Wenig später saß Meg in der Loge der beiden Direktoren der Oper und kam
sich seltsam fehl am Platz vor. Normalerweise stünde sie nun mit allen
anderen hinter der Bühne und wartete auf ihren Auftritt. Stattdessen saß
sie hier in einer feinen Loge neben Monsieur André und Monsieur Firmin und
hatte das Gefühl, dass zumindest Monsieur Firmin ihr hin und wieder einen
vorwurfsvollen Blick zugeworfen hatte.
Ein einfaches Ballettmädchen hatte auch nichts in einer Loge zu suchen, allerdings hatte Monsieur André sie sofort freudestrahlend in die Loge der Direktoren eingeladen, als sie ihn fragte, ob es noch freie Plätze für die Opernaufführung heute abend gäbe. Meg hoffte nur, dass ihre Mutter sie von hier aus nicht auch noch erspähen konnte, sonst würde sie sich später auf unangenehme Fragen gefasst machen müssen.
Doch nun begann das Orchester die ersten Takte der Ouverture zu spielen und es wurde dunkel im Saal. Das Getuschel der überwiegend reichen und vornehmen Opernbesucher erstarb aprubt und dann sah Meg Christine auf die Bühne kommen. Sie hatte ihre Freundin noch nie so stolz und glücklich gesehen, nicht einmal, als sie damals in Hannibal Carlotta vertreten durfte.
Für die anderen Zuschauer nicht merklich, lächelte sie Meg kurz zu und begann dann mit ihrer wunderschönen Stimme zu singen. Sie passte perfekt in diese Rolle und das schien ihr auch bewusst zu sein. Carlotta würde aus der Haut fahren, wenn sie das sehen könnte, dachte Meg kurz und ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Gilles André saß inzwischen neben Meg in seiner Loge und hielt sich für den glücklichsten Menschen der Welt. Das zierliche blonde Mädchen, für das er vor ihrer Abreise bestimmte Gefühle entwickelt zu haben glaubte, war wieder da und in ihrer Abwesenheit hatte er sich einzureden versucht, dass er auf alle Ballettmädchen, die sie an der Oper beschäftigten, so reagierte und dass an Meg rein gar nichts besonderes war. Doch als er erfahren hatte, dass sie wieder in Paris war und sie sich dann vor einer halben Stunde in seinem und Firmins Büro gemeldet hatte und auf ihre schüchterne und zurückhaltende Art gefragt hatte, ob es noch Karten für die Opernaufführung heute abend gäbe, hatte alles, was er sich so lange Zeit eingeredet hatte, nichts genützt.
Dieses seltsame Gefühl in seiner Magengegend, das ihn jedesmal überfiel, wenn sie sich in seiner Nähe befand, hatte wieder eingesetzt und es war schlimmer als je zuvor. Zum Glück hatte Firmin keinen gehässigen Kommentar abgegeben und André war auch sehr froh, dass Meg nun wie gebannt auf die Bühne starrte, denn so konnte sie nicht bemerken, dass das Programmheft in seiner Hand seltsam zitterte. Nun konnte er sie in aller Ruhe betrachten, denn mit einem sichernden Blick auf Firmin hatte er gesehen, dass dieser ebenfalls auf die Bühne sah. Meg sah wirklich hinreissend aus, besonders wenn sie wie jetzt leicht lächelte.
Es wäre ihm lieber gewesen, wenn er der Grund wäre, weshalb sie lächelte, doch es war Christine, aber man konnte eben nicht alles haben und er war schon vollkommen zufrieden, dass sie neben ihm saß.
Wenn Gilles ehrlich war, durfte er sich keine Hoffnungen auf eine Beziehung mit der Tochter Madame Girys machen, denn abgesehen davon, dass er um einiges älter war als sie, hatte er auch nicht sehr viel mehr Geld als ihre Mutter, er war ein Angehöriger der Mittelschicht, zwar nicht arm, aber auch ganz sicher nicht reich. Madame Giry konnte sich sicher einen geeigneteren Ehemann für ihre Tochter vorstellen. Aber was waren das für Gedanken?
