Disclaimer: Auch im neuen Jahr hat sich nichts geändert. Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben. Mir nichts und ich verdiene kein Geld damit.

21. Kapitel

Mit einem dumpfen Laut landete der Mann auf dem Rücken. Staub stieg bei diesem Aufprall vom Scheunenboden aus, senkte sich aber sofort wieder und bedeckte die schmutzige Kleidung des Toten mit einer hellen Schicht.

„Was denn?" fragte Ayla in Haldirs Richtung, während sie ihren Dolch wieder aus dem Auge des Mannes zog.

„Sehr dramatisch", meinte er spöttisch. Er warf ihr das Stück Umhang zu, mit dem er eben das Blut seines vormaligen Eigentümers von der Klinge seines Schwertes abgewischt hatte.

„War das etwa der letzte?"

Haldir blickte sich in der Scheune um. Im Laternenlicht waren zehn Tote zu erkennen, die den streubedeckten Holzboden bedeckten. Ihr Blut sickerte auf die Holzplanken und würde den Bauern noch lange daran erinnern, was sich hier abgespielt hatte. „Scheint so. Du wirst langsam, meine Liebe."

„Es waren gleich drei, die es auf mich abgesehen hatten", knurrte sie.

Er hob leicht die Augenbrauen, während er langsam über die abgerissenen Gestalten stieg, die sie hatten überraschen wollen. „Ja sicher und sie waren so unglaublich gute Kämpfer, dass mir immer noch die Knie schlottern. Iven, Andoris, packt unsere Sachen. Ich glaube nicht, dass wir noch länger hier bleiben."

Ayla seufzte. „Es wäre auch zu angenehm gewesen, noch eine Nacht ein Dach über dem Kopf zu haben. Wo kamen diese Rattengesichter eigentlich her?"

„Die Frage wird uns Ensen wohl beantworten können." Melja tauchte in der Scheunentür auf. Den Bauern, der ihnen vor zwei Tagen auf Meljas Bitte hin diesen Unterschlupf gewährte hatte, schleppte er am Kragen seines  Nachthemdes neben sich her. „Erzähl ihnen das gleiche wie mir eben, du Verräter."

Damit stieß er ihn heftig zu Boden. Der Mann fiel auf die Knie, seine Hände landeten in einer Blutlache und erblassend wischte er sie hastig an seinem Hemd ab.

„Verräter?" echote die Arenai. „Er hat uns an diese Mistkerle verraten?"

Haldir fasste zu, bevor sie sich auf den ohnehin vor Angst schon fast toten Mann stürzen konnte. „Nicht, Ayla. Erkläre es uns, Bauer."

Sie bekamen kein vernünftiges Wort aus dem Mann heraus. Er starrte einfach nur zu den großen Gestalten der Elben hoch, die näher getreten waren und mit düsteren Mienen auf seine Antwort warteten.

„Du bist tot, du Wurm!" zischte die Arenai und wand sich unter Haldirs Griff. „Lass mich, Waldelb. Er verdient es."

Haldir war geneigt, ihren Wunsch zu erfüllen. Wenn sie trotz des scheinbar sicheren Unterschlupfs bei diesem Mann, der zu den Freunden der Levarin gehörte, nicht so wachsam gewesen wären, hätte es sie den Silmaril und ihr Leben kosten können. Menschen konnte man nicht vertrauen, das war dem Elb erneut schmerzlich bewusst geworden.

„Bitte, Herrin, verschon ihn." Die Frau des Bauern eilte an Melja vorbei und sank neben ihrem Mann auf die Knie. Das halbe Dutzend schmutzstarrender, dünner Kinder folgte ihr. Selbst das kleinste unter ihnen, das kaum Laufen gelernt hatte, schien die Gefahr zu spüren und kauerte sich schluchzend zwischen die beiden Erwachsenen. „Ensen hat euch nicht verraten. Es ist meine Schuld. Die letzten Ernten waren so schlecht und meine Kinder werden im Winter verhungern."

„Du hättest dir eher überlegen sollen, ob du so viele Mäuler auch stopfen kannst", schrie Melja sie an.

„Wieviel?" fragte Haldir ahnungsvoll.

„Fünfhundert Goldstücke", sagte der Bauer so leise, dass selbst die Elben ihn kaum verstehen konnten. „Es wurde gestern unten im Dorf ausgerufen. Die Bergherren suchen euch im ganzen Land."

„Du hast immer verstanden, wofür wir kämpfen", sagte Melja zu ihm. „Warum jetzt das? Fünfhundert Goldstücke ist es nicht wert."

„Aber der Kampf ist vorbei", antwortete die Frau. „Du weißt es noch nicht, Melja Levaren. Der Felsenfall ist in den Händen der Drakan. Auch diese Nachricht hat Ensen aus dem Dorf mitgebracht. Er hat sich nur nicht gewagt, es dir zu erzählen."

„Red keinen Unfug, Frau."

„Sie zogen schon vor Wochen Richtung Osten. Mengen von ihnen und dein Volk konnte ihnen nicht standhalten. Mag sein, dass die Lichtbringer endlich gekommen sind." Sie machte eine unbestimmte Handbewegung zu den Elben. „Doch es ist zu spät. Wir werden nicht mehr gerettet werden, aber Dranguru soll mich verbrennen, wenn ich meine Kinder verhungern lasse. Jetzt geht, es werden noch andere kommen und ich sage allen, dass ihr hier ward und wohin ihr unterwegs seid."

Haldir trat auf sie zu, bis er nur noch einen Schritt von ihr entfernt war. Er war zu müde, um Aylas Zorn zu empfinden, aber sein Widerwillen gegen diese Sterblichen brannte wieder mit alter Kraft.

