Disclaimer: Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben und wird bald wieder zurückgegeben. Ohne Profit natürlich, was mein Ferengi-Gen sehr schmerzt.

16. Kapitel

„Iven, Melja, kommt da weg!" befahl Ayla scharf. Spüren konnte sie noch nichts, aber ganz entfernt war ein leises Rascheln zu hören, ein Kratzen wie von trockenen Ästen auf Stein. Eine dunkle Ahnung war in ihr, welcher vertraute achtbeinige Feind sich dort näherte. Eine Ahnung, die zur Gewissheit wurde, als ein unsichtbares Netz sich langsam in ihrem Geist aufbaute. Tief in ihrem Innern flackerte die verheerende Flamme der Hysterie auf und wurde von ihr gnadenlos erstickt. Es galt den Silmaril zu retten, nichts anderes zählte mehr.

„Raus hier! Rennt!" schrie sie und stieß gleichzeitig Erebion und Haldir vor sich her. „Melja, sorg dafür, dass Elcaran und Andoris sich bewegen."

Sie rannten die Halde herunter und es war ein Wunder, dass sich keiner dabei überschlug. Als sie auf dem Grund anlangten, wandte sich Ayla um. Der Anblick der schwarzen Masse, die aus der Schachtöffnung quoll und sich wie eine Lawine über die Halde bewegte, ließ eine Welle kalter Angst durch ihren Körper rollen, die sich mit dem widerlichen Gefühl verband, das von dem unsichtbaren Netz ausging, in dem sich ihr Geist langsam zu verfangen drohte. Melja zerrte die Elben neben sich her. Sie waren genauso benommen wie die beiden anderen, die Ayla mit Flüchen und Stößen die steile Halde herauftrieb, die sie noch vom Ausgang trennte.

„Ihr müsst den Zugang öffnen", schrie sie sie an, als sie den Gang erreicht hatten. Sie konnte fast körperlich spüren, wie sich beide mit aller Kraft gegen den Griff der Drakan-Spinnen wehrten und versuchten, ihren Verstand vor dem Dunkel zu retten. „Haldir, bring Erebion zu diesem Zugang. Ohne ihn kommen wir nicht mehr hier raus. Geh schon, du verdammter, nutzloser Waldelb!"

Sie drehte sich wieder um und lief nochmals Melja entgegen, der sich nicht nur mit den Elben sondern auch mit Iven abquälte, für den der Aufstieg kaum noch zu bewältigen war. Unsanft packte sie den Zwerg am Kragen und riss ihn mit sich. Mit der anderen Hand umfasste sie Andoris Arm. Melja und sie mussten den jungen Elb zwischen sich her zerren, da er unter dem Eindruck der unzähligen Spinnen schon fast besinnungslos war.

Ayla rief in Gedanken jeden einzelnen Valar um Hilfe an, flehte um Iluvatars Beistand und hoffte inständig, dass Haldir Erebion bis zum Eingang geschafft hatte und er auch noch in der Lage gewesen war, den Zauber aufzuheben. Wenigstens stolperten sie nicht unterwegs über einen von ihnen. Ayla schrie vor Erleichterung auf, als sie die Umrisse des Zugangs vor dem helleren Hintergrund des Drachensaales erkannte. Außer Atem und mit weichen Knien fielen sie regelrecht auf den schwarz-weißen Fliesenboden und hinter ihnen wurde der Zugang wieder versiegelt.

Es wäre nun eigentlich der passende Zeitpunkt für eine Erholungspause gewesen, doch mit jedem Atemzug wurde Ayla wieder unangenehm bewusst, wo sie sich immer noch befanden. Sie rappelte sich wieder auf und ließ ihren Blick kurz über schweigsamen, erschöpften Männer gleiten. Den Elben war die Anstrengung überdeutlich anzumerken, die sie diese geistige Attacke gekostet hatte. Aber es half nichts, sie mussten noch weiter.

Haldir und Erebion, sicher die beiden erfahrensten und stärksten der Elben, waren bereits wieder auf den Beinen und sorgten dafür, dass auch Elcaran und besonders Andoris sich sammelten und bereit machten, die nächste Hürde auf ihrem Weg zurück zu Oryn zu bewältigen. Ohne dass es eines Wortes bedurfte, durchquerten die vier als erste den Saal. Für sie war es am dringendsten, Drangurus Pesthauch zu entkommen. Ayla verfolgte, wie sie die andere Seite erreichten, dann das große Tor aufdrückten und verschwanden. Sie nickte Iven, der wirklich erschöpft war, aufmunternd zu und zusammen mit dem Levarin versuchten sie, möglichst geräuschlos diesen Ort zu verlassen.

Es ließ sich schwer erklären, woran sie es bemerkte, vielleicht war es das veränderte Atemgeräusch, vielleicht auch nur eine Ahnung, aber wenige Schritte vor Erreichen der Säulenkolonnade wusste Ayla, dass der Drache nicht länger schlief. Wie unter Zwang blieb sie stehen und wandte den Kopf. Seine Silhouette hatte sich nicht verändert, noch immer ruhte der von Perlmuttschimmer durchsetzte Schatten im Hintergrund der Halle. Diesmal jedoch war das ihr zugewandte Auge geöffnet. Gelblich leuchtete es aus dem Halbdunkel heraus, die schlitzförmige Pupille weitete sich langsam.

Ein halblauter Fluch erklang, dann packte sie jemand unsanft an der Schulter und riss sie mit sich. Ayla wurde durch das Tor geschoben, dann schlugen die beiden Torhälften zusammen und der Riegel ratschte laut in seine Halterungen.

„Alles in Ordnung?" Melja löste seinen Griff von ihrer Schulter und grinste sie an. „Der Bursche hat einen leichten Schlaf, was?"

Auf halber Strecke zurück zur Mine verließ sie ihr Glück. Vielleicht hatten sie einfach zu viel davon gehabt in den letzten Wochen, in denen sie jeder Gefahr immer wieder ohne Verluste entkommen waren. Ayla hätte sich natürlich gewünscht, dass sie ebenso unbehelligt den Weg zurück bis zu den Booten schafften, wie es ihnen auf dem Hinweg gelungen war, doch sie war auch nicht überrascht, als sie dann scheiterten. Schon bei dem vorangegangenen Abstieg durch eines der Treppenhäuser waren sie nur knapp einer Entdeckung durch Drakan-Wachen entgangen. Als sie dann mitten in einem Gang waren, der auf dem Hinweg wie ausgestorben dagelegen hatte, öffnete sich eine der Türen und heraus kam ein halbes Dutzend Drakan. Die schwarzen Krieger zögerten nicht lange. Die kurzen Schwerter erhoben stürzten sie sich auf die Eindringlinge. Warnrufe gelten durch die Gänge und das Geräusch zahlreicher, sich nähernder Stimmen wurde unüberhörbar.

