Titel: Den Jäger erlegen

Autorin: Sleepy Tiger

Warnung: blabla in all its glory!

Disclaimer: Lord of the Rings © by J.R.R. Tolkien

11. Kapitel: Brüder unter sich

Es war noch sehr früh. Die Sonne war noch gar nicht aufgegangen, aber dennoch war es in Lothlorien nicht ganz still. Man hörte von Asanis Fenster aus noch einige Elben singen, die gerade das Bankett verließen, das man gestern Abend zum Abschied für die vielen Gäste gehalten hatte. Das kleine Fest hatte sich sehr in die Länge gezogen. Wer nahm schon gerne Abschied von Lothlorien?

Asani mußte es leider. Sie war zwar nicht die einzige, die heute gehen mußte, aber eine der wenigen, die es zu dieser frühen Stunde taten. Außerdem war es ihr nicht vergönnt, freudetrunkend nach Hause in den Norden zu reisen wie der Rest ihres Clans, sondern mußte wieder nach Perrigon. Diesmal jedoch mit dem König Gondors, fünf seiner Ritter, Legolas und dem Zwergen Gimli. Auch wenn der König es als Bitte formuliert hatte...es kam einem Befehl gleich, denn einem so mächtigen König widersetzte man sich nicht. Sogar Asani wußte das, obwohl sie sich kaum um Politik scherte.

Jetzt stand sie vor dem Spiegel und richtete den Kragen ihrer dunkelroten Jacke mit den goldenen Stickereien, die sie als Ifrey Adlige auswies. Darunter trug sie ein enganliegendes Hemd und Legolas' Geschenk. Anders als alle Krieger Mittelerdes, trugen Ifreys liebend gern Waffen aller Art und Gewichtsklasse, allerdings ungern Rüstungen und wenn, dann nur unter ihrer Kleidung. Es beleidigte ihren Stolz, so etwas zu tragen. Aber die beiden Mithril Armschienen waren die ersten, die Asani nach dem Aufstehen angelegt hatte. Ohne, daß sie sich deswegen wirklich bewußt war.

Als ihre Jacke perfekt saß, ließ sie einen flüchtigen Blick über die schwarzen Hosen und Stiefel schweifen und strich eine vorwitzige Locke hinters Ohr, die sich aus dem Zopf gestohlen hatte. Sonst war alles an seinem Platz. So konnte sie ihren Clan repräsentieren.

Sie atmete tief ein und griff nach dem schwarzen Umhang, den sie mit einem geübten Handgriff umlegte. Sie legte keine weitere Dolche, Wurfmesser oder Köcher an. Seit mehr als einem Jahr trug sie keine andere Waffen außer dem Mithrilschwert, das unsichtbar um ihren Körper schwebte, bis sie es zog. Das Schwert forderte ihr bedingungsloses Vertrauen und ihre Treue. Sie hatte aufhören müssen, mit anderen Waffen zu trainieren. Sie konnte weder mit dem Bogen noch dem Stab umgehen. Geschweige mit der Axt oder der Lanze.

Es war zu verschmerzen, denn dafür lebte sie ewig und blieb so jung wie an dem Tag, als sie das Bündnis mit ihm einging. Sie war praktisch unverwundbar. Ihre Wunden heilten, ohne Narben zu hinterlassen. Niemals sah man ihr Erschöpfung oder Ermüdung an, außer wenn sie plötzlich umfiel und einschlief.

Asani trat näher an den Spiegel und sah sich ihre Augenpartie genau an. Für jeden oberflächlichen Betrachter sah sie sehr wach aus. Ihre Augen waren klar und der Blick scharf. Aber wenn sie das Bündnis mit ihrem Schwert zwischendurch lösen könnte, würde man dunkle Ringe unter blutunterlaufenen und verquollenen Augen erkennen.

Asani hatte nicht schlafen können. Wieder einmal.

