Disclaimer: Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben. Ich verdiene nichts daran, obwohl das kurz vor Weihnachten bestimmt nett wäre.

12.Kapitel

Eine Allianz zu schmieden war niemals ein einfaches Unterfangen. Unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Ziele kamen zusammen und mussten in eine gemeinsame Bahn gelenkt werden. Zumeist bestanden alte Feindschaften, die auf Ereignissen beruhten, an die sich kaum noch eine der verfeindeten Parteien wirklich erinnerte. Diese zu überwinden, den Blick auf den einzigen, wirklichen Feind zu richten und den Weg zu eröffnen, auf dem alle gemeinsam gehen und kämpfen konnten, gehörte seit jeher zu den schwierigsten Aufgaben, denen sich Elrond in seinem langen Leben hatte stellen müssen.

In der Vergangenheit hatte ihm oft sein Wissen um die Mitglieder der Allianz weitergeholfen, die Klippen zu umschiffen, die sich aus den alten Animositäten ergaben. So manches Mal hatte er sich bei solchen Gelegenheiten gewünscht, nur einmal ein Bündnis aus Parteien bilden zu dürfen, die sich weder hassten und gerade im Krieg miteinander lagen noch gänzlich andere Zwecke mit ihrem Bund verfolgten.

Unglücklicherweise brachte nicht jeder Wunsch, der endlich in Erfüllung ging, reine Freude mit sich.

Bis auf Temlar und Erebion, die aus anderen Gründen an diesem Tisch saßen, stand hinter jedem einzelnen der Anwesenden eine ganze Schar entschlossener Kämpfer, die ein gemeinsames Ziel kannten. Auch trennte keinen der Anwesenden alter Zwist, der erst beigelegt werden musste. Selbst die alte Abneigung Haldirs gegen Zwerge stammte aus einer anderen Zeit und der Waldelb war zu erfahren, seine persönliche Abneigung jetzt hier in diese Runde einzubringen. Einig waren sie sich, doch darin erschöpfte es sich dann auch. Die Gesandten Escalondes sehnten natürlich das Ende der Bergherren herbei, die Erfahrung mit ihren Drakan-Truppen steckte jedoch so tief in ihnen, dass ihre Ängste sie lähmten. Elben und Arenai hingegen scheuten den Kampf nicht, dafür hatte man sie schließlich hierher geschickt. Ihnen fehlten jedoch die Erfahrungen mit den Drakan, die Bergherren waren ein gesichtsloser Feind, den sie nicht einmal aus der Ferne kannten.

„Wie können wir dir helfen, Elbenlord?" verzweifelte Cric gerade. „Die Ihainym verlassen den Wald nicht. Wir haben nicht einmal richtige Waffen außer die zur Jagd. Das einzige, was wir anbieten können, ist der Zufluchtsort, der der Wald immer war. Selbst die Drakan scheuen ihn und gehen große Umwege, um ihn nur bloß nicht betreten zu müssen. Das Leben dort scheint sie regelrecht zu schwächen, haben wir festgestellt. Vielleicht gelingt es euch ja, sie hinein zu locken, dann könnten wir sie töten, denn das gelingt uns im Wald schon."

„Und wie sollen wir sie von Angram bis zu euch locken?" fragte Melja Levaren. „Sollen wir uns ihnen in der Ebene stellen und dann den Rückzug in den Wald antreten, in der Hoffnung, dass sie uns folgen werden? Du weißt, dass sie uns aufreiben auf offenem Gelände."

„Dies ist wahr", bestätigte Iven. Er blinzelte etwas erschrocken, weil er in dieser Runde überhaupt gesprochen hatte, hielt aber tapfer Elronds fragenden Blick aus. „Mein Vater versuchte es in den Marschen, weil wir es nicht länger ertrugen. Immer wieder fielen sie in das Land ein, das wir den Sümpfen abtrotzten. Sie raubten unsere Vorräte und nahmen Männer als Geiseln, um sie im Amon Naith in die Dunkelheit zu zwingen. Mein Volk hat vor langer Zeit die Tiefen der Erde verlassen, zu schlecht ist es dort und je weiter man gräbt, desto mehr nimmt man Schaden."

Und das aus dem Mund eines Zwerges. Selbst Haldir betrachtete den kräftigen Nimjind, dessen grobgezeichnetes, sonst recht blasses Gesicht nun mit einer feinen Röte überzogen war, äußerst nachdenklich.

„König Beldoin hat fast sein ganzes Volk verloren", sagte Dorian. „Die Überlebenden führte er in den Wald, einige konnte er später noch in den Grotten retten, auch wenn ihnen die Meeresschnecken sehr zugesetzt hatten."

„Doch unser Mut ist nicht gebrochen." Iven richtete sich etwas auf. Zwischen all diesen hochgewachsenen Erscheinungen musste er sich verloren fühlen. „Du musst nicht denken, dass wir den Kampf scheuen. Wir haben zwar die Marschen verloren und mit ihnen einen Teil unserer Seele, doch durch das ehrenhaften Verhalten des Herrn von Ithuris erfüllt uns neue Hoffnung. Ohne auch nur einen von uns zu kennen, hat der hohe Herr sein eigenes Leben für uns aufs Spiel gesetzt. Dies ist eine Tat, die die Nimjinds nicht genug preisen können und niemals vergessen werden. Keiner hat uns je so selbstlos zur Seite gestanden. Mein König und Vater entbietet ihm seine Treue und seinen Schwertarm. Wenn er uns in den Kampf führt, werden wir ohne Zögern folgen, auch wenn es unser aller Leben kosten wird."

 Elrond entging nicht, dass sich Haldir und Ayla mangels Waffen und Gelegenheit darauf beschränkten, über den Tisch hinweg die Blicke zu kreuzen. Irgendwann würde er die beiden in einen Raum einsperren, damit sie in eine wahrscheinlich absolut entwürdigende Rauferei verfielen. Bei seinen Söhnen hatte das vor langer Zeit sehr gut funktioniert, auch wenn beide danach halb tot gewesen waren.

„Auch die Breill werden einem Kampf nicht ausweichen", sagte Dorian. „Arn und sein Volk sind sehr erfolgreich, die Drakan bei ihren Patrouillen anzugreifen. Im großen Gefecht würden sie aber kaum überleben."

Der Grauwolf, der bislang seelenruhig auf einem Teppich vor dem Kamin gedöst hatte, gab ein zustimmendes Knurren von sich.

„Das gilt für alle hier", meinte Melja Levarin. „Wir werden kämpfen, wenn es erforderlich ist, aber es hilft eigentlich nichts. Selbst wenn du deine Elben und Ayla ihre Arenai in die Schlacht führst, können wir am Ende nicht gewinnen. Nach dem, was ich in Dra-Baran von ihnen gesehen habe, wären wir euch wahrscheinlich sogar nur im Weg."

