Disclaimer: Noch immer alles Tolkien, bzw. seine Erben – mich nix. Schade…

19. Kapitel

Es wurde nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Eigentlich passierte überhaupt nichts, dass ein Exil in Bremdal für die nächsten Jahrtausende rechtfertigen würde.

Die verschiedenen Wettkämpfe begannen fast gleichzeitig. Hivia war die Aufgabe zugefallen, die Schwertkämpfe zu eröffnen, was ihr eine Menge freundlichen Spott einbrachte. Sie blieb eine Weile und beobachtete die aus Elben und Arenai gemischten Gruppen, die trotz ihrer unterschiedlichen Art zu kämpfen recht ausgewogen waren.

Anders war es bei den Axtkämpfern. Hier war kein Elb zu finden. Daran würde sich wohl auch in Zukunft kaum etwas ändern. Diese kraftraubende, brutale Auseinandersetzung mit den langen, schwarzen Sicheläxten passte irgendwie nicht zu den Elben. Hivia blieb etwas länger am Rand der mit Bändern abgesperrten Plätze, denn Lemna gehörte hier zu den Favoriten.

Die athletische Frau schwang die schwere Waffe mit einer Leichtigkeit, dass es ihre Gegner regelmäßig das Fürchten lehrte. Es war nicht immer ihre besondere Disziplin gewesen. Erst nachdem sie mit der fürchterlichen Verletzung in ihrem Gesicht aus einem Traum heimgekehrt war, hatte sie sich auf diese Kunst verlegt. Hivia wusste nur, dass ihr der tiefe Schnitt, der ihr fast den Schädel gespaltet hatte, von einem Gegner mit einer Axt beigebracht worden war. Für Hivia war es völlig verständlich, dass sie danach selber zu dieser Waffe gegriffen hatte. Schließlich erinnerte sie die Narbe jeden Tag daran, wie eindrucksvoll eine Axt sein konnte.

Ganz zuletzt schlenderte Hivia schließlich auf die Bahn der Bogenschützen vor der großen Tribüne. Elben und Arenai waren gleichermaßen angetreten. Was Hivia allerdings verblüffte, war Crics dürre Gestalt, die die anderen alle deutlich überragte.

„Meine Tanzpartnerin", begrüßte er sie mit einer Verbeugung und schenkte ihr sein etwas beängstigendes Lächeln. „Du musst mir Glück wünschen, Hivia Pferdeherrin."

„Ich wusste gar nicht, dass du hier antrittst", sagte sie mit einem Blick auf den Elbenbogen, den er behutsam in seinen langen Fingern hielt.

„Ich auch nicht", kicherte Cric. Er zwinkerte ihr zu. „Dorian erzählte Lady Elawen gestern Abend davon, dass wir Ihainym gute Bogenschützen sind. Die schöne Dame bat mich, doch heute Escalonde hier zu vertreten."

„Und? Bist du ein guter Schütze?"

Er wiegte den Kopf hin und her. „Ich werde den Pfeil wohl nicht in der Sehne zerbrechen, nicht wahr?"

Also war er sehr gut, vermutete sie mit einem breiten Grinsen. „Viel Glück, Cric."

Es lag sicherlich nicht an ihren guten Wünschen, dass der Ihainym am späten Nachmittag ohne große Schwierigkeiten zu den letzten Fünf gehörte, die schließlich um den Rang des besten Bogenschützen Arenors stritten. Cric sah zwar wie immer grotesk aus, wenn er auf den Platz schritt, umständlich einen Pfeil einlegte und schließlich den Bogen spannte, der im Vergleich zu seinen langen, dünnen Körper wie ein Spielzeug aussah, aber er verstand es zu zielen. Erst ganz am Ende unterlag er einem der Waldelben und auch nur um die Breite eines Fingers, die sein Pfeil von einem perfekten Treffer in die Mitte der kaum noch zu erkennenden Zielscheibe einschlug.

Er bekam trotzdem einen Preis von Lady Elawen überreicht. Stolz schwenkte er die kleine Silberstatue eines Bogenschützen und die überraschte Elbin herum, die sich schließlich etwas aufgelöst in die Arme ihres Gemahls flüchtete, worauf Cric sich auf Hivia und Dorian stürzte. Es gab den Anwesenden eine Ahnung seiner Kräfte, dass er beide ohne jede Anstrengung hochhob und herumwirbelte. Wahrscheinlich hätte es auch noch für Arn gereicht, doch der Grauwolf flüchtete mit einem empörten Heulen unter die Tribüne.

Ausgerechnet Hivia hatte dann auch noch die Ehre, die beiden Finalisten der Schwertkämpfe auszuzeichnen. Der Einfall musste von Drangar kommen, denn er grinste während der ganzen Preisverleihung wie ein Schwachsinniger. Das Gejohle, als sie dem arenorischen Sieger und auch dem aus Gildanna stammenden Zweitbesten die Preise übergab, war unbeschreiblich. Hivia kicherte selber ein paar Mal und zerstörte damit die feierlichen Worte, die zur Verleihung gehörten. Irgendwie hatten die Zuschauer schließlich Recht. Wer sich von ihnen daran erinnern konnte, wie sie sich damals selbst in den Boden gespießt hatte, konnte einfach nicht ernst bleiben.

„Ihr habt einen bemerkenswerten Sinn für Humor", erklang eine nur allzu vertraute Stimme dicht hinter ihr.

Hivia fuhr herum und starrte genau auf die silbernen Kordeleinfassungen einer graublauen Seidenrobe. Ihr Blick wanderte ohne ihr Dazutun langsam höher, bis er von schiefergrauen Augen einfangen wurde, in denen ein erheitertes Schimmern lag.

„Lord Elrond", stammelte sie. „Ihr seid also auch hier."

Wirklich brillant, schoss es ihr sofort durch den Kopf. Jetzt hält er dich endgültig für schwachsinnig. Wo bei Iluvatar sollte er auch wohl sonst sein?

„Wie schön, dass Ihr mich noch erkennt", sagte er spöttisch. „Ich befürchtete schon, der Treppensturz hätte einen völligen Gedächtnisverlust ausgelöst."

„Treppe?"

„Gestern Abend, meine Liebe. Drei Stockwerke." Die Erheiterung verschwand, was noch viel schlimmer war, denn Elrond besaß einen wirklich durchdringenden Blick. „An was erinnert Ihr Euch noch?"

Die goldene Brücke und sie brauchte nicht einmal lügen, jedenfalls nicht sehr viel. Hivia entspannte sich etwas. „Ich habe mit Cric getanzt und danach etwas zu Trinken gesucht. Wieso?"

Eine Antwort erhielt sie nicht darauf, denn Temlar tauchte auf und scheuchte sie mit einigen unfreundlichen Bemerkungen weg, um etwas mit dem Elbenlord zu besprechen. Kurz darauf gingen die beiden tief in ein Gespräch versunken zum Großen Haus zurück.

