Kapitel 2- Aufbruch

An einem Morgen dann, kam der Tag den Legolas so gefürchtet hatte. Die Hochzeit war vorbei. Die Gäste zerstreuten sich wieder und auch sein Vater und seine Brüder würden abreisen. Und natürlich würden sie ihn mitnehmen. Auch die kleine Gruppe der Erilia, die ja eigentlich nur zum Schutz der Braut, und weil Aeriél eine Freundin von ihr war, hier gewesen sind, machte sich in den letzten Tagen eifrig ans Packen. Es war also doch nur eine kurze Zukunftslose Freundschaft gewesen und wenn sich heute ihre Wege trennen würden, musste er sie vergessen. Wieder würde er einsam in Düsterwald sein und der einzige an seiner Seite wäre ein viel älterer Bruder für den er am Ende ja doch nur ein Klotz am Bein war. Sílanell half ihm und riet ihm wenn er Rat brauchte aber oft fühlte sich Legolas wie ein Störfaktor wo er auch hinging. Bei Aeriél war er das erste Mal etwas anderes gewesen. Etwas Gleichwertiges. Sicher, sie stand schon länger auf eigenen Beinen, sie regierte bereits über eine unabhängige Gruppe und war bei so ziemlich allen Elben hochgeschätzt, auch wenn das gerade auf seinen Vater nicht zutraf. Trotzdem war er in ihrer Gegenwart immer er selbst. Er brauchte sich nie verstellen, hatte nie das Gefühl etwas wieder gut machen zu müssen und er war einfach gerne mit ihr zusammen. Bei ihr konnte er lachen, scherzen und herum albern soviel er wollte ohne von einem Vater oder Leagim und Calegaladh angezählt zu werden. Es hatte sich unbeschreiblich gut angefühlt jemanden zu haben, dem man alles anvertrauen konnte. Aber diese kurze Zeit war heute vorbei.

Diener befestigten ihr letztes Gepäck an den ausnahmsweise aufgeschnallten Sätteln und versorgten ihre Tiere. Legolas' eigenes Tier war ein schöner weißer Hengst. Er hieß Leithian und begleitete ihn nun schon seit Jahren als treuer Gefährte. Neben ihm fütterte Sílanell seine Stute Anarríma und auch der Rest von ihnen kümmerte sich um die Tiere oder half den Dienern. Legolas beschäftigte sich nur halbherzig mit seinem Tier und versuchte die ganze Zeit trotz seiner geringen Größe über die Köpfe der anderen zu spähen. Nirgendwo war auch nur eine einzige Strähne rotes Haar zu sehen. Frustriert seufzend gab er schließlich auf und kontrollierte lieber noch einmal die Sattelgurte und sein Gepäck.

Als er gerade mit seiner Inspektion fertig war begann ein Vogel zu singen. Legolas hätte ja nicht genauer hingehört aber ihm kam sowohl die Melodie als auch die Tonlage bekannt vor. Langsam wand er den Blick zu dem Mallorn unter dem er stand. Tatsächlich. Dort oben auf einem Ast saß sie. Sie bemerkte, dass er sie entdeckt hatte und winkte ihn zu sich. Vorsichtig schlich er sich vom Abreisegeschehen fort und kletterte an der, der Lichtung abgewandten Seite behänd nach oben. Oben angelangt setzte er sich hinter sie und meinte ruhig: "Ich hatte schon Angst, du würdest dich nicht mehr von mir verabschieden wollen." Aeriél drehte sich empört um: "Wie kommst du denn auf die Idee?"

Der Elbenprinz zuckte mit den schultern und lächelte sie an: "Hauptsache du bist doch noch einmal da."

"Aber wozu brauchst du mich denn? Einfach nur zum Rumsitzen?" Er erwiderte nichts und Aeriél hatte auch nichts hinzu zu fügen.

Nach einer Weile, in der sie beide ihren Gedanken nachgehangen hatten, sagte Legolas auf einmal: "Danke!"