Was hatte er erwartet? Es überraschte ihn schließlich schon, dass sie in Escalonde überhaupt Verbündete gefunden hatten. Wenn man bedachte, dass dieses Land aus all dem Übel entstanden war, das vor langer Zeit aus einem überaus mächtigen, zutiefst verdorbenen Wesen hervorgebrochen war, so grenzte die bloße Existenz einiger weniger, im Innern aufrechter und der Melodie Iluvatars nicht entfremdeter Geschöpfe fast an ein Wunder. Sie hatten das Licht Iluvatars nie gesehen und trotzdem über die Jahrtausende darauf vertraut, dass es ihnen eines Tages zuteil werden würde.

„Am Ende könnt ihr euch nur selbst befreien", sagte Elrond. „Arenor ist nicht hier, um euren Kampf zu führen."

Es gab Unruhe unter den Escalondern. Dies war sicherlich nicht die Antwort, die sie zu hören erwartet hatten. Arenor und insbesondere Arengard, erfüllt mit Kriegern, wie es sie auf Escalonde noch nie gegeben hatte, war für sie der Schlüssel zum Sieg. Elrond las in ihren Herzen, dass sie sich Schlachten und Siege erträumten, Elben und Arenai im gleißenden Licht des Triumphs beim Marsch auf Angram. Dies war es nur leider nicht, was er gesehen hatte, jedenfalls jetzt noch nicht.

„Was erwartest du von uns?" Melja schlug mit der Faust auf den Tisch. „Soll diese Insel nur eine Zuflucht sein, auf die wir flüchten können, nachdem wir uns in einen verzweifelten Kampf gestürzt haben?"

Elrond suchte seinen Blick und tauchte ein in die Hoffnungslosigkeit eines verratenen Geistes. Er entdeckte das Kind, weggeführt von schwarzäugigen Soldaten in ein ungewisses Schicksal. Ließ den Moment sich wiederholen, als Melja sich umdrehte zu einer schönen, tränenüberströmten Frau, vor der sich mächtige schwarze Tore schlossen. Niemals hatte er sie wiedergesehen, ihr Anblick begleitete ihn bei jedem Atemzug, den er seitdem getan hatte. Dies war die Quelle, aus der der Levarin seine Kraft schöpfte, der Hass auf die Bergherren und immer noch die Hoffnung, seine Mutter eines Tages doch wiederzusehen, auch wenn er sich dessen nicht wirklich bewusst war.

„Willst du mir deine Macht beweisen?" Eher zittrig kamen die Worte hervor, als Melja aus der Verbindung wieder entlassen wurde.

„Darum geht es hier nicht", meinte die Schildmeisterin kopfschüttelnd. „Auch nicht um sinnlose Opfer für eine gerechte Sache. Wir werden einen Weg finden, die Bergherren und ihre Truppen zu schwächen, bevor wir ihnen im offenen Kampf gegenübertreten."

Die Stimme der Vernunft. Auch dass sie von der Arenai kam, war wenig überraschend. Sie würde niemals zulassen, dass ein derartig aussichtloser Kampf geführt würde. Es könnte zuviel Elbenblut fließen. Elrond unterdrückte ein Lächeln.

„Zuerst werden wir uns auf die Suche machen", nickte Temlar. „Wir haben einen Verbündeten, von dem ihr dummen Tölpel noch gar keine Ahnung habt. Nur aus diesem Grund haben wir ihn hier..." Er stach Erebion mit dem Finger in den Arm. Temlar liebte es, seine Zuhörer regelmäßig aufzuspießen, um ihre Aufmerksamkeit zu schärfen. „...überhaupt erst aufgeweckt. Erebion weiß, was wir suchen."

„Nein, weiß ich nicht." Der Elb rutschte unauffällig aus der Reichweite von Temlars Zeigefinger.

Temlar stieß einen geringschätzigen Schnaufer aus. „Natürlich wisst Ihr es."

„Lasst mich zuerst berichten, was Oryn uns auf den Weg gab", sage Elrond. Als er sich der Aufmerksamkeit aller seiner Zuhörer gewiss war, auch Arn hatte sich aufgesetzt und seine leuchtend gelben Augen voll sanfter Neugierde auf ihn gerichtet, erzählte er die Geschichte Oryns und dessen Worte über das Licht, das auf Escalonde zu finden sei. Cric mochte einen Teil der Geschichte, der auch Teil Escalondes war, von seinem Lei kennen. Den anderen war er sicherlich unbekannt. Zu hören, dass die Erlösung schon lange unter ihnen war, brachte wenig Freude in ihre Herzen. Elrond spürte, wie die Gedanken seiner escalondischen Zuhörer schwer wurden, doch Hoffnung war auch wieder in ihnen.

Als er geendet hatte, herrschte nachdenkliches Schweigen. Das Licht war in Escalonde, verborgen von einem Valar. Die Lösung lag greifbar vor ihnen.

„Der Amon Naith." Melja Levaren erblasste. „Es muss dort sein. Die Geschichten über die Suche der Bergherren in den Tiefen des Berges stimmen also."

„Der Amon Naith", bestätigte Elrond. „Kein anderer Ort ist denkbar."

„Dann sind wir verloren", sagte Dorian. „Niemand betritt Angram, denn nur über diesen Weg sind die Tiefen des Berges zu erreichen, und verlässt sie wieder lebend. Was rede ich, wir kämen nicht einmal hinein."

„Oryn bot uns Hilfe an", sagte Haldir ruhig. „Seine Kinder haben viele Wege, das Land zu durchstreifen. Ich denke, der Weg in den Berg hinein sollte nicht so unmöglich zu finden sein, wie es euch jetzt noch vorkommt."

„Warum sollte uns der Maia überhaupt helfen?"

Meljas Misstrauen rang Elrond ein Lächeln ab. Nach Zeitaltern, in denen jeder immer nur sein eigenes Leben schützen wollte, musste dem Levarin diese Welle der Unterstützung bestenfalls erstaunlich vorkommen. In Escalonde lebte jeder für sich selbst und vielleicht noch für einen kleinen, begrenzten Kreis. „Aus den gleichen Gründen wie wir, es ist so bestimmt."

„Angenommen, wir erreichen mit Oryns Hilfe Amon Naith", sagte Dorian langsam. „Was suchen wir dort?"

„Gute Frage", murmelte die Arenai.

„Das Licht." Cric sah beifallheischend in die Runde. „Darum geht es doch, nicht wahr? Der Lei-Tox sagte, wir werden das Licht finden und das Land zum Leben bringen."

