als es eigentlich in Barcanem geben dürfte, war aus dem dunklen Pochen ein kaum noch zu ignorierender brennender Schmerz geworden. Unter dem Armschutz schien ihr Fleisch in Flammen zu stehen. Es war nur der Gedanke daran, Orbath in ein absolutes Nichts zu schicken, das Ungeheuern wie ihm zugedacht sein musste, der sie zu den beiden Elben aufschließen ließ.

„Das muss es sein", meinte Gilawan und deutete auf das Haus direkt vor ihnen. „Da vorne ist die Holzarena des Sklavenmarktes. Der Abstand ist ein bisschen größer als ich dachte, aber es ist zu schaffen."

Bevor sie einen Ton sagen konnte, hatten er und Elcaran sie jeder an einem Arm gefasst und zogen sie einfach mit sich. Leiser als sie befürchtet hatte, landeten sie auf dem Holzschindeldach und liefen dann schnell zu einer einfachen Luke, deren Riegel Elcaran nach kurzem Stochern mit seinem Dolch zurückschieben konnte. Man gelangte dadurch auf einen niedrigen Dachboden, in dem einige wenige Kisten herumstanden. Einfallendes Licht wies den Weg zu einer weiteren Luke, die in den obersten Stock führte. Der Gang darunter war erleuchtet, aber so schlicht ausgestattet, dass es sich hier unmöglich um die Zimmer des Hausherrn handeln konnte.

Lärm drang von weiter unten, sehr viele Stimmen und Geräusche von Geschirr und Musik. Orbath gab wohl ein Fest, vielleicht war es auch nur ein gewöhnlicher Abend im Hause eines Sklavenhändlers. Jedenfalls spielte sich genug im Erdgeschoss ab, um sich wie ein schützender Vorhang vor sie zu legen, als sie vorsichtig das Treppenhaus in das nächste Stockwerk hinunterschlichen. Diesmal waren die Korridore mit prächtigen Teppichen ausgelegt, geschmacklose Kostbarkeiten hingen an den Wänden - mehr als gut gewesen wäre. Das Stockwerk war zum Glück ebenfalls verlassen. Sie arbeiteten sich durch die verschiedenen Räume, bis sie schließlich in ein großes Schlafzimmer gelangten.

Elcaran gab einen undefinierbaren Laut von sich, während er das riesige Baldachinbett betrachtete, auf dem Unmengen bunter Kissen und Decken lagen. Der Raum war zugestellt mit Möbeln unterschiedlichster Form und in der Luft hing ein Geruch, so süßlich und drückend, dass Ayla am liebsten das Fenster aufgerissen hätte.

„Damit will er wohl den fauligen Geruch seiner Seele überdecken", murmelte Gilawan. Mit einem missbilligenden Kopfschütteln musterte er die überladenen Gewänder des Hausherrn, die an Haken an einer Wand hingen.

Ayla konnte ein winziges Lächeln nicht unterdrücken. Ihre beiden Elbenbegleiter lebten in Ithuris, wer weiß woher sie vor Arenor stammten, und sie hatte die Telayn der Waldelben erlebt, auch Gildannas selbstverständliche Pracht war ihr mittlerweile vertraut. Dieser Raum hier war eine einzige, bizarre Entstellung elbischer Lebensart.

Elcaran postierte sich neben der Zimmertür, Gilawan lehnte sich in der Nähe des Fenster einfach an die Wand und Ayla beschloss, ihre Kräfte zu sammeln, indem sie sich in seiner Nähe in einen gepolsterten Holzsessel mit überhoher Rückenlehne und geschnitzten Armlehnen setzte. Das Fest war noch in vollem Gange und die Gäste offenbar von einer Art, die es laut und wild liebte. Nach allem, was an ihre Ohren drang, wäre keiner von ihnen mehr nüchtern genug, um ihnen gefährlich werden zu können. Doch ihre Ahnungslosigkeit um den Feind im Stockwerk über ihnen war sehr viel angenehmer. So bekämen sie es nur mit den finsteren Gesellen zu tun, die Orbaths Leibwache waren. Wenn überhaupt, schließlich erwartete kaum jemand einen Angriff im eigenen Schlafzimmer.

Die Zeit verging langsam, keiner der Wartenden sprach auch nur ein einziges Wort. Ayla hatte ihren verletzten Arm auf der Lehne abgelegt und merkte erleichtert, dass sich das Feuer darin wieder beruhigt hatte. Eine Weile fuhr sie gedankenverloren die Verzierungen auf dem Holz nach, bis sich zuerst unter ihren Fingerspitzen und dann nach einem entgeisterten Blick die tatsächliche Beschäftigung dieser verschlungenen Figuren enthüllte. Hastig nahm sie den ganzen Arm herunter, sich der offenen Belustigung ihrer beiden Begleiter durchaus bewusst. Orbath war nicht nur ein Mörder und Sklavenhändler sondern auch noch ein unglaublicher Lüstling. Bei näherer Betrachtung gab es in diesem Raum kaum einen Gegenstand, der nicht die Abbildung nackter Körper in eindeutigen Posen zeigte. Ayla sehnte sich nach Erlösung aus dieser Situation, sie wollte einfach nur noch zurück nach Arengard.