„Wir werden euch verlassen", sagte er leise. „Doch du wirst kein Wort darüber verlieren, wann und wohin wir gegangen sind. Du und deine erbärmliche Familie werdet die Leichen verschwinden lassen und nie wieder auch nur an diese Nacht denken. Verrätst du uns ein zweites Mal, werde ich jeden deiner Blutlinie bis in alle Ewigkeit mit Vergeltung überziehen."

Damit wandte er sich von ihnen ab und verließ die Scheune. Iven erwartete sie bereits davor, gesattelte Pferde bei sich, auf die Andoris gerade ihre wenigen Habseligkeiten verlud.

„Sie gehören den Toten", erklärte er.

„Dann werden sie sie wohl kaum noch benötigen", meinte Haldir und schwang sich in den ungewohnten Sattel. Sein Reittier mochte plump und struppig sein, aber er spürte ein gutes, ausdauerndes Wesen darin. Nicht alles war schlecht in Escalonde. Versöhnt strich er ihm über die bürstenartige Mähne. „Nach Südosten. Den Felsenfall umgehen wir."

„Glaubst du ihr etwa?" fragte Melja, nachdem sie eine Weile geritten und die Lichter des Gehöftes endlich nicht mehr zu erkennen waren.

„Du nicht?"

Bitterkeit überschattete die Züge des Levarin. „Ich habe es befürchtet, Haldir. Aber der Schmerz, es dann wirklich zu wissen, wird dadurch nicht geringer."

„Sie werden geflohen sein", sagte Andoris. „Ich habe eure Tunnel gesehen. Selbst wenn die Drakan die Schlucht eingenommen haben, blieb noch genug Zeit, um in den Tunneln zu verschwinden."

„Bestimmt sind sie jetzt bei den Breill in der Ebene", keuchte Iven und versuchte, sich auf seinem Pferd zu halten. „Dorian wird ihnen Schutz gewähren."

„Und du meinst, die Drakan haben am Felsenfall Halt gemacht?" erkundigte sich Ayla.

„Sie wären Narren", sagte auch Erebion.

„Dann sind sie jetzt eben im Grimmigen Wald bei den Ihainym und meinem Vater."

„So wird es wohl sein", murmelte Andoris, doch sein gewohnter Optimismus fehlte diesmal.

Haldir biss die Zähne zusammen und beschleunigte das Tempo. Die Zeit rann ihnen durch die Finger, um den Silmaril noch rechtzeitig nach Arenor zu bringen. Vielleicht hätten sie gar nicht so lange auf dem Bauernhof bleiben sollen.

„Wir brauchten die Ruhe", erahnte Elcaran seine Gedanken. „Wir alle."

„Auf Arenor finden wir Ruhe genug."

„Doch nur, wenn wir dort lebend ankommen. Du weißt selbst, dass wir alle am Ende unserer Kräfte sind." Elcaran machte eine Kopfbewegung in Richtung von Melja und Iven. „Sie sind nicht so stark wie wir, Haldir. Die Erschöpfung, die uns bereits erfasst hat, ist nichts im Vergleich zu der, mit der die beiden jeden Atemzug zu kämpfen haben."

Haldir hielt schweigend seinen Blick auf den Pfad vor ihnen gerichtet. Er konnte wenig gegen diese Einschätzung vorbringen. Die beiden Escalonder waren nur noch Schatten ihrer selbst. Auch wenn sie eine bewundernswerte Härte gegen ihre eigene Schwäche jeden Tag aufs Neue bewiesen hatten, so waren sie zuletzt nicht mehr fähig gewesen, mit dem Marschtempo der Elben mitzuhalten. Die Rast auf dem Bauernhof war lebenswichtig gewesen, sogar für die Erstgeborenen, denen die letzten Wochen ohne das Licht der Sterne langsam zusetzten. Der Silmaril hätte Abhilfe schaffen können, so wie es bereits in der Festung ihre Kräfte erneuert hatte, in sein Licht getaucht zu werden. Aber keiner von ihnen wagte es, ihn aus seiner Tasche an Erebions Gürtel zu befreien. Bisher hatten sie keinen Ort gefunden, an dem man seinen Glanz hätte begrenzen können. Er hätte einen ganzen Landstrich in sein Licht getaucht und sie meilenweit verraten.

Verrat…ein bitteres Lächeln umspielte Haldirs Mund. Fünfhundert Goldstücke war also der Preis für die Befreiung einer ganzen Welt. Die Escalonder schätzten sich selbst nicht sehr hoch. Wie konnte man dann von ihm erwarten, dass er es anders hielt?

„Dämmerung", drang Aylas Stimme in seine Gedanken. „Willst du durchreiten oder suchen wir uns lieber ein Versteck?"

„Bei einem Bauern?" fragte er.

„Spar dir deine Ironie, mein Freund. Ich war von Anfang an dagegen, dort unterzukriechen."

„Ich wusste, dass du mich daran erinnern würdest."

„Sicher. Also, reiten wir weiter?"

Haldir winkte den Levarin zu sich heran. „Wir haben bei Ensen Zeit verloren und der Umweg um die Schlucht wird eine weitere Verzögerung kosten. Es wäre gut, wenn wir wenigstens den heutigen Tag noch weiter reiten könnten."

„Dieser Landstrich ist nur dünn besiedelt", nickte Melja. „Wenn wir uns abseits der Hauptroute halten, wird uns niemand entdecken."

Er setzte sich an die Spitze ihres kleinen Trupps. Wie er versprochen hatte, trafen sie auf niemanden während des ganzen Tages und auch noch eines Teils des Abends, bis Escalondes bleiernes Licht endgültig verging und sternenlose Dunkelheit sich über sie senkte.