Außer Elrond ließen alle anderen die Blicke zu den unterschiedlichsten Zielen nur nicht den Ihainym wandern. Haldir fixierte einen Punkt an der Balkendecke, der mit dem gleich zu sein schien, den Ayla von der anderen Seite aus intensiv betrachtete. Arn war einfach wieder umgesunken, Iven kratzte mit seinen dicken Fingernägeln ein Muster in die Tischplatte, fasziniert beobachtet von Dorian und Melja.

„Das Licht Iluvatars", bestätigte Elrond. „Und nur Erebion hat es jemals erblickt."

Der Doriath-Elb schien ähnliches nun doch befürchtet zu haben, denn beinahe resigniert neigte er den Kopf. „Nicht in seiner wahren Pracht wie es meinem König vergönnt war, doch ein Abglanz davon reichte alleine schon, mein Herz auf immer mit der Erinnerung daran zu füllen."

„Uh", machte Ayla wenig beeindruckt. „Wollt Ihr nun endlich zum Punkt kommen?"

„Er meint einen der Steine!" fuhr Temlar sie an.

„Das kann doch nicht Euer Ernst sein!" Ayla musterte Elrond eindringlich. „Sie sind alle verloren, auf die eine oder andere Weise und zwar nicht erst in den letzten tausend Jahren. Es mag ja sein, dass ein Teil der Geschehnisse aus den ersten Zeitaltern hier nicht richtig angekommen ist, aber die Geschichte der Steine schien mir doch immer recht vollständig. Einer wurde Earendil an die Stirn gebunden, bevor er an den Himmel versetzt wurde.

Das war der Stein, den Beren aus der Eisenkrone stahl, um vor Thingols Augen endlich würdig genug zu sein, Luthien sein eigen nennen zu können. In das Nauglamir wurde er eingesetzt und wegen dieses Schmuckstückes ging Thingol in die Hallen von Mandros ein und Erebion sitzt überhaupt erst hier an diesem Tisch.

Einen hatte Maedhros bei seinem Sturz in den feurigen Abgrund bei sich und den dritten schleuderte Maglor – oh, verdammt! Es kann nur der Dritte sein, den Ulmo hier versteckte."

„Herrin", meldete sich Iven mit ersterbender Stimme. „Deine Worte erscheinen mir unverständlich. Von welchem Stein redest du?"

„Einem Silmaril", erklärte Elrond und er berichtete den Escalondern die Geschichte der Silmarili so wie sie immer erzählt wurde. Von dem Fluch, der ihnen anhaftete, ihrer Schönheit und ihrem Ende, wie es bekannt war. Der Abend kam langsam über Arenor, während Elronds Worte den Bogen von den Anfängen des Lichts, der Gier Feanors und seiner Söhne, der Verführung durch Melkor und der Verdammnis der Elben bis zum Verschwinden des letzten der Silmaril schlug.

Es war auch seine eigene Geschichte, die er so vor seinen Zuhörer wie einen kostbaren schillernden Teppich ausbreitete. Zeitalter waren vergangen, seit Elrond seinen Vater zur Suche Valinors im Schattenmeer hatte aufbrechen sehen, die Flucht seiner Mutter Elwing in Gedanken begleitet und die Gefangennahme durch Maedhros und Maglor erlebt hatte. Es dauerte ihn noch immer, dass Maglor, der sich seiner und seines Bruders Elros angenommen hatte, der Verlockung der Steine nicht hatte widerstehen können und unter Schmerzen der Verdammnis anheim gefallen war. Er hatte so lange nicht mehr an diese Zeit gedacht, dass die Trauer, die er empfunden hatte, als sein ehemaliger Kerkerherr und späterer Vertrauter den inneren Kampf um die Gnade der Valar verlor, ihn mit so großer Kraft erfasste, als wäre es gestern gewesen.

Schweigen herrschte noch lange, nachdem er geendet hatte. Den Escalondern bereitete es Mühe, sich aus dieser für sie so fremden Welt der Elben wieder zu lösen.

„So war es", beendete Temlar die von unterschiedlichen Gefühlen gefüllte Stille mit ungewohnter Friedfertigkeit. „Die Silmarili tragen in sich das Licht, das Escalonde genommen wurde. Wir werden den einen finden und mit dem Licht wird auch Leben hierher zurückkehren."

Seine Schildmeisterin legte die Hände bedächtig mit den Handflächen nach unten auf die Tischplatte vor sich. Ihr Gesichtsausdruck war freundlich, aber das harte Schimmern in ihren Augen sprach eine gänzlich andere Sprache.  „Wir wissen jetzt zwar, was wir suchen und wo es wohl zu finden ist, aber wie wir dort hinkommen, werde ich nicht von den plätschernden, ungenauen Worten eines Wassergeistes bestimmen lassen. Niemand verlässt diese Insel, bevor wir einen vernünftigen Plan haben."

Mit niemand meinte sie keine Elben. Elrond konnte viel tiefer in ihr Herz sehen, als sie es sich vorstellen vermochte. Bereits jetzt hatte sie eine so große Abneigung gegen ihr Vorhaben gefasst, dass sie kurz davor stand, das weiße Tor von ihren Arenai abzusperren und Escalonde bis zum Ende der Welt sich selbst zu überlassen.

„Mach aus ‚vernünftig' ‚aussichtsreich' und ich stimme dir zu", sagte Haldir.

Seltene Eintracht, dachte Elrond erheitert. „Nichts anderes wird geschehen."

„Aber nicht mehr heute", brummte Temlar. „Ich bin ein alter Mann und vertrage solche langen Zusammenkünfte nicht mehr gut. Wir können morgen weiter beraten oder meinetwegen auch dann, wenn Oryn uns irgendein nasses Zeichen gibt, wie seine Kinder uns helfen wollen. Außerdem plagt mich langsam der Hunger und es dringt schon die ganze Zeit eine Fülle von angenehmen Gerüchen aus dem großen Saal."

***

In Imladris hatte Elrond ein stets gastliches Haus geführt und hier in den nüchternen Mauern Arengards wurde es nicht anders gehalten. Jeder war bestrebt, es den Gästen aus Escalonde an keiner Bequemlichkeit fehlen zu lassen. Mit jedem Tag, der verstrich ohne ein Zeichen des Maia, wurden die Escalonder tiefer in den Zauber Arenors hineingezogen. Unter dem Licht und angesichts der Farben kam neues Leben in sie, selbst der Levarin lachte bei den abendlichen Zusammenkünften häufiger und genoss die Abfolge von Liedern und Geschichten, die ihnen von einem Leben ganz anderer Art berichteten.

