Disclaimer: Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben. Jaja, ich bring es auch zurück.
18. Kapitel
An jedem einzelnen der Türme Arengards wehten Banner. Schildwappen von denen, die längst vergangen waren und denen, die nun die veränderten Zeiten zu bewältigen hatten. Die Farben der Banner mischten sich mit den Blumen, die rund um die Stadt geradezu explosionsartig erblüht waren und Arengard in einen Mantel voller Leben und Hoffnung hüllten.
Seit Tagen hatte Arengard den Charakter des Heerlagers abgelegt. Die meisten der Arenai, die sich zwischen den Häuser bewegten, ließen ihre übliche düstere Miene vermissen. Die volle Bewaffnung, mit der sie sonst umhergingen, war verschwunden. Und sie lächelten....
„Ein Sommerfest." Elrond schüttelte in leichter Verwunderung den Kopf. „Hättet Ihr das für möglich gehalten, Cimriel?"
Der Hauptmann der Torwachen wich schmunzelnd drei halbwüchsigen Arenai aus, den jüngsten, die die Elben bislang hier bemerkt hatten. „Ich weiß, dass sie jedes Jahr zur Blüte der Sommerweiden ein paar Wettkämpfe veranstalten und die Sieger feiern, doch das war immer eher die Demonstration ihrer beeindruckenden Kampfkunst. So etwas wie dieses hier ist mir jedoch neu. Wir hätten es sicherlich bemerkt, mein Lord."
„Es ist auch kaum zu übersehen", lächelte Elrond.
Langsam spazierten sie die Hauptstraße hinunter. Eigentlich war es eher eine Flucht aus dem Großen Haus, das sich seit mehreren Tagen in Hort unermüdlicher Vorbereitungen verwandelt hatte. Jeder, der nicht daran beteiligt war, stand im Weg und wurde von den anderen mit mehr oder weniger Respekt daran erinnert. Da andererseits niemand auf den Gedanken kam, Elrond oder Cimriel eine so simple Aufgabe zuzuteilen wie Tische herumtragen oder Wimpel aufzuhängen, blieb den beiden Männern wenig anderes zu tun, als den Trubel einfach nur zu beobachten und acht zu geben, nicht in die Bahn hektischer Arenai oder Elben zu geraten.
Für den Abend war das erste Fest angesetzt, bevor am nächsten Morgen die Wettkämpfe losgehen sollten. Dementsprechend hysterisch ging es mittlerweile im Großen Haus zu. Elrond konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass Elben und Arenai sich gegenseitig immer nervöser machten. Es sollte unbedingt gelingen, dieses erste Fest von allen zusammen.
Zum Glück hatte sich eine wahre Lichtgestalt der Organisation inmitten des Chaos aufgetan, mit der niemand gerechnet hatte. Awyne, glücklich genesen von den Schrecken in Orbath Haus und dankbar für jede Beschäftigung, zeigte trotz ihres geringen Alters dringend benötigte Qualitäten. Es mochte daran liegen, dass sie in einem Gasthaus aufgewachsen war. Jedenfalls entpuppte sie sich als Fels in der Brandung, jederzeit unterstützt durch einen aufmerksamen Gilawan, der nur selten von ihrer Seite wich.
Elrond hatte keinen Zweifel, dass dieses Fest ein Erfolg werden würde. Es erleichterte ihn, Elben und Arenai so friedlich und ungezwungen um sich zu haben.
Die beiden Männer ließen die Stadt hinter sich und wanderten entspannt hinaus auf die Wiesen im Süden der Stadt. Unzählige Zelte säumten die Wege zu den mit einfachen Seilen abgesteckten Kampfplätzen, auf denen sich einige der Teilnehmer ein letztes Mal übten.
Ihr Ziel war eine lange Bahn mit einer grobgezimmerten Tribüne. Hier würde der Wettstreit der Bogenschützen stattfinden, zu dem sich eine beachtliche Zahl Elben aus Ithuris und einige aus Gildanna ebenfalls angemeldet hatten. Elrond war nicht überrascht, Dorian und einige seiner Breill dort zu finden.
„Wir treten gar nicht erst an", erklärte der Breill mit einem leichten Grinsen. „Drangar hat uns zwar angeboten, die Ziele einhundert Schritt vorzusetzen, aber wir wollten nicht die komische Einlage des Wettkampfes sein."
„Niemand würde das denken", wehrte Elrond ab.
„Es ist auch so aufregend genug." Der Breill pfiff leise, als einer der Waldelben einen Probeschuss abgab. „Haldirs Männer sind wirklich gut. Kein Wunder, dass Ayla sich kaum beherrschen konnte, als ich damals von unseren Schießkünsten geschwärmt habe."
„Dabei ist Ayla selber nur ein schlechter Schütze." Hivia schwang sich über die untere Begrenzung der Bahn und sprang dann über die Sitzbänke. „Immer noch besser als du, Dorian, aber mit den Ithuris-Elben kann sie sich nicht messen. Unsere Schildmeisterin schlägt lieber Glieder ab."
„Und wo liegen Eure Stärken?" erkundigte sich Cimriel.
„Jedenfalls nicht im Kampf", murmelte Elrond unwillkürlich.
„Fangt nicht wieder damit an." Sie grinste breit. „Für das ein oder andere Gemetzel reicht es noch. Soll ich uns beide für die Schwertkämpfe melden? Ich bin untalentiert und Ihr eingerostet, das dürfte eine lustige Angelegenheit werden."
Elrond neigte leicht den Kopf zu Seite und musterte sie so eingehend, dass sie nach kurzer Zeit nervös an ihren Zöpfen herumspielte. Das funktionierte bei Hivia immer.
„Eingerostet?" wiederholte er dann mit samtweicher Stimme. „Unter diesem Licht habe ich es noch gar nicht betrachtet. Vielleicht sollte ich Euren Vorschlag wirklich annehmen..."
„Das war ein Scherz!" rief sie. „Und noch dazu kein guter. Ich würde niemals gegen Euch antreten. Vergesst es!"
„Überlegt doch, es wäre für uns beide sicherlich eine interessante Erfahrung."
„Auf die ich gerne verzichte. Ihr seid außerdem viel größer als ich und habt eine andere Reichweite."
Elrond kämpfte gegen einen Lachreiz an. „Dafür bin ich eingerostet, nicht wahr? Ihr werdet doch wohl einen alten Mann schlagen können!"
