Disclaimer: Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben, ist alles nur geliehen und wird ohne Profit zurückgegeben.
13. Kapitel
Dies war kein Platz für ihn, ganz sicher nicht. Er gehörte nicht zwischen diese großen, schönen Wesen, die sich mit so großer Leichtigkeit bewegten und Schwerter bei sich führten, die fast die Länge eines Nimjind hatten. So unterschiedlich wie die drei waren, mit denen er nun seit einer Woche das Boot teilte, so ähnlich waren sie sich doch in ihrer ganzen Pracht und geheimnisvollen Macht, die jeder Blick ihrer Augen verriet. Es war atemberaubend und gleichzeitig vernichtend, sie um sich zu haben. Jede ihrer Gesten und war es auch nur die Art, wie sie den Kopf einander im Gespräch zuwendeten, besaß so viel angeborene Eleganz, dass Iven sich wie ein Holzklotz fühlte. Am schlimmsten war für ihn, wenn ihn der durchdringende Blick ihrer Augen traf. Nichts konnte vor ihm verborgen werden, so alt und wissend betrachteten sie diese unvollkommene Welt.
„Du wirkst nicht sehr glücklich, junger Iven." Der, den sie Erebion nannten, war aus der stillen Haltung erwacht, in der er die letzten Stunden im Bug des Schiffes verharrt und unverwandt auf die spiegelnde Fläche des unterirdischen Flusses geschaut hatte. Jetzt hatte er ihn leicht mit dem Finger berührt, um so seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Als ob Iven seit ihrem Aufbruch etwas anderes getan hatte, als seine drei Begleiter zu beobachten, zu bewundern und sie auch etwas zu fürchten. „Immer noch seekrank?"
Hastig schüttelte Iven den Kopf. Röte stieg in seine Wangen und dies ärgerte ihn. Noch etwas, das seine Unzulänglichkeit bewies. Keiner der anderen hatte auf die Bootsfahrt in den ersten Tagen mit dem gleichen grauenhaften Unwohlsein reagiert wie er. „Es geht nun. Das Kraut, das Elcaran mir gab, hat das schlechte Gefühl vertrieben. Ich hätte es schon eher zu mir nehmen sollen."
„Wovor hattest du Angst?" fragte Erebion sanft.
Wie sollte er ausgerechnet ihm die Furcht erklären, die ihm bei allem überfiel, was das Zeichen dieser Elben in sich trug? So unglaublich war ihre Art, dass er befürchtete, es könnte ihn, den Nimjind, innerlich versengen.
„Ah, ich verstehe schon", lächelte Erebion, der sicherlich sogar der Edelste von ihnen war. Ausgenommen natürlich Lord Elrond, dessen offenkundige Weisheit Iven so tief beeindruckt hatte wie nichts zuvor in seinem Leben. „Du solltest dich ein wenig fassen, Iven. Teil dieser Gruppe bist du nun und wir werden dich brauchen. Elrond hätte dich nicht erwählt, wenn du nicht wichtig für den Rest von uns wärst. Denk darüber nach."
Bevor Iven etwas dazu sagen konnte, erhob er sich und schritt unbeeindruckt von den Bewegungen des Bootes mit der ihm eigenen Leichtigkeit zu den beiden anderen, die im Heck lagerten.
Der Elb hat gut reden, dachte Iven in einem Anflug neuer Verdrießlichkeit. Er war auch nicht der jüngste von sechs Brüdern, die allesamt größer, stärker und viel geschickter darin waren, Werkzeuge herzustellen, den Boden zu bearbeiten und Fische aus der Brandung zu ziehen.
Nicht einmal zum Kampf hatte er getaugt, sonst hätte ihn sein Vater wohl kaum mit Frauen und Kindern schon Richtung Taurhoss geschickt, als der Kampf gegen die Drakan bevorstand. Selbst diese Aufgabe war ihm misslungen und allesamt waren sie in die Hände der Sklavenfänger geraten. Jetzt war nur er noch am Leben und seine Brüder tot.
Das gramerfüllte Gesicht Beldoins stand ihm immer noch vor Augen, als er mit den Breill den Grimmigen Wald endlich erreicht hatte. Schweigend hatte er zugehört, wie Iven ihm von den schönen Wesen erzählt hatte, die ihn und die anderen befreit und auch für sie gekämpft hatten. Nach dem Warum hatte er gar nicht gefragt. Was hätte ihm Iven auch antworten sollen? So ganz verstand er es immer noch nicht. Behütet von den Göttern lebten sie auf ihrer Lichtinsel, unbehelligt von Krankheit und Alter, umgeben von so vielen schönen Dingen, dass er sich daran kaum sattsehen konnte.
„Träumst du?"
Iven schrak aus seinen Überlegungen, neue Röte ergoss sich über sein Gesicht, als ihm aufging, dass sie bereits angelegt hatten für die nächtliche Rast und die Arenai ihn nun vom felsigen Ufer aus abwartend ansah. Er murmelte irgendeine Entschuldigung und kletterte mühsam aus dem Boot, das nicht für Wesen seiner Körpergröße geschaffen war. Alle anderen waren bereits dabei, das Lager zu bereiten.
So wie jeden Abend hatte sie dieser unheimliche Wassergeist, der gelegentlich seinen Kopf aus den Fluten erhob, an eine breite Uferstelle geführt, damit sie rasten und sich etwas bewegen konnten. Nicht, dass die Elben jemals schliefen, mit offenen Augen saßen sie still da. Die Dinge, die sie erblickten, mussten jenseits seiner Vorstellung sein, so mild und leuchtend wurden ihre Gesichter.