Cric kehrte von einem Besuch in Ithuris so glücklich wieder zurück, dass nichts ihn wohl mehr erschüttern konnte. Iven, Haldirs ungeliebter Schatten, wirkte weniger beglückt, auch wenn er sich tapfer an die Fersen des Waldelben geheftet und sogar die Telain erklommen hatte.

Botschaften vom Festland trafen auf Arenor ein, überbracht von Elben und Arenai, die sie in Taurhoss von den Spähern der Breill, der Levarin und allen Gleichgesinnten in Empfang genommen hatten.

„Nur bis nach Taurhoss", hatte Ayla klargemacht, als dieses Vorgehen besprochen wurde. „Wenn sich auch nur einer in die Ebene oder sonst wo hin vorwagt, werde ich wirklich unangenehm."

„Das geht?" spottete Haldir sofort. „Einem so sanften Gemüt wie dir sollte sogar das Wort fremd sein."

„Dieses Gebäude hat ein paar dunkle, feuchte Kellerräume. Möchtest du dort für die nächsten tausend Jahre einziehen?"

„Ich bin sicher, keiner wird Taurhoss verlassen", versuchte der unglückliche Iven zu schlichten und sah sich sofort von den glitzernden Blicken der beiden Streithähne aufgespießt. „Nicht wahr, Lord Elrond?"

„Es fragt sich, was nützlich ist", überlegte dieser scheinbar ernstlich. „Ich dachte schon darüber nach, selber einmal Escalonde aufzusuchen und mir ein Bild zu machen."

Ein kurzer Blickwechsel und die Allianz aus Waldelben und Arenai fand ihre alte Stärke wieder, um sich seinem Verlangen mit aller Entschlossenheit entgegen zu stemmen.

„Völlig abwegig", protestierte Ayla.

„Und überflüssig", bekräftigte Haldir.

„Bedauerlich", lächelte Elrond. „Da ihr beide dies jedoch so entschieden ablehnt, werde ich wohl auf euren Rat hören."

So verblieb es bei den Boten, die wenig Neuigkeiten brachten. Der Überfall auf Dra-Baran zog Strafaktionen der Drakan im ganzen Land nach sich, doch dies war nichts ungewöhnliches. Orbaths Tod schien nicht wirklich jemanden zu beunruhigen. Er hatte wohl eine ganze Reihe von Feinden gehabt und sein Schicksal wurde von niemandem betrauert. Einzig die Nachricht, dass die Rudagon vermehrt Cronn-Steine sammelten und die Vermittler der Bergherren diese in großer Zahl aufkauften, gab Elrond aus einem ungewissen Gefühl heraus zu denken.

Abgesehen von den gelegentlichen Wortwechseln zwischen Ayla und Haldir ging es friedlich zu im Großen Haus. Erebion, der sich nicht länger seinem Schicksal entgegenstemmte, suchte oft die Gesellschaft des Elbenfürsten und ließ sich berichten, was in der Zeit seines langen Schlafes geschehen war. 

Die Ruhe fand schließlich ihr Ende, als die Torwächter nach Elrond rufen ließen, weil sie eine ungewöhnliche Veränderung festgestellt hatten. Als er den Nordturm aufsuchte, wo man ihn bereits erwartete, wurde er in die Tiefen des Turmes geführt. Dort war bislang nichts gewesen, nur eine Kammer am Ende der Stufen, an deren einer Wand aus einer steinernen Rinne fortwährend das Othun-Öl in ein viereckiges gemauertes Becken im Boden floss. Eine Erklärung, wo seine Quelle war und wie es aus dem Becken in die Schalen auf den Turmkronen aufstieg, hatten sie noch immer nicht gefunden. Elrond befürchtete fast, dass man ihn hatte rufen lassen, weil die Quelle versiegt war, doch darum ging es den Torwächtern nicht. Verwirrt führten sie ihn zu einem anderen Teil des Raumes, wo sich an einer Stelle, an der zuvor massiver Fels gewesen war, ein Vorhang fließenden Wassers auftat.

„Wir fanden es bei unserem Rundgang", erklärte der Wächter, den es merklich erleichterte, die weitere Untersuchung dieser Erscheinung an seinen Herrn abgeben zu können. „Dahinter ist Licht und leichte Bewegung, doch Leben selber kann keiner von uns spüren."

Und dennoch war es da. Elrond bemerkte eine schon vertraute Gegenwart, die keineswegs unfreundlich gestimmt war. Mit einer Handbewegung schickte er den Wächter fort und trat dann auf den Vorhang zu. Das Wasser teilte sich und gab in der Mitte einen Durchgang frei, den er ohne Zögern durchschritt. Einiges hatte er erwartet, jedoch nicht einen breiten steinernen Anleger in einem unterirdischen Tunnel, durch den ein breiter Wasserstrom floss. Licht erfüllte den Ort und sanftes Plätschern des klaren Flusses, der in Richtung Westen seinen Weg suchte.

„Gefällt es dir?" Aus einem weißen Boot, das zusammen mit einem anderen an hohen Stangen am Ufer festgemacht war, erhob sich Oryn in seiner durchscheinenden Gestalt. „Es schien mir nun an der Zeit, dass euch der Weg eröffnet wird."

„Dieser Fluss führt in den Amon Naith?"

„So kann man sagen." Oryn kletterte aus dem Boot, einen kleinen Bach im Gefolge, der ihn weiterhin mit seinem Lebenselixier versorgte. „Ich denke, du hattest genug Gelegenheit, die zu versammeln, die den Weg antreten werden. Den einen, der den Silmaril bereits kennt, hast du ja wohl gefunden."

„Erebion."

„Früher hieß er wohl anders, aber mag er nun diesen Namen gewählt haben. War es schwer, ihn zu wecken?"

„Ich hatte Hilfe."

Oryn kicherte. „Davon hörte ich. Diese kleine Arenai klagte ihren Kummer und Zorn über deine Ungerechtigkeit ausgerechnet einer meiner Quellen."

„Hoher Besuch." Aylas Stimme hätte einen Diamanten schneiden können. Langsam trat sie durch den Durchgang, der nicht länger von Wasser durchströmt war. „Du hast einen erstaunlichen Hang zu dramatischen Auftritten, Oryn."

„Dieses Kompliment kann ich nur erwidern", sagte der Maia mit einer Verbeugung. „Meine Befreierin, die Schildmeisterin der Arenai, Hüterin aller Elben auf Arenor und begabteste Steinschneiderin, die je von Manwe erwählt wurde."

Ayla wartete einen Moment, dann wölbte sie spöttisch die Brauen. „Ich dachte, es geht noch weiter."

„Wenn du es wünschst", sagte er freundlich. „Ich würde dir jeden Wunsch erfüllen, schließlich hast du mich aus Melkors Gefängnis befreit."