„Denkt nur nicht, dass ich mich nicht traue."
Sie bekamen langsam Publikum. Die Elben hatten ihre Schießübungen eingestellt, die meisten lehnten entspannt auf ihren Bogen und wollten sich den Wortwechsel nicht entgehen lassen. Einige Arenai trieben sich harmlos an der Holzbegrenzung der Tribüne herum und begutachteten ungewöhnlich interessiert die Bauart der Zuschauerbänke. Hivia war viel zu sehr damit beschäftigt, sich aus dem Unheil wieder herauszumanövrieren, um die Zuschauer in ihrem Rücken zu bemerken.
„Oh, ich bin mir sicher, dass Ihr überhaupt keine Bedenken habt, gegen mich anzutreten."
„Nein, gar keine." Sie begann, an ihrer Unterlippe zu nagen. „Jedenfalls keine großen."
„Wo ist dann das Problem?"
„Die Zeit." Erleichtert über ihren Einfall wedelte sie heftig mit den Armen in der Luft. „Ich bin für die Pferderennen verantwortlich."
„Die sind erst übermorgen", erinnerte sie Elrond. Er war gespannt, was als nächstes kommen würde. „Die Zweikämpfe finden aber schon morgen statt."
„Außerdem seid Ihr der Schirmherr dieses ganzen Festes, da Ayla nicht da ist."
„Lord Elrond hat genug Zeit", sagte Cimriel mit bemerkenswertem Ernst. „Seine Pflichten sind eigentlich fast alle delegiert."
Ein düsterer Blick traf den Hauptmann. Läge tatsächliche Kraft in ihm, Elawen hätte ihren Gemahl in diesem Leben nicht mehr wiedergesehen.
„Aber er könnte sich verletzen."
Cimriel sackte lachend auf eine der Tribünenbänke. Er war nicht der einzige, der sich nicht mehr beherrschen konnte. Ausgerechnet ihre eigenen Arenai brachen in schallendes Gelächter aus, mit dem sie auch nicht aufhörten, als sie sich zu ihnen umdrehte und sie wütend beschimpfte.
„Du musst schon überlegen, an welchem Ende du ein Schwert anfassen sollst", grölte ein Arenai-Krieger.
„Eher stichst du dir wieder selbst in den Fuß!" spottete ein anderer.
„Das war ein Unfall!" schrie sie ihn an.
Elrond hätte gerne mehr über diesen ‚Unfall' erfahren, aber langsam bedauerte er sie schon. „Lasst es gut sein, Hivia", meinte er freundlich. „Ich denke, ich erspare uns beiden diese einmalige Erfahrung."
„Ihr habt Lord Elrond gehört." Drangar bahnte sich einen Weg durch die Arenai. „Der Spaß auf Hivias Kosten ist vorbei. Verschwindet, ihr Faulpelze. Außerdem ist sie unsere beste Reiterin, also seid nett zu ihr, sonst verliert sie noch das Rennen."
Elrond hob fragend eine Braue. Wenn Aylas Statthalter sich zeigte, war dies normalerweise keine gute Nachricht. Doch diesmal winkte der sonst immer so verschlossene Arenai mit einem leichten Lächeln ab.
„Keine schlechten Nachrichten, obwohl ich gerade von Temlar komme und er sich beklagte, dass Awyne den Schlüssel des Weinkellers nicht mehr hergibt." Drangar nickte Cimriel zu. „Lady Elawen ist angekommen. Ich dachte, diese Neuigkeit interessiert Euch."
Cimriel war sofort auf den Beinen. Nach einer entschuldigenden Verbeugung in Elronds Richtung entfernte er sich mit schnellen Schritten. Elrond lächelte in sich hinein. Nach allem, was er wusste, war diese Verbindung erst auf Arenor geschlossen worden und überdauerte nun schon mit ungewöhnlicher Tiefe die Jahrtausende. Die Trennung der letzten Wochen hatte die beiden belastet und die Aussicht, dass sie noch andauern würde, bis Haldir aus Escalonde zurückkehrte, betrübte sie zusätzlich.
„Oh, Hivia!" Drangar zog die Pferdeherrin an einem ihrer Zöpfe. „Du manövrierst dich mit deinem Mundwerk immer wieder in Schwierigkeiten. Ayla würde dir den Kopf abreißen, wenn sie davon wüsste. Bleib einfach bei deinen Pferden."
„Es sollte nur ein Scherz sein", nörgelte Hivia. „Er nimmt alles immer so ernst."
Elrond ging davon aus, dass mit ‚er' seine Person gemeint sein sollte. „Ihr redet zu oft, bevor Ihr nachdenkt, meine Liebe. Das geht gelegentlich ins Auge."
Mit einem ärgerlichen Schnauben stob sie davon. Elrond verließ sehr viel gemächlicher die Tribüne, nur noch begleitet von Drangar.
„Sie ist eine gute Pferdeherrin", verteidigte der Arenai sie nach einer Weile angenehmen Schweigens.
„Daran zweifle ich nicht." Elronds Blick wanderte unwillkürlich zu einer kleinen Gruppe Pferde, die langsam über die Bahn geführt wurden. Bremdals Edle nannten viele der Elben die Tiere, die herausragende Vertreter ihrer Art waren.
„Ohne Hivia wäre das Gestüt nicht so erfolgreich", sagte Drangar, der Elronds Blick bemerkt hatte. „Die Pferdeherren haben in unserer Geschichte oft gewechselt. Wir haben erst den zweiten Schildmeister aber schon den sechsten Pferdeherren. Vor Hivia kamen einige, die kaum Interesse an Bremdal hatten. Es mag daran liegen, dass Agir es immer als eine Art Verbannung besonders untalentierter Krieger erachtete."
„Untalentiert?" echote Elrond harmlos.
Drangar grinste breit. „So wie Hivia. Sie hat die Traumwanderungen mit mehr Glück als kriegerischem Können überstanden. Von ihrer letzten Wanderung kehrte sie als blutende Ansammlung Knochen und Fleisch zurück. Die Valar hatten danach ein Einsehen."
Man musste wohl ein Arenai sein, um darin etwas Erheiterndes zu entdecken. Elrond zwang sich zu einem leichten Lächeln, damit Drangar nicht mit der Erzählung aufhörte.
„Es heißt, Ayla sei am Tag ihrer Rückkehr auf den Turm gegangen und habe einen Handel mit den Valar getroffen, ihr Hivias Wanderungen aufzuerlegen."