Sie machten die sechs Wachen ohne große Verzögerung nieder und flüchteten auf die nächste Ebene hinunter. Der Kampf hatte andere aufmerksam gemacht und ihre lärmenden Verfolger taten ein übriges. Wie von Jägern gehetzte Tiere flohen sie durch die verwinkelten Gänge und wurden immer weiter von ihrem eigentlichen Ziel abgedrängt. Immer wieder rannten sie in Drakan-Wachen hinein. Auch andere Bergherren-Krieger begegneten ihnen nun, eindeutig Menschen, denen der Spinnenbiss erspart geblieben war. Diese waren noch gefährlicher als die Drakan selbst, denn offenkundig taten sie ihren Dienst freiwillig. Verbissen hetzten sie die Eindringlinge vor sich her, immer weiter in verlassene, kaum ausgebaute Regionen des Amon Naith.

Sie würden nur dann eine Chance haben, wenn es ihnen gelang, einen Vorsprung zu bekommen, um in diesem verwinkelten Bau unterzutauchen. Als sie in einen der schmaleren Gänge einbogen fing Ayla einen Blick Meljas auf. Sie erkannte ihre eigenen Überlegungen in seinem verbissenen Gesichtsausdruck wieder. Beide blieben sie stehen.

„Ayla!" schrie Haldir von vorne. „Beeil dich."

„Wir halten sie auf!" rief sie zurück. „Bring die anderen hier raus, wir finden euch schon."

Es blieb keine Zeit, sich davon zu überzeugen, dass er genau wie sie in dieser Entscheidung ihre einzige Überlebenschance erkannte. Ihr Schwert fest umfasst, stellte sie sich mit Melja ihren Verfolgern. Der erste Zeitgewinn war die Überraschung, die die Verfolger abrupt stehen bleiben ließ, als sie um die Ecke bogen und sich den beiden großen, kampfbereiten Gestalten gegenüber sahen.

Melja hielt sich nicht mit den Feinheiten des Schwertkampfes auf. Seine Axt in beiden Händen stürzte er sich mit einem tiefen Knurren auf die Drakan und mähte die ersten sofort nieder. Ayla ließ die Runenklinge auf diejenigen niedergehen, die der Axt gerade noch entkommen waren. Sie hatten in diesem engen Gang den Vorteil des Verteidigers auf ihrer Seite. Nicht in breiter Front sondern immer nur mit wenigen konnten ihre Gegner ihnen gegenüber treten.

Einen winzigen Moment glaubte die Arenai sogar daran, dass sie es wirklich schaffen könnten, doch noch von hier zu entkommen. Nur wenige Atemzüge lang gab ihr diese Hoffnung zusätzliche Kraft, bevor der Mann, in dessen Herz sie ihre Klinge gerade gebohrt hatte, sterbend gegen sie prallte und sie zu Boden riss. Sie stieß ihn sofort wieder weg, richtete sich halb wieder auf und erstarrte, als mehrere Schwertspitzen genau auf ihre Kehle deuteten. Neben ihr ließ Melja langsam die Axt sinken.

***

Haldir und Erebion hatten sich gleichzeitig umgedreht, als ihnen auffiel, dass die Arenai und der Levarin nicht länger hinter ihnen waren. Sie hörten Aylas Worte und erkannten auch den Plan dahinter. Die einzige Möglichkeit, ihren Verfolgern hier in diesem Gewirr von Gängen und Treppen zu entgehen. Erebion beobachtete, wie der Waldelb einen kurzen Moment zögerte, bevor er sich ruckartig wieder umdrehte und hinter den anderen herstürmte, die bereits einige Meter voraus waren.

Die Entscheidung für das Ganze, dachte Erebion und folgte ihm, die Hand auf die Gürteltasche gelegt, in der der Silmaril plötzlich schwer wie ein Felsbrocken zu werden schien.

„Wo ist Ayla?" wollte Andoris wissen, als sie wieder zu ihnen aufschlossen.

„Sie und Melja halten die Drakan auf!" sagte Haldir. Seine Stimme schien von einem Eishauch begleitet. „Beweg dich, Andoris. Lange wird es ihnen nicht gelingen."

Der junge Elb hatte inzwischen genug erlebt, dass er in diesem Moment nichts in Frage stellte. Sie hasteten durch die kaum ausgebauten Gänge, bis Elcaran wie angewurzelt stehen blieb und zur Decke hochsah. Im Halbdunkel war ein natürlicher Kamin zu erkennen, eher eine Spalte im Fels, die schräg nach oben führte.

„Es müsste gehen", sagte Haldir. „Beeilt euch."

Noch waren ihre Verfolger nicht wieder zu hören. Die Schildmeisterin und der Levarin schienen erfolgreich zu sein, auch wenn die gleichzeitige Abwesenheit von Kampfgeräuschen Erebion zu denken gab. Elcaran zog sich als erster in die Spalte, gefolgt von Andoris, der bereits Iven mit einem Seil gesichert hatte. Erebion hob den Zwerg so weit herauf wie es möglich war, dann folgte er ihm. Schließlich kam auch Haldir, der noch einen Moment im Gang gewartet hatte.

„Sie kommen", flüsterte er. „In wenigen Minuten sind sie da."

Der Rest blieb unausgesprochen, auch wenn jedem klar war, dass Ayla und Melja geschlagen sein mussten. Sie krochen noch einige Meter durch die Felsspalte, die zum Glück an Steilheit verlor und kauerten sich dann völlig ruhig zusammen. Das Geräusch eines guten Dutzends schwerer, schneller Schritte näherte sich und zog dann an ihnen vorbei. Während sie sich weiter still verhielten, folgten weitere Schritte, langsamer nun und nicht im Gleichklang.

„Wir müssen sie finden", knurrte eine wütende Männerstimme.

„Die zwei werden den Meistern schon verraten, wo die anderen sind", antwortete ihm ein anderer. „Er hat seine eigenen Wege, alles zu erfahren."

„Trotzdem wäre es besser, wir hätten den Rest auch noch", meinte der erste wieder. „Wir müssen ohnehin erklären, wie diese Kerle hier reingekommen sind."

„Conrin ist für die Sicherung der Festung zuständig." Der Sprecher kicherte boshaft. „Meister Alben wird seinen Kopf Dranguru auf einem Tablett servieren."

„Hoffentlich. Auf den Moment warte ich schon seit Jahren."

Die beiden Männer entfernten sich und es kehrte in ihrer unmittelbaren Umgebung Ruhe ein. Aus der Entfernung waren noch immer genug Stimmen und Schritte zu hören, die anzeigten, dass man die Suche nach ihnen noch nicht aufgegeben hatte. Sie würden noch abwarten müssen, bis sie sich aus ihrem Versteck trauen konnten.

