Disclaimer: Und nun zum letzten Mal: alles gehört Tolkien bzw. seinen Erben. Mir gehört nichts, doch – Ayla und ein paar andere. Die gebe ich auch nicht her.
23. Kapitel
„Gib es mir!"
„Nein!"
„Sie braucht es aber, Iven." Hivia zerrte verzweifelt an Aylas Schwert, das der Nimjind mit beiden Händen festhielt. Genauso gut hätte sie versuchen können, ein Stück aus einem Felsen zu brechen.
„Ich habe in Angram darauf geachtet", knurrte er. „Hier werde ich es genauso halten."
„Ich will es doch nur zu Ayla bringen." Hivia war der Verzweiflung nahe. Haldir hatte ihr das Schwert, das offenbar seit neuestem sogar einen Namen hatte, ohne jede Nachfrage ausgehändigt, doch Iven war da ganz anderer Art. Sie war nur einen Schritt weit gekommen, bevor er wie aus dem Nichts aufgetaucht war und es ihr einfach entrissen hatte.
„Sag mir, wo sie ist, dann bringe ich es ihr selbst", sagte Iven, ohne seine Umklammerung zu lockern.
„Ayla ist bei der heißen Quelle!" schrie sie ihn an. „Du kannst jetzt nicht zu ihr. Haldir, sag ihm, er soll sofort loslassen."
Der Waldelb stieß sich von dem Zeltpfosten ab, an dem er nun schon eine Weile lehnte und schlenderte gemächlich zu ihnen hinüber. Sauber und in neuer Kleidung sah er sich selber wenigstens wieder halbwegs ähnlich. In der Nacht zuvor war er ihr ziemlich furchterregend vorgekommen. Alle hatte sie wie Gestalten aus einem Albtraum gewirkt, sogar Iven, der es eigentlich gerade eben immer noch war.
„Ayla badet?" fragte Haldir.
„Ja, und sie will bestimmt nicht Iven bei sich haben."
„Was will sie dann mit ihrem Schwert – sich wieder die Haare so unsäglich stutzen?"
Hivia hätte ihn am liebsten erwürgt. Er sollte ihr doch nur helfen, diese lächerliche Rangelei mit dem Zwerg zu beenden, zu der sich immer mehr Zuschauer einfanden. Eigentlich fehlte jetzt nur noch Elrond. Er würde sie den Rest ihres Lebens damit aufziehen.
„Ich weiß es nicht", zischte sie. „Vielleicht hängt sie einfach daran, vielleicht will sie es auch nur von diesem widerlichen Drakan-Blut reinigen."
„Das habe ich schon", rief Iven triumphierend und zerrte wieder an Tirno herum. „Sag ihr, dass es wieder makellos ist."
Hivia hatte genug davon. Wenn Haldir ihr nicht helfen wollte, dann würde sie eben zu drastischeren Maßnahmen greifen. Sie zog ihren Dolch aus dem Gürtel und hielt ihn an Ivens rechtes Ohr. „Jetzt hör mir zu, du Zwergenprinz. Es ist mir egal, wie lange du ihr Schwert durch diese Festung geschleppt hast. Entweder gibst du es mir jetzt oder dir passt nie wieder ein Helm."
Haldirs schlanke Finger schlossen sich zwischen den Händen der Widersacher um die einfache, schwarze Lederhülle. „Ich denke, es ist nun genug, Iven. Hivia, steck den Dolch weg, er wird es dir geben. Iven, ich sagte, du wirst es ihr geben! Wir haben dieses Abenteuer nicht heil überstanden, damit du ausgerechnet hier noch ein Ohr verlierst."
Mit einem Schnaufer entriss Hivia dem gelockerten Griff des Zwergs das Objekt ihres Streits, warf noch einen wütenden Blick in die Runde und marschierte dann so schnell es ging davon. Erst als sie das Zeltlager hinter sich gelassen hatte, verlangsamte sie wieder ihre Schritte.
„So ein Unfug!" schimpfte sie leise vor sich hin. „Warum mache ich mir eigentlich die Mühe? Sie braucht dieses Schwert wirklich nicht. Ah verdammt, wenn es sie glücklich macht."