An diesem Abend begegnete sie keinem mehr von ihnen und auch am nächsten Morgen konnte sie während der ersten Rennen weder den Beobachter noch den Herrn von Gildanna entdecken.  Allerdings hielt sie auch nicht besonders nach ihnen Ausschau. Die Rennen hatten reibungslos zu funktionieren und dafür sorgte sie auch. Wann immer es um ihre Pferde ging, war sie eine gnadenlose Perfektionistin. Sie scheuchte Dutzende der Stallhelfer durch die Gegend, hatte fast alle Tiere gleichzeitig im Auge und tyrannisierte jeden einzelnen Reiter mit ihren Ermahnungen, unter keinen Umständen die Gesundheit der Pferde zu riskieren. Andernfalls riskierte der Übeltäter seine eigene Gesundheit umso mehr, war zwischen den Zeilen deutlich zu verstehen.

Einhundert Reiter traten an, jeweils zehn in einer Gruppe und nur der beste von ihnen würde den Endlauf am späten Nachmittag erreichen. Hivia war zu sehr mit der Organisation beschäftigt, um sich noch großartig um Ithilion zu kümmern. Er wurde von Bengar versorgt. Dementsprechend beunruhigt war sie, als der junge Arenai sie eine Stunde vor dem letzten Rennen an der Bahn aufsuchte.

„Ist etwas mit ihm?" fragte sie scharf.

„Herrin, du solltest besser zu den Ställen kommen", stammelte Bengar unruhig. „Ich kann ihn nicht herbringen. Es tut mir so leid."

Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Hivia bedachte ihn mit einem wütenden Fluch und rannte los. Wenn Elronds Pferd irgendetwas passiert war, während Bengar über ihn zu wachen hatte, würde sie den jungen Mann wirklich übel zurichten. Hivias Phantasie überschlug sich fast mit den schrecklichsten Erkrankungen und Verletzungen. Sie rechnete damit, den großen, silbergrauen Hengst tot auf dem Boden zu finden, als sie endlich die Ställe erreichte. Für einen Moment versagte ihre Wahrnehmung im Wechsel des hellen Sonnenlichts zum kühlen Dämmerlicht des Stalles, doch dann erkannte sie Ithilions vertraute Silhouette in seiner Box.

„Was hast du, mein Schöner?" murmelte sie und trat langsam zu ihm.

Er war nicht anders als sonst. Keine Unruhe war in ihm, das Fell glänzte wie flüssiges Silber und seine Augen waren klar und so wissend wie immer. Alles schien für das Rennen bereit. Sein Zaumzeug hing am Haken neben der Boxentür, über dem Rand lag sorgfältig gefaltet die dunkelblaue Reitdecke mit dem Symbol Gildannas in den hinteren Ecken - ein Halbmond, in den sich ein Kreuz aus fünf goldenen Sternen schob.

„Wann gedachtet Ihr, mich zu fragen?"

Hivia fuhr herum. Sie hätte nicht entsetzter sein können, wenn ein Balrog in der Stalltür gestanden hätte. „Elrond!"

„Ja, Elrond", imitierte er sie spöttisch. Er stand mit dem Rücken zum Licht und sie konnte sein Gesicht nicht erkennen. Dem Klang seiner Stimme nach zu urteilen war er nicht sehr begeistert. „Ihr erinnert Euch tatsächlich an den Mann, dem dieses Pferd dort gehört. Wenn ich mich nicht irre, das Pferd, mit dem Ihr heute zu diesem Rennen antreten wollt. Und, irre ich mich?"

Langsam schüttelte sie den Kopf.

„Ich wiederhole mich nur ungerne, Hivia, aber wann gedachtet Ihr, mich um Erlaubnis zu fragen?"

Ihr Blick wanderte zu Ithilion zurück. Er war ein Bremdal-Pferd, ein Abkömmling Mellivils und sie war dabei gewesen, als er zur Welt gekommen war. Alles was dieses Tier ausmachte, war ihrer harten Arbeit zu verdanken und ihrer Liebe zu Bremdal. „Muss ich Euch um Erlaubnis fragen, Lord Elrond?"

Überrascht schwieg er und kam dann langsam näher. Im Schatten des Stalls erkannte sie einen nachdenklichen Ausdruck auf seinem Gesicht. „Temlar sandte ihn im Frühjahr nach Gildanna. Ich nehme nicht an, dass er Euch um Eure Zustimmung bat."

„Er wies mich an, ein Pferd auszusuchen, das für den Herrn von Gildanna geeignet wäre. Ich hatte die Wahl zwischen Ithilion und Glormir. Wem Glormir zugedacht war, wisst Ihr. Aylas Pferd hättet Ihr niemals bekommen, also musste ich mich von ihm trennen."

„Also habt Ihr ihn mir quasi nur geliehen."

„Nein", widersprach sie hastig. „Natürlich gehört er Euch. Es ist nur-„

Er brachte sie mit einer seiner knappen, aber dennoch so ausdrucksvollen Gesten zum Verstummen. „Schon gut, Hivia. Ich verstehe Euch besser als Ihr denkt."

Bei Iluvatars ewigem Licht, er verstand überhaupt nichts! Wie sollte er auch? Elrond würde nie begreifen, dass ihr das Gestüt der ganze Lebensinhalt war. Für ihn gab es ganze Welten, die er gesehen hatte. Zeitalter und so viele verschiedene Leben, die vor ihm gelebt wurden. Sie hatte nur Bremdal und Arenor. Es war wirklich hoffnungslos. Hivia stand kurz davor, in Tränen auszubrechen.

„Ihr habt mir mit Ithilion ein sehr großzügiges Geschenk gemacht", sagte er leise. „Ich wünschte, ich könnte ihn immer so behüten, wie Ihr es wohl getan hättet."

Verwundert sah sie ihn an. Ein Schatten schien auf ihm zu lasten, den sie nicht verstand. „In Gildanna geht es ihm gut, Lord Elrond. Warum macht Ihr Euch Sorgen?"

Sie musste sich getäuscht haben, denn der vertraute milde Spott in seinen Augen war wieder da.

„Vielleicht bin ich es nur nicht gewöhnt, dass mein Pferd entführt wird." Er strich über Ithilions Mähne. „Ihr solltet Euch jetzt beeilen, sonst verpasst Ihr noch den Start."

Sie nahm die Reitdecke und das Zaumzeug. Elrond hatte Recht, viel Zeit blieb ihr nicht mehr und Ithilion musste noch bewegt werden.

„Werdet Ihr zuschauen?" fragte sie, ohne sich zu ihm umzudrehen.

„Natürlich, Hivia. Manchmal begegnet man der Zukunft durch die Erinnerungen an die vergangenen Freuden versöhnlicher."

„Hast du ihn etwa verstanden?" erkundigte sie sich bei Ithilion auf dem Weg zur Rennstrecke. Bremdals Stolz wandte ihr kurz den Kopf zu, einen wissenden Ausdruck in den klaren, dunklen Augen. Frustrierend, dachte Hivia, dieses Pferd versteht Elrond besser als ich.