Bevor sie endgültig verzweifelte, kündigten Schritte auf der Treppe davon, dass sich mehrere Personen näherten. Sie kamen den Gang entlang, stoppten vor der Tür, dann wurde die Klinke heruntergedrückt und einen Augenblick lang war eine seltsam unförmige Gestalt zu sehen. Erst als sich plötzlich ein Teil davon löste, kaum mehr als ein Bündel zerrissener Kleidung und weißer Glieder, und ins Zimmer gestoßen wurde, war klar, dass Orbath sich ein spezielles Vergnügen für die Nacht mitgebracht hatte. Er war so fixiert auf das halb ohnmächtige Mädchen auf dem Boden vor seinem Bett, dass er erst aufschreckte, als Elcaran hinter ihm die Tür ins Schloss drückte und sich dann von innen mit verschränkten Armen davor stellte.

Orbath öffnete den Mund, wohl um einen Hilfeschrei auszustoßen. Doch jeder Laut blieb ihm im Hals stecken, denn Gilawan hatte sich aus seiner bequemen Haltung an der Wand gelöst und war wenige Schritte in den Raum hinein getreten. Sein Gesichtsausdruck war eine wunderschöne, aber todverheißende Maske, als er sich nun hinunter beugte und die wimmernde Firimar vom Boden aufnahm, bei der es sich um niemand anderen als Awyne handelte.

Von ihrem bequemen Sessel aus betrachtete Ayla die drei Männer. Im direkten Vergleich verblasste die Ähnlichkeit zu einer schwachen Übereinstimmung in Größe und Körperbau. Wenn irgendwo in Orbath noch ein Rest Elbenblut floss, dann war er so verdorben, dass sich kein weiterer Gedanke daran mehr lohnte. Mit einem entschiedenen Laut stand sie auf.

„Du!" stieß der Sklavenhändler hervor und sein Gesicht verzerrte sich wieder. Unruhig suchten seine Blicke den Raum ab. Er schien zu erwarten, dass Haldir sich aus einer dunklen Ecke auf ihn stürzen würde. „Schickt dich dein Bruder?"

Darüber hatte sie sich schon bei ihrer ersten Begegnung gewundert. Sie hatte allerdings nicht vor, hier und jetzt den Irrtum aufzuklären. Schweigend ging sie näher auf ihn zu, bis er in ihrer Reichweite war. Obwohl er sie überragte, war ihm die Furcht vor einem direkten Kampf auf die Stirn geschrieben. Orbath schickte seine Fänger aus, er selber hatte wahrscheinlich noch nie eine ehrliche Auseinandersetzung geführt. Allerdings blieb es ihm heute auch erspart, Ayla hatte nicht vor, ihm so viel Ehre angedeihen zu lassen.

„Lichtbringer!" Er spuckte das Wort fast aus. „Die Schlampe dort faselt von nichts anderem. Von blauen Himmeln und Sonnenlicht. Ich hätte euch sofort bei der Versteigerung töten lassen und dich an ihrer Stelle nehmen sollen."

Ayla hob nur eine Braue. Schweiß glänzte auf seiner Stirn und seine Augen flackerten immer wieder unruhig umher. Wahrscheinlich überlegte er, wie er doch noch aus dieser Lage entkam.

„Die Bergherren wissen bereits von euch", sagte er, „und sie fürchten euch nicht im mindesten. Escalonde liegt seit Anbeginn der Zeit unter dem grauen Mantel der Furcht und ihr werdet daran nichts ändern. Ihr könnt euch nur mit ihnen verbünden oder sterben."

„Verbünden?" echote Ayla. Der Klang des Wortes stand zwischen ihnen und schuf die Vision einer Welt, in der ihre Arenor-Elben Entsetzen verbreiteten, das in ihnen scheinende Licht Iluvatars verloren und sich zu Zerrbildern veränderten. Sie versuchte, sich Elrond vorzustellen, begleitet von einer blutdürstigen Garde aus Arenai, wie er das Land mit seiner ganzen Macht verwüstete, Haldir und die Waldelben in Taurhoss, um die Ihainym abzuschlachten. Es sich selbst nur vorzustellen, misslang ihr. „Ein Bündnis wird es niemals geben."

„Du bist so hochmütig", zischte er. „Dann werdet ihr alle sterben."

Es wurde langsam ein ermüdendes Gespräch. Vielleicht hatte sie mehr von ihm erwartet, möglicherweise eine Erklärung, warum ihre Männer nun tot waren. Leichte Enttäuschung machte sich in ihr bemerkbar.