Ihr Herz wurde leichter, je tiefer sie in den Wald hineinschritt. Ein Leuchten lag zwischen den Mellyrn und die Luft war mit Leben erfüllt. Taurhoss hatte schon vorher etwas von dem wiedergespiegelt, das sie so von Arenor gewöhnt war, doch nun lag ein Zauber in dieser von den Ihainym so lange geschützten Welt. Hivia fühlte sich wohl hier, auch wenn es etwas wenig freie Stecken gab, auf denen sie die Pferde bewegen konnte.
Bremdals Edle, sie seufzte leise. Einige hatten die Kämpfe nicht überlebt, andere waren verletzt worden. Ihre Tränen um sie hatte sie in der Nacht zuvor bereits vergossen und zum ersten Mal in ihrem Leben war sie nicht alleine in ihrem Kummer gewesen, sondern hatte in einer stillen Umarmung Trost gefunden.
Sie ertappte sich dabei, dass sie breit lächelte und sah sich sofort um, ob auch niemand da war, der es bemerkt hatte. Irgendwo in den Bäumen würden sicher Ihainym sein, doch die zählten nicht wirklich. Ihainym waren verschwiegen – hoffte sie wenigstens.
Die Quelle lag geschützt zwischen den riesigen Wurzeln eines Mallorn und einigen Felsen, die so geschickt gruppiert waren, das sie kaum auf natürlichem Weg diesen Platz gefunden haben konnten. Das Quellwasser selber war so warm, dass feiner Wasserdampf über der Wasserfläche schwebte. Es war unendlich entspannend, sich dort hineinsinken zu lassen, das hatte Hivia bereits festgestellt.
Ayla saß bereits wieder auf einem der kleinen Felsen am Quellrand. Sie trug nur eine schwarze Samthose und ein silbergraues Hemd. Die Stiefel lagen noch einige Schritte entfernt und ihre Weste hing über einem Wurzelstück in der Nähe. Außerdem war sie nicht alleine, Temlar stützte sich neben ihr auf seinen Stab. Der ernste Gesichtsausdruck, mit dem er zuvor die leise Unterhaltung mit der Schildmeisterin geführt hatte, wich einer ärgerlichen Grimasse, als er Hivia erblickte.
„Du genießt deine Unsterblichkeit zu sehr", begrüßte er sie. „Wie kann es so lange dauern, einen einzigen Gegenstand vom Zeltlager bis hierher zu transportieren?"
Ayla legte ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm. „Wollte Haldir es dir nicht geben?"
„Haldir schon", sagte Hivia. „Aber dein oberster Schwertträger Iven hat mich behandelt wie einen Dieb."
„Iven", schmunzelte Ayla. „Ihm wird nicht gefallen, was nun geschieht."
Nach diesen Worten bezweifelte auch Hivia, ob es ihr wohl gefallen würde, egal was nun kam. Beinahe widerstrebend legte sie das Schwert in die ausgestreckten Hände ihrer Schildmeisterin.
„Tirno", murmelte Temlar. „Seine Hülle war einstmals von so strahlendem Weiß, Delphine und Schwäne in das Leder geprägt. Vielleicht solltest du sie wieder erneuern lassen, Ayla."
„Ein weißes Schwert?" spottete sie. „Dann kann ich mir auch sofort eine Lampe auf den Kopf binden, wenn wir das nächste Mal in die Schlacht ziehen. Hivia, gib mir deinen Dolch, meiner steckt in irgendeinem Drakan-Hals."
„Du willst es kaputt machen?"
„Schau mich nicht so entsetzt an. Natürlich werde ich es nicht zerstören." Ayla nahm den zögernd gereichten Dolch und begann, den ovalen Amethysten auf dem Griff zu lockern.
„Wenn das keine Zerstörung ist, benutzen wir das Wort sehr unterschiedlich", kommentierte Hivia das Stochern. „Iven wird mich umbringen."
„Iven wird ganz andere Dinge im Kopf haben", sagte Temlar. „Erzähl mir, Hivia Pferdeherrin, kommt dir der Silmaril eigentlich nicht vertraut vor?"
Hivia löste ihren Blick von dem Frevel, den Ayla gerade an der Waffe beging, die sie von Agir geerbt hatte. „Vertraut? Es ähnelt Arenor."
„Und mehr nicht?"