‚Was nun, mein Freund?' Erebion hätte nicht mit Haldir tauschen wollen. Der Waldelb hockte regungslos eine Armlänge entfernt, die Augen auf das winzige Stück Gang gerichtet, das von ihrer Position aus zu erkennen war. Ganz der aufmerksame, geduldige Wächter, der er so lange Zeit in Mittelerde wohl gewesen war.

Erebion schätzte ihn sehr und ganz besonders jetzt fühlte er sich ihm tief verbunden. Eine erstaunliche Entwicklung nach der anfänglichen Distanz, die ihn gegenüber Haldir unweigerlich erfüllt hatte. Es hatte viele Gründe dafür gegeben: genau wie Elrond brachte er ihn mit dem Schmerz in Verbindung, den er bei seinem Erwachen wieder kennen gelernt hatte.

Dann kam hinzu, dass er der neue Herr der Ithuris war und ein sehr guter, von seinem Volk offenkundig respektiert und geliebt. Erebion fühlte sich überflüssig, wünschte sich mehr als einmal, doch gestorben zu sein oder wenigstens wieder in dem traumlosen Schlaf versunken, in dem er die Jahrtausende überstanden hatte. Das Schlimmste jedoch war die Verbindung, die unwissentlich von ihm zu den Arenai geknüpft war. Ausgerechnet das Band, das ihm und Sirgal verwehrt worden war.

Erebion gab sich einen Moment der Erinnerung an die Frau hin, die er schon lange vor dem Augenblick geliebt hatte, als er es endlich gewagt hatte, sich dieser leidenschaftlichen Jägerin in der Stille Ithuris erstmals zu zeigen. Verwundert stellte er fest, dass der Schmerz nicht mehr so rasend war wie noch bei seinem Erwachen. Er erinnerte sich immer noch genau an ihr wunderschönes Gesicht, die leuchtend goldenen Augen und ihre eleganten Bewegungen, aber der Schmerz selber, der Verlust schien zu verwehen. Sie war wirklich zu einer Erinnerung geworden, eine Liebe, die er über Jahre nur für sich geträumt hatte und die ihm eine winzige Zeitspanne zum Greifen nah gewesen war. Nichts würde sie je ersetzen können und dennoch schritt sein Leben nun voran und es hatte ihn hierher an diesen verfluchten Ort geführt.

Wo wäre er, wenn Sirgal sich nicht das Leben genommen hätte, sich das unsichtbare und von Haldir und Ayla so ungeliebte Band zwischen ihm und Sirgal unzerstörbar geknüpft hätte? Agir als Schildmeister in Arengard, Enuidil der Herr von Gildanna und Escalonde vor dreitausend Jahren mit einem unvollkommen genesenen Taurhoss, ohne Oryn, Dorian und Melja....Erebion ertappte sich dabei, dass er nervös an seiner Unterlippe nagte. Sie hätten wohl nicht den Hauch einer Siegeschance gehabt, nicht den kleinsten. Selbst jetzt, mit einem starken Fürsten wie Elrond und einer Schildmeisterin wie Ayla, dem Silmaril in seiner Tasche und Verbündeten auf Escalonde würde es noch hart werden.

Über ihm flüsterten Iven und Andoris leise miteinander. Auch sie hatten mitbekommen, dass Ayla und Melja noch lebten und grübelten, wie man sie befreien konnte. Eine Entscheidung, die sie nicht zu treffen hatten. Sie lag einzig bei dem Elb, der keinen Meter von Erebion entfernt immer noch in absoluter Reglosigkeit verharrte. Ihm war nicht anzumerken, was ihn gerade beschäftigte. Selbst für einen Elb besaß Haldir eine bemerkenswerte Gabe, bei Bedarf seine gesamten Regungen hinter einer Maske überheblicher Ruhe zu verbergen.

Wie würde er entscheiden? Naheliegend und dem eigentlichen Ziel am vorteilhaftesten war nur eine einzige Möglichkeit und die bestand darin, Ayla und Melja aufzugeben und den Silmaril auf dem schnellsten Weg nach Arenor zu bringen. Die Schildmeisterin würde so reagieren. Nein, Erebion korrigierte sich, das würde sie eben nicht. Den Silmaril und mit ihm alle Elben nach Arenor bringen wäre ihr Ziel, was sie aber nicht davon abhalten würde, auf eigene Faust nach den gefangenen Gefährten zu suchen.

Er erinnerte sich an einen Abend wenige Tage vor ihrem Aufbruch in den Ställen des Großen Hauses. Er hatte Hivia gefragte, warum Ayla überhaupt wieder nach Escalonde gegangen war, um Boyar zu suchen. Schließlich war zu offenkundig gewesen, dass sie ihn nicht mehr würde retten können. Die zierliche Pferdeherrin, die ihn manchmal an Sirgal erinnerte und deren Gegenwart ihn schneller hatte genesen lassen als alle Bemühungen Elronds und Temlars zusammen, hatte ihn angesehen wie einen schwachsinnigen Landstreicher.

‚Wir lassen niemanden zurück', war dann die Antwort gewesen. ‚Niemals. Es wäre der Anfang vom Ende.'

„Es dürfte nun sicher sein." Haldir ließ sich geräuschlos wieder in den Gang hinab. Erebion folgte ihm und während er bei ihm wartete, dass auch die anderen aus dem Loch in der Decke geklettert kamen, musterte er ihn im spärlichen Licht der weit entfernten Wandfackel eingehend.

Als sich alle versammelt hatten und schweigend darauf warteten, was nun unternommen werden sollte, gab es einen kurzen Moment, in dem der Waldelb sich nicht wie sonst eisern unter Kontrolle hatte. Es reichte Erebion, um die Entscheidung zu erkennen.

„Vergiss es!" kam er Haldir zuvor, als dieser seine Anweisungen geben wollte. „Ich werde dich nicht hier alleine durch die Festung streifen lassen. Du brauchst jede Hilfe, die du kriegen kannst."

„Der Silmaril muss in Sicherheit gebracht werden", sagte Haldir ärgerlich.

Elcaran baute sich neben Erebion auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Ein mildes Lächeln umspielte seine Lippen. „Dann sollten wir recht vorsichtig sein, wenn wir den Bergherren auf den Pelz rücken, nicht wahr?"

Haldirs Blick blieb an Andoris hängen, doch der schüttelte ausgesprochen störrisch den Kopf. „Ich bringe ihn bestimmt nicht nach Arenor."

„Und mich wirst du brauchen", bekräftigte auch Iven. Er stellte sich neben seinem sehr viel größeren Freund auf und vermittelte die Unverrückbarkeit eines Felsen.

„Werde ich das?" Haldir neigte leicht den Kopf zur Seite. Die Andeutung eines Lächelns umspielte seine Lippen. „Und wofür, mein Prinz?"

„Weil ich zumindest Ayla aufspüren kann." Etwas vorschnell waren diese Worte wohl doch, denn er kratzte sich sofort verlegen am Schädel. „Nicht sofort aus dieser Entfernung, aber auf hundert Meter sicherlich."