„Das ging?"
„Niemand weiß es." Drangar zuckte mit den Schultern. „Aber es war schon auffällig, dass sie danach recht oft gerufen wurde und Hivia nie wieder."
„Weiß Hivia davon?"
„Sie wird es ahnen. Hivia würde für Ayla sterben, jeder von uns würde es."
„Das ist mir schon vor einiger Zeit klar geworden. Eure Loyalität ist von einer Stärke, die mir selten bislang begegnet ist."
„Nun, Ayla würde auch für uns sterben." Der Arenai seufzte tief. „Werden sie sicher wieder Arenor erreichen, Lord Elrond? Sie sind bereits seit vier Wochen unterwegs und es gibt kein Lebenszeichen."
Wie viel konnte er ihm sagen? Wie viel wusste er überhaupt selbst? Elrond empfand großes Mitgefühl mit dem kampferprobten Mann, der sich so tiefen Veränderungen gegenüber sah und die vertraute Führung seiner Schildmeisterin vermisste. „Es ist eine starke Gruppe, Drangar, die von den Valar selbst so bestimmt wurde. Sie werden es schaffen."
Drangars Erleichterung war offenkundig. Nach einem kurzen Moment bedachte er Elrond mit einem verschmitzten Seitenblick. „Ich weiß, Ihr seid zu höflich, um zu fragen, aber interessiert Euch Hivias Schwertunfall?"
Die Jahrtausende hatten nicht ausgereicht, dem Elbenlord den Spaß an einer pikanten Geschichte zu nehmen. „Meine Neugierde ist unermesslich, Drangar."
„Es ist auch gleich, ob ich sie euch erzähle oder Ihr sie später erfahrt. Sie wird auf jedem Sommerfest erzählt." Drangar räusperte sich und sein Blick glitt in eine ferne Vergangenheit. „Damals war Agir noch der Schildmeister. Es war mein erstes Sommerfest, ich kann mich noch gut erinnern, wie beeindruckt ich war. Wir hatten damals hervorragende Kämpfer, sehr erfahren und stark. Ayla war recht jung und nicht so gut wie heute, aber doch schon sehr geschickt. Das bleibt wohl nicht aus, wenn man Agir als Vater hat.
Hivia war jünger und es zeichnete sich schon ab, dass sie niemals ein guter Schwertkämpfer werden würde. Viel zu klein und quirlig, Ihr wisst schon. Allerdings war sie da ganz anderer Meinung und durch die Nähe zu Ayla wollte sie auch nicht aufgeben. Sie hat sie in der Vorrunde gefordert. Ayla lehnte ab. Hivia war so wütend, dass sie Agir so lange auf die Nerven ging, bis er Ayla befahl, die Herausforderung anzunehmen.
Die beiden beschimpften sich wie wütende Hennen bevor der Kampf überhaupt angefangen hatte. Ayla war außer sich, dass sie überhaupt antreten musste. Zum einen war Hivia kein ernstzunehmender Gegner und es war reine Zeitverschwendung. Zum anderen hatte sie wohl wirklich Angst, Hivia zu verletzen."
Eine durchaus begründete Befürchtung, fand Elrond. Er verstand nicht, warum Agir diesen Kampf überhaupt befohlen hatte. Andererseits kannte er inzwischen Hivias unnachahmliche Hartnäckigkeit. Vielleicht war es dem Schildmeister einfach zu mühsam gewesen, ihr ständig aus dem Weg zu gehen. Das Gefühl war ihm irgendwie aus Gildanna noch sehr vertraut.
„Hivia war zumindest mit dem Mundwerk ebenbürtig. Sie kochte vor sich hin, weil sie sich nicht ernstgenommen fühlte. Die beiden haben sich Sachen an den Kopf geworden..." Drangar kicherte noch bei der Erinnerung daran. „Schließlich war Ayla es leid. Sie marschierte ohne Schwert auf den Kampfplatz und schrie Hivia an, dass sie ihr die Seele aus dem Leib prügeln würde. Unsere Pferdeherrin ließ sich nicht zweimal bitten, stapfte wie Berengar der Dämonentöter auf den Platz."
„Und?" fragte Elrond nach einer sich ausdehnenden Pause.
Drangars Miene war betont ausdruckslos. „Nichts. Der Kampf war vorbei."
„Vorbei?" fragte der Elbenlord irritiert.
„Aus und vorbei", nickte Drangar. „Sie trat unterwegs in ein Nonuk-Loch, fiel hin und rammte sich ihr Schwert dabei in den Fuß."
„Ihr macht Witze!"
Der Arenai schüttelte den Kopf. „Nein, im Ernst. Auf halber Strecke fiel sie um und als nächstes erinnere ich mich an ihr Schreien. Es war mehr Wut als Schmerz denke ich. Vor lauter Lachen schaffte Ayla es kaum, ihr das Schwert aus dem Fuß zu ziehen. Agir verbot Hivia danach die Teilnahme an den Schwertkämpfen. Die nächsten fünfzig Jahre blieb sie während der Sommerfeste in Bremdal."
Mit einem fröhlichen Zwinkern neigte der Arenai den Kopf und verabschiedete sich.
Selbst spät am Abend, als das überaus gelungene Fest im und um das Große Haus seinen fröhlichen Höhepunkt erreichte, konnte Elrond ein Schmunzeln nicht unterdrücken, jedes Mal wenn sein Blick auf die quecksilbrige Arenai fiel, die mit allen Anwesenden gleichzeitig zu feiern schien. Was hatten die Valar sich nur dabei gedacht, sie ausgerechnet nach Arenor zu schicken?
„Ein interessantes Geschöpf." Lady Elawen war offenbar seinen Blicken gefolgt. Mit einem feinen Lächeln sah sie ihn nun an. „Noch vor einem Jahr hätte ich behauptet, jeder Arenai sei gleich in seinem Denken und Handeln, doch nun entdecke ich um mich herum beinahe mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten in ihnen."
„Meint Ihr nicht, sie haben von uns das gleiche angenommen?"
„Ah, ich befürchte, die Arenai plagen sich, was uns angeht, erst seit kurzer Zeit mit großen Überlegungen. Sehr viel hat sich geändert, nicht wahr?"
So war es wohl, obschon er noch gar nicht lange genug auf Arenor weilte, um es wirklich beurteilen zu können. Wie es allerdings auf diesem Fest herging, gefiel ihm eindeutig besser als alle Beschreibungen Enuidils über das frühere Leben auf Arenor.
