Disclaimer: Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben, ist nur geliehen, wird wieder zurückgegeben, auch wenn es schwer fällt.

15. Kapitel

Ein wenig zu düster hatten sie es gesehen. Den ganzen nächsten Tag verlief ihre Reise ruhig. Zeit für alle, nochmals Kräfte zu sammeln. Erst am Abend, als er sie an einen neuen Lagerplatz führte, erhob sich Oryn aus dem Wasser. Er hatte sich verändert. Seine kristallene Klarheit war seltsam getrübt und er wirkte schwerfälliger als üblich.

„Fass dich kurz!" herrschte ihn Ayla sofort missmutig an. „Du kannst uns nicht länger weiterbringen, ja? Ab jetzt müssen wir selber auf uns achten."

„Ach, Arenai", seufzte er tief. „Mein Herz blutet."

„Du hast kein Herz."

„Wenn ich eines hätte..."

Böse sah sie ihn an und er verstummte.

„Müssen wir jetzt rudern?" erkundigte sich Iven entsetzt.

„Nein, nicht doch", sagte Oryn. „Hinter der nächsten Biegung werde ich euch morgen an eine Stelle bringen, von der aus ihr zu Fuß weiter gehen könnt. Noch auf dem Fluss zu bleiben, kann ich euch nicht anraten. Er gehört nicht länger mir. Seine Quelle ist nah und würde euch alle Kräfte entgegenwerfen, derer sie fähig ist."

Oryns Worte bewahrheiteten sich, als sie die wenigen hundert Meter weiterfuhren, in denen er sie noch leiten konnte. Nur sehr langsam war die Geschwindigkeit und immer wieder zerrte die Strömung an den Booten, um zu verhindern, dass sie unter den Amon Naith gelangten. Oryn stieß an seine Grenzen, als der Fluss einen Felsendom durchquerte, der zu beiden Seiten mit aufsteigenden Geröll und riesigen Felsblöcken gefüllt war. Er landete die Boote an einer erträglich flachen Stelle an und streckte erschöpft und in seiner Klarheit noch weiter getrübt den Kopf aus den verschmutzten Fluten.

„Zieht die Boote weit an Land, wenn ihr auf diesem Weg auch wieder zurückkehren wollt", befahl er, „damit die Quelle nicht an sie herankommt und sie wegreißt. Ich ertrage es nur schwer, hier zu sein. Doch in der Nähe werde ich euch erwarten und sofort bei euch sein, wenn ihr mich braucht."

Dann waren sie allein. Tagereisen von Arenor entfernt und unter einem riesigen Berg, dessen schwarzes Gestein sich vor ihnen auftürmte. Sie holten die Boote weit hinauf auf das flache Ufer, das mit scharfkantigen Gesteinssplittern bedeckt war. Das Gepäck musste hier zurückbleiben. Nur die Waffen und Fackeln würden sie mitnehmen, denn dass sie sie brauchen würden, war offensichtlich.

Einen gefüllten Köcher mit Pfeilen, den Bogen, das Schwert und ein Dolch war die Bewaffnung der Elben. Die Schildmeisterin hatte ihr Schwert bei sich und einen langen Dolch, mit einem Bogen hatte sie noch niemand gesehen. Melja trug sein langes, gerades Schwert bei sich, das sehr verlässlich doch auch zur Gänze schmucklos war. In seinem Gürtel steckte eine kräftige Axt und jeder traute dem Levarin zu, damit auch umgehen  zu können. Iven hingegen führte zwar das winzige Elbenschwert bei sich, das Elrond ihm bei ihrer Abfahrt gegeben hatte, doch viel Vertrauen schien er in seine eigenen Fähigkeiten nicht zu haben. Jeder nahm noch eines der dünnen, aber über bemerkenswerte Eigenschaften verfügende Elbenseile mit sich. Mit mehr wollten sie sich nicht belasten.

Auch so war es schon schwierig genug, als der Aufstieg in die Höhe des Felsendomes begann, in der sie den Durchgang in den eigentlichen Berg ausgemacht hatten. Die Elben bewegten sich leicht über die hohen Felsbrocken, die eine nur unzulängliche Treppe formten. Auch der Levarin und die Arenai hatten nur wenige Schwierigkeiten, doch Iven kämpfte ein ums andere Mal darum, die nächste Stufe überhaupt zu erklimmen.

„Hast du keine Handschuhe mitgenommen?" erkundigte sich Haldir mit reichlich Tadel in der Stimme, als der Zwerg sich mehrfach die schwieligen Hände an den messerscharfen Rändern der Steine verletzte.

„Ich habe nicht daran gedacht", gab Iven kleinlaut zu und hatte offenbar große Mühe, seine Schmerzen zu unterdrücken.

Auf ein Zeichen hin nahmen Elcaran und Andoris ihn in die Mitte und hoben ihn ohne große Worte die weiteren Stufen hinauf, wo die anderen bereits auf sie warteten. Elcaran zauberte aus seiner Gürteltasche eine von Elronds Tinkturen hervor und kümmerte sich um die zerschnittenen Hände des Zwergs.

„Hier." Ayla hielt ihm ihre eigenen Handschuhe hin. „Vielleicht passen sie ihm. Ich komme auch so hier hoch."

„Nicht, Herrin", jammerte der Zwerg beschämt. „Deine schönen Hände! Es wird bei mir auch so gehen."

„Sei nicht kindisch!" herrschte sie ihn an.

„Nimm sie", sagte auch Melja. „Es nützt uns nichts, wenn du dir an den scharfen Kanten die Finger abtrennst."

Andoris blieb in der Nähe des Nimjind und half ihm, wo immer es nötig war. An einigen Stellen mussten sie ein Seil ausrollen, um ihm oder Melja über die höheren und sehr viel gefährlicheren Stufen zu helfen. Endlich hatten sie den Aufstieg bewältigt und sammelten sich vor dem portalähnlichen Zugang zum Amon Naith. Bewacht wurde er nicht, wohl niemand hatte bislang den Wunsch verspürt, freiwillig dort einzudringen.

Mit nur einer Fackel betraten sie den grob behauenen Gang, der sie ihrem Ziel näher bringen sollte.

„Die untersten Ebenen", erklärte Melja. „Das Gestein des Amon Naith ist hart wie Diamant und trotz all der Jahre sind die Bergherren noch nicht sehr weit in die Tiefe vorgedrungen."

Zunächst war alles verlassen, doch bald erklangen wie aus weiter Ferne die ersten Geräusche eines Bergwerkes. Vorsichtig wagten sie sich weiter vor und gelangten in einen Quergang, der zwar nicht sehr lang und hoch war, doch durch das Licht an seinem Ende anzeigte, dass er sie genau auf die Quelle der Geräusche zuführte.