„Ich bin nicht sicher. Manchmal überkommt mich Traurigkeit, obwohl kein Grund dafür besteht und manchmal könnte ich singen."
Temlar lächelte. „Besser nicht, du warst nie eine wirklich gute Sängerin."
Mit schiefgelegtem Kopf betrachtete sie den alten Mann, der eigentlich zeitlos war und mächtiger, als sie je für möglich gehalten hatte. „Du wusstest immer, wer wir sind."
„Natürlich, aber ich kann es dir jetzt ebenso wenig sagen wie in den Jahrtausenden davor. Ihr müsst den Weg in eure Erinnerung alleine beschreiten, uns war nur die Aufgabe zugedacht, euch dabei zu beobachten."
„Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich erinnern will, Temlar. So wie das Leben ist, gefällt es mir ganz gut."
„Zum Glück fragt dich niemand." Er richtete sein Interesse wieder auf Ayla, die gerade den Edelstein vorsichtig anhob. Darunter war eine silberne Scheibe eingelassen. „Du hast damals Tirno gut verwahrt, Schildmeisterin, auch wenn dir nicht klar war, warum du ihn so vor allen Blicken verborgen hast."
„Tirno?" fragte Hivia verwirrt. „Ich dachte, Tirno ist das Schwert?"
„Das auch", murmelte Ayla. Sie schob die Dolchspitze unter die Platte und winkelte sie an.
Drei Köpfe beugten sich dann tief über den Schwertgriff und betrachteten schweigend, was dort vor Ewigkeiten in den Griff gefügt worden war. Auf Arenor hatten sie wunderbare Dinge aus Winterstein geschnitten, die Silberschmiede waren einzig in ihren Fähigkeiten, doch dieses winzige Kunstwerk war mit keinem anderen zu vergleichen.
Temlar nahm es vorsichtig heraus und setzte es auf seine ausgestreckte Hand. Es war ein Baum, aus einer Perle geschnitten, die so groß wie eine Kirsche gewesen sein musste. Er wuchs aus dem unteren, unveränderten Teil der Perle mit einem graden Stamm hinauf und teilte sich dann in vier starke, noch weiter verzweigte Äste, die alle nach oben streben. Das Innere der Krone war völlig ausgehöhlt und schimmerte in cremigem Weiß, während die Außenseiten das Farbenspiel makellosen Perlmutts zeigten.
„Vier Jahre und unzählige Perlen", sagte Ayla. „Es schien unmöglich zu sein."
Behutsam schlossen sich Temlars Finger über dem zerbrechlichen Baum. „Es wird Zeit, dass Tirno erwacht. Wollt ihr mich begleiten?"
„Geh schon vor, aber warte dort auf uns."
Hivia wartete ungeduldig ab, während Ayla ihre Stiefel und die Weste überzog. Als dann immer noch kein Wort fiel, stieß sie einen empörten Schrei aus.
„Was willst du wissen?" fragte Ayla.
„Alles!"
„Einen Teil, den Rest musst du selbst wiederfinden", wehrte Ayla ab. Mit leichtem Bedauern steckte sie den Edelstein weg und nahm ihr ruiniertes Schwert an sich. „Wir reden unterwegs."
„Unterwegs wohin?"
Eine Antwort bekam sie nicht. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihrer Schildmeisterin weiter in den Wald hinein zu folgen. So wie sich das Licht verstärkte, konnte es nur zum Silmaril gehen.
„Unser König liebte den Mann, für den das Schwert bestimmt war wie einen eigenen Sohn", begann Ayla nach einer Weile. „Es war auch nicht schwer, ihn zu lieben. Er war strahlend schön, freundlich zu allen und der weiseste unter seinen Brüdern. Das Schwert sollte ein Geschenk an ihn sein, mit Tirno in seinem Innern verborgen. Tirno, der Wächter, auf dass den Träger des Schwertes das Glück Valinors niemals verlassen konnte."
„Und?" drängte Hivia, weil Ayla schon wieder in Schweigen versank.
„Er verriet uns alle. Zuerst jedenfalls, später erkannte er seinen Fehler und bat um Vergebung, die ihm auch erteilt wurde. Jedenfalls die Vergebung der Valar, auf meine wird er noch eine Zeit warten müssen, auch wenn ich mittlerweile weiß, dass ihn die Geschehnisse einfach überforderten."
