Disclaimer: Alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben. Mir nix.
22.Kapitel
Tausende...Die Zahl der Drakan war keine Überraschung. Sie hatten schließlich damit gerechnet. Arn hatte es auch in seiner Bildersprache bestätigt und dennoch...Es einfach nur zu wissen war die eine Sache, der Anblick dieses Heeres, das so weit das Auge reichte in der sanften Hügellandschaft vor Taurhoss lagerte, war eine ganz andere.
Es waren vielleicht zweihundert Schritte, die an der schmalsten Stelle dieses Lagers zu überwinden waren, doch es hätte genauso gut ein ganzer Kontinent sein können. Dies war nicht mit Dra-Baran zu vergleichen. Hier würde es keine nächtliche Ruhe geben, in deren Schutz man sich mit ein bisschen Glück zwischen den einfachen Unterständen hindurchschleichen konnte.
Selbst jetzt im Morgengrauen herrschte bereits reger Betrieb überall. Auch seelenlose Krieger mussten essen und trinken. Einige exerzierten bereits im absoluten Gleichmass und nach dem Hin und Her von Meldeläufern zu schließen, bereitete sich dieses Heer auf einen Angriff vor.
In ihrem Versteck auf einem Hügel drehte sich Ayla auf den Rücken und starrte durch das grüngraue Laub eines Dornenbuschs hinauf in den schmutziggrauen Himmel Escalondes. Nach dem seltsamen Brennen ihrer Augen zu schließen, hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben offenbar den Drang, in Tränen auszubrechen.
Haldir berührte sie an der Schulter und deutete dann stumm hügelabwärts. Sie nickte nur und folgte ihm schweigend. So nah am Drakan-Lager mussten sie vorsichtig sein. Überall waren Patrouillen unterwegs, denen sie auf keinen Fall in die Arme laufen wollten. Ayla war ausgesprochen dankbar dafür, dass sie jetzt noch nichts sagen musste. Das ungewohnte Gefühl der Verzweiflung brauchte eine Weile, bis es wieder verblasste.
Sie hatten kaum genug Abstand zum Heerlager, als der Waldelb stehen blieb und einen zwar leisen, aber sehr heftigen Fluch ausstieß.
„Hast du die Sprache verloren?" erkundigte er sich dann, weil sie ihn einfach nur schweigend musterte.
„Deine Bemerkung war eben treffend genug. Mir fällt auch nichts Besseres ein." Sie lächelte schwach. „Ich bin nur überrascht, dass der Herr von Ithuris solche Ausdrücke überhaupt kennt."
„Ich habe mein Leben nicht in einer Muschel verbracht."
„Im Moment eine sehr angenehme Vorstellung." Ayla rieb sich kurz über die brennenden Augen. „Was machen wir jetzt?"
„Vielleicht sollten wir doch in Erwägung ziehen, Taurhoss zu umgehen."
„Sie bereiten sich auf einen Angriff vor. Nicht gerade heute, aber spätestens morgen werden sie gegen die Waldgrenze anrennen."
„Ich weiß."
Haldir setzte sich wieder in Bewegung und sie gingen eine ganze Weile schweigend nebeneinander her. Aylas Gedanken irrten ab. Unerwünschte Bilder aus Albens Erinnerungen blitzten wie entfernte Lichter auf, um sofort von ihr verdrängt zu werden. Inzwischen hatte sie Übung damit. In Angram war es noch kaum zu ertragen gewesen. Albens Leben war eine Kette von Grausamkeiten und Gräueln, die sie fast um den Verstand gebracht hatten. Aber je weiter sie sich von der Festung entfernten, desto besser gelang es ihr, die Erinnerungen nicht nur auszublenden sondern vollständig aus ihrem eigenen Gedächtnis zu entfernen.
Es hatte sie viel Kraft gekostet und ohne Haldirs Hilfe wäre es wohl auch kaum gelungen. Noch etwas, wofür sie ihm insgeheim unendlich dankbar war und das sie enger an ihn band. Sie schätzte diese Verbindung, die dem seltsamen Humor der Valar entsprungen war, inzwischen sehr und würde nicht zulassen, dass sie nun auf dem letzten Stück ihres Weges durch seinen Tod wieder zerstört wurde. Sie würde es nicht ertragen.
„Ich habe nicht vor, so bald zu sterben", erriet er wie so oft in letzter Zeit ihre Gedanken.
„Die Drakan werden dich nicht erst um Erlaubnis fragen, mein Freund."
„Erlaubnis?" Andoris hatte ihre letzten Worte gehört, als sie ihr Lager jetzt erreichten. „Erlaubnis wofür?"
„Ihn zu töten."
Die erwartungsvollen Gesichter, die ihnen zugewandt waren, machten es nicht gerade einfacher. Sie hatten so viel zusammen überstanden und nun drohten sie, auf den letzten Metern zu scheitern. Ayla zwang sich zu einem sparsamen Lächeln. „Es sind viele und sie sind wachsam. Außerdem müssen wir bis morgen Taurhoss erreicht haben, sonst finden wir wirklich nur noch verkohlte Bäume vor."
„Oh", machten Iven und Andoris gleichzeitig.
Haldir seufzte. „Ich liebe es, wenn du so aufbauende Worte für alle findest."
Achselzuckend kniete sie neben der winzigen Quelle nieder, an der sie sich versammelt hatten. Es war nicht mehr als ein kleines Loch mitten im Grasboden, aus dem aber wenigstens sauberes, kühles Wasser hervorquoll und sich in einer Pfütze sammelte, bevor es zu einer Seite hin ablief und schließlich ganz versickerte. Sie trank einen Schluck und wischte sich dann mit der nassen Hand über ihr Gesicht.
„Wir könnten etwas Hilfe brauchen, Oryn", murmelte sie in Richtung der Quelle.
Eine Reaktion erfolgte nicht. Wenn man Wassergeister brauchte, waren sie nicht da. Vielleicht war die Quelle auch einfach zu klein für Oryns übergroße Persönlichkeit.
„Wir müssten das Heer umgehen, haben aber keine Zeit dafür", zählte Elcaran auf. „Heimlich hindurchschleichen wird nicht gelingen, weil sie zu wachsam sind. Um sie offen anzugreifen, sind wir zu wenige. Was bleibt noch?"