"Wofür?" Er sah lächelnd zu seinen Geschwistern und seinem Vater: "Für viele Dinge. Danke dafür, dass du in den letzten Tagen immer für mich da warst, danke, dass du mir zugehört hast, egal, was ich auch auf dem Herzen hatte, danke, dass du mir ein Stück meiner Selbstachtung wieder gegeben hast, danke, dass ich mit dir lachen durfte, was ich sonst nie kann, danke, dass du mir geholfen hast, ich selbst zu sein und nicht irgendein Idealbild, danke, dass du mich an der Freiheit in deinem Herzen hast teilhaben lassen und am allermeisten danke ich dir dafür, dass du einfach für eine kurze Zeit mir ein echter Freund warst wie ich ihn noch nie hatte."

Einen Moment sah sie ihn schweigend an, dann beugte sie sich zu ihm herüber und umarmte ihn. Als sie sich wieder von ihm löste, standen ihr Tränen in den Augen: "Wenn du jemals die Hilfe der Erilia brauchst werden wir für dich da sein. Ich bete zu Eru, dass wir uns noch einmal wieder sehen mögen." Sie wollte sich schon wieder an den Abstieg machen doch schnell packte er ihre Hand:

"Warte! Ich möchte dir noch etwas schenken." Einen Moment nestelte er an dem Kragen seiner Tunika, dann hielt er eine silberne Kette in den Händen, an der ein wunderschöner Anhänger hing. "Sie hat einmal meiner Mutter gehört. Nun möchte ich sie dir geben als Dank, dass du für mich da warst. Vergiss mich nicht!" Er legte sie ihr vorsichtig um den Hals.

Aeriél sah ihn noch einmal still an, dann sagte sie: "Ich werde dich nie vergessen, Legolas!" Und sie entschwand seinem Blick. Einen Moment noch saß er still und in Gedanken versunken da, dann wand er sich schnell um und kletterte so rasch wie es ihm möglich war wieder zurück auf den Boden.

Wieder auf der Lichtung gab sein Vater, sobald er seinen Sohn bemerkt hatte, das Zeichen zur Abreise und die knapp unter 100 Elben setzten sich in Bewegung.

Legolas genoss es immer in der Natur zu sein. Der Duft, der Wind, die Luft und die Geräusche zogen ihn jedes Mal wie magisch in die Wildnis. Auch wenn er jetzt gezwungen war langsam zu reiten und der höfischen Etikette getreu zu handeln, konnte er seine innere Freude kaum zügeln. Sein Blick galt die ganze Zeit der weiten Ebene und keinen einzigen warf er auf den vor ihnen liegenden Weg. Wenn er sich umwand, sah er noch weit in der Ferne die Bergkette des südlichen Nebelgebirges. Der Weg zwischen Lórien und dem Grünwald war nicht weit doch hatten sie beschlossen, eine Weile dem Ostufer des Anduins zu folgen, denn seit dem Fall des Dunklen war ein Schatten in den südlichen Teil ihres geliebten Waldes eingezogen und die Elben mieden ihn. So würden sie erst an der alten Furt in den Schutz des Waldes gelangen.

Legolas dachte noch immer über ihren Weg nach, denn ihm erschien der Umweg zur Furt unnötig. Womit er auch Recht hatte, denn hätten sie diesen Weg nicht gewählt, wären sie schon früher auf den Dunklen in ihrem Reich gestoßen und vieles wäre anders gekommen. Sílanell ritt neben ihm und drehte sich immer und immer wieder zu den bereits ein Stück entfernten Grenzen des goldenen Waldes um. Einmal jedoch wand er sich gar nicht mehr um sondern starrte mit offenem Mund zurück. Durch das Verhalten seines Bruders und Hufgetrappel in der Ferne neugierig geworden, drehte auch Legolas sich um. Bei ihm wiederholte sich die Reaktion des Älteren. Hinter ihm ritten ungefähr fünfzig Elben in silber- blauen Mänteln im Galopp in Richtung der Ebene des Celebrants. Sie alle hatten weiße Tiere ausgenommen die Person an der Spitze. Sie ritt einen starken und schönen schwarzen Hengst. Sicher war es beeindruckend eine so große Schar galoppieren zu sehen doch an sich nichts Ungewöhnliches. Nur dieses eine schwarze Pferd hielt ihren Blick. Legolas war sich nicht sicher doch wenn seine Augen ihn nicht völlig im Stich gelassen hatten, so würde er sagen dies sei eines der Mearas. Der Pferdefürsten und der Herren aller Rassen. Wer ein solches Tier mit sich führt, der muss tatsächlich von den Hohen gesandt sein. Sílanell stieß ihm in die Rippen: "Der Auszug der Erilia. Beeindruckend nicht wahr? An der Ebene werden sie sich trennen und in ihren eigenen Bereichen die Leute aus dem Untergrund heraus beschützen. Das ist es, was sie sich zur Aufgabe gemacht haben und darum verstehe ich Vaters Abneigung nicht. Sie beschützen die Reisenden vor Gefahren wie Orktrupps. Viele haben dabei ihr Leben gelassen und nicht zuletzt beschützten sie auch uns."