„Dein damaliger Dank reicht mir jetzt noch." Jedes ihrer Worte war von einem so kalten Hauch begleitet, dass Oryn eigentlich zu einer Säule aus Eis hätte erstarren müssen.

Doch der Maia strahlte ungetrübte Zuneigung aus, wie Elrond erleichtert feststellte. „Der Tag war vorbestimmt, Schildmeisterin. Nur du solltest meine Fesseln lösen. Eigentlich ist es für dich ein Grund zur Freude. Immerhin zeigt es, wie sehr die Valar auf dich vertrauen."

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und kam an Elronds Seite. ‚Wie konntet Ihr nur alleine hier runtergehen?' besagte der Blick, den sie ihm zuwarf.

‚Haltet Ihr mich etwa für einen schwachen, alten Mann?' So gezielt hatte er nun erstmals die Verbindung mit ihr aufgenommen. Er lächelte, als sich ihre Augen vor Überraschung weiteten. Manchmal war es aber auch zu einfach, sie in Erstaunen zu versetzen.

„Ihr könnt jetzt jederzeit aufbrechen", sagte Oryn unbeeindruckt von diesem lautlosen Dialog. „Sobald die Boote losgemacht werden, nehme ich euch auf und führe euch so weit es geht an euer Ziel heran."

„Womit müssen wir rechnen?" fragte Elrond.

„Überraschungen", amüsierte sich der Maia. „Bewaffnet euch gut und beachtet, dass die Reise lange dauern wird. Keines meiner Kinder fließt in geradem Weg auf euer Ziel zu. Durst müsst ihr keinen erleiden, doch nehmt genug mit, um euren Hunger stillen zu können. Die Eingeweide Escalondes sind kein Ort, an dem ihr Essbares finden werden. Je näher wir dem Amon Naith kommen werden, desto unwirtlicher wird der Weg. Also seid gewarnt, es wird nicht leicht."

„Warum bin ich jetzt bloß nicht überrascht?" murmelte Ayla verärgert.

„Dann ist ja gut." Er floss wieder zurück. „Ich werde bereit sein, wenn ihr es seid."

Nachdem er fort war – wenigstens seine Erscheinung war nicht mehr da, korrigierte sich Elrond im Stillen – rückte Ayla langsam bis an die Kante des Anleger vor und fixierte so düster die beiden Boote, dass man fast glauben konnte, sie wollte sie allein durch die Kraft ihrer Gedanken in Brand setzen. Elrond gesellte sich zu ihr und ließ sie eine Weile gewähren. Er wusste schon jetzt, was ihr durch den Kopf ging, auch ohne ihre Gedanken näher zu betrachten. Manchmal erschien sie ihm älter als sie eigentlich war, andere Male jedoch – und dies war einer davon – noch sehr jung und nicht bereit, all dem gegenüber zu treten, was man für sie bereit hielt.

Wie mochte ihre Kindheit auf Arenor gewesen sein? Wie war überhaupt eine Kindheit zwischen all diesen entschlossenen Kämpfern? Bislang hatte er nur wenige Kinder in Arengard gesehen und diese erschienen ihm unglaublich diszipliniert und ernsthaft. Ähnlich ihm selbst und seinem Bruder, nachdem ihnen die Unbekümmertheit gestohlen worden war, ausgerechnet von dem Schatz, den sie nun zu suchen aufbrechen würden. Bei ihnen hatte Maglor versucht, sie zu schützen und zu leiten. Bei ihr? Boyar war sicherlich ein treuer Freund, aber niemand, der eine solche Aufgabe erfüllen konnte. Ihr eigener Vater schien ihm nach allem, was er von ihm erfahren hatte, kein Mann gewesen zu sein, der einem Kind die Sicherheit und Wärme geben konnte, die es brauchte. Wie hätten sich seine Söhne oder Arwen hier an diesem harten Ort unter Agirs Leitung wohl entwickelt?

„Diese Boote.." Ihre Hand lag auf dem Griff ihres Schwertes. Unbewusst rieben ihre Finger immer wieder den Amethyst und die Diamanten, die dort eingearbeitet waren. „Es passen höchsten zehn Personen hinein. Vielleicht sieben oder acht, wenn wir so viel Proviant mitnehmen, wie Oryn gefordert hat."

Daher wehte der Wind also. Elrond zwang sich, ernst zu bleiben. „Das ist nicht die Gruppe, die Ihr Euch vorgestellt habt."

„Ich dachte eher an Erebion, den wir mitnehmen müssen und ungefähr einhundert bis an die Zähne bewaffnete Arenai, möglicherweise auch mehr." Ihr war todernst damit. „Vielleicht noch einige Pferde, wobei Hivia wohl einen Anfall bei dem Gedanken bekommt, wo wir mit ihnen hinwollen."

„Sie wären auch kaum hilfreich."

„Meint Ihr?"

„Geht man davon aus, das dies eine Suchaktion und nicht ein erster Angriff auf die Festung sein soll, schon." 

„Außerdem ist es wohl auch kaum nur meine Entscheidung." Sie seufzte unwillkürlich. Auf ihrem blassen Gesicht zeichneten die Reflektionen des Wasser helle Muster, die es wie eine lichterfüllte, ernste Maske aus Opalen und Marmor aussehen ließen. „Wen würdet Ihr auf diese Reise schicken?"

„Erebion natürlich." Er gab sich den Anschein, über die Namen nachzudenken. Tatsächlich jedoch verfolgten ihn die Bilder der Gruppe seit Wochen schon. Selbst wenn er aus freien Stücken den ein oder anderen nicht gewählt hätte, so hatte er sich seinen inneren Bilder schon lange nicht mehr verschlossen. Es führte nur zu Unheil, den Weg nicht zu betreten, der sich vor einem auftat. „Melja, der als einziger je den Amon Naith betreten hat. Elcaran, der auf Andoris achten wird. Ihr wärt dabei, Haldir und Iven, der sich nicht aufhalten lassen wird, ihm zu folgen."

Außer ihr selbst fand wohl keiner der Vorgeschlagenen ihre ungeteilte Zustimmung, am allerwenigsten Andoris. „An Eurer Stelle würde ich wahrscheinlich ähnlich wählen", sagte sie gleichwohl mit einem freudlosen Lächeln. „Nur Andoris käme nicht vor. Ich könnte an seiner Stelle Drangar mitnehmen."

„Es würde ihn töten."

„So sicher seid Ihr Euch." Noch immer löste sie nicht den Blick von den Booten und der schimmernden Wasserfläche. „Könnt Ihr mir auch sagen, ob sie alle es überleben werden?"