„Ein Ablenkungsmanöver", schlug Haldir vor. „Wir führen einen offenen Angriff, während Erebion mit dem Silmaril an einer ruhigeren Stelle vorbeischleicht."
Ayla wechselte einen Blick mit Erebion. Er versuchte es doch immer wieder.
„Schon gut", gab Haldir nach. „Dann eben kein Ablenkungsmanöver."
„Und wenn wir sie überraschen?" fragte Iven.
„Womit denn?" wollte Ayla wissen. „Mit unserer absoluten Unterlegenheit etwa?"
„Nein, nein." Haldir starrte den Nimjind stirnrunzelnd an. Iven schrumpfte regelrecht zusammen. „Er hat Recht. Wir können sie sogar sehr gut überraschen."
Ein Lächeln breitete sich auf Erebions Gesicht aus. Er brauchte gar nicht mehr bedeutungsvoll auf die Gürteltasche zu klopfen, in der seit Angram der Silmaril sicher in ein Tuch eingeschlagen ruhte.
„Oh ja!" rief Iven eifrig. „Für uns war es in Angram auch kaum zu ertragen und unsere Seelen sind nicht so verloren wie die der Drakan."
„Das will ich wohl meinen", sagte Melja.
„Und wie lange wird es sie blenden?" fragte Ayla in die Runde. „Wird es sie auch alle genug beeindrucken? Dort unten ist ein Bergherr, ich kann ihn spüren. In seiner Nähe werden die Drakan nicht so zu schwächen sein wie ihr beide."
Haldir breitete die Hände aus. „Es muss reichen. Jeder wird das Licht erkennen und ich bin mir sicher, dass Elrond uns sofort zu Hilfe eilen wird. Wir nehmen die schmalste Stelle des Lagers und rücken erst bei völliger Dunkelheit vor. Uns bleibt kein anderer Weg mehr."
Kopfschüttelnd wandte sich Ayla ab und suchte sich einen Platz auf einem umgestürzten Baumstamm am Rand ihres Lagers. Ihr Blick glitt von einem zum anderen und ihr Herz verdunkelte sich. Wer würde am nächsten Morgen noch leben? Sie hatten so viel miteinander überstanden und nun waren sie kurz davor, durch die Schwerter der Drakan doch noch ihr Ende zu finden.
Am meisten Sorgen bereiteten ihr Andoris und Iven, die gerade aufmerksam zuhörten, wie Erebion mit Haldir über ihr Vorgehen sprach. Beide waren so jung. Gerade der Elb hatte bereits seinen Teil zum Plan der Valar beigetragen mit seinem viel zu frühen Tod in der Schlacht auf Mittelerde. Er verdiente es, nun auf Arenor zu erfahren, wie viel Schönheit das Leben eigentlich sein konnte. Elcaran würde darauf achten, dass Andoris und seinem Zwergenfreund keine Gefahr drohte. Aber auch er konnte nicht verdrängen, dass Erebion und der Silmaril das Wichtigste in den kommenden Stunden sein mussten. Diese doppelte Belastung war für den Galadhrim eine ernstliche Gefahr.
Melja hingegen erfüllte seit Angram eine beinahe sichtbare Grimmigkeit. Der Verrat der Bauern und die Niederlage der Levaren hatten sie noch verstärkt. Er erinnerte Ayla an einen Kessel voller Wasser, der jeden Augenblick überkochen konnte. Der Sterbliche zog nicht in diesen Kampf, um einfach nur heil in Taurhoss anzukommen sondern um eine große Menge Drakan durch sein Schwert oder seine Axt fallen zu sehen. Sein Drang nach Rache war nicht gut für ihr Unternehmen. Erebion schien ähnlich zu denken, denn nachdem er nun das Gespräch mit Haldir beendet hatte, zog er den Levaren mit sich und begann, sehr leise auf ihn einzureden.
Haldir betrachtete die beiden einen Moment, dann drehte er sich Ayla zu und kam mit langsamen Schritten zu ihr. Auch an ihm waren die letzten Wochen nicht spurlos vorüber gegangen. Er wirkte hagerer und müde. Die kriegerische Eleganz, die ihn immer wie ein schimmernder Mantel umgeben hatte, war Härte und auch leichter Bitterkeit gewichen. Fast wie ein Arenai, schoss es ihr durch den Kopf. Unwillkürlich kräuselte ein Lächeln ihre Lippen.
Er blieb vor ihr stehen und hob eine Braue. In diesem Moment glich er dann doch wieder dem arroganten Bastard, der ihr und Boyar vor fast einem Jahr auf dem Weg nach Gildanna regelrecht aufgelauert hatte. Ihr Lächeln vertiefte sich.
Es schien ein anderes Leben gewesen zu sein, als sie ihn am liebsten von seinem Talan gestoßen hätte, nur um wieder ihre Ruhe zu haben. Die Zeit konnte sie nicht mehr zurückdrehen, sie wollte es auch nicht. Bevor jedoch die Dinge ihren Lauf nehmen konnten, gab es Worte, die sie ihm schuldete. Sie mussten endlich gesagt werden, weil sie vielleicht nie wieder die Gelegenheit dafür haben würde.
Ayla stand auf und legte eine Hand auf seine Brust. Der ruhige Schlag seines Herzens war ihr nur zu vertraut. Er war das einzige gewesen, das sie in den langen Stunden in Angram aus der Dunkelheit ihres zersplitterten Geistes wieder zurückgeführt hatte.
„Als Oryn sich aus dem Winterstein befreite..." Ihr Blick wanderte von der braunen Lederweste, die die vergangenen Strapazen auch nicht unbeschadet überstanden hatte, hinauf zu seinen Augen. Die gleiche Farbe wie der blaue Stern in Angram...sie hätte es eigentlich früher bemerken müssen. „Vaïre hat an diesem Tag auf Manwes Geheiß unsere Lebensfäden miteinander verbunden. Sie hat mir den Teil meiner Seele zurückgegeben, den ich als Arenai nicht haben konnte. Ich denke, es war das großzügigste Geschenk, das mir je gemacht wurde. Ich gebe es nicht wieder her, nie wieder."