Seit sie ihren elbischen "Waffenbruder" hatte, hatte sie einen furchtbar leichten Schlaf und wälzte sich im Bett herum. Es nagte immer noch an ihr, daß Goleyn ihr ausgerechnet den Prinzen zum Waffenbruder gegeben hatte. Allerdings war es nicht nur seine Schuld. Legolas war daran genauso daran beteiligt. Er hatte einfach zugesagt, ohne zu wissen, was ihn in so einer Bruderschaft erwartete. Obwohl er es sich nicht anmerken ließ, entdeckte Asani schnell, daß er so eine Sitte gar nicht kannte. Als sie ihn darüber aufklärte, daß so eine Bruderschaft bis zum Tod eines der Brüder andauerte, hatte er es einfach lächelnd zur Kenntnis genommen und gemeint, daß er dann wohl gut auf sie aufpassen müßte. Diese Bemerkung hatte sie doch mehr verwirrt, als sie zugeben wollte. Herr Gimli hatte schon recht. Elben - der Thronerbe Düsterwalds insbesondere - waren zuweilen recht seltsam.

Sie sah sich noch einmal in dem Raum um und bedauerte erneut ihre frühe Abreise. Ob sie jemals hierher finden würde? Etwas schwermütig trat sie hinaus, wo die kühle Morgenluft sie begrüßte und versuchte durch ihre Kleidung zu kriechen. Das Geräusch der schließenden Tür ließ sie aufseufzen. Jetzt mußte sie zu ihrem Waffenbruder.

Sie kannte den Weg zu seinen Gemächer im Schlaf. Aber es hieß nicht, daß sie diesen Weg gerne ging. Sie hatte jedes Mal das schreckliche Gefühl, in ihr Verderben zu gehen. Es verstärkte sich, wenn sie ihn dann vor seiner Tür antraf. Er begrüßte sie jedes Mal mit so einem seltsamen Lächeln. Es gab ihr das Gefühl, als freute er sich darauf, sie zu sehen.

Heute stand er nicht wie gewöhnlich vor seiner Tür. Er war wohl noch nicht fertig. Asani klopfte leise an seiner Tür, aber es kam keine Antwort. Ihre Lippen kräuselten sich verärgert. Schlief er etwa noch?

"Legolas?" rief sie leise und klopfte erneut. Es regte sich wieder nichts. Sie seufzte genervt. Kopfschüttelnd wandte sie sich von der Tür ab und beschloß, allein zum Stall zu gehen. Aber andererseits...Goleyn würde da sein, um sie zu verabschieden, und wenn er sie alleine dort ankommen sah, gäbe es wieder unangenehme Fragen. Daraufhin würde Maja sie tadeln und sie daran erinnern, keine Schande über den Clan zu bringen. Was ihr Vater dazu sagen würde, daran wollte sie gar nicht denken. Mißmutig drehte sie sich wieder zur Tür und klopfte härter gegen das Holz. Elbische Waffenbrüder machten nichts als Probleme! "Legolas! Wacht auf!"

Sie war sich sicher, daß alle Elben sie in Lorien gehört hatte, aber dieser einer bestimmte Elb nicht. Es half nichts, sie mußte ihn persönlich aus dem Bett zerren. Der Gedanke war ihr so unangenehm, daß sie für einen Moment zögerte, ehe sie die Tür aufmachte.

Anders als bei ihrem Zimmer sah sie beim Eintreten nicht sofort das Bett, sondern befand sich erst einmal in eine Art Wohnraum. Ihre Verärgerung flaute etwas ab, als sie daran dachte, daß er sie unter diesen Umständen vielleicht nicht hören konnte. Die gegenüberliegende Wand war mit großen Fenstern durchbrochen, die vom Boden bis zur Decke reichte. Schwaches Mondlicht fiel durch sie herein und enthüllte ihr nur dürftig die Einrichtung dieses Raumes. Vorsichtig wanderte sie durch das Zimmer und erkannte die Umrisse eines Kamins und einige Sessel davor. In einer Ecke stand ein Schreibtisch und eine Bücherwand.

Und wo schlief Seine Hoheit nun? Murrend machte sie sich auf die Suche nach seinem Schlafgemach. Mußte er unbedingt Prinz sein? Dann hätte er auch ein einfaches Zimmer bekommen wie sie. Nichts als Probleme mit diesem Elb...

Sie fand die Tür auf der rechten Seite. Wieder einmal klopfte sie an und wartete auf Antwort. Als keine kam, ging sie einfach hinein. Dieses Zimmer war etwas kleiner, aber mit Kerzen ausgeleuchtet. So entdeckte sie auch das Bett in der Mitte des Raumes. Es war größer als ihres und hatte vier Pfosten, zwischen denen dünne weiße Vorhänge hingen, die allesamt zugezogen waren.