Legolas zuckte mit den Schultern: "Vielleicht ist es einfach, weil sie nicht den Regeln eines festen Reiches folgen. Wahrscheinlich sind sie in seinen Augen nicht mehr als Gesetzlose und, dass ausgerechnet jemand wie Aeriél sie anführt wird es nicht besser machen."

Sílanell lächelte: "Mir scheint, du hattest in den letzten Tagen Gelegenheit, Vater besser kennen zu lernen."

Legolas blickte finster drein und grummelte: "Ja, in letzter Zeit hat er dreimal soviel rumgebrüllt wie sonst."

Mitfühlend legte ihm der Ältere die Hand auf die Schulter: "Das liegt nicht an dir. Du tust alles um Wertschätzung zu erringen und bist doch nicht aufdringlich. Aber du weißt doch auch, dass Mutter in Lórien starb. Hier muss er sich schrecklich deutlich an sie erinnert fühlen. Sie wurde als eine der wenigsten Leagel in der Halle des goldenen Waldes geehrt. Ada[1] war dort."

"Du erinnerst dich doch noch an Mutter. Erzähl mir von ihr!"

"Willst du wirklich, dass ich das tue?"

"Ja, ihr alle scheint ständig an sie zu denken. Sie scheint in euren Köpfen immer an eurer Seite zu sein, doch ich weiß nichts über sie!"

Er sah nach vorn, wo man weit und breit nur Wiesen und Felder sah, doch sein Blick schien nicht auf das Hier und Jetzt gerichtet zu sein, sondern in etwas weit Zurückliegendes zu sehen: "Ich bin der jüngste, der drei älteren Prinzen unseres Waldlandreiches. Ich bin etwas mehr als vierzig Jahre älter als du doch auch ich erinnere mich nicht mehr so gut, wie ich das einmal konnte. Das, was ich noch weiß jedoch, möchte ich mit dir teilen.

Ich erinnere mich noch an einen Tag als ich noch sehr jung war. Draußen im Wald und an seinen Grenzen waren Orks eingedrungen. Vater hatte die gesamte Garde zusammengerufen und kämpfte mit ihnen an der Front um uns, sein Volk und seine Familie, zu beschützen. Leagim war mit ihm. Wir hörten Schreie und Schwertergeklirr. Ich bekam Angst um Vater und Leagim und begann zu weinen. Sie nahm mich in den Arm und tröstete mich. In dem Moment hatte ich zum ersten Mal eine Vision. Ich sah sie sterben. Ich war völlig geschockt und bin zusammengezuckt als ich sie tot gesehen habe. Mutter hat es gemerkt und mich nur traurig angelächelt. Nach einiger Zeit meinte sie dann: "Es tut mir Leid, dass ich dir die schwere Bürde dieser schwierigen Gabe auferlegt habe. Mein Leben lang sah ich meine Freunde sterbe und durfte es ihnen nicht sagen, weil das den Lauf der Geschichte hätte verändern können." Viele sagten früher, in ihr sei eine der Maia zurück in sterbliche Lande gekommen so schön und auch mächtig war sie. Sie wussten nicht wie Recht sie hatten. Genauso schön und genauso traurig."

"Wie fühlt es sich an eine Vision zu haben?", fragte Legolas mit spürbarer Bedrückung.