Außerdem war dieses Pferd auch noch sehr viel schneller und konzentrierter als seine eigene Reiterin. Ithilion lief das Rennen im Grunde ganz alleine. Hivia saß zwar auf seinem Rücken, aber vom ersten Moment an wusste er auch ohne ihre Hilfe genau, was von ihm erwartet wurde. Ithilion hatte den Willen zu siegen. Er stürmte den Hügel hinauf, hatte bereits einen Vorsprung, als sie das Birkenwäldchen umrundeten und setzte in absoluter Vollendung über die niedrigen Hindernisse. Sein Lauf war ohne jeden Makel und Hivias einzige Aufgabe bestand darin, ihn nicht zu behindern. Tief über seinen Hals gebeugt saß sie auf seinem Rücken, ließ die Zügel frei und genoss das berauschende Gefühl, diese Gnade der Valar begleiten zu dürfen.

Hivia hätte ewig weiter reiten können, aber der Kurs war einfach nicht so lang und Ithilion besaß die unglaubliche Arroganz, noch vor der Ziellinie mit einem deutlichen Vorsprung vor seinen Verfolgern das Tempo zu verringern und mit elegantem Schwung vor der Tribüne zum Stehen zu kommen. Triumphierend reckte sie die Fäuste in die Luft und stieß einen Jubelschrei aus, der im Getöse der Zuschauer unterging. Dann verließ sie die Anspannung und sie sank nach vorne. Das Gesicht in Ithilions Mähne vergraben, wartete sie mit geschlossenen Augen darauf, dass sich ihr schneller Atem beruhigen würde. Die Geräusche der ankommenden Reiter und der auf die Bahn strömenden Zuschauer hüllten sie für einen langen, süßen Moment in den Kokon eines vertrauten Lebens, in dem alles so war, wie es seit Jahrtausenden sein sollte.

Wenn sie die Macht gehabt hätte, die vergangenen zwei Jahre wären ausgelöscht und alle Veränderungen mit ihnen.

Hände schlossen sich um ihre Taille und hoben sie sanft und sicher wieder auf den festen Boden Arenors und der Realität zurück.

„Und für wen sollen wir diesen Sieg nun zählen?" fragte Elrond lächelnd. „Für Ithilion und Gildanna oder für Euch und Arengard?"

„Für beide, denke ich. Wie wollt Ihr das auch noch länger trennen?"

Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch keinen Preis überreicht bekommen. Bei ihren früheren Siegen hatte es das nicht gegeben. Hivia mochte diese neue Sitte sehr und nahm sich vor, die nur handgroße Reiterfigur aus Silber in Bremdal an einen Ehrenplatz zu stellen. 

‚Das Ende eines perfekten Tages', ging es ihr durch den Kopf, als sie am Abend den Blick durch den Festsaal schweifen ließ. Sie war müde, aber nicht erschöpft und glücklicherweise nicht betrunken. Die Stimmung der anderen übertraf noch die des ersten Abends, der Weinverbrauch allerdings auch.

Hivia setzte sich ruckartig auf und suchte unter den Anwesenden nach den ihr vertrautesten Gesichtern. Dorian und Cric mochten sich wohl draußen in den Straßen herumtreiben, doch es ging nicht an, dass Drangar, Cimriel und Temlar fehlten. Am allerwenigsten erklärte sich, warum der Herr von Gildanna nirgendwo zu finden war.

„Wo sind denn alle?" erkundigte sie sich bei Lady Elawen.

Über das schöne Gesicht der Elbin glitt ein Schatten. „Offenbar kam ein Bote aus Escalonde. Cimriel wurde in die Kaminhalle gerufen. Alle anderen sind wohl schon da."

Hivia war wie vor den Kopf geschlagen. ‚Alle anderen'? Offenbar nicht alle, denn sie befand sich nicht dort und immerhin war sie die Herrin Bremdals.

„Entschuldigt mich", stieß sie hervor und sprang auf.

Mit langen Schritten, den Kopf wütend vorgereckt stürmte sie aus dem Festsaal und marschierte durch die verlassenen Gänge auf die Kaminhalle zu. Sie war es endgültig leid, dass niemand sie ernst nehmen wollte. Ob sie nun ein Schwert schwingen konnte oder nicht, immerhin gehörte sie zu den ältesten Arenai und Bremdal war auch nicht gerade eine Aufgabe, die ein schwachsinniges Kind bewältigen konnte.

Energisch stieß sie die Türen zur Kaminhalle auf. Sie waren tatsächlich alle da. Die Beobachter, die Elben, sogar dieser abgerissene kleine Breill, der kaum noch Zähne hatte und ständig mit einem übelriechenden Pflanzensaft um sich spuckte.

Mit ernsten Mienen standen sie um ein Ende des großen Tisches herum und betrachteten eine große Karte, die darauf ausgebreitet war.

„Du hast dir wirklich Zeit gelassen", knurrte ihr Drangar entgegen. „Ich dachte schon, du kommst nicht mehr."

Hivia schnappte nach Luft. Wovon redete er eigentlich? Sie erinnerte sich zwar dunkel, dass er ihr im Festsaal etwas zugemurmelt hatte, aber sie war in Gedanken wieder beim Rennen gewesen und hatte gar nicht richtig hingehört. Unangenehme Röte kroch ihre Wangen hinauf, während sie langsam näher trat.

Zum Glück waren die Männer sehr viel mehr mit der Karte beschäftigt, um weiter auf sie zu achten.

„Also hier, hier und hier." Elrond platzierte drei polierte Edelsteine, die sonst den Tischaufsatz schmückten, auf der Karte. „Du bist sicher, Dingis?"

„Oh ja, Herr. Das ist genau die Marschrichtung. Der größte Teil jedoch bewegt sich auf die Westgrenze Taurhoss zu. Es müssen mindestens an die dreitausend sein."

„Was ist mit den Levarin?" wollte Dorian wissen.

Dingis schüttelte den Kopf. „Die Drakan sind wie eine Flutwelle über den Felsenfall gekommen. Die meisten Levarin konnten durch die Tunnel fliehen und suchen nun Zuflucht bei den Ihainym."

„Der Wald wird sie eine Weile aufhalten können", raunte Cric. Er rückte etwas zur Seite, damit Hivia vor ihn an den Tisch konnte.

„Das denke ich auch", sagte Elrond nachdenklich. „Die beiden Truppen, die ihn offenbar umgehen, machen mir mehr Sorgen."

„Sie rücken auf Arenor zu", sagte Cimriel. „Ich bin sicher, wir können sie auf der Landbrücke schlagen, aber dann sind wir von Escalonde abgeschnitten. Sind das auch mehrere tausend, Dingis?"

„Nein, jeder Trupp besteht aus ungefähr fünfhundert Soldaten der Angram-Garde, keine Drakan. Sie rücken schnell vor und ihr müsst damit rechnen, dass sie in spätestens drei Tagen die Landbrücke geschlossen haben."

Ein kaltes Gefühl kroch Hivias Wirbelsäule hinauf. Die drei weißgrauen Steine auf der Karte sahen so harmlos, so schön aus, dabei stand jeder von ihnen für eine Bedrohung und für Krieg...Sie verschränkte die Arme vor der Brust, damit niemand bemerkte, dass ihre Hände zu zitternd begannen.