Wenigstens Melja brauchte den Schlaf und Ayla wohl auch, selbst wenn er sie seit ihrer Rückkehr nicht mehr so erschöpft erlebt hatte wie noch in Taurhoss. Sehr ernst war sie gewesen in den Stunden, die sie bei dem Lei und seinem Vater gesessen und mit ihnen über Escalondes Schicksal geredet hatte. Müde in ihren Bewegungen, kein Lächeln war jemals über ihre blassen Züge gewandert. Gefürchtet hatte er sich vor ihr und war innerlich erzittert, weil sein Vater ihn mit ihr losschickte, diese lichtübergossene Insel aufzusuchen, um dem zu danken, der sein Leben und das der anderen gerettet hatte. Nun, die Furcht war vergangen. Sie war ihm immer noch die liebere Gesellschaft als Haldir von Ithuris, den er nun gar nicht verstand.
„Ich nehme Iven mit."
Die Erwähnung seines Namens ließ ihn aus seinen Gedanken schrecken. Ayla stand mit einer entzündeten Fackel neben einem Durchgang im Fels und winkte ihm zu. Offenbar wollte sie erkunden, wohin er führte und die anderen schienen nichts dagegen zu haben. Hastig lief er zu ihr, seine Furcht vor dieser Erkundung wollte er sich doch nicht anmerken lassen.
Es wunderte ihn, dass sie ausgerechnet ihn mitnahm. Meistens war der Lagerplatz geschützt, aber dreimal schon waren sie an Ufern gelandet, an denen solche Höhlen abgingen und jedes Mal war einer der Elben es gewesen, der sie begleitete. Zum Glück war niemals Haldir dabei gewesen, denn dann hätte er sich ihnen anschließen müssen. Sein Vater hatte ihm sehr deutlich gemacht, dass alle Nimjind tief in der Schuld dieses Elben standen - er, der König, wohl am allermeisten, da er seinen einzigen noch lebenden Sohn gerettet hatte. Ein treuer Gefolgsmann sollte er ihm sein. Gut möglich, dass Beldoin nicht geahnt hatte, zu welchem Abenteuer Haldir aufbrechen würde, denn sonst hätte er diese Verantwortung kaum Iven aufgebürdet.
Ayla ging langsam durch den breiten Felsentunnel, die Fackel genug erhoben, dass ihr Licht ihnen weit vorausschien. Trotzdem hatte Iven Mühe, mit ihr Schritt zu halten. Ihre Beine waren um einiges länger als die Seinen, auch konnte sie wohl weiter sehen trotz des Halbdunkels, denn ihre Schritte waren immer sicher. Iven hingegen stolperte fortwährend über Steine und Unebenheiten, auch sein neues Schwert war ihm im Weg.
Eine sehr schöne Waffe, wie er eingestand, geformt wie die der Elben, nur sehr viel kleiner. Lord Elrond hatte es ihm vor seiner Abreise geschenkt, ein aufmunterndes Lächeln auf den Lippen und das Versprechen von Zuversicht in seinen unergründlichen Augen. Viel bewirken würde die Waffe in seiner Hand wohl nicht, zu wenig hatte er sich immer für diese Kunst interessiert.
Er musste laut aufgeseufzt haben, denn ihre Aufmerksamkeit wechselte von ihrem Weg zu ihm. Im Schein der Fackel wechselten ihre sonst silbrig-grauen Augen zu einem seltsamen Goldton. „Ist dir meine Gesellschaft so unangenehm, Iven?"
Auch das noch! „So war es nicht gemeint, Herrin."
„Wie dann?"
Jetzt ging sie zum Glück etwas langsamer und er war nicht mehr so atemlos. „Ich bin niemandem hier eine große Hilfe."
„Bislang waren wir nur in den Booten unterwegs. Da lässt es sich schlecht sagen, wer später eine Hilfe sein wird."
„Bah", machte er resigniert. „Ich bin kein Kämpfer wie meine toten Brüder, nicht einmal ein guter Bauer. Mein Vater hadert damit, dass nur ich überlebt habe."
„Natürlich", nickte sie. „Er hat fünf Söhne verloren und sein Volk geht in eine ungewisse Zukunft. Du bist der jüngste und der, der ihm am meisten am Herzen liegt."
„Da irrst du dich aber, Herrin."
Verwundert hob sie die dunklen, feingeschwungenen Brauen. „So sagte er aber zu mir. Sein jüngster bist du, der klügste von allen. Du sollst gut Streit schlichten können und sehr viel gelesen haben."
Sie musste sich irren oder sie wollte einfach nur nett zu ihm sein. Allerdings hatte er bislang nicht den Eindruck gehabt, dass die Schildmeisterin zu Nettigkeiten neigte. Eher im Gegenteil, schroff war sie oft. „Doch was nützt es mir, Herrin? Mein Volk braucht einen starken König so wie mein Vater einer ist."
„Zuerst braucht es immer einen klugen König", korrigierte sie ihn mit einem ihrer seltenen Lächeln, das diesmal sogar ihre Augen erreichte. „Ich denke nicht, dass dein Vater es bedauert, dass ausgerechnet du überlebt hast. König Beldoin erinnert mich sehr an Agir, meinen eigenen Vater. Es sind wohl beides keine Männer, die ihr Herz zur Schau tragen, doch das heißt nicht, dass sie keines haben."