Er, der froh sein konnte, dass Meg ihn wenigstens wahrnahm, machte sich Sorgen, ob ihre Mutter eine Hochzeit erlauben würde? Anscheinend stand es wirklich schlimm um ihn. In der Pause musste er es unbedingt bewerkstelligen, Firmin davon zu überzeugen, dass es niemand geeigneteren für die Stelle der Primaballerina dieser Oper gab, als Meg Giry.
In diesem Moment merkte wandte Meg sich um und meinte: "Wirklich einen schöne Version dieser Oper, nicht wahr? Und Christine macht sich fantastisch in der Hauptrolle, man merkt gar nicht, dass sie spielt, sie lebt diese Rolle geradezu, finden Sie nicht auch, Monsieur André?" André zuckte zusammen und meinte: "In der Tat, Madame de Chagny ist wahrlich keine Fehlbesetzung." Nachdem er dies ausgesprochen hatte, streifte ihn kurz ein sehr trauriger Blick von Seiten Megs, bevor sie sich wieder abwandte und weiter der Handlung auf der Bühne folgte. Er sah sie verwirrt an. Was hatte er nun schon wieder falsch gemacht?
Aus diesem Mädchen wurde er einfach nicht schlau. Hoffentlich wollte sie in der Pause nicht über die Handlung des Stückes reden, er war zu beschäftigt gewesen, sie anzusehen, als dass er etwas vom Inhalt der Oper mitbekommen hätte.
Doch der erste Akt der Oper schließlich vorrüber war, zog Meg es vor, in der Loge zu bleiben, da sie befürchtete, auf dem Gang ihrer Mutter zu begegnen. Sie nahm Andrés enttäuschten Blick wahr, der von Firmin auf den Gang gezerrt wurde, um etwas Geschäftliches zu besprechen und wünschte, sie hätte keine solche Angst, dass ihr Mutter sie sah. Im Grunde wusste sie nicht einmal, ob ihre Mutter überhaupt ärgerlich reagieren würde, eigentlich müsste sie sich freuen, dass ihre Tochter in die Loge der Direktoren der Oper eingeladen worden war, aber sie konnte sich später noch Gedanken darüber machen, ob sie es ihr erzählen sollte oder nicht.
Doch schnell war auch der zweite Akt vorüber und Meg verabschiedetet sich hastig von den beiden Herren, wobei sie sich bei Firmin noch einmal überschwänglich bedankte, was diesem dann auch ein paar freundliche Worte entlockte, und rannte eilig durch dunkle Gänge, bis sie den Bereich hinter der Bühne erreicht hatte.
Dort kamen ihr Grüppchenweise schnatternde Ballettmädchen entgegen und sie wünschte sich fast, heute abend auch auf der Bühne gestanden zu sein. Aber das konnte sie ab morgen noch oft genug tun, nun wandte sie sich in die Richtung, in der Christines Garderobe lag. Doch es war nicht so einfach, bis zur Garderobe ihrer Freundin zu gelangen, denn vor ihrer Tür standen Menschen Schlange, um ihr zu gratulieren. Darunter befanden sich auch einige junge Männer, die Blumen mitbrachten.
Meg musste unwillkürlich grinsen. Das würde Christine sicher am meisten freuen. Ihr fröhliches Gesicht verlor allerdings plötzlich jede Farbe, als sie einen jungen Mann erkannte der wie sie in einigem Abstand zu der versammelten Menschenmasse an einem Pfeiler gelehnt stand und einen sehr ungeduldigen und nervösen Eindruck machte.
Von Zeit zu Zeit warf er einen kurzen Blick in Richtung der Garderobe, konnte aber außer den Rückseiten der Opernbesucher nichts erkennen. Nun zog er eine goldene Taschenuhr aus seiner Hosentasche und sah einige Sekunden lang darauf. Als er sich mit einer eingeübt wirkenden Geste das blonde Haar aus der Stirn schritt trafen sich ihre Blicke.