„Die Angram-Garde ist unser dringendstes Problem." Elronds Augen waren so hart und kalt wie Diamanten, als sie sich auf Hivia richteten. „Wir brauchen starke Reiterei, um sie weit vor der Küste abzufangen. Hivia, wie viele Pferde stehen uns jetzt zur Verfügung?"

„Sechshundert." Sie räusperte sich. Ihre Stimme war zu heiser. „Bis zur Dämmerung. Noch mehr in zwei Tagen. Ungefähr achtzig sind in Bremdal zurückgeblieben. Es sind trächtige Stuten und Fohlen, außerdem einige der Alten. Die könnt Ihr nicht in eine Schlacht reiten. Dann noch die in Gildanna und die in Ithuris, soweit sie nicht zum Sommerfest hergebracht wurden."

„Das dürfte reichen." Er entließ sie aus diesem fürchterlichen Blick, in dem sich die Schrecken der kommenden Kämpfe schon abzeichneten. „Wir werden zwei Einheiten aus Arenai und Elben ausschicken, beritten und jeweils zweihundert Mann stark. Drangar, Ihr kümmert Euch darum. Ihr habt zwei Stunden, dann müsst Ihr abmarschbereit sein. Vernichtet sie und wartet dann, bis die Beobachter bei Euch sind. Richtet Euch darauf ein, längere Zeit dort draußen bleiben zu müssen. Gilawan wird die Gruppe anführen, die nach Norden aufbricht."

„Und der Wald?" fragte Cric leise.

Elrond gewährte ihm ein schwaches Lächeln. „Er wird nicht ungeschützt bleiben. Bis zum morgigen Abend wird das Gros unserer Krieger abmarschbereit sein. Wir werden direkt nach Taurhoss marschieren und Eure Westgrenze schützen."

„Für wie lange, Meister Elrond?"

„Bis der Ring geschlossen ist", ließ sich Temlar vernehmen. „Es wird eine Zeit dauern, unsere Plätze einzunehmen und die Verbindung zu errichten, aber dann ist Taurhoss und jeder andere Zugang zu Arenor für die Bergherren verschlossen."

Elrond nickte ihm nur zu.

„Wovon redet ihr eigentlich?" Zumindest jetzt war Hivia nicht die einzige, die völlig verständnislos den Elbenlord und den Beobachter anstarrte. Drangar und Dorian wirkten auch nicht sehr viel wissender. „Welchen Ring können die Beobachter schließen?"

„Einen Schutz!" schnauzte Temlar sie an. „Unsichtbar und für so unterentwickelte Gemüter wie deines auch niemals zu verstehen. Denkst du, die Valar haben uns hierher geschickt, damit wir bis zum Beginn der Ewigkeit in Quellen blicken und eure Träume bewahren? Jetzt halte uns nicht länger mit deinen nutzlosen Fragen auf. Frag den Elb, wenn du es unbedingt genauer wissen willst."

Begleitet von den anderen seiner Art verließ er die Kaminhalle. Hivia krümmte sich innerlich unter dieser schroffen Zurechtweisung.

„Er ist wie unser Lei", flüsterte ihr Cric tröstend zu. „Das ist ihre Art, ihre Macht."

„Dennoch hat er Recht", sagte Elrond. „Die Zeit läuft uns davon. Drangar, Ihr wisst, was Ihr zu tun habt. Cimriel, die Torwachen müssen bereit sein, wenn es uns nicht gelingt, die Angreifer aufzuhalten und den Ring zu schließen. Weiß jeder, was von ihm erwartet wird?" Elrond wollte keine Antwort, ganz besonders keine verneinende. „Gut, dann hat Arenor binnen einer Stunde kampfbereit zu sein."

Hivia dachte mit Schaudern daran, dass die meisten ihrer Helfer betrunken in der großen Halle herumtorkelten. In einer einzigen Stunde wenigstens den ersten Teil bewaffnet auf die Beine zu bringen, würde ein hartes Stück Arbeit sein. Vierhundert Elben, Arenai und Pferde voll ausgerüstet binnen zwei Stunden abmarschbereit zu haben, war ein Wunder, für das sie die Hilfe der Valar brauchten.

Ob es nun die Valar waren oder einfach nur Drangars und Cimriels mörderische Entschlossenheit ließ sich später nicht mehr klären. Die beiden Männer sprengten binnen Minuten sämtliche Festivitäten in Arengard.

Seit die Träumer vor langen Monaten erwacht waren, hatte es immer wieder Übungen gegeben, die genau diese Situation vorgespielt hatten. Zumindest die Arenai wussten genau, was nun von ihnen erwartet wurde und die Elben schöpften aus Jahrtausenden kriegerischer Erfahrungen in ihrem früheren Leben. Während Hivia also mit scharfer Stimme ihre Helfer von einem Stall zum nächsten scheuchte, bergeweise Reitdecken heranbringen ließ und den langsam abmarschbereiten Kriegern Pferde zuteilte, soweit sie noch keine eigenen hatten, gelang es ihr ganz gut, ihr eigenes Entsetzen zu unterdrücken.

Erst als sie am Tor stand und beobachtete, wie die gemischten Reitertrupps schnell und ohne einen Blick zurück auf die Landbrücke hinausstürmten, überkam sie erneut das ganze Entsetzen dieser Nacht. Den Reitern folgten langsamer fünf Beobachter, alte Männer in staubgrauen und grünbraunen Umhängen. Temlar blieb noch hier. Er würde erst dann Arenor verlassen, wenn auch die Hauptstreitmacht Elronds bereit war, um sie alle bis an die Westgrenze des Waldes zu begleiten. Er und die anderen waren nicht das, was sie ihr Leben lang geglaubt hatte. Hivias Welt zerbrach und sie fürchtete sich vor der, die sie nun erwartete.

Auf der Suche nach etwas Vertrautem schlich sie sich in einen der Wachtürme und stieg hinab in das Kellergewölbe, das den Zugang zum unterirdischen Fluss hatte. Sie setzte sich auf den Rand des Anlegers und ließ die Beine über den Rand baumeln. Nur eine Handbreit trennte ihre Füße von der schimmernden Wasseroberfläche. Die Boote waren fort, schon seit Wochen. Sie rief sich diesen Tag ins Gedächtnis zurück.

„Du bist leichtsinnig." Oryn erhob sich aus seinem Element und ließ sich neben ihr nieder. „Inzwischen weiß ich, dass dein Volk nicht schwimmen kann."

„Und woher willst du das so genau wissen?" Sie war schon lange nicht mehr ärgerlich auf ihn, obwohl sie in dieser Nacht eigentlich besonders Grund dazu hatte.

„Deine Schildmeisterin demonstrierte es vor einiger Zeit recht eindrucksvoll." Er machte sofort eine beschwichtigende Geste. „Sie ist nicht ertrunken. Der Elb hat sie wieder an Land gezogen."

„Dann leben sie noch?"

„Ich kann es dir nicht sagen, Pferdeherrin. Schon vor Tagen verließen sie mich. Der Rückweg mit meinen Kindern ist ihnen jedoch versperrt. Sie werden über Land heimkehren müssen."