Das nachfolgende Schweigen wurde durch nichts gebrochen. Haldir legte seine Hand über die ihre und drückte sie leicht. Unerwartet beugte er sich vor und seine Lippen strichen kaum merklich über ihren Mund. Dann nickte er ihr nur zu und ging davon. Sie sah ihm nach und legte gedankenverloren die Fingerspitzen auf ihre Lippen. Es war nur eine flüchtige Berührung gewesen, eher das Versprechen auf ein Leben, wie es ihr bislang fremd gewesen war.
Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit kämpfte Ayla gegen dieses seltsame Brennen in ihren Augen an. Iluvatar war großzügig und grausam zugleich. Warum jetzt, ausgerechnet jetzt? Sie standen vor einem beinahe aussichtslosen Kampf.
***
Eng zusammen kauerten sie zwischen einigen Sträuchern und warteten darauf, dass die nächsten Drakan-Streifen sie passieren würde. Wenigstens kämen sie dann die ersten Meter unentdeckt in das Lager hinein.
Man muss nehmen, was man kriegen kann, seufzte Ayla im Stillen. Selbst wenn es so wenig ist wie dies.
Die Drakan näherten sich gleichzeitig aus entgegen gesetzten Richtungen und begegneten sich genau vor dem Versteck. Jede andere hätte einige kurze Worte ausgetauscht, denn nächtliche Streifen waren ermüdend und Abwechslung stets willkommen. Diese vier Drakan sahen einander jedoch kaum an. Wie Puppen marschierten sie aneinander vorbei. Kaum waren sie weit genug entfernt, gab Haldir das Zeichen zum Aufbruch.
Sie hatten vorher genau festgelegt, wie sie dieses Unternehmen durchführen würden. Kein weiteres Wort war mehr nötig. Haldir übernahm die Spitze, direkt hinter ihm befand sich Erebion, der regelrecht von Ayla und Elcaran eingerahmt wurde. Iven lief in relativem Schutz dahinter, gefolgt von Andoris und Melja. Sie rannten einfach nur, die Waffen kampfbereit in den Händen. Zweihundert Schritte lagen zwischen ihnen und der Ostgrenze des Heerlagers.
Die erste Reihe der Unterstände wurde passiert, die nächsten beiden folgten. Um sie herum erhoben sich Drakan von ihren einfachen Nachtlagern, Waffen wurden gezogen, Fackeln entzündet.
Es konnte nicht mehr lange gut gehen. Vereinzelte Krieger stellten sich ihnen bereits in den Weg. Noch waren es zu wenige, um eine Gefahr darzustellen. Die Schwerter der Elben waren schnell und tödlich. Die Hälfte, sie hatten die Hälfte der Strecke bereits zurückgelegt. Dann verlangsamte Haldir seine Schritte. Eine ganze Horde Drakan verstellte ihnen den Weg, die kurzen Schwerter in den Händen, kein Gefühl auf den blassen Gesichtern.
„Wendet euch ab", rief Erebion und griff in seine Gürteltasche.
Hastig drehten sich die anderen von ihm weg und bedeckten ihre Augen. Es nützte nur wenig. Mit schmerzhafter Kraft tränkte der befreite Silmaril alles in weitem Umkreis in das Leuchten einer längst vergangenen, vollkommenen Zeit.
„Weiter!" war Erebions eindringliche Stimme zu vernehmen. „Es wird sie nicht ewig aufhalten."
Dicht zusammen stolperten sie also voran. Mitten durch die undeutlich zu erkennenden Gestalten der Drakan, die sich schreiend unter dem Licht wanden. Einige waren zu Boden gesunken und versuchten kriechend, diesem Licht zu entgehen, das sich in ihre schwarzen Seelen fraß.
Ayla nahm sie nur undeutlich wahr. Wieder spürte sie das Gefühl der Vertrautheit wachsen. Sie kannte nicht nur den Silmaril, sie kannte noch viel besser den Ort, an dem das in ihm eingeschlossene Licht seine Quelle hatte. Mitten im Heerlager der Drakan traf sie die Erinnerung wie ein Schwertstreich.
Das lange, schmale Bündel fest an sich gedrückt, drängte sie sich durch die Reihen der Männer und Frauen, die zur Verteidigung des Hafens, den ihre Angreifer einst errichtet hatten, angetreten waren. Sie trugen ihre Bögen und einige wenige auch Schwerter oder Messer. Die meisten jedoch waren nur mit den Werkzeugen bewaffnet, mit denen sie sonst die Schwanenschiffe bauten. Keiner hatte damit gerechnet, je diesen Ort im Kampf gegen die eigene Art halten zu müssen.
Drei Angriffe hatten sie schon überstanden, seit ihr König diesem wahnsinnigen Noldor die Schiffe verweigert hatte.
„Ambarónë!" erklangen wieder die Warnschreie der Teleri.//Aufstand//
Jetzt begann der letzte Ansturm und diesmal war es noch hoffnungsloser. Überall wurde an den Ausläufern des Hafens bereits gekämpft. Nur hier, dicht vor den Anlegern und auf den großen Schwanenschiffen hielt die Abwehr noch. Sie musste unbedingt eines der Schiffe erreichen. Die Luinára lag weit hinten im Dock. Sie war noch nicht ganz fertiggestellt, seetauglich zwar, doch fehlten ihr die unzähligen prächtigen Verzierungen, die sie erst zu einer wahren Schönheit machen würden. Laurandaro würde dort sein. Unter seiner Aufsicht wurde das Schiff gebaut, sein Herz gehörte ihr und er würde sie nicht den Noldo überlassen, ohne bis zum letzten Atemzug um ihre Rettung zu kämpfen.
Verzweifelt rannte sie den Anleger entlang durch den Schein der unzähligen Lampen, die ein wenig darüber hinwegtäuschten, dass mit dem Licht der Bäume die Verdunklung ihrer Welt vollendet worden war. Hinter sich hörte sie, wie der Brudermord einen grausigen Höhepunkt erreichte. Ihr Volk starb. Sie waren Seeleute, keine Krieger. Auch fehlte ihnen die glühende Leidenschaft, die der unselige Juwelenschmied in den Herzen seiner Gefolgschaft entfacht hatte.