„Oh, interessant. Du wirst uns sicherlich auch verraten, wie das gehen soll."

„Es ist ihr Schwert", sagte Iven. „Nicht wirklich ihr ganzes Schwert, sondern der große Amethyst in der Mitte des Griffs. Den kann ich spüren, schon seit einigen Tagen. Den Silmaril habe ich schließlich auch gefunden."

„Du spürst Aylas Amethyst?" wiederholte Andoris ungläubig.

„Er ist sehr alt, sehr alt. Außerdem spielt sie dauernd damit rum. Er ist wie ein Teil von ihr."

Andoris nickte seinem Freund verstehend zu.

„Mir ist völlig egal, wieso du ihn aufspüren kannst", sagte Haldir. „Wollen wir hoffen, dass man das Schwert in ihrer und Meljas Nähe aufbewahrt, denn tragen wird sie es sicherlich nicht mehr."

Keiner von ihnen wollte näher darüber nachdenken, was in den vergangenen Stunden mit den Gefangenen geschehen war. Erebion unterdrückte jede aufkommende Vorstellung von Folterqualen damit, dass die beiden so hart im Nehmen waren wie der Fels, durch den ihr Weg sie immer weiter aus der Mitte des Berges hinaus in den Bereich der eigentlichen Festung führte, so wie sie an der Seite des Amon Naith nach Meljas Beschreibungen das Land zu ihren Füßen beherrschte.

Der Wechsel vollzog sich schleichend. Sie merkten es eher daran, dass alles sorgfältiger gearbeitet war. Zuerst nur spärlich, dann immer häufiger und aufwendiger zierten Dekorationen die Wände. Schmuckwaffen zumeist oder kleine Möbelstücke aus dunklem Holz, die aber mit sehr viel Kunstfertigkeit geschreinert waren. Hinzu kam, dass die Gänge immer öfter in kleinere Hallen mit Kaminen, Säulen und vielen Lichtschalen mündeten.

Es war ihr Glück, dass auf Escalonde der Tag zur Nacht gewechselt hatte. Ein Rhythmus zur Ruhe hin, der dazu führte, dass ihnen nur wenige Bewohner der Festung begegneten. Diener zumeist, die mit gesenkten Augen und müde ihrer Arbeit nachgingen und die Eindringlinge im Schatten nicht bemerkten. Auch die Soldaten, die noch patrouillierten und unter denen kaum Drakan zu finden waren, hatten in ihrer Aufmerksamkeit nachgelassen.

Trotzdem war es eigentlich ein fast hoffnungsloses Unterfangen, in diesem riesigen Komplex zwei einzelne Personen aufzuspüren. Sie waren auf gut Glück in eine bestimmte Richtung losmarschiert und Erebion drängte sich immer mehr der Verdacht auf, dass es die falsche gewesen sein musste. Iven konnte ihnen auch nicht weiter helfen. Mutlos schüttelte er den Kopf.

Schließlich kam ihn nur der reine Zufall zu Hilfe. Sie waren hastig in den Schatten eines mit einem großen Schrank dekorierten Alkovens geflüchtet, als sich ihnen die langsamen Schritte zweier Männer näherten.

„An denen beißt sich Conrin die Zähne aus." Die Stimme war Erebion bereits vertraut. Es war der gleiche Mann, der sich vor einigen Stunden direkt nach der Gefangennahme mit einem anderen unterhalten hatte.

„Wenn er bis dahin noch welche hat", kicherte eine ebenfalls bekannte Stimme. „Ich dachte eben, ihm quellen die Augen aus den Höhlen. Das schwarzhaarige Miststück hat wirklich gut gezielt."

„Wenn Meister Alben mit ihr fertig ist, dürfte sie etwas entgegenkommender sein."

„Träum weiter, Hecar. Du glaubst doch nicht, dass er sie einem von uns überlässt. Sie ist besser als alles, was die Sklavenhändler je hier angeschleppt haben. Du kannst Gift darauf nehmen, dass hier bald eine Menge kleiner Bergherren-Bastarde rumlaufen, die schwarze Haare haben und graue Augen."

„Dabei würde ich ihm gerne helfen und eine Verbesserung wäre es allemal. Die meisten von diesen Burschen sind ziemlich hässlich."

Erebion brauchte nicht lange zu rätseln, über wen die beiden herzogen. Er sah fragend zu Haldir und der Waldelb nickte ihm bestätigend zu. Als die Soldaten auf einer Höhe mit dem Alkoven waren, griff sich Erebion einen der beiden, Haldir den anderen und zerrten sie in den Schatten den Alkovens. Die Männer zappelten unter dem vielleicht etwas sehr festen Griff der Elben. Kein Ton kam über ihre Lippen, was allerdings auch daran lag, dass ihnen die scharfen Dolchklingen an ihren Kehlen das Atmen stark erschwerten.

„Du hast nur eine einzige Antwort", zischelte Haldir seinen Gefangenen an. „Also, wo sind der Levarin und die Frau?"

Der Mann schluckte. „Ich weiß nicht, wovon du-„

Iven gab ein entsetztes Fiepen von sich, als Haldir seinen Gefangenen mit durchschnittener Kehle zu Boden gleiten ließ.

„Noch ein Held?" erkundigte sich Erebion mit einem bösartigen Lächeln bei seinem eigenen Gefangenen, der wie Espenlaub zitterte und jetzt heftig den Kopf schüttelte.

„Wie schön, Hecar. So heißt du doch wohl? Weißt du, wo die beiden sind?"

Diesmal erntete er ein williges Nicken.

„Das wird immer besser. Und du führst uns hin?"

Noch ein Nicken.

„Da haben wir ja einen richtig klugen Burschen erwischt, der gerne noch etwas leben will. Das willst du doch, oder?"

Hecar stammelte vor sich hin und Erebion nahm etwas den Druck von der Klinge, damit der Mann nicht noch durch sein eigenes Ungeschick vorzeitig zu Tode kam.

„Also, Hecar. Wenn du uns jetzt zu den Gefangenen führst, wirst du dich genau daran erinnern, wie schnell dein Freund gestorben ist. Das gleiche passiert dir nämlich, sollte ich auch nur den leisesten Verdacht haben, dass du uns reinlegen willst. Rechtfertigst du allerdings mein schwaches Vertrauen in dich, bleibst du am Leben."

Erebion glaubte jedoch nicht, dass Hecar ihnen weitere Schwierigkeiten machen würde. Nach dem gnadenlosen Tod, der sich gerade vor seinen Augen abgespielt hatte, stand ihm wohl nur noch der Sinn danach, heil aus den Fängen dieser Fremden zu entkommen. Mit schlotternden Knien führte er sie durch fast ausgestorbene, aber zunehmend prächtigere Teile der Festung, bis sie in eine große, elegante Kaminhalle gelangten.