Über Land...Hivia kämpfte gegen das eisige Gefühl in ihrem Innern an. „Truppen rücken von allen Seiten auf uns zu."

„Ich weiß."

„Wie sollen sie Arenor erreichen? Sie sind so wenige."

Oryn beugte sich vor und berührte mit seinen kristallklaren Fingern ihre Wange. Ein prickelndes Gefühl entstand auf ihrer Haut. Nicht unangenehm und neue Zuversicht erfüllte sie. „Du musst Vertrauen haben, Arenai."

*

„Die Männer brauchen eine Rast", stellte Joltan fest und drehte sich wieder im Sattel um.

Connar warf ihm nur einen düsteren Blick zu. Natürlich brauchten die Männer eine Rast, aber sie hatten einfach nicht die Zeit dazu. Gerade eben rückte das große Heer der Drakan aus Dra-Baran und Naubar auf die Westgrenze des Grimmigen Waldes zu. Wenn es der Angram-Garde nicht gelang, die Unterstützung von dieser verfluchten Insel abzuschneiden, würde es kein gutes Ende nehmen.

„Connar, wir müssen rasten. Du kannst nicht erwarten, dass sie noch kämpfen, wenn sie seit Wochen in diesem brutalen Tempo vorrücken."

Zähneknirschend gab der Angram-Hauptmann den Befehl, zum ersten Mal seit ihrem Weitermarsch am frühen Morgen wieder anzuhalten. Seine berittenen Unterführer signalisierten den Halt an ihre jeweils einhundert Mann starken Einheiten, die im Gegensatz zu ihnen zu Fuß unterwegs waren. Die Männer sanken einfach da, wo sie gerade gestanden hatten auf den staubigen, harten Boden, suchten nach ihren Wasserflaschen und ließen in der glühenden Mittagshitze einfach nur die Köpfe hängen.

Was für eine lausige Truppe, dachte Connar angewidert und spuckte aus. Das Leben in der Festung hatte sie verweichlicht. Regelmäßige Dienste, Vergünstigungen und gute Verpflegung waren der Tod jedes ehrlichen Soldaten. Jetzt kommandierte er einen Haufen jammernder Weiber, der sich über die schlechte Versorgung, Blasen an den Füßen und das harte Tempo tagaus tagein beschwerte. Die Oberlippe voller Ekel hochgezogen, ließ Connar seinen Blick über seine Soldaten schweifen, von denen nicht wenige zu Beginn des Marsches kaum noch in ihre Rüstungen gepasst hatten. Jetzt saßen die Brustpanzer wieder deutlich besser.

Hoffentlich fanden sie diese Lichtinsel genauso ungeschützt vor, wie es ihm sein Herr versprochen hatte. Morcrist hatte sich zwar noch nie geirrt, doch Connar hatte ein schlechtes Gefühl bei der ganzen Angelegenheit. Der Bergherr hatte sich seltsam bedeckt gehalten, was die Bewohner der Insel und ihre Herkunft anging. Ein ungewohntes Verhalten, denn der Bergherr zog sonst immer ausschweifend und voller Häme über seine Feinde her.

Es wäre ehrlicher gewesen, Morcrist den schlechten Zustand seiner Truppe zu beichten, doch Connar hatte keine Lust, im Klauengriff des Bergherrn seinen Verstand auszuhauchen. Außerdem hätte er dann zugeben müssen, dass Bruken wohl der bessere Hauptmann war, denn dessen Einheiten waren in einem exzellenten Zustand. Connar konnte nur hoffen, dass sich sein ewiger Konkurrent irgendwo in den Marschen verlaufen hatte und nun zu spät an der Landbrücke ankam.

Er wollte den Ruhm, diese Eindringlinge festgenagelt zu haben, ganz alleine ernten.

„Wir marschieren weiter!" schnauzte er Joltan an. „Diese faulen Säcke können sich ausruhen, wenn wir die Lichtinsel eingenommen haben. Bring sie schon auf die Beine."

Connar schwang sich wieder auf sein Pferd und setzte sich in Bewegung.  Bald hörte er hinter sich das gleichmäßige, wenn auch etwas schwerfällige Geräusch, mit dem die fünfhundert Männer den Marsch auf die Lichtinsel wieder aufnahmen. Ihre festen Stiefel brachten den knochentrockenen Boden leicht zum Vibrieren, eine Staubwolke umgab sie und erschwerte das Atmen, bis aus fünfhundert Kehlen das stoßweise Keuchen zu einem Geräusch wurde, das Connar schon lange bis in seinen Schlaf verfolgte.

Viel beruhigender erschien ihm da doch das Klirren der vielfältigen Waffen, mit denen seine Männer ausgerüstet waren. Mit den langen breiten Schwertern machte ihnen in Escalonde so schnell keiner was vor. Sie hatten Bogen dabei und prallgefüllte Köcher, die gegen die runden, mit Eisenbändern beschlagenen Schilde schlugen, die noch auf ihre Rücken gespannt waren. Worauf Connar besonders stolz war, waren die Morgensterne mit der faustgroßen, dornengespickten Eisenkugel, die alles zertrümmerten, auf das sie trafen. Bruken hielt nicht viel von dieser Waffe. Seine Männer waren mit armlangen Keulen ausgerüstet, die am Kopf mit langen spitzen Nägeln ausgestattet waren.

Der Bastard würde schon sehen, wer die bessere Waffe für seine Männer gewählt hatte.

Bei dem Gedanken an seinen Konkurrenten beschleunigte er unwillkürlich das Tempo. Wenn er aus diesem Kampf siegreich zurückkam, war es gut möglich, dass Meister Alben diesen versoffenen Idioten von Conrin absetzte und ihm den obersten Schutz der Bergfestung anvertraute.

Hinter ihm stöhnten die Soldaten auf, passten sich aber dem Tempo an. So schlecht waren sie eigentlich gar nicht. Immerhin war der Weg von Angram bis hierher recht weit. Es hatte sie jetzt einen tagelangen Umweg gekostet, den Grimmigen Wald an seiner Südflanke zu umgehen. Wenn die Drakan ihn erst eingenommen und dem Erdboden gleichgemacht hatten, würde sich der Weg angenehm verkürzen.

Connar ließ seinen Blick unruhig nach Westen wandern. Die Landschaft war zu hügelig, um die aufdringlich grüne Linie dieses verhexten Ortes zu erkennen, doch es genügte das Wissen um seine Existenz. Die seltsamsten Geschichten kursierten über diesen Wald und seine Bewohner. Vielleicht waren einige davon Hirngespinste, aber es stand jedenfalls fest, dass niemand ihn wieder verließ, der sich dort hinein verirrte.

Connar wandte sich lieber wieder nach Osten, seinem eigentlichen Ziel zu. Auch nicht besser, stellte er fest. Die Zwischensee war genauso feindlich. Nur die Nimjinds waren verrückt genug, dort auf Fischfang zu gehen und selber zum Futter für die widerlichen Schnecken zu werden. Nun, die Schleimwesen würden sich jetzt wohl eine andere Futterquelle suchen müssen. Meister Albens feuerspuckendes Haustier hatte gründlich unter den rebellischen Steinschädeln aufgeräumt. Zu schade, dass es Dranguru immer so auslaugte. Der Drache würde jetzt die nächsten Jahre in seiner Schatzkammer herumliegen, sich Futter heranschaffen lassen und dummes Gewäsch von sich geben.