Statt Antworten zu bekommen, gab es nur noch mehr Fragen. Hivia konnte den Unbekannten gut verstehen. Es geschah doch recht leicht, dass man von Geschehnissen überfordert war, besonders wenn sie in so geheimnisvolle Worte gekleidet wurden. Ayla jedenfalls gab kein bisschen mehr von ihrem Wissen weiter, auch wenn Hivia sie mit Fragen überschüttete.
Ihre Ankunft an dem See beendete die unbefriedigende Lage. Hivia ging es wie allen anderen auch. Sie konnte sich am Silmaril nicht sattsehen. Oryn hatte es übernommen, dieses wertvollste Besitztum aufzunehmen. Als sie an seinem Waldsee ankamen, erhob er sich gerade aus dem leuchtenden Wasser und kam mit dem Silmaril, der in seiner Brust schwebte, ans Ufer zu Temlar.
„Wie geht es dir, Schildmeisterin?" fragte er mit einer formvollendeten Verbeugung.
„Besser als gestern. Ich habe mich noch nicht bedankt, dass du unsere Nachricht an Elrond überbracht hast."
„Du hattest Zweifel. Dabei solltest du doch wissen, wie sehr ich dich und deinesgleichen immer geliebt habe."
„Deine Liebesbezeugung hat mich einmal fast umgebracht."
„Es war notwendig, denn freiwillig wärst du niemals diese Verbindung eingegangen."
„Du hättest wenigstens fragen können."
„Und wie wäre die Antwort gewesen?"
„Niemals", war Aylas Antwort, aber zu Hivias Überraschung lachte sie dabei. „Obwohl ich mittlerweile zugeben muss, dass es nicht nur schlecht ist."
Oryns überfallähnliche Umarmung überflutete sie nicht nur mit gold- und silberfarbenem Licht, sondern hinterließ auch eine triefendnasse Schildmeisterin. Hivia brachte sich mit hastigen Schritten rückwärts in Sicherheit, als der Maia sie ebenfalls nicht nur mit seiner Zuneigung sondern auch mit dem Seewasser überschütten wollte.
„Was soll das?" fauchte sie ihn an.
Oryns Gesicht wurde zu einer gläsernen Maske voller Trauer. „Ich verabschiede mich von den Erstgeborenen, die meinem Herrn und mir immer die liebsten von allen waren."
„Du kannst doch nicht einfach gehen!" rief sie und wunderte sich über ihren Kummer.
„Ich gehe nicht, auch wenn ich euch verlasse, kleine Teleri. Eine neue Form erwartet mich, die dir sicherlich gefallen wird. Es würde mich erfreuen, wenn du mich gelegentlich besuchst und mir berichtest, wie es dir und den anderen ergeht."
Hivia sah von ihm zu Temlar. „Willst du uns etwa auch verlassen?"
„Noch nicht", brummte der Beobachter. „Obwohl gerade du diesen Wunsch des öfteren in mir geweckt hast."
„Glaub ihm kein Wort. Sein Herz gehört jedem einzelnen von euch und nur Manwe kennt die vielen Tränen, die er über den Leiden eures Schicksals bereits vergossen hat." Oryn nickte Temlar zu. „Es hilft nichts, alter Mann, so gerne ich diesen Moment auch noch hinauszögern würde."
Hivia hätte nicht für möglich gehalten, dass ein Wesen aus Wasser auch noch sichtbare Tränen vergießen könnte und dennoch erkannte sie diese deutlich auf Oryns Gesicht. Noch weniger hätte sie geglaubt, dass auch sie den Moment beweinen könnte, an dem sie dieser unberechenbare Wassergeist einmal verlassen würde.
Temlar streckte die geöffnete Hand aus und ließ sie in die Oryns sinken. Als er sie wieder herausnahm, ruhte der kleine, schimmernde Baum noch einen Moment ruhig mitten in Oryns Hand, bevor er sanft auf den Silmaril zuglitt.
„Wir müssen gehen", sagte Ayla leise und zog sie mit sich.
„Warum können wir nicht bleiben?"