„Die Dämmerung ist nicht mehr weit", ließ sich Gilawan warnend vernehmen. „Wir müssen gehen."

„Es gibt auch nichts mehr zu bereden", nickte Ayla.

„Ihr kommt nie bis zum Grimmigen Wald!" triumphierte Orbath. „Meine Fänger werden euch genauso stellen wie beim letzten Mal und diesmal bekommen wir euch alle."

„Wir werden sehen." Ayla ließ seine ganze Erscheinung auf sich wirken. Seine hochaufgeschossene Gestalt, die kostbare Kleidung, die Juwelen, die mit ihrem Strahlen gegen den dunklen Schatten seiner Verderbtheit nicht ankamen. „Du schuldest mir noch etwas."

„Ihr habt das Mädchen. Damit sind wir quitt."

Es war nur ein kurzes, silbriges Schimmern im Licht der Öllampen und ein Geräusch wie ein Flügelschlag. Beinahe erstaunt griff Orbath an seine Kehle, aus der in einem breiten Strom das Blut hervorquoll. Schreien konnte er nicht mehr, aber den Mund weit geöffnet, sackte er mit einem gurgelnden Laut in die Knie.

„Du schuldest mir ein Leben." Ayla steckte den Dolch, der auch Boyar getötet hatte, wieder an seinen Platz an ihrem Gürtel zurück. „Deines wiegt zu wenig, um seinen Verlust auszugleichen, aber es muss reichen. Ein anderes hattest du schließlich nicht anzubieten."

***

Die Vergangenheit war ein Ort im Herzen Loriens, vertraute Gesichter und liebgewonnene Erinnerungen, die Zukunft zumindest in ihrer letzten Ferne ein Ort des Friedens unter denen, die man verloren hatte. Die Gegenwart hingegen hatte wenig, dass sie zu einem willkommenen Freund machte. Arengard lag noch im Frühdunst, der einen der immer wärmer werdenden Sonnentage verhieß, als sich das weiße Tor hob und die Reitergruppe passieren ließ, die bereits vor dem Großen Haus erwartet wurde. Nicht im Hafen selber diesmal, hatte Temlar gefordert, die Ankommenden würden erschöpft sein und es sicher begrüßen, nicht noch durch die ganze Stadt laufen zu müssen.

Zügig, aber nicht zu schnell, ritt der Trupp die Hafenstraße hinauf, an deren Rändern sich einige sehr schweigsame Arenai eingefunden hatten. Es war keine jubelnde Rückkehr, die Haltung der Reiter kündigte es bereits an.

Mehr als bei ihrem Aufbrauch waren es, die diszipliniert in mehren Reihen hintereinander ritten. Einige scherten bereits unterwegs aus, wenn sie ihr Heim erreicht hatten. Die anderen gehörten zu den Bewohnern des Großen Hauses. Nach und nach gab der Frühdunst bekannte Gesichter frei, Gilawan und Elcaran waren dabei, Drangar, Lemna, aber auch Dorian, neben dessen Pferd Arn auf der einen Seite und Cric auf der anderen Seite liefen. Rechts neben der Schildmeisterin ritt ein Mann, der so massiv und unbezwingbar wirkte wie eine Felswand. Schwarze Tätowierungen bedeckten seinen haarlosen Schädel. An ihrer linken Seite hielt sich Andoris und schon der erste Blick in das müde Gesicht genügte Haldir, um zu wissen, dass der junge Elb in den letzten Wochen durch Erfahrungen schneller gereift war, als es hätte sein sollen.

Auch eines der struppigen, kleinen Escalonde-Perde befand sich im Tross, geritten von einem kompakt gebauten Nimjind, der sich so gerade hielt, als hätte man ihm ein Brett in den Rücken gebunden. Ayla brachte also Gäste mit, Verbündete vielleicht. Einzig Boyar saß auf keinem der Pferde. Haldir schloss für einen Moment gequält die Augen. Diesen Verlust würde sie nie verzeihen.

Vor den Wartenden auf der Treppe des Großen Hauses hielt die Gruppe an. Überraschend glitt zuerst Elcaran aus dem Sattel und nahm dann von Gilawan ein Bündel entgegen. Erst als die roten Haare zu erkennen waren, wurde Haldir klar, dass es sich um einen Menschen handelte. Um Awyne um genau zu sein, auch wenn so gut wie nichts mehr an das strahlende Mädchen erinnerte, das sie im Roten Busch bedient hatte.

Elrond warf einen kurzen Blick auf die leblose Gestalt und bedeutete dem anderen dann, sie hineinzubringen.

Kein Wort war bislang gefallen, doch die Trauer und Anspannung legte sich greifbar auf alle, die sich hier versammelt hatten. Selbst Theriador, der diesen Namen abgelegt hatte und sich nun Erebion nannte, seit er überraschend mitten in der Nacht im Großen Haus eingetroffen war, suchte fragend Haldirs Blick.