„So wie bei dir." Im nächsten Moment hätte er sich am liebsten die Zunge abgebissen, denn sie war stehen geblieben und sah ihn verblüfft an. Er hatte sie beleidigt, sie würde ihn umbringen. Nun, vielleicht nicht sofort, aber trotzdem wich er vorsichtshalber gegen die Tunnelwand zurück.
Zu seiner Verwunderung lachte sie plötzlich und winkte ihn wieder heran. „Ich sollte mich nicht beschweren, denke ich. Bislang habe ich dir schließlich kaum Glück gebracht. Hätte ich Haldirs Entscheidung nicht so überschwänglich gelobt, könntest du jetzt gemütlich vor einem Cronn-Feuer in Taurhoss sitzen, nicht wahr?"
Zögernd folgte er ihr weiter in den Tunnel hinein. Nach einer Weile eröffnete sich vor ihnen eine niedrige Höhle, knochentrocken war die Luft und sehr kalt. Ayla sah sich aufmerksam um, bevor sie zufrieden nickte.
„Kein weiterer Ausgang, der groß genug für einen Feind wäre. Ich denke, wir können heute Nacht beruhigt schlafen. Lass uns zurückgehen, Iven. Ich bin sicher, Melja hat bereits irgendetwas für euch auf dem Feuer zubereitet. Lembas scheint einem escalondischen Gaumen nicht sehr zu munden."
Er verzog das Gesicht. Das Elben-Brot mochte wundersam sättigen, aber es war nichts wirklich Herzhaftes. Nur auf einer Ecke sollte man herumkauen und sich dann den Rest des Tages damit zufrieden geben. Wo blieben denn da der Genuss an den Erzeugnissen des Landes und die frohe Stimmung?
Dabei konnten die Elben auch ganz anders, das hatte er jedenfalls bei den Zusammenkünften im großen Saal in Arengard festgestellt. Doch das lag nun wie in einem anderen Leben hinter ihm. Ein Lagerfeuer wartete auf ihn, ein hartes Nachtlager und die Aussicht auf einen weiteren Tag in diesen schwankenden Nussschalen.
Ein seltsames Gefühl überkam ihm, als er ihr folgen wollte. Es war so vertraut und gleichzeitig fremd, dass er sich nicht von der Stelle rührte, sondern unruhig den Kopf hin und her drehte.
„Iven?" Ayla, die bereits den Tunnel betreten hatte, kam nun wieder zurück. Langsam zog sie ihr Schwert und hielt die Fackel in die Höhle hinein. „Was hast du?"
Ein süßes Verlangen zog ihn weiter. Aylas Warnung ignorierend wanderte er herum, bis er an eine Stelle kam, an der das Verlangen übermächtig wurde. Eifrig und eigentlich von sich selbst überrascht wischte er mit den Fingern über eine Stelle an der Höhlenwand, die sich gar nicht von den anderen unterschied. Ein entzückter Laut, der nur aus seinem Munde stammen konnte, hallte von den Wänden wieder, kaum erschien unter der dicken Staubschicht ein weißer, trüber Stein von der Größe eines Vogeleies. Im gleichen Moment erwachte er aus seiner Faszination, atemlos noch, aber auch völlig verwirrt.
„Sieh an", erklang Aylas amüsierte Stimme. „Deine Abstammung kannst du wirklich nicht verleugnen."
Er fuhr zu ihr herum. „Was meinst du damit?"
Sie zog ihren furchterregenden Dolch aus dem Gürtel und stocherte solange an dem halb eingebetteten Stein herum, bis er sich löste. „Nimm ihn nur, Iven, es ist ein Diamant. Ungeschliffen noch, aber ein ausgesprochen schönes Exemplar."
„Was meinst du mit meiner Abstammung?" beharrte er.
„Du bist ein Zwerg, Iven. Auf Mittelerde, wurde mir erzählt, lebt deinesgleichen in riesigen unterirdischen Minen und schürft nach Edelmetallen und Juwelen." Sie nahm den Diamanten und warf ihn ihm zu. „Wenn wir zurück sind, können wir ihn in deinen Schwertgriff einarbeiten lassen. Das wäre doch ein schönes Andenken."
„Ich weiß nicht", zögerte er, obwohl sich der Stein gut anfühlte, als er ihn nun in seine Gürteltasche steckte. Außerdem war es eine reizvolle Vorstellung, auch einen solchen Schmuck an seinem Schwertgriff zu haben, so wie er sich an Aylas fand. „Bei uns sind Juwelen nicht gern gesehen. Die Alten sagen, sie haben unser Unglück erst herauf beschworen. Es soll nur Schlechtes an ihnen sein."
„Ein Edelstein selber kann nicht schlecht sein", sagte sie und wandte sich wieder zum Gehen. „Es ist nur ein Stein, Iven, der im Dunkel der Erde liegt und kein eigenes Wesen hat. Das Unglück der Zwerge wurde durch ihre Gier verursacht. Solange du also nicht gierig wirst, sind es einfach nur hübsche Verzierungen." Auf einmal zwinkerte sie ihm zu. „Allerdings sollten wir das hier lieber für uns behalten. Haldir hat keine sehr hohe Meinung von den Zwergen Mittelerdes und wir müssen ihn schließlich nicht mit der Nase darauf stoßen, dass du wohl ihre alten Gaben geerbt hast."
Unwillkürlich stöhnte er leise. Haldirs Zorn wollte er nun gar nicht auf sich ziehen. Es reichte schon, dass der Herr von Ithuris ihn oft genug wie ein lästiges Insekt betrachtete, bei dem er sich noch nicht recht entscheiden konnte, ob er es ignorieren oder einfach zerquetschen sollte. „Er hasst mich."