Der Gang endete auf einem schmalen Sims hoch über einer Mine, in der abenteuerlich konstruierte Stege aus Holz kreuz und quer in alle Richtungen führten. Große Feuerschalen tauchten den Abgrund in flackerndes Licht, in dem zerlumpte Gestalten wie besessen mit ihren Spitzhacken auf die Felsen einschlugen. Die Brocken, die unter großen Mühen freigeschlagen wurden, kamen in große Körbe, die sich andere wiederum auf den Rücken luden, um dann schwankend den Weg über die schmalen Stege anzutreten und irgendwo auf der anderen Seite dieser Mine in einem der zahlreichen Durchgänge zu verschwinden. Es mussten hunderte armselige Gestalten sein, die hier die letzten Monate ihres Lebens fristeten, aufmerksam bewacht von schwerbewaffneten Drakan. Die seelenlosen Krieger patrouillierten auf den Stegen und vor den Durchgängen, die schwarzen Augen auf die Bewegungen unter ihnen gerichtet.

Haldir hatte noch nie zuvor eine derartige Ansammlung von Trostlosigkeit und Resignation erleben müssen. In keinem der Gesichter der Arbeiter stand auch nur ein Funken Hoffnung auf Erlösung, es sei denn durch den Tod. Eine Aussicht, die ihnen hier schnell bevorstand. Die Menschen und Zwerge, die die Drakan hier zusammengetrieben hatten, waren fast alle bis auf die Knochen abgemagert. Schwärende Wunden bedeckten ihre Arme und Beine, wo sie von den Splittern des Amon Naith aufgeschlitzt waren.

„Wonach suchen sie?" fragte Iven verwundert.

„Edelmetalle, Juwelen. Reichtümer eben", vermutete Andoris.

„Nein." Der Zwerg schüttelte bedächtig den Kopf. „Hier ist nichts davon, ganz sicher nicht. Der schwarze Stein enthält nichts außer sich selbst."

„Bist du sicher?" fragte sein Freund verblüfft.

Ivens unglücklicher Blick glitt zu Ayla, die ihm aufmunternd zunickte und wechselte dann noch unglücklicher zu Haldir.

Der Elb seufzte innerlich. Er hätte sich nicht träumen lassen, dass es ihn einmal stören würde, als Zwergenschreck in die Geschichte einzugehen. „Wenn du die Gabe hast, die Natur des Gesteins zu erkennen, ist es gut so, Iven. Hier an diesem Ort ist dein Talent unser wertvollster Verbündeter. Hilf uns damit, dann werden wir dieses Abenteuer vielleicht sogar alle überleben."

Mit neuer Entschlossenheit nickte der Nimjind. „Wenn du glaubst, dass es uns helfen wird, werde ich mein Bestes geben, Herr. Ich bin mir wirklich sicher, dass wir hier nichts finden werden, aber das will nicht heißen, dass der Silmaril nicht da ist. Etwas durchzieht den Berg wie ein Flüstern."

„Kannst du seine Quelle ausmachen?"

„Noch nicht genau, doch mir scheint, es kommt nicht von so weit unten wie wir uns befinden."

„Höher im Berg?" Haldir ließ seinen Blick durch die Mine schweifen. Um in den Amon Naith aufzusteigen befanden sie sich an der falschen Seite dieses Abgrundes. Über die Stege konnten sie nicht gehen, zu viele Menschen und Drakan bewegten sich dort. Die einzige Möglichkeit war, in den Grund der Mine abzusteigen, sie entlang ihres Randes zu durchqueren und auf der anderen Seite wieder aufzusteigen.

„Oh, ich liebe es!" grollte Ayla vor sich hin und es war niemand da, der ihr widersprechen wollte.

Der Sims, auf dem sie standen, schlängelte sich zu ihrer Linken entlang des Felsens nach unten. Er war so schmal, dass sie nur einzeln hintereinander gehen konnten, eng an die Wand gelehnt und sehr vorsichtig mit jedem Schritt, den sie taten. Sie hatten die dunkelgrauen Umhänge um sich gezogen und die Kapuzen hochgenommen, um nur wie Schatten jedem zu erscheinen, der doch den Blick auf die Felswand richtete. Die Arenai war in ihrer Kleidung fast mit dem schwarzen Fels verschmolzen und führte die Gruppe an. Obwohl sie die Zeit drängte, bewegten sie sich nur langsam. Je unauffälliger sie waren, desto größer standen ihre Chancen, wenigstens den ersten Teil dieses Unterfangens unbemerkt zu überstehen.

An tiefsten Punkt der Mine war es laut, heiß und stickig. Die Menschen, die hier arbeiteten, waren so in ihrem Leid gefangen, dass sie kaum einen Blick für die hochgewachsenen Gestalten übrig hatten, die sich zwischen ihnen durch bewegten. Nur selten hob einer der Escalonder überhaupt den Kopf, richtete seine geröteten Augen auf sie. Keine Überraschung zeigte sich dann, nur unbestimmte Furcht, welche Teufelei ihm nun wieder wohl drohen mochte.

Es dauerte zwar lange, doch sie kamen ihrem Ziel ohne jeden Zwischenfall nahe. Selbst die Drakan auf den oberen Stegen hatten kein Augen dafür, dass sich zwischen ihren Sklaven die Schatten von Fremden bewegten. Erst kurz bevor sie die gegenüberliegende Felswand erreicht hatten, stellte sich ihnen einer der Arbeiter in den Weg. Ein Zwerg, dreckig und abgemagert, aber mit kräftigen Händen, in der recht bedrohlich eine Spitzhacke lag.

„Du bist Iven!" zischte er den Nimjind-Prinzen an, nachdem er ihn eine Weile mit gerunzelter Stirn gemustert hatte. „Beldoins Sohn sollte nicht hier sein und sich mit ihnen da abgeben."

Arenai-Diplomatie bestand darin, Dinge schnell und einfach zu regeln. Ayla riss dem Zwerg in einer für ihn viel zu schnellen Bewegung die Spitzhacke weg, packte ihn an seinem zerlumpten Hemd und zog ihn nah zu sich heran. „Du lässt uns jetzt passieren, Zwerg, oder ich breche dir das Genick. Wir haben nicht die Zeit, uns jemandem wie dir zu erklären."

„Bitte, Herrin." Iven ergriff ihren Mantel. „Dies ist Ribes, ein entfernter Verwandter meines Vaters. Er verwechselt dich."

Die Wut des anderen war schon verraucht, als sie sich über ihn gebeugt hatte. Seine Augen waren groß geworden und es dauerte etwas, bis er einen Ton heraus bekam, auch nachdem sie ihn losgelassen hatte.

 „Verzeih, Herrin, verzeih mir. Ach Iven, so hat unser König uns nicht vergessen. Aber es ist keine gute Sache, dass du hier bist, auch wenn dich Wesen voller Licht schützen und leiten. Du bist Beldoins Sohn und hier ist so gar keine Hoffnung für unsereins. Niemand kann uns retten. Fast alle sind schon gestorben oder so erschöpft, dass sie bald den anderen folgen werden. Geh besser wieder und nimm deine Freunde hier mit dir. Dies ist ein schlechter Ort und die Bergherren füllen ihn mit mehr Dunkelheit, als ihm eigentlich zu eigen ist."