Endlich gab sich die Arenai einen Ruck. „Gesandte von Escalonde, Lord Elrond. Cric, der für den Lei der Ihainym sprechen wird, Dorian und Arn von den Breill, Iven, der Sohn König Beldoins und Melja Levaren vom Felsenfall." Jeder der so genannten stieg aus dem Sattel oder trat einen Schritt vor und grüßte den Elbenlord mit einer mehr oder weniger tiefen Verbeugung. Melja Levaren, dessen Name Haldir in ganz anderem Zusammenhang in Erinnerung war, brachte eigentlich nur ein knappes Nicken zustande.

„Ihr seid willkommen auf Arenor", grüßte Elrond die Neuankömmlinge. „Gäste der Schildmeisterin seid Ihr bereits, nehmt auch die Gastfreundschaft der Elben an."

Ein Zögern war in diesen unterschiedlichen Männern, kurze Blicke zu Ayla, dann gingen sie an Elrond vorbei die wenigen Stufen hinauf zum offenen Eingangstor, wo sie wieder unschlüssig stehen blieben. Elrond musste klar sein, dass sie ohne die Arenai nicht weiter gehen würden, und auch ihr war es wohl nicht entgangen, denn seltsam umständlich rutschte sie von Glormirs Rücken. Ein leichter Schweißfilm stand auf ihrer Stirn und ihre Augen waren fast von dem dunklen Grau Elronds, als sie sich zu ihnen umdrehte und einen Schritt auf den Elbenlord zumachte.

„Boyar ist tot", erklärte sie mit flacher Stimme. „Seine Seele starb zuerst, sein Körper folgte ihm dann nach einem ehrenvollen Kampf."

Hinter ihr schloss Andoris die Augen, die vor unterdrückten Tränen wie Edelsteine schimmerten.

****

In dem breiten Ausschnitt des geöffneten Fensters zerflossen die Farben der untergehenden Sonne zu einer Kaskade aus Rot, Gelb und Orange über vergehendem Blau. Es war das Geheimnis der Valar, wie es ihnen gelang, Arenor in ihr Licht zu hüllen, während am anderen Ende der Landbrücke eine ganze Welt in Grau versank. Das Farbenspiel war eine Wohltat nach der Zeit auf Escalonde. Ayla saß in einem bequemen Lehnsessel vor dem Fenster, die Füße hatte sie auf die niedrige, mit Kissen ausgelegte Fensterbank gelegt. Es mussten Stunden vergangen sein, seit sie sich in der Ruhe ihrer Traumkammer diesen Platz gesucht hatte. Langsam spürte sie, wie sich ihre Kräfte wieder sammelten. Als sie am Morgen vor dem Großen Haus eingetroffen war, herrschte eine so große Schwere in ihrem ganzen Körper, dass sie am liebsten direkt vor Elrond zusammengesackt wäre.

Wieviel Kraft hatte eine Arenai? Die Frage ließ sich auch jetzt noch schwer beantworten. Nicht wenig, denn trotz Dra-Baran und ihrem Abstecher nach Barcanem hatte sie sich aufrecht gehalten, um den Hort aufzusuchen und mit Lei-Tox zu verhandeln, mit Beldoin, dem König der Nimjinds Bekanntschaft zu schließen und die ganze Gesandtschaft nach Arenor zu führen. Die ganze Zeit hatte sie angenommen, dass ihr Mangel an Kraft auf die Verwundung an ihrem Arm zurückzuführen sei, die zwar heilte, aber dies eher langsam und widerstrebend, verbunden mit Schmerzen. Doch erst seit sie wieder Arenors Boden unter ihren Füssen hatte, war ihr klar, dass ihre Schwäche auch daher kam, dass sie von der Quelle ihrer Existenz getrennt war, vom Licht, von den Farben und von ihren Arenai.

Ayla bewegte leicht die Spitzen ihrer neuen Stiefel. Nebelgraues Mitra-Leder, butterweich, widerstandsfähig und leicht genug für die heißen Sommertage, die nun kamen. Das Geschenk, mit dem Andoris und Boyar sie hatten überraschen wollen. Sie hatte es bei ihrer Rückkehr in ihrer Kammer vorgefunden, zusammen mit einem wunderbar gearbeiteten Lederhemd gleicher Farbe, das an seinem Stehkragen mit winzigen Mitra-Figuren aus Silberfaden bestickt war und mit Knöpfen geschlossen wurde, die ebenfalls Arenors einzige Raubkatze darstellte.

Diese Tiere wurden immer nur dann gefährlich, wenn sie aus Krankheit oder Alter ihr Rudel verlassen mussten und auch nur dann war es gestattet, sie zu jagen. Boyars letzte, erfolgreiche Jagd... Sie nahm an, er war in diesen Tagen, in denen er zusammen mit seinem neuen Elbenfreund der Spur des Tieres folgte, glücklich und zufrieden. Vielleicht hatte er sich an diese Zeit erinnert, während das Spinnengift seine Seele tötete.