„Nur ein bisschen", schmunzelte sie. „Und auch nicht wirklich ernstlich. Ich denke, wenn er jemanden tatsächlich hasst, ist dessen Leben kaum noch etwas wert."
„Danke, Schildmeisterin, das beruhigt mich nicht gerade."
„Du nimmst ihn zu ernst, Iven, fast so ernst wie er sich selbst."
„Ich kann doch nicht mit ihm streiten."
„Nein, das würde ich dir auch nicht empfehlen." Sie hielt wieder an und wandte sich ihm zu. „Haldir von Ithuris ist weder ungerecht noch grausam, überheblich vielleicht, doch das kannst du ihm ruhig nachsehen. Weißt du, wie alt er ist?"
Er schüttelte zögernd den Kopf. Über das Alter seiner Begleiter hatte er schon viel nachgedacht. Ausgenommen Melja war Andoris wohl der Jüngste und Erebion der Älteste, doch bei den anderen war er sich nicht sicher.
„Über dreitausend Jahre", sagte sie. „Man verliert ein bisschen den Kontakt zu denen, die ihr Leben noch in jedem einzelnen Jahr zählen. Mir geht es kaum anders. Außerdem hat unser Waldelb eine Menge Dinge erlebt und nicht alle davon waren angenehm."
Iven ertappte sich selbst dabei, ein Gesicht wie ein luftschnappender Fisch zu machen. Hastig schloss er den Mund wieder. Kein Nimjind war je so alt geworden. An die fünfhundert Jahre brachten die Ältesten hinter sich, bevor sie sich endlich von den Mühe Escalondes befreien konnten.
„Ein paar dieser Dinge hatten mit Zwergen aus Mittelerde zu tun", erzählte sie unbeeindruckt weiter. „Deine Verwandten dort sind nicht unbedingt die besten Freunde der Elben. Ich glaube zwar nicht, dass nochmals dreitausend Jahre ins Land gehen werden, bis er seine Abneigung überwunden hat, aber ein bisschen Zeit braucht er schon. Bis dahin überlass es einfach mir, mit Haldir zu streiten."
„Ihr beide streitet oft", sagte er vorsichtig, worauf hin sie ihn nur boshaft angrinste.
Schweigend setzten sie ihren Weg fort, bis sie bereits das Licht sehen konnten, das vom Lagerfeuer und der spiegelnden Wasserfläche des Flusses stammte. Eine sanfte Stimme erfüllte die Luft mit Worten, die von Liebe und Treue erzählten. Iven mochte die Lieder der Elben und ihre schönen Stimmen, auch wenn ihm die Traurigkeit des Liedes das Herz schwer machte. Ayla lehnte sich an die Tunnelwand und hörte mit zur Seite geneigtem Kopf zu, bis das Lied zu Ende war.
„Beren und Luthien", murmelte sie dann sehr leise. „Ich dachte mir schon, dass Erebion es lieben würde."
„Er hat eine wunderschöne Stimme", hauchte Iven. „Aber das Lied ist so traurig."
„Die Natur der Elben", sagte sie. „Schön und melancholisch, eine verführerische Mischung."
Verblüfft erkannte er, dass ihr das Lied gefallen hatte. In seiner Erinnerung regte sich jedoch, dass Ayla nie ein gutes Haar an den Elbenliedern ließ und in den vergangenen Tagen waren einige sehr spitze Bemerkungen von ihr gekommen, wann immer es einen ihrer elbischen Begleiter getrieben hatte, die Stimme zu einem Lied zu erheben. Sie schien seine Gedankengänge zu erahnen, denn mit einem mutwilligen Funkeln in den Augen beugte sie sich vor und winkte ihn noch etwas näher heran.
„Dein Geheimnis haben wir ja nun eben ergründet", raunte sie ihm zu. „Dann werde ich dir auch eines von mir verraten, kleiner Freund. Du musst mir jedoch Stillschweigen versprechen."
Eifrig nickte er. Von der großen Frau ins Vertrauen gezogen zu werden, war ein besondere Ehre für ihn. Er würde niemals sein Versprechen brechen, schwor er im Stillen.
„Musik war nur eine andere Art von Lärm für mich. Doch vor einigen Tagen ergab sich ein ganz außergewöhnliches Zusammentreffen und ich schied daraus mit einem recht kostbaren Geschenk", sagte sie. „Nicht, dass ich es sofort bemerkte, ich war nur einfach berührt von der Natur des Wesens, das sich uns zeigte und auch etwas benommen. Verstehst du?"
Iven dachte an Elrond. Natürlich verstand er sie.
„In mir selbst erklangen die Gedanken dieses Wesens und sie sagten mir, dass es wohl doch etwas gab, das man mir auf den Weg zu geben vor langer Zeit vergessen hatte. Du kannst dir denken, um was es sich handelte."
„Warum willst du nicht, dass es bekannt wird?"
„Warum sollte ich?"
Damit richtete sie sich auf und verließ ihn. Sehr langsam folgte er ihr nun auf das Licht des Lagerfeuers zu. Diese Wesen waren wirklich schwer zu verstehen, ob sie sich nun Elben oder Arenai nannten.
***
Der nächste Tag brachte nur wenige Stunden nach ihrem Aufbruch eine Überraschung mit sich. Die beiden Boote, die sonst hintereinander dahintrieben, verlangsamten ihre geisterhafte Fahrt und kamen gleichauf. Zwischen ihnen erhob sich bis zur Hüfte die durchscheinende Gestalt des Wassergeistes, der Iven immer noch zu Tode erschreckte.