Haldir wurde langsam unruhig. Je länger sie hier verharrten und mit dem Nimjind sprachen, desto größer wurde die Gefahr, dass sie die Aufmerksamkeit der Drakan erregten. Auch Ribes schien sich dessen bewusst, denn mit einem kummervollen Seufzen hob er die Spitzhacke wieder auf, die Ayla einfach fallen gelassen hatte.

 „Wir können noch nicht gehen", sagte Iven. „Etwas ist in diesem Berg, das wir finden müssen, bevor es den Bergherren gelingt."

 „Du meinst das Wispern", nickte der andere traurig. „Ich spüre es auch, wir alle spüren es. Es sehnt sich nach Erlösung so wie wir. Dann geh jetzt, mein Prinz, auch wenn ich dich nur ungerne in dieser Gefahr sehe. Du wirst auf ihn achten, sein Leben schützen?"

Ayla, an die die Worte gerichtet waren, neigte den Kopf. „Ihm wird nichts geschehen."

Haldir spürte, wie sein Gesicht zu einer starren Maske wurde. Ein weiteres Leben, das sie zu hüten versprach und es gab keine Macht, die das Versprechen einer Arenai zu brechen vermochte.

„Dann eil dich, Beldoins Sohn", erklärte Ribes voller Trauer. „Wenn du weiter hinauf in den Amon Naith willst, halte dich von den oberen Zugängen hier fern. Nimm den, der dort ganz links am Boden ist. Er wird nicht länger benutzt, da er wegen des harten Gesteins zu steil angelegt wurde und die Träger ihn nicht bewältigen können. Sorge dich nicht um uns hier. Der Gedanke, dass der Kampf nicht vorüber ist und am Ende vielleicht alles seinen Sinn hatte, macht es für uns jetzt einfach. Geh, Iven, meine Gedanken werden dich begleiten und hütet euch vor der Gefahr in der Südwand, sie hat unser Volk ausgelöscht."

Iven fiel der Abschied offenkundig schwer. Selbst ihm musste klar sein, dass sie nicht hergekommen waren, um die Überlebenden seines Volkes zu retten. Trotzdem beklagte er sich halblaut, während sie den schmalen, hohen Gang erklommen, zu dem Ribes ihnen geraten hatte. Nur gelegentlich waren Treppen aus dem obsidianschwarzen Gestein gehauen, unter großen Mühen schien es, sehr unregelmäßig und grob.

„Sei kein Idiot", knurrte Melja ihn irgendwann an. „Wenn einer der Sklaven verschwindet, haben wir sofort die Drakan am Hals. Wir sind nicht hier, um jemanden zu retten, sondern um diesen Silmaril zu finden. Wann willst du endlich lernen, dass deine eigenen Wünsche hinter dem Großen zurückzustehen haben? Keiner hier wollte in den Amon Naith und trotzdem nehmen wir die Mühen auf uns."

„Es muss aber doch einen Weg geben", beharrte der Nimjind.

Aylas gefährliches Versprechen noch sehr frisch in seiner Erinnerung fuhr Haldir zu ihm herum. „Noch einen Ton davon und wir sind wieder auf dem Rückweg. Bis jetzt hast du noch nicht bewiesen, dass du das Versprechen wert bist, dass sie eben für dich geleistet hast."

Der Zwerg wich unter seinem zornigen Blick entsetzt einen Schritt vor ihm zurück, strauchelte auf der Stufe und wäre wohl unter lautem Gepolter bis in die Mine zurück gerutscht, hätte Melja ihn nicht aufgefangen.

„Ich glaube, jetzt hat er es verstanden", murmelte Erebion leise, als sie weitergingen.

„Undankbar", zischte Haldir. „Sie waren immer undankbar."

„Er fühlt sich hilflos."

„Er wird sich noch viel hilfloser fühlen, wenn ihr irgendetwas seinetwegen zustößt."

„Oh bitte!" Ayla hatte sich zu den beiden Elben umgedreht. „Noch bin ich nicht tot! Eigentlich habe ich auch gar nicht vor, mich hier für irgendjemanden in das nächstbeste Drakan-Schwert zu stürzen. Nicht einmal für dich."

Haldir runzelte die Stirn. Sie fing schon wieder an, mit dem Finger bei jedem Wort auf seine Brust einzustechen. „Ayla....."

Erebion gab einen Warnlaut von sich und Haldir sah an Aylas Schulter vorbei den Durchgang, der das Ende dieses Tunnels markierte. Schatten bewegten sich dort. Schatten von Soldaten.

Eng an die Felswand gedrückt wagten sie es kaum zu atmen, bis sich die Schatten wieder entfernten. Elcaran wurde vorgeschickt, den Gang zu erkunden. Es dauerte nur wenige Minuten, bis er wieder  zurückkam.

„Wenn wir uns Richtung Süden halten, könnten wir unbemerkt weiterkommen", berichtete er. „Nur wenige sind dort unterwegs und es gibt genug dunkle Nischen, dass wir uns verbergen können. Ein weiterer Aufgang ist dort ebenfalls."

Haldir winkte Iven heran. Jetzt bedauerte er es, den Zwerg so angefahren zu haben, denn der bedachte ihn mit einem Blick wie ein Kaninchen die Schlange. Hoffentlich fiel er nicht gleich vor lauter Schreck in Ohnmacht. „Wohin jetzt, Iven? Wir brauchen eine Richtung und auch, ob wir noch weiter hinauf in den Berg müssen."

Nach einigen tiefen Atemzügen wurde der ohnehin etwas tumbe Gesichtsausdruck des Nimjind noch leerer.

„Süden", stotterte er schließlich. „Und hinauf, weit hinauf."

Nicht, dass Haldir davon überrascht war. Vielmehr hätte es ihn an den Fähigkeiten Ivens zweifeln lassen, wenn dieser den Silmaril an der nächsten freien Gangecke hätte spüren wollen. Immer zu zweit schlichen sie den schmucklosen Gang entlang, der nur  spärlich mit rußenden Fackeln beleuchtet war. Ayla und Erebion, Elcaran und Melja, Iven unter der Obhut seines Freundes Andoris und zuletzt Haldir, der in zwei Drakan hineingelaufen wäre, hätte ihn sein feines Gehör nicht früh genug gewarnt und er sich in den Schutz einer dunklen Nische zurückgezogen. In dieser Art ging es dann weiter, Meter um Meter schlichen sie sich über dunkle Aufgänge weiter hinauf in den Amon Naith.