Zögernd näherte sie sich den großem Bett. Warum waren bloß die Vorhänge zugezogen? Es war nicht kalt zu dieser Jahreszeit und Elben sollte Kälte doch nicht viel ausmachen. Hatte er vielleicht etwas zu verbergen? Schlief er in einer seltsamen Stellung? Mit Lockenwicklern? Mit Schönheitsmaske? Oder mit einer Geliebten?

Bei der letzten Möglichkeit stockte ihr der Atem. Daran hatte sie bis jetzt gar nicht gedacht! Bei der Vorstellung, daß sie ihn womöglich nackt mit jemand anderem im Bett vorfinden könnte, schoß ihr das Blut mit voller Wucht ins Gesicht. Sie zog sich vom Bett zurück und machte so leise wie möglich auf den Absätzen kehrt. Es ging sie nichts an, mit wem und wie er die Nächte verbrachte.

Aber dann machte sie erneut kehrt und stapfte zurück. Natürlich ging es sie etwas an! Sie konnte es nicht erlauben, daß ihr Waffenbruder so eine verlotterte Moral hatte. Seine Frauengeschichten würden heute ein Ende finden! Schroff schob sie die Vorhänge zur Seite und fand das Bett zu ihrer Überraschung leer vor. Kein nackter Legolas, dessen Glieder mit denen einer oder zweier Schönheiten verschlungen waren. Es war einfach leer. Wo war er bloß?

"Guten Morgen."

Asani zog vor lauter Schreck ihr Schwert, ehe sie herumwirbelte. Noch mehr als diese fröhliche Begrüßung schockte sie das, was sie vor sich sah. Mit hochgehobenen Händen stand ein nur halb angezogener Legolas vor ihr. Er trug zwar bereits die engen Hosen, war aber barfuß und sein Hemd war offen. Das lange Haar umrahmte sein schönes Gesicht.

"Das Training fällt doch heute aus, oder?" fragte er plötzlich und ließ die Arme wieder sinken.

"Was?" Asani blinzelte mehrmals und folgte dann seinem Blick, der etwas beunruhigt auf dem Schwert in ihren Händen ruhte. Sie errötete und ließ es sofort verschwinden. "Klar...aber sicher...wo wart Ihr überhaupt?"

"Ich war auf dem Balkon. Verzeiht, wenn ich Euch warten ließ. - Ich bin gleich soweit." Legolas lächelte wieder und strich sich das Haar aus der Stirn. Dabei fiel das offene Hemd noch etwas mehr auseinander. Er war nicht so groß und gewaltig wie ihr Vater, sondern eher schlank und geschmeidig wie eine Katze. Er war mit breiten Schultern und schmalen Hüften gesegnet. Es gab kein Gramm Fett an ihm, nur scharf gezeichnete Muskeln wie bei einer Skulptur. Und er war ziemlich unbehaart. Asani, die ihr Leben lang nur Männer mit Brusthaar kannte, fand das recht seltsam. Aber abstoßend war es bestimmt nicht. Sie hatte noch nie bemerkt, daß ein Mann eine so schöne Haut haben konnte. Hell, glatt und wie Seide schimmernd.

Er war so schön...

Als er ihr den Rücken zudrehte, wanderte ihr Blick unfreiwillig an von seinen breiten Schultern hinab über seinen Rücken bis zu seinem...Das Blut schoß ihr erneut in die Wangen, als sie entsetzt bemerkte, was sie da eigentlich machte. Verärgert wandte sie sich ab. Das passierte ihr in letzter Zeit ständig. Sie kannte viel besser gebaute Männer als Legolas Grünblatt. Aber warum wurde sie ausgerechnet bei ihm verlegen?

Asani mußte sich setzen. So einen Anblick wie ihn vertrug sie am frühen Morgen nicht. Allerdings ging sie zu keinen der gemütlichen Stühlen, sondern ließ sich einfach aufs Bett fallen, während ihr Blick fassungslos den Bewegungen des Elben folgte.