Das konnte er nicht und selbst wenn, hätte er es nicht getan.  

„Vergesst die Frage." Endlich wandte sie sich ihm wieder zu, seltsame Erheiterung hatte ein Lächeln auf ihre Züge gezaubert. „Wisst Ihr, was wirklich komisch an dieser ganzen Sache ist?"

Nein, er wollte es eigentlich auch nicht wissen, denn wenn Ayla etwas amüsierte, dann war es mit Sicherheit geeignet, ihn bis ins Mark zu erschüttern. Widerstrebend hob er die Brauen.

„Seht Ihr dieses ganze Wasser?" Mit einer ausgreifenden Geste deutete sie auf den Flusslauf. „Ich kann überhaupt nicht schwimmen. Kein Arenai kann das."

***

Mit einem lauten Knall stellte Haldir den silbernen Weinpokal auf dem Tisch ab. „Sie kann nicht schwimmen?"

Immerhin hatte Elrond einige Stunden Zeit gehabt, sich mit diesem doch recht merkwürdigen Umstand vertraut zu machen, deswegen blieb er jetzt relativ gelassen. Der Waldelbe hingegen konnte sich noch nicht recht entscheiden, ob er entsetzt sein oder lauthals lachen sollte. Für Letzteres war angesichts ihrer Lage wohl die Zeit noch nicht reif. In einigen Jahren vielleicht, wenn sie das alles glücklich überstanden hätten und in Gildannas großer Halle zusammen säßen.

„Möglicherweise sollten sie so davon abgehalten werden, Arenor irgendwann doch zu verlassen", sagte Elrond. „Allerdings wundert es mich, dass sie auf ihren zahllosen Traumwanderungen nie in die Verlegenheit kamen, diese Fertigkeit zu beherrschen."

Haldir stand offenbar nicht der Sinn danach, Überlegungen über den Grund anzustellen. Er war aufgestanden und hatte eine unruhige Wanderung durch Elronds Gemach begonnen. „Wir werden Tage, vielleicht Wochen in diesen Booten unterwegs sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann über Bord geht, ist mehr als groß." Seine Miene verdüsterte sich noch mehr. „Hast du dir jemals ihre Kleidung genauer angesehen? Gestern Abend trug sie eine Weste, die mit Metallringen gepanzert war und das bei einem Abendessen unter Freunden! Wenn die Arenai in den Kampf ziehen, haben sie mehr Metall am Körper als Stoff. Sie wird versinken wie ein Stein!"

Der Gedanke war Elrond auch schon gekommen. Allerdings hatte er mehr Vertrauen darin, dass Ayla erstens so klug sein würde, jegliches Risiko so weit wie möglich zu vermeiden und zweitens genug Elben in der Nähe waren, die sie wieder an Land ziehen konnten. Was die Schwimmfertigkeiten der anderen Teilnehmer der Suche anging, hatte er allerdings ebenso seine Zweifel. Dies Haldir mitzuteilen, würde den Waldelb wohl endgültig in Rage bringen.

„Ich hätte sie in Gildanna fast ertränkt." Haldir stoppte seine Wanderung. „Wenn sie nur einen halben Kopf kleiner wäre, hätte ich sie tatsächlich in deinem Baderaum ertränkt."

„Wohl kaum unter deinen Augen."

Haldir gab einen seltsamen Laut von sich, der von Zustimmung bis Ärger so ziemlich alles bedeuten konnte und setzte sich wieder. Mit einem leichten Kopfschütteln tat er die Angelegenheit dann fürs erste ab, stattdessen deutete er auf das kostbare Mitbringsel, das er bei seiner Ankunft zwischen ihnen auf dem Tisch abgestellt hatte. Es war eine ovale Silberschale auf einem breiten, kurzen Fuß, die mit einem flachen Deckel versehen war. Ornamente von Blumen und Tieren schmückten das kleine Kunstwerk.

„Ich wollte dich um deine Vermittlung bitten, Elrond. Es ist Arenai-Angelegenheit und ich befürchte, hier wurde aus gutem Sinn heraus großer Ärger heraufbeschworen."

Ahnungslos berührte Elrond die filigranen Muster, um fast augenblicklich unter dem Schmerz der gefangenen Seele darin zurückzuzucken. Ärger wallte in ihm auf und fand sich auch in den fragenden Blick, den er Haldir zugedachte.

„Ich wusste es bis vor wenigen Stunden selbst nicht", antwortete Haldir. „Elcaran kam damit zu mir. Offenbar konnte Andoris den Gedanken nicht ertragen, dass ein Freund die letzte Ruhe auf Escalonde finden sollte und blieb bei ihm, bis er verging. Weder Elcaran noch Gilawan haben sein Verhalten gut geheißen, doch abhalten konnten oder wollten sie ihn auch nicht."

„Es war die Entscheidung aller Arenai, die dort zugegen waren. Wie wenig Respekt hat Andoris vor ihren Wünschen, dass er dieses Unheil anrichten konnte?"

Schon die Existenz dieser Silberschale war ein Frevel. Elrond verspürte nicht wenig Lust, Andoris selbst damit zu Ayla zu schicken und ihn auch ganz allein den gerechtfertigten Zorn ertragen zu lassen, den sie nach dieser Enthüllung empfinden würde. Nur der Gedanke, wieviel Schmerz es ihr gleichzeitig bereiten würde, hielt ihn davon ab, diese Aufgabe dem unerfahrenen Hitzkopf zu überlassen.

Bevor er es sich doch noch anders überlegen konnte, beauftragte er einen Bediensteten, den Aufenthaltsort der Schildmeisterin herauszufinden. In den Stallungen, lautete bald darauf die Nachricht, die Elrond noch weniger erfreute, denn dies bedeutete, dass die Pferdeherrin bei ihr sein würde, deren Reaktion er mit einem Alptraum gleichsetzte. Hivias ungezügeltes Temperament würde dem Anlass wahrscheinlich kaum gerecht werden. Doch wenigstens besaß Haldir Anstand genug, ihn zu begleiten. Leicht fiel es ihm sicherlich nicht, das merkte man schon an der Art, wie er die Schale wieder in das schwarze Samttuch einschlug, in der er sie zuvor gebracht hatte und sie dann neben Elrond her zu den Stallungen trug.

Natürlich war Hivia dort anzutreffen. Eifrig sortierte sie einen Stapel leichter Reitdecken, von denen einige wohl ihr Missfallen erregten, denn sie landeten nach kurzer Betrachtung auf dem steinernen, blank gefegten Boden zwischen den beiden Reihen breiter, lichter Boxen, in denen die Edelsten der Bremdal-Pferde vor sich hindösten.