„Conrin hat sie zu Meister Alben gebracht", stotterte Hecar und zeigte auf eine breite geschlossene Doppeltür an der linken Stirnseite. „Außer ihm sind noch sechs der Festungswache bei ihm."

„Sie ist hinter dieser Tür", bestätigte Iven. „Zumindest ihr Schwert."

Erebion hätte Hecar zu gerne das gleiche widerfahren lassen, wie es zuvor dem anderen Mann passiert war, doch eine Abmachung ließ sich nicht so einfach brechen, auch wenn sie mit solchem Abschaum getroffen wurde. Stattdessen beschränkte er sich auf einen Schlag auf die Schläfe, der Hecar für die nächsten Stunden außer Gefecht setzte.

Der Mann hatte noch nicht den Fliesenboden berührt, als ein langgezogener Schrei hinter der Tür erklang. Ungezügelt und von purem Entsetzen getragen durchzog er die Luft und senkte sich über die Männer mit dem gleichen kalten Grauen, das zu seinem Entstehen geführt haben musste. Gilgrim flog regelrecht in Erebions Hand, während er bereits hinter Haldir herlief, der die Tür schon fast erreicht hatte. Für einen Schlachtplan hatten sie keine Zeit mehr. Nicht, wenn die Schildmeisterin der Arenai ihr Entsetzen bereits herausschrie.

***

„Wen haben wir denn da?"

Melja krümmte sich unter dem Schlag in seinen Magen zusammen. Der sehr viel kleinere Escalonder, der sich vor ihm aufgebaut hatte, quittierte dies mit einem boshaften Lächeln. Es schien ihm eine Menge Spaß zu machen, den Levarin, den man mit auf dem Rücken gefesselten Händen an einen Eisenring an die Wand gebunden hatte, so hilflos vor sich zu haben.

„Melja Levaren, die Pest vom Felsenfall." Wieder schlug er zu.

Melja gab einen erstickten Schmerzenslaut von sich, richtete sich aber schnell wieder auf und bedachte den viel älteren Mann nun seinerseits mit einem spöttischen Blick. „Immer noch so feige wie früher, Conrin?"

Das grobe Gesicht seines Folterknechts lief vor Wut rot an. Conrin war kein sehr schlauer Mann, aber mit Sicherheit äußerst unbeherrscht. Nach den grauen Haaren und den tiefen Falten auf seiner Stirn und um seine Mundwinkel zu schließen, schätzte Ayla ihn weitaus älter ein als Melja. Wenn sie sich kannten, dann nur aus der Zeit, als Melja als kleiner Junge noch in Angram geweilt hatte. Offenbar war es schon damals kein freundschaftliches Verhältnis gewesen.

„Dreißig Jahre haben wohl nicht gereicht, dich gefügiger zu machen", brüllte Conrin erbost. „Hast du wirklich gedacht, du könntest hier ungestraft auftauchen?"

„Es reicht doch schon, dass ich überhaupt reingekommen bin", sagte Melja. „Deine Wachen sind nicht sehr gut, Conrin. Die Bergherren sind bestimmt nicht erfreut, dass Fremde bis in die Festung vordringen konnten."

Unter dem nächsten Schlag ging Melja in die Knie. Conrin wandte sich ab und nahm sich von einem der Tische einen Becher Wein. Ayla war sich sicher, dass er mehr als genug Alkohol jeden Tag in sich hinein schüttete. Die geplatzten Adern auf seinen Wangen und die Tendenz, dass sein ursprünglich sicher sehr muskulöser Körper schwammig wurde, sprachen Bände.

„Wieso bist du hier?" Conrin beobachtete den Levarin über den Rand seines  Bechers. „Hoffentlich hast du nicht nach deiner Mutter gesucht. Sie war wirklich nicht mehr dieselbe, nachdem wir dich weggeschafft hatten. Du weißt schon, ziemlich wirr im Kopf." Er machte mit seiner freien Hand eine Bewegung zu seiner Schläfe. „Irrte herum und schrie dauernd nach dir. Es ging jedem auf die Nerven."

„Was habt ihr mit ihr gemacht?" fragte Melja und zerrte an seinen Fesseln.

„Am Ende taugte sie nur noch als Drachenfutter." Conrin zuckte die Achseln. „Der Meister hat sie zu Dranguru schaffen lassen. Du weißt, wie der Feuerspucker ist. Er hat kurzen Prozess mit ihr gemacht. Sie hat kaum geschrieen."

Einen Moment schien es, als würde der Levarin die Fesseln einfach aus der Wand reißen wollen. Conrin schien sich regelrecht darüber zu amüsieren. Kein Wunder, dass er nicht von den Drakan-Spinnen gebissen worden war, bei ihm war es nicht nötig. Er war Abschaum, was leider nichts daran änderte, dass er zur Zeit am längeren Hebel saß.

Ayla bewegte vorsichtig ihre Hände. Man hatte sie vor ihrem Körper gefesselt und sie selber auch nirgendwo angekettet. Allein diese Tatsache bestärkte sie darin, dass Conrin ein Schwachkopf war. Natürlich konnte sie trotzdem nicht fliehen, denn außer Conrin befanden sich noch sechs seiner menschlichen Wachen mit im Raum. Bewegungslos wie Statuen standen sie an den Wänden. Zwei weitere Männer standen neben der Tür, sie hatten zu denen gehört, die sie gefangen genommen hatten.

Der große Raum, dessen hohe Decke sich in der Dunkelheit verlor, war überraschend elegant und glich eher einem feudalen Wohnraum als einer Folterkammer. Der Boden war ebenso gefliest wie der Drachensaal, die Wände bedeckten große Stickteppiche in so leuchtenden Farben, dass ihr Anblick beinahe hypnotische Wirkung hatte.

Nur die wenigen Möbel störten Ayla. Selbst für das Große Haus wären sie zu dunkel und wuchtig gewesen. Vielleicht war sie auch einfach nur durch den Einfluss der Elben, der auch im Großen Haus kaum noch zu ignorieren war, zu verwöhnt.

Ihr Blick glitt von Melja weg zu einem der halbrunden Wandtische, auf denen ihre Waffen, ihr Mantel und ihre Weste lagen. Was immer sie an sichtbarem Schutz am Leib getragen hatte, Conrins schweigsame Wachen hatten es entfernt, bevor man sie in die Mitte des Raumes gestoßen und ihr bedeutet hatte, sich dort nicht mehr wegzurühren. Ayla dachte an die geschwärzten Wurfscheiben, die wie Metallverzierungen auf den Außenseiten ihrer Stiefel befestigt waren. Jedem Arenai waren sie die letzte Hoffnung auf Verteidigung. Schwer zu handhaben und meist nur einmal einzusetzen. Die Wachen hatten sie nicht bemerkt. Wenn man sie nur einen Moment alleine ließ, könnte sie sich und Melja damit von den Fesseln befreien und fliehen.