Er summte vor sich her, als er seine Haar routiniert frisierte und sich dann das Hemd zuknöpfte. Er wanderte suchend durch das große Zimmer und hielt nach seiner Jacke und seinen Schuhen Ausschau, während Asani ihn stumm beobachtete. Wie machte dieser Elb das? Jeden Morgen sah er so gut erholt aus. Gleichgültig wie hart das Training war oder wie heftig er am Abend zuvor gefeiert hatte. Er sah immer gut aus. Von den sorgfältig geflochtenen Zöpfen bis zu den leichten Schuhen, die er immer trug. Sogar verstaubt und verschmutzt sah er tadellos aus. Sie hingegen mußte hoffen, daß man sie nicht für einen Ork hielt, wenn sie aus einer Schlacht kam. Das war unfair!

"Asani?"

"Ja?" Sie schreckte hoch und blickte ihn mit großen Augen an. Hatte er gerade etwas gesagt? Sie mußte sich auch etwas räuspern, weil ihre Stimme so piepsig klang. "Was ist?"

"Hat Aragorn Euch überfordert?" fragte er scherzhaft, aber aus seinen Augen sprach Sorge. Er kam auf sie zu und betrachtete sie ernst, während er sich weiter anzog. Seine Stimme wurde sanfter, als er weiter wissen wollte: "Habt Ihr nicht gut geschlafen?"

Sie hatte nicht mehr geschlafen seit sie ihn kannte! Aber statt ihm das vorzuwerfen, nickte sie schroff. "Doch."

Plötzlich hielt er inne und beugte sich zu ihr herab, so daß er ihr genau in die Augen sehen konnte. Asani blieb sitzen, wo sie war und starrte ihn an; wie ein Häschen eine Schlange. Zu hypnotisiert, um einen klaren Gedanken zu fassen.

"Ihr lügt", sagte er nur und musterte sie mit zusammen gekniffenen Augen. "Man sieht sie nicht, aber sie sind da."

"Was?" Diesmal hatte sie ihm zugehört, aber sie verstand kein Wort.

"Unter Euren Augen liegen tiefe Schatten", erklärte er leise. Er schenkte ihr ein beinah liebevolles Lächeln, das den Rhythmus ihres Herzschlags durcheinander brachte. Bevor sie sich versah, strich er vorsichtig über die zarte Haut unter ihren Augen. Wie warm allein seine Fingerspitzen waren...

"Bedrückt Euch etwas?"

Asani konnte ihn nur schweigend ansehen. Das war eins dieser Momente, die sie so sehr haßte und doch kaum erwarten konnte. Er war ihr nah und seine gesamte Aufmerksamkeit galt nur ihr. Sein besorgter Blick, sein sanftes Lächeln und seine zarten Berührungen. Sie konnte nicht anders, aber sie sog diese Augenblicke immer so konzentriert in sich hinein, daß sie nicht mehr auf ihre Umwelt reagieren konnte.

"Asani, Ihr wißt doch, daß Ihr mir vertrauen könnt, oder?" fragte er ernst und strich mit dem Daumen über ihre Wange. "Ich bin schließlich Euer Waffenbruder."

Waffenbruder...dieses Wort holte sie schließlich zurück. Er war ihr Waffenbruder. Genau...ihr Bruder. Es wirkte wie ein Schwall kaltes Wasser. Sie riß sich endlich zusammen und begann wieder mit dem Atmen.

"Ich schätze, seine Majestät war wirklich eine Herausforderung", sagte sie dann. Ein schwaches Lächeln floh über ihre Lippen. Diese Erklärung klang nicht sehr überzeugend. Sie wußte das. Und er wußte es ganz bestimmt.

"Nur Aragorn?" fragte er leise und sah sie ernst an. "Nicht doch wegen etwas anderem?"

"Nein", antwortete sie fest und blickte ihm direkt in die Augen. Er schien ihr nicht ganz zu glauben und auch irgendwie enttäuscht zu sein.

"Sollte doch etwas sein, sagt es ruhig", fügte er mit einem traurigen Lächeln hinzu und machte sich daran, sich den Köcher umzuschnallen.

Asani wollte nicken, als sie bemerkte, daß einer der Riemen sich verdreht hatte und Legolas nicht herankam. Ohne darüber nachzudenken, stand sie auf und half ihm, den Riemen grade zu legen. Stumm befestigten sie dann gemeinsam die Riemen an der Schnalle auf Legolas Brust.