Meg stieß einen leisen Laut der Überraschung aus. Es war Raoul de Chagny.
Ein einfaches Ballettmädchen hatte auch nichts in einer Loge zu suchen, allerdings hatte Monsieur André sie sofort freudestrahlend in die Loge der Direktoren eingeladen, als sie ihn fragte, ob es noch freie Plätze für die Opernaufführung heute abend gäbe. Meg hoffte nur, dass ihre Mutter sie von hier aus nicht auch noch erspähen konnte, sonst würde sie sich später auf unangenehme Fragen gefasst machen müssen.
Doch nun begann das Orchester die ersten Takte der Ouverture zu spielen und es wurde dunkel im Saal. Das Getuschel der überwiegend reichen und vornehmen Opernbesucher erstarb aprubt und dann sah Meg Christine auf die Bühne kommen. Sie hatte ihre Freundin noch nie so stolz und glücklich gesehen, nicht einmal, als sie damals in Hannibal Carlotta vertreten durfte.
Für die anderen Zuschauer nicht merklich, lächelte sie Meg kurz zu und begann dann mit ihrer wunderschönen Stimme zu singen. Sie passte perfekt in diese Rolle und das schien ihr auch bewusst zu sein. Carlotta würde aus der Haut fahren, wenn sie das sehen könnte, dachte Meg kurz und ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Gilles André saß inzwischen neben Meg in seiner Loge und hielt sich für den glücklichsten Menschen der Welt. Das zierliche blonde Mädchen, für das er vor ihrer Abreise bestimmte Gefühle entwickelt zu haben glaubte, war wieder da und in ihrer Abwesenheit hatte er sich einzureden versucht, dass er auf alle Ballettmädchen, die sie an der Oper beschäftigten, so reagierte und dass an Meg rein gar nichts besonderes war. Doch als er erfahren hatte, dass sie wieder in Paris war und sie sich dann vor einer halben Stunde in seinem und Firmins Büro gemeldet hatte und auf ihre schüchterne und zurückhaltende Art gefragt hatte, ob es noch Karten für die Opernaufführung heute abend gäbe, hatte alles, was er sich so lange Zeit eingeredet hatte, nichts genützt.
Dieses seltsame Gefühl in seiner Magengegend, das ihn jedesmal überfiel, wenn sie sich in seiner Nähe befand, hatte wieder eingesetzt und es war schlimmer als je zuvor. Zum Glück hatte Firmin keinen gehässigen Kommentar abgegeben und André war auch sehr froh, dass Meg nun wie gebannt auf die Bühne starrte, denn so konnte sie nicht bemerken, dass das Programmheft in seiner Hand seltsam zitterte. Nun konnte er sie in aller Ruhe betrachten, denn mit einem sichernden Blick auf Firmin hatte er gesehen, dass dieser ebenfalls auf die Bühne sah. Meg sah wirklich hinreissend aus, besonders wenn sie wie jetzt leicht lächelte.
Es wäre ihm lieber gewesen, wenn er der Grund wäre, weshalb sie lächelte, doch es war Christine, aber man konnte eben nicht alles haben und er war schon vollkommen zufrieden, dass sie neben ihm saß.
Wenn Gilles ehrlich war, durfte er sich keine Hoffnungen auf eine Beziehung mit der Tochter Madame Girys machen, denn abgesehen davon, dass er um einiges älter war als sie, hatte er auch nicht sehr viel mehr Geld als ihre Mutter, er war ein Angehöriger der Mittelschicht, zwar nicht arm, aber auch ganz sicher nicht reich. Madame Giry konnte sich sicher einen geeigneteren Ehemann für ihre Tochter vorstellen. Aber was waren das für Gedanken?