Conrin machte allerdings keinerlei Anstalten, von seinen Gefangenen abzulassen. Eigentlich war das auch gut so. Je länger er sich nur mit ihnen befasste, desto mehr Zeit bekämen die anderen, sich ihren Weg aus der Festung zu suchen und den Silmaril in Sicherheit zu bringen. Ayla hoffte jedenfalls inständig, dass sie genau das machen würden. Es reichte schon, dass man Melja und sie hier gefangen hielt. Jetzt auch noch einen der Elben oder den sensiblen Iven hier zu wissen, war eine grauenhafte Vorstellung.

„Wer ist deine Freundin da drüben?" Conrin war bereit für die nächste Runde. „Du hast sie wohl kaum als Geschenk für die Bergherren mitgebracht."

Meljas Antwort bestand daraus, dem anderen vor die Füße zu spucken.

„Sie ist hübsch."

Ayla runzelte die Stirn. Als ‚hübsch' hatte noch niemand gewagt, sie zu bezeichnen. Solche Attribute wurden gewöhnlich nicht benutzt, um die Schildmeisterin der Arenai zu beschreiben.

„Die Bergherren werden ihre Freude an ihr haben."

Diesmal begann der Levarin regelrecht zu toben und Ayla verbiss sich ein Grinsen, als sie seinen Blick auffing. Melja spielte auf Zeit und er wusste genau, wie er Conrin anzufassen hatte, damit dieser die naheliegende Frage nach den anderen aus ihrer Gruppe immer wieder vergaß.

Offenbar entzückt von Meljas Reaktion schlenderte Conrin nun zu ihr herüber. Die Art, wie er seinen Blick über ihren Körper schweifen ließ, hätte alleine schon gereicht, dass für Ayla sein Tod beschlossene Sache war.

„Du bist eine von denen", fuhr Conrin sie an. „Eine von diesen Lichtbringern, von denen jetzt dauernd die Rede ist."

Offensichtliches zu leugnen war Zeitverschwendung und Ayla nickte nur.

„Die Bergherren werden euch zerquetschen", verkündete Conrin und rückte langsam in Reichweite. Er stank nach Wein und Schweiß. „Escalonde braucht kein Licht."

Vielleicht kein Licht, aber zumindest Wasser und Seife. Ayla verzog das Gesicht. „Wir werden sehen."

„Mit den Levarin habt ihr euch die falschen Verbündeten ausgesucht", sagte Conrin.

„Lass sie zufrieden", schrie Melja zu ihnen herüber. „Es passt zu dir, Conrin, dass du dich an Frauen vergreifst."

„Und zu dir passt es, dich hinter einem Weib zu verstecken", brüllte der andere zurück. „Schöne Freunde hast du dir ausgesucht. Dich und das Weib lassen sie zurück und machen sich selber davon wie die Hasen. Weißt du-," Cronin streckte seine Hand aus und griff nach einer ihrer Haarsträhnen. „dieser stolze Blick wird dir schon noch vergehen, wenn du vor Meister Alben auf dem Rücken liegst."

Ayla lockerte ihre Muskeln. Unter dem rechten Schulterblatt schmerzte es, wo der Schwertgriff eines Drakan sie getroffen hatte, um ihre Schritte zu beschleunigen. Doch es behinderte sie jedenfalls nicht. „Neidisch, weil du davon noch nicht einmal träumen kannst?"

Conrin musste sich das Hirn bereits in schlechtem Fusel ertränkt haben, dass er auf eine so billige Herausforderung einging. Er packte sie wütend an den Schultern und zog sie an sich heran. Aylas gefesselte Hände fuhren hoch an seine Kehle, im gleichen Atemzug zog sie mit aller Kraft ihr rechtes Knie an und rammte es ihm wuchtig in den Unterleib. Der Widerling knickte nach vorne wie ein zerbrochener Ast und landete mit dem Gesicht auf dem erneut nach oben schnellenden Knie der Arenai. Deutlich war das Knirschen seiner brechenden Nase zu hören. Sie hätte ihm noch viel mehr Knochen gebrochen, wenn sie nicht von zwei herbeispringenden Wachen zurückgerissen worden wäre.

„Du Schlampe!" schrie Conrin.

Er schien sich nicht entscheiden zu können, welches seiner schmerzenden Körperteile er nun mit den Händen bedecken sollte. Sein Geheul war Musik in Aylas Ohren. Immer wieder jaulte er auf wie ein geprügeltes Tier, dazwischen bedachte er sie mit Worten, die nun weit entfernt von ‚hübsch' waren.

Einer der Männer, der an der Tür gewacht hatte, lachte laut auf. Conrin fuhr zu ihm herum.

„Verschwindet, ihr Idioten. Sucht lieber die anderen oder Alben wirft euch Dranguru zum Frühstück vor."

Melja zog eine Grimasse in Aylas Richtung und schüttelte leicht den Kopf. Das würde der Mann nicht auf sich sitzen lassen, nicht eine Demütigung vor seinen eigenen Leuten. Die Rache kam so schnell, dass auch Ayla ihr nicht völlig ausweichen konnte. Conrin holte aus und verpasste ihr einen wuchtigen Schlag ins Gesicht. Normalerweise hätte er gereicht, um ihren Kiefer zu brechen, doch sie war immerhin noch schnell genug, dass er sie nur an der Seite des Kopfes streifte. Trotzdem riss es sie nach hinten, die Wachen ließen sie los und sie prallte gegen den schweren Mitteltisch, bevor sie zu Boden rutschte.

Mit einem unschönen Klingeln im rechten Ohr und noch mehr Schmerzen an der rechten Schulter krümmte sie sich zusammen. Trotzdem lächelte sie, als sie sich an der Tischplatte wieder aufrichtete und feststellte, dass Conrins Nase inzwischen Form und Umfang einer blauroten Kartoffel angenommen hatte. Zwischen ihren Handflächen ruhte beruhigend kühl einer der Wurfscheiben.

„Sie ist eine Nummer zu groß für dich", spottete Melja in dem Versuch, Conrins Ärger wieder auf sich zu ziehen. „Halte dich lieber an deine Naubar-Huren. Eine richtige Lady wirst du nie bekommen."

„Ach nein?" Conrin war inzwischen fuchsteufelswild. Mit ausgestreckten Armen stapfte er auf Ayla zu.

„Da stimme ich ihm allerdings zu, Hauptmann." Die Stimme war leise, von eisiger Kälte und ähnelte eher dem Zischen einer Schlange als menschlichen Lauten. Conrin blieb abrupt stehen, erbleichte und drehte sich dann beinahe ängstlich zur Tür um, von der die Stimme gekommen war.