"Danke", sagte Legolas danach und zog seine Jacke gerade. Dann neigte er sich plötzlich zu ihr. Asani zuckte instinktiv zurück. Als sie aufsah, bemerkte sie, daß seine Lippen gefährlich nahe an ihrer Wange waren. Er schien sich nicht ganz bewußt gewesen zu sein, was er da gerade tun wollte, denn er sah sie etwas verwundert an. Aber er rührte sich genauso wenig wie sie von der Stelle. Als sein Blick auf ihren Mund fiel, war sie es, die dann einen Schritt zurücktrat.

"Soll ich Euch noch bei irgendwas zu Hand gehen?" Sie mußte sich wieder räuspern. Ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Sie klang so zögernd und zittrig.

"Ich - ich glaube, ich habe was auf der Anrichte liegen lassen..." Ihm ging es auch nicht besser. Er klang seltsam rauh. "Ich glaube, der Kamm..."

Asani sah ihn einen kurzen Augenblick etwas betäubt an, ehe sie langsam nickte und sich schnell von ihm abwandte. Sie hatte schon wieder vergessen, Abstand von ihm zu halten. Sie ging zur Anrichte und griff nach dem Kamm und bemerkte aus dem Augenwinkel einen schwarzes Beutel, das vor Goldmünzen aus allen Nähten zu platzen schien. Einige paßten gar nicht mehr hinein und lagen um das Säckchen herum. Zu ihrem Erstaunen entdeckte sie einen beschriebenen Zettel unter den Münzen. Stirnrunzelnd zog sie das Schriftstück hervor. Diese Schrift, in der die Worte verfaßt waren, kannte sie doch...

"Legolas Grünblatt, 20 Goldm. auf A. Ifrey. Auszahlung: 297 Goldm. u. 39 Silberlinge bei 373:18"

"Was zum..." Asani gingen die Augen über, als sie die wenigen Worte las. Das war eine ifreysche Wettquittung! Wie kam das auf seine Anrichte? Abrupt wandte sie sich zu ihm um und deutete auf das prall gefüllte Säckchen. Legolas sah sie unbewegt an, als würde er auf ihre nächste Reaktion warten.

"Wollt Ihr mir nicht etwas erzählen?" fragte sie spitz und hielt den Zettel hoch.

"Nicht, das ich wüßte." Er blickte sie unschuldig an.

"Ihr habt auf mich gewettet!" brach es dann fassungslos aus ihr heraus.

Legolas holte Luft, um ihr zu antworten, zuckte dann lässig mit den Schultern und meinte mit einem umwerfenden Lächeln: "Ja, das habe ich."

"Seid Ihr verrückt? Wie konntet Ihr bei so einem Unsinn soviel Geld riskieren? 20 Goldmünzen!"

"Ich bin ein weiser Mann", widersprach er ruhig, als er sich an die überschwenglichen Worte des ifreyschen Buchhalters erinnerte. Er verkniff sich das Lächeln, als sie ihn ansah, als hätte er den Verstand verloren.

"Ihr seid der dümmste Elb, der mir je begegnet ist", schimpfte sie weiter.

Aber statt sich von so einer schweren Beleidigung kränken zu lassen, brach Legolas in heiteres Gelächter aus. Sein kleiner "Waffenbruder" konnte sich immer so schön aufregen...Es erinnerte ihn an ihre erste Begegnung.

Sie fand das weniger lustig und fügte giftig hinzu: "Hätte ich gewußt, daß Ihr auf mich gesetzt habt, hätte ich Seine Majestät im letzten Augenblick gewinnen lassen."

Er lachte nur noch mehr über ihre mürrische Miene, aber sehr bald wärmte ein Lächeln voller Zuneigung seine Augen. "Und wenn ich gewußt hätte, daß Ihr absichtlich verlieren würdet, hätte ich immer noch auf Euch gesetzt."

Asani sah ihn mit einer Mischung aus Wut und Verwirrung an. Aus diesem Elb wurde sie nicht schlau. Dann hatte er die Frechheit, sich in Geheimnisse zu hüllen und gab außer einem wissenden Lächeln keine weitere Erklärung.

Er rief einen Diener und gab Anweisungen, wie mit dem übrigen Gepäck zu verfahren war, bevor er dann mit energiegeladenen Schritten seine Gemächer durchquerte und die Tür öffnete. "Gehen wir?"

