Kapitel 8- Der Zwischenfall

Legolas erwachte mitten in der Nacht. Er wusste nicht, was ihn geweckt hatte. Verwirrt stand er vom Bett auf und ging zum Fenster. Ein wenig schwerfällig zog er die bei Tage dunkelblauen und bei Nacht schwarzen Vorhänge ein wenig zur Seite. Sílanells Gemächer, in denen er schlief, gingen an dieser Stelle zum Wald hinaus. Es war Vollmond und die Sterne verblassten neben dem ungewöhnlich hellen Licht, selbst für solche Nächte. Legolas betrachtete den dunklen Wald vor ihm. Er kam ihm unglaublich vertraut vor. In einiger Entfernung schimmerte das Licht auf grünen Wiesen. Dort lag eine Lichtung. Die Schatten der rundherum wachsenden Bäume fielen darauf und bildeten ein schönes Muster. In der Mitte war ein unverdecktes Rund. Es sah bezaubernd aus doch der junge Elb hatte ein seltsames Gefühl, als er darauf blickte. Er versuchte näher hinzusehen doch schon allein bei dem Versuch begannen seine Augen zu tränen. Es war als würde der Mond dort kein Fleckchen Wiese bescheinen, sondern- einfach gar nichts. Es war, als würde man in ein Nichts blicken. Fröstelnd von dieser unheimlichen Erscheinung wand Legolas den Blick ab. Er trat zurück ins Zimmer und zog die Vorhänge zu, wie seine Brüder es ihm gesagt hatten. Innerhalb weniger Minuten war er in die Palastdiener-Uniform gekleidet. Er würde ja doch nicht mehr schlafen können. Die Neugierde in einer fremden Umgebung zu sein ging mit ihm durch und er zog vorsichtig die Tür zum Flur auf und huschte hinaus.

Einen Moment zu spät fiel ihm ein, dass er nichts machen konnte, wenn er jetzt auf einen anderen Elben treffen würde. Er konnte ja kein Sindarin, nur Westron! Ja, wieso eigentlich? Jetzt, wo er darüber nachdachte, kam es ihm seltsam vor, dass ihm dieser Gedanke nicht schon viel früher gekommen war. Immerhin hatte er da er ein Elb war sein ganzes Leben zuvor die Sprache seines Volkes gesprochen. Sosehr er sich auch den Kopf zermarterte, es wollte ihm keine Antwort einfallen. Seufzend beschloss er, einen seiner Brüder zu fragen sobald das möglich war und setzte seine kurz unterbrochene Erkundungsreise fort. An einem Gang, der ihm vage bekannt vorkam bog er ab.

Eine Weile folgte er ihm, doch er schien immer dunkler zu werden, obwohl der Mond unverändert durch die Fenster rechts von ihm schien. Ganz plötzlich befiel ihn ein unglaublicher Kopfschmerz und sein Körper fühlte sich an, als würde jemand Nadeln hinein bohren. Mit beiden Händen versuchte er seinen Kopf am bersten zu hindern. Vor Schmerz krümmte er sich zusammen und sank an der Wand hinunter. Schrie da nicht jemand in seinen Gedanken? Wenn, dann tat er es unglaublich laut!

Die Umrisse des Korridors verschwammen hinter einem Tränenvorhang, von der nicht enden wollenden Qual hervorgerufen. Es wurde dunkel um den jungen Elben und alles hörte schlagartig auf, genauso schnell wie es gekommen war. Behutsam öffnete er die Augen. Das einzige, was Legolas an diesem Zimmer bekannt vorkam, war der Nachthimmel, den man durch eines der hohen dunklen Fenster sehen konnte. Es war stockdunkel. Nirgendwo brannte auch nur ein Licht. Tastend bewegte er sich auf den Knien vorwärts. Seine Augen gewöhnten sich allmählich an die Dunkelheit. Der Vollmond schien durch eins der Fenster und offenbarte den Blick auf einen hohen schwarzen Schreibtisch, der wie ein Ungeheuer empor zu ragen schien, etliche Dinge waren darauf gestapelt oder gestellt: Bücher, vielgliedrige Zangen, Karten, Zeichnungen und Apparaturen, die Legolas nicht einzuordnen vermochte und auch nicht wollte.

Es fühlte sich an, als wäre er weit über dem Boden. Er konnte es nicht erklären, doch er fühlte eine seltsame Verbundenheit mit diesem Ort. Es war dunkel, unheimlich, feindselig und Legolas fiel erst jetzt auf, wie entsetzlich es überall nach Orks stank, doch er fühlte irgendeine Art von Heimkehr.