Wie hätte sein Vorgänger wohl reagiert, als spät am Abend von den Musikanten eine schlichte aber sehr eingängige Tanzweise angestimmt wurde, die viele auf die Beine zog? Sehr ungleiche Paare bewegten sich zu dieser Melodie, die nicht von Arenor stammte sondern aus Escalonde. Elrond erinnerte sich, Awyne noch am Morgen bei den Musikern gesehen zu haben, als sie ihnen etwas unsicher die Melodie vorsang.
So tanzten nun Arenai, Elben und Escalonder zusammen zu den fremden Noten, die die Sommernacht über Arengard erfüllten. Selbst Awyne, die eher wie eine Glucke aus dem Hintergrund über den Verlauf des Festes wachte, hatte der eleganten Aufforderung Gilawans nicht widerstehen können und schwebte hingerissen mit ihm über den Hof.
Elawen erhob sich und wandte sich fragend an den Elbenlord. Elrond winkte lächelnd ab, Cimriel wartete schon viel zu lange darauf, seine Gemahlin wieder dicht bei sich zu haben.
Zu den ungewöhnlichsten Tanzpaaren gehörten Hivia und Cric. Der Ihainym war sicherlich um die Hälfte größer als seine Partnerin, doch Hivia hatte das Problem auf Arenai-Art gelöst: einfach und direkt. Sie hüpfte nun auf einem der Längstische herum, während Cric sich davor bewegte und ab und zu seine schallend lachende Tanzpartnerin herumschwenkte.
„Es entschädigt für vieles", ließ sich Temlar vernehmen, der zufrieden an Elronds rechter Seite das Fest verfolgte. „In den langen Jahrtausenden, in denen wir die Bürde der Beobachtung so vielen Leids trugen, gab es Momente des Zweifels."
„An den Arenai?" fragte Elrond.
„Nein, niemals an ihnen und auch niemals an Euch. Aber es verging viel Zeit und wir fragten uns, ob wir je diesen Moment erleben würden."
„Ihr sagtet doch selbst, dass es wohl erst jetzt passieren durfte", erinnerte ihn Elrond an seine Worte am Mithris.
Temlar, von dessen wahrem Wesen Elrond erst langsam eine genauere Ahnung bekam, lächelte mild. „Das meinte ich nicht, Meister Elrond. Ihr müsst sehr beschäftigt gewesen sein, um es noch nicht zu bemerken."
Elrond folgte der unauffälligen Handbewegung, mit der der Beobachter auf Cimriel und Elawen deutete. „Neues Leben ist auf Arenor entstanden. Das erste und sicherste Zeichen, das unser Weg den Valar Vergnügen bereitet."
Überrascht wandte sich Elronds ganze Aufmerksamkeit den beiden Waldelben zu. Unbemerkt von ihnen konzentrierte er seine Sinne auf das Paar und fand Temlars Behauptung bestätigt. „Das kann nicht sein, Meister Temlar. Arenor ist der Hort derjenigen, die ein anderes Leben bereits hinter sich haben."
„Sicher, mein Freund, so war es ganze Zeitalter lang. Doch nun ist Arenor ein Ort, an dem auch neues Leben beginnt."
Als der Tanz beendet war und alle wieder an ihren Plätzen, erhob sich der Beobachter, seinen Weinpokal in der Hand.
„Viele Worte werde ich nicht machen, auch wenn es kaum einer hier glauben kann", lächelte er in die erwartungsvolle Runde. „Trinken wir auf die Zeiten, die hinter uns liegen und auf die, die noch kommen werden. Trinken wir auch auf neue Freunde und auf neues Leben." Er verneigte sich leicht in Elawens Richtung, die sogleich nach Cimriels Hand griff und rot anlief.
„Und auf abwesende Freunde", ergänzte Hivia, bevor die Pokale geleert werden konnten. „Unsere Gedanken begleiten sie, bis sie sicher heimgekehrt sind."
Elrond zog sich kurz darauf vom Fest zurück. Zu sehr in Gedanken versunken, um sich zur Ruhe zu begeben, stieg er hinauf auf den Turm. So weit oben unter dem sternenklaren Nachthimmel fand er die Abgeschiedenheit, die er in dieser Nacht sonst nirgendwo in ganz Arengard finden würde. Die Stadt feierte, die Stimmen und die Musik drangen zu seinem Aussichtsplatz hinauf, störten aber nicht weiter.
Er sah hinaus nach Westen. Es war immer der Westen, in dem Freude und Leid gleichermaßen zu finden waren. Mehr Leid dieses Mal, denn hinter den Wachfeuern auf dem Weißen Tor war kein Licht und nur wenig Hoffnung.
Selbst wenn der Silmaril gefunden wurde, steuerte dieses Land auf Krieg und Blutvergießen zu. Der Gedanke an diese Zukunft sollte ihn eigentlich frösteln lassen, doch gleichzeitig hatte er wieder Cimriel und Elawen vor Augen. Dieses Kind war etwas besonderes, Temlar hatte es gut erkannt.
Elrond lachte leise vor sich hin, als er sich Haldirs Gesicht vorstellte, wenn er bei seiner Rückkehr davon erfahren würde. Der Gedanke an Kinder in Ithuris würde das Pflichtgefühl des Waldelben noch einmal steigern. Kindern brauchten Schutz und Fürsorge. Haldir würde mehr schlaflose Nächte bei dem Gedanken daran verbringen als die zukünftigen Eltern dieses kleinen Wunders.
Im Hof und der Halle wurde das Jägerlied angestimmt. Boyars Lied hieß es mittlerweile und eine neue Strophe war hinzugekommen über das Petai mit dem goldenen Geweih, das den Jäger in seinem Tod für immer durch die Wälder trug. Boyar war nun bei dem Valar, den er wohl am meisten verehrt hatte. Für ihn war es sicherlich kein trauriges Schicksal mehr, auch wenn mit dem Lied für einen kurzen Moment tiefe Trauer das Große Haus erfüllte.
Elrond genoss die Einsamkeit auf diesem luftigen Platz über der Stadt. Sie würde allerdings bald ein Ende haben, erkannte er, als im Turm Schrittgeräusche zu hören waren.
„Hier seid Ihr also", erklang kurz darauf Hivias Stimme hinter ihm. „Gefällt Euch das Fest nicht?"