~*~

Bei den Ställen war es um diese Zeit noch sehr ruhig. Aber die elbischen Stallburschen hatten alle Hände voll zu tun. Asani und Legolas hatten kaum den Vorplatz betreten, als man ihre Pferde fertig gesattelt und aufgezäumt aus den Ställen führte. Die Elben verbeugte sich besonders tief vor Legolas, als sie den beiden die Zügel ihrer Pferde hinhielt. Asani wurde immerhin noch mit einem höflichen Nicken bedacht.

Man hatte sie also bereits erwartet. Asani suchte schnell den Platz nach Maja, Goleyn und ihren Vater ab, um sich zu verabschieden. Mit einem Blick hatte sie etwas verlegen bemerkt, daß die übrige Gruppe auf ihren Pferden saßen und sich verabschiedeten.

Außer Asani, Legolas, Gimli und Aragorn waren noch fünf Ritter Gondors mit von der Partie. Große, starke Männer mit finsteren Visagen. Voll ausgerüstet und schwer bewaffnet ritten auf ihren Rössern, die aussahen, als könnten sie eine Armee von Orks zertreten, an ihnen vorbei. Aber all diesen Männern voran ritt König Aragorn. Er war zwar nicht so ungeheuerlich ausgerüstet wie seinen Rittern, aber war dennoch eine sehr beeindruckende Gestalt. Das war wirklich ein König.

Er rief Legolas etwas auf Elbisch zu und dieser nickte und beschleunigte seine Schritte. Asani hatte zwar nicht ein Wort verstanden, aber es mußte bedeuten, daß sie sich sputen sollten. Sie blickte noch einmal zu dem König zurück, der gerade seiner Frau liebevoll zu lächelte, die gemeinsam mit ihrem Vater am Rand stand, bevor er vom Platz ritt. Seine Ritter verneigten sie sich so tief vor ihrer Königin und ihrem Vater, daß Asani fürchten mußte, daß mindestens einer von ihnen scheppernd auf den Boden donnerte. Aber das passierte nicht.

Der Zwerg Gimli Gloins Sohn ritt dicht an Asani und Legolas vorbei. An seinem Sattel waren nebst etwas Proviant noch zwei Streitäxte und ein Streitkolben befestigt.

"Es geschehen noch Zeichen und Wunder!" rief der Zwerg lachend. "Ein Zwerg, der schneller ist als ein Elb!"

Legolas lächelte und rief ihm hinterher: "Wart's nur ab, Gimli Gloins Sohn!"

Asani mußte etwas lächeln. Die beiden waren wie Kinder, wenn sie zusammen waren. Aber es waren keine Kinder, es waren Helden. Genauso wie König Aragorn und seine Ritter. Asani wickelte nachdenklich die Zügel um ihre Hand. Wozu brauchte der König sie eigentlich? Als Ortskundige für Perrigon? Reichte da nicht eine einfache Karte aus?

"Asani, wir müssen aufbrechen ", erinnerte Legolas sie, als sie immer noch nicht aufsaß.

"Wartet nicht auf mich. Ich gehe kurz zu meinem Clan", rief sie in Legolas' Richtung. Sie mußte sich noch von ihrem Clan verabschieden. Als sie loslaufen wollte, hielt sie er am Arm fest.

"Ich werde warten", sagte er zu ihr. "Laßt Euch ruhig Zeit."

Sie konnte sich nicht helfen, irgendwie klangen seine Worte zweideutig. Aber sicherlich war es nicht so. Sie nickte flüchtig und lief über den Platz zu ihrem Clanoberhaupt.

"Was hat er dir gerade gesagt?" fragte der Herzog unwirsch statt einer Begrüßung, sobald seine Tochter in Hörweite war. Er stand neben Maja und Goleyn, um mit ihnen Asani zu verabschieden.

"Daß er auf mich wartet", erwiderte sie ruhig. "Guten Morgen."

Der Herzog ging nicht darauf ein und ließ weder Goleyn noch Maja die Zeit, diesen Gruß zu erwidern, sonders blaffte Asani gleich wieder an: "Warum denn das?"

Asani überlegte kurz und meinte dann: "Er ist mein Waffenbruder."