Dafür, dass dies die Hochburg der Bergherren war, der innere Teil ihrer Festung, erschien Haldir der Ort eigentümlich verlassen. Je weiter sie sich der Ebene näherten, die Iven als ihr Ziel ausgemacht hatte, desto weniger drohte ihnen Gefahr von den schwarzäugigen Soldaten. Etwas anderes verdichtete sich jedoch und dies war das Gefühl eines großen Übels, das vor ihnen lag. Einer Gefahr, die einzuordnen dem Waldelben einfach nicht gelingen wollte.

Aufgegeben hatten die Bergherren diesen Teil der Festung ebenfalls nicht. Die Zeichen waren zu deutlich. Jeder der breiten, gut drei Meter hohen Gänge war mit Fackeln ausgeleuchtet, deren Licht sich in den schwarzglänzenden Felsen spiegelte. Türen aus schwerem geschwärzten Eisen verbargen in regelmäßigen Abständen weitere Räume. Die meisten davon waren verschlossen, andere ließen sich öffnen. Geheimnisse gab es nicht, nur leere Räume oder verlassene Unterkünfte für Soldaten.

„Dort hinein", erklärte Iven und deutete auf einen halbkreisförmigen Durchgang, hinter dem sich diesmal nur Schwärze erstreckte. „Ganz sicher."

Sie näherten sich vorsichtig ihrem Ziel. In den Halterungen an den Wänden des Durchgangs steckten erloschene Fackeln. Erebion nahm eine an sich und zündete sie mit den Funken eines Othun-Steines an. Vor ihnen erstreckte sich ein langer, glatter Gang. Er führte leicht bergauf und sein Ende war nicht abzusehen. Eine gedrückte Ruhe umgab den Ort und ein seltsamer Geruch breitete sich aus, je weiter sie diese Röhre durchschritten.

„Ich glaube, dies ist kein guter Weg", raunte Melja mit einem nervösen Unterton in der Stimme. „Gibt es keinen anderen, Iven?"

„Nein", sagte der Nimjind.

„Wir kommen genau in die Südwand", beharrte Melja. „Du weißt, dass nichts Gutes dort ist."

Der Geruch wurde immer unangenehmer je weiter sie die Rampe hinauf gingen. An ihrem Ende wurde ein massives Doppeltor aus Eisen mit einem schweren Riegel sichtbar. Sie hatten es noch nicht erreicht, da blieb Ayla stehen und erstarrte in einer beunruhigenden Haltung. Kerzengerade, die Arme hingen an ihren Seiten herunter und die Hände waren zu Fäusten geballt. Mit leicht vorgeneigtem Kopf starrte sie das Tor an, ihr Atem ging schneller als üblich.

„Bei den Valar", stöhnte Erebion kaum hörbar. „Die Arenai hat Angst."

Es schien, als hätte sie ihn gehört. Ein Zittern durchlief ihren Körper, dann fuhr sie herum. Unbändiger Zorn hatte das Blut aus ihren zusammengepressten Lippen getrieben. Im ersten Moment glaubte Haldir, sie wollte sich auf Erebion stürzen, doch sie langte an dem Elb vorbei, ihre Finger gruben sich in Meljas Kleidung, die mit einem hässlichen Geräusch riss und stieß ihn dann hart gegen die Wand. Der Levarin gab einen erstickten Laut von sich und verdrehte die Augen. Er war völlig benommen. Elcaran wollte eingreifen, doch Haldir hielt ihn zurück. Auch wenn sie den Eindruck machte, als hätte sie den Verstand verloren, glaubte er eher, dass Ayla einen guten Grund diese Attacke hatte.

„Wann wolltest du es uns sagen?" fauchte sie den Levarin an. Ihr mörderische Wut wäre weniger beängstigend gewesen, wenn sie laut gebrüllt hätte, doch sie sprach sehr leise. „Du wusstest es doch, nicht wahr?"

„Es ist nur eine Geschichte", keuchte Melja. „Man hat ihn ewig nicht mehr gesehen."

Ayla löste die linke Hand, aber nur, um damit nach Iven zu greifen und ihn ebenfalls zu sich heranzuziehen. „Ist das die Art der Zwerge, Iven, uns ins offene Messer rennen zu lassen? Ihr wisst ganz genau, dass es keine Legende ist. Er hat fast dein ganzes Volk ausgelöscht und dein König hält es nicht für nötig, Lord Elrond und uns zu warnen."

„Dranguru schläft wieder", wimmerte der Nimjind. „So ist es immer, Herrin. Er wird uns nichts tun."

Der Name brachte eine Saite in Haldir zum klingen. Zwei Mal hatte er den Namen schon gehört, ausgesprochen wie einen Fluch und in Verbindung mit Feuer. Eine dunkle Ahnung stieg in ihm auf, geeignet, seine Hände leicht zum Zittern zu bringen.

Die Arenai ließ die beiden los und wich hastig bis zur gegenüberliegenden Gangwand zurück, als würde sie nur so verhindern können, dass sie ihnen etwas antat. „Hier können wir nicht weiter", sagte sie dann in Haldirs Richtung. „Lass uns einen anderen Weg suchen."

„Was hast du nur?" fragte Andoris. „Dahinter scheint ein Feind zu ruhen, der dir Angst macht."

Erebion schien ebenso wie Haldir die Natur des Schreckens hinter dem Tor bereits zu erahnen. „Ich bin noch nie einem seiner Art begegnet."

„Ich schon", sagte Ayla. „Es war die letzte Traumwanderung, die schlimmste von allen. Fast wäre ich nicht mehr heimgekehrt. Ich habe ihn überlebt, mehr verlangte man nicht von mir. Man kann ihn nicht besiegen, nicht mit so wenigen Kriegern. Ihr seid ihm überhaupt nicht gewachsen."

„Wen meint sie?" erkundigte sich Andoris verwirrt bei Iven.

„Einen Drachen", beantwortete stattdessen Haldir die Frage. Er war sich absolut sicher. „Dranguru muss ein Feuerdrache sein, sonst hätte er die Dörfer der Nimjind nicht in Asche verwandelt."

„Und er kann fliegen", murmelte Iven kaum hörbar. „Ich habe ihn selbst nicht gesehen. Mein Vater auch nicht, Herr. Aber so heißt es jedenfalls. Vielleicht wollten wir nicht glauben, dass er unsere Dörfer zerstörte."

Melja nickte. Er wich den Blicken der Elben aus. „Dranguru ist eine Legende. Man hat ihn seit Jahrhunderten nicht mehr vom Amon Naith aufsteigen sehen. Er soll vom Kopf bis zum Schwanz hundert Fuß messen, sein ganzer Körper ist mit Schuppen gepanzert und aus seinem Maul kommt Feuer. Es hieß, er sei tot, längst im hohen Alter verendet."

Haldir näherte sich langsam dem Tor. Ausgerechnet ein Drache! Elben waren nicht fähig, mit diesen Ungeheuern zu kämpfen. Allein schon der Gestank, den die Wesen absonderten, reichte, um die ersten Kinder Iluvatars in die Flucht zu schlagen.