Ayla zog ihr Schwert aus der Brust eines Drakan und stürzte sich auf den nächsten. Sie badete in den Strahlen des Silmaril, Kraft durchströmte sie und verhinderte, dass sie unter den Erinnerungen an ein so ganz anderes Leben erstarrte. Sie waren jetzt in der Mitte des Heerlagers, unzählige tote Drakan markierten den Weg, den sie bislang genommen hatten.
Dennoch wurde es schwieriger. Nicht alle Drakan reagierten mit dem gleichen Entsetzen auf das Licht. Es waren genug, die fast unbeeindruckt auf die kleine Gruppe eindrangen und sie immer langsamer machten.
„Nicht stehen bleiben!" Haldirs Durchhalteparolen halfen auch nicht weiter. Sie bewegten sich wie durch eine zähe Masse. Kein Moment zum Atemholen, Drakan überall. Sie fielen, um sofort durch andere ersetzt zu werden. Es war zum Verzweifeln.
„Pass auf!"
Ayla wurde von Melja zur Seite gerissen, als ein Drakan sich von hinten auf sie stürzen wollte. Der Levarin spaltete ihm mit seiner Axt den Schädel, ein grimmiges Lachen kam aus den Tiefen seiner Kehle. Sie kam nicht dazu, ihm zu danken. Mehrere Drakan versuchten, an Haldir und ihr vorbei zu kommen, um sich auf Erebion zu stürzen. Thingols Hauptmann hielt sich zwar die Angreifer so gut es ging vom Hals, doch er musste auf den Silmaril achten. Der Stein schien die Drakan mittlerweile magisch anzuziehen.
Dutzende vertrauter Gestalten bewegten sich auf den Decks der Luinára. Sie versuchten, sie klar zu machen und aus dem Hafen zu segeln, damit sie den gierigen Händen der Noldo entkommen konnte. Ihr Blick glitt auf der Suche nach ihrem Bruder über die Aufbauten. Schmerzlich bemerkte sie, dass die Schwanenflügel, die sich vom Bug an den Seiten entlang zogen, erst zur Hälfte mit den großen, schillernden Perlen besetzt waren. Diese Verzierung war allein ihre Aufgabe, ihre ganz besondere Gabe. Sie konnte Dinge mit den Perlen erschaffen, die selbst ihren König sprachlos machten.
Laurandaro winkte ihr aus der Takelage heraus zu. Sie hob das schmale Bündel über ihren Kopf, damit er erkennen konnte, warum sie trotz der eindeutigen Anweisung von ihm und ihrem Vater doch die Sicherheit ihrer Werkstatt in Olwes Palast verlassen hatte. Tirno war in ihren Händen, weil sie dem Schwert noch eine letzte Besonderheit hinzufügen sollte. Doch nun würde diese Waffe niemals in die Hände Finarfins gelangen. Kein Geschenk des Königs an seinen Schwiegersohn würde es sein, sondern eher den Tod sollte das Schwert ihm bringen, wenn es nach ihr ginge.
Auf der Luinára hatten die Seeleute aufgehört, das Schiff bereit zu machen. Sie griffen zu ihren Bögen und stellten sich nun an die Reling. Gleichzeitig schrieen sie Warnungen in ihre Richtung. Sie brauchte sich nicht erst umzudrehen, um zu wissen, dass die Noldo die Reihen durchbrochen hatten und auf den Anleger strebten. Voller Furcht beschleunigte sie nochmals ihre Schritte und lief über eines der dicken, weißen Taue. Laurandaro nahm sie in Empfang und drängte sie sofort auf die abgewandte Seite des Decks. Sie hielt ihm das Schwert entgegen. Laurandaro befreite Tirno aus der reichverzierten Scheide aus weißem Leder, seine Hand schloss sich fest um den Griff, auf den sie so viel Mühe verwandt hatte, dann stürzte er sich in den Kampf.
Dieser Narr! Laurandaro war ein Schiffsbauer und Musiker, er hatte nicht die geringste Ahnung, wie man kämpfte. Besonders gegen die Besessenheit der Noldor kam er nicht an. Ob mit oder ohne Tirno, ihr Bruder würde sterben. Er war bereits seit langer Zeit tot...Ayla fluchte aus voller Kehle und konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart. Ausgerechnet jetzt konnte sie nichts von diesen Erinnerungen gebrauchen.
Sie kamen keinen Meter mehr weiter. Erstgeborene drängten hinter den Drakan in ihre Richtung, Reiter an ihrer Spitze, doch auch sie gewannen nur mühsam Raum. Zwischen diesen Rettern und ihnen hatte sich eine Mauer aus Drakan gebildet, die zum Glück durch den Silmaril geschwächt waren.
Ayla umfasste Tirnos Griff mit beiden Händen und schlug blindlings auf den Ring aus Leibern ein, der ihnen immer näher kam. Ihr Dolch steckte längst im Hals eines Drakan. Sie fand kaum noch Halt auf dem Boden, der sich unter ihnen in eine glitschige Masse aus Staub und dem schwarzen Blut der Drakan verwandelt hatte.
Als hinter ihr ein Schmerzensschrei ertönte, fuhr sie herum. Erebion sackte mit verzerrtem Gesicht in die Knie. Ein kurzer, dunkler Pfeil ragte nah über seinem Herzen aus der Brust. Der Elb hatte Gilgrim fallen lassen, nur den Silmaril hielt er noch eisern umklammert.
„Melja, nimm sein Schwert", rief Ayla dem Levaren zu. „Du musst ihn damit schützen. Iven, hilf Erebion. Er muss wieder auf die Beine."
Sie hatte keine Zeit, sich weiter um Thingols Hauptmann zu kümmern. Aber seine Verletzung machte sie wütend genug, dem gerade auf sie zu kommenden Drakan in einem einzigen Schlag den Kopf abzutrennen. Ihr Blick glitt zu Haldir. Der Waldelb war unverletzt, sah aber gespenstisch aus mit all dem schwarzen Blut, das ihn bedeckte.
Sie hatten es fast geschafft. Die Reiter waren nur noch wenige Meter von ihnen entfernt. Ayla unterdrückte einen Schrei der Erleichterung, als sie die vertrauten Gesichter erkannte.
