Doch so schnell und unkompliziert verlief die Reise doch nicht und nach einigen Wochen, die sie teilweise schlafend in der Kutsche verbracht hatte, wurde sie durch den Ausruf des Kutschers geweckt :" Willkommen in Paris, Mademoiselle et Monsieur!"

Meg schreckte hoch und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Als sie zum Kutschenfenster hinausschaute, erblickte sie einen leicht bewölkten Himmel. Sie fuhren durch einige sehr belebten Straßen von Paris, die das Mädchen wie ihre Westentasche kannte. Eigentlich hatte sie nicht erwartet, sich sofort wieder an alles erinnern zu können, schließlich war sie sehr lange fort gewesen, aber nun schien es ihr, als hätte sie die letzten zwei Jahre hier in Frankreich verbracht. Doch ihre Mutter hatte es für besser gehalten, sie nach all den Ereignissen und der Verwirrung, die durch diese an der Oper geherrscht hatte, an einen sichereren und ruhigeren Ort zu schicken.

Ihr Blick fiel auf den gerade erwachenden Monsieur Barras, der sie nun freundlich anlächelte. Er zeigte auf eine Querstraße, die nun vor ihnen auftauchte und meinte:" Dort werden wir gleich aussteigen. Von dieser Straße aus ist es nicht weit zu Ihrem Zuhause, Mademoiselle, aber so wie sie mich ansehen, wissen sie das schon, habe ich Recht?"

Meg konnte nur enthusiastisch nicken und als die Kutsche hielt, hätte sie dem Kutscher beinahe ihren Koffer aus der Hand gerissen und wäre die Stufen zur Wohnung ihrer Mutter nach oben gelaufen. Sie erinnerte sich aber noch rechtzeitig an ihre gute Erziehung und verabschiedete sich höflich und mit Dank von dem Kutscher und Monsieur Barras. Trotz der Freundlichkeit des Mannes, war sie froh, dass nun nicht noch weiter mit ihm reisen musste, denn viel geredet hatte er nicht mit ihr, er schien in eigene wichtige Angelegenheiten verstrickt zu sein, die nicht warten konnten.

Als dies erledigt war, ging sie nun etwas langsamer die alten Steinstufen zur Wohnung der Girys hinauf und klopfte sachte an die Tür. Als einige Zeit verging und niemand öffnete, schloss sie selbst die Tür auf und betrat die Wohnung. Hier hatte sie ihre gesamte Kindheit verbracht und es sah immer noch so aus, wie sie die Wohnung verlassen hatte. Meg begab sich in ihr Zimmer, stellte den Koffer ab und machte sich dann wieder den Weg die Treppen hinab. Sie wollte sich nicht länger damit aufhalten, die leere Wohnung zu inspizieren, dafür war später noch genügend Zeit. Ihre Schritte lenkten sie nun zur Oper, die sich in der gleichen Straße befand.

Doch als sie vor dem großen, Ehrfurcht verbreitenden Gebäude stand, sank ihr der Mut. Wie konnte sie davon ausgehen, dass sich auch hier an der Oper nichts verändert hatte? Ging es ihrer Mutter überhaupt gut? Sie hatte lange nichts mehr von ihr gehört. Und was war mit Christine? Arbeitete sie überhaupt noch hier? Oder war sie nun inzwischen mit Raoul verheiratet und sang auf jeder berühmten Bühne dieser Welt?

Das zierliche Ballettmädchen gab sich einen Ruck. Hier zu stehen und Vermutungen anzustellen, würde sie nicht weiterbringen.

Meg betrat das Gebäude langsam durch den Hintereingang, das heißt, sie wollte sie betreten, wurde aber durch einen streng aussehenden Mann daran gehindert.

" Moment! Was wollen Sie denn hier? Suchen Sie etwas bestimmtes?", fuhr sie eine eisig klingende Stimme an. Meg wandte sich dem Mann verschüchtert zu und meinte: " Verzeihung, mein Name ist Meg Giry, ich werde auch die kleine Giry genannt und meine Mutter arbeitet hier als Ballettlehrerin und Logenschließerin. Außerdem gehöre ich dem Ballett des Opéra Populaire an." Das schien den Mann zwar nicht zu beeindrucken, aber er winkte ihr mit einer genervten Geste, dass sie weitergehen sollte.

Nun schritt sie durch Gänge, in denen ein ziemlich großes Chaos herrschte- Menschen rannten halb in ihren Kostümen hin und her und riefen einander etwas zu. Meg bezweifelte, dass sie sich bei diesem Krach gegenseitig verstehen konnten.

Keinen der Menschen, die hier umherhasteten, kam Meg bekannt vor und das erschreckte sie ein wenig. Ihren Mut und ihre Zuversicht hatte sie fast gänzlich verloren, seit sie sich im Inneren dieses riesigen Gebäudes befand, die hohen Wände schienen sie zu erdrücken und alles hier schien ihr zuzuflüstern, dass sie nicht mehr willkommen war.

Doch dann kam sie an eine Tür, hinter der leise Klaviermusik hervorklang und eine Stimme, die sie auch noch nach hundert und mehr Jahren wiedererkannt hätte in einem herrischen Ton Anweisungen für Tanzschritte gab. Meg unterdrückte einen freudigen Aufschrei und öffnete leise die Tür.

Der Raum wurde fast vollständig von einem großen Spiegel beherrscht und davor standen etwa ein Dutzend konzentrierter Ballettmädchen und bemühten sich angestrengt, eine Choreographie einzuüben. Ihnen gegenüber stand eine resolute Frau Ende vierzig, die sich, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, auf ihren schwarzen Stock stützte, den sie eigentlich dazu gebrauchte, die schnatternden Mädchen zur Ruhe zu bringen, indem sie ihn heftig auf den Boden stieß.

Die Frau wirkte steif und unnahbar, doch Meg konnte erkennen, dass in ihr Gesicht einige Sorgenfalten hinzugekommen waren, seit sie sie das letzte mal gesehen hatte. Aber abgesehen davon wirkte sie noch genauso dickköpfig, aber liebenswert auf Meg.

"Maman?", rief sie leise in den Raum und eigentlich konnte sie niemand gehört haben, denn ihr Ausruf war nicht mehr als ein Hauch gewesen, aber die Frau drehte sich mit einem Ruck um und sah sie an. In ihrem Blick spiegelten sich Überraschung und maßlose Freude gleichzeitig wieder. Mit einemmal wirkte sie zehn Jahre jünger, als sie in schnellem Tempo auf Meg zukam und ihre Tochter in die Arme schloss.

"Endlich.", war alles, was sie sagte und dabei rann eine einzelne Träne ihre Wange hinab, die Madame Giry schnell und peinlich berührt wegwischte.