„Hier wird bald nichts mehr so sein wie es gerade jetzt noch ist." Ayla ging schnell und drehte sich nicht ein einziges Mal um. Hivia hingegen sah immer wieder über die Schulter zurück. Temlar hatte sich keinen Schritt bewegt, doch Oryn war bereits in den See zurückgeglitten. Schließlich versperrten ihr die Bäume eine weitere Sicht auf den Ort und sie trabte mit hängenden Schultern neben Ayla her.
„Sag mir, was geschehen wird", forderte sie.
„Ich weiß es nicht genau, Hivia, doch du kannst dir sicher vorstellen, dass ein Wächter für den Silmaril und Escalonde doch ein recht gewaltiges Ding sein muss."
„Und wie geht es dann weiter?"
„Das weiß ich noch weniger." Ayla blieb am Rand des Zeltlagers stehen. Betrübt musterte sie ihr Schwert. „Jetzt werde ich erst einmal Iven suchen und ihn bitten, den Griff zu reparieren. Heute Abend gibt es wohl noch ein großes Fest und morgen..." Ayla hob die Schultern. „Wir werden sehen, Hivia, wir werden sehen."
Hivia vermochte die überschäumende Stimmung im Zeltlager kaum zu ertragen. Zwischen all den Geschöpfen, die den neugewonnenen Schutz und das Licht so bejubelten, fühlte sie sich so einsam, dass sie am liebsten die Flucht ergriffen hätte. Schließlich wählte sie den einzigen Ort, an dem sie wenigstens in Ruhe gelassen wurde. Elrond war beim Lei der Ihainym und so war sein Zelt zwar leer, aber nicht verlassen. Die Erinnerung an seine Gegenwart erfüllte jeden Winkel mit Frieden. Sie setzte sich mit angezogenen Beinen auf die große Ebenholztruhe und starrte düster auf den Boden. Warum hatte nicht alles so bleiben können, wie es war? Immer gab es Abschiede, sie hasste Abschiede. Sie machten sie traurig.
Sie hob nicht einmal den Kopf, als der Zelteingang geöffnet und dann wieder geschlossen wurde. Selbst als sich der Elb neben ihr auf die Truhe setzte, rührte sie sich nicht. Sie wusste, er würde so lange warten, bis sie schließlich das Schweigen brach. Elrond hatte eine größere Geduld als sie, also kapitulierte sie recht bald und wandte sich ihm zu.
„Oryn ist fort", sagte sie beinahe anklagend.
Er hob nur eine Augenbraue.
„Er verändert sich." Sie seufzte. „Ayla hat ihm etwas aus Tirnos Griff gegeben, das er wohl dafür brauchte."
„Wir verändern uns alle", sagte Elrond.
„Und wenn ich nicht will?"
Er lächelte und schloss sie in die Arme. „Oh doch, Hivia, sogar du willst es."
Sie widersprach nicht. Er hatte recht, wie immer.
***
Weit über dem Erdboden, sogar noch über den Mellyrn, sprudelte aus einer Quelle in der Mitte der weißen Krone kristallklares Wasser, direkt um den Silmaril herum. Das Wasser sammelte sich in der kreisrunden Mulde und floss dann über vier Rinnen zwischen den Hauptästen ab. Seine Bahn von dort oben bis auf den Waldgrund war grade und klar und sie würde es immer sein, selbst wenn ein Sturm über den Wald hinwegfegen sollte. Innerhalb von Tirnos Krone herrschte Stille, und auch dies würde immer so sein.
Temlar stand neben einem der Wasserfälle und blickte hinunter auf die Geschöpfe, die er so sehr liebte. Seine Augen vermochten den dichten Wald zu durchdringen, bis sie sich auf diejenigen richteten, deren Anblick er nun wünschte. Er war ein Beobachter, nicht an Entfernungen gebunden, die Sicht von Hindernissen ungetrübt. Was er diesmal sah, brachte ein zufriedenes Lächeln auf sein Gesicht. Sie feierten so ausgelassen, als hätten sie die Erlösung bereits erreicht. Selbst das ungläubige Staunen, mit dem sie während des Tages auf das Erscheinen des riesigen weißen Wächterturms mitten in ihrem Wald reagiert hatten, war wieder abgeklungen.
Vielleicht war es das, was ihm an ihnen allen immer so gefallen hatte. Veränderungen erschreckten sie zwar zutiefst, hielten sie dennoch niemals lange auf. So blieb ihnen immer die Hoffnung, etwas Gutes darin zu finden.