„Ihr müsst euch jetzt entscheiden", sagte Oryn. „Weiter vorne wird der Fluss so schnell, dass es auch mir mühsam wird, euch sicher durch die erzürnten Fluten meines Kindes zu führen. Die Boote vermag ich schon hindurchzubringen, doch kann es sein, dass sie unterwegs kentern. Wenn ihr es euch zutraut, sie selbst zu steuern und im Falle des Kenterns im Wasser zu verfolgen, setzen wir die Fahrt fort."
„Wie tief ist das Wasser?" fragte Ayla.
„Zu tief", kam die scharfe Antwort von Haldir. „Welche andere Möglichkeit bleibt noch?"
„Ich nehme die Boote mit mir, während ihr die Untiefe umgeht." Oryn machte eine tropfensprühende Handbewegung zum Ufer hin. „Ein Pfad führt recht weit am Ufer entlang."
„Aber nicht den ganzen Weg?" fragte Erebion.
„Nein, er biegt ab hinein in den Fels, doch kommt er hinter den Schnellen wieder zum Fluss zurück."
„Und ich nehme nicht an, dass du weißt, durch welche Gänge und Höhlen er uns führt oder was wir dort finden werden?" Haldir erwartete offenbar gar keine Antwort auf seine Frage. „Wir werden die Untiefen umgehen. Jeder nimmt einen Teil unseres Gepäcks. Sollten die Boote wirklich kentern, bleibt wenigstens unser Proviant trocken. Bring uns zu diesem Weg, Oryn."
Weit ging die Fahrt nicht mehr. In einer sanften Kurve des Flusslaufes legten die Boote im seichten Wasser an und ihre Passagiere machten sich daran, das Gepäck zu verteilen.
„Lass mich das nehmen." Der junge Elb nahm Iven mit einem freundlichen Lächeln ein Bündel mit Lembas aus der Hand und verstaute es in einem großen Stoffbeutel, den er über der Schulter hängen hatte.
Iven bemerkte mit Bedauern, dass die Boote bereits wieder ablegten. Oryn führte sie wie von Geisterhand wieder in die Mitte des Flusses, während sie selbst sich anschickten, einem schmalen Pfad zu folgen, der am Ufer entlang führte. Langsam stieg er an, bis er einige Meter über der immer unruhigeren Wasserfläche verlief. Es war wohl doch die bessere Entscheidung, die Reise ein Stück zu Fuß fortzusetzen. Weiter vor ihnen erklang bald ein Tosen, das die Nähe der Stromschnellen ankündigte. Die Boote begannen einen unruhigen Tanz in der Strömung und hätten ihre Passagiere wohl gehörig durchgeschüttelt.
Der Fluss machte eine scharfe Kurve und dahinter schien die Hölle ausgebrochen zu sein. Iven spähte an Ayla vorbei, die vor ihm stehen geblieben war und gleich den anderen die breite Stelle betrachtete, an der sich das Wasser an spitzen, weit aus der Wasserfläche ragenden Felsen brach. Aufgewühlt war die Wasseroberfläche, in Strudel und schaumbedeckte Wellen zerrissen. Die Wände des Tunnels hallten wieder von dem protestierenden Rauschen, mit dem sich der Fluss einen Weg durch die Hindernisse suchte. Ein Ende der Untiefe war nicht auszumachen. Die Boote, die nun scheinbar unkontrolliert durch die Wellen und Strudel schlingerten, hatte noch einen langen Weg vor sich und wohl jeder hoffte, dass sie es auch mit Oryns Hilfe überstehen würden.
Sie beobachteten sie, bis sie außer Sicht waren, dann betraten sie den Durchgang, vor dem der Weg endete und tauchten ein in die festen Eingeweide Escalondes, die Oryn ihnen nicht hatte näher beschreiben können, weil dort keines seiner Kinder Zugang hatte. Haldir am Anfang ihres kleinen Zuges hielt eine Fackel und auch Andoris an seinem Ende. Es gab genug Licht, dass Iven seine anfängliche Furcht wieder verlor. Offenbar lauerten keine unbekannten Schrecken auf sie, während sie durch einen breiten Felstunnel marschierten, der wohl parallel zum Fluss verlief, denn noch immer waren die Geräusche des Wasser sehr deutlich zu vernehmen.
Iven hatte den Gedanken kaum zu Ende gebracht, da schwenkte der Weg noch tiefer hinein in den Fels. Sie marschierten weiter, bis vom Fluss nichts mehr zu hören war. Der Tunnel veränderte sich ebenfalls. Immer scharfkantiger wurden die Felsen, an manchen Stellen rückten die Seitenwände so nah zusammen, dass sie sich seitlich durchquetschen mussten. An anderen Stellen verbreiterte er sich, bis er die Form einer kleinen Höhle annahm.
„Das gefällt mir gar nicht", knurrte Melja, als er eine weißliche Ablagerung an einer der Wände untersuchte, die unter seinen Fingern zu einem übelriechenden Pulver zerfiel.
Eine ganze Weile gingen sie schon, als der Tunnel vor ihnen in eine tiefe, hohe Höhle mündete, deren Decke das Licht der Fackeln nicht erreichte. Haldir hielt an und wartete, bis alle zu ihm aufgeschlossen hatten.
„Wir sollten sie nicht gerade durchqueren, an den Wänden haben wir mehr Schutz."