„Wir müssen dort hindurch", sagte Erebion. „Wenn ich mich recht erinnere, strengt es sie übermäßig an, ihre Feuergabe einzusetzen. Vielleicht liegt er wirklich im tiefen Schlaf und es gelingt uns, unbemerkt an ihm vorbeizukommen."

„Anderes bleibt uns wohl nicht", sagte der Waldelb.

„Es sind ihre Stimmen", ließ sich Ayla vernehmen. „Ihr dürft ihm auf gar keinen Fall zuhören. Sie haben seltsame Stimmen, die einen gefangen nehmen. Man vergisst sich darin, wird unfähig zu fliehen. Sie haben es dann leicht, ihre Opfer zu töten, wann immer sie wollen."

„Du bist einem Drachen entkommen", sagte Erebion.

„Aber mehr auch nicht. Iven, denk genau nach. Gibt es wirklich keinen anderen Weg?"

„Nein, Herrin. Wo immer der Silmaril ruht, es gibt nur diese Möglichkeit, ihn zu erreichen."

***

Haldir und Erebion standen vor diesem Tor, die Hände bereits auf dem breiten Riegel, um ihn so vorsichtig wie nur irgend möglich zu heben. Die beiden Elben wirkten konzentriert, ihre Schultern unter den zurückgeschlagenen Umhängen angespannt. Nicht nur sie, alle hatten sich die Halstücher um Mund und Nase gebunden, um dem bestialischen Gestank zu entgehen, zu dem Drachen fähig waren.

Ayla schauderte. Sie wollte nicht dort hinein. Es war lange her, dass sie einem gegenüber gestanden hatte und zwar wörtlich. Tagelang hatte er sie gebannt mit seiner seltsam raunenden Stimme, die kaum verständliche Worte sprach, sich dennoch im Verstand festsetzte und langsam alles verdrängte. Sie wusste bis heute nicht, wie sie seinem Bann damals entkommen war, doch es war knapp gewesen. Beinahe verdurstet, abgemagert und von Krämpfen geschüttelt war sie aus ihrem Traum zurückgekehrt. Kein anderer Traum hatte sie so nah an ihre Grenzen geführt. Dagegen waren die riesigen Fledermäuse fast noch ein Spaziergang gewesen.

Fast geräuschlos hoben die Männer den schweren Riegel an und schoben einen der Türflügel auf. Sie drehten sich angewidert weg, als eine Gestankwolke in den Gang drang, atemberaubend in ihrer Mischung aus Verwesung und Schimmel.

„Das ertrage ich nicht", presste Elcaran hervor.

Mit ähnlichem hatte Ayla gerechnet. Elben waren nicht fähig, sich einem Drachen zu stellen. Dieser Gestank war eigentlich noch harmlos. Dranguru schien wirklich zu schlafen. Wenn er es darauf anlegte, würde er noch mehr der ekelerregenden Gerüche erzeugen und jeden Elb damit schon von weitem in die Flucht schlagen. Nur Melja und Iven, die zwar auch eine leicht grünliche Farbe angenommen hatten, würden das ganze halbwegs ertragen können. Über ihre eigene Farbe wollte Ayla gar nicht erst nachdenken. Sie musste erst ihre Kehle freimachen, bevor sie einen Ton herausbekam, der nicht sofort von ihrem Mageninhalt begleitet wurden.

„Ich gehe vor", befahl sie und schob sich energisch an Erebion und Haldir vorbei. Die beiden erwiderten nichts. Schweiß perlte auf ihren Stirnen. „Iven kommt mit mir, Melja übernimmt das Ende. Nichts sagen, nicht viel atmen, dann schaffen wir es vielleicht."

‚Es gibt bestimmt einen anderen Weg' nörgelte eine kleine, fiese Stimme in ihrem Kopf. Sie ignorierte sie und drückte sich vorsichtig durch den Torspalt. Den Zwerg hielt sie an seiner Tunika fest, damit er sich bloß nicht vor lauter Angst aus dem Staub machte.

Die Drachenhöhle war nicht das, was sie erwartet hatte. Eigentlich war es überhaupt keine Drachenhöhle, sondern ein langgestreckter, hoher Saal. Tageslicht fiel durch einen großen, halbkreisförmigen Durchgang an der rechts liegenden Stirnseite, der mit einem recht massiven Gittertor verschlossen war. Das Tor war offenkundig nicht gedacht, normale Eindringlinge abzuhalten, denn seine armdicken Stäbe standen weit auseinander. Dranguru hingegen würde dort nicht hinausgelangen.

Zu den beiden Längsseiten des Saales erstreckte sich eine Reihe massiver Säulen, die mit bunten Mosaiken besetzt war. An jeder Säule hing eine Fackel, von denen jedoch nicht alle brannten. Ayla schlich bis zur nächstliegenden Säule und spähte vorsichtig weiter in den Raum hinein. Der Boden war vollständig mit weißen und schwarzen Fliesen ausgelegt. An einigen Stellen standen große Schalen, die von Juwelen überquollen. Der ganze Saal ähnelte eher einer Schatzkammer oder einem Thronsaal als dem Kerker eines dunklen Ungeheuers. Wäre da nicht der Gestank gewesen....

„Da rüber", gurgelte Iven und zeigte ausgerechnet auf die gegenüberliegende Säulenkolonnade.

Ein leises Geräusch ließ sie mitten in der Vorwärtsbewegung verharren. Sie wandte den Kopf nach rechts und im Hintergrund des Saales, im Schatten, zeichneten sich die vertrauten Umrisse eines Drachen ab. Er lag zusammengerollt einfach nur da, die Augen geschlossen und atmete sehr langsam. Selbst in dieser Haltung war seine wirkliche Größe und Masse beeindruckend. Trotz des wenigen Lichts schimmerten die handgroßen Panzerschuppen beinahe verführerisch schön in allen Farben des Regenbogens. Melkors zwiespältiges Wirken war deutlich in ihm.

Für mehr als einen kurzen Blick blieb jedoch keine Zeit. Sie gab das verabredete Handzeichen und ihre Begleiter eilten so still wie möglich hinter ihr her. Kein Geräusch kam von den Elben, auch wenn die Eleganz ihrer Bewegungen unter dem Eindruck des Pesthauches doch litt.

Wenigstens vor dem großen Eisengitter zog ein eisiger, aber frischer Hauch von außen herein und gab allen neue Kraft, auch die zweite Hälfte der Halle bis hinter die Säulenkolonnade zu bewältigen. Dahinter war Schluss, glatter, massiver Fels.

„Und nun?" fragte Melja den Nimjind drohend. „Du sagtest, hier geht es weiter, Schlaumeier."