Nein, die Bergherren brauchten ihre Angram-Garde und ganz besonders natürlich einen so fähigen Hauptmann wie ihn, um ihre Machtstellung auf Escalonde auch weiterhin zu halten.

„Hast du ihn gesehen?"

Joltans Frage riss ihn aus seinen angenehmen Träumen von einem schnellen Sieg und einer triumphalen Rückkehr in die Bergfestung.

„Den Grauwolf", erklärte Joltan und deutete nach vorne auf die Hügelkette, die sich gut fünfhundert Schritt nördlich erhob.

Connars Blick glitt über die Hügelkämme. Das einzige, was er sah, waren ein paar vertrocknete Büsche. „Da ist nichts."

„Ich habe einen Grauwolf gesehen", beharrte sein Unterführer, das breite, vernarbte Gesicht voller Trotz in eine Grimasse verzogen. „Ich schwöre es."

„Und was ist, wenn dort einer war? Es ist nur ein Wolf."

„Sie ziehen mit den Breill umher."

„Die Breill. Soll ich jetzt etwa Angst haben?" Entgegen seiner Worte suchte er nochmals den Hügel nach der Silhouette eines dieser räudigen Viecher ab. „Du weißt genau, dass die Breill ein Heer wie unseres nicht angreifen würden. Die feigen Mistkerle trauen sich nur an kleine Patrouillen heran."

„Aber da war ein Grauwolf", beharrte Joltan störrisch.

„Verschon mich mit deinem ängstlichen Gewäsch!" fuhr Connar ihn wütend an. Vielleicht wurde es langsam Zeit, über einen Ersatz für Joltan nachzudenken. Der Mann war einfach schon zu lange im Dienst und begann, Gespenster zu sehen. Oder er hatte Angst. Ein Zustand, den ein Offizier der Angram-Garde gar nicht erst kennen sollte.

Natürlich war kein Wolf und auch kein Breill zu sehen, als sie den Hügelkamm erreichten. Connar bedachte Joltan mit einem langen, spöttischen Blick, dem sein Stellvertreter mit hochrotem Kopf auswich.

Sie überquerten diesen Hügel und ritten in die mit kurzem, harten Schachtelgras bewachsene Ebene, die zu einer weiteren Hügellinie führte. Dahinter würde das Flachland beginnen, das die nahe Küste anzeigte. Nur ein Tagesritt trennte sie dann noch von ihrem Ziel und Connars glorreichem Sieg, der ihn dem Kommando über die Festung endlich zum Greifen nahe bringen würde.

„Drangurus Feueratem!"

Schon wieder riss ihn Joltan aus seinen Träumen. Connar wurde langsam ärgerlich.

„Noch mehr Wölfe?" knurrte er wütend.

Doch nicht nur Joltan war es diesmal, auch die anderen Gardisten murmelten Verwünschungen und starrten mit aufgerissenen Augen nach vorne. Endlich blickte auch Connar in diese Richtung.

Es war kein Wolf, der dort auf dem Hügelkamm auf sie wartete. In einem Winkel seines Herzens wünschte sich Connar, es wäre so. Wie aus dem Nichts waren Reiter auf dem Hügel erschienen. Sie bildeten eine dichte Linie und es mussten mindestens zweihundert sein. Keiner von ihnen bewegte sich, selbst ihre Pferde standen absolut ruhig wie Statuen vor dem verblassenden Grau dieses Sommertages.

„Sie sind so groß", hauchte jemand hinter ihm.

„Und sie leuchten", rief ein anderer. „Seht euch das an, sie leuchten von innen heraus."

„Lichtbringer."

Mit einem wütenden Befehl brachte Connar seine Männer zum Schweigen. Er konnte die aufsteigende Furcht unter ihnen regelrecht riechen. Nicht, dass es ihm sehr viel besser erging. Plötzlich war sein Mund wie ausgetrocknet und das Atmen schien ihm mühsamer als noch vor wenigen Augenblicken. Die bewegungslosen Reiter banden seinen Blick. Wenn das ihr Feind war, dann wunderte es ihn nicht mehr, dass Meister Morcrist sie ihm nicht hatte beschreiben können.

Worte reichten alleine gar nicht aus, das magische Licht zu beschreiben, das sie umgab. Selbst die Pferde, die mit keinen zu vergleichen waren, die Connar jemals begegnet waren, schienen von dieser Aura umfangen. Einen kurzen Moment übermannte ihn die Gier, eines dieser unglaublichen Geschöpfe zu besitzen. Sogar die Bergherren würden ihn darum beneiden.

„Das sind keine Escalonder", verkündete Joltan das Offenkundige. „Woher stammen sie, Connar?"

„Ich weiß es nicht", sagte er unsicher.

Oh nein, das waren sicherlich keine Escalonder. Sein Blick strich über die Reiter und sog die Einzelheiten ihres unbekannten Feindes auf, um sie fast gegen seinen Willen mit der Erfahrung eines Soldaten einzuordnen. Diese Krieger – und Krieger waren sie – waren atemberaubend. Selbst auf diese Entfernung erkannte er die Perfektion jedes einzelnen davon.

Zwei unterschiedliche Gruppen ließen sich bei genauerer Betrachtung ausmachen. Die einen waren ganz in schwarz gekleidete Krieger mit schwingenverzierten Silberhelmen. Sie wirkten schwer gepanzert und ihre Waffen furchterregend, da sie ebenfalls schwarz waren und nur wenige silberne Verzierungen aufwiesen. Diese Krieger standen jeweils im Wechsel mit solchen, die ganz anders in ihrem Erscheinungsbild waren. Zum einen waren sie viel schmaler und fast unwirklich schön. Zum anderen war ihre Kleidung nicht so einheitlich wie die der schwarzen Kämpfer. Connar erkannte alle Farben wieder, die auch in den Edelsteinen zu finden waren, mit denen sich die Bergherren so gerne umgaben. Außerdem waren diese Krieger barhäuptig und trugen ihre Haare überraschend lang, wenn auch in unterschiedlicher Art aus dem Gesicht geflochten.

„Sind das Menschen?" fragte einer der Offiziere.

Connar schüttelte über so viel Blindheit nur den Kopf. Menschen! Eher stammten sie entfernt aus einer Linie mit den Bergherren ab. Natürlich nicht wie Meister Alben, dessen hässliche Fratze für Alpträume sorgte. Eher wie Morcrist, auch wenn die Ähnlichkeit nur ganz gering war.

Joltan bewegte sich unruhig im Sattel. „Was machen wir jetzt?"

„Lass mich nachdenken!" fauchte Connar ihn an.