Aylas Finger fuhren über die geschwungenen Ziernähte ihrer schwarzen Samtweste. In genauso verschlungenen Wegen verlief ihr Schicksal, seit Oryn sein Gefängnis verlassen hatte. Nach Arenor zurück zu gelangen war nur das Ende des ersten Abschnittes ihrer Reise gewesen. Sie hatte es schon geahnt, als sie vor dem Großen Haus ankamen und dort die Elben und Beobachter erblickte. So ernst und so bereit, nun den nächsten Schritt zu beginnen.

Das leise Rascheln von Seide kündigte das Kommen eines Elben an. Die Tür zu ihrer Kammer stand offen, wie meistens, doch ihr Besucher verharrte dennoch an der Schwelle.

„Wollt Ihr noch ruhen?" erklang dann Elronds Stimme. „Es ist noch Zeit, bis die Zusammenkunft beginnt."

„Ich ruhe schon den ganzen Tag", antwortete sie. „Etwas Gesellschaft wäre nicht schlecht."

Er durchquerte den Raum und setzte sich dann auf die Fensterbank, von der sie bei seinem Eintreten die Füße heruntergenommen hatte. Das nachfolgende Schweigen war nicht unangenehm, allein seine Nähe beschwichtigte die vielen Stimmen, die in ihrem Innern tobten, die bittere Vorwürfe wisperten, Anklagen erhoben und verratene Freunde beklagten.

„Nehmt Ihr meinen Rat?" Es war keine wirkliche Frage, denn er schüttelte sofort den Kopf. „Natürlich nicht, denn sonst hättet Ihr wohl bereits gefragt. Aber es scheint, dass jeder andere, der Euch zu dieser Garnison begleitete, heute mit mir sprechen wollte."

Sie runzelte die Stirn, worauf er ihr dieses seltsame Lächeln schenkte, das sie immer verunsicherte. „Worüber?"

„Über Euch." Er legte seine feingliedrige Hand kaum spürbar auf ihren verletzten Arm und betrachtete ihn. Durch den Ärmel und den frischen Verband hindurch schien sich ihm der Verlauf des Schnitts zu enthüllen. „Selbst der Levarin fand zwischen zwei grimmigen Blicken die Zeit, mir mitzuteilen, dass er Euretwegen an der Zusammenkunft teilnimmt. Ich müsste mir sein Vertrauen erst verdienen und dies könnte ich wohl am besten, wenn ich Euch aus diesem Meer von Selbstvorwürfen herausziehe."

„Das waren sicher nicht seine Worte."

„Nein, die waren drastischer." Trotz des leichten Tonfalls war seine Miene sehr ernst. „Nur Ihr könnt wirklich über Euch selber urteilen. Seid Euch ein milder Richter, Schildmeisterin. Ich habe selbst oft Recht gesprochen und weiß, dass Gerechtigkeit das gemeinsame Kind von Gnade und Vergeltung ist."

„Es ist schwer", murmelte sie. Wärme breitete sich aus, wo seine Hand ihren Arm berührte. Eine angenehme Leichtigkeit durchströmte sie und vertrieb die dunklen Schatten, die sie seit ihrer Rückkehr aus Escalonde begleiteten. Seine Gabe zu heilen erstaunte und beeindruckte sie immer wieder aufs Neue. „Vielleicht hättet Ihr doch seine Seele heilen können."

Er schüttelte den Kopf. „Nein, reißt Euch nicht in den nächsten Abgrund. Meinen Kräften sind Grenzen gesetzt, genauso wie den Euren. Wenn etwas tot ist, muss der beste Heiler versagen."

Ayla löste den Blick von seiner Hand und ließ sich einen Moment im dunklen Grau seiner Augen treiben. Zeitalter waren vor ihnen gekommen und gegangen, Reiche entstanden und untergegangen, er hatte gekämpft, verloren und gewonnen, geliebt und sicherlich auch manchmal gehasst. „Es tut mir leid."

„Was?" fragte er verwundert.

„Man hat Euch Valinor verwehrt. Wenn wir schon eher unsere Aufgabe erfüllt hätten, könntet Ihr längst dort sein."

Einen Moment stutzte er, dann erhellte ein Lächeln seine Züge. „Die gleiche hochmütige Arenai wie bei meiner Ankunft. Denkt Ihr wirklich, das alles hier war Eure Entscheidung? Außerdem wird Valinor auch noch da sein, wenn wir unsere Aufgabe erfüllt haben." Er nahm die Hand wieder von ihrem Arm und runzelte leicht die Stirn. „Etwas anderes solltet Ihr viel mehr bedauern."

„Wovon redet Ihr?"