„Außerdem ist nicht sicher, dass der Weg auf der anderen Seite weitergeht", bestätigte Elcaran.
„Macht sich eigentlich keiner Gedanken um dieses weiße Zeug?" fragte Melja.
Ayla fuhr zu ihm herum. Iven hatte sie noch nie so angespannt gesehen. „Mehr als genug, Melja Levaren."
„Weißt du etwa, was es bedeutet?" fragte der Levarin-Führer.
„Nur eine Ahnung", zischte sie. „Doch wenn sie zutrifft, sollten wir so schnell wie möglich hier verschwinden."
„Und sehr still sein", sagte Haldir verärgert. „Jetzt beeilt euch."
Iven wusste noch immer nicht, was alle so beunruhigte, aber er bemühte sich trotzdem, mit den anderen Schritt zu halten. In einem dichten Pulk strebten sie an der rechten Höhlenwand entlang in der Hoffnung, möglichst schnell einen Ausweg zu finden. Die Höhle war jedoch noch größer, als es zuerst den Anschein hatte. Auch wurde der scharfe Geruch, der die Luft durchzog, immer stärker. Unter ihren Füßen knirschte das festgebackene Pulver, gelegentlich zerplatzte es regelrecht mit einem lauten Geräusch.
Als Iven wieder einmal versehentlich mit seinen Füßen eines dieser seltsamen Gebilde traf und es lauter denn je auseinander spritzte, packte Ayla ihn am Kragen und schüttelte ihn leicht.
„Sei vorsichtig, kleiner Freund!" fuhr sie ihn mit gedämpfter Stimme an. „Du wirst sie noch aufwecken."
„Wen?" hauchte er verschüchtert.
„Einen Albtraum", sagte sie. „Die zweitschlimmste Traumwanderung meines ganzen Lebens haben mir diese Biester beschert."
„Still!" kam von vorne der leise, aber unverkennbar scharfe Befehl Haldirs. „Es ist nicht mehr weit."
Es schien fast, als hätte er mit seinen Worten ein Signal gegeben, denn kaum verstummte er, erklang von weit über ihren Köpfen ein merkwürdiges Rascheln. Helle Stimmen wie eine entfernte Schar aufgeregter, kleiner Kinder erfüllten die Luft.
„Renn!" Aylas Hand schloss sich in einem schmerzhaften Griff um Ivens Oberarm. Den anderen ergriff Melja und sie zerrten ihn so grob und schnell mit sich, dass seine Füße kaum noch den Boden berühren konnten. Sie folgten dem sich schnell entfernenden Licht der Fackel, das anzeigte, wo Haldir den Ausgang aus der Höhle wohl entdeckt hatte. Iven wollte gegen die entwürdigende Behandlung protestieren, doch jedes Wort blieb ihm im Munde stecken, kaum schwirrte das erste, rattengroße Tier von oben auf ihn zu. Er sah nur noch ein hässliches, schwarzbepelztes Gesicht, in dem im offenen Fang zwei überaus spitze Zähne darauf warteten, sich in sein Fleisch zu bohren.
Mit einem ängstlichen Quietschen wich er der Kreatur aus.
Von überall schossen diese Tiere jetzt auf sie zu, ihre ledernen Flügel strichen unangenehm über die Gesichter der Flüchtenden, kleine, bösartige Krallen verfingen sich in Haaren und Kleidung. Die Arme schützend erhoben liefen sie alle durch den Schwarm, der mehr und mehr in einer stinkenden, weißen Wolke des Pulvers versank, das sie mit ihren Füssen lostraten. Jetzt wusste Iven auch, was es damit auf sich hatte. Wäre er nicht so gnadenlos mitgezerrt worden, hätte er sich übergeben müssen, noch bevor der erste Atemzug der staubigen Exkremente den Weg in seine Lungen gefunden hatte.
Ayla hatte nicht einmal ihr Schwert gezogen. Mit der freien Hand schlug sie einfach nach den zahllosen Angreifern, die unter lautem Protestgeschrei gegen die Felswände geschleudert wurden. Für jeden, den sie oder einer der anderen erwischten, schienen ein Dutzend andere nachzukommen.
Zerzaust und aus Dutzenden kleiner Kratzer blutend flüchteten sie durch den Ausgang. Nur wenige dieser Monster folgten ihnen, während sie zur Sicherheit noch ein ganzes Stück weiter hasteten. Schließlich gab Haldir das Zeichen zum Anhalten und sie kamen außer Atem zum Stehen. Melja, zum Fürchten durch das Blut auf seinem tätowierten Schädel, pflückte mit einem sardonischen Grinsen eine schon leicht benommene Kreatur aus Andoris langen Haaren und drehte ihr kurzerhand den Hals um.
„Fledermäuse!" Ayla fluchte ausgiebig. „Ich hasse Fledermäuse, auch wenn diese recht winzig waren."
„Die waren so groß wie Ratten", berichtigte Elcaran sie.
„Mag sein." Heftig klopfte die Schildmeisterin die Pulverrückstände aus ihrer Kleidung. „Auf meiner Traumwanderung hatten sie die Größe eines Grauwolfes und weniger waren es auch nicht gerade. Dazu war das hier ein Spaziergang."
„Möchtest du vielleicht wieder zurückgehen?" erkundigte sich Haldir sarkastisch. „Nein? Gut, dann schlage ich vor, dass wir diese Unterhaltung an einem angenehmeren Ort fortsetzen, den Booten vielleicht."
„Vorausgesetzt, sie haben die Stromschnellen überstanden", erinnerte ihn Erebion und fing sich einen verärgerten Blick ihres Anführers ein.