Erebion hob begütigend die Hand und musterte nachdenklich die schwarzschimmernde Wand. Schließlich legte er behutsam die Fingerspitzen darauf und fuhr eine winzige Verwerfung entlang. Seine Lippen bewegten sich, doch zu hören war nichts.

Auch besser so, dachte Ayla mit einem gehetzten Blick auf Dranguru.

Sie alle zuckten zusammen, als sich ein Teil der Wand in Nichts auflöste, einen neuen Gang freigebend, an dessen weit entfernten Ende gräuliches Licht schimmerte, Tageslicht. Unter dem Eindruck des Gestanks ihre übliche Vorsicht vergessend, drängten sich alle hinein. Sie waren merklich erleichtert, als sich der Durchgang hinter ihnen sofort wieder verschloss.

„Es gab Tarnzauber wie diese in Doriath", erklärte Erebion mit einem kleinen Lächeln. „Thingol bevorzugte sie, um seine Schatzkammern zu schützen und davon hatte er einige. Luthien machte sich einen Spaß daraus, ihre Lage zu verändern, das hatte sie wohl von ihrer wunderbaren Mutter. Wir waren eigentlich ständig damit beschäftigt, sie wieder aufzuspüren."

Im Vergleich zum Drachensaal erschien die Luft hier fast so frisch und angenehm wie ein kühler Frühlingsmorgen in Ithuris. Tatsächlich roch es leicht feucht und etwas abgestanden, aber das war eigentlich egal. Dranguru lag auf der anderen Seite des Tarnzaubers, sie waren vorerst in Sicherheit.

Ayla setzte sich wieder in Bewegung. Noch hatten sie ihre Ziel nicht erreicht und auch wenn sie den Silmaril in den Händen hielten war es ein weiter Weg vom Amon Naith zurück nach Arenor. Die Hand wachsam am Schwert marschierte sie auf die Lichtquelle vor sich zu. Noch während sie überlegte, wo das Tageslicht herkam, erreichte sie das Ende des Ganges. Ihr Fuß trat ins Leere und sie blieb abrupt stehen, um nicht in die abraumgefüllte Grube zu stürzen, die sich vor ihr auftat. Den Kopf in den Nacken gelegt, um den Spalt an der Decke in Augenschein zu nehmen, durch den Tageslicht, der erste Schimmer seit Wochen fiel, hörte sie, wie hinter ihr Andoris und Iven näher kamen. Beiden beschrieben sich gegenseitig, welche üblen Gerüche sie kannten, die man mit den Ausdünstungen des Drachens vergleichen konnte.

„Vorsicht", sagte sie, doch es war zu spät.

Einer der beiden lief in sie hinein, sie strauchelte voran und landete mit einem leisen Aufschrei mitten auf der losen Steinrampe vor ihr. In einer Lawine von Steinen und Staub rutschte sie unsanft abwärts, nirgendwo die Möglichkeit, sich festzuhalten oder auf die Beine zu kommen. Auf halber Strecke prallte ein weiterer Körper gegen sie. Andoris, nach den schlanken Gliedern und hellen Haaren zu urteilen. In einem Knäuel aus Armen und Beinen, umhüllt von einer Wolke Steinstaubs rauschten sie talwärts, bis sie endlich am Fuß der Halde von einem Abraumhügel gestoppt wurden. Ayla war lange genug von der rasanten Rutschpartie benommen, dass sich die Staubwolke bereits gelegt hatte, als sie sich endlich etwas aufrichtete. Aufstehen konnte sie nicht, denn sie steckte zum einen in dem Geröll fest, das sie mitgerissen hatte und zum anderen hatten sich ihre Beine mit denen des Elben verwickelt, der halb unter ihr lag.

Unglücklich blinzelte er sie an. „Ich weiß, Ihr werdet mich jetzt noch mehr hassen."

Die Arenai ließ einen Moment sein schmutzbedecktes Gesicht auf sich wirken, die zweideutige Lage, in der sie beide feststeckten und begann zu lachen. Der Umgang mit Elben stellte in jedem Fall eine Bereicherung des Alltags dar. „Spar dir die Förmlichkeiten, Andoris", kicherte sie unbeherrscht. „Das glaubt uns ohnehin keiner mehr."

„Es fällt zumindest schwer", sagte Haldirs nur zu vertraute, spöttische Stimme über ihnen. „Ich weiß natürlich, dass du immer gerne als erste unbekannte Gefahren erkundest, aber das war etwas sehr dramatisch."

„Hilf mir lieber." Sie hatte immer noch Mühe, nicht wieder in Lachen auszubrechen.

Im nächsten Moment wurde sie unter den Armen gefasst und schwungvoll wieder auf die Beine gestellt. Inzwischen war nicht nur der Waldelb bei ihnen angelangt, sondern auch der Rest der Gruppe hatte mehr oder weniger elegant den Abstieg bewältigt. Iven und Elcaran gruben Andoris aus dem Geröll aus, während Haldir Steinsplitter aus Aylas Haaren zupfte.

„Er ist ein bisschen zu jung für dich", meinte er mit einem boshaften Lächeln.

„Keine Sorge." Sie konnte einfach nicht anders als ihn angrinsen. Immerhin waren sie an diesem fürchterlichen Drachen vorbeigekommen. „Du wirst immer der wichtigste Mann in meinem Leben sein."

„Ich weiß nicht", überlegte Haldir mit gerunzelter Stirn. „Soll ich mich nun geschmeichelt fühlen oder die Flucht ergreifen?"

„Verschiebt eure Debatte auf einen späteren Moment", mischte sich Erebion ein. „Iven denkt, wir sind an unserem Ziel."

Aylas Hochstimmung verflog. Zum erstenmal nahm sie sich die Zeit, sich den Ort, an dem sie so rasant angekommen war, genauer zu betrachten. Eine Höhle war es, größer als alle, die sie auf ihrem Weg hierher hatten durchqueren müssen. Der Spalt an der Decke war zwar sehr schmal, reichte aber aus, genug Tageslicht einzulassen, um jeden Winkel vor ihren empfindlichen Sinnen zu enthüllen. Sollte dies wirklich der Ort sein, an dem der Silmaril auf sie wartete, so hatten sie noch eine gewaltige Aufgabe vor sich. Bis auf den Fleck, an dem sie nun alle versammelt waren, zogen sich große Geröllflächen die Höhlenwände hinauf. Unter jeder von ihnen konnte er verborgen sein. Sie würden Tonnen von Gestein zur Seite räumen müssen, um an ihn gelangen zu können. Vorausgesetzt, Iven konnte ihnen überhaupt sagen, wo sie genauer suchen sollten.

„Müsste er nicht leuchten?" erkundigte sich Andoris. Er war noch immer recht zerzaust, aber offenbar wieder frohen Mutes. „Ich dachte immer, sie strahlen so hell wie die Sonne und der Mond zusammen."

„Das ist wahr", nickte Erebion. „So hell und doch noch sehr viel schöner, denn in jedem von ihnen ist das Licht der zwei Bäume gebunden."