Hinter sich hörte er Geräusche. Er wirbelte herum, blieb kurz an irgendeiner der vielen Zacken überall hängen und blickte direkt in einen großen runden Stein, in dem ein ewiger Wirbelsturm zu toben schien. Vor seinen Augen schien sich ein riesiges Schlachtfeld auszubreiten. Es brannte und überall lagen die toten Körper von Menschen und Elben, Rauch quoll aus verschiedenen Stellen hervor und man sah Speere halb in die Luft ragen. Über allem flogen neun gigantische Ungetüme ihre unbarmherzigen Kreise, um jeden zu vernichten, der es noch wagte, sich zu bewegen. Legolas blickte nach unten. Vor seinen Füßen lag ein dunkelhaariger Mann mit heller Haut. Er trug den weißen Baum Gondors auf seiner Kleidung, doch es war nicht jene, die Isildurs Krieger getragen hatten, obgleich sie sicher gondorianisch war. Der Elbenprinz beugte sich hinunter. Er wusste, er würde diesen Menschen kennen, in der Zukunft. Er legte ihm sanft die Hand an die Wange und versuchte seine krampfhaften Gesichtszüge zu einem Lächeln zu bewegen, das jedoch recht kläglich aussehen musste. Mit der Ruckartigkeit von jemandem, der nur noch wenig Zeit hat, fasste der Mann seinen Arm und flüsterte schwach: „Legolas, du bist zurückgekehrt. Verzeih mir, mein Freund! Vielleicht wäre es nicht so weit gekommen. Verzeih mir all meine Zweifel!"

Der Elb nickte mit aufeinander gepressten Lippen. Schließlich sagte er doch: „Schlimme Zeiten passieren. Wir können sie nicht verhindern, wir können nur versuchen, sie nicht ganz so schlimm werden zu lassen.", zitierte er ein altes elbisches Sprichwort.

Der Mann sammelte erneut seine letzte Kraft um zu sprechen: "Bitte…bitte, sag Arwen, dass ich sie liebe."

Die grauen Augen verloren mit einem Mal den Ausdruck des Leides, der Würde, der Trauer, der  Kraft und der unendlichen Last, die dieser Mann auf den Schultern getragen haben musste, und brachen. Sein Kopf sackte zur Seite als die Muskeln erschlafften und die Hand an Legolas' Unterarm fiel herunter wie ein Stein. Von tiefer Trauer erfüllt schloss er dem Verstorbenen die Augen. Plötzlich hörte er hinter sich ein ohrenbetäubendes Kreischen, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Furchtsam drehte er sich um und blickte direkt in die glühenden Augen eines jener Flugtiere, die er vorhin gesehen hatte. Auf seinem Rücken saß eine schwarz gekleidete Person, dessen Gesicht in einer weiten Kapuze verborgen war. Angst fraß sich in das Herz des Elben. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als zurück zu können! Er erinnerte sich an den Stein und genau in diesem Moment zerflossen die düsteren Bilder um ihn herum und wichen der Schwärze des Turmzimmers. Von irgendwoher kamen noch immer Geräusche. Panisch sah Legolas sich nach einer Fluchtmöglichkeit oder zumindest einem Versteck um doch er fand nichts. Die Laute kamen immer mehr. Schon wieder in wenigen Augenblicken wünschte er sich nichts sehnlicher als seine Rückkehr. Verzweifelt wand er den  Blick ab und verbarg das Gesicht vor lauter  Ratlosigkeit in den Händen. Er wünschte sich so sehr in den Palast, dass er im nächsten Moment meinte, den Boden des Flurs unter seinen Füßen zu spuren. Vorsichtig öffnete er wieder die Augen. Auf eine ihm unerklärliche Weise hatte es wirklich geklappt.

Er war nach seiner Schmerzattacke vorhin an der Wand zu Boden gerutscht. Noch immer waren seine Hände an den Kopf gepresst. Er spürte, wie er zitterte und fror. Legolas war sich nicht sicher, ob dies von dem Schmerz oder von dem eben erlebten kam, doch er wollte lieber das Erste glauben und hoffen, dass das Alles nur in seinem Kopf geschehen war.

Mühsam rappelte er sich auf und machte sich nun endgültig auf in Richtung Küche. Als er eine Tür öffnen wollte stoppte er abrupt. Der Ärmel seines Gewandes war gerissen, und zwar an genau der Stelle, wo er in diesem Zimmer kurz hängen geblieben war. Entgeistert starrte er darauf hinab.

Dann kämpfte sich eine Frage an die Oberfläche seines entsetzten Bewusstseins: ‚Bei allen Valar, was [war] das?

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Sehr kurz diesmal, aber 1. wollte ich nicht wieder solange an einem Kapitel sitzen und hab deswegen beschlossen, sie zu kürzen, und 2. passt es an dieser Stelle einfach supergut und es war sowieso kein richtiges Kapitel- mehr so ein Zwischenspiel.

Wer jetzt verstanden hat, was ich gesagt habe kriegt nen Lolli! *g*