Das Schiff war verloren. Keiner von ihnen hatte mehr einen Pfeil im Köcher, vom Anleger aus strömten die Angreifer über die einfachen Planken oder die Taue am Bug und Heck. Die Teleri hatten sich mit allem bewaffnet, das ihnen noch zur Verfügung stand. Werkzeuge, Stangen, manche der Männer hielten einfach nur Taustücke mit dicken Knoten an den Enden in der Hand. Der Anblick war traurig und entsetzlich zugleich. Nur Laurandaro schwang Tirno, das selbst in seinen ungeübten Händen verheerend war.
Sie ertrug es kaum, ihren Bruder bei seinem Kampf zu beobachten. Doch wenn sie den Blick abwandte, fanden ihre Augen ebensowenig Erleichterung. Alqualonde versank im Blut ihres Volkes. Der weiße Stein war damit leuchtend rot gefärbt. Nun wurde überall gekämpft. Selbst auf dem großen Bogen am Hafeneingang trafen die Noldo und Teleri aufeinander. Es hätte nie so weit kommen dürfen. Sie waren Freunde gewesen, das Haus ihres Königs durch Hochzeit sogar mit dem Feanors verbunden.
Als sie wieder den Blick zu ihrem Bruder lenkte, entglitt ihr die Schwerthülle. Laurandaro lag am Boden, Blut breitete sich unter ihm aus. Über ihm stand die vertraute Gestalt Finarfins, der an der Spitze seiner Männer die Luinára gestürmt hatte. Sie stürzte vor und sank neben ihrem Bruder auf die Knie. Er war tot, noch immer einen ungläubigen Ausdruck in den Augen. Für einen Moment dachte sie, ihr Herz würde brechen, so unerträglich war der Schmerz in ihrer Brust. Dann wurde der Schmerz von einem ganz fremden Gefühl verdrängt, das wie flüssige Glut durch ihren Körper strömte. Finarfin sollte bezahlen für diesen Tod und als Preis wollte sie sein eigenes Leben.
Sie flehte Manwe an, ihr die Kraft zu geben, Laurandaros Tod wenigstens einen Sinn zu geben. Einen Sinn für den Verlust aller Teleri, die hier ihr Leben lassen mussten. Es konnte nicht sein, dass der Brudermord ungesühnt blieb. Manwe würde einen Weg finden, sie und die anderen aus ihrer Hilflosigkeit zu erretten. Ihre Hand schloss sich um Tirnos Griff, der flache Amethyst schmiegte sich in ihre Handfläche.
„Àva!" keuchte Finarfin entsetzt, als sie sich auf ihn stürzte.
„Ayla!"
Sie war noch immer auf den Knien. Tirno ruhte in ihrer Hand und wartete darauf, sich tief in Finarfins Herz zu bohren. Ayla biss die Zähne zusammen und hob den Kopf. Mit einem tiefen Atemzug löste sie sich aus ihren Erinnerungen und kehrte auf dieses Schlachtfeld zurück.
Reiter umgaben sie und Krieger mit großen Schilden, die die Drakan zurückdrängten. Haldir und Melja halfen dem geschwächten Erebion dabei, hinter Temlar aufzusitzen. Andoris war bereits von Lemna aufgesammelt worden, während Elcaran gerade Iven schwungvoll hinter seinem Vater platzierte, bevor er selbst hinter seinem Bruder aufstieg.
„Steigt auf!" wurde sie von Elrond angeherrscht. „Lange halten wir sie nicht mehr zurück."
Einen Moment zögerte sie noch. Sein Gesicht verschmolz mit dem Finarfins, ihre Finger schlossen sich fester um Tirnos Griff. Sturmgraue Augen, besorgt und wachsam, fanden mitten durch ihren Hass einen Weg in ihre Seele. Was war sie gerade im Begriff zu tun? Dies war Elrond, Elrond von Arenor! Er sah Finarfin nicht einmal ähnlich.
Der Brudermord war Vergangenheit. Sie war in dieser Nacht vor langen Zeitaltern gestorben, erfüllt von einem unbändigen Hass, der nur langsam in Mandos Hallen verebbte. Manwe hatte sie ohne die Erinnerung an den Brudermord an diesen Ort geschickt, damit sie die Stärke fand, alle ihrer Art zu schützen. Noldor oder Teleri, sie entsprangen gleichermaßen Iluvatars erster Melodie. Sie waren eins.
Ayla ergriff die dargebotene Hand und zog sich hinter Elrond auf Ithilions Rücken. Sie waren die letzten, die hinter dem schützenden Ring der Elbenkrieger den Rückweg antraten. Dicht bei ihnen ritt eine reichlich blasse Hivia mit Haldir hinter sich. Sie hatte es eilig, Morel in Richtung auf den schützenden Waldrand zuzutreiben und Ayla konnte sie nur zu gut verstehen. Nur in Taurhoss würden sie endlich alle in Sicherheit sein.
*
Der Kampf war noch nicht vorbei. Sie erreichten die Baumgrenze, dicht gefolgt von den Drakan. Ihainym und Menschen ließen von den Mellyrn aus einen Vorhang aus Pfeilen vor den Verfolgern niedergehen. Das gab ihnen Zeit, die Verteidigungslinie wieder neu zu formieren. Die Schildträger bauten sich sofort in einer dichten Reihe auf, um den Waldrand so lange zu halten, bis der Schutzring seine nötige Stärke erreicht haben würde.
Die Reiter stoppten nicht weit hinter ihnen. Eile war geboten. Hinter Elrond glitt die Arenai von Ithilions Rücken und rannte hinüber zu Temlar und Erebion. Sie fing den Silmaril auf, der der kraftlosen Hand des Elben entglitten war und reichte ihn an Temlar weiter. Elcaran und Haldir zogen den Verletzten vom Pferd und Temlar ritt tiefer in den Wald, um dort sein Werk in Sicherheit vollenden zu können.
Elrond drängte es, Erebion zu Hilfe zu kommen, doch noch war nicht die Zeit dazu. Er wandte sich wieder der Kampflinie zu.
„Schließt die Reihen!" schrie er seinen Kriegern zu. „Keiner darf die Baumgrenze überschreiten."
Die Macht, die die Drakan befehligte, musste ahnen, dass ihr nur noch wenig Zeit blieb, diesen Kampf zu wenden. Die erste Welle des alten Lichtes hatte sich nun abgeschwächt und die Drakan waren wieder in der Lage, den Kampf zu führen. Wer sich auch nur gerade eben auf den Beinen halten konnte, rannte gegen die Linien der Verteidiger an.