Sein Blick verweilte bei den vertrauten Gesichtern. Hivia, die in Alqualonde so jung gestorben war und auch in ihrem nächsten Leben war ihr nichts anderes als der Tod geblieben. Sie liebte einfach zu sehr, so war es immer gewesen. Es war die richtige Entscheidung, weder ihr noch Erebion zu offenbaren, dass sie als Sirgal einfach hatte scheitern müssen. Nein, ihre Aufgabe war nur gewesen, den Elb mit ihrem freiwilligen Tod in den tiefen Schlaf zu versetzen, durch den er die langen Jahre bis zur Ankunft des letzten Schwanenschiffes in Arengards weißem Hafen überdauern konnte.
Die Beobachter hatten geduldig auf Elrond gewartet, den Vermittler zwischen den Völkern, der so viel in sich vereinte und auch andere zum Zusammenschluss bewegen konnte. Sie erhofften sich noch weit mehr von ihm und gewährten ihm deswegen auch eine besondere Gnade. Der Bote war bereits auf den Weg geschickt. Bald, wenn auch nicht zu bald, erwartete ihn das Wissen, dass auch Valinor Celebrian nicht den Frieden hatte geben können, den sie gesucht hatte. Von allen war sie diejenige, die ihn am meisten dauerte. Nach all dem Leid, das sie hatte erfahren müssen, bestand das Geschenk der Valar nur im Verlust der Hoffnung. Keines ihrer Kinder hatte den Weg zu ihr gewählt und ihrem eigenen Gemahl war die Wahl zur Gänze genommen. Mandos Hallen waren der Ort, an dem sie das Ende der Zeit erwarten würde.
Es war nur gerecht, dass wenigstens Elrond durch ihre Entscheidung die Einsamkeit erspart bleiben würde. Es würde ihn erleichtern, ihm Kraft geben für das, was vor ihm lag und gleichzeitig seinen Kummer erneut anfachen, dass sie nie den Schmerz überwunden hatte.
Temlar beobachtete, wie Erebion nun sein Zelt verließ und sich auf den Weg durch den Wald machte. Unbemerkt brachte er zuvor Gilgrim in Melja Levarens Zelt. Der Sterbliche würde es in Ehren halten und nach ihm alle seine Kinder. Tränen benetzten die Wangen des Elben, als er das Schwert ablegte und sich von diesem stummen Freund verabschiedete, der ihn niemals im Stich gelassen hatte. Der Ort, an den Erebion gehen würde, um endlich seinen Frieden zu finden, war keiner, an dem er eine Waffe brauchte.
Das Werk war nun fast vollendet. Nur die kurze Zeit, bis der Elb Tirno erreichte und die unzähligen Treppen in seinem Innern erklommen hatte, musste Temlar noch warten. Es fiel ihm nicht schwer, seit Ewigkeiten beherrschte er die Kunst, den wirklich großen Dingen ihre Zeit zu geben.
Unten beim Fest reichte Cric Hivia die Hand zur Tanzaufforderung. Elrond sah ihr lächelnd nach, dann wandte er sich den beiden an seiner Seite zu.
„Reizt es Euch nicht, ebenfalls einen Tanz zu wagen?" vernahm Temlar seine Worte, die von sanftem Spott begleitet waren.
„Alles hat seine Grenze", antwortete ihm die Schildmeisterin. „Wenn ganz Escalonde das erste Sternenlicht sieht, fragt nochmals, Lord Elrond."
„Dein erster Tanz gehört dann mir", lachte Haldir, der hinter ihr stand und einen Arm um ihre Schulter gelegt hatte.
„Du bist ein Held", spottete sie und lehnte sich mit dem Rücken an ihn. „Aber das wirst du bereuen. Mit dem Tanzen ist es bei mir wie mit dem Schwimmen."
„Wir haben für beides Zeit", hörte Temlar Haldirs Worte, die nur für sie bestimmt waren.
Eine Bindung, in der Nähe des Todes geschlossen und bei jeder neuen Berührung der Vergänglichkeit verstärkt. Nichts würde sie mehr trennen können, auch wenn Feuer und Eis sie auf ewig begleiten würde. Temlar hatte seine Zweifel gehabt, sich aber dem Ratschluss seines Herrn gebeugt. In Entscheidungen wie diesen offenbarte sich Manwes Weisheit, so unverständlich sein Wille zunächst auch erschien.