Elrond drehte sich mit einem leisen Seufzer zu ihr um. Bremdals Pferdeherrin war merklich angeheitert, wie sie so auf ihn zu stolperte. In einer Hand hielt sie eine Weinkaraffe, in der anderen zwei Weinbecher. „Es gefällt mir sogar sehr gut."
„Schön, so soll es auch sein." Glücklich bei ihm angekommen stellte sie die Weinbecher ab und unternahm den Versuch, sie zu füllen. „Trinken wir, Elbenlord, es könnte das letzte Mal sein."
Hivia flutete die Steinbrüstung mit dem Wein, bis er ihr die Karaffe aus der Hand nahm und selber die Becher füllte. Sie prostete ihm zu und stürzte den Becherinhalt hinunter. Elrond fragte sich, welche Mengen Wein bereits ein ähnliches Schicksal ereilt hatte. Hivia war nicht nur angeheitert, sondern bei näherer Betrachtung mächtig betrunken.
„Habt Ihr eben Boyars Lied gehört?"
Er nickte stumm.
„Es macht mich traurig", schniefte sie. „Jedenfalls die letzten Strophen. Euch auch?"
Da der Arenai wohl kaum der Sinn nach tiefgründigen Bemerkungen über Boyars Schicksal stand, nickte er wieder nur. Zufrieden tätschelte sie seine Hand und lehnte sich dann über die Brüstung.
„Da hinten ist Escalonde."
Sehr scharfsinnig und von einer Betrunkenen wohl zu erwarten.
„Ayla ist dort." Sie seufzte. „Und Haldir." Noch ein Seufzer. „Und-„
„Ich weiß", unterbrach er die Aufzählung. Sieben Seufzer hintereinander hätten seine Geduld überfordert.
„Ihr hättet sie nicht schicken dürfen", sagte sie anklagend.
„Das lag nicht in meiner Macht, Hivia."
„Bah!" Sie gestikulierte heftig und Elrond trat vorsichtshalber einen Schritt näher, falls sie so nah an der Brüstung das Gleichgewicht verlor. „Ihr seid der Herr von Gildanna, mächtiger als jeder andere hier. Auf Euch hätte Ayla bestimmt gehört. Warum habt Ihr es nicht getan?"
„Ihr kennt die Gründe." Bei Iluvatar, er diskutierte mit einer Betrunkenen. So mächtig konnte er gar nicht sein, wenn er sich darauf einließ.
„Und mich nehmt Ihr auch nicht ernst."
Der Themenwechsel überraschte ihn etwas. „Wovon redet Ihr?"
„Niemand nimmt mich ernst." Sie hängte sich über die Steinbrüstung und starrte düster in den Hof. „Nur weil ich nicht so groß und Furcht einflößend wie die anderen bin. Ayla hättet Ihr sofort mit in die Sternenberge genommen."
Die Schildmeisterin wäre auch kaum so unvorsichtig gewesen, an Gilgrim herumzufingern. Die Bemerkung behielt er lieber für sich. Hivia hing etwas zu weit über die Brüstung und war etwas zu betrübt, um solche Erkenntnisse zu verkraften.
„Keine Antwort ist auch eine Antwort." Sie gab ein merkwürdiges Geräusch von sich. „Ich glaube, mir wird schlecht."
Elrond zog sie an der Schulter aus ihrer unfallträchtigen Haltung. „Ihr solltet schlafen gehen, Hivia. Für heute war es wohl genug Wein."
„Jaja, schickt mich ruhig wieder weg", schimpfte sie. „Das macht Ihr immer. Ihr mögt mich nicht."
„Das stimmt nicht."
„Doch!"
„Wir reden morgen darüber."
Mit einem letzten bösen Blick schwankte sie Richtung Treppenhaus. Am Eingang blieb sie noch einmal stehen und drehte sich zu ihm um.
„Dabei mag ich Euch", rief sie ihm gekränkt zu. „Ich mag Euch sogar sehr, auch wenn ich nicht weiß warum und mehr als gut für mich ist."
Verblüfft starrte Elrond auf die erleuchtete Türöffnung, in der sie nach dieser seltsamen Offenbarung verschwunden war. Es war schon recht lange her, dass ihm eine Frau, wenn es hier auch eine recht exzentrische war, etwas Derartiges mitgeteilt hatte. Bevor er länger darüber nachdenken konnte, ertönte unheilvolles Gepolter aus dem Treppenhaus, gefolgt von einem schmerzlichen Aufschrei und einigen undeutlichen Flüchen.
„Warum wundert mich das nicht?" murmelte er ergeben und stieg mit eiligen Schritten der Quelle dieser Geräusche nach.
Er brauchte nicht weit zu gehen. Hivia hatte mehr oder weniger im freien Fall wenigstens nur drei der insgesamt sechs Stockwerke zurückgelegt, bevor sie auf einem Treppenabsatz zum Halten gekommen war. Wie eine kaputte Puppe lag sie aufgelöst in der Ecke und stöhnte vernehmlich.
„Bei Eru!" Gleichzeitig mit Elrond näherte sich von unten Gilawan. „Ich dachte schon, ein Balrog stürmt den Turm herunter. Seid Ihr verletzt, Hivia?"
Undeutliches Gemurmel kam von dem Bündel Arme und Beine. Gefolgt von leisen Schmerzensschreien, als Elrond begann, vorsichtig dieses Gliederwirrwarr zu sortieren und sie nach gebrochenen Knochen zu untersuchen.
„Keine Brüche", stellte er schließlich zufrieden fest. „Ihr hattet großes Glück, junge Arenai. Jeder andere hätte sich das Genick gebrochen."
„Ich kann mich nicht mehr rühren und Ihr redet von Glück?"
Zumindest war sie wieder nüchterner. „Am besten ruht Ihr Euch morgen aus, damit Ihr bei den Rennen überhaupt mitmachen könnt."
Gilawan hob sie vorsichtig auf die Arme. „Ich bringe Euch in Euer Zimmer. Wo schlaft Ihr, Hivia?"
„Im Stall", stöhnte sie.
Elrond runzelte die Stirn. Hivia war zuzutrauen, dass sie mit dieser Antwort ein Bündel Heu in einer leeren Box meinte. Er schüttelte den Kopf und bedeutete Gilawan, ihm den Turm hinauf zu folgen. Aylas Schlafraum stand leer, solange sie irgendwo in Escalonde unterwegs war und Elrond glaubte nicht, dass sie Einwände haben würde, ihre Pferdeherrin wenigstens für diese Nacht dort unterzubringen. Schließlich hatte sie vor einer Ewigkeit wie es ihm schien selbst dafür gesorgt, dass Haldir sich dort von seiner Stichwunde erholen konnte.