„Von diesem seltsamen Geschöpf, das unaufgefordert den Befehl über Gildannas Ställe übernommen hat."

„Hivia?" Diesmal wich sie seinem Blick lieber aus. Damals hatte sie es für einen prachtvollen Gedanken gehalten, Hivia in Gildanna einzuquartieren. „Sie ist etwas ungewöhnlich."

„Sie ist-„ Selbst einem Elbenfürsten konnten also gelegentlich die Worte ausgehen. Er holte tief Luft. „Als meine Söhne noch Kinder waren, konnten sie zusammen nicht so viel Unruhe stiften, wie diese einzige Person innerhalb weniger Stunden. Außerdem hängt sie an mir wie eine Klette."

„Schließlich ist sie eine Arenai. Sie sollte etwas auf Euch achten", verteidigte sich Ayla hastig.

„Hivia?" fragte er ungläubig. „Sie kann nicht einmal auf sich selber achten. Habt Ihr schon mit ihr gesprochen?"

„Nur kurz."

„Und ich nehme nicht an, dass sie Euch von ihrem Glanzstück in den Sternenbergen erzählte."

Ihre Entspannung war dahin. Ayla richtete sich in ihrem Sessel auf und wartete auf die Einzelheiten, die Hivia also wohlweislich ausgespart hatte. „Dinge, für die ich mich bei Euch entschuldigen sollte, nehme ich an. Nun gut, fangt an, ich bin erholt genug."

Stattdessen erhob er sich. „Fragt am besten Haldir, er betrachtet es etwas gelassener als ich."

Ayla verzog das Gesicht. Sie war noch nicht ganz einen Tag wieder da und ihr blieb offenbar nichts erspart.

Das Große Haus glich einem Bienenstock, mit mehr elbischen als arenorischen Bewohnern schien es. Sie hätte sich denken können, dass Elrond nicht alleine aus Gildanna angereist war. Offenbar war Arengard und mit ihm ihr Zuhause für die nächste Zeit zum zentralen Ort aller Aktivitäten ernannt worden und dies waren im Umfeld eines Elbenfürsten nicht gerade wenige.

Er hätte wenigstens fragen können, ging es ihr durch den Kopf, während sie durch die Korridore des Erdgeschosses wanderte und eine Reihe von Veränderungen bemerkte, mit denen es sich die Elben hier wohl etwas gemütlicher zu machen gedachten. Teppiche an den sonst kargen Wänden, Sitzmöbel, Blumen und Schalen, der Verschönerungstrieb der Elben war unaufhaltsam. Das meiste, fand sie, stand einfach nur im Weg oder würde Staub einfangen wie eine Leimrute.

Elben wie Arenai waren gleichsam wohl erleichtert, sie wieder auf den Beinen zu sehen und grüßten auf ihre unterschiedlichen Weisen. In dem Bestreben, ihr Gutes zu tun, übernahm einer der Waldelben, den sie auf der Suche nach Haldir ansprach, es selbst, sie in die Kaminhalle zu führen. Als Ayla durch die breite Doppeltür schritt, blieb sie wie vom Donner gerührt stehen.

Dies war ihre Kaminhalle, der Ort, an den sie sich - so wie zuvor ihr Vater es getan hatte - an kühleren Abenden oder schlaflosen Nächten zurückzog. Dunkle Balken durchzogen die hohe Decke, Bücherregale mit Erinnerungen an Träume und Wissen aus allen Zeiten Arenors bedeckten drei der Wände. Die vierte wurde von einem mächtigen offenen Kamin eingenommen, über dem die Schildwappen längst geschwundener Krieger aufgehängt waren. Nur vor dem Kamin selber standen bequeme, dick gepolsterte Sessel. Jedenfalls hatte die Halle so ausgesehen, bevor sie nach Escalonde aufgebrochen war.

Der Kamin, die Bücherregale und die Schildwappen waren noch da, mehr aber nicht und auch wohl nur deswegen, weil man sie nur schwerlich abbauen konnte. Banner hingen von den Deckenbalken herab. In der Mitte der Halle stand nun ein langer, dunkler Eichentisch, um den die Lehnstühle aus dem Speisesaal gestellt waren. Lichtschalen auf hohen Eisengestellen wurden von einigen Elben hin und her gerückt.

Mitten in der Halle stand der Herr von Ithuris ganz in goldverziertes Braunrot gekleidet und dirigierte offenbar das Chaos. Iven drückte sich in seiner Nähe herum. Der junge Nimjind wirkte keineswegs glücklich mit der Rolle, die sein Vater ihm auf Anraten des Lei zugedacht hatte. Die Nimjinds aus Orbath Fängen zu befreien, hatte ihnen den ansonsten wohl recht steinigen Weg zum Herzen des Zwergenkönigs freigeräumt, insbesondere Haldir bekam dies wohl schon zu spüren.