„Aber er ist hier", beharrte der Nimjind.

Er hob den Kopf in die Luft wie ein Tier, das eine Witterung aufnimmt. Es dauerte eine Weile, doch dann wandte er sich von ihnen ab und stapfte, immer noch schnüffelnd, auf die zur Rechten liegende Seite der Höhle zu. Sie folgten ihm langsam, während er zwischen dem Geröll herumsuchte. Mühsam, aber stur erklomm er die Halde mit seinen kurzen Beinen, wandte sich mal nach rechts, mal nach links, nur um wieder weiter nach oben zu krabbeln und dabei allen, die ihm folgten, das lose Gestein entgegenzutreten. Schließlich erreichte er den Punkt, an dem die Halde auf die Höhlenwand traf.

„Hier ist es!" rief er. Er erinnerte an ein eifriges Nonuk, so wie er mit beiden Händen die losen Steine beiseite schaufelte und ein nicht sehr großes Loch in der Höhlenwand freilegte. „Da hinein müssen wir."

Wir müssen überhaupt nichts." Ayla schob den Zwerg zu Seite und steckte den Kopf in das Loch. Da war gar nichts, absolute Schwärze. „Gib mir die Fackel, Erebion."

Das Fackellicht trug nichts dazu bei, ihr diesen steil nach unten fallenden Schacht vertrauenerweckender zu machen. Sie zog den Kopf wieder aus dem Loch heraus und stand kopfschüttelnd auf. Dies war kein Weg, den sie gehen konnten. Außerdem hatte sie ihre Zweifel, dass dort wirklich der Silmaril ruhen sollte. Es war einfach zu dunkel, unheimlich dunkel.

„Aber ich irre mich nicht", sagte Iven.

„Du kannst dort nicht runter", sagte Ayla. „Außerdem hilft es auch wenig, wenn der Silmaril dort wirklich sein sollte, weil du ihn nicht berühren kannst. Er würde dich verbrennen, Iven, das nimmt Elrond jedenfalls an."

„Dann werde ich eben gehen", sagte Erebion.

„Iven geht." Haldirs Ton ließ keinen Widerspruch zu. „Er wird den Weg erkunden und wenn er den Silmaril findet, kannst du ihm immer noch folgen. Wir werden ihn mit einem Seil sichern und bei Gefahr sofort wieder rausziehen."

Man konnte förmlich hören, wie sich Iven im Stillen dafür verfluchte, diesen Vorschlag überhaupt gemacht zu haben. Mit Grabesmiene ließ er sich von Andoris eines der dünnen Seile um die Körpermitte binden, nahm den aufmunternden Schlag auf die Schulter von Melja hin und kroch dann in das Loch hinein. Das Seil straffte sich, kaum war er in den senkrechten Teil der Röhre gelangt, aber Andoris machte nicht den Eindruck, als würde ihm das Gewicht des Zwerges sehr viel ausmachen.

„Ziemlich dunkel", erklang seine Stimme.

„Wir hätten ihm eine Fackel mitgeben sollen", meinte Elcaran.

„Bei seinem Geschick würde er sich selbst in Brand stecken", brummte Haldir.

„Hier sind Löcher." Iven klang überrascht.

„Was für Löcher?" wollte Andoris wissen, während er immer mehr Seil nachließ.

„Löcher eben", kam die Antwort. „Nicht sehr groß, aber eine ganze Menge und Wasser fließt heraus. Der Schacht ist damit durchsiebt."

Diese Entdeckung war nicht gerade geeignet, ihr Ivens Abenteuer schmackhafter zu machen. Ayla sah fragend zu Haldir, doch der schüttelte den Kopf. König Beldoins einziger Sohn, Thronfolger eines zweifelhaften Zwergenreiches würde also nicht wieder raufgezogen werden. Sie sparte sich weitere Einwände. Haldir hatte wieder den Gesichtsausdruck aufgesetzt, der Diskussionen bereits im Keim abtötete.

Eine Weile war das einzige Geräusch das leise Scharren des Seiles, das von Andoris gleichmäßig nachgelassen wurde.

„Oh, hier ist etwas." Iven klang leise. Er war recht tief mittlerweile. „Ein größeres Loch. Ich glaube, da passe ich durch. Dahinter wartet der Silmaril, ich kann ihn deutlich spüren. Einen Moment."

Das Seil in Andoris Händen verlor an Spannung.

„Iven, nicht!" schrie der Elb und tauchte fast bis zur Hüfte in dem Loch ein. „Bind es sofort wieder um. Iven!"

„Schon gut, Andoris", ertönte es von unten. Noch leiser als zuvor. „Hier ist eine kleine Kammer. Ich bin gleich zurück."

„Ich werde ihn zurückholen", sagte Andoris. „Gib mir dein Seil, Melja."

„Das wird er nicht tun", erklärte Elcaran entschieden, während der Levarin auch ohne diese Bemerkung bereits den Kopf schüttelte. „Noch gibt es kein Zeichen für eine Gefahr. Lerne endlich, dich in Geduld zu fassen."

„Und wenn er nicht mehr um Hilfe rufen kann?"

Wie zum Beweis des Gegenteils erklang aus dem Schacht sein Name. Auch am Seil wurde wieder gerüttelt.

„Ich bin hier", rief der junge Elb erleichtert. „Geht es dir gut?"

„Ja, sicher."

Ayla runzelte die Stirn. Für einen Zwerg, der gerade einen sagenhaften Edelstein gefunden hatte, klang er nicht sehr enthusiastisch.

„Ich denke, ich habe euren Silmaril." Auch diese Worte kamen etwas lahm bei den Wartenden an. „Jedenfalls müsste er es sein. Zieh mich hoch, Andoris, hier unten ist es irgendwie komisch."

„Er hat den Silmaril?" echote Ayla zweifelnd. „Irre ich mich oder ist es in dem Schacht noch genauso düster wie vorher? Und was verdammt noch mal meint er mit komisch?"

Sie musste sich gedulden, bis Ivens blonder Haarschopf vor ihnen auftauchte. Der Zwerg war offenkundig erleichtert, wieder aus dem Schacht klettern zu können, trotzdem malte sich so etwas wie Verzagtheit auf seinem kantigen Gesicht ab.

Während Andoris einfach nur froh war, seinen Freund wieder heil vor sich zu haben, sah sich der Nimjind der konzentrierten Erwartung aller anderen gegenüber.

„Ich denke, es ist der richtige", murmelte er und griff in seine Gürteltasche.

Das apfelgroße Gebilde, das er ihnen dann auf der flachen Hand entgegen streckte, hätte alles mögliche sein können, nur einem lichtbringenden Juwel entsprach es überhaupt nicht. Es war einfach nur ein dunkler Klumpen, unregelmäßig, ohne jeden Glanz und die Ähnlichkeit mit den Hinterlassenschaften von Hivias Schützlingen war schon recht erdrückend.