Zum Glück waren die Boote unversehrt und erwarteten sie bereits am Ende des Tunnels, wo sie von Oryn in der noch immer leicht unruhigen Strömung gehalten wurden. Der Wassergeist hatte sich fast ganz aus dem Wasser erhoben und ihnen entgegengespäht.
„Ihr scheint eine unerfreuliche Begegnung gehabt zu haben", stellte er besorgt fest.
„Fledermäuse", antwortete Haldir.
„Eher Ratten", sagte Elcaran.
Der Herr von Ithuris murmelte einige Worte in einer Sprache, die Iven noch nicht kannte.
„Wie es auch sei", sagte Erebion. „Wenn du wieder jemanden hierher führst, kannst du ihn jedenfalls vorwarnen."
Alle waren sie diesmal froh, wieder in den Booten zu sein und sich in der Flussmitte in relativer Sicherheit zu bewegen. Es gab ihnen Zeit, die kleinen Kratzer zu behandeln. Keiner war wirklich gefährlich, doch der Dreck der Krallen und Zähne mochte Krankheiten und Fieber auslösen. Iven beobachtete, wie Haldir mit allen einem Elb möglichen Anzeichen des Entsetzens los sprang, als Ayla sich weit über die Bordwand beugte, um Wasser zu schöpfen. Mit einem wütenden Laut auf den Lippen schlug sie nach ihm, als er sie um die Taille fasste und wieder ins Boot zog.
Im Bootsheck hatte Erebion bei dieser Szene eine Hand vor den Mund gelegt, doch seine Augen leuchteten vor unterdrücktem Lachen so hell, dass es das Schimmern des Wassers rund um ihre Boote fast überstrahlte.
„Alles gut überstanden, Iven?" fragte Andoris vom dicht bei ihnen treibenden Boot aus.
„Nur ein paar Kratzer", nickte er stolz.
„Dann hast du schon die erste gute Geschichte zu erzählen, wenn wir wieder zurück sind", sagte der junge Elb mit einem Zwinkern.
In dieser Nacht schlief Iven erstmals wirklich gut. Er rollte sich in seine Decke, lauschte dem Klang der Elbenstimmen und überlegte schläfrig, wie er ihr Erlebnis beschreiben sollte. Sein unwürdiges Quieken würde er natürlich nicht weitergeben, auch nicht, dass man ihn wie ein Kind mit sich gezerrt hatte.
***
„Wenn wir schon wieder auf Fledermäuse treffen, bin ich wirklich verärgert." Die Schildmeisterin schien auch jetzt nicht unbedingt erfreut, wie sie vor Iven her durch den Tunnel marschierte.
„Es hat uns beim letzten Mal auch nicht umgebracht", meinte Erebion spöttisch.
„Trotzdem hätte uns der Wassergeist eher sagen können, dass wir jeden zweiten Tag die Boote nicht mehr gebrauchen können", sagte Melja.
Iven hielt sich lieber still an der Seite Andoris, den er von allem am wenigsten zum Fürchten fand. Auch jetzt schien es ihn nicht sonderlich zu betrüben, dass sie erneut zu Fuß unterwegs waren, da der Fluss in einer dunklen Röhre verschwunden war. Oryn konnte die Boote nur auf die andere Seite bringen, in dem er sie unter die Wasseroberfläche gezogen hatte und durch das dunkle Loch einfach hindurchführen würde. Es gab wohl eine Möglichkeit, den Weg auch schwimmend zurückzulegen. Nach Oryns Worten war etwas Platz zwischen der abgesenkten Tunneldecke und der Wasseroberfläche und nur an einer Stelle wäre es nötig, vielleicht dreißig Meter tauchend zurückzulegen, doch Haldir zog diesen Weg gar nicht erst in Betracht. Er murmelte etwas von zu schwerer Bewaffnung und entschied sich für den Fußweg.
Die letzten Stunden machten nun Hoffnung, dass ihnen ein so unerfreuliches Zusammentreffen wie am Vortag erspart bleiben würde. Der Weg war breit, nirgendwo Anzeichen von Fledermäusen und die einzige Höhle, die sie bislang durchquert hatten, war ein ruhiger, verlassener Ort gewesen. Sie folgten einer Ader aus Mithril, so wie Oryn es sie geheißen hatte. Mithril – Iven konnte sich für diesen Stoff, der sich wie ein silbernes Band neben ihnen her zog, wirklich begeistern. Allein wie es schimmerte - als würde es leben. Nur selten konnte er seinen Blick von der feinen Ader lösen, gelegentlich strich er mit dem Finger darüber und wunderte sich jedes Mal, mit welcher Leichtigkeit ihn die Berührung erfüllte.
Schließlich führte sie die Ader in eine Höhle, die so prachtvoll war, dass es allen die Sprache verschlug. Ein klarer See in einem weißen Becken, von innen durch eine Schicht Kristalle bedeckt, leuchtete in allen Farben des Winters unter dem Licht der Fackeln. Natürliche Säulen, entstanden in Jahrtausenden durch das kalkhaltige Wasser, das an ihnen heruntertropfte, hingen von der Decke, andere strebten vom Boden nach oben und wieder andere hatten sich bereits getroffen und weitere Muster gebildet.
„Eine Tropfsteinhöhle", sagte Ayla nach einer Weile.
„Noch eine Traumwanderung?" fragte Erebion.
Sie nickte. „Allerdings."
„Auch unerfreulich?"