Haldir übernahm die erste Wache, Elcaran und Andoris gemeinsam würden ihm folgen und zuletzt dann auch Erebion und schließlich Ayla. Der Mensch und der Zwerg waren schon lange von dieser Pflicht befreit. Nötiger als jeder andere brauchten sie die wenigen Stunden Schlaf, die ihnen immer nur verblieben.

In den letzten Wochen hatten sie immer tagsüber ausgeruht und waren dann im Schutz der Dunkelheit losmarschiert. Die Abwechslung in diesem Rhythmus war überraschend angenehm. Es war stiller noch als tagsüber. Von seinem Posten auf einem knochenbleichen Felsen vernahm Haldir nur die Geräusche eifriger Insekten, die regelmäßigen Atemzüge seiner ruhenden Begleiter und gelegentlich ein Schnauben der ebenfalls müden Pferde.

Ohne auch nur die Andeutung einer Gefahr bemerkt zu haben, verging die Wache und Ablösung durch Elcaran und Andoris traf ein.

„Die anderen schlafen", informierte ihn Elcaran.

„Alle?"

Elcaran verstand die Frage genau, denn er schüttelte nur ratlos den Kopf. Haldir seufzte leise und machte sich dann an den Abstieg. Noch eine Last, die sie seit Angram verfolgte und gegen die selbst Elcarans Reiseapotheke kein Mittel kannte. Er fand die Quelle seiner Sorgen am Fuß eines kleineren Felsens, die Beine angezogen und das Kinn auf die Knie gestützt. Ihre Augen glitzerten silbrig in der Dunkelheit und waren auf den Platz gerichtet, an dem die anderen wie betäubt auf dem harten Boden schliefen.

Wortlos setzte er sich neben sie und lehnte sich an den Fels. Sein Blick wanderte unwillkürlich hinauf zum Himmel, einen Moment von der Hoffnung getrieben, vielleicht doch noch einen entfernten Stern zu entdecken, der die stumpfe Dunkelheit durchbrochen hatte, die sich so stark vom samtenen, diamantenbesetzten Himmel Arenors unterschied. Die Hoffnung war nur kurz und die Enttäuschung bereits zu vertraut, um ihn wirklich zu treffen.

„Sie hätten den Anblick der Sterne auch nicht verdient", sagte Ayla in die Stille hinein.

„Die meisten von ihnen sicher nicht."

„Die Valar gaben ihnen Zeit, sich zu bewähren und sieh nur, was sie daraus gemacht haben."

„Ich weiß." Dies war sicher kein Punkt, um mit ihr zu streiten. Sie teilten diese Meinung. „Ayla, warum schläfst du nicht?"

„Ich bin noch nicht müde."

„Seit wir Angram verlassen haben, fürchtest du dich vor dem Schlaf."

Sie hob den Kopf von den Knien und sah ihn an. „Ich bin nur unruhig."

„Du hast Albträume."

„Und wenn es so wäre?"

„Erzähl mir davon."

„Arenai sind Träume gewöhnt, falls du das vergessen haben solltest. Belaste du dich nicht auch noch damit."

„Überlass diese Entscheidung ruhig mir", sagte er und umfasste ihre so angespannten Schultern. Es ging ihr nicht gut und das hinterließ auch bei ihm Spuren. Es hatte eine Weile gedauert, bis er den Grund dafür erkannt hatte und noch einige weitere Tage, bis er diesen Grund überhaupt akzeptieren konnte. Einiges wurde dadurch leichter, anderes unendlich schwerer. „Jetzt lehn dich zurück und sprich einfach darüber."

„Vielleicht an einem anderen Abend, wenn dieses verfluchte Land nur noch eine Erinnerung ist", wehrte sie ab, machte aber keine Anstalten, von ihm abzurücken. „Ah, eine Sache ist allerdings zu ärgerlich."

Er ahnte schon, um was es ging und konnte nicht verhindern, dass sich ein leichtes Lachen in seine Stimme schlich. „Und was?"

„Ich bin mir sicher, dass diese Albträume nicht erscheinen werden, solange du hier neben mir bleibst. Langsam fühle ich mich von den Valar etwas unter Druck gesetzt. Hast du eine Ahnung, wie wir es abstellen können?"

„Bedaure." Selbst wenn, Haldir bezweifelte, dass er sie ihr verraten hätte. Eigentlich war er sogar ganz sicher, dass er schweigen würde wie ein Grab.

„Elrond kennt hoffentlich ein Mittel dagegen."

Gegen den Willen der Valar? Diesmal hätte er wirklich fast laut gelacht. „Du wirst damit leben müssen."

„Wir sind beide unsterblich!"

„Dann werden wir beide eben sehr lange damit leben müssen."

„Beunruhigt dich der Gedanke nicht?"

„Ich bin darüber hinweg. Außerdem habe ich mich inzwischen an dich gewöhnt und da ich schon zu lange lebe, um mich ständig umzugewöhnen, werde ich es einfach als gegeben hinnehmen. Ich denke, es gibt schlechtere Verbindungen als diese, sehr viel schlechtere."

„Kein Wunder, dass du noch nicht in Valinor bist, mein Guter. Du bist zu exzentrisch. Jeder normale Elb würde sich etwas Frieden für seine Zukunft wünschen."

„Wer behauptet, dass wir beide nicht in der Lage sind, friedlich miteinander umzugehen?"

„Haldir, weder Ithuris noch Arengard werden diese Verbindung unbeschadet überstehen. Du kennst uns."

„Halt den Mund, Ayla, oder ich erzähle bei unserer Rückkehr jedem, dass du dich in Angram fast einen ganzen Tag an mich geklammert hast."