„Melja!" hörte Elrond Haldirs Stimme über dem Kampfgewirr. „Deine Männer sind wie aufgescheuchte Hühner. Sie sollen nicht nur schießen, sondern dabei auch zielen."
„Sie zielen gut genug!" brüllte der Levarin zurück. „Es stecken mehr Levarin-Pfeile in den Drakan-Hälsen, als die von deinen Elben."
„Das liegt daran, dass meine Männer sofort auf das Herz zielen, du Dummkopf!"
„Wiederhol das und du landest wieder bei den Fledermäusen."
„Flederratten!" rief Elcaran dazwischen. „Es waren Flederratten."
Mitten in der letzten Abwehrschlacht hatte Elrond den kaum bezähmbaren Drang, vor lauter Erleichterung in Gelächter auszubrechen. Sie mussten nur noch wenige Minuten durchhalten und es würde ihnen gelingen, daran hatte er keinen Zweifel mehr. Mit dem Silmaril war die Kraft der Verteidiger zurückgekehrt und noch etwas anderes erhob sich nun unsichtbar, aber dennoch deutlich zu spüren zwischen den ersten Reihen der Mellyrn. Die Drakan stockten in ihren Schritten auf den Waldrand zu, Unruhe spiegelte sich auf ihren sonst so reglosen Gesichtern. Der Ring schloss sich langsam.
Noch konnten sich die Verteidiger nicht zurückziehen, aber der Druck auf die Kampflinie ließ bereits nach. Elrond fand nun endlich die Zeit, sich ein Bild der Lage zu verschaffen. Bislang wusste er noch nicht, wie viele Opfer der Ausfall gefordert hatte. Es erfüllte ihn mit Erleichterung, dass es nur wenige waren, die verletzt zu sein schienen. Aber nicht alle hatten die Schlacht überlebt und Elrond beobachtete voll stiller Trauer, wie die leblosen Körper weiter in den Wald getragen wurden. Eine goldene Wolke würde sich am nächsten Morgen über dem Lager erheben und die Seelen auf ihre letzte Reise schicken.
„Hivia, du musst den Verstand verloren haben! Was bei allen Dämonen machst du hier vorne?" Ayla hatte Hivia am Arm gepackt und schob sie einige Schritte in den Wald hinein. „Du bist Elrond wahrscheinlich unentwegt auf die Nerven gegangen, damit er das zulässt. Geh jetzt endlich und kümmere dich darum, dass die Heiler Erebion anständig versorgen. Mach schon! Lemna, komm her und bring sie weg. Andoris kannst du gleich mitnehmen."
Arenors Schildmeisterin war also wieder da und verlor keine Zeit, das auch klar zu machen. Er war den Valar dankbar, dass sie heil zurückgekehrt war. Elrond fing einen wütenden Blick Hivias auf, zuckte aber nur mit den Schultern. Ayla hatte ihm aus der Seele gesprochen. Je weiter Hivia vom Geschehen entfernt war, desto sicherer war sie.
Die Drakan kamen inzwischen keinen Schritt mehr weiter. Ratlos standen sie vor dem Waldrand. In ihrem verdunkelten Verstand musste ihnen diese Barriere ein Rätsel sein. Von hinten drängten noch andere nach und schoben die vordersten Reihen weiter. Doch wer näher als einen Steinwurf an den Waldrand herankam, wurde offenbar von Panik erfasst und wandte sich zur Flucht. Die Verteidiger hatten längst ihre Waffen gesenkt und beobachteten erleichtert dieses Schauspiel, das sich von nun an immer wiederholen würde, wenn Eindringlinge sich diesem Teil Escalondes näherten.
Elrond ließ seinen Geist über diese Barriere hinauswandern, bis er die dunkle Existenz ausmachte, die schon viel zu lange vom Unglück Escalondes seine Lebenskraft schöpfte. Morcrist, so nannte sich dieses Geschöpf und es brannte gerade jetzt voller Hass und Zorn.
„Sie ziehen sich zurück." Haldir kam langsam auf ihn zu. Dieses Unternehmen war nicht ohne Spuren geblieben, doch der Herr von Ithuris wirkte unter all dem Schmutz und Blut unendlich erleichtert. „Es erfreut mein Herz, dich wohlauf zu sehen."
Elrond lächelte. „Das sagst du mir, mein Freund? Du siehst aus wie ein Mann, der gefunden hat, was er suchte."
„Und noch einiges mehr." Haldir breitete die Arme aus. „Wenn ich mich hier so umsehe, gibt es wohl viel zu erzählen."
„Aber nicht an Ort und Stelle", ließ sich Ayla vernehmen. „Die Geschichten dürften zu lang sein, um sie sich im Stehen anzuhören. Wir sollten ins Lager zurückgehen. Ich hoffe doch, so etwas gibt es hier."
„Es wurde für alles gesorgt, Schildmeisterin." Elrond deutete mit einer spöttischen Verbeugung in den Wald hinein. „Ihr werdet keinen Grund zur Klage finden."
Haldir lachte laut auf und legte einen Arm um Aylas Schultern. „Wenn du dich da nicht täuschst. Sie wäre nicht sie selbst, würde sie nicht irgendeinen Makel entdecken."
Gutmütig schlug sie nach ihm. „Werde nicht zu übermütig, Waldelb. Du hast mir zwar unentwegt das Leben gerettet, aber das heißt nicht, dass wir nicht doch noch die Klingen kreuzen."
„Irgendwann, aber nicht jetzt. Ich bin zu müde, um dir eine Lektion zu erteilen."
Nur Gilawan und Elcaran schlossen sich ihnen an, als sie sich auf den Weg zum Lager machten. König Beldoin hatte seinen Sohn sofort aus dem Kampfgetümmel heraus gebracht, Melja stand mit Dorian zusammen und bedeutete ihnen, dass er gleich nachkommen würde.
„Bis auf Erebion scheint ihr alle es gut überstanden zu haben", stellte Elrond auf dem Rückweg fest.
„Verwunderlich genug", sagte Haldir. „Die Valar haben es uns nicht leicht gemacht, den Silmaril zu finden. Es gab einstürzende Höhlen, Fledermäuse-„
„Ratten", berichtigte Elcaran.