Ayla hatte Mühe, den Neuankömmling genau auszumachen. Es war eher ein hochgewachsener Schatten, der nun langsam den Raum durchquerte. Ein unangenehmes Prickeln lief über ihren Rücken, während sie ihn nicht aus den Augen ließ. Sie konnte nur die Umrisse eines schlanken Mannes unter einem langen Umhang erkennen, eine große Kapuze war tief in sein Gesicht gezogen. Das leise Knistern bei jeder seiner Bewegungen kam vom Material des Umhangs, ein starres, leicht durchscheinendes Gewebe wie aus dunklen Glasfäden gesponnen, das ihn so unwirklich und verschwommen mit seiner Umgebung erscheinen ließ.

Auf Höhe des Levarin hielt er kurz an. Melja war an die Wand zurückgewichen, eine Mischung aus Hass und Furcht auf dem Gesicht.

„So kehrt der Sohn zum Vater zurück", erklang es amüsiert unter der Kapuze hervor. „Wie schade, dass ich deine Möglichkeiten damals so unterschätzt habe."

„Mein Glück", knurrte Melja tief aus der Kehle heraus.

„Nennst du es Glück, an einem Tag wie heute zu sterben?"

„Wenigstens sterbe ich aufrecht und als Mensch." Der Hass gewann langsam wieder die Überhand. „Du wirst irgendwann kriechend vor unsere Schöpfer treten, Alben, damit sie endlich über dich richten können."

„Bis dahin wird wohl noch etwas Zeit vergehen." Der Bergherr verlor das Interesse an ihm und wandte sich wieder Ayla zu. „Vielleicht sogar noch sehr viel Zeit."

Durch seine seltsame Kleidung sah es aus, als würde er regelrecht auf sie zu schweben. Eine optische Täuschung, die allerdings selbst auf Ayla ihre Wirkung nicht ganz verfehlte. Eine ganze Weile blieb er eine Armlänge von ihr entfernt schweigend stehen. Conrin hatte sich längst an die Wand zurückgezogen, kaum versteckte Angst beherrschte noch immer sein verunstaltetes Gesicht.

„Also eine Lichtbringerin." Die Worte krochen kalt durch den Raum. „Lieblinge der Valar, von Manwe persönlich erwählt. So viel Stolz und Ehre – Ihr leuchtet regelrecht, teure Herrin."

Sie hätte ihm sagen können, dass dies wohl eher daher kam, dass sie erst vor wenigen Stunden vom gleißenden Licht des Silmaril übergossen worden war, doch Ayla blieb stumm. Hinter Albens Worten lauerte so viel verborgener Hass und Verbitterung, dass ihr ganzer Körper vor Wachsamkeit zu vibrieren schien.

„Andererseits bin ich etwas enttäuscht", sprach der Bergherr weiter. „Nach den ganzen Legenden, die sich die Schwachköpfe hier heimlich zuraunen, damit wir sie nicht zu hören bekommen, hatten wir mit etwas mehr als nur einer Handvoll von Euch gerechnet. Eher eine Armee in schimmernden Rüstungen, Ihr wisst schon. In Barcanem ward Ihr nur zu sechst und habt sogar noch einen davon verloren. Übrigens mein Kompliment für den Angriff auf Dra-Baran. Natürlich hattet Ihr Hilfe durch meinen missratenen Sohn, aber es spricht für Eure Selbstüberschätzung, überhaupt auf den Gedanken  zu kommen, eine unserer Garnisonen anzugreifen."

„Und sie zu zerstören", rief Melja triumphierend. „Sie ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt."

„Wir bauen sie wieder auf."

Ayla war sich sicher, dass der Bergherr lächelte. Mit zusammengekniffenen Augen bemühte sie sich, durch den dunklen Schleier seiner Kleidung mehr von ihm zu erkennen außer den bloßen Umrissen. Etwas stimmte nicht mit ihm. Oh, ein Teil von ihm war sicherlich elbisch, aber da war noch etwas anderes. Ein Missklang seiner Form, seiner Stimme und seiner ganzen Ausstrahlung, der ihr zuwider war.

„Wisst Ihr, weshalb ich erst so spät komme?" Die Frage war rhetorisch. Wahrscheinlich war er sich sicher, dass sie ohnehin verneinen würde. „Eure Begleiter....sie haben tatsächlich versucht, durch das Haupttor zu entkommen. Tapfere Krieger, bis zuletzt."

Blitzartig senkte sich der scharfe Schmerz des Verlustes über sie und verschwand auch genauso schnell wieder. Wenn sie sich mittlerweile einer Sache sicher war, dann zumindest der, dass sie jederzeit spüren würde, wenn Haldir etwas so Endgültiges zugestoßen wäre. Ob es ihr nun gefiel oder nicht, aber sie war durch ein dünnes aber festes Band an ihn gekettet. Würde es durch seinen Tod zerrissen, wäre der Verlust, auch ohne dass sie es selber erlebte, deutlich spürbar. Außerdem wäre Alben kaum so gelassen, wenn er den Silmaril in seinem Besitz hätte.

Sie wartete, bis Melja sich in seinem Schrecken so weit gefasst hatte, dass er ihr genug Aufmerksamkeit schenkte und schüttelte dann nur leicht den Kopf. Dann wandte sie sich wieder Alben zu, ein so sarkastisches Lächeln auf den Lippen, dass der Waldelb stolz auf sie gewesen wäre. „Am Ende erwischt es jeden, Meister Alben. Und wie Melja so treffend sagte, treten wir zumindest aufrecht in Mandos Hallen ein."

Eine Welle von Verärgerung schwappte unter der Kapuze hervor. „Ihr werdet Euren Hochmut noch verlieren, Frau. Dachtet Ihr vielleicht, wir wissen nichts von Eurer kleinen, grünen Insel? Dranguru wird Euer sternenbeschienenes Paradies in Flammen aufgehen lassen."

„Hat Euch einer Eurer armseligen Vorfahren jemals erzählt, zu was ein Elbenbogen in den richtigen Händen fähig ist, Meister Alben? Dranguru wird Futter für die Meerschnecken sein bevor er auch nur in die Nähe Arenors kommt."

„Ah", machte er genießerisch. „Eure Verteidigungsanlagen sind wirklich ein interessantes Thema. Ich hätte es später angesprochen, aber da Ihr selbst es nun benennt. Ich nehme nicht an, dass Ihr mir freiwillig etwas preisgeben werdet."

Sehr langsam schüttelte Ayla den Kopf. Noch mehr Spannung baute sich in ihr auf. Alben kam nun zu dem, was er eigentlich wissen wollte und sie bezweifelte, dass er sich auf Conrins Niveau herablassen würde.

Bewegung kam in die Silhouette. Er hob einen Arm und langsam reckte sich seine rechte Hand aus dem langen weiten Ärmel. Fasziniert und abgestoßen starrte sie auf das dürre, schwärzliche Gebilde, das immer näher auf sie zu kam. Die Hand eines toten Elben, lange Finger, das Fleisch unter der grauen Haut bereits so weit geschrumpft, dass die Knochen und Sehnen deutlich zu erkennen waren. Die schmalen Fingernägel waren an ihrer Basis dunkel und wurden gelblich bis zu ihrer spitzgefeilten Kuppe. Ayla schluckte und wich leicht zurück.