Ayla hatte auch wirklich keine Gelegenheit ausgelassen, zu betonen, dass es ganz allein der Waldelbe entschieden hatte. Beldoins jüngsten Sohn, der ebenfalls unter den Gefangenen gewesen war, hatte man ausgeschickt, die Dankbarkeit der Weißzwerge ihrem Befreier auch nur recht deutlich zu machen. Geschah dem Elben ganz recht, dachte Ayla voller Schadenfreude, wo er Zwerge so gar nicht leiden konnte.

„Euer Lächeln verrät Euch."

Sie wandte den Kopf dem Sprecher zu, der sich ihr von der Seite genähert hatte und ihr nur flüchtig von der Ankunft am morgen vertraut war. Zweifel an seiner Person gab es nicht, Hivia hatte äußerst blumig sein trauriges Schicksal erzählt. „Theriador."

Gequält senkte er die Lider über die unbestreitbar faszinierenden Smaragdaugen. „Nennt mich nicht so, Schildmeisterin. Dieser Mann starb zusammen mit seiner einzigen Liebe."

Unwillkürlich verzog sie die Lippen. „Hört auf zu jammern! Wir haben hier alle unsere Verluste zu tragen, Eurer wiegt nicht schwerer als der jedes anderen. Wenn wir uns jedes Mal dreitausend Jahre in einer Höhle verstecken würden, wären die Sternenberge das reinste Sieb und Arenor ein sehr stiller Ort."

Zu ihrer Überraschung nahm er ihr die Worte nicht einmal übel. „Hivia hat also nicht übertrieben."

„Was hat Hivia damit zu tun?" Sie musste sich wirklich mit der alten Freundin unterhalten. Offenbar war sie äußerst umtriebig gewesen.

„Vor dem Aufbruch halb Gildannas vor einigen Tagen besuchte ich sie in den Stallungen." Etwas verlegen strich er ein nicht vorhandenes Staubkorn von seinem Ärmel. „Ich war etwas neugierig, Ihr wisst schon."

„Nein, weiß ich nicht." Hilfesuchend blickte sie zu Haldir, der mit hochgezogenen Brauen ihre Unterhaltung aus der Ferne beobachtete. „Neugierig auf die Stallungen?"

„Auf Hivia. Eigentlich auf eine Arenai."

„Ich dachte, ihr kanntet schon eine."

„Das war etwas anderes."

„Ach?"

„Das war, bevor Ihr und der neue Herr der Waldelben-„

„Ich habe schon verstanden", unterbrach sie ihn ungeduldig. Der Zwischenfall verfolgte sie. Dabei war es wirklich nur ein winziger Tropfen Blut gewesen. Der nächste, der die Geschichte erwähnte, würde es bereuen. „Und zu welcher Erkenntnis hat Euch nun die Begegnung mit meiner Pferdeherrin verholfen?"

„Dass dies nicht das Arenor ist, das ich vor so langer Zeit als grausamen, harten Ort erleben musste und dass es sich wohl lohnen mag, sich dem zu stellen, für das damals die Zeit noch nicht reif war."

Erstmals nahm sie sich die Muße, ihn wirklich anzusehen. Etwas Besonderes war an ihm, und das lag nicht nur an den ungewöhnlichen Augen und den fast schwarzen Haaren, die ein arenorischer Stirnreif zurückhielt. Er war recht groß und strahlte unter seiner leichten Melancholie doch mehr Kraft aus als die meisten anderen Elben, denen sie in ihrem Leben schon begegnet war. Was hatte ihr Temlar über ihn erzählt? Einer der ersten, Thingols Leibwache und treu bis in den Tod, denn er wurde zusammen mit seinem König von den Zwergen von Nogrod in ihrer Gier auf das Nauglamir erschlagen. Wenn er es schaffte, die unglückliche Angelegenheit mit Agirs erster Tochter zu überwinden, war er sicherlich ein wertvoller Streitgenosse. „Und das habt Ihr also von Hivia?"

Er blinzelte ihr leicht zu. „Nicht ganz, aber ihr zuzuhören und auch zuzuschauen, während sie in den Ställen herumeilte, ließ mir die Arenai in einem ganz anderen Licht erscheinen. Außerdem lobte sie Euch in den höchsten Tönen und ich wollte mich selbst überzeugen, wer Agir als Schildmeister gefolgt ist."

„Dann werdet Ihr uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben, schätze ich." Mit einer kurzen Neigung des Kopfes ließ sie ihn stehen und durchquerte ihre verunstaltete Kaminhalle.

Haldir erwartete sie bereits mit einem äußerst zweifelhaften Lächeln auf den Lippen. „Geht es dir gut?"

„Besser", knurrte sie. „Und dir?"

Ein flüchtiger Blick streifte Iven. „Zumindest lebe ich."

„Wunderbar." Sie holte tief Luft. „Kannst du mir erklären, was du mit meiner Kaminhalle machst?"