"Es ist, als würde man tausend Tode auf einmal sterben. Ich war der Einzige, der nach ihrem Tod nicht geweint hat. Ich glaube, sie war froh aus dem Leben scheiden zu können und diese Qual endlich abzulegen. Sie hatte, denke ich, schon lange vor, sich auf den Weg zu Mandos Hallen zu begeben doch als sie dann ihr viertes Kind, dich, erwartete wollte sie es dann doch noch zu Ende bringen. Dass Vater so auf ihr Dahinscheiden reagieren würde, hatte sie nicht eingeplant. Und ich verstehe ihn auch nicht ganz. Er hat auf Erden noch immer den Glanz, die Schönheit und in vielerlei Hinsicht ein Ebenbild von ihr. Dich! Doch ausgerechnet du wirst von ihm wie der letzte Dreck behandelt."

Von der Aussage, dass er eigentlich genauso wie seine Mutter sei, schien er nicht viel zu halten: "Wenn sie tatsächlich so wundervoll war, wie du sagst, dann kann ich nicht wie sie sein. Sieh mich doch an! Ich bin klein, mager, dumm und ungeschickt! Wie kann so jemand das Ebenbild einer Elbe wie ihr sein?"

Sílanell sah ihm streng in die Augen: "Wenn ich in dein Herz schaue, so sehe ich dort das hellste Licht, das ich je sah. Du warst nie in der Gedenkhalle, in der ihr Stein ist. Er funkelt ebenso hell, wenn dein Herz nicht sogar heller ist! Du bist längst nicht so klein und störend wie Vater dich glauben lässt. Habe Achtung vor dir selbst. Das Licht in dir wird den Weg an die Oberfläche finden, bist du dir ihm nur bewusst! So glaub doch endlich an dich!" Er warf ihm einen letzten Blick zu, den Legolas nicht zu deuten vermochte, und ritt an die Spitze des Zuges.

Lange Zeit trottete sein Pferd einfach am Ende des Zuges dahin, denn das kluge Tier spürte, dass mit seinem Reiter und Freund nicht alles in Ordnung war.

Tatsächlich war Legolas tief in Gedanken versunken. Er erinnerte sich an die so schönen letzten Tage im goldenen Wald.

Jeden Abend kurz nach der Abendmahlzeit und zwischen der ersten Nachtwachenablösung hatten sie auf dem Mallorn gesessen, auf dem sie sich getroffen hatten. Einmal hatte Legolas gemeint, dass es vielleicht gut wäre, hier etwas zum sitzen aufzubauen weil sie eh so oft hier waren. Und tatsächlich hatten sie nur wenig später Material beschafft und sich an die Arbeit gemacht. Noch ein bisschen später war hier eine Art kleines Häuschen fertig gewesen. Es war nicht sehr viel mehr als ein Boden mit auf vier Pfeilern an jeder Ecke aufgestütztem runden Dach aber sie hatten es angemalt und es hatte den beiden gefallen. Außerdem hatte es völlig ausgereicht. Wenn sie die Anonymität, die sie beide so verfolgte hinter sich lassen wollten. Aeriél war immer von ihren Freunden umgeben doch sie schätze die Einsamkeit mehr, denn in ihr Herz schien ja doch keiner sehen zu können, hatte sie Legolas einmal gesagt. Legolas selbst kam sich immer nur wie ein Beobachter der perfekten Familie vor: Ein Vater, der von seinen drei fantastischen und talentierten Söhnen respektiert wird, redet mit ihnen in trautem Familienleben. Legolas sprach nie mit, wenn er schon etwas zu sagen hatte dann wurde es hinterher von seinem Vater so lange auseinander genommen, bis er da doch noch etwas Negatives fand. Alle seine Brüder waren nicht damit einverstanden, das hatte er in ihren Gesichtern gesehen, doch Leagim und Calegaladh schwiegen und auch Sílanell beschützte ihn nicht immer weil ihm das gar nicht möglich war.

Einmal war er vom Abendessen davon gerannt und hatte sich in ihren kleinen Unterschlupf gesetzt. Er hatte einfach nur noch allein sein wollen, doch als dann Aeriél still neben ihm auftauchte, machte ihm das trotzdem nichts aus. Es war praktisch als hätte sich nur ein Teil von ihm dazu begeben.