Er, der froh sein konnte, dass Meg ihn wenigstens wahrnahm, machte sich Sorgen, ob ihre Mutter eine Hochzeit erlauben würde? Anscheinend stand es wirklich schlimm um ihn. In der Pause musste er es unbedingt bewerkstelligen, Firmin davon zu überzeugen, dass es niemand geeigneteren für die Stelle der Primaballerina dieser Oper gab, als Meg Giry.
In diesem Moment merkte wandte Meg sich um und meinte: "Wirklich einen schöne Version dieser Oper, nicht wahr? Und Christine macht sich fantastisch in der Hauptrolle, man merkt gar nicht, dass sie spielt, sie lebt diese Rolle geradezu, finden Sie nicht auch, Monsieur André?" André zuckte zusammen und meinte: "In der Tat, Madame de Chagny ist wahrlich keine Fehlbesetzung." Nachdem er dies ausgesprochen hatte, streifte ihn kurz ein sehr trauriger Blick von Seiten Megs, bevor sie sich wieder abwandte und weiter der Handlung auf der Bühne folgte. Er sah sie verwirrt an. Was hatte er nun schon wieder falsch gemacht?
Aus diesem Mädchen wurde er einfach nicht schlau. Hoffentlich wollte sie in der Pause nicht über die Handlung des Stückes reden, er war zu beschäftigt gewesen, sie anzusehen, als dass er etwas vom Inhalt der Oper mitbekommen hätte.
Doch der erste Akt der Oper schließlich vorrüber war, zog Meg es vor, in der Loge zu bleiben, da sie befürchtete, auf dem Gang ihrer Mutter zu begegnen. Sie nahm Andrés enttäuschten Blick wahr, der von Firmin auf den Gang gezerrt wurde, um etwas Geschäftliches zu besprechen und wünschte, sie hätte keine solche Angst, dass ihr Mutter sie sah. Im Grunde wusste sie nicht einmal, ob ihre Mutter überhaupt ärgerlich reagieren würde, eigentlich müsste sie sich freuen, dass ihre Tochter in die Loge der Direktoren der Oper eingeladen worden war, aber sie konnte sich später noch Gedanken darüber machen, ob sie es ihr erzählen sollte oder nicht.
Doch schnell war auch der zweite Akt vorüber und Meg verabschiedetet sich hastig von den beiden Herren, wobei sie sich bei Firmin noch einmal überschwänglich bedankte, was diesem dann auch ein paar freundliche Worte entlockte, und rannte eilig durch dunkle Gänge, bis sie den Bereich hinter der Bühne erreicht hatte.
Dort kamen ihr Grüppchenweise schnatternde Ballettmädchen entgegen und sie wünschte sich fast, heute abend auch auf der Bühne gestanden zu sein. Aber das konnte sie ab morgen noch oft genug tun, nun wandte sie sich in die Richtung, in der Christines Garderobe lag. Doch es war nicht so einfach, bis zur Garderobe ihrer Freundin zu gelangen, denn vor ihrer Tür standen Menschen Schlange, um ihr zu gratulieren. Darunter befanden sich auch einige junge Männer, die Blumen mitbrachten.
Meg musste unwillkürlich grinsen. Das würde Christine sicher am meisten freuen. Ihr fröhliches Gesicht verlor allerdings plötzlich jede Farbe, als sie einen jungen Mann erkannte der wie sie in einigem Abstand zu der versammelten Menschenmasse an einem Pfeiler gelehnt stand und einen sehr ungeduldigen und nervösen Eindruck machte.
Von Zeit zu Zeit warf er einen kurzen Blick in Richtung der Garderobe, konnte aber außer den Rückseiten der Opernbesucher nichts erkennen. Nun zog er eine goldene Taschenuhr aus seiner Hosentasche und sah einige Sekunden lang darauf. Als er sich mit einer eingeübt wirkenden Geste das blonde Haar aus der Stirn schritt trafen sich ihre Blicke.
Meg stieß einen leisen Laut der Überraschung aus. Es war Raoul de Chagny.