„Wenn wir wirklich zurückkommen, kannst du erzählen, was du willst." Die letzten Worte verloren sich bereits im nahen Schlaf.

„Solltest du irgendwann einen Zeugen für diese Erlaubnis brauchen, wende dich an mich", ließ sich Erebion aus der Dunkelheit vernehmen.

„Danke." Haldir überlegte einen Moment. „Erebion, ihre Wache beginnt nach deiner…"

„Lass sie schlafen. Ich habe Jahrtausende in den Sternenbergen geruht, die zusätzliche Wache werde ich schon durchhalten. Ach, und Haldir…niemand wird dir den Vorwurf machen, ein Romantiker zu sein. Das war der nüchternste Antrag, von dem ich je gehört habe."

„Meinst du, sie hat ihn verstanden?"

„Wenn ihn überhaupt jemand wirklich verstehen konnte, dann sie. Ihr seid beide exzentrisch."

Erebion überstand nicht nur die zusätzliche Wache sondern auch den nächsten Morgen, als der eisige Zorn der Arenai über ihm niederging wegen dieser eigenmächtigen Entscheidung. Vermutlich war Erebion von Thingol noch ganz andere Stimmungen gewöhnt, denn er hörte sich nur gelassen die äußerst blumigen Verwünschungen an, die ihn und alle seiner Art im Wiederholungsfall treffen sollten.

Sonst gab es in den nächsten Tagen kaum etwas, das der Erinnerung wert war. Sie ritten zum Teil bei Tag und auch in der Nacht. Melja war mit dem Gelände vertraut und führte sie durch verlassene Gegenden um den Felsenfall herum.

Je näher sie jedoch Barcanem und damit auch Taurhoss kamen, desto schwieriger wurde es, sich unbemerkt zu bewegen. Als sie auf Höhe von Barcanem waren, blieb ihnen kaum noch eine andere Möglichkeit, als die Pferde zurückzulassen und sich wieder auf die nächtlichen Märsche zu beschränken. Tagsüber warteten sie versteckt in kleineren Wäldern darauf, dass die patrouillierenden Truppen der Drakan sich wieder in ihre überall verstreuten Lager zurückzogen. Die Lichter der Lagerfeuer waren dann im gesamten Gelände zu finden und gaben die Wege und Umwege vor, die sie gehen mussten.

Es waren nicht nur Truppen, die am Tag auf den staubigen Straßen nach Osten dahin zogen. Ganze Karawanen von Lastkarren, kleine Viehherden und Familien mit ihrer wenigen Habe auf dem Rücken waren zu beobachten, die alle in die Gegenrichtung nach Westen auf die Stadt zu strebten.

„Flüchtlinge", stellte Haldir von einem sicheren Beobachtungsposten oberhalb der Straße fest.

„Wovor?" wollte Andoris wissen.

„Sie fürchten den Krieg, der im Osten heraufzieht."

„Und dafür verlassen sie ihre Höfe und Felder? Die Erntezeit beginnt bald."

„Viel wird nicht mehr zu ernten sein. Die Drakan-Truppen müssen versorgt werden. Ich denke, die meisten Gehöfte zwischen Barcanem und Taurhoss wurden bereits völlig ausgeplündert."

Die beiden Elben zogen sich wieder in ihr Versteck zurück. Am Morgen hatten sie einen kleinen Steinbruch entdeckt, der nun verlassen war. In Zeiten wie diesen gab es keinen Bedarf für Baumaterial. Wer brauchte schon ein Haus, wenn sein nacktes Leben in Gefahr war?

In der tiefen Bruchspalte, in die sie sich zurückgezogen hatten, war es sogar möglich, ein Feuer zu entzünden. Elcaran hatte in der Nacht zuvor einen recht stattlichen Hasen erlegt und die beiden Männer empfing der Geruch von geröstetem Fleisch. Die Abwechslung in dem seit Wochen eher dürftigen Speiseplan hob trotz der schlechten Aussichten doch erheblich die Stimmung.

„Die Bergherren müssen euch sehr fürchten, wenn sie einen Angriff auf Taurhoss wagen", meinte Melja hoffnungsvoll.

„Vielleicht umgehen sie den Wald", sagte Elcaran zögernd.

„Nein", widersprach Haldir. „Sie können es sich nicht erlauben, diese Macht in ihrem Rücken unangetastet zu lassen. Sie müssen zuerst die Ihainym ausschalten, bevor sie mit voller Wucht gegen Arenor vorgehen können."

„Und wenn sie die Ihainym schon besiegt haben?" fragte Andoris zögernd.

Einen Moment herrschte Schweigen. Haldir rang nach Worten. Dies war seine düsterste Befürchtung.

„Nein", erklang Aylas ruhige Stimme dann. „Die Ihainym sind noch nicht geschlagen."

Fünf Augenpaare wandten sich fragend in ihre Richtung. Das sechste, smaragdgrün und voller Gelassenheit konzentrierte sich eher auf ein Stück Hasenkeule.

Die Arenai machte eine unbestimmte Geste nach oben. „Es ist ein Wald, nicht wahr? Wenn, dann würden sie ihn systematisch abbrennen. Hat irgendjemand eine Wand aus Rauch im Osten stehen sehen?"

„Gestern kam Rauch aus dieser Richtung", erinnerte Iven unglücklich.

„Nicht genug."

Haldir hob spöttisch eine Augenbraue. „Und aus welcher Quelle beziehst du diese umfassenden Kenntnisse über Waldbrände? Ich kann mich nicht erinnern, dass du oder ein anderer Arenai versuchsweise Ithuris angezündet hätten."

„Irgendwann erstickst du an deiner Überheblichkeit", knurrte sie noch recht gutmütig.