„Flederratten", nickte Haldir mit Grabesstimme. „Höhlenmolche, versinkende Schildmeisterinnen und ein Feuerdrachen."
„Dranguru?" Elrond war nicht wirklich überrascht.
„Eben dieser."
„Haldir hat ihn geblendet", sagte Ayla.
„Nur auf einem Auge."
„Es reichte. Am Ende wurden wir sogar noch von den Escalondern verraten."
„Man hat ein Kopfgeld auf euch ausgesetzt."
„Das haben wir gemerkt." Die Arenai seufzte. „Ihr hattet Verluste."
„Wenige", bestätigte Elrond. „Ihr wusstet, dass es eines Tages so weit sein würde."
„Wird es dadurch weniger schmerzlich, Pereldha?"
Sie hatte noch nie die Hochsprache benutzt und ihn vor allen Dingen auch nicht Halbelb genannt. Elrond kam nicht dazu, über die Anrede verwundert sein. Vor dem Zelt rechts neben seinem wurden sie bereits von vertrauten Gesichtern erwartet. Hivia ließ Andoris und Iven stehen, um ihnen entgegen zu eilen. Elrond beherrschte den Drang, sie in die Arme zu schließen und den Valar aus vollem Herzen zu danken, dass sie diesen Kampf unversehrt überstanden hatte.
„Wie geht es Erebion?" fragte er stattdessen.
Sie zog eine kleine Grimasse. „Nordrim hat den Pfeil entfernt und die Wunder versorgt. Er sagt, Erebion hat sehr viel Blut verloren. Könntest du nicht..."
Er nickte nur und betrat das Zelt, das in die grüngoldene Dämmerung der Zeltwände gehüllt war, die erst durch das Licht des Silmaril ausgelöst wurde. Ein fast hagerer Arenai, noch in Kampfkleidung, verließ gerade den Schlafbereich. In seinen Händen hielt er die Wasserschale, deren Inhalt sich hellrot verfärbt hatte.
„In der Vergangenheit kehrten unsere Träumer zwar oft schwer verletzt von ihren Wanderungen zurück, aber sie brachten dabei die Waffen nicht mit, die die Verletzungen verursacht hatten", sagte er mit einem schmalen Lächeln. „Ich habe gleichwohl den Pfeil entfernen und die Wunde schließen können, Meister Elrond, doch der Blutverlust ist hoch. Sein Körper ist auch in den vergangenen Wochen nicht gerade geschont worden."
„Ich bin sicher, Ihr habt Großartiges geleistet, Meister Nordrim", sagte Elrond und trat dann an ihm vorbei.
Nordrim hatte Kissen herbeigeholt, um Erebion zu stützen und ihm das Atmen zu erleichtern. Der dunkelhaarige Elb ruhte mit halbgeschlossenen Augen auf dem Feldbett, nur ein breiter, sauberer Verband bedeckte den Oberkörper, eine Pelzdecke den Rest von ihm. Elrond runzelte etwas die Stirn, so ausgezehrt und blass war der ehedem kraftvolle Krieger Thingols. Neben dem Bett stand noch einer der überall verwendeten Tuchstühle und Elrond setzte sich hinein. Es war eine Erleichterung, die ihm sehr willkommen war.
Vorsichtig legte er eine Hand flach auf den Verband und ließ seine Sinne durch die Lebenslinien des Doriath-Elben wandern. Im Bereich der Pfeilwunde setzte bereits die Heilung ein. Aber Erebion tat sich schwer damit, die Schwäche der langen Reise hatte nur wenige Reserven belassen und der Blutverlust war nicht gerade hilfreich. Elrond sammelte seine Kräfte, die Heilsprüche halfen ihm dabei. Behutsam schickte er die Ströme seines eigenen, unversehrten Wesens zu dem Erebions. Es bedurfte einiger Anstrengung, doch schließlich spürte er, wie der andere sich merklich erholte.
Elrond ließ sich im Stuhl zurücksinken und schloss für eine Weile die Augen.
„Ihr macht es Euch zur Gewohnheit, mich aus meiner Ruhe zu holen", erklang nach einiger Zeit Erebions spöttische Stimme.
„Ich schätze eben Eure Gesellschaft."
„Und ich die Eure, mein Freund. Zumindest ist sie ein Zeichen, dass ich mich wohl in Sicherheit befinde, nicht wahr?"
Elrond richtete sich wieder etwas auf und musterte den anderen. „Euer Körper verrät, welche Anstrengungen Euch in den letzten Wochen abverlangt wurden."
„Nicht nur mir. Bei Eru, andere mussten noch viel mehr ertragen."
„Mit der Rückkehr des Silmaril haben wir Zeit gewonnen. Die Maiar um Temlar schützen uns von hier bis nach Arenor."
„Ah, wie Melians Gürtel." Erebion nickte. „Dann können wir etwas durchatmen und bald mit dem eigentlichen Werk beginnen. Euch dürfte so wie mir klar sein, dass dies hier nur der Anfang der Befreiung Escalondes ist."
Elrond stand auf. „Ein Schritt nach dem anderen. Dies waren anstrengende Tage, wir werden jetzt einfach nur das Gefühl genießen, wenigstens einen kleinen Sieg errungen zu haben. Ich rate Euch das gleiche, Erebion. Denkt nicht zu weit in die Zukunft, sie mag angenehmer sein als wir befürchten."
„Ah, das sagt mir also ein Seher. Wen wollt Ihr täuschen, Elrond?"
„Zuallererst wohl mich selbst", lächelte Elrond. „Außerdem gehört es zu den Aufgaben eines Heilers, die Kranken zu ermuntern."
„Und wer ermuntert den Heiler?"
Diese Antwort blieb Elrond lieber schuldig. Mit einem leichten Neigen des Kopfes beendete er das Gespräch und trat durch den Vorhang in den Wohnbereich des Zeltes.
Ayla nahm gerade einige Kleidungsstücke aus einer Truhe.
„Er überlebt?" fragte sie, ohne mit ihrer Tätigkeit inne zu halten.