Ayla saß auf einem Strohballen neben der Eingangstür, den Rücken an die Stallwand gelehnt und wirkte kaum weniger schläfrig wie die Pferde. Genauso schnell erwachte jedoch auch wieder ihre Aufmerksamkeit, als die beiden Männer mit ernster Miene den Stall betraten.

„Schlechte Nachrichten, Lord Elrond?"

Von einem kurzen Zusammenzucken abgesehen fuhr Hivia mit ihrer Beschäftigung fort, jetzt noch mehr auf die Decken konzentriert. Elrond konnte nur hoffen, dass sie es auch dabei beließ.

„Nicht von der üblichen Art." Schon als er dies sagte, erhob sie sich. Wachsam schweifte ihr Blick von ihm zu Haldir und dann zu dem verborgenen Gegenstand in dessen Händen. Es gab keinen Weg, die Angelegenheit zu beschönigen oder hinauszuzögern. „Andoris glaubte, dass Boyar seinen Weg nach Arenor finden müsste und barg seine Überreste, um dies zu vollbringen."

Mehr Worte waren nicht mehr nötig. Verstehen glitt wie ein dunkler Schatten über ihr Gesicht, im Hintergrund gab Hivia einen erstickten Laut von sich, die Decke, die sie gerade hielt, entglitt ihren Händen.

„Da drin?" Die Geste, mit der Ayla auf das Bündel in Haldirs Händen deutete, war kraftlos. „Eingefangen wie einen Vogel?"

„Er wusste es nicht besser", sagte Elrond und die Worte kamen ihm bitter über die Lippen, denn sie trafen die Wahrheit nicht im Ansatz. Der junge Narr hatte es sogar genau gewusst, anders ließ sich nicht erklären, dass er sich erst jetzt über Vermittlung von Elcaran an Haldir gewandt hatte. Wahrscheinlich hatte ihn der Mut verlassen oder sein Verstand arbeitete wieder und sagte ihm, dass die Arenai ihre Gründe hatten, einen ihrer hochrangigen Krieger im Tode nicht anzutasten.  Keine Behältnis, und mochte es auch noch so prächtig sein, war geeignet, daran etwas zu ändern.

Die Stille zog sich. Selbst von den Pferden kam kein Geräusch, nur vorwurfsvolle Blicke, als verstünden sie genau, was vor sich ging. Schließlich holte Ayla tief Luft. „Hivia, ich werde Glormir brauchen. Bring ihn vor das Hauptportal, ich werde gleich dort sein."

Sie hatte kaum den Stall verlassen, da ertönte schon eine ganze Reihe knapper Befehle von Hivia. Ihre Helfer erschienen wie her gezaubert und hektische Betriebsamkeit brach aus.

„Wie konntet Ihr das zulassen?" fuhr Hivia die beiden Elben an. „Boyar starb vor drei Wochen. Er sollte schon längst den Weg gefunden haben, doch Ihr habt ihn gefangen. Wenn seine Seele sich nun verloren hat und die Erinnerung an den Weg dahin ist, wird er niemals seinen Frieden finden."

„Wir werden tun, was wir können", sagte Elrond. „Niemand wollte ihm schaden, Hivia."

Einen Moment schien es, als wolle sie ihn anschreien, doch dann schüttelte sie nur resignierend den Kopf. „Das weiß ich auch. Andoris war Boyars Freund, doch Ayla stand ihm näher als ihrem eigenen Vater. Sie hätte ihn niemals auf Escalonde gelassen, wenn sie nicht gewusst hätte, das es so sein muss. Andoris hätte mehr Vertrauen in sie haben sollen. Nun, vielleicht ist er einfach noch zu jung."

Worte, in denen bereits die Vergebung für den jungen Elb mitklang. Vergessen war ihre Unvernunft in den Sternenbergen, Elrond fühlte, wie in ihm der Respekt für diese Arenai wuchs, deren Herz so groß war, dass es die ganze Welt mit all ihren Fehlern aufzunehmen fähig war.

„Was seht Ihr mich so an?" erkundigte sie sich misstrauisch. „Und warum steht Ihr hier eigentlich noch? So könnt Ihr nicht mit uns reiten und das werdet Ihr tun, so wahr ich die Herrin von Bremdal bin. Denn wenn es nicht gelingt, bin ich nicht die Richtige, um die Dunkelheit zu vertreiben, die über ihr Herz kommen wird."

Der Weg führte sie in die Wälder. Dies hatte Elrond schon erkannt, als Ayla in braun-grüner Jagdkleidung das Hauptportal verlassen hatte. Wenn es sie wunderte, statt ihres eigenen Pferdes noch die der beiden Elben und das Hivias vorzufinden, so nahm sie es ebenso wortlos hin wie sie auch in den nächsten Stunden in ihre eigenen Gedanken versunken den Weg nach Osten vorgab. Erst als sie Ithuris erreichten, bog sie vom Langen Weg ab in Richtung Norden, tief hinein in den Wald und fernab der befestigten Wege. Sie ritten langsam aber gleichmäßig bis in die Nacht hinein, begleitet von den Demothian, aufmerksam beobachtet auch von den Wächtern des Waldelbenvolkes, deren Gegenwart Elrond zwar spürte, die sich jedoch nicht zeigten.

Hivia schien das Ziel zu erkennen, denn einige Male seufzte sie bekümmert und je weiter sie kamen, desto öfter wischte sie verstohlen über ihre Augen, die schon eine ganze Zeit bedenklich von Tränen schimmerten.

Schließlich brachte Ayla ihr Pferd am Rande einer kleinen Lichtung zu Stehen. Es war ein verzauberter Ort inmitten der Mellyrn, umrandet von kniehohen Farnen, deren Blätter sich wie tiefgrüne Federn zu den Seiten neigten und bedeckt mit einem duftenden Teppich aus unzähligen Niphedril, die im Mondlicht wie silberne Glöckchen schimmerten. Genau in der Mitte stand ein einzelner rosa-grauer Granitfindling, auf dessen flacher Kuppe eine ganze Reihe winziger silberner Tierfiguren aufgestellt waren.

Ayla wandte sich zu Haldir, der die Schale mit Boyars Überresten von dem Tuch befreit hatte und ihr nun entgegenhielt. Einen Atemzug zögerte sie noch, dann schlossen sich ihre Hände vorsichtig um das kostbare Gefäß und sie betrat alleine die Lichtung, selbst die Demothian folgten ihr nicht. Genau vor dem Findling blieb sie stehen und setzte die Schale zwischen den Figuren wieder ab, um dann in absoluter Bewegungslosigkeit zu verharren.