„Eine Traumwanderung." Erebion legte die Hasenknochen beiseite. „Ich wette, es war einer dieser faszinierenden  Träume."

Sie nickte ihm zu. „Vor langer Zeit. Ein ewig brennender Wald begrenzte die Welt. Der Ring aus Rauch und Feuer war beeindruckend und die Traumwanderung eine recht hitzige Angelegenheit. Ich kehrte daraus zurück wie ein gebratenes Huhn. Noch weitere Zweifel, Waffenbruder?"

Sie hatte Recht, es würde niemals zwischen ihnen friedlich zugehen. Haldir überlegte bereits, ob es wohl ein gutes Gefühl sein würde, ihr die Hände um den Hals zu legen und langsam zuzudrücken. Eine fremdartige Belustigung erfüllte ihn plötzlich. Haldir richtete sich auf und ließ seinen Blick umherstreifen. Er atmete tief ein, als er auf einer Bruchkante vor dem Eingang die Silhouette eines sitzenden Wolfes entdeckte.

„Arn!" rief er unwillkürlich.

Im nächsten Moment waren alle auf den Beinen und umringten Dorians ständigen Begleiter, der sich die Aufmerksamkeit und freundlich über sein Fell streichenden Hände eine ganze Zeit gefallen ließ. Schließlich verließ er seinen Platz und trabte zum Lagerfeuer, um sich über die Reste des Hasenbratens herzumachen. Sie warteten alle geduldig ab. Der Grauwolf hatte sich die Pause verdient, wenn er sich durch die Reihen der Drakan von Taurhoss aus bis zu ihnen geschlichen hatte.

Schließlich war auch der letzte Knochen zwischen seinen beeindruckend kräftigen Kiefern zermahlen worden. Er wandte sich Haldir zu, setzte sich vor ihn und der gelbglühende Blick des Grauwolfes zog den Waldelb wie schon einmal im Ihainym-Hort in eine Welt ganz anderer Art. Bilder durchfluteten seinen Geist. Brennende Mellyrn, die ihre Wurzeln aus dem Boden lösten und unter großem Leid starben, Menschen und Ihainym im Kampf gegen seltsam undeutliche Drakan und dann Mengen von Elben und Arenai.

Elrond...Haldir spürte die Begeisterung des Grauwolfes für den Elbenlord, der in seiner blutbefleckten Rüstung und mit hocherhobenem Schwert an vorderster Linie kämpfte. Der Anblick dieser furchtbaren Entschlossenheit auf Elronds Gesicht, den Wald auf keinen Fall den Drakan zu überlassen, war beängstigend und hoffnungsvoll zugleich.

Arn wechselte zu seinem Weg am Lager der Drakan. Tausende Drakan, unbewegt durch ihre Seelenlosigkeit, warteten jenseits eines verlassenen Streifens zwischen Taurhoss und dem Barcanem vorgelagerten Hügelland. Ein dunkler Schatten war unter ihnen, vor dem Arn sich fürchtete.

Damit endete die wortlose Botschaft. Arn gähnte und sackte mit einem Schnaufer zusammen. Ihn kümmerte nicht weiter, wie mit diesen Informationen nun umgegangen wurde.

„Ich hasse es, wenn er das macht", war die Stimme der Arenai zu vernehmen. „Setz dich, Haldir, du siehst aus, als hättest du Melkor persönlich erblickt."

Er winkte nur ab, schwieg aber, denn seiner Stimme traute er nicht so sehr wie seinem Gesichtsausdruck, den er wieder zu kontrollierter Ruhe gezwungen hatte.

„Was berichtet er?" fragte Iven.

„Bestimmt nichts Gutes", orakelte Andoris.

Haldir räusperte sich. „Wir sind von Taurhoss abgeschnitten. Es gibt kein Durchkommen ohne einen Umweg von sicher mehreren Wochen Fußmarsch."

„Die Zeit haben wir nicht", sagte Melja. „Oder doch?"

„Nein, auf keinen Fall."

„Und jetzt?" Iven sank auf den felsigen Boden. Mutlosigkeit war noch ein milder Ausdruck für seine Stimmung. „Die Bäuerin hatte Recht."

„Wir werden sehen." Erebion lächelte in die Runde. „Morgen sind wir nah genug und überzeugen uns selbst von Arns Einschätzung. Vielleicht fällt uns noch etwas ein."

***

Temlar stand völlig regungslos dar. Er hatte den Kopf leicht in den Nacken gelegt und seine langen, schlohweißen Haare ergossen sich über den Rücken des dunkelblauen Samtgewandes, das er gegen die schlichte Reisekleidung getauscht hatte, in der er erst vor wenigen Stunden im Lager eingetroffen war. Seine Augen waren nur halb geschlossen, der Blick auf einen Ort jenseits des Waldes gerichtet, der mehr als zweihundert Schritte schützend zwischen ihm und dem Niemandsland vor dem Drakan-Heer lag.

Seit fast einer Stunde hatte der Maia außer mit dem ruhigen Heben und Senken seines Brustkorbs nicht zu erkennen gegeben, dass er mehr als nur eine Statue war. Eine Hand ruhte an seinem Gürtel, die andere umfasste den Silberstab, von dem ein schwaches Leuchten ausging.

Temlar sollte den Schutzring um Taurhoss und den Landstreifen bis zur Küste nach Arenor schließen. Alle anderen seiner Art hatten bereits ihre Positionen eingenommen. Drangar und Gilawan waren mit diesen erfreulichen Nachrichten erst am Morgen eingetroffen. Entfaltete der Ring seine Kraft würde keiner mehr, der schlechte Absichten hegte, die unsichtbare Grenze überschreiten können.