Erebion verließ den Wald und überquerte die Lichtung, vorbei an den Steinbecken, in die die Wasserfälle stürzten. Er schritt zwischen den klaren Wasserwänden hindurch und betrat den Wächter durch einen der vier hohen Torbogen. Mit jeder Stufe der gewundenen Treppe erlangte er einen Teil seiner alten Kraft zurück, Tirno wachte sorgsam über die seinen. Schließlich betrat er die oberste Galerie und verließ das Innere Tirnos durch eine der geschwungenen Öffnungen, die in jedem der Hauptäste auf die Ebene der Krone führten.
Temlar drehte sich zu ihm um und betrachtete ihn, wie er langsam und geräuschlos auf ihn zukam.
„Der Ruf kam von Euch?" fragte der Elb zögernd, als er auf der anderen Seite der Wasserrinne stehen blieb.
„Nein, Höhere als ich bitten dich um Hilfe."
Erebion lächelte. „Hilfe, alter Mann? Es ist eine Erlösung und ich komme der Bitte mit Freuden nach."
„Fällt dir der Abschied von deinen Freunden so leicht?" Temlar unterdrückte einen Seufzer. Seine Liebe zu den erstgeborenen Kindern Iluvatars war zu groß, um jetzt nicht den Schmerz des Verlustes zu spüren wie einen scharfen Schnitt mitten in sein Herz.
„Abschied?" Erebion horchte in sich hinein und sein Lächeln vertiefte sich. „Ich werde ewig bei ihnen sein. Vardas Gnade erscheint mir unermesslich."
Temlar verschloss den Anblick der leuchtenden Smaragdaugen in seinen Erinnerungen, bevor Erebion sich umdrehte und in die Mitte der Krone schritt. Die Quelle gab den Weg frei, bis er den Silmaril erreichte. Temlar neigte den Kopf, als Varda Einsamkeit mit Licht verband und zum ersten Mal auf ihren Weg über Escalonde schickte, damit das Funkeln dieses Sterns denen Hoffnung gab, die sie schon fast verloren glaubten und jene mit Furcht erfüllte, die die Hoffnung so oft vernichtet hatten.
Andere würden folgen, wann immer in der Zukunft Escalondes der glitzernde Goldstaub mit dem ersten Licht des Tages von den Opfern dieses Kampfes zeugen würde.
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Danke an alle, die die Story gelesen haben, ob nun mit Review oder als stille Leser. Es hat mir Spaß gemacht, sie zu schreiben und noch mehr Spaß, sie hier zu posten.
@Shelley: Meine erste Review. Die erste von vielen, herzlichsten Dank. Wenn ein Fehler da war, hast du ihn gefunden. Außerdem sollten sich Ayla und Haldir wohl bei dir bedanken oder dich vielleicht auch bis in alle Ewigkeit mit Rachegelüsten verfolgen.
@Mystic: Wenn ich deine Reviews zusammen setzte, habe ich eine etwas *räusper* exzentrische Version von Arenor. Jetzt wird die Pommes Bude auf Arenor geschlossen, die ganze Truppe macht lange Betriebsferien. Sie müssen sich von deinen Reviews erholen. Auch Elben haben nur begrenzt Kraft.
@Amélie: Tiefe Verneigung, dankbares Lächeln. Den Rest kennst du.
@Atropos: Schon wieder kein Blut in rauen Mengen, sorry. Und Elrond als abgewrackter Plantagenbesitzer? *nö, bitte nicht*. Wenn du die vertrauten Elben vermisst, sehen wir uns vielleicht bei Heiler und Hexer wieder, da sind sie nämlich allesamt vertreten.
@Myrte: Ups, kaum bist du da, da ist die Story auch schon zuende. Elrond tut mir auch irgendwie leid, aber immerhin hat er den Ringkrieg überlegt. Schlimmer ist Hivia auch nicht, jedenfalls nicht viel.
@Loriel: Ich hoffe, ich habe vom ersten bis zum letzten Kapitel halten können, was du erwartet hast und es hat dir Spaß gemacht.