„Wie war das doch gleich, Ayla?" Haldirs Stimme klirrte fast vor Sarkasmus. „Die alten Gaben der Zwerge, ja?"

„Aber von diesem...Ding kommt das Flüstern", verteidigte sich Iven.

„Die Mistkugel spricht?" fragte Melja.

Elcaran verwandelte seinen offenkundigen Lachreiz gerade eben noch in einen trockenen Husten. Selbst Andoris lächelte, auch wenn bei ihm deutliches Mitleid zu bemerken war.

„Ich hoffe, wir sind nicht zu weit vom Weg abgekommen", grollte Haldir. „Bei unserem Glück ist der Silmaril auf der anderen Seite des Berges. Lasst uns gehen."

„Wartet." Erebion hatte bislang als einziger ohne jede Enttäuschung den Klumpen auf Ivens Hand betrachtet. Beinahe feierlich beugte er sich zu dem Zwerg herunter und streckte ihm seine Hand entgegen. „Gibst du ihn mir, Prinz Iven?"

Verwundert ließ der Zwerg den Stein in die größere, sehr viel feingliedrige Hand des Elben fallen. Erebions schlanke Finger schlossen sich um das Gebilde und er richtete sich wieder auf.

„Die kühnsten Taten werden von Zweiflern begleitet", lächelte er. Mit einer überraschenden Bewegung schlug er den Stein gegen die Felswand. Sie hörten ein splitterndes Geräusch und dann umhüllte sie alle gleißendes Licht. Silber und Gold schien aus Erebions Hand aufzusteigen, durchdrang alle Winkel der Höhle,  umspielte die Lebenden ebenso wie das tote Gestein und schien sie mit jedem Atemzug zu durchdringen.

Melja und Iven stöhnten auf, bevor sie sich abwandten. Für sie musste das Licht des Silmaril zu großartig sein, um es aus dieser Nähe schon ertragen zu können. Elcaran, Haldir und Andoris standen einfach nur still da, die Lider halb gesenkt und umgeben von dem Schimmer, der ihren ersten Vorfahren zu eigen gewesen sein musste. Die Anstrengungen der letzten Wochen waren verschwunden, sie ähnelten in ihrer Ruhe den Statuen, die die Arenai einst aus Winterstein geschnitten hatten.

Durch das Strahlen hindurch betrachtete Ayla den Silmaril auf Erebions Hand. Sie war weder geblendet noch entrückt. Das Licht berührte eine tief in ihr ruhende Erinnerung an eine Zeit vor ihrer Zeit, nicht in Worte oder Bilder zu bringen, einfach nur ein Gefühl an großen Frieden und Ruhe. Der Stein war ihr vertraut, sie kannte seinen ovalen Umriss, seine ohne jede Facette geschliffene Art, durch die er zusammen mit seinen Brüdern in den Stirnreif Feanors gefasst war. Die fließenden Bewegungen von silbernen und goldenen Strömen in seinem Innern verbanden sich mit Teilen uralter Melodien, Stimmen voller freundlicher Worte und der Gegenwart von Wesen unglaublicher Schönheit und Kraft.

Als Erebion seine Hand um den Silmaril schloss und ihn in seiner Gürteltasche barg, kam es Ayla für einen kurzen Moment so vor, dass sie zum zweiten Mal etwas sehr Teures und Liebgewonnenes verlor. Unwillkürlich drang ein Laut der Enttäuschung über ihre Lippen.

Erebions Augen, strahlender in ihrem Smaragdfeuer als je zuvor, ruhten mit einem wissenden Ausdruck auf ihrem Gesicht. „Manche Dinge vergisst man nie", sagte er sehr leise.

Melja lehnte zitternd an der Wand, kreideweiß und unfähig einen Ton rauszubringen, während Iven einfach auf dem Boden hockte und gar nicht zu merken schien, dass ihm Tränen die Wangen runterliefen.

Es wäre vernünftig gewesen, nun so schnell wie möglich den Rückweg anzutreten, doch statt dessen standen sie unter dem Eindruck dieses unvergleichlichen Lichts einfach nur da und jeder schien seinen eigenen Erinnerungen und Wünschen nachzuhängen. Erebion umgab als einzigen fast greifbare Trauer. Für ihn musste der Silmaril mit einem alten Gefühl des Verlustes und einer Niederlage eng verbunden sein. Sein König war dafür gestorben und er mit ihm, nicht fähig, seine Aufgabe zu erfüllen und ihn vor dem Tod  zu schützen. Ayla konnte ihn so gut verstehen, dass sie nach einem Weg suchte, ihm Trost zu geben, als die plötzliche Unruhe von Andoris und Elcaran sie wieder unsanft in die Realität zurückführte. Die beiden atmeten scharf ein und sahen beinahe gleichzeitig auf die Schachtöffnung.

„Etwas ist erwacht", keuchte Elcaran und griff sich an die Schläfen. „Das Licht hat sie geweckt."

Auch die beiden anderen Elben reagierten nun und wichen langsam zurück.

Tbc

@Shelley: Ich glaube, ich sehe mir Ice Age nochmal an. Langsam erinnert mich dieser Trupp wirklich an die Chaoten daraus. Aber ich zaubere auf gar keinen Fall irgendwo  ein Baby her, das seine Familie sucht *energisches Kopfschütteln*.

@Amèlie: Und er gräbt und gräbt, gelegentlich kommt er ein bisschen vom Weg ab. Man sollte Haldir auch nicht die Spitzhacke quasi in den Fuß hauen (bildlich gesprochen) und dann auch noch Nettigkeit erwarten. Nicht, dass Haldir unnett wäre, aber den Aufkleber ‚Elb mit Herz' hat er bislang noch nicht an der Rüstung kleben.

@MysticGirl: Du findest Haldir also nett, ja? So ganz langsam, findest es womöglich gar nicht mehr gut, dass er bei Helms Klamm aufgespießt wird, entdeckst ganz neue Züge an ihm...

Haldir *sieht sich gehetzt um*: Gebt mir ein Loch, eine Höhle, irgendein Versteck.

Ayla: Stell dich nicht so an! Du bist ein Held, noch nicht gemerkt? Zita gibt sich solche Mühe, aus dir einen echten Kerl zu machen und du heulst, weil eine Verrückte dich nett findet.

Haldir: Ach, und dich stört es nicht, dass sie dauernd die Kupplerin spielt?

Ayla *schaut auch unbehaglich*: Wie war das mit der Höhle? Hast du noch etwas Platz für eine Arenai auf der Flucht?

Haldir: Wir können nicht die gleiche Höhle nehmen. Wie sieht das denn aus – wir zwei, ganz allein, im Dunkeln...

Ayla *überlegt, wie sie sich am besten in ihr Schwert stürzen kann*: Ich fühle mich ein klitzekleines Bisschen unter Druck gesetzt.