So war es zumindest gedacht. In einer bewussten Anstrengung streckte Elrond seine Hände, die er nun seit einiger Zeit zu Fäusten geballt hatte. Er war zu vertraut mit der Macht, die die Beobachter in sich trugen, um nicht das Scheitern dieses Unternehmens zu spüren. Dieser Ring war seine große Hoffnung gewesen, seit Temlar ihm am zweiten Tag des Sommerfestes davon berichtet hatte. Erst dieser Schutz konnte ihnen die Zeit geben, Escalonde wirklich zurück ins Licht zu führen. Der Elbenlord war kein Narr. Er hatte niemals daran geglaubt, dass allein der Silmaril ausreichen würde, die Dunkelheit nicht nur des Landes sondern auch in den Herzen seiner Bewohner von einem Moment zum anderen zu vertreiben.

Temlar schlug mit dem Stab auf den Boden und wandte sich in einer heftigen Bewegung zu ihm um. Erschöpfung zeichnete sein Gesicht und Zorn. „Es will nicht gelingen!"

Elrond nickte nur stumm. Der Maia begann eine unruhige Wanderung am moosbewachsenen Steinufer des dunklen Waldsees, dessen Abgeschiedenheit er sich für sein Vorhaben ausgesucht hatte.

„Uns fehlt die Kraft." Temlar stoppte vor Elrond, die ohnehin faltige Stirn sorgenvoll gerunzelt. „Auf Arenor hätten wir sie, doch hier reicht es einfach nicht aus. Selbst Taurhoss kann uns nicht genug davon geben. Wir brauchen den Silmaril."

„Er ist nah", sagte Elrond und hoffte, dass dies keine Lüge war.

„Das weiß ich, Elbenlord", schnappte der Beobachter. „Nah und fast unerreichbar."

„Du warst schon immer ein weinerlicher Geselle." Oryn erhob sich aus dem See. Dunkelgrün schimmerte er diesmal, als er sich auf einem der Steine niederließ. Eine der weißen Seerosen, die die Wasseroberfläche an den Rändern bedeckten, wiegte sich sanft auf seiner Schulter.

„Und du so unstet wie das Element, dem du dein Leben verdankst", zischte Temlar.

Ein Streit zwischen diesen beiden Wesen war das Letzte, das Elrond noch zu seinem Glück brauchte. „Ihr habt den Ring geschlossen, Meister Temlar. Das spüre ich deutlich."

„Aber er ist nicht stark genug." Temlar fuhr sich über die Augen, in denen Resignation zu lesen war. „Wer ihn durchquert, wird Furcht empfinden, doch nicht das Grauen, das jeden weiteren Schritt unmöglich machen sollte. Für die Drakan wird es sogar kaum mehr als ein unangenehmes Gefühl sein, das nicht einmal ihre Schritte verlangsamen wird. Nein, Meister Elrond, ich sage es nicht gern, aber wir werden Euch keine große Hilfe sein."

„Das seid ihr ohnehin nie", murmelte Oryn. Er kicherte, als Temlar den Stab durch seinen Brustkorb stach. „Dein Verstand muss getrübt sein, wenn du mich damit erschrecken willst, alter Mann."

„Und was sollen wir nun tun?" fragte Elrond, während in seinem Kopf bereits Schlachtpläne und Strategien entstanden. Alle waren zum Scheitern verurteilt, erkannte er sehr schnell.

„Ihr könntet Euch die Botschaft anhören, die ich von Euren Freunden dort draußen bringe", schlug Oryn mit einem boshaften Lächeln vor.

Elrond biss die Zähne zusammen. Temlars Groll gegen Ulmos Helfer konnte er im Moment gut nachempfinden. „Und wie lautet sie?"

„Heute Nacht werden sie mitten durch das Heerlager der Drakan kommen." Die Seerose hüpfte fröhlich auf und ab. „Ihr werdet es zweifellos bemerken. Dann müsst Ihr ihnen mit allen Kriegern zu Hilfe eilen. Haltet nur wenige zur Verteidigung zurück, Elbenlord, denn es ist die letzte Chance. Die Drakan wollen Euch schon morgen ihrerseits angreifen und ohne den Silmaril könnt Ihr ihnen nicht standhalten."

Ein Zwinkern in Temlars Richtung gab es noch, dann versank Oryn wieder in der dunklen Tiefe des Sees.

 „Ein Plan, den nur Narren erdenken können", rief Temlar. Er stieß Elrond einen Finger in die Schulter. „Und einer, der nur Narren gelingen kann. Bereitet Euch vor, Meister Elrond. Seid Ihr nicht schnell genug bei ihnen, sterben sie alle und der Silmaril fällt in die Hände des Feindes."

Mit ausgreifenden Schritten marschierte er davon, sehr viel langsamer von einem mehr als nur nachdenklichen Elben gefolgt. Elrond wünschte, Oryn hätte sich genauer geäußert über den Plan. Vielleicht hätte man sogar Botschaften austauschen können oder einfach nur erfahren, wie es ihnen dort draußen ergangen war.

Als er in das Zeltlager zurückkam, herrschte dort bereits helle Aufregung. Temlar hatte keine Zeit verloren, alle über das anstehenden Unternehmen zu informieren.

„Stimmt es?" wurde er von Astardhil begrüßt. „Heute Nacht?"

„Heute Nacht", bestätigte Elrond.

„Aber wie?" fragte Drangar. „Den Weg durch das Lager können sie nicht schaffen. Sie werden sie bemerken und ich denke nicht, dass wir rechtzeitig bei ihnen anlagen."

„Dann solltest du dich in deinem Zelt verstecken und jammern", fauchte ihn Hivia an. „Ich werde jedenfalls auf dieses Zeichen warten und dann zu ihnen reiten, auch wenn ich die einzige sein mag."