Sie hatte einen kleinen Beutel bei sich gehabt, den sie neben ihm abstellte und sich dann zu ihm auf die Kante setzte um die Beine baumeln zu lassen. Aus dem Päckchen strömte der süße Duft von frischen Lembas und Miruvor.

Als sie bemerkte wie sein Gesicht sich dem Packen zuwandte, lächelte sie: "Du bist beim Essen hinausgerannt bevor du etwas zu dir genommen hast. Ich dachte, du könntest vielleicht Hunger haben."

"Danke! Den hatte ich tatsächlich. Schon die letzten paar Tage bin ich nicht in den Speisesaal gegangen und hab mich auch so vor Zusammenkünften mit der Familie, ins besondere bei den Mahlzeiten, herum gemogelt." Er hatte in den Beutel gegriffen "Hm, wo hast du denn die her? Das sind doch garantiert keine Restbestände."

"Ich hab einen meiner Freunde gebeten, mir die beste tragbare Mahlzeit zu besorgen, die er finden kann."

Er hatte sie argwöhnisch von der Seite besehen. Als sie es bemerkt hatte war sie in schallendes Gelächter ausgebrochen und hatte ihm versichert, dass das ganz und gar nicht verboten gewesen war.

Er vertraute ihr darum hatte er nur mit den Schultern gezuckt. Während er sich über die Lembas hergemacht hatte fragte er: "Hilfst du mir heute wieder? Wenn ja, kannst du mir dann erklären wozu ich die Augen schließen muss?"

Aeriél hatte ihr Brot sinken gelassen und, wenn ihn nicht alles getäuscht hatte, hatte sie ihn beinahe wütend angesehen: "Glaubst du denn nur Augen können sehen, nur der Mund kann sprechen? Oh, nein! Zieh dich nach innen zurück! Was siehst du?"

Völlig irritiert hatte er geantwortet: "Nichts!"

Sie hatte ihre Hände auf seine gelegt und vor seinen Augen war ein Feuerwerk aus Farben erschienen. Daraus hatten sich Bilder geformt. Immer waren es nur Fetzen eines Ganzen gewesen. Schreiende Frauen, metzelnde Orks, wilde Menschen, dunkle Krieger, Nazgûl, Gefangene, er hatte gesehen wie sich eine wunderbar grüne Landschaft mit kleinwüchsigen Bewohnern in ein brennendes Braun verwandelte aber zu letzt hatte er noch ein Bild gesehen, dass ihn mehr erschüttert hatte: Aeriél lag in einem dunklen engen Verlies. Es war moderig und feucht. Kein einziger Lichtstrahl fiel hinein denn draußen auf dem Gang gab es kein Licht und die Zelle hatte keine Fenster. Sie selbst war mit Eisenketten an den Händen an die Wand gefesselt. Auf vermodertem Stroh sitzend und halb da liegend, schien sie nicht bei vollem Bewusstsein zu sein. Ihr Körper war von Wunden, Striemen und Rissen geradezu übersäht. Viele davon hatten sich entzündet und schickten Wundfieber durch all ihre Venen. Die Haut, schon immer war sie blass gewesen aber jetzt war sie totenfahl. Die Lippen aufgesprungen, die Augen von Blut verklebt, die Haare vor Dreck kaum noch zu erkennen und das einst feine Kleid zerrissen sah sie für ihn doch noch immer wie eine Königin aus. Er konnte es sich nicht erklären, doch sie hatte für ihn immer noch diese Stärke und Güte, für die er sie bewunderte.

Dann rissen die Bilder jäh ab. Er hörte ihre Stimme und sah dabei dieses schreckliche Bild vor sich: "Nein. Du siehst nicht nichts. Du siehst nur nicht so, wie du es gewohnt bist. Wenn du die Augen geschlossen hältst, sieht dein Herz für dich. Du musst nur lernen, auch zu erkennen, was es dir schickt. Lass dein Herz die Arbeit deiner Augen und Lippen tun." Ihre Stimme hatte sich dann wieder sanft und lieblich wie immer angehört. So wie immer war ihm wieder einmal klar geworden, wie sehr er ihr schon nach so wenigen Tagen vertraute. Freundschaften, so hatte er immer gedacht, waren etwas, das aus der Zeit entsprang, etwas, das aus langer Erfahrung und gemeinsam durchstandenen Bürden entsprang. Lange hatte er nur lockere Freundschaften in seiner Heimat gehabt weil es ihm nicht wichtig war. Was er sonst nicht einmal bei den Elben seiner Heimat gefunden hatte, kam ihm nun so Lebensnotwendig wie die Atemluft und das Licht vor. Er war der Aufforderung ohne zu zögern nachgekommen.