Gilawan legte eine überaus benommene Pferdeherrin auf dem breiten Bett ab. „Ich glaube, sie hat sich den Kopf recht heftig angestoßen."
„Ich weiß", seufzte Elrond. „Sorgt Euch nicht, mein Freund, ich werde heute Nacht hier bleiben."
„Soll ich vielleicht Awyne schicken? Es wird ihr sicherlich nichts ausmachen."
„Das Angebot ehrt Euch beide, doch ich denke, Ihr habt Euch schon andere Dinge vorgenommen."
Statt einer Antwort hustete der Waldelb und zog sich eilig zurück. Elrond hingegen setzte sich auf die Bettkante und legte vorsichtig seine rechte Hand auf die stattliche Beule, die sich auf Hivias Stirn gebildet hatte. Die Harmonie, die jedes lebende Ding umfing, war hier deutlich gestört, dennoch nicht so stark, dass eine ernsthafte Verletzung vorlag. Es brauchte nicht viel, die unnatürlichen Wirbel und Unterbrechungen wieder zu ordnen und zu verbinden.
Eine Kleinigkeit, dachte er müde, als er sie in tiefen Schlaf schickte. Wenn alles Leid sich immer so einfach heilen ließe, hätte Arenor niemals erschaffen werden müssen.
Hivia drehte sich unruhig, bis ihr schmales Gesicht in seiner Handfläche ruhte. Mit innerem Widerstreben zog er nach einer Weile seine Hand weg und setzte sich in den Lehnstuhl am Fenster, den Blick auf die schlafende Arenai geheftet und in Gedanken in einem anderen Leben.
Wohin sollte das alles noch führen? Er war in Mittelerde in der Erwartung aufgebrochen, an einem anderen Ort auf die immer noch vertraute Gegenwart Celebrians zu treffen. Ein Gleichmass zu erreichen, das ihm selbst in den ruhigen Zeiten nie wirklich vergönnt gewesen war. Aufregung und diese irritierenden Gefühle, die Arenor und seine Bewohner in ihm auslösten, hatte er nicht kommen sehen und dennoch fühlte er sich lebendiger als seit vielen, vielen Jahren.
Er war noch nicht bereit für Valinor, noch lange nicht. Eine seltsame Erkenntnis, befand er. Wie konnte man nach einem so langen und manchmal beschwerlichen Leben dafür nicht bereit sein? Noch ein anderer Gedanke formte sich und nicht erst seit diesem Abend: es schien fast so, als würde er niemals nach Valinor kommen. Arenor und Escalonde waren eine Aufgabe, die nicht weniger langwierig als Mittelerde sein konnte. Fand sich nun tatsächlich der zweite Silmaril blieb nur noch ein einziger übrig, der auch nicht ewig verloren sein konnte. Mit allen dreien schließlich endete die Zeit und mit ihr alle Existenz, so wie sie bislang geschaffen war.
Beinahe war es schon Gewissheit, dass er diesen unglaublichen Moment hier auf dieser Insel erleben würde und Elrond erschreckte der Gedanke, dann auf ein langes, einsames Leben zurückblicken zu müssen. Er war schon lange von Celebrian getrennt und dennoch für immer an sie gebunden. Der Ausweg aus dieser Einsamkeit lag vor ihm, ausnahmsweise einmal sehr still und friedlich. Lange hatte er gedacht, alle seine Wege seien vorherbestimmt, ihm in groben Zügen auch bereits bekannt und was immer er noch erleben würde, es sollte ihn nicht mehr überraschen.
Verwundert fragte er sich, wie er in dieses Dilemma hatte geraten können. Irgendwann würde er eine Entscheidung treffen müssen, irgendwann…
***
Noch lag die Strecke im Morgendunst, aber schon bald würde die Sommersonne die Nebelschleier vertrieben haben und auf die zwanzig Schritt breite Schneise scheinen, die erst vor wenigen Tagen mit großer Sorgfalt in das hüfthohe Wildgras geschnitten worden war. Gut eine Meile zog sich der Kurs hinter der Stadt den Hügel hinauf, umrundete ein Birkenwäldchen auf dessen Kuppe und führte dann in einer kurvigen Linie bis zu den Kampfplätzen, von wo aus die Reiter auch starten würden. Von der Tribüne aus hatte man fast die ganze Zeit einen ungestörten Ausblick auf die Strecke, darauf war besonders geachtet worden.
Es gab sogar eine Karte mit dem Streckenverlauf. Jede Bodenerhöhung, jede Position der aus Heuballen gefertigten Hindernisse waren genau eingezeichnet. Im Moment steckte dieses kleine Meisterwerk zusammengerollt und in eine Lederhülle geschoben in ihrem Gürtel. Hivia brauchte die Karte nicht, immerhin hatte sie selbst die Strecke anlegen lassen.
Sehr langsam ging sie nun noch einmal Meter um Meter diesen Weg ab, den Blick abwechselnd auf den Boden und nach vorne gerichtet. Wenn sich irgendwo ein Nonuk über Nacht gewagt hätte, ein Loch auszuheben, sie würde es mit Sicherheit finden. Zum einen hasste sie ohnehin diese überdrehten, kleinen Nager und zum anderen hatte sie einmal, vor sehr langer Zeit erlebt, wie eines der Pferde aus vollem Lauf in eines der Löcher getreten war und sich überschlagen hatte. Mit ihr als Pferdeherrin würde dies nicht passieren.
Morgen früh würde sie die Strecke dann ein letztes Mal kontrollieren, bevor die Rennen freigegeben wurden. Hivia brauchte erst im Endlauf antreten. Sie war die Siegerin des Vorjahres, das Privileg stand ihr zu. Eigentlich war sie die Siegerin der letzten fünfzehn Jahre, dank Aylas Mellivil.
Ein begnadetes Rennpferd, seufzte sie im Stillen und schob an einer verdächtigen Stelle etwas getrockneten Wiesenschnitt beiseite. Zu schade, dass er zu alt war. Glormir war zwar schöner und ausdauernder als sein Vorgänger aber nicht so schnell. In diesem Jahr würde sie erstmals mit Ithilion antreten. Elrond wusste zwar noch nichts von seinem Glück, doch was konnte er schon dagegen haben?