„Sicher nicht", murmelte Lemna und stellte sich neben sie.

Andoris, erkannte Elrond. Das Herz der Arenai hing in so tiefer Zuneigung an dem jungen Elb, dass sie ohne Zögern ihr Leben für ihn geben würde.

„Mein Bruder ist dort draußen", sagte Gilawan. „Aber nicht nur für ihn begleite ich euch."

Sofort nickte auch Solvey und gesellte sich zu den dreien.

„Nun, dein Bruder ist dort, Herr Elb, und auch mein Sohn." König Beldoin lächelte grimmig. „Er ist die Hoffnung meines Volkes und wird nicht durch die Hand eines Drakan sterben."

„Genug jetzt", sagte Elrond mit lauter Stimme. „Wir stünden den ganzen Tag hier und noch viel länger, wenn jeder einzelne zuerst sein Bekenntnis ablegt, dass er kämpfen wird. Ich werde niemanden zwingen, doch ich denke, das ist auch nicht nötig.

Geht jetzt und sorgt dafür, dass bei Anbruch der Dunkelheit jeder Krieger bereit ist. Wir brauchen Schutz an den Flanken, aber vor allen Dingen eine schnelle und starke Heeresspitze, um uns den Weg in das Drakan-Lager frei zu kämpfen. Die Ihainym sollen am Waldrand zurückbleiben, um später unseren Rückzug zu schützen.

König Beldoin, ich weiß deine Axt zu schätzen, doch deine Begleitung macht nur dann Sinn, wenn du auf dem Rücken eines Pferdes sitzt. Wir werden ihnen entgegen reiten. Nur so sind wir schnell genug."

„Meister Elrond, ich reite auf einer Meerschnecke, wenn ich Iven damit retten kann."

„Eine zierliche Bremdal-Stute dürfte für den Anfang wohl genügen", murmelte Hivia. „Begleite mich, König. Wir werden etwas Passendes schon finden."

Die nächsten Stunden vergingen in Eile und Betriebsamkeit. So wie sie sich bislang eher auf eine Belagerung eingestellt hatten, war es nun erforderlich, ein Angriffsheer aufzustellen. Die Hauptlast des Angriffs lag bei Elben und Arenai. Sie würden es sein, die geschützt von den Schilden schnell vom Waldrand aus vorrücken mussten und sie würden es auch sein, die die Heeresspitze bildeten.

Als die Dämmerung einsetzte, war alles für den Angriff bereit. Noch geschützt außerhalb der Sichtweite möglicher Späher wartete Elronds Heer auf das Zeichen, von dem niemand genau wusste, wie es denn aussehen mochte. Vielleicht würden sie Stunden verharren müssen, vielleicht ging es mit der ersten tiefen Dunkelheit bereits los.

Elrond selber hatte den Tag damit verbracht, mit seinen Hauptleuten alles genau zu besprechen. Er hatte Dorian beschwichtigt, der eine stärkere Beteiligung der Breill verlangte und sich Temlars Ermahnungen angehört, um jeden Preis den Silmaril zu schützen und sofort zu ihm zu bringen.

Endlich verblieben ihm noch einige Minuten in der Ruhe seines Zeltes, um seine Rüstung anzulegen, ein letztes Mal in Gedanken die Strategie durchzugehen und einfach nur die Konzentration zu finden, diese bevorstehende Schlacht mit der nötigen Gelassenheit abzuwarten.

Ein bitteres Lächeln umspielte seine Lippen, als er das Kettenhemd aus Mithril überstreifte und dann begann, mit viel zu vertrauten Handgriffen den schimmernden Harnisch aus gekreuzten Metallbändern anzulegen. Er hatte sich lange Zeit gefragt, was für einen Grund es hatte, dass diese Rüstung in Gildanna aufbewahrt wurde. Dieser Hort des Friedens und der Vorbereitung auf Valinor beherbergte so viele Waffen in seinen Felsenkellern, dass das Arsenal Bruchtals dagegen wie ein Spielzimmer gewirkt hatte.

„Ihr braucht wirklich keine Hilfe dabei", erklang Hivias Stimme vom Zelteingang aus.

„Nein, aber es war dennoch angenehm, welche zu haben – wenigstens bis zu einem bestimmten Punkt", antwortete er, ohne sich umzudrehen.

„Habt Ihr schon viele Schlachten geschlagen?"

Elrond nahm den goldverzierten Schwertgürtel von der Truhe und legte ihn um. „Zu viele, denke ich."

„Und Ihr habt sie alle überlebt."

„Bislang schon." Ihr unsicherer Tonfall gefiel ihm nicht und noch weniger gefiel ihm, dass sie beinahe wortkarg war. „Ich habe vor, diese Gewohnheit beizubehalten."

„Könnt Ihr mir das versprechen?"

Elrond drehte sich zu ihr um, eine Antwort bereits auf den Lippen. Er schwieg und ließ stattdessen seinen Blick über sie gleiten. So hatte er sie nie sehen wollen, nicht in seinen schlimmsten Albträumen. Hivia war bereit zur Schlacht. Sie trug die gleiche schwarze Kleidung, die schon an den anderen Arenai bei jedem Betrachter die Ahnung großen Unheils hervorrief. Selbst einen der Silberhelme hatte sie aufgesetzt. Die bunten Bänder in ihren Haaren waren verschwunden und an ihrer rechten Seite hing das schlichte Schwert, das sie in den Sternenbergen so angestrengt ignoriert hatte.

„Kannst du es mir versprechen, Elrond?" wiederholte sie eindringlich.

Eru allein wusste, wie gerne er ihr dieses Versprechen gegeben hätte, doch langsam schüttelte er den Kopf.