„Iluvatar kann sehr ungnädig in seinem Zorn sein", murmelte Alben, dem ihr Ekel nicht entgangen war. „Nicht nur, dass er uns mit diesem Ort strafen musste, er nahm uns auch all das, was Ihr noch im Übermaß genießen könnt. Es wird Zeit, dass Ihr erkennt, wie viel Ihr uns wirklich schuldet."

„Wir schulden Euch-„ Die nächsten Worte blieben ihr im Hals stecken. Alben hatte seine Kapuze zurückgeschlagen und Ayla verstand, warum er sich überhaupt unter diesem Gewand versteckt hielt. Er war entstellt, grausam verändert, um sein Äußeres seinem verdorbenen Wesen anzupassen. Sie hätte nicht für möglich gehalten, dass irgendwann einmal gar nichts mehr von einem Elben bleiben würde, wenn dieser sich nur lange genug außerhalb des Lichts bewegen würde, aber dennoch war es möglich.

Nur spärlich bedeckten einige stumpfbraune Haarbüschel den langgezogenen Schädel, der die gleiche ledrige Haut aufwies wie seine Hand. Unnatürlich große, rötliche Augen leuchteten sie aus einem hässlich verzerrten Gesicht an, bei dem die Stirn und die Wangen mit schuppiger, stumpfer Haut wie von einer Schlange bedeckt waren. Selbst sein Mund entsetzte sie, so schmal waren die Lippen, die nun zu einem bösen Lächeln hochgezogen waren und sehr spitze, bräunliche Zähne enthüllten.

„Versteht Ihr es nun?" Seine Frage kam zischend heraus, anklagend und hasserfüllt.

Sie konnte die Augen nicht von ihm abwenden, auch wenn Übelkeit in ihr aufstieg. „Oh ja, Alben, vielleicht besser als Ihr denkt. Für Euch wird es niemals Rettung geben."

„Ayla, nicht!"

Melja Ausruf war das letzte, das sie hörte, bevor sich Albens tote Hände wie Klammern um ihren Kopf legten und der Raum vor ihren Augen verschwamm. So überraschend und stark war der Angriff auf ihren Geist, dass sie keine Verteidigung dagegen fand. Es war nicht das erste Mal, dass ein Fremder sich in ihren Gedanken befand. Elrond hatte es zuvor ebenfalls getan, doch seine Berührung war sanft gewesen, respektvoll und von so viel Freundlichkeit begleitet gewesen, dass sie sich bei ihm sicher gefühlt hatte. Dieser Kontakt hier war als Verletzung gedacht und fraß sich mit so rasender Schnelle durch die Schichten ihrer Persönlichkeit, dass er eine breite, schmerzende Schneise hinterließ.

Rücksichtslos und mit dem Vorsatz, ihr jede Information zu entreißen, die sie jemals besessen hatte, wühlte sich Alben wie ein Feuerstrom in ihre Gedanken und Erinnerungen.

Hilflos steckte sie in einer immer stärker werdenden Dunkelheit, während ihr Verstand wie ein schimmernder Spiegel vor ihr zersprang und die Scherben mit den Bildern ihres Lebens in alle Richtungen davon glitten. Leuchtende Fragmente, nach denen sich die Totenhände des Bergherren in einer Spur von Feuer ausstreckten, um sie zu stehlen. Ein Geräusch überlagerte die Stille und Ayla erkannte erstaunt, dass es ihr eigener Schrei war, der in einer ganz anderen Welt von den Geschehnissen dieser hier zeugte.

Ihr Entsetzen wich. Sie würde nicht zulassen, dass dieses Monstrum die glitzernden Spiegelscherben anrührte. Jede Berührung seiner Hände war ein Frevel, er besudelte ihr Innerstes mit seiner Schlechtigkeit. Mit einer Kraft, von der sie gar nicht gewusst hatte, dass sie in ihr existierte, rief sie die Fragmente zu sich zurück. Sie kamen und sie kamen mit einer Wucht, dass sie ungeordnet und wie Pfeile in den letzten Rest ihres Selbst einschlugen.

Hinter dem Strom ihres eigenen Lebens folgte eine zweite Welle. Eine dunkle Masse, Zeitalter voller Grausamkeiten schlugen über ihr zusammen, ertränkten sie im Grauen von Albens Existenz. Ayla wusste nur noch eines: sie musste diesen Strom abschneiden.  Mit dem Ende dieses Gedanken verfärbte sich die Dunkelheit in blutrotes Glimmen. Er war fort und sie wollte, dass dies auch so blieb. Alben hatte in sie hineingesehen, er hatte kein Recht, mit all dem Wissen weiterzuleben.

„Töte ihn", hörte sie sich selber kaum verständlich fordern. Sie hatte den Verstand verloren, erkannte sie verwundert. Sie sprach mit einem strahlend blauen Stern inmitten des rötlichen Glimmens.

Tbc

@Shelley: Nun ist unser Iven ja ein echt hochbegabter Zwerg, sozusagen mit einem Buddelfaktor weit über dem Durchschnitt gesegnet. Gemerkt haben die anderen es zwar auch, aber wer hat je behauptet, dass Zwerge geschwätzig sind...Was die andere Sache angeht, dieses kriminelle Zusammenwirken mit Mystic, Liederschreiben und Kuppelei und ähnliches...Liegt es an Weihnachten, die Luft mit Liebe *uargh* und dem ganzen fluffigen Zeug gefüllt?

Naja, sie haben den Silmaril ausgepackt. Sicher ist sicher. Elronds Gesicht, wenn sie ihm den versteinerten Pferdeapfel gebracht hätten ohne Silmaril-Füllung wäre auch nicht so klasse gewesen. Überraschung nur in jedem siebten Ei, äh, Apfel. Er hat ihn ja wieder eingepackt. Schade eigentlich.

@Mystic Girl: Gitarren, Harfen, Heiraten, Höhlen...Himmel, mir graust, was du aus dem nächsten Kapitel machst. Es wird Zeit, dass Elrond wieder auftaucht. Ich werde Hivia verwursten, selbst schuld.

Ayla: Jetzt weiß ich's.

Haldir: Was? Sie ist aus dem Irrenhaus ausgebrochen?

Ayla: Nein, sie ist heimlich in dich verknallt und versucht, davon abzulenken.

Haldir *wirft sich geschmeichelt in Positur*: Ehrlich?

Ayla: Klar, immerhin heult sie, wenn du bei Helm's Klamm abgestochen wirst.

Haldir *leicht empört*: Ich werde nicht bei Helm's Klamm abgestochen. – Sie HEULT?

Ayla: Wenn das keine Liebe ist. Darf ich Trauzeuge werden?

Mystic *knallrot*: Nein, deine schwarzen Klamotten passen nicht zur Feier.