Ganz kurz nur blitzte der Gedanke auf, dass der Elbenlord wahrscheinlich haufenweise Gründe aufzählen konnte, warum sie nicht ausgerechnet sein Pferd bei diesem Rennen nehmen durfte. Ganz oben auf der Liste stand, dass sie ihn nicht einmal gefragt hatte. Andererseits war jedes Pferd auf Arenor ein Bremdal-Abkömmling und damit ihr anvertraut. Im Grunde hatte sie es ihm nur geliehen. Die Betrachtungsweise gefiel ihr und ihre Schritte wurden etwas beschwingter.
Es rächte sich sofort. Irgendetwas war letzte Nacht passiert, denn ihr tat buchstäblich jeder einzelne Knochen weh, seit sie heute Morgen in Aylas Traumkammer erwacht war. Sie wusste weder, wie sie dort hingekommen war, noch warum sie sich so fühlte, als wäre eine ganze Herde Einjähriger über sie hinweggetrampelt. Außerdem hatte sie Kopfschmerzen, einen widerlichen Geschmack im Mund und das unbestimmte Gefühl, dass der letzte Abend in einem Desaster geendet hatte.
Leider war ihr bislang noch niemand begegnet, den sie fragen konnte. Vielleicht bei der Rückkehr ins Große Haus, dann müssten auch die tiefsten Schläfer erwacht sein. Am besten wandte sie sich an Awyne. Sie mochte diese Menschenfrau mit den lustigen roten Locken, von denen Gilawan kaum seine Finger lassen konnte. Wohl nicht nur von den Locken, ergänzte sie und grinste breit. Der Elb war kaum ansprechbar, wenn das Mädchen in seiner Nähe war. Verrückt!
Allzu große Sorgen machte sich Hivia allerdings nicht. Sie vertrug Alkohol nicht besonders und landete eigentlich immer in irgendeiner Ecke, um ihren Rausch auszuschlafen. Es hätte sie schon gewundert, wenn es diesmal anders verlaufen wäre. Irgendeiner passte schon auf sie auf. Auf Arenor konnte ihr schließlich nichts passieren.
Sie hatte das Wäldchen hinter sich gelassen und bog nun wieder ab auf Arengard zu. Zu ihrer Linken war die Strandlinie zu erkennen und weiter vor ihr die dünne Linie der Landbrücke mit dem Weißen Tor. Hivia zog absolut nichts hinaus in die Graue Einöde dahinter. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte keiner Arenor verlassen. Ein bisschen tat es ihr zwar leid um die Escalonder, aber die hätten sicher auch so ihren Weg nach Arenor gefunden.
Hivias Miene verdunkelte sich. Irgendwo dort draußen war Ayla und kämpfte wahrscheinlich gerade um ihr Leben. Nein, sie korrigierte sich, um das Leben ihrer Begleiter, das entsprach eher ihrer Natur. Und dann die Sache mit Boyar... Die Erinnerung an seinen Tod machte ihr immer noch das Herz schwer. Nicht nur seinetwegen, sondern auch aus Mitleid mit Ayla. Den ältesten Freund mit eigenen Händen töten zu müssen…Nein, Hiva hätte es nicht über sich gebracht. Aber sie war schließlich auch nicht Agirs Tochter, wofür sie den Valar unendlich dankbar war. Der alte Schildmeister war der hartherzigste Mann gewesen, dem sie je begegnet war.
Hivia schüttelte den Kopf und wimmerte prompt, weil sich ihre fast vergessenen Kopfschmerzen bemerkbar machten. Sie brauchte unbedingt irgendeine Medizin dagegen, sonst würde sie den heutigen Tag im Schatten unter einer Tribüne verbringen, um bis morgen wieder auf den Beinen zu sein. Einer der Heiler würde ihr schon irgendein Pulver geben können. Natürlich war da noch Elrond, aber zu dem würde sie erst gehen, wenn sie eines ihrer Gliedmaßen in einem Korb bei sich tragen würde. Es lag ein Fluch über jeder Begegnung mit dem Elbenlord, warum auch immer.
Die äußerst unwillkommene Erinnerung an den gestrigen Tag tauchte wieder vor ihr auf. Einen Kampf vorzuschlagen, so närrisch hatte sie sich nicht mehr aufgeführt, seit sie vor ewigen Zeiten ausgerechnet Ayla gefordert hatte.
„Eingerostet!" Hivia starrte eine Mohnblume an, die ganz am Rand der Strecke das zerstörerische Werk der Sensen überlebt hatte. „Eingerostet! Er bewegt sich wie eine Mitra-Katze und hat wahrscheinlich schon mehr Kämpfe geführt als ich Pferde eingeritten habe. Ein Atemzug und ich hätte mit seinem Schwert an meiner Kehle auf dem Boden gelegen."
Die Mohnblüte bewegte sich leicht. Hivia nahm es als Zustimmung. Ärgerlich rupfte sie die Blume aus und stapfte die letzten Meter der Bahn ab.
„Keine Nonuk-Löcher!" fauchte sie einen ahnungslosen Elb an, der auf dem Kampfplatz die Zielscheiben für die Schießwettbewerbe zurechtrückte.
„Wie erfreulich", sagte er vorsichtig. „Kann ich Euch irgendwie helfen, Pferdeherrin?"
„Könnt Ihr die Zeit zurückdrehen?"
„Nur ein paar Stunden oder sofort Jahre?"
Als sie das versteckte Lächeln bemerkte, musste sie unwillkürlich laut lachen. „Ich komme darauf zurück."
Diese Elben hatten wirklich Humor, selbst wenn sie ihn gelegentlich etwas zu gut versteckten. Merklich besser gelaunt wanderte sie zum Großen Haus zurück, um ein Frühstück zu ergattern. In den Speisesaal zog es sie nicht, sie frühstückte lieber in Gesellschaft ihrer Pferde.
„Oh, dir geht es also gut?" Awyne unterbrach ihre Beschäftigung, die aus diversen Arbeiten in der Küche gleichzeitig zu bestehen schien, und nötigte Hivia an einen der Arbeitstische. „Besser setzt du dich. Ich lasse dir etwas Leichtes bringen. Wer weiß schon, ob es gut ist, jetzt schon so viel zu essen."
„Wovon redest du eigentlich?"