„Es gab keine erfreulichen Traumwanderungen", wies sie ihn zurecht.
Trotzdem zog es sie alle nicht sofort wieder von diesem Ort fort, zu zauberhaft war es, zu ruhig und auch zu friedlich. Iven ließ sich von einer Abzweigung der Mithril-Ader ablenken, die auf die andere Seite der Höhle führte.
„Reizt dich dieser Stoff?" fragte Andoris, der langsam neben ihm herschlenderte und eine Fackel hochhielt.
„Schon", gestand der Nimjind zögerlich. „Doch ich bin nicht besonders gut darin, Metalle zu bearbeiten."
„Mithril ist nicht irgendein Metall", sagte Andoris und schoss mit dem Fuß einen losen Stein in den See. „Man kann es schmieden, schleifen und zu anderen Dingen verarbeiten. Erebions Gilgrim ist aus Mithril und auch Aylas Ring. Es ist sehr wertvoll."
Iven fühlte einen leichten Schwindel und hielt sich an der Wand fest. Als das Gefühl vorbei war, merkte er erst, dass Andoris still stehen geblieben war und auf etwas zu lauschen schien. Erneut kam das Zittern in Ivens Wahrnehmung und diesmal begriff er, dass es nicht aus ihm selbst stammte, sondern dass seine ganze Umgebung zu schwanken schien. Leichtes Knirschen über seinem Kopf beunruhigte ihn noch mehr.
„Andoris!" rief Elcaran von der anderen Seite der Höhle aus. „Kommt sofort beide zurück. Wir müssen raus hier."
Der junge Elb setzte sich sofort in Bewegung und Iven folgte ihm. Ein weiteres Schwanken kam, ungleich stärker diesmal. Andoris glich es mit der ihm eigenen Leichtigkeit aus, doch Iven fiel mit einem Schmerzenslaut hart auf beide Knie. Die Tropfsteinsäulen schwankten bereits wie Gräser im Wind und die knirschenden Geräusche von der Höhlendecke erreichten eine bedenkliche Lautstärke. Andoris hätte es sicher keine Mühe gemacht, die Höhle noch rechtzeitig zu durchqueren, wo die anderen bereits am Ausgang warteten. Doch er eilte zu Iven und half ihm auf die Beine.
Iven wollte loslaufen, doch seine Knie schmerzten zu stark, um etwas besseres als ein langsames Humpeln zu vollbringen. Voller Angst sah er nach oben. Unter lautem Krachen lösten sich die ersten Tropfsteine und rasten wie Geschosse von oben herab. Durchgehend war nun das Schwanken des Bodens, immer wieder verstärkt, wenn eine der Steinsäulen auftraf. Sie legten ein regelrechtes Sperrfeuer zwischen sie und die anderen.
„Hier kommen wir nicht durch", rief der Elb den anderen zu, die aufgeregt winkten und schrieen. Er meinte wohl eher, dass Iven es nicht schaffen würde. „Geht nur, wir nehmen einen anderen Weg!"
Er ergriff Ivens Arm und half ihm, aus dem Steinhagel in Richtung der Höhlenwand zu fliehen, wo sie etwas geschützter waren. Iven hatte Todesangst, doch angesichts des Mutes des Elben biss er die Zähne zusammen und hielt sich aufrecht. Um ihn herum krachten die Steine zu Boden, der Lärm war ohrenbetäubend. Mehr aus Instinkt heraus klammerte er sich an den Arm des Elben und folgte ihm auf die Wand zu. Sie erreichten nur mit Mühe eine kleine Nische, in der sie dicht aneinandergedrängt beide noch Platz hatten. Durch einen Vorhang aus Staub blickten sie hinaus in die Höhle, deren Decke sich auf der anderen Seite in großen Teilen löste und herunterkrachte.
Wir werden sterben, war Ivens letzter Gedanke, bevor sich die Höhlendecke unter lautem Getöse endgültig absenkte und ihnen den Weg versperrte, durch den ihre Begleiter erst Atemzüge zuvor zögernd verschwunden waren.
Tbc
Kekse für alle, ich habe gebacken. Für Gesundheitsschäden macht mich aber nicht verantwortlich.
@Shelley: Die Sache mit dem Staubeinfangen habe ich rausgelassen. Ich habe es wirklich versucht, Ehrenwort. Aber jedes Mal klang es, als ob Peter Lustig zum Schmetterlingsfang aufbricht...schüttel...
@Amèlie: Hmm, bei Elrond kann man auch abschweifen...lassen wir das. Jetzt habe ich mich erst mal von ihm losgerissen, aber er kommt zurück. Versprochen.
@Elanor8: Vielen Dank, habe mich wirklich gefreut. Einige Kapitel kommen auch noch. Keks? Nicht die mit Honig, die brechen sogar Elbenzähne.
@MysticGirl: Sie kann es nicht lassen. Sind wir jetzt ein bisschen nachtragend? Ich hab nichts gegen Leirion, jedenfalls im Moment nichts griffbereit.
Ayla: Ich hab einen Brief bekommen.
Haldir: Von wem?
Ayla: Von dir. + wedelt mit dem bekritzelten Butterbrotpapier, Haldir liest es durch, beiden sehen zu Zita +
Zita: Seht mich nicht so an, ich kann nichts dafür. Hab ich je behauptet, dass ihr mehr als gute Freunde seid...äh werdet...sein könntet?
Haldir: Zur Sicherheit sollten wir sie einsperren.
Autorin wird in einen Keller eingeschlossen. Ende von Review-Antwort.