"WAFFENBRUDER?!?" Der Herzog donnerte Wort in einer unglaubliche Lautstärke über den Platz, so daß sich jeder zu ihm herumwirbelte. Er bedachte Legolas mit einem überaus feindseligen Blick, der jeden zu Asche verwandelt hätte. Aber Seine Hoheit Prinz Legolas von Düsterwald besaß die Nonchalance, ihm lächelnd zuzunicken. Daher suchte sich der Herzog ein anderes Ziel für seine Wut und starrte Goleyn an, der verdächtig unschuldig in die Gegend blickte. "Daran bist du schuld, oder?"

"Asani hat nicht mehr viel Zeit. Können wir das nicht später klären?" entgegnete Goleyn lässig.

"Worauf du dich verlassen kannst", knurrte der Herzog den Stellvertreter an. Er stellte sich hinter seiner Tochter und schob sie etwas unsanft vor Maja, während er weiter vor sich hin brummte. "Gibt einfach mein Mädchen diesem Elb zum Waffenbruder..."

Wie vor jeder Mission stand das kleine Abschiedsritual der Ifrey. Das Clanmitglied, das ging, mußte sich den Segen des Oberhaupts holen, ehe er aufbrach. Asani kniete sich vor Maja und Goleyn nieder und senkte ihr Haupt. Flüsternd sprach sie die üblichen Abschiedsworte der Ifreys: "Mutter, mein Weg führt mich fort von Euch. Haltet die schützende Hand über mich, auf daß ich im Leben zu Euch zurückfinde und im Tode zu meinen Ahnen."

Maja antwortete nicht wie gewöhnlich, sondern sagte mit erhobenen Zeigefinger: "Gehorche dem König, Asani. Mach unserem Clan keine Schande."

"Zu spät", murmelte der Herzog mit einem finsteren Blick auf Legolas, der immer noch geduldig wartete.

Asani unterdessen nahm Majas kleine dünne Hand und küßte diese ehrfürchtig. "Nein, Maja, das werde ich nicht. Ich werde mein bestes geben."

Maja lächelte zufrieden und legte dann ihre Hand auf Asanis Haupt. "Kehre zu uns Ifreys zurück, Asani."

"Danke", flüsterte Asani und erhob sich, als Maja ihre Hand zurückzog. Aber Asani griff noch einmal nach Majas Hand und küßte sie ein letztes Mal. Dann küßte sie auch Goleyns Hand und umarmte ihre Vater zum Abschied.

"Komm in einem Stück zurück", brummte ihr Vater und drückte sie fest an sich. "Sonst schneide ich dir die Ohren ab."

"Ich glaube nicht, daß es dann noch etwas zum Abschneiden gibt", erwiderte sie grinsend. Aber statt sie wegen ihrer Frechheit zu ermahnen, hielt er seine Tochter nur noch enger umschlungen. Etwas sagte ihm, daß dieses Gör diese Reise nicht überleben würde. Jemand anderes würde zu ihm zurückkehren. Zwar würde sie immer noch seine Tochter sein, aber eben nicht dieses kleine Mädchen hier. Sein Blick wanderte über ihre Schulter hinweg zu diesem Elbenprinzen. Und diese halbe Portion einer halben Portion würde daran schuld sein.

Schicksal, hatte Goleyn gesagt. Yuk lächelte wehmütig in das Haar seiner Tochter. Das Schicksal konnte zuweilen sehr grausam sein. Aber leider war sogar er machtlos. Zögernd gab er seine Tochter frei. "Wenn nicht deine, dann seine."

"Das will ich sehen." Lachend machte sie sich auf den Weg zu ihrem Pferd. Mit einem eleganten Satz schwang sie sich in den Sattel und drückte dem Tier leicht ihre Fersen in seinen Bauch, damit es sich bewegte. Legolas nickte den Ifreys lächelnd zu, ehe er Asani folgte.

Der Herzog atmete tief ein und ging langsam einige Schritte in Richtung Tor, um Asani fort reiten zu sehen. Er erlaubte sich weder ein Lächeln noch ein Träne, als er sich im Stillen von dem kleinen Mädchen verabschiedete.

Ende des 11. Kapitel

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Lalala, ich habe wieder Kekse...und Schokolade...und Chips...und natriumarmes Mineralwasser ohne Kohlensäure ^o^