Nach dem ersten Schock konnte er langsam wieder klarer denken. Das dort war der Feind, gegen den sein Meister ihn ausgesandt hatte. Vielleicht waren die zweihundert Reiter die einzige Streitmacht, die die Insel ihnen entgegen geschickt hatte. Er sollte verdammt sein, wenn er sie nicht in die Knie zwingen würde und stattdessen Bruken den Ruhm überließ.

Es erklärte sich auch, woher sie von seinem Anmarsch wussten, als er versteckt zwischen ihnen die Gestalt einer Breill mit ihrem Grauwolf ausmachen konnte. Die Pest über Dorians verlaustes Haupt, fluchte er im Stillen.

Wir sind in der Überzahl, überlegte er fieberhaft. Außerdem scheinen die langhaarigen Krieger eher Edelleute zu sein, die mit Sicherheit nicht so gefährlich sind. Wir können sie schlagen.

„Was machen sie da?"

Connar wusste auf Joltans Frage auch keine Antwort. Die schwarzgekleideten Krieger lenkten ihre Pferde einige Schritte den Hügel hinunter und blieben dann in einer nun sehr viel lockereren Reihe wieder stehen. Die anderen hingegen glitten alle im gleichen Moment vom Rücken ihrer Reittiere. Connar blinzelte ungläubig, als die Pferde sich dann langsam einige Schritte hinter die Hügelkuppe zurückzogen, auch beinahe gleichzeitig und ohne dass ihnen die Reiter einen Befehl gegeben hatten.

„Das ist Zauberei", erklang es furchtsam von einem der Soldaten.

Connar fuhr wütend herum und trieb sein Pferd auf den entsetzten Mann zu. „Halt den Mund, du Wurm!" schrie er ihn an. „Wir sind die Angram-Garde und keine heulenden Weiber, die sich von ein paar langhaarigen Schwächlingen in die Flucht schlagen lassen. Wir werden kämpfen und wir werden siegen. Es sind nur eine Handvoll und sie haben keine Ahnung, mit wem sie es hier zu tun haben. Wir sind die Herren von Escalonde – vergesst das nicht! Oder wollte ihr zurück zu Meister Morcrist kriechen und ihm berichten, dass ihr beim ersten Anblick dieser rausgeputzten Bastarde getürmt seid?"

Es war wohl nicht so sehr der Appell an ihren Stolz sondern eher die Angst vor Morcrists Vergeltung, die den Kampfgeist schürte, aber immerhin wirkte es. Mit neuerwachtem Mut entledigten sich seine Männer ihres Marschgepäcks und nahmen Kampfposition ein. Fünf Reihen tief ließ er sie sich aufstellen, die Unterführer jeweils an der rechten Flanke, um von dort die Befehle weiterzugeben, die er aus seiner Position hinter den Reihen gab. Die beiden vordersten Reihen nahmen ihre Rundschilde hoch und zückten ihre Schwerter. Die drei Reihen dahinter hatten bereits ihre Bogen vom Rücken genommen. Sobald sie in Reichweite waren, würde ein tödlicher Regen auf die fremden Krieger niedergehen. Diese Dummköpfe hatten nicht einmal Schilde bei sich, sie würden sie durchlöchern.

Zunächst noch langsam setzte sich sein Heer in Bewegung. Bei jedem Schritt schlugen die Männer mit den Schwertern gegen ihre Schilde. Das drohende Geräusch war Musik in seinen Ohren.

Auf der anderen Seite rührte sich gar nichts. Entweder waren diese Fremden unerfahren oder überheblich. Connar war das egal, umso leichter würde es für ihn. Sein Optimismus wurde noch verstärkt, als die fremden Reiter nun langsam den Hügel hinunterritten. Sie verkürzten selber die Zeit, bis die Bogenschützen sie wie Tauben auf dem Dachfirst abschießen konnten.

Die Bewegung war zu schnell, um sie wirklich mit den Augen verfolgen zu können, doch im nächsten Moment hatten die Krieger auf dem Hügelkamm ihre Bogen vom Rücken genommen und Pfeile eingelegt. Einige von Connars Männern reagierten mit hämischem Gelächter. Es war noch viel zu früh, die Entfernung zu groß, um sie zu treffen.

Sie lachten immer noch, als einhundert schneeweiße Pfeile mit einem seltsamen Rauschen in die Luft aufstiegen. Sie würden vor ihren Füßen einschlagen, ohne jede Kraft. Doch die Kurve der Pfeile war hoch und lang, sie zog sich über die Ebene und noch während das Gelächter zu Warnschreien wurde, schlugen die tödlichen Geschosse unter ihnen ein. Nur ein Teil blieb in den Rundschilden stecken und auch nur wenige landeten harmlos im harten Boden. Die meisten fanden ihr Ziel und trotz der großen Entfernung war ihre Kraft noch immer verheerend.

Vor Connars entgeistertem Blick löste sich seine Kampfformation in Chaos auf. Die Männer liefen durcheinander, Verwundete und Tote lagen herum. Schreie erfüllten die Luft und schon wieder das Rauschen, mit dem die Fremden ihre verhexten Pfeile auf die Reise schickten. Wieder wurde ein Teil seiner Männer einfach umgemäht. Wütende Befehle seiner Unterführer erklangen, um die Soldaten wieder unter Kontrolle zu bringen.

„Nehmt die Schilde hoch!"

„Zurück in die Reihe!"

„Weitergehen, weitergehen!"

Nur mit Mühe kam wieder Disziplin auf und die Gardisten gehorchten. Keinen Moment zu früh, denn mit donnerndem Galopp raste nun die Reiterei der Fremden auf sie zu. Es war beängstigend, diese düsteren Gestalten auf sich zukommen zu sehen. Sie hatten gebogene Schwerter mit langen Griffen und manche von ihnen auch lange Äxte in den Händen, die schwarzschimmernde Klingen in der Form eines Halbmondes hatten. Über allem ging auch wieder der weiße Todesregen der Pfeile nieder.

Connar hatte die Hälfte seiner Streitmacht bereits verloren, bevor auch nur der erste Fremde in Schussweite war. Und jetzt konnte er seine Bogenschützen nicht einmal mehr einsetzen. Sie versteckten sich unter ihren Schilden, um nicht mit einem Pfeil in der Brust oder der Kehle zu enden.

Als die beiden Linien aufeinander trafen, wurde die Geräuschkulisse ohrenbetäubend. Metall traf auf Metall und Holz, alle brüllten durcheinander, die Pferde schrieen entsetzlich, wenn sie von den Kämpfenden verletzt wurden. Die schwarzen Krieger wüteten wie Wahnsinnige unter Connars Männern. Gnadenlos und mit unfassbarer Schnelligkeit schlugen sie auf die Gardisten ein, jeder Schlag von so unglaublicher Kraft, dass die Schilde mehr als zwei davon nicht aushielten und in den Händen ihrer Besitzer einfach zerbrachen. Bald waren auch die Fremden von ihren Pferden gestiegen und die Tiere zogen sich aus dem Gemenge zurück, als hätten sie einen eigenen Verstand.

Dafür kamen nun die Bogenschützen den Hügelkamm herunter. Sie bewegten sich so schnell, dass sich Connar einen Atemzug wunderte, warum sie überhaupt Pferde benutzt hatten.