Er war irgendwie für einen Moment an einem völlig anderen Ort gewesen. Tief in sich drinnen. Legolas fühlte, dass er seinem Ziel ein Stück näher gekommen war. Zaghaft rief er: "Aeriél?" Erstaunt bemerkte der junge Prinz, dass er nicht wirklich gerufen hatte. Nur seine Gedanken waren gereist.

"Ja, du bist fast soweit, Legolas. Noch kannst du nur mit Leuten reden, die das auch können doch schon bald wirst du es beherrschen und dann wird es dich auch weniger Kraft kosten.", antwortete ihm ihre Stimme.

Tatsächlich spürte der Elb wie ihm die Glieder schwer wurden. Er ging fast bewusst zurück in die wirkliche Welt. Müdigkeit fraß an den Rändern seines Bewusstseins und er lehnte sich kraftlos an den Baumstamm hinter ihm.

Aeriél lächelte als sie sah wie seine Augen einen geistesabwesenden Ausdruck annahmen und er in den Schlaf hinüber glitt. Zärtlich strich sie ihm noch einmal über das Gesicht. Dann schlich sie sich von der Plattform. Sie würde Sílanell suchen gehen um ihm zu sagen, dass Legolas heute Nacht nicht nach Hause kommen würde.

Wenn Legolas sich nun im Nachhinein an diese wunderbaren Tage erinnerte, kam es ihm vor als stünde er außerhalb und hätte sich selbst nur beobachtet. Alles erschien ihm wie ein Traum. Für wenige Momente hatte er das Leben geführt, dass er sich immer erträumt hatte.
In der Ferne sah sie die Gruppe aus Düsterwald in gemächlichem Tempo davon reiten. Einer von denen war Legolas. Der einzige in ganz Mittelerde, der sie zu verstehen schien. Warum bloß war ihr wieder die Qual auferlegt, ihn ziehen lassen zu müssen? Am liebsten hätte sie ihn irgendwie entführt nur damit sie endlich jemanden hatte. Vor ihren Augen erschien das Bild eines lächelnden Legolas den sie wahrscheinlich, heute Morgen zum letzten Mal gesehen hatte. Ein seufzen entfuhr ihr.

Sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter. Gilmagon, ebenfalls ein langjähriger Freund und Gefährte sah sie an. Auf seinem Gesicht war ein seltsamer Ausdruck. So als könne er sich nicht entscheiden ob er sie nun mit ihrer Sehnsucht nach dem Prinzen aufziehen sollte oder ob er in stillem Mitleid an ihrer Seite sein sollte. Er rang sich zu letzterem durch und machte sie sanft darauf aufmerksam, dass sie bald würden aufbrechen müssen. Aeriél nickte und wand den Blick nur mit Mühe von der in der Ferne verschwindenden Reitergruppe.

Mit einem Pfiff durch die Zähne verschaffte sie sich Aufmerksamkeit unter ihren Freunden und erklärte ihnen ihr Reiseziel: "Wir werden uns diesmal nicht auf die Ebene des Celebrants begeben um uns dann zu zerstreuen. Gilmagon hat in den letzten Tagen weite Ritte getätigt und ist mit schlechten Nachrichten zurückgekehrt." Sie bedeutete Gilmagon ein wenig vorzutreten.