„Wenigstens bist du ehrlich", murmelte sie nach kurzem Schweigen.

„Hivia..." Elrond suchte nach Worten. Das geschah ihm selten. „Mir wäre lieber, du würdest nicht dort hinausreiten."

„Mir auch", sagte sie. „Ich habe solche Angst, dass ich kaum atmen kann. Aber ich kann nicht immer hinter den Linien bleiben, andere für mich kämpfen lassen. Versteht du das?"

Er verstand sie und einiges andere auch. Es war nur leider nicht der richtige Moment, um alles in Worte zu fassen. Die nächsten Stunden würden dadurch noch viel schwerer und das wollte er ihnen beiden ersparen. Wer konnte sagen, wie diese Schlacht ausging, wer zurückkehrte und wer nicht? Elrond streckte stattdessen die Hand aus und strich ihr leicht über die leichenblasse Wange.

„Keiner entgeht seiner Bestimmung", sagte er mit einem Lächeln. „Der Morgen wird es zeigen."

Sie schloss einen Moment die Augen, dann nickte sie mit neuer Entschlossenheit. „Wir werden sehen. Gut, Ithilion erwartet dich bereits."

Nicht nur Ithilion erwartete ihn, auch alle diejenigen, die mit ihm den Angriff anführen würden, standen neben ihren Pferden vor dem Zelt. Drangar, Gilawan, Dorian, Astardhil, Solvey, natürlich Lemna und selbst Temlar war dabei. Sie waren bereit. Elrond sparte sich große Worte. Er nickte allen zu und stieg dann auf Ithilions Rücken.

Noch war es Dämmerung und es gab keinen Grund zur Eile. Ruhig ging es durch das fast ausgestorbene Zeltlager, in dem nur noch einige bekümmerte Nimjinds verblieben waren, die ihren König mit stummer Unterstützung zunickten.

Erst in der Nähe des Waldrandes trafen sie auf das Heer der Elben und Arenai, die ihre Schilde zur Vorsicht noch gesenkt hatten, um niemandem mit dem Schimmern aufmerksam zu machen. Das Licht, das die Erstgeborenen beider Art noch am ersten Tag so deutlich umgeben hatte, war auf Escalonde bereits wieder verblasst. Ein Glück zum jetzigen Zeitpunkt und dennoch schmerzte es Elrond. Diese Welt war so in ihrer Verdammnis gefangen, dass eine Niederlage in dieser Nacht der endgültigen Dunkelheit wohl den Sieg bringen würde.

Stille umfing sie. Nicht die gewöhnliche Ruhe der Nacht, in der immer eine Melodie aus den Geräuschen der Natur den Ohren schmeichelte, sondern eine erwartungsvolle Lautlosigkeit.

Die erste Stunde verging und fast auch die zweite. Die Befürchtung verstärkte sich, dass sie noch eine ganze Weile warten müssten. Ein Druck, der irgendwann Wirkung zeigen konnte.

Unvermittelt gab Temlar einen erleichterten Laut von sich.

„Es beginnt!" rief er dann. „Macht Euch bereit."

Elrond kam nicht mehr dazu, ihn nach der Quelle seines Wissens zu fragen. Von einem Augenblick zum anderen ergoss sich aus dem Westen eine Kaskade gleißenden Lichts über das Land. Keiner konnte es sofort ertragen. Selbst die Erstgeborenen wandten sich einen Moment geblendet ab, die Ihainym und Menschen schrieen laut auf.

Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, zwang sich Elrond, den Blick wieder auf das Heerlager zu richten. Dort war der Schein fast unerträglich, goldene und silberne Bänder tanzten nach allen Richtungen, hoben sich hoch in den dunklen Himmel und überzogen dieses tote Land mit der Ahnung von Schönheit und Leben.

„Das nenn ich ein Zeichen, Elbenlord!" schrie Beldoin.

Statt einer Antwort zog Elrond sein Schwert und gab damit den Angriffsbefehl. Zuerst stürmten die drei Reihen der unberittenen Krieger los. In der Mitte dieser Linie folgten ihnen die Berittenen, allen voran Elrond mit seinen Hauptleuten. Sie durchquerten das Niemandsland, ohne auf die geringste Verteidigung zu treffen. Je näher sie dem Heerlager kamen, desto heller wurde der Schein und warf sein Licht auf reines Chaos. Ein Teil der Drakan irrte einfach umher, völlig unfähig unter dem Eindruck dieser atemberaubenden Bänder über sich.

Damit endete ihr Glück jedoch.

Ein anderer Teil, der kaum weniger an der Zahl war, folgte trotz des Entsetzens und der Schmerzen, die die schwarzen Seelen peinigen mussten, gnadenlos seinen kriegerischen Instinkten. Weit vor der eigentlichen Quelle des Lichts, um die sich langsam eine dichte Traube Drakan zusammenzog, trafen die Retter auf eine Mauer des Widerstands.

Tbc

@Amélie: Wenn es bei ihm denn nur die Hormone wären, aber es ist ernst. *Wann ist es bei ihm eigentlich nicht ernst?* Schaun mer mal, wie es in dem Getümmel jetzt weitergeht *Nazgul-Augenbraue wackelt auf und ab* Elrond in Rüstung und Kampflaune ist allerdings eine Vorstellung, die meine Hormone auch nicht ganz unberührt lässt *blinzel*

@MysticGirl: Neidisch, he? Klar wäre sie aus dem Zelt geschwebt, wer nicht? Um dann zwei Meter davor unsanft auf dem Boden zu landen und knallrot im Wald zu verschwinden. So, Scherze auf Haldirs Kosten fallen also schwer? Selbst schuld, so oft hab ich mir nicht mal die Sterbeszene angesehen.