Der Geruch von Blut und Tod legte sich wie eine schwere Glocke über das Schlachtfeld, auf dem Connars Heer niedergemetzelt wurde. Die Männer kämpften jetzt mit einer Tapferkeit, die aus purer Verzweiflung geboren war. Es gab hier keine Möglichkeit zu fliehen. Die Fremden schienen auch nicht willens, einen Rückzug zu akzeptieren. Sie töteten jeden, ob er sie nun angriff oder ob er vor ihnen weglaufen wollte.

Aber sie waren bei aller Hexerei auch nicht unverwundbar. Wenn sich mehrere Gardisten auf einen von ihnen stürzten, gelang es ihnen, ihn in die Knie zu zwingen. Doch es war schwer und am Ende auch aussichtslos. Die zahlenmäßige Überlegenheit der Angram-Garde schwand schneller dahin als das Tageslicht.

Connar sah seine Männer fallen, drei der Unterführer hatte bereits das gleiche Schicksal ereilt. Hier gab es nichts mehr zu gewinnen, erkannte er gehetzt und wendete sein Pferd, um sich im allgemeinen Durcheinander aus Kämpfenden zurückzuziehen. Irgendjemand würde Meister Morcrist von diesen Dämonen berichten müssen. Er fluchte laut auf, als sein Pferd über einen Toten strauchelte und ihn aus dem Sattel warf. Hastig kam er wieder auf die Beine und suchte nach seinem Schwert, das er bei dem Fall verloren hatte. Seine Hände schlossen sich um den Griff. Als er sich umdrehte, stieg Übelkeit in ihm auf. Die Fremden hatten die letzte Reihe durchbrochen und drei von ihnen stürmten genau in seine Richtung.

Joltan, von einem Mut getrieben, den Connar ihm nie zugetraut hätte und der ihn beschämte, warf sich ihnen in den Weg. Der langhaarige blonde Krieger auf der linken Seite der drei drehte sich ihm mit einer fast schon spielerischen Bewegung entgegen und stieß ihm sein Schwert in den Bauch. Ein erstaunter Ausdruck erschien auf Joltans Gesicht, bevor er in die Knie sackte. Er war schon tot, bevor sein Oberkörper den Boden berührte.

Connar packte seinen Morgenstern mit der linken Hand, in der rechten hielt er sein Schwert. Es war vorbei, aber er würde nicht kampflos untergehen. Wenigstens einen dieser drei wollte er mit sich nehmen.

Offenbar spiegelte sich ein Teil seiner grimmigen Entschlossenheit auf seinem Gesicht wieder, denn die drei Männer blieben wenige Schritte vor ihm stehen. Nur der, der Joltan getötet hatte, gehörte zu den langhaarigen, die beiden anderen waren ganz in Schwarz. Der eine trug eine dieser fürchterlichen Äxte bei sich, deren Blatt jetzt vom Blut seiner Gardisten völlig rot gefärbt war. Es war aber der große Mann in der Mitte, auf den sich Connar konzentrierte. Dies war ein Anführer, ein Blick in sein unbewegtes Gesicht genügte. Einen Helm trug er nicht mehr, er musste ihm in der Schlacht vom Kopf geschlagen worden sein. Aus seinen blauschwarzen, lockigen Haaren tropfte Blut von einer Kopfverletzung und zeichnete ein grausiges Muster auf seine marmorweißen, kalten Züge.

Connar straffte sich. „Ich bin Hauptmann Connar von der Garde-Einheit Morcrists und ich kämpfe zum Ruhm meines Meisters."

Der Fremde musterte ihn aus seinen durchdringenden, kristallblauen Augen. „Dann mach dich bereit, für deinen Meister zu sterben, Hauptmann Connar. Denn ich werde dich für den Ruhm meiner Schildmeisterin Ayla und Lord Elronds von Arenor nun töten."

Die seltsame Melodie, in der diese eigentlich so kalten Worte ausgesprochen wurden, trieb dem Garde-Hauptmann beinahe Tränen in die Augen. Der Moment war sofort wieder vorbei, denn der andere ging in einer fließenden Bewegung zum Angriff über. Connar wehrte sich, mehr blieb ihm auch kaum. Dieser Fremde war einfach zu schnell und zu stark. Er konnte nur sein Schwert hochreißen und die mörderischen Schläge abfangen, die auf ihn niedergingen. Hilflos schlug er mit dem Morgenstern nach dem schwarzen Schatten, zu dem der Krieger geworden war. Sein Schwertarm war schon fast taub und er hatte Schmerzen in der Schulter. Er taumelte unter den Schlägen, sah nur immer wieder das rotsilberne Schimmern, wenn die blutbedeckte, gebogene Schneide des Schwertes nach seinem Leben verlangte.

Der Kampf war kurz, der Schmerz rasend, als ihm die Hand, die den Morgenstern umfasste, am Gelenk durch einen einzigen Schlag abgetrennt wurde. Connars Blick trübte sich, rote Nebel bedeckten nun seine Welt.

„Macht ihm ein Ende, Drangar", hörte er den langhaarigen Krieger sagen, der den Kampf ohne jede Regung verfolgt hatte. „Außer ihm ist niemand mehr übrig."

Diese Stimme….Connar sank in die Knie. Was hatte ihn nur an diesen Ort geführt? Wie hatte Morcrist nicht wissen können, was ihn und seine Männer – seine gefallenen Männer – hier erwartete? Vielleicht hatte er es sogar gewusst und sie alle verraten.

„Wer seid ihr?"

Es fiel ihm schwer, seine Stimme zu kontrollieren und seinen Kopf zu heben. Lichtbringer… Der Gedanke wanderte ziellos durch seinen Kopf. Sie trugen dieses Licht in sich, es umgab sie jetzt in der beginnenden Dämmerung wie ein heller Kranz.

Die Klinge glitt in seinen Brustkorb, bohrte sich in sein Herz und sein Leben endete in absoluter Dunkelheit und ohne Antworten.

Tbc

@Shelley: Der erste Teil ja, aber bitte nicht noch kleine Elbchen! Die sind gerade mitten in der Wallachei, der nächste Prenatal-Shop ist ewig weit weg.

Gönn Elrond etwas Spaß, der Elb hat genug Ärger um die spitzen Ohren.

@Mystic Girl: Exzessives Saufen rächt sich nun mal. Kein Grund, es gelegentlich doch zu tun, aber Aspirin sollte man schon haben. War also ein klasse zweiter Kinobesuch, Zwelb-Nazgul? Mit Tränen und einem Klammeraffen *kicher schadenfroh* wenn es wenigstens ein Elb gewesen wäre.

Wette 1: Natürlich ohne!

Wette 2: Die Chancen dafür stehen bei Hivia echt gut!

Wette 3: Ich gebe mich geschlagen, aber erwarte nicht zuviel.

@ Amélie: Nein, sie ist ihm eindeutig nicht gewachsen, aber wer ist das schon? Hm, ja, man kann sie beneiden *heftiges Nicken* Er läuft noch zu großer Form auf *seufz*, die Rüstung ist schon ausgepackt und frisch poliert.