„Wir brauchten einen Ort, an dem Elrond mit unseren neuen Verbündeten beraten kann."

Ayla machte eine umfassende Armbewegung. „Ausgerechnet hier? Ihr hättet den Speisesaal nehmen können."

„Wie der Name schon sagt..."

„Oder einen anderen großen Raum."

„Etwa deine verlassene Bildhauerwerkstatt?"

„Meinetwegen auch die." Misstrauisch musterte sie ihn. „Was ist daran so komisch?"

„Nichts", lächelte er und zog sie beinahe sanft am Arm in eine Ecke, in der sich ihre Sessel wiederfanden. Kaum saßen sie beide, brachte ein Elb auf einen kurzen Fingerzeig Haldirs zwei Becher mit Honigwein. „Noch einmal: geht es dir gut?"

„Nicht wirklich", hörte sie sich selber überraschend sagen. „Ich habe Boyar einen Dolch ins Herz gerammt. Der Augenblick verfolgt mich."

„Wärst du nicht mit mir gekommen, könnte jetzt alles anders sein."

„Oh ja", nickte sie, worauf er leicht zusammen zuckte. „Nicht nur Boyar, du wärst wohl auch noch tot. Doppelte Schuldgefühle. Ich hätte ihn in keinem Fall retten können, allein der Versuch hat Adrim umgebracht. Wir sind nur über Melja in die Garnison hereingekommen und dem sind wir begegnet, weil ich zu einem späteren Zeitpunkt den Umweg über den Felsenfall machte." Sie schickte Elrond einen stillen Dank, dass er mit ihr gesprochen hatte. Verlorene Seelen konnte er vielleicht nicht heilen, aber bei verletzten wirkte er Wunder. „Ich bereue es nicht. Mit wem sollte ich mich streiten, wenn nicht mit meinem eigenen Waffenbruder?"

Er beugte sich etwas vor und warf ihr einen scharfen Blick zu. „Das ist dann wohl auch der Grund, warum du mir diesen Zwerg auf den Hals gehetzt hast."

„Iven ist Beldoins Sohn. Du hast ihn selbst vor Orbath gerettet. Ich habe es lediglich seinem Vater erzählt."

„Du hast schamlos übertrieben", warf er ihr vor. „Dann kannst du auch nicht erwarten, dass ich deine Kaminhalle verschone."

„Wenn das hier vorbei ist, besuche ich dich noch einmal in Ithuris. Mal sehen, was man dort umdekorieren kann." Sie lehnte sich merklich entspannter zurück und genoss ihren Wein. „Und jetzt erzähle mir, was es mit diesem – wie nennt er sich denn jetzt?"

„Erebion."

„Was für ein Name. Er ist noch dramatischer als du. Erzähle mir, was es mit ihm auf sich hat und welche Rolle meine Pferdeherrin dabei spielt. Elrond meinte, du solltest das übernehmen, da es ihn immer noch wütend macht."

„Sie hat nur gemacht, was du ihr aufgetragen hast."

„Elrond zu erzürnen gehörte nicht dazu."

„Du lügst, teure Freundin, und nicht einmal sehr geschickt."

„Sei froh, dass du nicht wirklich mein Bruder bist, so wie es scheinbar alle glauben. Dann würden wir beide jetzt nicht so gemütlich hier sitzen sondern es anders austragen."

„Ach Ayla", seufzte er. „Mein Angebot gilt immer noch: selbst mit verbundenen Augen-„

„Ja,ja und ein Arm auf dem Rücken. Träum weiter, mein Freund", grinste sie. Es war gut, wieder in Arengard zu sein, selbst wenn es sich veränderte.

tbc

@Shelley: Altlast der Rechtschreib- und Grammatikprüfung. Nix Elbe, auch wenn eine Bootsfahrt angeblich lustig sein soll.

@Amèlie: Geschenk ist angekommen *freu*. Ja, Ada Elrond kann wirklich böse werden. Noch böser, wenn seine Twins da wären, aber das ist eine andere Geschichte *bedeutsames Blinzeln*

@Mystic: Mystic und Hivia zusammen? Wo ist das nächste Boot nach Valinor? Ich nehme alles, Ruderboot, Schlauchboot, Floß…Außerdem ist in der Höhle jetzt ein Schlafplatz frei, reicht auch für zwei Nervensägen. Interesse? Gut geheizt, schöne Lage, mitten im Gebirge, keine Balrogs, alle dreitausend Jahre Weckdienst mit Frühstück.

@Loriel: Spinnen sind eklig *schüttel*. Du bringst gelegentlich einen Helden um? Schäm dich, wie kann man nur? *Autorin grübelt, was für Geschichten denn da schlummern. Ringgeist-Elb Erestor erhält Spionageauftrag.*

Haldirs Tod ist zum Sterben schön, aber muss nicht unbedingt wiederholt werden. Nein, der Elb ist lebendig viel besser *seufz*.