„Ich denke schon." Er verschränkte die Arme vor der Brust und beobachtete sie eine Weile. Erebion mochte erschöpft aussehen, aber die Schildmeisterin der Arenai glich beinahe einem Geist. „Mir scheint, die vergangenen Wochen haben an Kraft gefordert, was immer Euch möglich war zu geben."
„Escalonde macht keine Geschenke." Sie blinzelte ihm zu. „Ihr solltet das ebenso gemerkt haben. Nette Rüstung, die Ihr da tragt. Das Blut muss man sich natürlich wegdenken."
Er schmunzelte nur. Sie beneidete ihn sicherlich nicht darum. Hivia hatte ihm Aylas in der Waffenkammer des Großen Hauses gezeigt. Es war ein Kunstwerk aus schwarzem Leder und matten Silberornamenten. Mit gesenkter Stimme hatte Hivia erzählt, dass die Prägungen des Leders mit Ithildin versetzt sein sollten und nur die Schildmeister der Arenai kannten die Worte, die es bei Mondlicht zum Schimmern bringen würden.
Endlich schien sie alles, was sie brauchte in der Truhe gefunden zu haben und klappte mit einem leisen Seufzer den schweren Deckel wieder zu. Sie brauchte Ruhe und die würde wohl schwer zu finden sein, wenn ihr Zelt mit dem Kranken belegt war. „Hat man Euch ein neues Quartier zugewiesen?"
„Nicht nötig, Haldir hat genug Platz."
„Haldir?"
„Seht mich nicht so an. Die Geschehnisse in Angram sorgen bei mir für dauerhafte Albträume. Este war so freundlich, meine Ruhe wiederherzustellen."
„Durch Haldir?"
„Niemand hat behauptet, die Valar hätten keinen Humor." Sie grinste leicht. „Und da man in Valinor hartnäckig darauf besteht, dass es keine bessere Verbindung als die zwischen ihm und mir gibt, haben wir beide am Ende aufgegeben. Außerdem hätte es für alle schlechter kommen können. Stellt Euch vor, die Valar hätten Euch zu meinem Schlafmittel auserkoren. Was würde Hivia dazu sagen?"
Elronds Augen weiteten sich kurz. Sie konnte es nicht wissen, dafür war sie viel zu kurz erst wieder hier.
„Überrascht? Ich kenne Hivia schon sehr viel länger als Ihr. Meinen Segen sollt Ihr haben, auch wenn Ihr ihn wohl kaum braucht. Starke Nerven wären wohl angebrachter."
Elrond beschloss, diese Angelegenheit einfach mit Gelassenheit hinzunehmen. Etwas anderes beschäftigte ihn jedoch, für das er einfach keine Erklärung fand. „Vorhin im Heerlager…."
„Ich hätte Euch fast angegriffen", lautete die ruhige Antwort.
„Sehe ich einem Drakan so ähnlich?"
„Nein, aber Finarfin aus dem Hause Feanor. Ich dachte es zumindest für einen Moment, dabei war er blond. Das Erbe seiner Vanya-Mutter."
„Finarfin", wiederholte er nachdenklich.
Ayla setzte sich auf den Truhenrand. „Ihr wirkt nicht gerade sprachlos."
„Oryn bezeichnete Euch als Wiedergeborene aus der alten Zeit."
„Teleri aus Alqualonde. Ich wurde sogar dort geboren. Mein erstes Leben verbrachte ich auf Valinor, bis dieser Schlächter über mein Volk herfiel, um unsere Schiffe zu stehlen. Finarfin tötete zuerst meinen Bruder und dann mich. Es war ein schneller Tod, soviel Gnade besaß er wenigstens."
Sie nahm es nicht so leicht, wie sie es sagte. Doch er war wohl nicht der richtige, um sie in diesem neuentdeckten Kummer zu erreichen. „So werden aus den Arenai unter dem Licht des Silmaril also wieder Teleri."
„Nein. Wir können nicht zu dem werden, was vor langer Zeit vergangen ist. Selbst wenn alle sich so erinnern sollten, wie es bei mir eintrat, sind wir nicht mehr die Seeleute von damals. Wir sind Arenai, Lord Elrond, Krieger reinsten Wassers." Ayla erhob sch wieder und ging zum Zelteingang hinüber. Plötzlich lächelte sie. „Hivia auf einem Schiff! Das ist wirklich eine beängstigende Vorstellung."
Das Bild eines der wunderbaren Schwanenschiffe tauchte vor ihm auf und im Mittelpunkt Bremdals Pferdeherrin, die rettungslos in weiße Taue verheddert halb über Bord hing.
Lachend folgte er ihr aus dem Zelt.
Tbc
@atropos: Wirklich eine tiefschwarze Seele *grins*, eine gewisse Seelenverwandtschaft mit Mystic ist kaum zu übersehen. Vielleicht solltest du mal bei ihren Stories reinschauen. Immerhin ist sie die Erfinderin des Elben-Barbecue und der Elladan-Frikadelle mit 90% Elladan-Anteil, frisch zubereitet von Chefkoch Elrohir.
Nein, im Ernst. Elrond bewegt sich sicher auf dünnem Eis und das hat mir auch Kopfzerbrechen bereitet. Aber, was macht der ff-Autor in solchen Fällen? Handbuch der moralischen Fragen, Silamarillion gezückt, hektisch geblättert und...*grübel, grübel* die Indis-Lösung. Das weiß der gute Halbelb zwar noch nicht. *bisschen Gewissensbisse muss sein*
@amélie: Hivia in der Schlacht hatte zum Glück keine tragende Rolle. Außerdem ist Ayla wieder da und die lässt sich nicht von Hivias großen Blauaugen überreden. Elrond hat wieder Unterstützung. Kann er bei Hivia wohl auch brauchen.
Ist er nicht putzig, unser Waldelb, so gefühlvoll, romantisch, wortgewandt. Zum Glück hat er ihr nicht nur ein Memo geschickt *Betrifft Beziehung, Vertiefung geplant, Bitte ja oder nein ankreuzen*
@MysticGirl: Immerhin hat er überhaupt endlich die Zähne auseinander bekommen. Die beiden sind unsterblich, er hätte auch noch tausend Jahre darüber nachdenken können. Und hinter den Kisten war nichts!!! Die beiden sind gut erzogen, im Gegensatz zu anderen Personen *heb die Augenbrauen*