„Oromes Dank", erhielt Elrond die Erklärung durch Haldir, dessen Augen unverwandt auf Ayla gerichtet waren. „Der Ort ist Arenai. Cimriel zeigte ihn mir kurz nach meiner Ankunft. Wir kennen, betreten ihn jedoch niemals.  Es heißt, hierher kamen die Jäger der Arenai schon, bevor der erste Elb einen Fuß auf die Insel setzte, um Orome für ihr Jagdglück zu danken und Varda um Verzeihung zu bitten, dass Blut vergossen wurde."

Sie hatte gut gewählt, befand Elrond. Wenn es einen Platz gab, der Boyar vertraut gewesen war, dann sicherlich dieser.

Ayla schien auf irgend etwas zu warten, denn noch immer war die Schale verschlossen. Elrond sah fragend zu Hivia, die so still und bewegungslos war, wie er es ihr noch vor wenigen Stunden niemals zugetraut hätte.

„Mit dem ersten Licht des Tages", flüsterte sie. Als ob die Worte ihre Selbstbeherrschung eingerissen hätten, ließen sich die unterdrückten Tränen auch nicht mehr von einem Blinzeln zurückhalten und zeichneten glitzernde Linien auf ihrem blassen Gesicht.

Ihr Schmerz entsprang einer so reinen Quelle des Mitgefühls, dass es sein Herz berührte wie schon lange nichts mehr. Elrond legte ihr einen Arm um die Schultern und zog sie an sich, bevor sie noch vor lauter Kummer auf die Knie sinken würde.

Über der Lichtung kündete das aufsteigende Zwielicht an den Rändern des Himmels die nahe Ankunft eines neuen Tages. Die Sterne verblassten und ein rötlicher Schimmer stieg im Osten über den Mallorn-Kronen auf. Es war der Moment, in dem Ayla langsam die Silberschale öffnete, den Deckel sorgfältig daneben legte und dann etwas zurücktrat.

Rot und Gold überzog den Himmel, um einen unglaublich schönen Sommertag anzukündigen. Wo die noch milden Sonnenstrahlen die Lichtung trafen, schimmerte der Morgentau auf, bevor er einen Teppich aus feinem Dunst über die Niphedril legte. Der Tag erwachte mit all seinem Leben, doch nichts dergleichen wollte mit den letzten Erinnerungen an Boyars Existenz in der Silberschale geschehen. Untröstlich vergrub Hivia ihr Gesicht an Elronds Brust. Ihr leises Schluchzen war das einzige Geräusch an diesem Ort, nicht einmal die Vögel gaben einen Laut von sich.

„Das ist selbst für sie zuviel. Nienna mag mir beistehen", murmelte Haldir, bevor er mit finsterer Miene und entschlossenen Schritten die Lichtung durchquerte, um die Arenai wohl notfalls mit Gewalt von diesem Ort wegzuholen.

Der Waldelb hatte sie gerade erst erreicht und seine Hände um ihre Schultern gelegt, als auf der anderen Seite der Lichtung ein ungewöhnlich großer Petai-Hirsch das Unterholz verließ. Das Tier zeigte keinerlei Furcht. Völlig ruhig betrachtete es die zweibeinigen Wesen vor ihm, hob leicht den Kopf und nahm durch seine schwarzglänzenden Nüstern ihre Witterung auf, die ihm von einem nun ebenfalls aufkommenden Windhauch zugetragen wurde.

Erleichterung erfüllte Elrond, kaum erfassten seine Sinne die wahre Natur ihres vierbeinigen Zuschauers und er verbeugte sich im Stillen vor dessen strahlenden Wesen.

„Sieh es dir an", sagte er leise zu Hivia. „Boyar wird große Ehre zuteil."

Der Windhauch fuhr in die Silberschale und nahm den glitzernden Staub auf, breitete ihn zu einer goldfarbenen Wolke aus und trug sie mit sich, bis er den Petai erreichte. Dort fing sie sich zwischen den mächtigen flaumbedeckten Geweihschaufeln, die glitzernden Partikel tanzten eine Weile umher und ließen sich dann darauf nieder, bis sie das Geweih mit einer goldenen Schicht bedeckten. Den Petai-Hirsch schien das nicht zu stören. Beinahe milde amüsiert war sein Blick zu Elrond, bevor er sich ruhig umdrehte und in den Tiefen Ithuris' verschwand.

Das Schauspiel hatte ihn so gefesselt, dass Elrond doch überrascht von dem Anblick war, der sich ihm nun auf der Lichtung bot. Ayla hockte auf dem Boden, blasser als üblich und leicht benommen, so unsicher, wie sie den Kopf schüttelte. Neben ihr kniete der Waldelbe, eine Hand noch an ihrem Ellbogen und redete sehr leise auf sie ein.

Sie machte eine beschwichtigende Handbewegung und erwiderte etwas ebenso leise, begleitet von einem aufkommenden Lächeln, das seine Erwiderung auf Haldirs vorher so ernsten Zügen fand. Er stand auf und zog sie mit sich auf die Füße. Noch etwas unsicher stakste sie neben ihm her, ohne sich auch nur noch einmal umzudrehen.

„Habt Ihr das alles verstehen können?" wunderte sich Hivia, die mit einem verlegenen Schniefen von ihm abgerückt war.

„Das meiste schon." Elrond betrachtete gedankenverloren den nassen Fleck, den Hivias zahlreiche Tränen auf seiner Kleidung hinterlassen hatten. Das meiste, aber nicht alles. Der Rest würde sich finden, so erstaunlich es auch war.

Tbc

@Shelley: 10 fehlen noch. Zusammengesetzt ist der Name aus ‚allein' und ‚Sohn'. Sehr frei übersetzt...hüstel...kommt dann ‚Sohn der Einsamkeit' heraus. Ist er nun eine Drama-Queen oder nicht?

@Amèlie: Arenorische Innenarchitektur. Hm, also erst mal alles raus, am besten einfach über den Balkon werfen. Dann die Wände grau streichen, Obstkisten rein, ein paar Weinflaschen mit Kerzen drin und bloß keine Heizung. Haldir hätte seine wahre Freude.

@MysticGirl: Ein Balrog im Kopf? Kommt entweder von zuviel Wein aus Thranduils Weinkeller oder Kontakt mit einem stumpfen Gegenstand. Beides nicht sehr erfreulich. Aufhören mit den Andeutungen über Ayla und Haldir, die Autorin fühlt sich unter Druck gesetzt *Sitzt über den letzten Kapiteln und grübelt*.

Haldir und Ayla sehen sich an. Haldir: Das ist nicht ihr ernst!

Ayla: Keine Ahnung. Sie ist im Weihnachtsstress.

Haldir: Schlag mich. Sonst denkt sie noch, wir verstehen uns zu gut.