Das Mädchen fasste sich bedeutungsvoll an die Stirn. „Na, dein Kopf. Gilawan meinte, es wäre eine ziemliche Beule gewesen."
Das Gefühl nahenden Unheils breitete sich in Hivias Magengegend aus. „Ich habe keine Beule, Awyne."
„Natürlich nicht. Lord Elrond hat sich darum gekümmert, sagte Gilawan."
Eine dunkle Wolke sammelte sich an der hohen Decke der Küche. Hivia schluckte. „Lord Elrond?"
„Ja."
Awyne scheuchte erst mal zwei Küchenhelfer durch die Gegend. Am liebsten hätte Hivia sie geschüttelt, damit sie ihr mehr erzählte, aber sie blieb äußerlich ruhig sitzen, beide Hände um den Becher mit Kräutertee gekrampft, den man ihr gereicht hatte. Schließlich fand die Sterbliche auch wieder Zeit für den Rest der Unterhaltung. „Gilawan sagt, du bist drei Stockwerke des Turms heruntergefallen."
„Turm?"
„Du warst wohl mit Lord Elrond oben, um dir die Sterne anzusehen – meinte Gilawan."
Sie würde Gilawan erwürgen. Die Wolke an der Decke wurde langsam tiefschwarz und zog sich genau über Hivia zusammen. „Sterne?"
„Oder etwas ähnliches." Awyne lächelte strahlend. Eine verliebte Seele war durch nichts zu irritieren. „Gilawan sagt, du hast Glück gehabt, dass Lord Elrond sich um dich gekümmert hat."
„Hat er das?"
„Oh ja, er hat dich in Aylas Traumkammer bringen lassen und ist die ganze Nacht bei dir geblieben. Er war sehr aufmerksam."
„Sagt Gilawan", ergänzte Hivia automatisch.
„Hast du etwa schon mit ihm gesprochen?"
Das Bedürfnis, Awyne in einem ihrer riesigen Kochtöpfe zu ertränken wurde beinahe übermächtig. Mit einem erstickten Laut sprang Hivia auf und flüchtete sich in die Ställe. Die schwarze Wolke folgte ihr dabei. Niemand sonst schien dieses Gebilde zu bemerken, auf dem inzwischen in großen, leuchtenden Buchstaben das Wort ‚Verdammnis' zu erkennen war.
Sie würde die Ställe nie wieder verlassen, niemals. Oder höchstens noch ein Mal, um sich im Schutz der Dunkelheit nach Bremdal abzusetzen. Und sie würde nie wieder Wein trinken! Langsam erinnerte sie sich auch wieder daran, dass sie mit zwei Pokalen und einer Karaffe Wein den Turm hinaufgestiegen war, um Elrond Gesellschaft zu leisten.
Hivia krümmte sich innerlich zusammen. Iluvatar alleine wusste, welchen Unfug sie geredet und was genau diesem Treppensturz vorausgegangen war. Oh, nicht Iluvatar alleine – Elrond wusste es sicher auch.
Wenn sie ihm nun verraten hatte, dass....nicht einmal in Gedanken brachte sie es fertig, den Satz zu Ende zu bringen. Es war ihr größtes Geheimnis. Damit quälte sie sich schon herum, seit sie in Gildanna war. Und es war so aussichtslos. Wenn man ihn nur ansah: seine Bewegungen, seine Stimme, diese unglaublichen Augen.
„Du solltest deine Gedanken besser im Griff haben."
Die schwarze Wolke verpuffte und Hivia fiel mit einem Aufschrei von dem Strohballen, auf dem sie sich zusammengekauert hatte. „Temlar!"
Der Beobachter sah kopfschüttelnd auf sie herunter. „Ich wusste immer, dass Manwes seltsamer Sinn für Humor ihn übermannt haben musste, als er dich für Arenor auswählte. Jetzt steh endlich auf und ordne deine Kleidung. Die Wettkämpfe werden gleich eröffnet und es wird erwartet, dass du dabei bist."
„Sag, dass ich krank bin."
„Oh, eine gute Idee", erklärte er mit einem boshaften Glitzern in den Augen. „Das dürfte die sofortige Anwesenheit eines Heilers erforderlich machen. Wer fällt mir denn da wohl ein?"
„Schon gut", wehrte sie hastig ab. „Sag etwas anderes."
„Gar nichts werde ich!" herrschte er sie an und stach mit seinem Stab nach ihr. Die Spitze landete genau auf ihren Rippen. Temlar traf immer. „Auf die Beine, Mädchen. Arenai sind keine Feiglinge. Du machst deiner Schildmeisterin Schande, wenn du dich hier versteckst."
„Du hast keine Ahnung."
„Dummes Geschöpf. Ich bin ein Beobachter. Es gibt nichts auf dieser Insel und auch darüber hinaus, das mir verborgen bleibt. Steh auf!"
„Aber-„
„Unfug! Nur weil du im betrunkenen Kopf Dinge gesagt hast, die du sonst in tausend Jahren nicht über die Lippen bekommen hättest, geht diese Welt nicht unter. Elrond dürfte klug genug sein, den Worten einer Betrunkenen keinen großen Wert beizumessen." Wieder stieß er ihr den Stab in die Rippen. „Auf die Beine, du Küken. Es wird Zeit, Haltung und Stolz der Arenai zu beweisen, auch wenn du nicht gerade im Übermaß damit gesegnet bist."
Tbc
@Amélie: Die Wettquoten werden irgendwie immer niedriger...*stirnrunzel, brütender Blick zu den letzten Kapiteln* Wie wäre es als Ersatz mit Hivia und Elrond?
@Shelley: Sie kriegen sich, sie kriegen sich nicht, sie kriegen sich...ich brauch eine neue Blume, eine mit mehr Blättern, möglichst mit gerader Anzahl.
@MysticGirl: Zwelbin, ich kenne deine romantische Ader...keine Tote und das ist schon Romantik pur, du Nazgûl.
In der Kürze liegt die Würze, ich muss noch Weihnachtsgeschenke kaufen, einen Erste-Hilfe-Koffer für Elrond, Aspirin für Hivia, einen Wecker für Ayla und eine Rückenmassage für Haldir, Erinnermich für Shelley (Rückkehr n.H.Kl?), Folterwerkzeug für Mystic, neues ‚´' für Amelie in Gold, Kugelschreiber für Loriel (wo bleiben die Stories? Nu mail mir doch mal einen kleinen Auszug *bettel*)...Stress pur.