Er war ihr bester Späher abgesehen von Aeriél selbst, die ja allein wegen ihrer Fähigkeiten die Gruppe anführte, um Geburtsränge ging es hier nur wenig. Er trug langes braunes Haar und war seit jeher verstoßen gewesen obwohl niemand von ihnen wusste wieso genau das so war und er selbst schwieg sich darüber aus. " Süd-östlich des Düsterwaldes, etwas unterhalb der Ostbucht, habe ich mehrmals Mal Ork- Trupps gesehen und ich habe so zuverlässig wie es mir möglich ist erkannt, dass es bestimmt niemals die gleichen waren. Dort rottet sich in letzter Zeit vieles dieser Art zusammen. Es sind nicht nur Orks, denen wir uns stellen müssten. Auch andere Kreaturen. Wir haben schon auf dem Weg hierher zu kämpfen gehabt Nur wenige von uns erkennen es und die, die es erkennen können nich Handeln, denn sie sind vom Krieg noch zu geschwächt.

Wir aber haben Krieger und den Vorteil der Heimlichkeit auf unserer Seite. Niemand kann sich besser unbemerkt durch die Wildnis schlagen als wir.

Der König des Düsterwaldes, Thranduil, hat in elbischen Maßstäben, vor nicht langer Zeit seine geliebte Frau verloren und wir alle wissen, wer da von uns gegangen ist. Der König aber kann es allenfalls erahnen, doch er ist durch seine Trauer so hart vom Schicksal getroffen, dass wir ihm kein Gefecht erlauben sollten. Noch dazu würde die Gefahr bestehen, dass einer seiner Söhne getötet wird und das würde Thranduil das Herz brechen. Und für seine Söhne ist die Zeit noch nicht gekommen zu regieren.

Wie auch immer sich der König entscheiden sollte, er verfügt zurzeit nicht über die Kraft einem Ork-Angriff zu widerstehen oder eine Bedrohung zu bekämpfen."

Aeriél nestelte bereits seit geraumer Zeit an ihrem Gürtel. Sie konnte die Zufriedenheit, endlich wieder loszuziehen nicht ganz aus ihrem Herzen verbannen. Krieg und Kampf war etwas, wogegen sie seit sie denken konnte kämpfte. Aber jetzt, wo es keine großen Konflikte mehr gab in der Welt, fühlte sie sich nutzlos. Sie war eine Kriegerin. Lange Zeit an ein und demselben Ort zu sein würde sie zerbrechen, das wusste sie. Ohne Wind und Wiesen und Wasser würde sie nicht leben können. Vielen ihrer Leute ging es genauso aber einige wünschten sich nichts mehr, als endlich ein Zuhause zu haben. Auch sie hätte gern ein Zuhause doch keines konnte ihren Wunsch nach Freiheit stillen und so war ihr Heim die Wildnis.

Mit einem Elan den sie gar nicht verspürte steckte sie den Dolch, den sie bis jetzt zwischen den Fingerspitzen gedreht hatte in den Gürtel: "Wir reiten den direkten Weg. Umwege können wir uns nicht leisten. Dort werde ich euch an verschiedenen Stellen postieren, den entsprechenden Fähigkeiten nach. Etwa vier bis fünf Tage werden wir uns strikt daran halten nur zu beobachten." Sie schritt vor ihren Leuten auf und ab. Sie standen nicht wirklich in Reih und Glied aber jeder einzelne von ihnen war ein gefährlicher Krieger und hatte dementsprechende Disziplin. Wenn sie so vor ihnen auftrat, bestätigte sie sich als Führer und wurde auch so behandelt. "Bis dahin sollten wir ihren Aufenthaltsort kennen. Entweder werden wir dann um Verstärkung bei den Leagel bitten oder angreifen. Über die genaue Taktik werden wir uns vor Ort einigen." Sie bedeutete allen, auf ihre Pferde zu steigen. Sie mussten los wenn sie die Orks aufhalten wollten, doch Aeriél konnte sich diesmal nicht mit dem Gedanken anfreunden, den Wald zu verlassen. Sie würde die wundervollsten Tage in ihrem bisherigen Leben hinter sich lassen.

Ein letzter Blick auf die Stelle an der das gut getarnte Fleet von Legolas und ihr sich befand und sie schwang sich auf den Rücken von Alfirion, ihrem schwarzen Hengst, und galoppierte den anderen voraus über die Grenzen des Elbenreiches.
----------------------- [1] Ada = Papa